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Hanau Kesselstadt

 

 

Kesselstadt  (siehe auch Datei „Hanau West“)

 

Vorgeschichte:

Die Kesselstädter Gemarkung weist in vorgeschichtlicher Zeit  eine relativ dichte Besiedlung auf. Neben den etwa 6000 Jahre alten Funden aus jungsteinzeitlichen Siedlungen der bandkeramischen Kultur („Salisberg“ und „An der Lachebrücke“) sind bekannt urnenfelderzeitliche (Beethovenplatz, Salisweg, Gutzkowstraße, Hopfengarten, Wilhelmsbad) hallstattzeitliche (Salisberg, Wilhelmsbad) und latènezeitliche  (Salisberg, Weihergraben, Weststadt) Grab- und Siedlungsfunde.

Im Zuge einer Ortssanierung führten Ausgrabungen des Hanauer Geschichtsvereins 1985 östlich der Kirche u.a. zur Entdeckung einer frühlatènezeitlichen Siedlung. Unter dem ehemaligen Chor fand sich außerdem ein karolingisches Grubenhaus, das in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts aufgegeben und verfüllt wurde. Ungebrannte Webgewichte weisen zusammen mit anderen Funden auf den profanen Charakter dieses Funktionsbaus hin. Die frühesten geborgenen Funde der mittelalterlichen Siedlung, von der wir freilich außer dem Grubenhaus, einigen Pfostenlöchern und verlagerten Keramikscherben keine weiteren Belege kennen, sind kaum vor das 8. Jahrhundert zu datieren.

 

Römerzeit:

Am Ende des 1. Jahrhunderts errichteten römische Truppen am östlichen Rand der Wetterau Militärstützpunkte, die mit gut ausgebauten Straßen verbunden wurden. In unserer Nähe befanden sich solche Kastelle in Heldenbergen und Kesselstadt, später auch in Altenstadt, Marköbel, Rückingen und Großkrotzenburg, wo der Limes den Main erreichte. Der Fluß bildete im 2. und 3. Jahrhundert bis in die Nähe von Miltenberg die römische Staatsgrenze.

Nach einigen Einzelfunden, die bereits am Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu Recht auf eine römische Anlage auf dem Salisberg zurückgeführt wurden, hat man 1847/48 beim Bau der Eisenbahn ein römisches Gräberfeld entdeckt. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden südlich des heutigen Köppelweges Gebäudereste ausgegraben, die man damals noch für Teile eines römischen Gutshofes (villa rustica). Im heutigen Ortskern von Kesselstadt entdeckte Georg Wolff 1886 ein großes Steinkastell und im Bereich rund um den „Hopfengarten“ und die heutige Castellstraße wurden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Grabfunde eines weiteren römischen Gräberfeldes aufgedeckt.

 

Im Stadtgebiet Hanaus befinden sich zwei in Größe und Funktion verschiedene Militärstützpunkte, welche die strategisch außerordentlich wichtige Position des Mainknies an der Nahtstelle zwischen dem Ostwetteraulimes und der nassen Maingrenze unterstreichen. Von besonderer Bedeutung war neben einem Straßenknotenpunkt und der Mainbrücke sicher der Fluß selbst, der als schiffbarer Wasserweg die Versorgung und Unterstützung der in der Wetterau und im Hinterland des Mains operierenden Truppen von der Legionsbasis Mogontiacum-Mainz aus sicherstellte und erheblich beschleunigte. Aufgrund ähnlicher Überlegungen hat man schon um die Mitte des 19. Jahrhundert nach Kastellen gesucht.

Kastell Kesselstadt 1886 wurde von G. Wolff das große Kesselstadter Steinkastell östlich des Schlosses Philippsruhe entdeckt und sein Grundriß 1887 und 1896 im Auftrag der Reichslimeskommission erforscht. Ausgrabungen 1976 ergaben weitere wichtige Anhaltspunkte.

Das 375 Meter lange Kastell liegt auf der hochwasserfreien Mainterrasse, wobei die Seitenerosion des Prallhanges die Südost-Flanke in nachrömische Zeit abgerissen hat. Aufgrund der verschobenen Prinzipalachse dürfte die Anlage nach Nordosten zur Kinzig hin orientiert gewesen sein. Unserer heutigen Kenntnis nach war das Kastell von Anfang an in Stein errichtet. Die auf einem 2,2 Meter breiten Fundament ruhende Wehrmauer bestand aus mächtigen Basaltbruchsteinen, die aus den nahegelegenen Wilhelmsbader Steinbrüchen stammen dürften. Das nördliche Kastelltor (porta principalis sinistra) mit zwei über die Mauerfront vorspringenden Türmen wurde vollständig freigelegt. Die Torstellen im Nordosten und Südwesten sind durch kleinere Sondagen lokalisiert.

Die Kastellmauer war in Abständen von rund 44 Meter mit Zwischentürmen (3 x 5 Meter) bestückt; sie sprangen nicht wie die Tortürme über die Wehrmauer vor. Die 6 ausgegrabenen Zwischen- und Ecktürme erlauben – einen regulären Grundriß vorausgesetzt -eine vollständige Rekonstruktion des Lagers, das danach zusätzlich zu den 4 Toranlagen und 4 Ecktürmen mit 22 Mauertürmen befestigt war. Im Innern des Kastells begleitet eine aufgeschotterte Straße (via sagularis) die Wehrmauer; Spuren der zwei Hauptlagerstraßen sind dagegen nicht festgestellt worden. Der Kastellmauer waren zwei parallele Spitzgräben als Annäherungshindernis vorgelagert, die jedoch nicht um das ganze Lager, sondern nur an der Vorderfront und wahrscheinlich auch der östlichen Hälfte der Nordwest-Flanke ausgehoben wurden.

Dieser ungewöhnliche Befund sowie das volltändige Fehlen von Bebauungsspuren und Funden im Lagerinnern haben den schon früher geäußerten Verdacht bestätigt, daß der Platz nie mit regulären Truppen besetzt war, sondern schon während der Bauarbeiten oder zumindest nach Fertigstellung der Kastellmauer aufgegeben wurde. Auch die außergewöhnliche Größe von mindestens 14 Hektar und das dahinter stehende strategische Ziel verlangen eine besondere Erklärung. Es handelt sich nämlich um das größte Kastell am obergermanischen Limes überhaupt, einzig übertroffen von den Legionslagern am Rhein. Nach seiner ausgewählten Lage am Mainufer möchte man weniger an eine Garnison größerer Truppenkontingente als eher an einen Depot- und Umschlagplatz für Versorgungsgüter denken. In jedem Fall aber konnte nur ein schwerwiegendes Ereignis die römische Heeresleitung bewogen haben, diesen wichtigen Platz aufzugeben: Nach heutiger Forschungsmeinung kommt nur die Zeit nach den Chattenkriegen des Kaiser Domitian in Frage, wobei der Aufstand des Mainzer Legaten L. Antonius Saturninus im Winter 88/89 und der anschließende Strategiewandel in der Sicherung der eroberten Gebiete Anlaß gewesen sein könnten, das praktisch bezugsfertige Kastell zu räumen.

 

Bereits 1845 und später wieder 1875 konnten auf der Steinheimer Mainspitze die Reste römischer Gebäude freigelegt werden. Zwischen 1961 und 1965 grub der Steinheimer Heimatforscher Karl Kirstein erneut in dieser Siedlung. Eine 1886 etwas oberhalb der Kinzigmündung bei Baggerarbeiten entdeckte römische Mainbrücke verband beide Seiten des Flußufers, also die beiden römischen Ansiedlungen in Steinheim und Kesselstadt. Ihre Ausbaggerung führte zur Auffindung zahlreicher Gebrauchsgüter ans dem 1.-3. Jahrhundert n. Chr. Haupterwerbsquelle der Bewohner dieser Ansiedlung, die offenbar bis zum endgültigen Fall des Limes bestand, dürfte die Verarbeitung des Steinheimer Basaltes zu Werksteinen und Gebrauchsgerät gewesen sein. Auch auf der Steinheimer Seite konnte ein kleines Badegebäude ausgegraben werden, das sich etwa 50 Meter östlich eines großen Hallenbaus von 45,5 x 18,6 Meter  Ausdehnung befand.

 

Das 1913 bei der Anlage des heutigen Friedhofes am Baumweg entdeckte römische Bad vor und nach dem Ersten Weltkrieg durch Georg Wolff ausgegraben. Schon in den Jahren 1913 bis 1918 wurde die von Georg Wolff entdeckte römische Badeanlage ausgegraben. Das römische Badewesen war hoch entwickelt. Es gibt keine römische Stadt und kein Dorf ohne Badeanlagen. Auf dem Friedhof am Baumweg und in der kleineren Anlage auf dem Salisberg gibt es zwei kurz hintereinander gebaute Badeanlagen aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert. Ausweislich der geborgenen Ziegel wurde das Bad um 92 n. Chr. errichtet und mußte noch vor der Wende zum 2. Jahrhundert nach einem Brand erneuert werden. Ein Denar des Alexander Severus aus den Jahren 222-228 n. Chr.) wurde mit anderen Funden aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts in einer Kellerverfüllung unter den Fundamenten des Bades entdeckt. Die Münze datiert die Errichtung des Bades in die Zeit der Alamannenkriege.

Am Salisberg finden sich Umkleidehallen, Räume mit Wannen für kaltes Wasser (frigidarium), lauwarmes Wasser (tepidarium) und heißes Wasser (caldarium) sowie saunaähnliche Räume (sudatorium). Man begann den Badevorgang in den warmen Räumen und beendete ihn in den Kalträumen. Manchmal war den Bädern ein Sportplatz angegliedert und auch für Massageräume und ärztliche Behandlung war gesorgt. Neben ihrer medizinischen Wirkung kam solchen Thermen auch die Funktion eines Freizeitzentrums zu.

Dabei wurden die Reste eines älteren, nur wenige Jahre benutzen und dann zerstörten Badegebäudes aus den letzten Jahren des 1. Jahrhunderts gefunden. Um 97 n.Chr. errichtete man an dieser Stelle einen großen, mindestens 43 Meter langen Thermenkomplex, von dem zahlreiche unbeheizte und hypokaustierte Räume freigelegt werden konnten. Wandverputzstücke mit figürlicher Bemalung in rot, grün und blau belegen, daß zumindest einer der zentralen Räume farbig ausgestaltet war. Die letzte Konservierung der Grundmauern dieser Badeanlage konnte erst 1989 abgeschlossen werden.

In den Jahren 1931-1935 folgten umfangreiche archäologische Untersuchungen unter der Leitung von Heinrich Ricken, in deren Verlauf im Bereich der damaligen Brauerei Kaiser (östlich der Straße Salisweg) die Südostecke eines schon lange gesuchten römischen Kastells ermittelt wurde. Ricken grub wie schon zuvor Wolff auch Teile der westlich und südlich des Kastells liegenden Zivilsiedlung aus. Leider sind uns von seinen Grabungen keine Pläne überliefert.

Neben einigen Notbergungen nach dem Zweiten Weltkrieg durch Hugo Birkner und Hans Kroegel konnte der Hanauer Geschichtsverein erst wieder 1978/79 und 1986 im Zuge der Bebauung der Gutzkowstraße größere Untersuchungen auf dem „Salisberg“ durchführen, bei denen neben vorgeschichtlichen Funden Teile der römischen Zivilsiedlung entdeckt wurden. Auch anläßlich der dringend notwendig gewordenen Restaurierung der römischen Fundamente des Bades im heutigen Friedhof wurde von 1988-1990 durch Sabine Wolfram eine archäologische Nachuntersuchung durchgeführt.

 

Das Kastellbad wurde 1913 auf dem Gelände des alten Kesselstadter Friedhofes am Baumweg angeschnitten und vom Entdecker G. Wolff 1914 und 1919 nahezu vollständig untersucht. Die Grundmauern des Gebäudes wurden konserviert und sind sichtbar. Die Ausgrabungen ergaben die Baureste eines älteren und eines jüngeren Badegebäudes, wobei von dem älteren Bad nur ein 5 x 6 Meter großer, hypokaustierter Raum (Raum J, caldarium) freigelegt werden konnte.

Der Bau des 43 Meter langen jüngeren Bades dagegen entspricht in Größe und Typus den bekannten Militärbädern am Limes. Man betrat das Gebäude von der Straße her im Südwesten oder Süden, wo ein hölzerner Anbau mit dem Auskleideraum gelegen haben mag, der allerdings nicht erfaßt wurde. In der Süd-Ecke des Kaltbades (frigidarium, A) wurden Baureste eines kleinen Kaltwasserbeckens (piscina) gefunden, dessen Abwasser kanalisiert und durch einen Mauerdurchbruch in der Südost-Wand ins Freie abfloß. Raum B besaß eine Unterfußbodenheizung, die von einem Schürkanal zu beschicken war. Er mag als zusätzliches Laubad (tepidarium) oder »vielleicht als Reserve für den Fall gedient haben, daß das Hauptpräfurnium und die großen Säle C und D nicht in Betrieb waren« (E. Fabricius).

Das eigentliche Laubad (tepidarium, C) ist durch drei Mauerschlitze mit der Hypokaustheizung des Warmbades (caldarium, D) verbunden, konnte aber zusätzlich noch vom Präfurnium beheizt werden, vor allen Dingen wohl um das im Anbau C installierte Wasserbecken zu temperieren. Das caldarium (D) gliedert sich in eine zentrale Halle, zwei einander gegenüberliegende, unterschiedlich große Apsiden, in denen die Becken (labra) für Waschungen gestanden haben mögen, und einen rechteckigen Raumvorsprung am Kopf des Gebäudes, in dem das Heißwasserbassin lag. Sein Gewicht trugen vier massive Sockelmauern, zwischen denen der von einem nach Nordwesten offenen Schuppen (E) aus bediente Hauptschürkanal in das Hypokaust mündete. Rote, grüne und blaue Wandverputzbruchstücke beweisen, daß zumindest das caldarium als zentraler Raum des Bades farbig ausgemalt war.

Über die bauliche Entwicklung und über die Zeitstellung der Badeanlagen geben die mehr als 250 Stempel der 14., 21. und 22. Legion Auskunft, die auf den Ziegeln der Hypokaustpfeiler, der Schürkanäle und verschiedener Reparatureinbauten angebracht waren. Danach muß das ältere Bad unter Raum A - und damit auch das erste Holzkastell auf dem Salisberg - in der Zeit um 92 entstanden sein, bald gefolgt von dem Neubau der 2. Badeanlage (95-100 nChr). Die wenigen Ziegelstempel jüngerer Zeitstellung deuten darauf hin, daß die gesamte Anlage im ersten Jahrzehnt des 2. Jahrhundert abgebrochen wurde; Ziegelstempel aus dem Bad fanden sich immer wieder im Bereich der späteren Zivilsiedlung.

Aus der bescheidenen Größe des älteren, möglicherweise provisorischen Bades und dem erheblich vergrößerten Thermenneubau hat man auch auf eine Erweiterung des Kastells geschlossen und vermutet, daß zuletzt sogar eine Kohorte bis zur endgültigen Fixierung der äußeren Limeslinie im Salisberg-Kastell stationiert gewesen sein könnte.

Insbesondere südlich des Lagerareals gibt es Spuren einer wohl gleichzeitig mit dem Kastell entstandenen kleinen Zivilsiedlung, die auch nach Abzug der Truppen bestehen blieb. Zu ihr dürften die Gräbergruppen am Salisbach gehören. Besser bekannt ist ein größerer, schon 1880 und 1887 ausgegrabener Steinbaukomplex mit einem ummauerten Hofbezirk, der als Gutshof (villa rustica) angesprochen wurde, aber in Anbetracht seiner Lage zur Römerstraße und Mainbrücke eher als Straßen- und Raststation gedeutet werden könnte, zumal auch der Grundrißtyp keineswegs dem eines ländlichen Gehöfts entspricht.    

 

Doch erst Ende des Jahrhunderts war man fähig, eine größere zusammenhängende Fläche der ehemaligen römischen Zivilsiedlung - „vicus“ genannt - aufzudecken. Auf Hanauer Boden lag durchaus keine der bedeutenden Stätten römischer Geschichte. Keine einzige der antiken literarischen Quellen nennt irgendwelche Ereignisse aus unserem Raum. Und nirgends taucht bisher der römische Name unserer Ansiedlung auf dem Salisberg auf. Doch das Gelände am Salisberg ist mit 14 Hektar vermutlich eines der größtes Römerlager neben Köln.

Die römischen Militäranlagen auf dem Salisberg gehörten am Ende des 1. und Anfang des 2. Jahrhunderts zu den östlichen Sicherungsanlagen von Wetterau und Rhein-Main-Gebiet. Bislang ist jedoch noch nicht eindeutig geklärt, wann es errichtet wurde und ob es jemals mit römischen Truppen belegt wurde. Einige Hinweise deuten eher darauf hin, daß der Standort noch während des Baus der Anlage wieder aufgegeben werden mußte.

Die nach der Aufgabe des Kesselstädter Kastells nach wie vor strategisch wichtige Überwachung am Hanauer Mainknie übernahm anschließend das erheblich kleinere und vergleichsweise schwach befestigte Holzkastell jenseits der „Lache“ auf dem Salisberg, einer schmalen, weit in die versumpfte Kinzigniederung hineinragenden Geländezunge. Die aus nördlicher Richtung (Heldenbergen) kommende spätdomitianische Grenzstraße überquerte rund 250 Meter oberhalb der Kinzigmündung den Main, wo anläßlich der Flußregulierung 1886 und beim Bau einer Werft im Jahre 1893 die Pfeilerunterkonstruktionen einer römische Holzbrücke, Pioniergerät und andere Militärfunde sowie über 70 Münzen, die als Opfergaben in den Fluß gelangten, ausgebaggert wurden.

Diese Straße bildete gewiß auch eine Achse des Holzkastells auf dem Salisberg, von dem wir infolge der dichten Oberbauung nur ein 70 Meter langes Teilstück der Umwehrung mit einer 7,8 Meter breiten Torunterbrechung des Spitzgrabens durch Ausgrabungen von 1929 kennen. Ausdehnung und Größe dieses anscheinend nie in Stein ausgebauten Lagers konnten seinerzeit nicht festgestellt werden, wohl aber das zugehörige Kastellbad.

Auf dem Salisberg standen jedoch nacheinander mindestens zwei Kohortenkastelle - Kasernen für etwa 500 Soldaten. Zu der Militäranlage gehörte auch ein größeres Badegebäude, dessen Fundamente 1913 im heutigen Friedhof gefunden wurden. Wohl noch zu Beginn des 2. Jahrhunderts, spätestens aber in der Regierungszeit Kaiser Hadrians, scheint das Militär abgezogen zu sein. Wohin die bisher unbekannte Einheit verlegt wurde, wissen wir nicht.

 

Eine anscheinend recht ausgedehnte Zivilsiedlung erstreckte sich südlich, westlich und vielleicht auch östlich des Kastells. Hier standen die Gaststätten, Wohnhäuser und Geschäfte der Handwerker, Gewerbetreibenden, Kaufleute und vielleicht auch von Landwirten, Fischern und Schiffahrern. Der „vicus“ vom Salisberg bestand auch nach Aufgabe der militärischen Anlagen weiter. Wann er endgültig aufgegeben wurde, ist momentan noch nicht bekannt. Etwa 200 Meter südlich der Siedlungsstelle fand sich in einer ehemaligen Sandgrube das zugehörige Gräberfeld (Archäologische Denkmale, Seite 175 und 177).

Der Plan der Siedlung ist der Schlüssel für das Verständnis der Ausgrabungen. Römische Häuserzeilen, Latrinen, Brunnen sind eingezeichnet. Man weiß, in welcher Richtung man weitergraben müßte, um mehr zu finden. Auf dem Salisberg gab es mehr als 4200 Jahre Leben. Man fand Funde aus der Spätjungsteinzeit (etwa 2200 v. Chr.), Bronzezeit (1000 v. Chr.) und von keltischer Besiedlung (vorrömisch). Von den Römern blieben Spiele, Lederwaren, Meßgeräte, massenhaft Gefäße, komplette Skelette (aus Brunnen geborgen) von Hase, Huhn, Katze, um nur einiges zu nennen.

 

Daß sich in unmittelbarer Nähe des Kastells eine Siedlung befunden haben müßte, hatten schon frühere Generationen vermutet. Sie haben auf dem ehemals als Acker genutzten Dreieck am Salisweg und Köppelweg gegraben. Da sei „nichts Nennenswertes“ zu finden, lautete ihr Urteil. Heute weiß man warum. Sämtliche 30 Grabungsschnitte lagen neben den römischen Befunden.

Bei Ausgrabungen in den Jahren 1992 bis 1997 wurde das Dreieck erneut untersucht. Es war gesättigt mit Steinen und Gebeinen, Werkzeugen und Hausrat, Waffen und Geschmeide, Speiseresten und Gewürzen, Kultgegenständen. Die pflanzlichen Reste wurden untersucht - beispielsweise aufoxydierten Dinkel, Käferreste, Engerlinge. Hier wird der erste Nachweis geführt, daß die Römer mit ihrem Korn gleich die „Schädlinge“ mitbrachten. Die inzwischen aufbereiteten Fundstücke - nur ein Teil der Gesamtmasse von mehr als einer halben Million - wurden 1998 in einer Sonderausstellung im Hanauer Schloß Philippsruhe unter dem Titel „Die Römer an der Kinzig“ gezeigt.

 

Von 1992 an veranlaßte die geplante Überbauung eines großen Teiles des südlich vom Salisweg liegenden römischen vicus den Geschichtsverein zu weiteren Ausgrabungen. Am 23. Juli 1996 entdeckte man einen tönernen Henkelkrug mit 487 und einer halben Silbermünze. Die Archäologen bargen zunächst nur den Krug. Den wertvollen Inhalt entdeckten sie erst einige Tage später, als der Fund getrocknet war und die ersten Tonscherben abbröckelten. Im Frankfurter Museum für Vor- und Frühgeschichte wurde der Fund geröngt. Eine Museumspraktikantin erfaßte die Lage jeder Münze. Allein eine zeitliche Ordnung oder Unordnung der Münzen könnte dabei ein Indiz sein. Liegen unten jüngere, oben ältere Münzen, handelt es sich um eine Art Sparstrumpf, um eine Haushaltskasse. Sind die Silberlinge und Geldstücke aus Kupferkern mit Silberlegierung vom Alter her bunt gemischt, so hat der Besitzer sie möglicherweise ganz schnell zusammengerafft, um sie zu verstecken. Vielleicht, weil die Germanen im Anzug waren?

Nach den ersten Erkenntnissen handelt es sich um Denare aus der Zeit zwischen dem ersten Jahrhundert vor Christus (Römische Republik) bis in die Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus (Kaiserreich). Unter den Exemplaren befinden sich außerdem einige „Fälschungen“ - gemeint sind damit Silbermünzen, die mit einem Kupferkern versehen sind. Das war damals keine Seltenheit, denn oft wurde das Edelmetall bei der Prägung gestreckt.

Zwanzig Monate hätte ein römischer Soldat für das Geld arbeiten müssen. Gemessen an dem heutigen Geldwert stellt der Fund vom Salisberg ein römisches Vermögen dar, denn das Geld muß wohl über mehrere Jahre hinweg gespart worden sein. Auf dem Krug wurde die Inschrift „Atti“ entdeckt. Es könnte durchaus sein, daß ein Mann namens „Attus“ den Krug einmal besessen hat.

Weshalb in dem Krug auch Getreidekörner lagen, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Es könnte sein, daß damit die Feuchtigkeit von den Münzen ferngehalten werden sollte - oder aber das Getreide wurde genutzt, um den Schatz zu verstecken. Der Grünspan von den oxidierten Münzen hielt die Kleinstlebewesen davon ab, die Getreidekörner im Krug zu vernichten. Aus den gefundenen Spuren von Dinkel schließt sie, daß die Römer, im Gegensatz zu Kelten, diese Getreideart bevorzugten. Sie war anspruchslos und brachte große Erträge. Das war wichtig, um die großen Heere zu sättigen. Den Fund von Käfern und Mottenraupen war sensationell. Möglicherweise sei dies der Beweis dafür, daß die Römer die Vorratschädlinge in die hiesige Region einschleppten. Sollten die Körner für Trockenheit sorgen oder das Geklimper der Münzen dämpfen?

„Das ist ein beispielhafter Fund, den es in Hessen so noch nicht gegeben hat“, meinte Dr. David Wigg, der Münzkundler der Goethe-Universität, der den Schatz seit August untersucht. Einen ähnlichen Fall gibt es nur in der Schweiz. Das ist der zweite Schatz dieser Art, der so sorgfältig ausgegraben wurde und präpariert werden kann.

Die zweite Sensation ist die im vergangenen Sommer gefundene Schreibtafel mit einer Inschrift vom 5. April des Jahres 130 nach Christus. „Das ist die älteste handschriftliche Urkunde in Deutschland, Tinte auf Holz“, sagt Peter Jüngling. Der jüngste Stolz der Hanauer Archäologen konnte der Presse aber noch nicht präsentiert werden: Es handelt sich angeblich um die älteste mit Tinte geschriebene Quittung. Weil auch damals zum Quittieren das Datum dazugehörte, weiß man genau, daß das am Saliskastell gefundene Täfelchen am 5. April 130 n.Chr. ausgestellt wurde. Der sensationelle Fund befindet sich zur Zeit im Römisch- Germanischen Zentralmuseum Mainz. Im Verkehrsamt trägt man sich aber mit der Hoffnung, daß die antike Quittung wieder den Weg zurück nach Hanau finden wird.

 

Dorf:

Das unterhalb der jetzigen Kinzigmündung am Main gelegene alte Kesselstadt ist auf den Trümmern „des größten aller regelmäßig angelegten Limeskastelle“ entstanden und hat von daher seinen Namen. Im Jahre 1059 nennt eine Schenkungsurkunde Kaiser Heinrichs IV. für ein Mainzer Kloster erstmals eine Siedlung „Chezsilstat“. Im Jahre 1907 wurde der Ort nach Hanau eingemeindet.

Kesselstadt wurde im Krieg nicht zerstört. Es zeigt ein buntes Nebeneinander von Wohnbauten verschiedener Zeitepochen. An der Philippsruher Allee, die das ursprünglich an der Kinzig liegende Hanau seit dem 18. Jahrhundert städtebaulich mit dem Main und Kesselstadt verband, sind bemerkenswert der schlanke Wasserturm für Schloß Philippsruhe und das heutige Olof-Palme-Haus.

 

Salisberg:

Rechts hinter dem Westbahnhof kommt man in die kleine Straße „Schöne Aussicht“. Über eine Brücke kommt man zu den „Kaiserteichen“, wo die Brauerei Kaiser früher im Winter das Eis für ihre Bierkeller gewann. Man fährt durch die Gärten und  sieht rechts einen Hügel das Gelände der früheren Brauerei Kaiser. Ein Gedenkstein an der Ecke Salisweg/ Köppelweges  erinnert an das Zwangsarbeiterlager „Schöne Aussicht,  das sich von 1942 bis 1945 auf dem Gelände der Brauerei Kaiser befand und in dem rund 1.000 Zwangsarbeiter wohnen mußten.

Am Salisberg wurden mehrere Funde aus der Römerzeit gemacht (siehe Datei „Kesselstadt“)

 

Die „Gutzkowstraße“ (am Salisberg) ist benannt nach Karl Gutzkow, Dramatiker und Romanschriftsteller und hervorragender Vertreter des „Jungen Deutschland“ (1811 bis 1878). Er verlebte drei schöne und bedeutungsvolle Jahre (1866 bis 1869) in dem Häuschen an der Philippsruher Allee (heute Hintergasse Nr. 1), heute noch „Gutzkow-Häuschen“ genannt. Er erholte sich in dieser Zeit von einer schweren seelischen Erkrankung. Von hier siedelte er, körperlich und geistig gesundet, nach Bregenz am Bodensee über. Während seines Aufenthaltes in Kesselstadt, in dem lieblichen Häuschen mit dem schönen Garten und dem einzigartigen Ausblick auf Main und Vorspessart, vollendete er seinen Roman „Hohenschwangau“ (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 445).

Im Gutzkow-Häuschen wohnte zu Anfang des 20. Jahrhunderts der so früh verstorbene Lehrer-Dichter Karl Engelhard. Seine bekanntesten Werke sind: Die Eddischen Lieder „Heilwag“, „Kattenloh“, Sagengedichte, das Sagenwerk „Nornengast“, das eddische Mysterium „Hamarsheim“, das Festspiel „Pestalozzis Liebe“ u. a. m.

 

 

Die Hellerbrücke wurde 1716 über die Kinzig kurz vor ihrer Mündung in den Main gebaut und erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erneuert. Da die Benutzung früher ein Heller kostete, nannte man die Brücke „Hellerbrücke“. Noch im Anfang des 19. Jahrhunderts mußte hier ein Heller Brückengeld gezahlt werden. Kurz vor der Mündung der Kinzig in den Main war ein breiter Wasserfall.

Die nächste Brücke auf der Philippsruher Allee ist die Flutbrücke. An der Abdeckung der Flutbrücke sind die Schleifspuren der Leinen zu erkennen, mit denen die Pferde die Schiffe gezogen haben.

Die ehemalige Pumpstation wurde zeitweise als Kulturzentrum genutzt. An der Straße steht der alte Wasserturm, der 1878 erbaut wurde, um den Springbrunnen vor dem Schloß betreiben zu können. Auf der anderen Seite stehen zwei Säulen, die (in deutscher und lateinischer Sprache) an den Erbauer der Philippsruher Allee erinnern.

 

 

Olof-Palme-Haus

Das Olof-Palme-Haus, wie es heute als prächtige Villa die Philippsruher Allee an der Ecke zur Pfarrer-Hufnagel-Straße in Hanau schmückt, wurde 1654 als adliges Anwesen im barocken Stil von Johann von Sauter erbaut. Vorher stand auf dem Gelände eines der drei Kesselstädter Hofgüter, das im 30-jährigen Krieg zerstört worden war.

Im Jahre 1711 erwarb Philipp Christoph Fabricii das Anwesen, dessen Grundriß 1730 erstmals im Plan des Dorfes Kesselstadt dargestellt wurde. 1767 tauchte in der Hanauer „Europäischen Zeitung“ dann eine Anzeige auf, in der das Grundstück ausführlich beschrieben und zur Versteigerung angeboten wurde. Wer den Zuschlag bekam, ist allerdings nicht bekannt;  ebenso wenig, wer in den folgenden rund 30 Jahren die Besitzer des Hauses waren.

Die ersten Besitzer des heutigen Olof-Palme-Hauses müssen feine Herrschaften gewesen sein. Bereits 1654, als die barocke Prachtvilla an der Philippsruher Allee errichtet wurde, ließen sie eine Toilette einbauen - ein Luxus, den sich damals meist nur die Bewohner von Schlössern und Burgen leisten konnten. Der Förderverein des Olof-Palme-Hauses machte den unerwarteten Fund bei der Renovierung des „Gelben Salons“ im ersten Stock. Hinter einer Wand stießen die Arbeiter auf eine Nische im Mauerwerk. Wegen des Rundbogens, der sich über den Hohlraum rankt, dachten sie zunächst, einen Schrein für eine Marienfigur entdeckt zu haben.

Doch dann sahen die Handwerker das große Loch in der Mitte des Sockels. Ein Blick hinein offenbart ein Rohr mit einem Durchmesser von etwa 30 Zentimetern, das vom „Gelben Salon“ im ersten Stock, der früher wahrscheinlich der Schlafraum war, bis auf den Grund des Hauses reicht. Im 15. und 16. Jahrhundert etwa war es auf Schlössern und Burgen gängig gewesen, einen Erker direkt über dem Graben zu bauen, wohin die Notdurft „im freien Fall“ plumpste.

Ungewöhnlich ist im Olof-Palme-Haus auch die seitliche Öffnung, die nach etwa einem Meter in das Hauptrohr mündet und ins Freie führt. Man könnte sich vorstellen, daß es eine Art natürliche Regenwasserspülung war.

Das Haus war einst Sitz des Hanauer Adels. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts diente es als Wohnort des Juweliers Christ, ein in Amerika zu Geld gekommener Hanauer, der den alten Adelssitz im amerikanischen Südstaatenstil ausbauen ließ.

Einer der bekanntesten Eigentümer in der Geschichte des Hauses ist die Juweliersfamilie Christ, deren Reichtum und aufwendiger Lebensstil in Hanau für Aufsehen sorgten. Georg Christ, der in Amerika ein großes Vermögen erworben hatte, kaufte die Villa 1857, erweiterte sie um den Balkon auf der Mainseite und ließ den Dachgiebel verbreitern. Von ihm ist auch eine hübsche Anekdote überliefert, die der langjährige „Hausherr“ Erich Becker erzählt: Nach dem Tod seiner Frau ging Georg Christ erneut auf Brautschau. Da er selbst aber nicht mehr „taufrisch“ und „ansehnlich" gewesen sei, entschloß sich der reiche Herr zu einem originellen Trick: Er ließ einfach von seinem prächtigen Haus mehrere Bilder malen - und so für sich werben; es soll tatsächlich funktioniert haben ... Diese Gemälde sind übrigens bis heute in Schloß Philippsruhe erhalten.

Nach seinem Tod wechselte das Gebäude weitere drei Male die Besitzer.Dort wohnten die Industriellen Krebs (Klingsor Grammophone) und Kling (Holzfurniere). Nach 1945 ernannten die US-Kommandeure das Gebäude zum Amerikahaus.Es war Sitz der US-Militärregierung in Hanau wurde.

Die Amerikaner wußten, wo es schön ist in Hanau: Als sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach einem Sitz für ihre Militärregierung Ausschau hielten, fiel ihre Wahl auf die weiße Prachtvilla mit dem großen Garten an der Philippsruher Allee, die stets ein wenig an eine Kulisse aus „Vom Winde verweht“ erinnert. In einem rundum holzvertäfelten Raum im ersten Stock, dem späteren Zimmertheater, bezog der Stadtkommandant sein Büro.

Im Jahre 1955 wurde es wieder der kommunalen Verwaltung übergeben und näherte sich dann seiner heutigen Nutzung an und wurde als „Haus der Jugend“ der Allgemeinheit zugänglich. Bis in die späten 60er Jahre war das Gebäude Jugendbegegnungsstätte und -herberge.

Die Jugendherberge wurde 1955 eröffnet und 1962 wieder geschlossen. Danach betrieb die Stadt das Haus weiter als Jugendheim für Hanauer Gruppen. Vor allem die Discos waren bei jungen Leuten beliebt. So hat auch Michael Lilienthal das Haus kennen gelernt. Heute ist der Inhaber einer Firma für Audio- und Videosysteme in Maintal Vorsitzender des Fördervereins: „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß dieses Haus verkauft werden sollte.“

Die Wurzel des heutigen Nutzungskonzeptes eines kommunalen Kulturhauses reichen in die 70er Jahren zurück. Die Spielstätte brachte 1980 die rührige Laienspieltruppe „Hist(o)erisches Theater“ und 1986 das bissige Kabarett „Die Brennesseln“ hervor. Die Zahl der Ensembles hat sich bis heute mit „Diewas“ und „Hermann“, den beiden Frauentheatern, der Jugendtheatergruppe „Confulsion“ und dem „English Theater“ verdreifacht.

Im Jahre 1980 fand das erste Musikpicknick im Garten des Hauses statt. Bis heute hat sich am Konzept der Reihe so gut wie nichts geändert: Immer noch stehen Konzerte rund um den Jazz im Mittelpunkt, immer noch macht das Spielmobil „Augustin“ an diesen Sonntagen vor dem Haus Station, immer noch werden Büchern nach Gewicht verkauft. Nur die Besucherzahlen haben sich verändert: stetig nach oben, von 100 bis auf rund 1000.

Im Jahre 1987 wurde das Haus nach dem ein Jahr zuvor ermordeten schwedischen Premierminister Olof Palme benannt. Im Jahre  1995 wurde der Bau vor dem Verkauf gerettet und der Förderverein gegründet.

Zwei Millionen Mark waren für die Arbeiten veranschlagt. Dann aber, so Becker, sei der damalige Baudezernent Jürgen Dressler (SPD) kurz vor seinem Weggang aus Hanau auf die Idee gekommen, das Anwesen zu verkaufen. Und so gelangte das Haus auf eine Liste von Immobilien, der sich die Stadt entledigen wollte.

Mit der Reaktion in der Bevölkerung hatte indes keiner der Politiker gerechnet. Denn dort löste das Vorhaben einen Sturm der Entrüstung aus. Was folgte, war ein fast beispielloses Ringen, das Haus zu retten - mit ebenso beispiellosem Erfolg: Benefizveranstaltungen gab es, Auftritte im Parlament, Briefaktionen und vor allem zahllose Unterschriften von Bürgern, die sich für den Verbleib des Hauses in städtischem Besitz - und somit für die Öffentlichkeit einsetzten. Dieser „Berg von Unterschriften“ habe wohl letztlich den Ausschlag gegeben, mutmaßt Lilienthal, daß die damalige Oberbürgermeisterin  Margret  Härtel (CDU) 1995 öffentlich verkündete, das Haus werde nicht an Private verkauft.

In zähen Gesprächen erarbeiteten Förderverein und Politik anschließend eine außergewöhnliche Vereinbarung: Die Stadt saniert Fassade, Dach, Terrasse und Garten des Hauses (900000 Mark hat das gekostet), der Verein richtet das Innere her, kümmert sich um die Vermarktung und verpflichtet sich, die Betriebskosten auf Dauer zu tragen. Im Jahre 1999 hatte das Baudezernat seinen Part abgeschlossen, seitdem erstrahlt die Villa von außen wieder in altem Glanz. Der Förderverein, der auf Mitgliedsbeiträge und Spenden zurückgreifen muß, benötigt naturgemäß mehr Zeit. Bei den Arbeiten, für die bislang rund 150.000 Euro investiert wurden, helfen Ein-Euro-Jobber und Männer, die Sozialstunden ableisten, sowie der Sozialarbeiter Markus Alt, den der Förderverein für Akquise, Schriftverkehr und Handwerkliches in Vollzeit eingestellt hat.

Im Laufe der zehn Jahre seit seiner Gründung ist der Verein von anfangs 30 auf 180 Mitglieder gewachsen und hat in dieser Zeit auch einen Großteil der Räume saniert inklusive des Kellers, der in schlimmem Zustand war und heute als Kleinkunstbühne zu den schönsten Plätzen im Haus zählt. In anderen Geschossen trat bei den Bauarbeiten manch überraschender Fund zutage: Reste einer historischen Tapete fanden sich, ein wunderbares Deckengemälde sowie eine uralte Toilette, die nun hinter Glas als Schmuckstück der besonderen Art präsentiert wird. Während das Relikt früherer Zeiten nicht mehr benutzt werden darf, werden die Toiletten im Erdgeschoß derzeit neu gebaut. Als nächstes sollen das Foyer und die mächtige Treppe sowie der große Saal im Erdgeschoß renoviert werden.

„Wenn alles nach Plan läuft, sind wir Ende 2006 fertig“, sagt Lilienthal. Seine Arbeit ist damit längst nicht abgeschlossen. Denn er hat noch viele Pläne für das Olof-Palme-Haus: Neben den Weight-Watchers, etlichen Theatergruppen und den vielen Firmen, die regelmäßig Räume für ihre Veranstaltungen, Proben oder Seminare mieten, möchte er das Haus vor allem tagsüber stärker vermarkten: Zielgruppe sind all die Unternehmen und Gruppen, denen etwa der Congress Park zu groß, zu teuer oder zu unpersönlich ist. „Und wo sonst als bei uns findet man ein solches Ambiente“, sagt Lilienthal und lacht stolz über das ganze Gesicht.

Seit 1997 sanierter die Räume des Hauses, das weiter im Besitz der Stadt ist, und vermarktet sie an Gruppen und Firmen, die dort Seminare veranstalten.

Der Mai 1996 schien ein Schicksalsmonat zu werden. Das Haus war in einem desolaten Zustand, die Stadt sah sich gezwungen, einen großen Sanierungsplan aufzulegen. Die Instandsetzungskosten wurden auf mehr als eine Million Mark geschätzt, erinnert sich Michael Lilienthal, Vorsitzender des Fördervereins. Flugs gründete sich ein Förderverein und ging auf die Barrikaden. Das Haus steht jetzt im neuen Glanz da und wird demnächst wohl kostendeckend betrieben.

Nach harten Verhandlungen gaben der Magistrat und Oberbürgermeisterin Margret Härtel (CDU) dem Verlangen des Vereins nach. Die Renovierung oblag nun zum überwiegenden Teil dem Förderverein, der hierzu bislang allein rund 200.000 Mark an Materialkosten aufbrachte. Bis zum Jahr 2000 gab die Stadt einen jährlichen Betriebskostenzuschuß von 60.000 Mark, der seitdem um 20.000 Mark pro Jahr bis auf Null reduziert wird. Der Etat wird vom Förderverein selbstverwaltet, betont Lilienthal, nicht ohne hierfür die Rathausoberen zu loben.

Das Haus in barocker Architektur hat heute drei Aufführungsräume: den großen Saal, das Zimmertheater und den jüngst ausgebauten Gewölbekeller. Überdies gibt es noch einige Seminarräume, die an Unternehmen und Organisationen vermietet werden. Vereine können die Räumlichkeiten gegen eine Spende kostenlos nutzen. Es muß aber nicht immer Geld sein. Ein Arbeitseinsatz am Getränke- oder Kuchenstand bei einem der Open-Air-Jazz- Picknicks, zu denen oft mehrere Hundert Menschen in den parkähnlichen Garten kommen, wird ebenfalls gerne angenommen. Das Haus steht zudem mit einer anderen Hanauer Institution enger Beziehung- den Internationalen Amateurtheatertagen, die seit vielen Jahren im Herbst veranstaltet werden.

Im ersten Stock ist mittlerweile der „Blaue Salon“ - dem alte Tapetenreste seinen Namen gegeben haben - komplett hergerichtet, im benachbarten „Gelben Salon“ sind die Arbeiten derzeit in vollem Gange. In beide Zimmer werden demnächst die Bridgespieler Einzug halten, die bislang in der Stadthalle ihr Domizil hatten.

Im Flur zwischen „Blauem Salon“ und dem größten Raum im ersten Stock prangt schon jetzt ein prächtiges Deckengemälde, das gereinigt wurde und noch original restauriert werden soll. Den Vermerk „Hildebrandt Wiesbaden 1897“ hat der Förderverein dort gefunden - seitdem wird in der Landeshauptstadt nach einem Meister solchen Namens geforscht, der das Deckengemälde in besagtem Jahr vermutlich ausgebessert hat. Der Saal nebenan bekommt lediglich Schönheitskorrekturen: neue Vorhänge und ansehnlichere Lampen, während für das eigentliche Schmuckstück im Haus, das holzvertäfelte Kaminzimmer, zur Zeit noch das Geld fehlt.

Das Lesecafé im Erdgeschoß mit seiner großen Front zum Garten hin ist nun komplett ausgestattet: Es hat eine Theke mit allem nötigen Inventar bekommen, wodurch sich bei Veranstaltungen besser bewirten läßt. Das Haus ist von großen alten Bäumen und einer Grünfläche von ungefähr 7.000 Quadratmetern umgeben.

Auch von außen ist das Olof-Palme-Haus mittlerweile perfekt; die Stadt, die für die Sanierung von Fassade und Dach sowie für die Parkanlage zuständig ist, hat nach einiger Verzögerung zuletzt den Balkon restauriert und dabei den schönen Zierrat an Geländer und Säulen freigelegt. Einen kleinen Schreck gab es indessen noch: Das Holz in den Sockeln aller vier Säulen - die ja immerhin den gesamten Balkon stützen - war morsch und mußte ausgetauscht werden.

Das Olof-Palme-Haus feiert am 17. Juli 2005 gleich mehrere Jubiläen: Seit 50 Jahren ist die Villa an der Philippsruher Alle im Besitz der Stadt, seit 25 Jahren werden dort die Musikpicknicks veranstaltet und seit zehn Jahren schließlich gibt es den Förderverein, der das Haus vor dem Verfall - und so letztlich auch für die Öffentlichkeit - gerettet hat

 

Friedenskirche

Die Friedenskirche wurde 1904 anstelle der spätgotischen Vorgängerkirche erbaut. In die neue Kirche wurden der barocke Orgelprospekt, die Kanzel und der Taufstein von 1590 übernommen. Beeindruckend sind auch die aus dem Jahr 1964 stammenden Glasfenster von August Peukert.

Um oder bald nach 900 kann man mit einem ersten Sakralbau in Kesselstadt rechnen. Seine Kirche und ihr Rektor Konrad, „genannt Spigel“, werden erstmals in einer Mainzer Urkunde vom 22. November 1275 erwähnt. Da das Recht der Pfarrbesetzung zuerst (bis 1561) beim Kloster Limburg a. d. Hardt lag statt bei dem 1323 erwähnten „Herrn von Kezzelstad“ oder den benachbarten Oberherren, den Herren von Dorfelden und Hagenowe, darf man annehmen, daß die Errichtung des ältesten Kirchenbaues in Kesselstadt und seine Einbeziehung mit der dazugehörigen Gemeinde in die gesamte kirchliche Organisation unserer Gegend schon vor dem Aufkommen dieser Territorialherren anzusetzen ist.

Von 1340 an kommen die Herren von Kezzelstad in Urkunden nicht mehr vor. Dafür setzen ein Ritter Rudolf und seine „elich Wirtin“ 1353 „einem parrer von Kezzelstad und eime Capplan daselbes, der ihren altar besinget,“ je ein Achtel Korn aus. Sie hatten offenbar den Altar der heiligen Katharina gestiftet. Die Kirche wird jetzt ausdrücklich als Pfarrkirche bezeichnet.

Zu Kesselstadt gehörte bis 1720 das benachbarte Dörnigheim als Filial. Nach starkem Zerfall wurden 1471 Chor und Schiff der Kirche mit ihrem Dachreiter wiederhergestellt. Dabei beschwerte sich die ganze Gemeinde bei dem Grafen von Hanau, daß Dörnigheim sein Drittel zum Kirchbau nicht beisteuern wollte. Aber auch über seine eigenen Gemeindeglieder klagte der Vikar Friedrich Reuber 1537: „Se nemen eynem wol lieber, dann se eym etwas geben, wo se es nyt tun müssen“.

Infolge seiner offenen Lage zwischen den befestigten Städten Frankfurt und Hanau hatte Kesselstadt in den kriegerischen Auseinandersetzungen viel zu leiden. So wurde in dem Machtkampf zwischen dem Adel und der Stadt Frankfurt 1386-96 von Frankfurter Kriegsknechten die auf dem Lindenrain, dem alten Gerichtsort, stehende kleine Kirche ausgeraubt und arg beschädigt, Haus und Scheune des Kaplans verbrannt.

Bis zur Reformnation gehörte Kesselstadt zur Diözese des Erzbistums Mainz an. Offenbar infolge des Patronats des Klosters Limburg war Kesselstadt trotz seiner bereits evangelisch gewordenen Nachbarschaft bei einer 1549 von Mainz vorgenommenen Kirchenvisitation noch katholisch. Doch scheint unter dem Pfarrer Bernhard Voigt, der 1553 an der Pest starb, die Sache der Kirche sehr im Argen gelegen zu haben. So ist zu verstehen, daß das Kloster Limburg der Ernennung des im Januar 1554 in Wittenberg examinierten und zum Pfarrer ordinierten Rektors Konrad Cleß zustimmte. Cleß, ein gebürtiger Windecker, hatte schon 1545, also noch zu Luthers Zeit, in Wittenberg studiert und war dann nach einer Lehrtätigkeit an der von dem Schlüchterner Reformator Petrus Lotichius gegründeten Klosterschule von 1549 an in Hanau als Lehrer und Rektor tätig gewesen.

Während in Hanau unter Philipp Neunheller die Reformation in der den Schweizern nahestehenden Straßburger Form Eingang fand, ist die Verkündigung des Magisters Cleß infolge seiner Beziehungen zu Wittenberg wohl stärker von Luther her bestimmt gewesen. Für das seit 1552 in Hanau stärker eindringende konfessionalistisch verengte Luthertum konnte sich Cleß jedoch nicht erwärmen. Während seiner Amtszeit ging im Jahr 1561 das Recht der Pfarrbestellung durch Kauf auf die Hanauer Herrschaft über.

Schon bald nach seiner Übersiedlung nach Kesselstadt hatte Cleß auf den schlechten baulichen Zustand der für die etwa 200 Gemeindeglieder ohnedies zu klein gewordene Kirche hingewiesen. Erst 1581 konnte man nach vielem Betteln die Südseite des Kirchenschiffes weiter hinausrücken und dieses um etwa 13 Meter verlängern. Außerdem erhielt die Westseite einen Dachreiter, der ein Glöckchen trug. Leider wurden die Arbeiten - offenbar aus Mangel an Mitteln - denkbar schlecht ausgeführt.

Im dreißigjährigen Krieg hatte Kesselstadt viel zu leiden. Zuerst unter den Truppen des kaiserlichen Obersten von Witzleben (Dezember 1629 bis März 1630), dann 1633 unter den Truppen des schwedischen Heerführers Herzog Bernhard von Weimar, die auch die Kirche und die „Burg“ der Grafen von Hanau jämmerlich zurichteten, und schließlich während der Belagerung Hanaus 1635-38 durch General Lamboy, der sein Hauptquartier zunächst in und später bei Kesselstadt hatte.

Mit Hilfe von Kollekten der Nachbargemeinden wurden nach dem Kriege und auch später die gewaltigen Schäden wiederholt notdürftig behoben, bis man 1736/37 die Fundamente und das Mauerwerk zum Teil und das Dach ganz erneuerte. Außerdem wurde nun ein richtiger Turm an der Westseite errichtet. So blieb die Kirche, bis sie 1903 wegen Baufälligkeit abgetragen werden mußte. Die neue Friedenskirche wurde in den Jahren 1903 bis 1904 in gotischen Stilformen erbaut unter dem Architekten Heinrich Jasoy aus Stuttgart. An der Ostseite der Kirche steht ein alter Grabstein.

Da nach dem dreißigjährigen Krieg nur noch wenig Menschen in Kesselstadt wohnten, wurde der Friedhof westlich des Dorfes aufgegeben und der kleine Platz um die Kirche bis 1844 für Beerdigungen benutzt. Zahlreiche Gräber umgaben bereits den ersten Kirchenbau. Bestattet wurde auf diesem Friedhof bis 1839, dann war er zu klein geworden und mußte verlegt werden. Von den 134 zur Auswertung gelangten Grabbefunden sind nur 16 völlig ungestört. An zwei Stellen fanden sich auf engstem Raum Gruppen von Kindergräbern. Bemerkenswert sind eine ganze Reihe von Beigaben wie Trachtbestandteile, Werkzeuge, Tonpfeifen, Schmuck oder auch Münzen in den Gräbern, da die „heidnische“ Sitte der Mitgabe von persönlichen Gegenständen mit dem Aufkommen des Christentums weitgehend erloschen war.

Die anthropologische Untersuchung der menschlichen Skelettreste bietet trotz der in einem mittelalterlichen Friedhof naturgemäß sehr schwierigen Bearbeitungsbedingungen einen Oberblick über die ehemaligen Bewohner von Kesselstadt. Nicht unerwartet stellen wir eine sehr hohe Kindersterblichkeit und wesentlich geringere Lebenserwartung als heute fest. Erstaunlich ist die überdurchschnittliche Körpergröße der erwachsenen Bevölkerung, die sich nur wenige, von den heute üblichen Werten unterscheidet. Für diese vom Rahmen des Erwarteten abweichenden Ergebnisse werden vorwiegend ernährungsspezifische Gründe verantwortlich gemacht, die vor allem in eiweißhaltiger Nahrungsmittelversorgung (Fisch) zu suchen sein dürfte. Im gleichen Zusammenhang fallen einige Erkrankungsformen auf, die man mit dem modernen Begriff „Berufskrankheiten“ belegen möchte und die auf die Tätigkeit vieler Kesselstädter als Fischer zurückzuführen sein werden.

Pfarrer Friedrich Hufnagel (1884-1916) brachte Bewegung in das Leben der Gemeinde. Der Gründer der Kinderheilanstalt Bad Orb rief schon bald mit großer Energie und erheblichen Opfern in der eigenen Gemeinde eine Kleinkinderschule (1885) und eine Gemeindepflegestation (1888) ins Leben. Nachdem sich Hufnagels Bemühungen um die Sicherung der völlig baufällig gewordenen Kirche als sinnlos erwiesen, betrieb er tatkräftig einen Neubau.

Am 28. April 1903 wurde mit dem Abbruch der alten Kirche begonnen. Am 2. August fand die Grundsteinlegung statt. Am 25. September 1904 konnte in einem Festgottesdienst die am alten Platz - nur mit einer Nord-Südachse - errichtete, wesentlich größere, neugotische „Friedenskirche“ eingeweiht werden. Das Gotteshaus ist ein zweischiffiger neugotischer Bau. Zur Einrichtung gehören eine Kanzel, die am Ostpfeiler steht, und der Taufstein, der am Westpfeiler aufgebaut wurde. Mittelpunkt des Chores ist der Altar. Das Nebenschiff der Kirche enthält eine Empore.

Aus der alten Kirche übernahm man u. a. den schönen Orgelprospekt, die Kanzel, den wiederaufgefundenen Taufstein aus dem Jahre 1590, den wieder zutage geförderten Opferstock mit dem Wahrzeichen der ehemaligen Kesselstädter Fischerzunft, einem Fährbaum mit Haken aus dem Jahre 1696 und das wohl aus dem Jahre 1736 stammende Turmkreuz.

Die neue Kirche erhielt für den 52,5 Meter hohen Turm vier Glocken. Davon mußten im ersten Weltkrieg 1917 die drei großen Glocken abgeliefert werden, die erst 1925 (nach der Inflation) ersetzt werden konnten.

Mit erheblicher Unterstützung der Stadt konnte 1952 ein neues Geläut, das erste wieder in Hanau, beschafft werden. Die neuen Glocken in den Tönen d', e', g', a' wurden am 14. September 1952 in einem festlichen Gottesdienst ihrer Bestimmung  übergeben.

Zum 50 jährigen Jubiläum 1954 wurde die Kirche mit Hilfe kirchlicher und städtischer Zuschüsse und zahlreicher privater Spenden renoviert. Dabei wurden die Jugendstilelemente weithin entfernt und die schlichten gotischen Grundformen herausgearbeitet. Emporebrüstung und Türen wurden vereinfacht, eine neue Beleuchtung angeschafft. Die Beleuchtung und die zerstörten Fenster wurden erneuert; der größte Teil der Mittel für die figürlich gestalteten Chorfenster war in kleinen Pfennigbeträgen jahrelang von den Konfirmanden gesammelt worden. Die Orgel wurde klanglich umgebaut; die klare Schönheit und der Glanz ihrer 22 Stimmen kamen seitdem zahlreichen kirchenmusikalischen Veranstaltungen zugute.

Die Fenster der Kirche wurden bei einem Luftangriff am 6.1.1945 zerstört. Im Winter 1950/51 hatte sich herausgestellt, daß infolge der 1945 nur notdürftig durchgeführten Verglasung der Fenster eine richtige Beheizung nicht mehr möglich war. Es wurde daher am 11. Februar 1951 eine Wiederherstellung der Fenster in Antikglas beschlossen und so konnten die von dem Maler August Peukert gestalteten drei Fenster 1954 eingesetzt werden. Das mittlere Fenster stellt das Thema „Jesus am Kreuz“ und die beiden seitlichen den durch Wort und Sakrament verkündigenden und sich schenkenden Christus dar. Die in der Kirche aufgestellte Orgel stammt von der Firma Wilhelm Ratzmann, Gelnhausen. Die Kirche wird auch von Altkatholiken und der Armenischen Kirche genutzt. Die Eingangshalle wurde zu einer würdigen Gedenkstätte für die Opfer der beiden Weltkriege umgestaltet. Am 3. Oktober 1954 konnte der überaus stark besuchte, festliche Gedenkgottesdienst in der erneuerten Kirche gehalten werden.

 

Reinhardskirche:

Durch eine bald nach dem Regierungsantritt des Grafen Philipp Ludwig II., 1593, erlassene Verfügung war auch in Kesselstadt das reformierte Bekenntnis eingeführt worden. Den Widerstand der zahlreichen Widerstrebenden hatte man bald unterdrückt, aber nicht überwunden. Als 1642 die reformierte Hanau-Münzenberger Grafenlinie ausstarb und die lutherische Lichtenberger Linie zur Regierung kam, suchten eine Reihe im Herzen lutherisch gebliebener Familien und die in den Kriegswirren zugezogenen Lutheraner Anschluß an die neue kleine Hofgemeinde in Hanau.

Im Januar 1692 klagte das reformierte Presbyterium über die Begünstigung der Lutheraner durch die Landesherren. Nachdem (1701-12) das Schloß Philippsruhe erbaut war, entstand auch in Kesselstadt eine kleine lutherische Gemeinde.

Am 2.Weihnachtstag 1728 wurde von dem Pfarrer der neugebildeten lutherischen Gemeinde in Hochstadt im Saal des Gastwirtes Schmidt der erste lutherische Gottesdienst gehalten. An der ersten Abendmahlsfeier am Sonntag nach Neujahr 1729 nahmen 18 Personen teil. In diesem Jahr wurde auch das (einzige) lutherische Kirchenbuch begonnen. Bald betrieb man den Bau eines Schulhauses mit Saalkirche. Schon am 21. November wurde das Kreuz auf den evang.- lutherischen Kirchturm gesteckt. Jedoch erst am 3. Oktober 1734 konnte die Kirche feierlich eingeweiht werden.

Unter dem Namen Reinhardskirchen faßt man die lutherischen Kirchen zusammen, die unter dem persönlichen Einfluß des letzten Grafen von Hanau (-Lichtenberg), Johann Reinhard III. (1712- 1736) mit seiner finanziellen Unterstützung und sicherlich auch unter Mitwirkung seines „Baudirektors“ Hermann in der Grafschaft Hanau-Münzenberg entstanden. Diese evangelischen Saalkirchen haben meist einen hohen Frontturm, dessen Untergeschoß aus Stein besteht. Auf diesem Steinbau sitzen dann die nach oben sich verjüngenden Holzgeschosse, die meist achteckig gebrochen sind und eine flache „welsche Haube“ tragen.

Von 1801 an wurde die lutherische Gemeinde von der Johanneskirche in Hanau versorgt. Die meisten dieser Kirchen wurden nach der Kirchenvereinigung von 1818 (der „Hanauer Union“) als überflüssig wieder abgebrochen (so zum Beispiel in Windecken und Rüdigheim) oder für andere Zwecke umgebaut (so Bruchköbel).

Die „Reinhardskirche“ in Kesselstadt wurde an die politische Gemeinde verkauft und seitdem als Schule benutzt. Doch blieb hier äußerlich noch der Eindruck eines Kirchenbaues bestehen (Bild in: Hanau Stadt und Land,  Seite 157). Heute ist die „Reinhardskirche“ Versammlungsraum und Kulturzentrum.

In Kesselstadt gibt es noch die katholische Kirche St. Elisabeth aus den Jahren 1963 bis 1964.

 

 

Das Gasthaus „Zum Rothen Löwen“ gehört Diplom-Ingenieur Wilhelm Zuschlag und seiner Frau Benita von Perbandt-Zuschlag das Haus, das 1727 als Gasthaus erbaut und seitdem als solches genutzt wird, 1983 renoviert. Wirtin ist Catharina Matuschewsky.

 

Hanauer Kläranlage

Das Gebäude der alten Pumpstation befindet sich wirklich in einem erbärmlichen Zustand. Die schiefergedeckten Flächen des großen Spitzgiebeldaches von Löchern durchsetzt, etwa ein Drittel der Dachflächen nur noch notdürftig gedeckt. Das rohe Mauerwerk mit Putzresten läßt an die Ruinenlandschaften der Nachkriegszeit denken. Und der schuppenartige Anbau rückwärtig zur Kesselstädter Landstraße hin ist derart heruntergekommen, daß diejenigen Leute zu verstehen sind, die mehr oder weniger lautstark fordern, diesen 2Schandfleck“ doch endlich abzureißen.

Sie sollen sich wundern. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wird in absehbarer Zeit restauriert.

Die Kläranlage für die Stadt Hanau, Bruchköbel und Maintal (ohne Bischofsheim) ist mit Gesamtkosten von 49 Millionen Euro derzeit Hanaus teuerste Baustelle. Seit dem Start im Jahr 1999 sind bis Anfang 2002 bereits 15,6 Millionen Euro in zwei Bauabschnitten investiert worden. Ende März, Anfang April sollen die Arbeiten am Herzstück des Klärwerks, der biologischen Reinigung, beginnen. Allein für diesen dritten Bauabschnitt sind 25,9 Millionen Euro veranschlagt - einschließlich Betriebsgebäude mit Steuerzentrale und anderem mehr.

Schließlich ist auch die totale Instandsetzung samt Umbau des fast ruinierten Baudenkmals im Kostenansatz enthalten.. Das Haus steht für die 100jährige Geschichte der Hanauer Kläranlage. Innen gleicht es eher einer Halle, durchgängig offen vom Keller bis unter den Giebel. Die Tragekonstruktion fürs Dach gilt als baugeschichtlich besonders wertvoll. Sie besteht aus Metallprofilen - wie der legendäre Turm mitten in Paris, den Alexandre Gustave Eiffel 1885 bis 1889 baute.

Es war das erste Pumpenhaus der Kläranlage und hatte die Aufgabe des heutigen Schneckenwerkes, die tief ankommende Schmutzwasserfracht zu heben. Nicht exakt diese, wohl aber eine ähnliche Funktion soll das restaurierte Gebäude wieder bekommen. Es wird das Pumpenhaus für das danebenliegende Frachtausgleichsbecken, mit dem Belastungsspitzen gekappt werden. Das sieht praktisch so aus, daß in Zeiten, da am meisten Schmutzwasser anfällt, das Frachtausgleichsbecken gefüllt wird. Nachts wird das Becken dann leer gepumpt - in den Reinigungskreislauf. Mit diesem Trick kann die Kapazität deutlich kleiner gehalten werden, als eine Gesamtauslegung auf Belastungsspitzen erfordern würde.

Ursprünglich war es das Absetzbecken der mechanischen Reinigung. Als es beim Umbau in den 60er Jahren durch das runde Absatzbecken mit 44 Meter Durchmesser ersetzt wurde, diente es als Regenüberlaufbecken - bis Anfang 2001 das neue Überlaufbecken fertig war. Seither steht das alte Becken leer.

Das historische Pumpenhaus ist stilistisch und zeitlich baugleich mit der Pumpstation an der Philippsruher Allee, wo ursprünglich der erste grobe Dreck auf Rechen gefangen und das Abwasser per Druckleitung zum Klärwerk rübergeschickt wurde, und mit dem Wasserturm auf dem Klärwerksgelände, der laut Manritz 1895 vollendet worden ist.

Weil die neuen Pumpen deutlich kleiner sind als die alten, bleibt im historischen Gebäude Platz für eine Art kleines Museum. Eine alte Pumpe soll zum Vergleich aufgestellt werden, dazu informierende Schautafeln und Fotos vom Bau. Es kommen viele Schulklassen zu Besuch,

 

Die Mühlheimer Schleuse: Die Anlage aus dem Jahre 1921 mit der „Kirche im Fluß“  wurde Ende der achtziger Jahre durch die heutige Anlage ersetzt, die für Euro-Schiffe geeignet ist.

 

 

 

Schloß Philippsruhe

Bilder in: Hanau Stadt und Land,

Seite 5: Schloß Philippsruhe im Jahre 1705, Kupferstich von Joh. Stridbeck

Seite 151: Plan des Schlosses von Johann David Füleken, gestochen von P. Fehr.

Seite 152: Gartenfront                  

Bücher:

Historisches Museum Hanau im Schloß Philippsruhe, 1967

Klaus Hoffmann: „Schloß Philippsruhe. Vom Barockschloß zum Historischen Museum"

 

 

Das an der westlichen Peripherie am Mainufer gelegene Schloß Philippsruhe ist das älteste nach französischem Vorbild erbaute Barockschloß östlich der Rheinlinie. Im Jahr 1701 begann Graf Philipp Reinhard von Hanau (1664-1712) mit der Errichtung des nach ihm benannten Bauwerkes. Am Mainufer in Kesselstadt ließ er den Grundstein für ein Landschloß legen.

Die Plane für den Schloßbau stammen von dem in Frankreich geschulten Architekten Julius Ludwig Rothweil, der sich das nahe Paris gelegene Lustschloß Clagny zum Vorbild nahm. Hier wie dort dominiert ein dreigeschossiger, um einen Ehrenhof gruppierter Wohntrakt. Seitliche, nur eingeschossige Flügelbauten unterstreichen die Dominanz des Mittelbaues.

Wenige Monate nach Baubeginn fiel Rothweil bei seinem Auftraggeber in Ungnade. Der Pariser Baumeister Jacques Girard trat 1702 seine Nachfolge an. Er erweiterte die Flügel um dreigeschossige Eckpavillons. Nach seinen Plänen entstanden fünf Jahre später auch die zwei den Seitenflügeln symmetrisch vorgelagerten Bauten des Marstalles und der Remise. Gleichzeitig begann der Innenausbau mit den Stukkateuren Eugenio Castelli und Antonio Genone.

Graf Philipp Reinhard starb 1712. Das Schloß, mit dem er sich ein Namensgedächtnis schuf, hatte er bis zu seinem Todestag noch kein Vierteljahr bewohnt. Sein Bruder und Nachfolger Johann Reinhard III., der letzte Graf von Hanau, vollendete die Anlage. Die weitere Gestaltung des Parks und 1723 der Bau einer Orangerie sind sein Werk.

Im Jahre 1736 ging der Besitz zusammen mit der Grafschaft Hanau-Münzenberg an die Landgrafen von Hessen-Kassel über. Sie nutzten das Schloß als Sommerresidenz und zu gelegentlichen Aufenthalten. Als Hauptsitz diente es von 1764-1785 nur dem Erbprinzen von Hessen-Kassel, souveräner Graf von Hanau. Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel ließ von seinem Baumeister Johann Conrad Bromeis das Schloß teilweise renovieren. Aus dieser Zeit sind die klassizistische Innenausstattung des Weißen Saales, die beiden Seitentreppenhäuser, das südliche Treppenhaus des Remisengebäudes und der Gartenpavillon Teehaus erhalten.

Im Jahre 1806 beschlagnahmten die Franzosen das Schloß. Napoleon schenkte es seiner Schwester Pauline, der Fürstin Borghese. Sie bot es zum Kauf an, fand aber keinen Interessenten. Nach dem Rückzug der Franzosen wurde der inzwischen verwilderte Park in einen englischen Garten mit wertvollem Baumbestand umgewandelt. Nur die seitlichen Lindenalleen erinnern heute noch an den ursprünglichen Zustand. Der Weiße Saal im linken Seitenflügel erhielt eine klassizistische Innenausstattung.

Als die 1803 zu Kurfürsten aufgestiegenen Landgrafen von Hessen-Cassel 1866 Land- und Hoheitsrechte an die preußische Krone verloren, kam Philippsruhe an den Landgrafen Wilhelm von Hessen-Rumpenheim, der zu den reichsten Fürsten seiner Zeit zählte. Von 1875-1880 ließ er den Kopenhagener Professor Friedrich Ferdinand Meldahl umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten vornehmen. Er ließ den Mitteltrakt um drei Fensterachsen nach vorne vergrößerte, das heutige Haupttreppenhaus, den vorgelagerten Säulenportikus und anstelle eines einfachen Dachreiters die Kuppel errichtete. Ein Großteil der Räume erhielt neue Stuckdekorationen in Formen des Dritten Rokoko und Holzeinbauten der Neorenaissance. Bibliothek und Speisesaal erhielten ihre prächtige Holzvertäfelung. Der Wiesbadener Bildhauer Haigis schuf zwei Portallöwen. In den Werkstätten von Bergotte und Dauvillier in Paris wurde das kunstgeschmiedete teilvergoldete Haupttor gefertigt.

Philippsruhe blieb bis 1918 Wohnschloß. Im Zweiten Weltkrieg unzerstört, diente es von 1945 bis 1964 als Rathaus. 1950 erwarb es die Stadt Hanau von der Witwe des Landgrafen Alexander Friedrich von Hessen, Gisela von Hessen, und führte es nach dem Auszug der Stadtverwaltung Zug um Zug kultureller Verwendung zu.

Im prächtigen „Reihersaal“ des Schlosses Philippsruhe heiraten nicht nur die Hanauer. Auch viele Paare von außerhalb der Stadt wählen diesen Rahmen für ihre Trauung.

 

 

 

Planung:

Vom Rand des Stadtteils Kesselstadt dehnt  sich die Anlage des Schlosses Philippsruhe bis zum Mainufer aus, wo heute die Ausflugsdampfer auf der Fahrt zwischen Frankfurt und Seligenstadt anlegen. Vorher stand hier ein Lustschlößchen, das Philipp Ludwig II. von Hanau- Münzenberg zu Beginn des 17. Jahrhunderts seiner Gemahlin Katharina Belgica errichtet hatte. Dieses wurde jedoch im Verlauf des 30jährigen Krieges verwüstet. Das Renaissanceschlößchens wird allerdings in den Philippsruher Bauakten mit keinem Wort mehr erwähnt und dürfte deswegen bereits vorher abgetragen worden sein. Damit stand das für das neue Schloß benötigte Gelände größtenteils in Form eines herrschaftlichen Gartens zur Verfügung.

Schon im Jahre 1687 hatte Graf Philipp Reinhard (1664-1712) das benötigte Gelände zusammen. 

Was noch fehlte, wurde aus Privatbesitz hinzu erworben. Ein alter Weg, der von Nordwesten herkommend den Bereich des heutigen Schloßhofes querte und zur alten Kesselstädter Mainfurt führte, mußte zum Teil umgelegt werden. Bemerkenswert ist, daß sich dieser Weg an die zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch als sog. „Alte Mauer“ erhaltene Westflanke des Römerkastells Kesselstadt anlehnte. Er deckte sich also mit der via vallaris des römischen Standlagers, dessen Entstehung selbst nur im Zusammenhang mit der genannten Mainfurt verstanden werden kann. Solange Schloß Philippsruhe nur aus dem (später ausgebauten) Haupttrakt bestand, diente ihm die gleiche Trasse als Zufahrtsweg, wie dies auch die älteste bildliche Darstellung des Schlosses auf dem auf Seite 5 reproduzierten Kupferstich von Johann Stridbeck aus dem Jahre 1705 zeigt.

Die Barockzeit brachte dem Hanauer Land einen großen Aufschwung. Wie an allen Fürsten, Bischöfen und großen Persönlichkeiten der Zeit nagte auch an den Hanauer Grafen „der Bauwurm“. Mit dem Aussterben der Linie Hanau-Münzenberg hatten die Lichtenberger 1642 in Hanau die Regierung übernommen. Friedrich Casimir verlegte seinen Regierungssitz vom elsässischen Buchsweiler nach Hanau. Sein Nachfolger, der Erbauer von Philippsruhe, war nicht nur des alten verwinkelten und eher mittelalterlichen Stadtschlosses überdrüssig. Er wollte eine Art Sommerresidenz ganz im Geist der Zeit. Der wichtigste Bau des neuen Jahrhunderts war die Anlage einer Sommerresidenz am Main, zwei Kilometer vom alten Schloß entfernt. Es war ein kühner Gedanke seines Schöpfers, Schloß Philippsruhe abseits von der Residenzstadt, nahe bei dem Dorfe Kesselstadt, erbauen zu lassen.

Wir verdanken den Plan zum Bau des Schlosses der weltoffenen Aufgeschlossenheit des Grafen Philipp Reinhard. Nur aus seinem Bildungsweg läßt sich die besondere Stellung des Schlosses im deutschen Schloßbau erklären. Aufgewachsen und erzogen in dem Bewußtsein, daß ein Fürst nicht zuletzt durch seine baulichen Maßnahmen zu repräsentieren habe, mag bei dem Aufenthalt in Frankreich bereits in den Jünglingen die Grundlage für ihre spätere Bauleidenschaft gelegt worden sein. Philipp Reinhard studierte zusammen mit seinem Bruder und Nachfolger Johann Reinhard in Straßburg. Schon in dieser Zeit wurde der starke französische Einfluß in der Gedankenwelt des Jünglings spürbar. In einer fünfjährigen Reise vervollkommnete der junge Graf seine Ausbildung. Diese Reise, über die im „Hanauischen Magazin“ von 1780 berichtet wird, führte ihn vor allem durch Frankreich. Das Schloß Versailles muß einen großen Eindruck auf ihn gemacht haben.

 

Bau:

Vierzehn Jahre nach dem Erwerb des Geländes begann vor den Toren der Residenzstadt Hanau ein für das kleine Hanauer Land luxuriöser und ungeheuerlicher Baubetrieb. An einen aufwendigen Schloßbau war offenbar zunächst nicht gedacht, denn noch am 2. Mai 1701 fertigte der „deutsche Baumeister Johann Caspar Wolpert“ einen „überschlag über daß Lusthauß, so in den Herrschaftl. garten zu Kesselstadt oben bey dem Amphitheatro soll gebaut werden“ und ermittelte die dafür aufzuwendenden Kosten auf den verhältnismäßig geringen Betrag von etwa 4.000 Gulden. Bereits einen Monat später aber, am 8. Juni 1701, wurde der Grundstein zu dem großen Schloßbau gelegt. Worauf der sich darin dokumentierende überraschende Sinneswandel des Bauherrn zurückzuführen ist, läßt sich einstweilen nicht sagen.

Das an der westlichen Peripherie am Mainufer gelegene Schloß Philippsruhe ist das älteste nach französischem Vorbild erbaute Barockschloß östlich der Rheinlinie. Doch unmittelbares Vorbild ist nicht Versailles, sondern das nahe Paris gelegene Lustschloß Clagny, ein Bauwerk des Architekten Hardouin Mansart. Hier wie dort dominiert ein dreigeschossiger, um einen quadratischen Ehrenhof gruppierter Wohntrakt, dem sich zweigeschossige Flügelbauten anschließen.

Mit einer solchen Anlage den Namen des Bauherrn zu verbinden, entspricht durchaus den Gepflogenheiten der Barockzeit, und die Chance, sich auf diese Weise ein „Namensgedächtnis“ zu schaffen, hat auch Philipp Reinhard nicht ungenutzt gelassen. Anonym dagegen blieben zunächst die Baumeister. Immerhin ist aber in diesem Zusammenhang eine Äußerung interessant, die Graf Philipp Reinhard abgegeben hat, als er während eines Berlin- Aufenthaltes anläßlich seiner Investitur als Ritter des Königlich-Preußischen Großen Schwarzen Adler- Ordens am 8. Juli 1710 von Königin Sofie Louise im Charlottenburger Schloß empfangen wurde. Als nämlich die Königin nach dem neuerbauten „Philippsruher Haus“ fragte, wobei sie „den dasigen Garten und das darinnen sich befindende schöne Obst, wie auch dasige Situation gelobet“, haben „Ihro Hochgräfliche Gnaden“ darauf geantwortet, „daß sie sich benebst Ihrem Herrn Bruder, so das Bauwesen verstünde, vermittelst zweier französischer sehr experimentirten Baumeistern bisher beflissen, dieses kleine Ouvrage zum Stande zu bringen, hätten auch Dero Meinung nach, einigermasen damit reusirt (Erfolg gehabt), wie dann der Hauptbau beneben dem nächst angelegenen Garten vollkommen stünde.“

Bei den beiden „experimentirten Baumeistern“ hat es sich um Julius Ludwig Rothweil und den Franzosen Girard gehandelt. Rothweil ist zwar, wie der Name verrät, kein gebürtiger Franzose, ohne Zweifel hat er jedoch seine Ausbildung in Frankreich erfahren, so daß - so verstanden - der Berliner Ausspruch des Hanauer Grafen durchaus zu Recht besteht.

In den Bauakten erscheint Rothweils Name zum ersten Mal in einer am 24. Oktober 1701 angefertigten Aufstellung. Seine Hanauer Tätigkeit war jedoch nur von kurzer Dauer. Schon wenige Monate nach der Grundsteinlegung wurde er unsittlicher Handlungen beschuldigt, unter Anklage gestellt und des Landes verwiesen, wobei die Exekution dergestalt vor sich ging, daß man den Delinquenten am Abend des 4. Mai 1702 in einen Mainkahn setzte, den Kahn vom Ufer abstieß und ihn samt seiner Fracht von den Fluten des Flusses forttragen ließ - einem zwar ungewissen, aber, wie sich zeigen sollte, bedeutenden Schicksal entgegen. Später erbaute er die Schlösser in Weilburg, Arolsen und Neuwied.

Sein Nachfolger wurde der „französische Ingenieur Girard“, Jacques Girard, von dessen Person wir noch weniger wissen als über Rothweil. Bei diesem Sachstand ist es begreiflicherweise schwer zu ermitteln, welche Details in der baukünstlerischen Konzeption des Philippsruher Schloßbaues von Rothweil und welche von seinem Nachfolger Girard stammen. Wir möchten jedoch annehmen, daß ein leider undatierter Grundriß, der in einem mit dem Jahre 1701 abschließenden Aktenstück überliefert ist und eine um den Ehrenhof angelegte Gebäudegruppe mit einfachen Seitenflügeln zeigt, entweder von Rothweil stammt oder zumindest dessen Vorstellungen entsprach. Er wies noch keine Eckpavillons an den Außenseiten aus, die dann nur als das Werk Girards angesehen werden können, zumal diese beiden Flügel samt Eckpavillons erst im Jahre 1703 errichtet wurden.

Mit anderen Worten heißt das, daß fürderhin nicht Rothweil, sondern Girard a1s Architekt der Philippsruher Schloßfassade zu gelten hat, einer Fassade, die gerade im Wechsel von additiv aneinandergereihten eingeschossigen und zweigeschossigen Bauteilen so ungemein reizvoll wirkt. Beherrschendes Element ist dabei die Horizontale (Sockelzone, Hauptgesims, Fensterbänder), die durch die Verwendung von Mansarddächern - einer Dachform, die hier erstmalig im Hanauer Land in Erscheinung tritt - noch eine Steigerung erfährt und damit zugleich den monumentalen Gesamtcharakter der Anlage unterstreicht.

Girard machte die Risse, begutachtete die Forderungen der Handwerker und war sicher auch der Urheber der Stuckentwürfe im französischen Geschmack, die von den italienischen Stukkateuren Castelli und Genone ausgeführt wurden.

Die baugeschichtlich umwälzende Tat des Schloßbaues war der moderne Grundriß und die Gesamtdisposition der Schloßanlage. Das wichtigste Glied des Schloßbaues ist der hufeisenförmige Ehrenhof mit dem zweigeschossigen „Corps de logis“. An diesen, ehemals von einem Gitter abgeschlossenen Ehrenhof schließen zwei einstöckige Flügel an, deren Abschlüsse zwei Eckpavillons bilden. Dieses Schema war aus Versailles übernommen und hatte sich sonst in Deutschland am Beginn des 18. Jahrhunderts noch nicht durchgesetzt. Philippsruhe ist einer der ersten Schloßbauten dieses Typs.

Bis zum Jahre 1705 stand der Schloßkomplex. Im Jahre 1706 wurden die beiden vorderen Bautrakte angelegt, der Marstall und die Remise. Dabei bediente man sich des gleichen gestalterischen Grundprinzips wie bei dem Hauptgebäude, d. h. der Verwendung von nahtlos aneinandergereihten zweigeschossigen Pavillons und eingeschossigen Zwischenbauten. Die Gräfliche Rentkammer mußte erneut zum Zwecke des Grunderwerbs in Aktion treten. Jetzt waren dann auch die Voraussetzungen gegeben, um die heutige Philippsruher Allee anzulegen

Zur Stadtseite hin am Main entlang wurde ein Damm mit mehreren Flutbrücken aufgeschüttet und mit Bäumen bepflanzt, die heutige Philippsruher Allee. Der vollständige Ausbau zog sich freilich bis zum Jahre 1768 hin.

Im Spätsommer 1712 konnte Philipp Reinhard endlich nach mehr als zehnjähriger Bauzeit seinen Einzug in Philippsruhe halten: ein Teil des Neubaues war bezugsfertig. Er ahnte freilich nicht, daß er schon nach wenigen Wochen, am 4. Oktober 1712, 48 Jahre alt, an einem hitzigen Fieber als erster in diesem Hause sterben werde. Das Schloß, mit dem er sich ein Namensgedächtnis schuf, hatte er bis zu einem Todestag noch ein Vierteljahr bewohnt.

 

Park:

Das Schloß ist auf einer künstlichen Terrasse über dem Mainlauf erricht. Gegen das alljährliche Hochwasser mußten Schutzmauern erstellt werden: Im Frühjahr 1696 begann man mit der Errichtung der langen, jetzt noch vorhandenen Stützmauer zum Main hin. Dadurch wurde das Gebiet  über den Fluß erhoben und gab der Gesamtanlage gerade vom gegenüberliegenden Ufer einen imposanten und vielfach von Künstlerhand festgehaltenen Eindruck. Die Landschaft war zu der Zeit, als der Garten angelegt wurde, noch offen, nicht verbaut, der Blick konnte frei über die Mainebene schweifen.

Damit war auch die Voraussetzung für die Anlage eines Parks geschaffen. Noch im Herbst des gleichen Jahres konnte mit der Bepflanzung begonnen werden.  Aus der archivalischen Überlieferung geht eindeutig hervor, daß nicht die Gebäudegruppe den Ausgangspunkt der Gesamtanlage bildete, sondern ein nach den Prinzipien französischer Gartenarchitektur angelegter Lustgarten. Axial zum Schloß, es gleichsam in die Landschaft verlängernd, wurde ein streng geometrischer Garten rein französischen Gepräges angelegt. Wir kennen sein Aussehen aus Stichen aus der Erbauungszeit des Schlosses. Eine Pinselzeichnung (im Historischen Museum Frankfurt) von Johann Kaspar Zehender aus Frankfurt zeigt den Zustand des Gartens im Jahre 1774.

Viel später noch erinnerte sich Wilhelm Grimm an ein Kindheitserlebnis aus der Zeit um 1790 in diesem französischen Park. Er schrieb: „Ich weiß noch ganz klar, wie ich in einem weißen Kleid mit rotem Band in dem Bousquet zu Philippsruhe mich verloren hatte, und wie ich die g1atten, beschnittenen Baumwände, an welchen alle Blätter nebeneinander hingen, und den reinen Kies auf dem Wege ängstlich schnell, aber scharf betrachtete, wie mir die Stille, in die ich horchte, und die grüne Dämmerung immer mehr Angst machte und eine Angst auf die andere stellte, wie ein Stein auf einen Stein, und sie so immer wuchs.“

Im fürstlichen Schloßpark des Barock spiegelt sich das Weltverständnis jener Zeit. Der absolutistische Anspruch des Landesherrn erstreckte sich nicht nur über sein Territorium, auf seine Untertanen und deren Tun und Lassen, sondern auch auf die Natur, die sich, in bestimmte Formen gebracht, gleichsam ebenfalls dem Willen des Fürsten zu unterwerfen hat. In den Gärten von Versailles gipfelte dieser monarchische Anspruch: Sie wurden zugleich Vorbild für den Adel in ganz Europa, bis hin in die hinterste Provinz. Man wollte es den Großen gleichtun, auch wenn die Dimension des eigenen Schlosses bisweilen auf die Größe eines Fußballfeldes schrumpfte.

Die gärtnerische Oberleitung hatte der Pfalz-Birkenfeldische Hofgärtner Marx (Max, Marcus) Doßmann, dessen Anwesenheit in Hanau bereits für den 11. Mai 1696 bezeugt ist. Der Garten, der da fünf Jahre vor der Grundsteinlegung des Schlosses entstand, entsprach ganz dem Vorbild französischer Barockgärten. Graf Philipp Reinhard hatte sich viele Anregungen auf seine Jugend- und Bildungsreisen holen können. Aber es werden auch andere Anregungen eingeflossen sein, denn es war damals durchaus üblich, daß Kupferstiche von solchen Schloßanlagen kursierten wie heute Fernsehbilder. Sein Bruder - und späterer Erbe - Johann Reinhard, der letzte Hanauer, der noch in Buchsweiler residierte, hatte sich dort überdies einen weitläufigen Terrassengarten anlegen lassen, was sicher auch als Anregung und Motivation für die Hanauer Gartenpläne gelten kann.

Philippsruhe war noch nicht fertiggestellt, der Park noch nicht in seiner ganzen Pracht entwickelt, da zirkulierten schon Kupferstiche über diese imposante Anlage. Nach einer Zeichnung des Hofgärtners Christoph Schultzen hatte sie Johann Striedbeck in Kupfer gestochen und verbreitet. Man kann davon ausgehen, daß die Anlagen damals durchaus so ausgesehen haben, wenn auch nicht bis ins letzte Detail.

Im Wesentlichen stand jedenfalls die Struktur; wie wir sie auch heute noch erkennen können: An der Mainfront und gegenüber jeweils eine Allee, etwa zwei Drittel des Parks bilden den oberen Garten, der von der Schloßterrasse bis zur „Goldenen Treppe“  am heutigen Baumgarten reicht. Dies bildet das „Parterre“. Diese Struktur entsprach exakt den geltenden Gesetzen der französischen Gartenarchitektur. Die Hauptachse führte vom Schloß strikt und schnurgerade zum Baumgarten, nur von einem runden Bassin unterbrochen. Der obere Teil der Anlage war von mehreren Wegen durchschnitten, die so angelegt waren, daß präzise geometrische Grundformen entstanden wie Dreieck, Rechteck, Trapez. Diese parzellierten Flächen wurden von Buchsbaumhecken gesäumt, die präzise in Form geschnitten wurden. Dieser Garten war also bereits fertig gestellt, als man 1701 zur Grundsteinlegung des Schlosses schritt.

Der Park hat sein Gesicht seit Beginn des 19. Jahrhunderts verändert. Nach dem Rückzug der Franzosen 1815 wurde der inzwischen verwilderte Park in einen englischen Landschaftsgarten mit wertvollem Baumbestand, einem See und einem neuem Wegessystem umgewandelt. Nur die seitlichen Lindenalleen erinnern heute noch an den ursprünglichen Zustand.

 

Nutzung:

Philipp Reinhards  Bruder, Johann Reinhard III., der letzte Graf von Hanau, führte unter großem Aufwand den Schloßbau zu Ende. Die weitere Gestaltung und Erweiterung des Parks und 1723 der Bau einer Orangerie sind sein Werk;  dadurch wurde der ursprünglich als Orangerie genutzte große Saal im Mainflügel des Hauptbaues (heute als „Weißer Saal“ bezeichnet) für andere Aufgaben frei. Er ließ die zur gräflichen Fasanerie führende Kastanienallee anlegen. Ungefähr im Jahre 1726 war der Ausbau des Schlosses vollendet.

Mit dem Tod Johann Reinhards Im Jahre 1736 fiel der Münzenberger Teil der Grafschaft Hanau und damit auch die Residenz am Main an Hessen-Kassel. Die Landgrafen von Hessen- Kassel benutzten das Schloß als gelegentliche Sommerresidenz.

Landgraf Wilhelm VIII. (1682-1760)  hat sich oft und gerne in Philippsruhe aufgehalten. Im Jahre 1743 fanden hier nach der Schlacht bei Dettingen - allerdings ohne Erfolg Friedensverhandlungen statt, denen König Georg II. von England beiwohnte. Im Jahre 1745 wurde dem deutschen Kaiser Franz I. und seiner Gemahlin Maria Theresia in Philippsruhe ein glanzvoller Empfang bereitet.

 

Von 1764 bis 1785 diente das Schloß dem Erbprinzen Wilhelm IX. von Hessen, dem Erbauer der Kur- und Badeanlage von Wilhelmsbad, und vor allem dessen Familie als Residenz. Mit ihm begann Hanaus „güldnes Zeitalter“. Zunächst unter der Vormundschaft seiner Mutter, Maria von England, denn als eigenständigem Regenten war Wilhelm die Grafschaft Hanau zugefallen. Er veränderte das Stadtbild Hanaus nachhaltig. Im Jahr 1777 ließ der Erbprinz im „vieux bourg“ des Schlosses Philippsruhe ein Liebhabertheater bauen, in dem zuerst im Dezember 1777 gespielt wurde. Dieses Liebhabertheater diente hauptsächlich den Gesellschaftsaufführungen bei Familienfesten oder Besuchen auswärtiger Familienangehöriger und fremder Fürsten und Herrscher.

Auch der Park von Philippsruhe wurde während der Erbprinzenzeit verändert. Auf den auf dieser Seite gezeigten Zeichnungen von Johann Kaspar Zehender, die um 1770 entstanden, ist er zwar noch immer von Geometrie und in Form gebrachter Natur geprägt, doch, „hatte sich der ornamentale Garten zur Repräsentation absoluter fürstlicher Macht“, so schreibt Klaus Hoffmann in seinem jüngst erschienen Buch über Philippsruhe, „in ein zwar immer noch planmäßiges Parkgebilde mit Hecken und Durchblicken gewandelt, jedoch verloren Schloß und Garten ihre Kulissenfunktion zum Feiern glanzvoller Staatsfeste; statt dessen suchte man Rückzugsmöglichkeiten, wo man fern aller Sorgen Ruhe und Erholung finden konnte.“

Nach zwei Jahrzehnten übernahm er 1785 die Regierung von seinem verstorbenen Vater und siedelte nach Kassel über. Von 1797 an hat dann sein gleichnamiger Sohn, der nachmalige Kurfürst Wilhelm II., das Schloß als Wohnsitz benutzt. Nach der Niederlage Napoleons und der Rückkehr der kurfürstlichen Familie aus dem Exil begann Erbprinz Wilhelm II. nun mit ersten Eingriffen in die bis dahin erhaltene Struktur des Barockgartens. Auf 1815 lassen sich erste Pläne zur Umwandlung in einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild datieren. Aus den kunstvoll angelegten Beeten und schnurgeraden Wegachsen wurde ein Lustgarten mit Baum und Strauchgruppen auf Grünflächen, durchzogen von einem unregelmäßigen Wegenetz. Doch erst 70 Jahre später sollten auch noch die letzten barocken Formen verschwinden und der Park seine heutige Struktur erhalten.

Unter napoleonischer Herrschaft wäre das Schloß um ein Haar verkauft worden. Im Jahre 1806 beschlagnahmten die Franzosen das Schloß. Napoleon schenkte das Schloß samt Garten und zugehörigem Hofgut kurzerhand seiner Schwester Pauline, der Herzogin Borghese. Stets in Geldverlegenheit schaltete sie1810 eine Anzeige im Pariser „Moniteur“, um den Prachtbau loszuwerden. Sicherlich zu ihrem großen Leidwesen hat sie aber keinen Käufer dafür gefunden. Auch wenn sie erfolglos blieb ist die Annonce doch heute ein wichtiges Dokument, weil sie eine detaillierte Übersicht zur Lage und Ausstattung zu Beginn des 19. Jahrhunderts gibt.

Um 1810 war das Schloß teilweise Lazarett für französische Soldaten.

Regeres Leben zog dann erst wieder Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein, nachdem vor allem Kurfürst Wilhelm II. die Schäden, die während und nach der Franzosenzeit entstanden waren, hatte beseitigen lassen. Besondere Erwähnung verdient, daß in diesem Zusammenhang der sogenannte „Weiße Saal“ im linken Seitenflügel seine noch erhaltene noble klassizistische Ausstattung erhalten hat. Nach der Vertreibung der Franzosen wurde auch der Schloßpark in einen englischen Garten umgewandelt.

Im 19. Jahrhundert bekam das Haus die Gestalt, die wir heute kennen. In den Jahren 1826 und 1828 wurden die Gemäuer erstmals renoviert, ein halbes Jahrhundert später erhielt die Anlage ihr heutiges Aussehen, als  Preußen hatte Kurhessen annektiert hatte. Als von 1873 an die verschiedenen hessischen Nebenlinien restituiert wurden, fiel Philippsruhe an den Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen-Rumpenheim. Für den Thronverzicht erhielt er 1873 auch Schloß Philippsruhe. Als einer der reichsten Fürsten der Zeit unterzog von 1875 bis 1880 Haus und Garten einem tiefgreifenden Umbau.

Friedrich Wilhelm ließ den Kardinalfehler der ursprünglichen Barockarchitekten tilgen: Der Mitteltrakt war viel zu schmal, es fehlte der Raum für repräsentative Räume und eine Treppe, um die Pracht zu demonstrieren. Am Hauptgebäude des Schlosses ließ er deshalb unter Einkürzung des Ehrenhofes um drei Fensterachsen ein neues Treppenhaus mit vorgebautem Säulenporticus errichten. Anstelle eines einfachen Uhrtürmchens erhielt der Mitteltrakt seinen jetzigen Kuppelaufsatz. Die Dächer der Seitenflügel wurden in der Form französischer Renaissanceschlösser umgebaut.

Außerdem wurden zahlreiche Balkone angebaut und an Kragsteinen und Brüstung mit Bildhauerarbeiten geschmückt. Zwei eherne Portallöwen des Wiesbadener Bildhauers Haigis übernahmen die Eingangswache. Als Brüstungsbekrönung einer hinter dem Schloß angeschütteten Rampe, die über zwei Treppen den Zugang zum Park vermittelt, wurden zwei in Sandstein gehauene Wappenlöwen aufgestellt. Auf den ersten Blick ist das Ausmaß der baulichen Veränderungen gar nicht erkennbar, weil die barocke Fassade stets voll erhalten blieb. Aber der ursprüngliche Eindruck des Schlosses wurde durch einen Umbau in den Jahren 1875 bis 1878 zerstört. Damals nötigte man dem Mittelbau eine viel zu schwere Kuppel auf und legte eine viel zu üppige Altane auf schweren Säulen vor den Haupteingang: die wunderbar stuckierten Säle und ihre Inneneinrichtung wurden völlig umgestaltet.

Doch nicht nur für die äußere Neugestaltung, auch für die Instandsetzung der Innenräume hat Landgraf Friedrich Wilhelm, der in zweiter Ehe mit einer Prinzessin von Preußen verheiratet war, weder „Mühen noch finanziellen Aufwand gescheut“. So verdanken auch die jetzigen Museumsräume seiner Initiative ihre prachtvollen Stuckdecken, und das gleiche gilt für die ehemalige Bibliothek und den vormaligen Speisesaal hinsichtlich ihres reichen Schnitzwerkes. Leider haben die gleichzeitig angebrachten seidenen Wandbespannungen die Zeiten nicht überdauert; ihre Stelle nehmen heute moderne Tapeten ein.

Verläßlich überliefert ist, daß Professor Mehldahl aus Kopenhagen die Pläne für die Renovationsarbeiten geliefert hat und daß die örtliche Bauleitung in den Händen des Frankfurter Architekten und Bildhauers Richard Dielmann sowie des Bauinspektors Hermann Wagner in Hanau lag. Dielmann wurde dabei von seinem Vater Johannes unterstützt, der auch an der Ausführung der Stuckarbeiten maßgeblich beteiligt gewesen ist. Überhaupt scheinen die beiden Dielmann bei Hofe in besonderem Ansehen gestanden zu haben, was sich schon daraus ergibt, daß sie als einzige von den an den Restaurierungsarbeiten Beteiligten Kaiser Wilhelm I. vorgestellt wurden, als dieser am 21. Oktober 1880, am Tage nach der feierlichen Eröffnung des Frankfurter Opernhauses, Schloß Philippsruhe einen Besuch abstattete (siehe auch Ordner „Persönlichkeiten“)..

Wo immer sich die Möglichkeit dazu ergab, hat der Bauherr Hanauer Handwerksfirmen herangezogen, die nachmals mit entsprechenden Auszeichnungen bedacht und durch Ernennung zum Hofschreiner, Hofschlosser usw. geehrt wurden. Daneben hat man andere Arbeiten außerhalb Hanaus in Auftrag gegeben, so das kunstgeschmiedete Haupttor, das in den Pariser Werkstätten von Bergotte und Dauvillier, und das nicht minder kunstvoll gearbeitete Treppengeländer des Haupttreppenhauses, das in der Fabrik von Eduard Puls in Berlin hergestellt wurde. Eine Liste mit den Namen weiterer Firmen - um 1950 von Dr. Herbert Ziegner, damals Justitiar der Kurhessischen Hausstiftung, zusammengestellt - befindet sich bei den Museumsakten.

Im Jahre 1914 wurde das Schloß wieder Lazarett, dann wieder Residenz. Bis zum Jahr 1918 nutzten hessische Adelsfamilien Philippsruhe als Wohnsitz. Als letzter Bewohner des Schlosses residierte hier bis 1918 der blinde Landgraf Friedrich Alexander. Danach blieb das Schloß lange Jahre unbewohnt. Es blieb aber komplett eingerichtet bis zum Jahre 1943. Als man aber dann aufgrund des sich laufend verschärfenden Luftkrieges berechtigte Sorge trug, daß das am Westrand der Industriestadt Hanau gelegene Schloß in besonderer Weise gefährdet sei, wurde das gesamte mobile Kunstgut von hier nach Schloß Fasanerie (Adolphseck bei Fulda) gebracht, wobei es sich freilich ergab, daß dort Bombenschäden entstanden sind, von denen Philippsruhe erfreulicherweise verschont geblieben ist.

 

Heutige Nutzung:

Nach dem Zusammenbruch wurde Philippsruhe zunächst von den Amerikanern in Anspruch genommen, die es aber bereits im Juni 1945 der Stadt Hanau als Ersatz-Rathaus überließen. Im Jahre 1950 kaufte die Stadt Schloß Philippsruhe samt zugehörigem Garten mit einem Gesamtflächeninhalt von 11,96 Hektar von Gisela von Hessen, der Witwe des Landgrafen Alexander Friedrich von Hessen. Sie brachte dort die Verwaltung unter und richtete Notwohnungen ein. Nach dem Auszug der Stadtverwaltung im Jahre 1964 wurde hier das Historische Museum eingerichtet. Seit dem Jahr 1967 residiert dort das Historische Museum mit Exponaten, die die kulturelle. wirtschaftliche und soziale Geschichte der Stadt dokumentieren. Die Basis der ständigen Ausstellungen lieferten die Sammlungen des Hanauer Geschichtsvereins.

Die einzige Auflage, die 1967 berücksichtigt  werden mußte, war die Forderung des Magistrates, bei der Gestaltung des ehemaligen Festsaales und des vormaligen Musikzimmers so zu verfahren, daß diese Räume ohne großen Umräumungsaufwand auch weiterhin für Repräsentationszwecke zu verwenden sind.

Im Jahre 1984 vernichtete ein großer Brand einen Teil der Bestände, darunter auch einige Bilder von Cornicelius. Nach dem Brand von 1984 wurde das Schlo0 gründlich renoviert und ist heute wieder Hanaus gute Stube, zu der sich die Hanauer aus ganzem Herzen bekennen. Kein Ort in dies Stadt, nicht einmal das malerische Deutsche Goldschmiedehaus, ist so sehr Ort Hanauer Identifikation.

Teile des Schloßparks ließen die hier aufgestellten Arbeiten namhafter zeitgenössischer Bildhauer zu einem wachsenden Skulpturenpark mit Plastiken von Rang werden, der in der Fachwelt schnell hohes Ansehen fand. Er zeigt auch die preisgekrönten Arbeiten der Hanauer Stadtbildhauer James Reineking und Alf Lechler

Im prächtigen „Reihersaal“ des Schlosses Philippsruhe heiraten nicht nur die Hanauer. Auch viele Paare von außerhalb der Stadt wählen diesen Rahmen für ihre Trauung. Im Sommer veranstaltet die Stadt Hanau im Schloßpark die Brüder-Grimm-Märchenfestspiele. Die Philippsruher Schloßkonzerte im Weißen Saal sind für die Kenner klassischer Musik längst ein Markenzeichen.

Der Schloßpark war kein originärer Landschaftsgarten mehr, als die Stadt die Anlage 1950 übernahm. Mangelnde Pflege, später die Torturen durch das Bürgerfest, die Beseitigung von Kunstbauten wie dem See mit der Fontäne, eine Überalterung des Bewuchses, Lücken in den Alleen - der Schloßpark bot noch vor zwei Jahren ein jämmerliches Bild. Den Eindruck des Landschaftsgartens nach Vorbild versucht auch die jetzige Restaurierung nicht wieder herzustellen. Doch auf der Grundlage der historischen Substanz wird das Bild des Parks nach dem letzten großen „Umbau“ Ende des 19. Jahrhunderts doch sehr schön ins hier und heute transportiert. Was man bisher sehen kann, gibt durchaus Anlaß zu Optimismus. Die Landesgartenschau, so wird man eines Tages resümieren können, hat Hanau ein Stück historischer Gartenkultur zurückgegeben.

 

Museum:

Das Museum Hanau, Schloß Philippsruhe, zeigt in einem Abschnitt „Kunst und Kunsthandwerk des 17. und 18. Jahrhunderts“ bedeutende Stücke Hanauer Fayencen, frühe Zeugnisse der hiesigen Silberschmiede und des Eisenkunstgusses sowie niederländische Malerei, Stilleben und Porträts. Weitere Abteilungen - zum Teil noch im Aufbau - widmen sich den in Hanau geborenen Sprachforschern und Märchensammlern Brüder Grimm, den revolutionären Bewegungen 1830 und 1848, der Hanauer Malerei des 19. Jahrhunderts, der Industrialisierung und der Arbeiterbewegung, der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegsepoche.

 

Das Museum ist heute in fünf Hauptabteilungen gegliedert: Im Erdgeschoß befinden sich die Ausstellungen zum 20. Jahrhundert, zur Gründerzeit und Industrialisierung, im Obergeschoß sind neben Romantik und Vormärz das 17. und 18. Jahrhundert und das Hanauer Papiertheatermuseum untergebracht. Mitträger des Museums ist der Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V., in dessen Besitz ein wesentlicher Teil der Exponate ist und der im 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts die Hanauer Museumstradition allein verkörperte. Träger des Papiertheatermuseums ist in Zusammenarbeit mit dem Museum Hanau der Verein „Hanauer Papiertheatermuseum“.

Ein Schwerpunkt der Abteilung 20. Jahrhundert ist die Sammlung moderner Kunst mit regionalem Bezug, in deren Mittelpunkt der Maler Reinhold Ewald steht. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Entwicklung des Kunsthandwerks zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Künstlern wie Adolf Amberg, August Offterdinger und Wilhelm Wagenfeld. Ein dritter Schwerpunkt der Abteilung ist die Geschichte Hanaus im 20. Jahrhundert mit den Themen Erster Weltkrieg, Revolution 1918/19, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und auch Nachkriegszeit.

Auf die Kunst der Gründerzeit mit Werken von Friedrich Karl Hausmann und Georg Cornicelius folgt ein bürgerlicher Salon. Daneben wird die für Hanau wichtige Edelmetallindustrie mit einer industriellen Silberschmiedewerkstatt dokumentiert. Auch sind die Sammlungen Hanauer Silber und Hanauer Eisenkunstguß der Gründerzeit zu sehen. Nicht nur die Produkte der Industrialisierung sind Themen der musealen Präsentation, sondern auch die Entwicklung der Hanauer Arbeiterbewegung und die Arbeitswelt der Frauen.

Der rechte Flügel des Obergeschosses ist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewidmet. Drei Schwerpunkte zeichnen diese Zeit aus: die Revolutionen von 1830 und 1848/49, die Brüder Grimm und die Kunst des Biedermeiers. Die Zeit des Vormärz und der Revolution belegt die aktive Rolle, die die Hanauer in dieser demokratischen Bewegung spielten. Die Darstellung der Brüder Grimm als größte Söhne der Stadt ist besonders hervorgehoben, wobei die wissenschaftliche Arbeit der Brüder, die politische Tätigkeit und die Märchen besonders hervorgehoben werden. Die Kunst ist geprägt von Namen wie Friedrich Bury, Ludwig Emil Grimm, Conrad Westermayr, Friedrich Deiker, Theodor Pelissier, Peter Krafft und Friedrich L’Allemand. Henriette Westermayr, Catharina Luja und Moritz Daniel Oppenheim sind eigene Kabinette gewidmet.

Der zentrale Bereich des „Corps de Logis“ ist der Kunst und dem Kunsthandwerk des 17. und 18. Jahrhunderts gewidmet. Eine Auswahl von Gemälden der Hanauer Maler Peter Binolt und Peter Soreau und des Frankfurter Malers Jakob Marrel, der Niederländer Abraham Bloemaert, Melchior Hondecoeter, Willem van Honthorst, Gaspar Verbrugghen, Jan Fyt, Jan Guss und Lukas Achtschelling bezeugen den bedeutenden Kunstbesitz, der im 17. und 18. Jahrhundert in Hanauer Familienbesitz vorhanden war. Am Beginn des 18. Jahrhunderts stehen die Grafenporträts von Johann Henrich Appehus und von Johannes Appehus. Anton Wilhelm Tischbein, der Hanauer Tischbein, schuf eine Reihe Porträts der adeligen Herrscher Hanaus und vor allem bürgerlicher Standespersonen.

Daneben gelangen ihm auch Historienbilder im Geiste des eleganten Rokokos. Georg Karl Urlaub, der zweite Hanauer Maler des 18. Jahrhunderts, spezialisierte sich auf kleine Genreszenen aus dem bürgerlichen Milieu. Das herausragende Werk der Hanauer Silberschmiedekunst ist der Hanauer Ratspokal, der zwischen 1621 und 1625 von dem aus Nürnberg stammenden Silberschmied Hans Rappolt d. J. geschaffen wurde.

Die bekanntesten kunsthandwerklichen Produkte Hanaus aus dieser Zeit sind die in der von 1661 bis 1806 bestehenden Manufaktur geschaffenen Hanauer Fayencen - ein Inbegriff der deutschen Fayencekultur. Eine komplette Apothekeneinrichtung, weitgehend aus der Hanauer Schwanenapotheke, umrahmt das einzigartige Werbebild zum himmlischen Theriak des Hanauer Apothekers Hoffstadt. Daneben ist die Wirtschaftsgeschichte durch Zunftaltertümer und Exponate zur Textil- und zur Tabakindustrie präsentiert.

Als eigenständiges Museum im Museum befindet sich im linken Obergeschoß das Hanauer Papiertheatermuseum. Zahlreiche Verlage des 19. Jahrhunderts lieferten Bögen mit Proszenium, Dekoration, Kulissen und Figuren zum Ausschneiden, Aufleimen und Aufstellen. Neben über zwanzig kompletten Papiertheatern und Figuren bietet das Hanauer Papiertheatermuseum eine ganzjährig bespielte Papiertheaterbühne, die sich bei jung und alt großer Beliebtheit erfreut und die in dieser Form einmalig in Deutschland ist.

 

Für das leibliche Wohl der Besucher bietet das Museumscafé den geeigneten Rahmen. Aufgrund des exklusiven Ambientes wurde es zu einem beliebten Treffpunkt in Hanau. Darüber hinaus eignet sich das Museumscafe besonders für kleinere Empfänge und Feiern. In der warmen Jahreszeit kann man vom Balkon des Museumscafes einen Blick auf die Philippsruher Allee und die Kesselstadt umgebende Mainlandschaft werfen.

Im Eingangsbereich des Museums kann man neben den Eintrittskarten Bücher, Postkarten, Papiertheaterbögen, Bierkrüge, Anstecknadeln, Uhren etc. erwerben. Die Dependance des Museums, das Römerbad, eine restaurierte römische Kastelltherme, ist im Friedhof des Stadtteils Kesselstadt zu besichtigen.

Teile des Schloßparkes ließen die hier aufgestellten Arbeiten namhafter zeitgenössischer Bildhauer zu einem wachsenden Skulpturenpark mit Plastiken von Rang werden, der in der Fachwelt schnell hohes Ansehen fand. Er zeigt auch die preisgekrönten Arbeiten der Hanauer Stadtbildhauer James Reineking und Alf Lechner. In der Galerie des Schlosses finden ständig Wechselausstellungen statt.

Im Sommer veranstaltet die Stadt Hanau im Schloßpark die Brüder-Grimm-Märchenfestspiele. Die im Weißen Saal stattfindenden Philippsruher Schloßkonzerte sind für die Kenner klassischer Musik zu einem Markenzeichen geworden. Jährlich am ersten Wochenende im September  strömen Tausende zum „Hanauer Bürgerfest“ im und um den Schloßpark mit zahlreichen Darbietungen und einem abschließenden großartigen Brillantfeuerwerk.

 

Das heutige Museum präsentiert Kunst, Kunsthandwerk, historische Dokumente und Exponate aus vier Jahrhunderten. In Filzpantoffeln schlurft der Besucher über die wertvollen Parkettböden durch die prachtvollen Räume mit ihren getäfelten Wänden, dem Golddekor, den bemalten Decken und reichen Stukkaturen. Eine der nach Themen geordneten Abteilungen des Museums widmet sich der niederländischen. der deutschen und der Hanauischen Malerei, eine andere dem Kunsthandwerk. Zu sehen sind Fayencen, Gold- und Silberschmiede- sowie Eisenkunstgußarbeiten Hanauer Manufakturen. Verschiedene Ausstellungen veranschaulichen historische Ereignisse und Epochen. Von den Revolutionsjahren 1830 und 1848, über die Gründerzeit bis zum Thema Frauenarbeit reicht das Spektrum. Ein Raum zeichnet Leben und Wirken der in Hanau geborenen Märchensammler und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm nach. Eine Attraktion in Philippsruhe stellt das Papiertheatermuseum dar, das einzige seiner Art in Deutschland.

Im Skulpturenpark des Schlosses präsentieren Bildhauer ihre Werke. Jeden Sommer finden dort die Brüder-Grimm Märchenfestspiele und im Weißen Saal die Philippsruher Schloßkonzerte statt. Eine Gaststätte und ein Café laden den Besucher des Museums und des Schloßparks zum Verweilen ein.

Das Museum im Schloß Philippsruhe, Philippsruher Allee, ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen nach Vereinbarung (Telefon 06181/ 20209). Der Eintritt kostet drei Mark.

Unter der Adresse www.museen-hanau.de präsentierten, die Hanauer Museen seit mehr als zwei Jahren ihre Sammlungsbestände und alle wichtigen Ausstellungen im Internet. Wer beispielsweise die Burgruine im Park Hanau-Wilhelmsbad nur von außen kennt, kann sich im Internet anhand zahlreicher großformatiger Bilder darüber informieren, was hinter den dicken Mauern zu sehen ist.

Geboten wird ein reiches Angebot an Burgführungen, Vorträgen, museumspädagogischen Aktivitäten für Kinder und Parkführungen. Interessierte können einfach bei der Burgruine "vorbeisurfen" und sich informieren. Mit den virtuellen Galerien im Internet haben die Museen Hanau als eine der ersten in Deutschland ein neues Programmangebot für Museumsinteressenten entwickelt, das die Vorzüge der modernen Informationstechnologien für innovative Formen der Erschließung und Präsentation der Sammlungen nutzt. Durch das Internet ist es möglich geworden, ganze Ausstellungsarchive und umfangreiche Bilddatenbanken von Museumsobjekten einfach, schnell und weltweit zu durchforschen. Die Museumsseiten im WWW bieten weit mehr als nur einfache Grundinformationen. Dem Betrachter eröffnen sich ganze Museumswelten. Er kann sich hunderte großformatige Bilder ansehen und stundenlang in verschiedenen virtuellen Galerien stöbern. Eine über-

sichtliche Benutzerführung erleichtert dabei die Orientierung in der Fülle des Angebots. Für die Entdeckungstour durch das Internet-Museum Hanau werden keine speziellen Computerkenntnisse benötigt. Die Benutzerführung ist einfach und klar strukturiert. Das zwanglose und spielerische Erkunden der Museumsbestände steht im Vordergrund. Bereits wenige Mausklicks machen mit der neuen Form des Museumsbesuches vertraut, so daß der „Besucher“ durch das umfangreiche Angebot virtueller Ausstellungen der Museen Hanau schlendern kann. Durchgehend geöffnet: Das virtuelle Museum jederzeit zugänglich und kostet keinen Eintritt. Schon heute besuchen täglich mehrere hundert Interessenten die Internetseiten der Museen Hanau. Eine interessante Ausstellung verpaßt? Bei den Museen Hanau ist das kein Problem. Im Internet können unter www.museen-hanau.de auch abgebaute Ausstellungen besichtigt werden.

Badezimmer: Der 1984 beim Brand entdeckte und komplett ausgestattete Raum hinter dem Museumsshop soll bald dem Publikum zugänglich gemacht werden. Wenige Meter jenseits der Besucherströme schlummert seit Jahrzehnten im Schloß Philippsruhe ein wahres innenarchitektonisches Meinod seinen Dornröschenschlaf. Das luxuriöse Gästebadezimmer wurde erst 1984 mit dem großen Brand in den fürstlichen Gemäuern wiederentdeckt. Der Ort der Körperreinigung soll dem Museumspublikum gezeigt werden.

Das Bad, vermutlich für Gäste gebaut hat eine bodenebene Wanne, die üppig mit anthrazitfarbenem Marmor umrandet ist und zu der zwei Treppen mit je zwei Stufen führen. Das etwas kurze Becken ist mit weißen, schlichten Kacheln ausgekleidet. Ob die Wanne noch dicht ist, wurde nach der Wiederentdeckung allerdings nicht ausprobiert.

Dennoch, alles ist unversehrt, selbst die Armaturen und das Duschgestänge samt Brausekopf sind zumindest optisch in einem schönen Zustand. Lediglich das Wasserthermometer über dem Wannen-Brause-Hebel mit seinem schweren Porzellangriff hat irgendwann einen Knacks wegbekommen. Ein wenig einfach gegenüber so viel Noblesse nimmt sich der Fußboden aus, der weiß/rot gefliest ist und eher an eine betagte Badeanstalt erinnert.

Im Gegensatz zu dem Badezimmer mit der so genannten eisernen Füßchenwanne, das derzeit zum Ausstellungsbereich des Museums gehört, ist das zeitweilig verschollene Bad neueren Datums. Offensichtlich ließ es der damalige Besitzer, Friedrich-Wilhelm von Hessen, im Zuge des Ausbaus von Philippsruhe (1875 bis 1880) erstellen. Das Zimmer zur Körperentspannung und -reinigung soll ganz dem Zeitgeschmack des Historismus entsprochen haben. Viel Ausstattung hatte der Raum, der von zwei Türen her zugänglich ist, vermutlich nicht; noch erhalten ist ein großvolumiger Wandschrank, der möglicherweise mit akkurat gestapelten Tüchern und Badeessenzen bestückt war.

Das Bad wurde mit fließendem Wasser gespeist und muß wohl auch an die Zentralheizung angeschlossen gewesen sein, denn beide technische Neuerungen in jenen Tagen ließ nachweislich der Fürst einbauen. Vermutlich verschwand die Badewanne kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als das Schloß in der vorherrschenden Raumnot zuerst zum Domizil der Alliierten und später der Stadtverwaltung sowie vieler Vereine und Organisationen wurde.

Das genaue Jahr ist nicht bekannt, aber in dieser Zeit wurde über Becken und Fliesen ein Holzboden verlegt, um das Zimmer allgemein nutzbar zu machen. Bis zu dem Brand hatte für zehn Jahre ein Silberschmied sein Atelier in diesem Raum. 16 Jahre nach dem Feuer war das Bad, das im Gebäudeflügel hinter der Kassentheke liegt, Abstellkammer und Durchgangszimmer zwischen Hausmeisterbüro und anderen nichtöffentlichen Räumen.

Mit dem jüngsten Plan, einen Museumsshop im jetzigen Hausmeisterzimmer einzurichten, wird das fast römisch anmutende Badezimmer bald ein Blickpunkt im Schloß werden. Nach Überlegungen der Museumsleitung sei es möglich, daß in dem Raum eine kleine Ausstellung rund um das Bad im 18. und 19 Jahrhundert entstehen könnte.

 

Moritz Daniel Oppenheim: Das „Das Bildnis der Adelheid Cleve“ von Moritz Daniel Oppenheim hängt nunmehr im Schloß Philippsruhe. Es zeigt die erste Ehefrau des berühmten jüdischen Malers. Moritz Daniel Oppenheim wurde am 12. Januar 1800 als Sohn eines jüdischen Handelsmannes in Hanau geboren. Seine Kindheit verbrachte er in der Abgeschlossenheit des Hanauer Judenviertels, wo er die Schule besuchte. Als während der französischen Zeit das Ghetto aufgehoben wurde, konnte er das Gymnasium in Hanau besuchen.

Seine erste künstlerische Unterweisung erhielt er an der Hanauer Zeichenakademie unter Conrad Westermayr, der sein Talent erkannte und Oppenheim sehr förderte. Eine weitere Ausbildung absolvierte er an der Münchner Kunstakademie und bei Jean Baptiste Regnault in Paris. Wie viele deutsche Künstler arbeitete Moritz Oppenheim auch - von 1821 bis 1825 - in Italien.

Der Hanauer Kulturjournalist Werner Kurz entdeckte das Gemälde zufällig in einem Auktionshaus in Mutterstadt. Die Stadt Hanau griff zu und ersteigerte bei einer der nächsten Auktionen das Bildnis - für sage und schreibe 4.800 Mark! Das Bildnis der Adelheid ist mit 104mal 84,5 Zentimetern nicht nur recht groß, sondern mit Blick auf den damaligen Stand der Emanzipation exorbitant. Anton Merk betont, daß der „Sandkastenliebe“ des Malers Oppenheim mit diesem Bildnis fast eine Vorreiterinnenrolle zukam, hatten die Frauen doch auch im traditionell-orthodoxen Judentum festgelegte Rollen, die sie nicht gerade nach außen drängen. Kurz gesagt: Männer hatten die Nase vorn und so entstanden selbstredend mehr Männerporträts.

Adelheid Cleve wurde 1800, im selben Jahr wie Moritz Daniel Oppenheim, in der Hanauer Judengasse geboren. ihr Vater, ein ehemaliger Juwelenhändler, starb früh. Ihr acht Jahre älterer Bruder Moritz Cleve gehörte als „Jäger zu Roß“ zu den jüdischen Freiwilligen in den Freiheitskriegen. Als Moritz Oppenheim plante, mit der „mir stets treu gebliebenen, guten frommen Adelheid Cleve“ den Bund fürs Leben einzugehen, gab es zunächst Widerstand von Adelheids Großmutter.

Es war für damalige Verhältnisse geradezu unfaßbar, als Künstler sein Geld zu verdienen. Auch die Behörden machten dem jungen Oppenheim Schwierigkeiten: Die Provinzialregierung des Kurfürstentums Hessen verlangte von ihm in der abhängigen Stellung eines Schutzjuden „zwecks Niederlassung und Eheschließung“ ein spezielles Gesuch und die Bereitschaft, entsprechende Abgaben zu zahlen. Nachdem die Akte 1828 vollständig war, heirateten die beiden am 18.   August und bezogen eine Wohnung in der Hanauer Chaussee im benachbarten Frankfurt. Sie zeugten drei Kinder: Alexander (geboren im Jahr 1829), Simon Emil Moritz (1831) und Carl (1835). Knapp zwei Jahre nach der Geburt des Jüngsten starb Adelheid Oppenheim- Cleve am 11. Dezember 1836.

Von Adelheid Cleve waren bisher nur zwei Bildnisse bekannt. „Eines der schönsten jedoch, die sein Pinsel schuf, ein Werk voller Innerlichkeit, dem eine gewisse jüdische Sentimentalität nicht abgesprochen werden kann, voller Zartheit und Weichheit“ (Karl Schwarz: „Die Juden in der Kunst“, Berlin 1928) war die Huldigung an seine Kindheitsliebe, die mit ihm die Cheder (Schule) besucht hatte. Im Jahre 1828 schuf er ein Ehebildnis - es hängt im Jüdischen Museum Frankfurt - in dem er seine junge Frau und sich bereits als gutsituiertes Paar darstellt, allerdings noch in biedermeierlicher Zurückhaltung.

Die Neuerwerbung zeigt die damals 32jährige als eine zu Wohlstand gekommene Frau von durchaus jugendlicher Schönheit in einem repräsentativen Rahmen. Sie sitzt vor einem purpurnen Vorhang, in einem für den Sabbat üblichen weißen Seidenkleid und einem pelzverbrämten Umhang. Auf einem kleinen Tischchen neben ihr liegt ein Buch, Zeichen ihrer Bildung und Belesenheit. Dies war für jüdische Frauen in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich. Adelheid war in idealisierter Form wohl das unmittelbare Schönheitsideal ihres Gatten, das er in vielen seiner Gemälde verwandte.

Das wohl schönste Beispiel dafür ist das Bild „Joseph und das Weib des Potiphar“ aus dem Jahr 1828. Man darf es kühn nennen, zeigt es doch eine nackte Schönheit, nur ein durchsichtiges Tuch um Hüfte und Bein gewunden, die sich begehrlich an Joseph schmiegt. Das Werk stammt aus dem ersten Ehejahr mit Oppenheim - und dieser verpaßte dem „Weib des Potiphar“ nicht nur das Antlitz seiner Adelheid, sondern auch dem Joseph die Züge seines Malerfreundes Friedrich Müller.

 

Portal:

Im Zuge des Umbaus zum Wohnsitz bekam das Schloß ein neues Portal, das der Landgraf anno 1878 bei Bergeotte & Dauvillier in Paris zum Preis von 32.000 Goldmark in Auftrag gegeben hatte. Ende März 1880 traf die gewaltige Sendung auf dem Hanauer Westbahnhof ein. Das Hauptportal ist 6,30 Meter breit, die Seiten kommen auf 3,40 Meter, die gesamte Anlage auf die Breite von 22 Metern.

Im September gab das Stadtparlament grünes Licht für die längst fällige 600.000 Mark teure Restaurierung 150.000 Mark gab die Landesdenkmalpflege hinzu, den Rest brachten Stadt und Bürger auf. Im November 1996 begannen  die Arbeiten, im Februar 1998 wurde das Tor wieder montiert.

Um so unglücklicher waren Hanauer, als die neuvergoldeten Kronen geklaut wurden. Hier zeigte sich ein weiteres Mal der Hanauer Bürgersinn: Das Ehepaar Gerlind und Eckhart Fischer-Defoy sprang mit einer großzügigen Spende ein, die sie just an dem Tag übergab, als die gestohlenen Exemplare wieder auftauchten. Die Spende wurde dennoch nicht wieder zurückgezogen, sondern ebenfalls der Restaurierung beigesteuert.

Schon Kaiser Wilhelm I. wußte Philippsruhe zu schätzen, so die Überlieferung. Denn als er auf der Rückreise von der festlichen Eröffnung der Frankfurter Oper Station bei seiner landgräflichen Nichte in Hanau machte, soll er gesagt haben, daß es das schönste Schloß sei, welches er besucht habe. Wie stolz die Hanauer noch heute auf den großzügigen Prachtbau am dem Kesselstädter Mainufer sind, belegen ihre Spenden. Die vergoldeten Kupfermünzen zum Preis von zehn Mark, die sieben Serviceclubs unter Federführung des „Zonta Clubs“ verkauften, gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

So kamen laut „Goldpfennig-Initiatorin“ Irmhild Richter jene 45.000 Mark zusammen, die in die Vergoldung flossen und ein historisch sichtbares Zeichen setzen, wie sich die Bürger mit dem Schloßtor als Wahrzeichen der Hanauer Stadtgeschichte identifizieren.

Dem 118 Jahre alten Portal hatte indes nicht nur der Zahn der Zeit so arg zugesetzt, daß höchste Eisenbahn angesagt war. Materialfehler, der dicht daran vorbeifließende Verkehr und die Luftverschmutzung hatten das 18 Tonnen schwere, eiserne Kunstwerk stark beschädigt. Fast zwei Jahre zogen ins Land, ehe die Reparaturarbeiten der Firma Mützel in Würzburg- Randersacker beendet waren und das gute Stück in neuem Glanz an seinen alten Platz zurückkehrte. Der aufpolierten Visitenkarte von Philippsruhe soll bis zur Hessischen Landesgartenschau 2002 die Sanierung der Anlage folgen, am 9. August 2001 wird die 300. Wiederkehr der Grundsteinlegung gefeiert.

 

 

Hanauer „Lebenshilfe“:

Der Freizeitclub der Hanauer „Lebenshilfe“ hat sich vergrößert: Im historischen Gärtnerhäuschen von Schloß Philippsruhe belegt der Verein, der mit geistig und mehrfach behinderten Menschen arbeitet, neben dem Erdgeschoß, wo er seit 1981 residiert, nun auch den ersten Stock - und somit das ganze Gebäude. Der Garten wird zur Zeit behindertengerecht von der Landesgartenschau (LGS) hergerichtet.

Ein bißchen tut es Doris Peter schon leid um den romantisch verwilderten Garten. Eines morgens, als sie das Tor öffnete, war alles weg: die Rosen, die alten Bäume - im ersten Augenblick ein ziemlicher Schreck für die Vorsitzende der Hanauer „Lebenshilfe“. Die Verantwortlichen für die Landesgartenschau 2002 wollen den Garten bis zum kommenden Frühjahr behindertengerecht umgestalten.

Eine Rampe verbindet den Philippsruher Park bereits mit dem Garten, der im Augenblick noch etwas kahl wirkt: Rasenflächen, Wege, die auf einen leeren Platz führen und ein unbepflanztes Hochbeet in einem langen, kantigen Behälter aus rostigem Eisen, dessen Anblick im historischen Ambiente leicht gewöhnungsbedürftig ist. Die Höhe ist so konzipiert, daß Rollstuhlfahrer bequem in das Beet greifen und dort arbeiten können, daß überhaupt jeder Besucher mühelos einmal an den Pflanzen schnuppern kann, wie Landesgartenschau- Geschäftsführer Albrecht Schaal sagt. Ein Pflaumen- und ein Kirschbaum sind gerade frisch eingesetzt worden, einige Sträucher sollen noch gepflanzt werden, und den kleinen Platz wird bald ein Springbrunnen schmücken.

Ganz überraschend stießen die Arbeiter im Boden übrigens auf einen historischen Grundwasser-Brunnen. Gefunden wurden seine Reste in acht Metern Tiefe unmittelbar am Eingang des Häuschens. Albrecht Schaal nimmt an, daß die Bewohner in diesem Brunnen Wasser für den Garten oder die Küche schöpften. Er wurde vermutlich zeitgleich mit dem Gärtnerhaus im Jahr 1756 erbaut. Zu sehen bekommen werden ihn die Besucher der Landesgartenschau allerdings nicht; eine Präsentation wäre zu aufwendig. Erst nach der Landesgartenschau hergerichtet werden soll das Nebengebäude.

Vom ursprünglichen Fachwerk ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Die Brandschutzauflagen waren so hoch, daß das Gebälk mit speziellen Platten verkleidet werden mußte. So glänzt der große Raum im ersten Stock eher durch Zweckmäßigkeit, denn durch eine behagliche Atmosphäre. Auch die Leute von der „Lebenshilfe“ müssen sich erst an den neuen, gelb gestrichenen Raum mit seinen langen Tischreihen gewöhnen: Im angestammten Erdgeschoß ist es eindeutig gemütlicher.

Seit 1981 betreibt die Lebenshilfe ihren Freizeitclub im idyllischen Gärtnerhäuschen von Schloß Philippsruhe, war allerdings fast zwanzig Jahre lang nur auf die untere Etage beschränkt. Als dann die Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock frei wurde, war klar; daß der Verein nur endlich das ganze Haus in Beschlag nehmen durfte. Aus drei Zimmern wurde ein großer Saal für Versammlungen, Feiern, Theaterspielen, in weiteren Räumen sollen Büros und eine Beratungsstelle entstehen.

Vom ästhetischen Standpunkt eher ein Kompromiß aber erforderlich sind die Fluchtwege, die vom ersten Stock nach unten führen. Für die Rollstuhlfahrer wurde ein geräumiger - optisch ziemlich klotziger - Aufzug direkt an die Hauswand installiert, der bei Stromausfall auch per Handkurbel zu bedienen ist. Weil sich damit kaum mehrere Menschen befördern lassen, hat die „Lebenshilfe“ nebenan noch eine breite Metalltreppe angebaut. Beides gewaltige Konstruktionen und freilich auch Fremdkörper am historischen Platz, die den Winkel zwischen Haupthaus, Nebengebäude und Mauer nutzen, so daß sie wenigstens nur von der Straße aus zu sehen sind.

 

Brunnen:

Nach einer mehrwöchigen Sanierung wurde der Fontänenbrunnen vor Schloss Philippsruhe im März 2002 mit schwerem Krangerät wieder zusammengesetzt. Der Aufbau des Wasserspiels soll ein Gesamtgewicht von knapp 20 Tonnen haben, wobei allein die im Durchmesser vier Meter große Sandsteinschale rund sechs Tonnen auf die Waage bringt. Über die Geschichte des Brunnens, der vermutlich mit der Schlosserweiterung gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand, gibt es offenbar nicht viel zu sagen, außer dass er in den vergangenen Jahrzehnten mehr als einmal undicht war. Das Becken mit seiner Blütenform wurde komplett aus wasserdichtem Beton neu gegossen. Neu ist zudem die Filter- und Pumpentechnik, die einen maximal 1,5 Meter hohen Wasserstrahl erzeugt. Die neue Anlage wälzt die rund 48 Kubikmeter Wasser im Brunnen zweieinhalb Mal in der Stunde um. Die Sandsteinplatten für die Beckenkrone und die Schalen aus gleichem Material wurden nur vom Kalk in befreit und gereinigt, so dass sie sich jetzt wieder in dem typischen Rosa-Ton zeigen.

 

Orchestrion:

In der Altenhaßlauer Werkstatt des Orgelbauers Andreas Schmidt gab nach jahrzehntelangem Stillstand ein über 130 Jahre altes „Walzen-Orchestrion“ aus dem Hanauer Schloß Philippsruhe wieder wohlklingende Töne von sich. Schmidt hat das Arbeit restauriert und wußte bis zum ersten Probelauf selbst nicht, welches Musikstück von der hölzernen Walze mit der Nummer 4 abgespielt wird. Es ist ein Potpourri von Walzermelodien, das die Orgelpfeifen vibrieren läßt.          

Die eher leichte Muse war nicht die erste Überraschung, die der antike Musikbox-Vorläufer den Experten bescherte. Deutlich größer als erwartet sei der Aufwand gewesen, das Instrument mit seiner Konstruktion wieder gang- und anhörbar zu machen. Frühere hohe Schwankungen der Luftfeuchtigkeit am Standort in der Bibliothek des Schlosses hatten zu einem starken Verzug des hölzernen Grundrahmens geführt. Das wiederum habe die Blockade von Wellen und Zahnrädern verursacht.

An den metallischen Teilen, manche aus geschmiedetem Eisen, hat Korrosion beträchtliche Schäden angerichtet. Im Antriebsräderwerk aus Messing war mancher Zahn ausgebrochen und erforderte die originalgetreue Nachfertigung. Zahlreiche Schrauben ließen sich nur noch ausbohren. Das Instrument wurde in sämtliche Einzelteile zerlegt. Alle 184 Pfeifen etwa waren neu abzudichten und zu richten. Von den Baßtönen funktionierte nicht einer. Aufgequollenes Holz war die Ursache, indem es die durchschlagenden Zungen - Metallplättchen, die durch ihre Schwingungen in einer Öffnung im Luftstrom Töne erzeugen -  verklemmt hatte.

Der Versuchung, die Maschinerie durch erst heute mögliche technische Verbesserungen zu perfektionieren, wurde widerstanden. Das hätte dem Geist des historisch korrekten Restaurierens widersprochen, das die Erhaltung der Originalsubstanz im größtmöglichen Umfang verlangt. So war es eine knifflige Aufgabe, die Windversorgung, also das System aus Blasebälgen, Luftkammern, Ventilen und der komplizierten steuerbaren Luftverteilung, der Windlade, trotz fertigungs- und alterungsbedingter Unzulänglichkeiten so herzurichten, daß es wieder funktioniert und mit dem Antriebswerk harmoniert. Jede ganze Windlade ist verzogen und verquollen. Aber ich konnte ja nicht einfach mit der Schleifmaschine drübergehen, sondern mußte mich mit den Gegebenheiten arrangieren.“

Glücklicherweise ist das Herzstück des Orchestrions intakt: eine Walze, aus der zahllose winzige Messingstifte und -klammern hervorstehen. Diese betätigen im Laufe der Drehbewegung filigrane Hebel, die wiederum die Orgel spielen. Schmidt staunt immer noch, mit welcher Perfektion der hölzerne Zylinder gefertigt ist. Genauester Rundlauf ist gefordert, wenn die Hebel die Walze nicht verkratzen oder gar verklemmen sollen. Um Verzug zu verhindern, sei sie aus zahllosen Holzstückchen zusammengesetzt.

Die Walze, eine Art CD des 19. Jahrhunderts, benötigt eine Minute pro Umdrehung. Um den Hörgenuß zu verlängern, haben die Erbauer den Tonträger mit acht spiralförmig angeordneten Spuren versehen. Sie werden nacheinander ausgelesen, indem der Zylinder während der Drehung auch eine Seitwärtsbewegung vollführt. Zu dem Orchestrion soll ein Magazin mit weiteren 13 Walzen gehört haben. Doch diese sind laut Schmidt verschollen, seit das Instrument zum Schutz vor den Bomben im Kriegsjahr 1943 nach Fulda ausgelagert wurde.

Angetrieben werden Walze, Blasebälge und alle übrigen beweglichen Teile, indem man das Uhrwerk aufzieht, sprich: Mittels einer Handkurbel wird ein Seil auf eine Spindel gewickelt, an dessen Ende ein 96 Kilogramm schweres Gewicht hängt, das in die Höhe gezogen wird. Nach dem Lösen dieser Arretierung sinkt das Gewicht vier Meter abwärts und setzt über das Seil das Räderwerk in Bewegung.

Ausgetüftelt hat das Ganze ein Spieluhrmacher aus dem Schwarzwald, Michael Welte. Er gründete in Freiburg im Breisgau die Orchestrion-Fabrik Welte & Sohne, aus der auch das Philippsruher Kleinod stammt. Alte Aufzeichnungen und der Vergleich mit anderen Instrumenten lassen Schmidt vermuten, daß es zwischen 1873 und 1877 hergestellt und von dem Hanauer Instrumentengeschäft August Kraushaar ins Schloß geliefert wurde. Welte hatte später die Ehre, ein Orchestrion für die „Titanic“ zu bauen. Es blieb jedoch an Land, weil es nicht rechtzeitig zur Jungfernfahrt fertig geworden war. Heute steht es im Museum für mechanische Musikgeräte in Bruchsal.

Auch mit dem Philippsruher Instrument gab es Probleme. Häufige Reparaturen schon in den ersten Jahren, einmal sogar in der Freiburger Fabrik, sind vielleicht mit den besonderen Umständen des Aufstellungsortes zu erklären. Zum einen waren in den fraglichen Jahren umfangreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten im Schloß im Gange, zum anderen wurde das Orchestrion nicht im Original-Gehäuse aufgestellt. Die Handwerker verfrachteten es in einen Eichenschrank, der es hinter figürlichen Reliefkassetten im Renaissance-Stil verbarg. Wenn demnächst Orgeltöne im Schloß erklingen, dann ist das renovierte Wunderwerk der Mechanik an seinen Platz zurückgekehrt.

 

Gartenkunst:

Vom 12. Mai bis zum 7. Juli 2002 war in Schloß Philippsruhe die Ausstellung „Hanauer Gartenkunst“ zu sehen. In der großen Ausstellung wird neues Material gezeigt. Die mehr als 150 Leihgaben aus den Magazinen der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten und den Staatlichen Museen Kassel bezeichnet er als Juwel". Die colorierten Zeichnungen und Grafiken aus der Zeit von der Mitte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stellen Entwürfe zu Gärten und Grünflächen für die Anlagen dar Kurpark Wilhelmsbad, Schloßpark Philippsruhe, Schloßgarten an der heutigen Stadthalle, Fasanerie und auch Schloß Rumpenheim in Offenbach, wohin die Gräfin Maria, Mutter des Erbprinzen Wilhelm ihren Sommersitz verlegte, nachdem sie Philippsruhe ihrem Sohn überließ.

Die Gartenbaupläne geben nicht nur „neue Aspekte“ etwa zum Schloßgarten wieder, sondern offenbaren auch die Lust des Prinzen, gestalterisch Grün zu ordnen - jedenfalls sollen einige Zeichnungen aus der Stahlfeder von Wilhelm stammen. Jakob Heerwagen ist eine andere bedeutende Persönlichkeit im Rahmen der Ausstellung. Der Architekt fertigte unter anderem Entwürfe zur Gartenkunst im städtischen Quartieren an. Heerwagen entwarf überdies in Zusammenarbeit mit dem Erbprinzen einen prachtvollen Rokokoplatz in der Nähe des heutigen Freiheitsplatzes.

Warum das Vorhaben nicht über das Stadium von Zeichnungen hinaus kam, lag nach Auskunft von Anton Merk vermutlich an den finanziellen Folgen und an dem Umzug von Wilhelm nach Kassel. Der Museumsleiter ist sich jedoch sicher, daß der Rokokoplatz heute in der Region ein architektonisches Highlight wäre.

Hanau war vor mehr als 230 Jahre eine der Keimzellen französischer und englischer Gartenkultur östlich des Rheins. Im Jahr 2002 gab es die Ausstellung „Natur und Kultur - Gartenkunst in Hanau“ in Schloß Philippsruhe. Begleitend zu der sehenswerten Ausstellung, die mit Plänen und Grafiken etwa aus dem Magazin der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten sowie der Staatlichen Museen Kassel verwirklichte und geplante Gärten betrachtet, ist ein Katalog herausgegeben worden. Er begnügt sich nicht allein mit der bloßen Beschreibung der Exponate. Das Werk ist ein exakter Führer durch die bedeutendste Epoche der Hanauer Gartenbaukunst von 1632 bis 1880 mit vielen Illustrationen und Fußnoten.

Die Geschichte der Hanauer Gartenkultur beginnt mit dem Ende des 30-jährigen Krieges 1648, als die wieder wachsende Bevölkerungszahl in den Städten das städtebauliche Korsett der Stadtmauer sprengte, die ob neuer Kanonen ohnehin von ihrer schützenden Wirkung eingebüßt hatten. Die historische Betrachtung geht von den „Zwickeln“ aus, kleine Flächen zwischen der sternförmig angelegten Stadtmauer und der Bebauung. Mitte des 18. Jahrhunderts entstehen die ersten Vorstadtgärten, die Anton Merk, Direktor vom Museum Schloß Philippsruhe, in dem Kapitel „Haingassengärten“ beschreibt. Folge dieser Kulturlandschaften sind Lust- und bürgerliche Gärten.

 

Mainaue:

Mit der Gestaltung des Projektes  „Mainaue/Schloß Philippsruhe“ wird der Regionalpark im Jahr 2003 mit den Anlagen der Landesgartenschau verbunden. Hierzu werden der von Maintal kommende Mainuferweg hochwassersicher befestigt und ein neuer Kinderspielplatz angelegt.

Mit Mitteln moderner Gartenkunst werden die wie überdimensionale Maulwurfshügel wirkenden Revisionsschächte des Abwasserkanals Richtung Kläranlage Kesselstadt umgestaltet. Neben den Kunstobjekten fallen die Maulwurfshügel Spaziergängern auf dem Mainuferweg sogleich auf. Sie ragen bis zu vier Meter aus dem Boden hervor. Man kann sie erklettern und hat von oben einen weiten Blick über die Mainaue.

Entsprechend ihrer neuen Nutzung erhalten sie im Zuge des Projektes auch konkrete Bezeichnungen. „Anlegbar“ soll der erste, etwas niedrigere Hügel heißen. Vorgesehen ist, diesen an drei Seiten mit einer Bank als „Warteort“ am Fähranleger zu gestalten. Gleichzeitig trete der Poller auf einer Edelstahlplatte in Dialog mit dem Schloß, das wie ein Schiff in der Aue liege, heißt es. Die zweite Erhebung soll „Besitzbar“ getauft werden. Von Stühlen oder einem Holzrost könne man das Treiben in der Aue beobachten. Der dritte Hügel wird zu einem Spielplatz umgestaltet und erhält den Namen „Bespielbar“. Kinder sollen sich am Seil hoch hangeln oder auf drei langen Bahnen auf die Wiese herunterrutschen können.

 

 

Mittelbuchen

 

Lage:

Mittelbuchen liegt 105‑110 Meter über N.N. Die Gemarkung umfaßt 946 Hektar (davon 225 Hektar Gemeindewald) und grenzt im Norden an Roßdorf, im Osten an Bruchköbel, im Süden an Hanau und im Westen an Wachenbuchen. Westlich von Mittelbuchen zieht sich die Hohe Straße (Schäferküppel), nach Nordosten führend, hin.

 

Bodenfunde:

Vor- und Frühgeschichte in: Festschrift bucha marca iubilans 1998, Seite 12-30

Jungsteinzeit: Siedlungen der bandkeramischen Kultur an der Straße nach Kilianstädten westlich und nordwestlich des Ortes an der Stelle der ehemaligen Ziegelei und am „Wiesborn“, ein Kilometer nordwestlich des Ortes (Bild: Michelsberger Kultur Seite 46).

Ältere Eisenzeit: Hügelgräber im Tannenwald „Dreispitze“.

Römische Zeit: Gutshöfe unterhalb des Lützelberges; östlich des Ortes an der Straße nach Bruchköbel; 300 Meter nordwestlich vom Nordtore der alten Dorfbefestigung.

Fränkische Zeit: Reihengräberfeld zwischen dem Nordwestende des Dorfes und der „Kilianstädter Hohl“. ‑ Der „Heideborn“, eine gewölbte Brunnenkammer, liegt bereits jenseits der nördlichen Gemarkungsgrenze auf Kilianstädter Gebiet. Aus ihr scheint eine der bei Mittelbuchen gefundenen Wasserleitungen gespeist worden zu sein.

Bild, Seite 234: Straßenbild mit Blick auf die Kirche in Mittelbuchen

 

Bandkeramische Siedlung

Der Fundplatz im Bereich zwischen dem Simmichborn, der Kilianstädter Straße und der Planstraße bzw. dem Weg „Hinter dem Hain“ am nordwestlichen Rand des Ortskerns von Mittelbuchen wurde aufgrund von Oberflächenfunden entdeckt, weshalb die Arbeitsgemeinschaft Vor‑ und Frühgeschichte des Hanauer Geschichtsvereins eine kleine Testfläche öffnete. Als der gesamte an die Bebauung nach Westen anschließende Bereich als Baugelände ausgewiesen wurde, fand 1992 und 1993 mit Mitteln der Stadt Hanau, der Baugrundbesitzer und der Denkmalpflege eine Ausgrabung des Seminars für Vor‑ und Frühgeschichte der Universität Frankfurt statt.

Die Bodenerhaltung auf dem Fundplatz ist sehr unterschiedlich. Im oberen Hangbereich befindet sich unter dem Pflughorizont ein 40‑50 Zentimeter mächtiges Kolluvium, unter dem sich ein bis zu 20 Zentimeter mächtiger Rest des B‑Horizonts erhalten hat. An der Hangschulter fehlen das Kolluvium und der B‑Horizont, so daß unter dem Pflughorizont unmittelbar der C‑ Horizont ansteht. Im unteren Hangbereich, wo heute das Gefälle bereits wesentlich abnimmt, ist wieder ein B‑Horizont mit zunehmend kolluvialer Überdeckung ausgeprägt.

Die ältesten menschlichen Hinterlassenschaften liegen aus der Zeit der ältesten Bandkeramik vor. Damals, um etwa 5500 v. Chr., begann man hierzulande mit Ackerbau und Viehzucht. Aus dieser Zeit stammen in Mittelbuchen drei Häuser, die somit zu den ältesten in unserem Raum gehören. Sie werden durch die Funde aus zugehörigen Längsgruben und anderen Befunden genauer zu datieren sein. Zwei von diesen Häusern konnten in ihrer Gesamtausdehnung vollständig erfaßt werden. Sie sind mit den Bauten von Friedberg‑Bruchenbrücken und Frankfurt‑Niedereschbach zu vergleichen.

Eine deutlich größere Anzahl von Befunden stammt aus der späteren Bandkeramik etwa der Phasen IV‑V nach Meler‑Arendt. Ein frag1icher Hausgrundriß ist wegen einer Überschneidung sicher nicht mit einer Grabenanlage gleichzeitig. Dieser Spitzgraben wurde in der Grabung auf einer Strecke von etwa 40 Meter erfaßt und ist mit drei Meter Tiefe bei vier Meter Breite gut erhalten. Durch zusätzliche Magnetometermessungen ist sein Verlauf heute auf 160 Meter Länge bis zur Kilianstädter Straße bekannt. Außer einem Durchlaß zeigte sich, daß er aufgrund seiner geringen Krümmung zu den ganz großen Anlagen von sicher über 200 Meter Durchmesser gehört.

Mehrere vermutlich gleichzeitige Gruben enthielten große Mengen Rotlehm. Bei einer von ihnen handelt es sich am wahrscheinlichsten um den geringfügig umgelagerten verziegelten oberen Teil einer zylinderförmigen Grube. Vielleicht gelingt es, mit Hilfe der gleichzeitigen, gut erhaltenen Befunde mit zahlreichen Fundstücken die Funktion dieser immer noch rätselhaften Grabenanlagen, die zu den großen Gemeinschaftsarbeiten der Jungsteinzeit gehören, besser zu verstehen. Gleichzeitige Häuser fehlen jedenfalls in der bisher ausgegrabenen Fläche von über 5000 Quadratmeter.

Zu den Funden gehören sehr gut erhaltene, verkohlte Pflanzenreste, wie einige bereits geschlämmte Proben zeigen. A. Kreuz von der Kommission für archäologische Landesforschung Hessen (KAL) bestimmte Emmer, Einkorn, Gerste und Erbsen. Von besonderer Bedeutung könnten Funde von Dinkel in einer der Gruben der späteren Bandkeramik sein. Möglicherweise gehören sie zu den ältesten Belegen dieser Kulturpflanze in unserem Raum.

Zwei größere Befunde sind in die Latènezeit zu datieren. Einer von ihnen ist wohl als Grubenhaus zu deuten, weil er einen rechteckigen Grundriß, einen flachen Boden und einen Pfosten an einer Schmalseite besitzt. Ihre Zeitstellung ist durch vier Fibeln vom Spätlatène-Schema, darunter eine Nauheimer Fibel, sowie einen blau‑gelben Glasarmring gut zu bestimmen. Große Befunde und besonders die mit viel Rotlehm oder Metallfunden zeichnen sich trotz der mächtigen kolluvialen Überlagerung gut in den Magnetometermessungen ab, die von der KAL vor der Ausgrabung in einem südlichen Teil der später aufgedeckten Fläche durchgeführt wurden.

Pingsdorfer Keramik oder Nachahmungen stammen aus einer Reihe von hellgrau verfüllten zylinderförmigen Gruben aus der dem Ort nächstgelegenen Grabungsfläche und können vorläufig grob in den Zeitraum zwischen der Mitte des 9. und das frühe 13. Jahrhundert eingeordnet werden.

Im ausgegrabenen Bereich kamen zwei Wasserleitungen zutage. Eine verlief etwa Nordost‑ Südwest ungefähr in der Richtung des größten Gefälles. Sie bestand wohl aus Holzrohren, die in regelmäßigen Abständen von Eisenklammern zusammengehalten wurden. Die andere Wasserleitung aus hellgrauen Keramikrohren verläuft etwa Nordwest‑Südost und somit hangparallel. Für eine vergleichbare Leitung ist ein naturwissenschaftliches Datum von 1570 ± 50 bekannt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der Gründung der Neustadt Hanau im Jahr 1597. Zwei parallel laufende Gräben werden bei der Belagerung Hanaus 1635‑1636 im Dreißigjährigen Krieg angelegt worden sein, da aus einem der Gräben eine Münze mit dem Prägedatum von 1633 stammt.

 

 

Westlich von Mittelbuchen

Wenn in naher Zukunft junge Familien ihr neues Häuschen im Grünen am westlichen Ortsrand von Mittelbuchen beziehen, sind sie nicht die ersten Menschen, die sich genau an dieser Stelle niederlassen. Wie Archäologen des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege herausfanden, lebten hier bereits Menschen der vorrömischen Eisenzeit in einer Siedlung. „Mittelbuchen ist ein archäologisches Schatzkästlein“, zeigte sich Grabungsleiter Frank Lorscheider auf einer Pressekonferenz begeistert von den Untersuchungsergebnissen.

In dem Mittelbuchener Boden fänden sich Hinweise und Fundstücke aus zahlreichen Epochen der menschlichen Siedlungsgeschichte. Auch - und das ist die Besonderheit, die die Funde durchaus aus wissenschaftlicher Sicht zur kleinen Sensation werden lassen - aus der Eisenzeit des sechsten und siebten Jahrhunderts vor Christus. „Hier kann endlich gezeigt werden, wie die normalen Menschen dieser Zeit gelebt haben“, erklärte Dr. Guntram Schwitalla vom Landesamt für Denkmalpflege. Denn bislang seien aus dieser Zeit hauptsächlich Gräber entdeckt worden, darunter prachtvolle Herrschergräber, beispielsweise die Ruhestätte des Keltenfürsten vom Glauberg. „Aber das waren meist Protzobjekte, die nichts mit den normalen Lebensverhältnissen der Menschen zu tun hatten“, fügte Dr. Schwitalla hinzu.

Die Grabungsarbeiten sind der Auftakt zur Erschließung des Geländes am westlichsten Zipfel Mittelbuchens als Wohngebiet. Die Stadt hat die Firma Terramag beauftragt, die Erschließung und die Vermarktung zu übernehmen. „Wir haben entschieden, frühzeitig die Belange der Archäolo‑

gie abzuarbeiten, so dass das Thema bei Beginn der Erschließung abgehakt ist“, erklärte Terramag-Projektleiter Thomas Müller. Die Erklärung hierfür ist einfach: Jeder Tag, an dem die Bagger aufgrund archäologischer Untersuchungen still stehen, kostet teueres Geld. So konnten die Wissenschaftler im Vorfeld der Erschließung nach eigenem Ermessen ungestört schalten und walten. 86 000 Quadratmeter beträgt die Fläche, auf der im Laufe des Jahres 2006 überwiegend einzelstehende Einfamilienhäuser entstehen werden. Die Kosten für die archäologische Untersuchung - mit einem geschätzten Kostenvolumen von rund 50 000 bis 100 000 Euro - werden auf die Grundstückspreise umgelegt.

Entdeckt haben die Archäologen im künftigen Neubaugebiet Pfostenstellungen und Vorratsgruben, die den Experten Einblicke in die früheren Lebensgewohnheiten der Eisenzeit-Menschen geben können. Derartige Siedlungsstellen liefern eine Fülle von Informationen über den einstigen Alltag. Erstaunt waren die Ausgräber über die üppigen Dimensionen der Vorratsgruben, die die einst hier lebenden Menschen anlegten. Bis zu zwei Meter tief mit einer 2,40 Meter messenden Aushöhlung betrugen diese ersten „Vorratskeller“ der Menschheitsgeschichte. Wie Dr. Guntram Schwitalla ausführte, haben Experimentalarchäologen sogar herausgefunden, dass sich diese Vorratsgruben auch für Lagerung von Getreide eigneten. Dabei wurden die Gruben bis zum Rand mit Getreide gefüllt. „Die äußeren Schichten reagierten mit der Feuchtigkeit und keimten auf. „Dabei verbrauchten sie Sauerstoff“, erklärte der Archäologe. Daher wurde Teil des eingelagerten und konservier. Getreides vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt, da dieses Getreide quasi über ein natürlichen Schutzschild in Form von Keim verfügten. Dass die damaligen Menschen Ackerbau betrieben, bestätigt Frank Lorscheid „Wir haben sog Reste der besonders fruchtbaren Schwarzerde gefunden“, sagte der Ausgrabungsleiter. Auch auf eine andere Entdeckung jüngeren Baujahrs stieß das Grabungsteam. Die Erschließungsfläche wird durchquert von einer alten Wasserleitung, bestehend aus ineinander gesteckten Tonröhren, die in regelmäßigen Abständen in aus Sandstein gehauenen Sinkkästen münden. Diese Leitung, die den  Altertumsforschern schon bekannt war, verläuft von Wachenbuchen bis nach Hanau. „20 bis 30 Kilometer“, schätzte Lorscheid die Gesamtlänge der im Zeitraum von 1540 bis 1570 entstandenen Installation. Bewunderung ernteten die frühen Bauingenieur für die perfekte Verlegung der Leitung und die passgenaue Verarbeitung der in ineinander gesteckten Tonröhren. „Das ist eine riesengroße Leistung“, zollte Lorsch der den Erbauern seinen Respekt.

Die Ausgräber fanden Spindeln zur Herstellung von Garnfäden aus grauer Vorzeit, einen Wetzsteine sowie eine Vielzahl von Gefäßscherben. Zurzeit werden die Funde verpackt und werden anschließe ins Landesamt für Denkmalpflege verbracht.

 

 

Zweiter Limes

Späte Genugtuung für den Hanauer Historiker Georg Wolff. Funde von Resten von drei Römerkastellen im Mittelbuchener Neubaugebiet Hamburger Allee beweisen zweifelsfrei, daß der Experte vor 120 Jahren mit seiner Theorie Recht hatte. Es hatte zu Zeiten der Kaiser Domitian und Vespasian eine weiter westlich liegende Verteidigungslinie gegeben und die Römer hatten erst später nach einem Kriegszug gegen die Chatten den Limes auf die Linie Großkrotzenburg‑Rückingen‑Marköbel verschoben. Wolff hatte bereits Ende des vorletzten Jahrhunderts die These aufgestellt, daß die Grenze des römischen Reiches zu Germanien weiter westlich gelegen haben muß. Die Funde in Hanau‑Kesselstadt auf dem Salisberg (Badehaus) und im Heldenberger Neubaugebiet Allee Mitte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre (Kastelldorf) waren weitere Grundlagen für diese These. Diese römischen Militäranlagen liegen nämlich exakt 5,5 Kilometer in nördlicher und südlicher Richtung von den nun entdeckten Lagern in Mittelbuchen entfernt.

Als im Juli 2001 Versorgungsleitungen im Mittelbuchener Neubaugebiet „Östlich der Hamburger Allee“ verlegt werden sollten, waren auch Archäologen dabei. Eigentlich war man nicht davon ausgegangen, auf römische Spuren zu stoßen, sondern hatte mit Funden aus der Jungsteinzeit gerechnet. Allerdings war bekannt, daß die Römer auch in Mittelbuchen ansässig waren. In der Ebene jenseits der Straße nach Bruchköbel hatte eben jener Georg Wolff vor 120 Jahren eine Ausgrabung organisiert und erfolgreich durchgeführt, war aber davon ausgegangen, Reste eines römischen Gutshofs entdeckt zu haben. Jetzt ist sicher, daß es sich bei den Funden um Reste des Lagerdorfs gehandelt haben muß.

Die Ausgräber fanden zunächst die Umfriedungsreste und Gräben von drei römischen Kastellen. Dem ältesten und mit einer Grundfläche von 40 auf 40 Meter kleinsten Fort für 80 Mann Besatzung konnte eine Entstehungszeit zwischen 80 bis 90 nach Christus zugeordnet werden. Vielleicht kann auch noch geklärt werden, welche Funktion das dritte Römerkastell (ein kleiner Teil eines Grabens und das Tor konnten lokalisiert werden) hatte und welche Dimensionen das älteste der drei Lager aufwies.

Man entdeckte zwei umgebende Spitzgräben (1,50 und 1,90 Meter tief). Einer läuft schnurgerade durch das Gebiet und konnte auf einer Länge von über 210 Metern nachgewiesen werden ‑ ohne daß sein Ende erreicht wäre. In den Gräben fanden die Archäologen neben bisher rund 3.000 Scherben von Gebrauchsgefäßen (zum Beispiel aus Spanien und Südfrankreich) unter anderem eine 74 nach Christus geprägte Bronzemünze (ein As), einen beinernen Spielwürfel, Schuhnägel der genagelten Militärsandalen sowie eine eiserne Geschoßspitze eines Pfeilgeschützes. Dieser letzte Fund läßt den Schluß zu, daß die Besatzung aus Legionären aus Mainz und nicht aus Hilfstruppen bestanden haben muß.

Etwa um 100 nach Christus wurde das Römerkastell aufgegeben und die Gräben zugeschüttet.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ein erheblich größeres Lager erstellt, von dem die Ausgräber bislang einen 210 Meter langen Graben mit einer Mindesttiefe von 1,80 Meter entdeckt haben. Der Grabungsleiter geht davon aus, daß im Zuge der Feldzüge von Kaiser Domitian gegen die Chatten eine grundlegende Umstrukturierung der militärischen Präsenz stattfand, denn das spätere Lager faßte mindestens 2.000 Mann Besatzung und besaß eine Badeanstalt, wie ein geprägter Ziegel verriet. Der gab auch preis, wer dort stationiert war: Die XXII. Legion, die 97 n. Chr. vom Niederrhein nach Mainz verlegt worden war. Dieses Kastell wurde bereits 110 n. Chr. wieder aufgegeben, denn von diesem Zeitpunkt an läßt sich die Existenz des weiter östlichen gelegenen Limes auf der Linie Großkrotzenburg ‑ Rückingen ‑ Marköbel nachweisen.

Bei den Ausgrabungen stießen Archäologen dann auf ein weiteres römisches Weinkastell. Es ist das nunmehr vierte in dem fast 2000 Jahre alten Militärlager, das Ende Juni überraschend entdeckt wurde. Zwischen 80 und 100 n. Chr. war die Anlage Außenposten des Imperiums ‑ damit wurde die Theorie einer älteren, hinteren Limeslinie Gewißheit.

Mindestens vier verschiedene Truppenlager hat es auf dem Gelände nach aktuellem Stand zwischen 80 und 100 nach Christus gegeben. Die vermutlich älteste Anlage ist ein etwa 40 mal 40 Meter großes Kleinkastell, das von zwei Spitzgräben umgeben war. Ein zweites Kleinkastell wurde erst vergangene Woche ganz in der Nähe gefunden. Es hatte ein quadratisches Tor, was heute noch erkennbar ist an den Löchern, die für die Pfosten in den Boden geschlagen wurden: Die Erde hat an diesen Stellen eine dunklere Farbe. Von den Innenbauten ist dagegen kaum noch etwas erhalten; die Baracken waren in der Hanglage bereits der fortschreitenden Erosion zum Opfer gefallen.

Um so reichhaltiger sind die Funde in den Gräben. Beim Verlassen des Lagers warfen die Soldaten ihre Abfälle ‑ das, was sie nicht brauchten ‑ einfach in die Gräben. Besonders vielfältig sind die Keramikfunde, die belegen, daß selbst ein so kleiner und abseits vom Zentrum liegender Posten mit Importware aus entfernten Gebieten beliefert wurde: zum Beispiel mit dem edlen römischen Tafelgeschirr „Terra sigillata“, das in Südfrankreich hergestellt wurde. Jedes Stück wurde signiert, und so ist anhand einer Scherbe zu erfahren, daß Mittelbuchen Ware aus der Fertigung eines gewissen „Jucundus“ bezog. Entdeckt wurden auch etliche Amphoren, in denen aus Spanien stammendes Olivenöl transportiert wurde. Oder eine antike Reibe zum Zerkleinern von Käse oder Gewürzen.

Wertvolle, weil seltene Funde sind Teile von Glasgefäßen, in denen Parfüm aufbewahrt wurde. Eine Kostbarkeit ist zudem der beinerne Spielwürfel, mit dem sich die Soldaten die Zeit vertrieben haben. Auch lose Tierknochen haben die Archäologen gefunden; sie belegen für den Archäologen Dr. Reuter das große Geschick der römischen Metzger ‑ im Gegensatz zu dem der Germanen.

Einen ungewöhnlichen Fund stellen zudem zwei Nägel dar ‑ denn die Römer pflegten alles Metallische wieder zu verwerten. Sie zogen jeden Nagel raus.  Irgend jemand hat da wohl schlampig gearbeitet. In Eile oder mit seinen Gedanken woanders war vielleicht auch jener Soldat, der eine Bronzemünze verloren hat. Das Fundstück wurde 74 nach Christus geprägt und trägt das Bild von Titus, der zu diesem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht Kaiser war: Sein Vater Vespasian, der damals auf dem römischen Thron saß, wollte damit bereits Propaganda für seinen Sohn machen.

Mittelbuchen war 30 Jahre lang Grenze eines Reiches, das von Syrien und dem südlichen Spanien bis nach Britannien reichte. Die Römer, so der Archäologe, legten ihre Kastelle nicht planlos an, sondern errichteten ein „wohldurchdachtes, linear organisiertes Sicherungssystem, das für einige Jahrzehnte einen Grenzabschnitt des Imperium Romanum sicherte“. Und bei dieser Grenzsicherung spielten die Kastelle in Mittelbuchen mit Sicherheit bis 110 vor Christus eine wichtige Rolle. Nach der Auswertung durch den Hanauer Geschichtsverein sollen die Funde im Heimatmuseum Mittelbuchen zu sehen sein.

 

Älteste Namensformen: (Bucha 798), Buochon um 850 usw., siehe auch Wachenbuchen; Mittelbuchen 1344, Mittilnbuychin 1360.

Oberbuchen, wüst, bei Mittelbuchen angeführt 1544; sonst Lützelbuchen (im 15. Jahrhundert wüst).

 

Geschichtliches:

Berühmte Spuren hinterließen die Römer, die ab 69 n. Chr. Wege anlegten, die später als Grenze mit Graben und Pfählen befestigt wurden: der Limes. 2001 wurde östlich der Hamburger Allee das Erbe der Römer gefunden: vier römische Militäranlagen, davon zwei Kastelle.

Dorf des hanauischen Amtes Büchertal (das nach den Buchenorten genannt ist); gehörte wohl zum Stammbesitz der Herren von Hanau (vorher Herren von Buchen); die Vogtei war 1370 Lehen von den von Brauneck.

Im Jahr 798 ist in einer Schenkungsurkunde „bucha marca” aufgeführt, 1239 wird der Name Mittelbuchen erstmals genannt.

Eine Brandschatzung der Ortschaft ist für 1392 notiert. Die vorbeiführende Hohe Straße wurde nicht nur von Händlern genutzt, sie war auch ein schneller Weg für Kriegsknechte. So haben die Mittelbucher eine Mauer um das Dorf gezogen und einen Turm errichtet: das 1535 erstmals erwähnte Obertor.

Während des 30-jährigen Krieges strapazierten Söldnerheere die Gemeindekasse. Ein Hauptmann und seine Begleiter erhielten für Löhnung, Kost, Wein und Bier nicht weniger als 153 „Reichsdaler” . „100 Gulden von der Hanauer Präsenz verwandt, in höchsten Nöten gegen französische Brandschatzungen” wurden 1688 bezahlt. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es mehrere große Brände. Der Spanische Erbfolgekrieg brachte im Jahr 1706 österreichische Besatzung, gegen die sich die Bevölkerung zur Wehr setzte. Es hat es nicht viel gebracht, die Gemeinde musste 1375 Gulden Kriegskosten aufbringen. 1745 sind österreichische Husaren und Dragoner Gäste des Dorfes. Der Viehbestand von 123 Kühen und 187 Schweinen wird sicherlich darunter gelitten haben, zumal nachweislich Lieferungen nach Wachenbuchen, Hochstadt, Kilianstädten, Bruchköbel, Roßdorf, Dörnigheim und Rumpenheim erfolgten.

1757 erscheinen französischen Truppen, die sie erst nach sechs schweren Jahren wieder verlassen. Wie schwer dies auf Mittelbuchen und dem Gemeindesäckel lastete, beweist die Tatsache, dass die Einwohner schon 1757 ihr Zugvieh abschafften, „da es doch von den Franzosen geraubt wird”.

Der Erste Weltkrieg kostete 44 Soldaten aus Mittelbuchen das Leben, 90 fielen im Zweiten Weltkrieg. Am 6. Januar 1945 beim ersten Großangriff auf Hanau wurde auch in Mittelbuchen die Kirche und zahlreiche Gebäude durch Brandbomben zerstört. Bei Bombenabwürfen auf Mittelbuchen wurden zirka 80 Häuser und Scheunen vernichtet, weitere elf Menschen fanden den Tod. Als die Amerikaner aus Richtung Wachenbuchen einrückten, vermuteten sie offenbar im Kirchturm eine Geschützstellung. Vorsichtshalber wurde der Turm beschossen, es brach ein großes Teil aus der Mauer.

 

Baudenkmäler:

Bilder in: Hanau Stadt und Land

Obertor mit Mauerturm,      Seite 235

Grabstein Richter,               Seite 270

Laufbrunnen mit Viehtränke, Seite 295

Verzierte Torpfosten,          Seite 297

 

Statistisches: Einwohnerzahl 1820 = 464; 1855 = 684; 1885 827; 1905 = 1003; 1919 = 1100; 1925 = 1205; 1939 = 1310; 1946 = 1541; 1953 ‑ 1625, davon Heimatvertriebene = 198, Evakuierte = 41 (aus Hanau = 39).

Bekenntnis: 1905 ev. = 987, kath. = 15, sonst. = 1, heute ev. = 1445, kath. = 152, sonst. = 15.

 

Wirtschaft: Starke Landwirtschaft (100 Familien); heute auch Arbeiterwohnsitzgemeinde.

Von einem Neubürger wurde ein neuer Beruf eingeführt: Musikinstrumentenbauer.

 

 

 

 

 

 

Älteste Karte von Mittelbuchen, in: Sauer: Büchertalgeschichten, Seite 133.

Die alte Karte von 1762 wurde naturgetreu nachgezeichnet, ist aber nicht maßstabgetreu und auch nicht genordet: Norden ist auf der linken Seite. Das Vorbild der Karte ist älter, denn die Kirche ist noch in den Grundrissen der alten Kirche dargestellt. Obertor und Untertor, Ortsmauer mit Umgang und Plan und das Schießhaus vor dem Untertor sind im Bild. Rechts unten an der heutigen Kreuzung sind noch die Kutschergärten der alten Mittelbuchener Burg eingezeichnet. Weiter links am Kilianstädter Weg ist noch eine Ecke, die zur Burg gehören dürfte. Den Weg, der hier abgeht, gibt es heute nicht mehr. Auffällig ist, daß der Ort ringsherum mit Tannen und zuweilen auch Laubbäumen bestanden ist, damit nicht schon von weitem die Ortschaft als solche erkannt wird. Ursprünglich war der breite, planierte Streifen um die Mauer, der „Plan“, unbewachsen, damit Angreifer keine Deckungsmöglichkeit fanden. Von der Breite her gesehen scheint der Roßdorfer Weg der am meisten begangene gewesen zu sein, während der alte Kinzheimer Weg rechts oben nicht mehr gebraucht wird, denn der Kinzigheimer Hof ist bereits da, und die Ortschaft gibt es nicht mehr. Lützelbuchen gibt es auch nicht mehr, trotzdem ist der Weg wegen der Beziehungen zu Bruchköbel wichtig geworden

 

 

Rundgang durch Mittelbuchen

Den Rundgang beginnt man am besten am ehemaligen Untertor, wo die „Alte Rathausstrasse“ in den Ort hinein abbiegt. Im Jahr  1535 ist das Untertor schon als Tatsache erwähnt.

Vor dem Untertor in Mittelbuchen stand ein Schießhaus, das ursprünglich dafür gedacht war, das Tor gegen Feinde zu schützen, die es mit einem Rammbock aufstoßen wollten. Aber scheinbar hatte sich das nicht bewährt, und das Schießhaus wurde zum Armenhaus umfunktioniert. Auch das war nur eine Zwischenlösung. Es wurde an einen Privatmann verkauft. Dieser eröffnete darin vermutlich eine Bäckerei. Später kam eine Wirtschaft hinzu, die sich draußen vor dem Tor freilich als Fuhrmannskneipe rentabel machte. Das Schießhaus war aber viel zu klein für die großen Anforderungen, die an es gestellt wurden. Der Besitzer stellte deshalb noch ein Haus dazu, ebenfalls draußen vor dem Tor. Als in der Franzosenzeit alle Häuser numeriert werden mußten, erhielt diese Wirtschaft die Nr. 1, das Schießhaus die Nr. 2, und erst dann wurden die Häuser des Dorfes von Nr. 3 bis 99 durchnumeriert. Von daher wissen wir, daß „Die Krone“ ‑ so sollte das Anwesen künftig heißen ‑ schon im 18. Jahrhundert erbaut worden ist.

 

Die Gastwirtschaft „Zur Krone“ entwickelte sich in den nächsten 200 Jahren zu einer der bekanntesten und beliebtesten Wirtschaften in weitem Umkreis. Sonntags machte man dort von Hanau oder gar von Frankfurt aus seinen Spaziergang nach Mittelbuchen, um nach langer Wanderung die trockene Kehle mit hausgemachtem Apfelwein, der weithin berühmt war, zu löschen und den hungrigen Magen aus der rustikalen Küche wieder aufzufüllen. Die Krone wurde zur „Goldgrube“ und wurde im Laufe der Zeit immer weiter vergrößert. Im Jahre 1846 wurde eine Kegelbahn eingerichtet, etwas fast einmaliges. Im Jahre 1904 kam ein Saal hinzu (der 1928 abgerissen und durch einen großen Saal ersetzt wurde). Im Jahre 1921 heiratete Katharina Schmidt als „Bäcker‑Dina“ den Besitzer, und mit ihr begann nun eigentlich erst die große Zeit der Krone, denn sie wußte, daß nicht das schnelle Geld den Erfolg bringt, sondern eine reelle und gute Bedienung des Kunden. Sie machte aber einen großen Fehler: Sie regelte das Erbe nicht. Als sie 1978 im Alter von 90 Jahren starb, gab es letztlich zwischen behördlichen Auflagen und Erbteilung nur noch den Verkauf auf Abbruch.

So etwas konnte kein Stammgast akzeptieren. Auch für die Denkmalschützer und die Ortshistoriker war es unannehmbar. Es wären aber Millionen nötig gewesen, um das Anwesen zu retten. Die hatte niemand. Die Konzession lief am 31.1.1980 aus. Am 4. Februar kam eine Gruppe finsterer Leute und besetzte die Krone. Sie wollten ein „Kulturzentrum“ daraus machen und Musikkapellen und Kabaretts auftreten lassen. Statt dessen wurde aber Rauschgift konsumiert, und die Bevölkerung fühlte sich von den Besetzern stark belästigt. Nach siebenwöchiger Besetzung kam die Polizei, räumte „Die Krone“, und die Bagger standen schon da, um sogleich mit der Arbeit zu beginnen.

Die „Krone“ in Mittelbuchen war wegen ihres naturreinen, hervorragenden Apfelweins im ganzen Kreis berühmt und ein Ausflugsort für Hanauer und Frankfurter. In den 1960er Jahren war „Fritz“ der wegen seiner Späße allseits beliebte Wirt. Auch sich selbst und sogar sein Geschäft bezog er mit in seine Späße ein. Als Gäste ihm im Frühjahr 1965 vorwarfen, er habe seinen Apfelwein mit Wasser „getauft“, antwortete er schelmisch: Ihr hättet Weihnachten zu mir kommen müssen, da gab es bei mir den besten Apfelwein. Jeder wußte, daß Weihnachten (1964) im ganzen Dorf die Wasserleitung ausgefallen war.

 

Man geht ein Stück in das Dorf hinein, dann nach rechts in die Obertorstraße. Das Haus Obertorstraße 9 dürfte das älteste in Mittelbuchen sein. Die „alte Schule“ in der Obertorstraße 15 war im 16. Jahrhundert das erste und damals einzige zweistöckige Fachwerkhaus im Mittelbuchen. Man geht  ein Stück durch die neue Straße und dann links hoch in die Straße „Hinter der Kirche“. Auf der Höhe steht links die „neue Schule“ (heute: Druckerei). Im Jahre 1872 wird ein  Haus abgerissen und an seiner Stelle die „neue Schule“ errichtet. Der erste Lehrer dort ist Julius Hitzenrod.

Rechts gegenüber steht die Kirche. Schon in früher Zeit müssen Mittelbuchen und Lützelbuchen eine gemeinsame Kirche gehabt haben. Das Grundbuch weist nämlich heute noch einen Kirchweg von Westen her aus, der an der Kirchhofsmauer endet. Der Weg war also schon da, ehe die Kirchhofsmauer gebaut wurde. Bis dahin stand oben ein kleines Kirchlein, das spätestens im 13. Jahrhundert im romanischen Stil errichtet wurde, vielleicht aber auch schon im frühen Mittelalter erbaut wurde, vermutlich an der Stelle eines früheren heidnischen Heiligtums erbaut.

Beim Bau des Heizungskellers im Jahr 1966 stieß man dort auf eine Quelle, die den Keller ständig unter Wasser setzte. Der heilige Michael  erhielt in der christlichen Mythologie die Aufgaben zugewiesen, die in der germanischen Mythologie der Göttervater Wotan innehatte. So könnte diese alte Quelle eine Wotansquelle gewesen sein. Die Roßdorfer Straße führt nämlich aus dem ältesten Siedlungsgebiet Mittelbuchens in einem heute noch nachzuweisenden Bogen um das Haus Hinter Kirche 34 schnurstracks zur Quelle. Die Obertorstraße macht ebenfalls bei der Scheune des Hauses Nummer 8 einen Knick, dem sich heute noch alle Gebäude dieses Grundstücks anpassen, um dann wieder ebenso gradlinig zur Kirche zu führen Auch das heute recht überflüssig gewordenen Gäßchen am Haus „Alte Rathausstraße 30“ führt als Verlängerung der Guldenstraße direkt dorthin. Ebenso sicher ist die Linienführung einer früheren Straße, die durch das Grundstück „Hinter der Kirche 24“ führte, vielleicht von Lützelbuchen kommend und auch den Weg zur Quelle nehmend. Vielleicht waren das alles nur alte Kirchwege. Aber vielleicht führen sie auch zur Quelle, und zwar auch durchaus von weit her.

Die Kirche läßt sich noch in etwa rekonstruieren: Im Staatsarchiv in Marburg gibt es zwei Karten aus den 1750er Jahren, wo der Grundriß des Gesamtbauwerks noch ablesbar ist. Dann existiert ein Foto des Turmes aus dem Jahre 1945 (in der ersten Chronik von Sauer abgebildet), als die Kirche abgebrannt war, das durch Reste von zwei Dächern und anderen Merkmalen zeigt, daß hier einma1 eine niedrigere Kirche angebaut war und dann später die höhere, die soeben abgebrannt war. Nach diesen Vorgaben läßt sich jetzt in Länge, Breite, Höhe und Dachwinkel nachzeichnen, wie die Kirche ausgesehen haben muß. Die Kirche war nicht sehr groß. Aber für die beiden kleinen Gemeinden war sie völlig ausreichend, denn die Messe wurde sonntags stets mehrmals gelesen. Im Jahr 1344 wurde an die Kirche eine Michaelskapelle angebaut.

Die Friedhofsmauer wurde erst gebaut, als die Soldaten bei ihren Fehden Gräber schändeten und auch den Zufluchtsort in der Kirche nicht mehr respektierten. Die Kirchhofmauer genügte nicht mehr, die Gemeinde zu schützen. Ein Wehrturm mußte her. Im Jahre 1494 wurde der Grundstein gelegt. Neben den militärischen Zwecken diente der Turm freilich aber auch kirchlichen Zwecken, denn es konnte jetzt eine Glocke aufgehängt werden. Vor allem aber konnte die Michaelskapelle jetzt in das Turmerdgeschoß verlegt werden. Die alte Kapelle wurde zur Kirche hin durchgebrochen und als Chorraum genutzt (seit der Reformationszeit brauchte man sie sowieso nicht mehr).

Den Turm, dessen Eingang heute noch im ersten Obergeschoß und damals nur durch eine Strickleiter erreichbar war, stellte man einige Meter vor die Kirche, um diesen Zugang durch die Kirche geschützt zu wissen. Der (auch noch heutige) Eingang im Parterre führte nur in die Kapelle. Warum man den Turm leicht verkantet zur Kirche baute, weiß man nicht. Die sonst so wichtige Ost‑ West‑Richtung wurde nicht beachtet.

Die Verwitterung des Putzes unter dem Dach, der einen späteren Zwischenbau verrät, zeigt, daß der Turm doch recht lange frei gestanden haben muß, hundert Jahre ist nicht zu hoch gegriffen. Die Kirche wird im 17. Jahrhundert baufällig. Spätestens 1709 wird das Dach an den bis dahin freistehenden Kirchrturm vorgezogen. Leider hatte die Gemeinde keine ungetrübte Freude daran. Es gab viele Reparaturen, der alte Teil wurde baufällig, aber der Dreißigjährige Krieg und die schlimmen Jahrzehnte danach verhinderten einen Neubau. Schließlich kann man nicht einmal mehr den Dachboden verpachten. weil der Boden nicht mehr begehbar ist. So geht das bis zur letzten Reparatur von 1741.

In diesem Jahr kam Pfarrer Richter nach Mittelbuchen. Von 1756 bis 1772 wird die Kirche neu und viel größer gebaut. Der Turm wird nun mit einbezogen. Die Turmkapelle im Erdgeschoß wird zur Eingangshalle umgebaut und ein Zugang zur Kirche gebrochen. Die Kirche hat an West‑, Nord‑ und Ostseite eine Empore, auf der Ostempore kommt nach dem Neubau eine erste Orgel zu stehen. Der Turm erhält anstelle seiner Plattform für die Bewachung des Ortes eine hohe schlanke Haube mit vier Ecktürmchen.

Am 6. Januar 1945 brannte die Kirche bei einem Luftangriff bis auf das Mauerwerk total aus, die Kanzel von 1659 verbrannte. Nach der Währungsreform wurde die Kirche bis 1952 wieder aufgebaut, 1955 war sie ganz fertiggestellt. Der Turm erhielt eine pyramidenförmige Haube. Im Jahre 1954 wurde eine Walckerorgel eingebaut als Ersatz für die Orgel aus den 1890er Jahren, die die Barockorgel ersetzt hatte.

Auf dem ehemaligen Wehrkirchhof stehen bemerkenswerte Grabsteine (besonders Maria Richter, gestorben 1743, Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 270).

 

Nordöstlich von Mittelbuchen lag Lützelbuchen. Es war ein sehr kleiner Ort, der altdeutsche Begriff „lützel“ (klein) sagt das schon aus. Sie hatten keine Kirche und kein Rathaus, nicht einmal einen Schultheiß. Es ist auch nicht bekannt, daß dort ein Ritter gewohnt hätte. Es gab nur ein paar Häuser. Aber sie hatten außergewöhnlich tiefen Brunnen und brauchten daher auch im heißesten Sommer mit Wasser keine Not zu leiden. Man kann das daraus schließen, weil das Flurstück, wo Lützelbuchen vermutet wird, heute noch „der tiefe Born“ genannt wird.

Die Historiker waren sich schon im 19. Jahrhundert sicher, daß es zwischen Mittelbuchen und Bruchköbel lag, wohl am Köbeler Weg (der heute Lützelbuchener Straße heißt), ein wenig oberhalb dieses Weges. Die Straße führte ja von Frankfurt über Hochstadt unterhalb von Wachenbuchen vorbei, und dort, wo heute die Mittelbuchener Durchfahrtsstraße ist, bei dem Haus Lützelbuchener Straße 10a, ging sie gerade weiter nach Kinzheim. Aber beim Haus Nr. 9 bog ein kleiner Fußweg ab, der nach Lützelbuchen und dann nach Bruchköbel führte. Lützelbuchen war dort ziemlich geschützt, denn dort kam selten jemand vorbei, der nicht einheimisch war. Aber den genauen Ort, wo Lützelbuchen nun wirklich lag, den kennen wir nicht. Archäologische Luftaufnahmen haben uns nichts gebracht.

Bekannt ist wenigstens der Name eines Menschen aus diesem Dorf: Werner von Lützelbuchen, „Wirnchen“ genannt. Es war ein Leibeigener, wie alle anderen Lützelbuchener auch, aber er war unter die „guten Leute“ aufgenommen, die bei der Abfassung von Urkunden testieren durften. Er war wahrscheinlich so eine Art „Sprecher“ für seinen Ort oder ein Ortsvorsteher. Er ist der eigentliche Garant dafür, daß Lützelbuchen überhaupt existiert hat.

Es werden nämlich in den Urkunden niemals alle drei Buchen zusammen erwähnt. Und man könnte sich vorstellen, daß der Volksmund die jeweils kleinere Ortschaft Lützelbuchen genannt haben könnte. Wirnchen hätte sich jedoch sicher dagegen gewehrt, aus dem „kleinen Buchen“ zu kommen, wenn es kein Lützelbuchen gegeben hätte.

Urkundlich erwähnt wurde Lützelbuchen zuerst mit diesem Namen lange vor Mittelbuchen im

Jahr 1266. Reimer zufolge soll es dann schon im Jahr 1458 wüst gewesen m. Ob es in einer Fehde niedergebrannt wurde, oder was sonst geschehen ist, daß es aufhören mußte zu existieren, ist nicht bekannt. Aber die These ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Lützelbuchener nach Mittelbuchen übergesiedelt sind und sich westlich des Baches, der bisher die Westgrenze Mittelbuchens war, niedergelassen haben. Sie würden dann die vordere Erbsen‑ und Guldengasse bebaut haben und wahrscheinlich auch das Ranzeneck. Weil der Bach oft über seine Ufer getreten war, bauten sie in respektablem Abstand vom Bach, weshalb diese Straße heute noch so breit ist.

Die Ländereien bestanden natürlich weiterhin, und, wenn es auch kein Grundbuch gab, so nannte man die Grundstücke doch weiterhin nach Lützelbuchen. Im Jahre 1495 wird nämlich Lützelbuchen noch zweimal genannt und dann sogar noch einmal 1607. Aber es ist absurd, anzunehmen, daß die Ortschaft damals noch existiert haben könnte. Es ist aber der Grund, weshalb immer wieder angenommen wird, das Dorf könne doch auch im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden sein. Wenn das so wäre, so würden die Kirchenbücher darüber berichten.

 

Von der Dorfbefestigung ist das Obertor mit Rundturm (15. Jahrhundert) erhalten. Der Rundturm ist der Rest von wahrscheinlich vier Türmen, an deren Rundung Kanonenkugeln abprallten. Die modernen Kanonen hatten damit keine Last mehr. Richtige Wehranlagen mußten her. Beide Gemeinden bekamen nun den Vorzug, daß richtige Wehranlagen gebaut wurden, fast kreisrunde Ortsmauern mit Zinnen und jeweils zwei Toren. Es muß am Anfang des 16. Jahrhunderts gewesen sein, als der Bau begann. Es ist unwahrscheinlich, daß es vor dem Bau des Mittelbucher Kirchturms war, denn dieser war ja noch als Wehranlage geplant. Es war zur Zeit des Grafen Reinhard IV.

Neben dem Obertor steht  das Hirtenhaus. Im Jahre 1798 genehmigte das Amt Büchertal, daß die Kirchenmauer in Mittelbuchen repariert wird. Gleichzeitig wurde auch genehmigt, daß für den Schulmeister ein neuer Schweinestall gebaut wird. Es ist anzunehmen, daß beides zusammenhängt. Das Ergebnis war nämlich wahrscheinlich der Bau des goldigsten Häuschens, das je in Mittelbuchen stand. Zunächst stand  es noch frei da, aber 1818 wurde dann der Friedhof erweitert und die Mauer wurde hinter dem Häuschen heruntergeführt (Bild in: Sauer, Büchertalgeschichten, Seite 130). Es war bekannt unter dem Namen „Hirdehäusi“. Daneben stand nämlich das Hirtenhaus, dem dieses Häuschen ebenfalls als Wirtschaftsgebäude diente. Aber es hatte noch einen Zweck: wenn der Gemeindevorstand oder das Presbyterium einen Gulden ins Säckchen als Strafe für eine Übertretung verhängte und der Betroffene das nicht bezahlen konnte, wurde er zum Arrest in diesem Häuschen ein paar Stunden ins „Gefängnis“ gesteckt. Das Schicksal dieses Schmuckstücks von Mittelbuchen ereignete sich kurz vor Inkrafttreten des Gesetzes über den Denkmalschutz: der Landeskonservator genehmigte gegen Protest seinen Abbruch in den 1960er Jahren.

 

An der Stelle, wo vermutlich früher das Backhaus stand (?), wird das Rathaus errichtet, mit einem hohen Mast zum Hochziehen und Trocknen der Feuerwehrschläuche.

 

Im Dorf stehen gute Fachwerkbauten, teils mit großen Toreinfahrten. Das beste Beispiel ist das „Steinerne Haus“, heute geteilt in Alte Rathausstraße 25 und Guldenstraße 1. Es gehörte dem Erbprinzen Wilhelm, der mit 23 Jahren regierender Graf in Hanau wurde und in Philippsruhe wohnte. Seine Liebe galt dem Wilhelmsbad, das auch nach seinem Namen benannt wurde. Er hatte im Park eine Pyramide errichten lassen, und unter ihr ruht seit dieser Zeit sein ältester Sohn, der kleine Erbprinz, der im Alter von 12 Jahren starb.

Wilhelm hatte aber noch andere Kinder. Man sagt ihm nach, daß er bis zu 113 Kinder gehabt haben soll. Drei von ihnen sind in einer Nacht in Wilhelmsbad erfroren. So mußte er natürlich auch die entsprechende Zahl von Müttern haben. Als reformierter Fürst (die Kasseler waren nämlich wieder reformiert) konnte er sich keinen Harem leisten, weder in Philippsruhe noch in Wilhelmsbad. Aber er wußte sich zu helfen. Deshalb hatte er sein Frauenhaus im „Steinernen Haus“ in Mittelbuchen. So erzählen die früheren Besitzer, und das ist auch um so mehr glaubhaft, als das Haus wesentlich komfortabler ausgestattet ist als die Bauernhäuser im Ort.

 

Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort fast vollständig zerstört. Beim Neuaufbau aber will gleich die verfügbare Fläche erweitern und schaft das Neubaugebiet „Plan“: Bei den Häusern Planstraße 8 und 25 läßt man die Mauer abbiegen, um sie etwa 40 Meter weiter im Westen neu zu errichten. Mitte der 60iger Jahre des 17. Jahrhunderts wird die alte Mauer abgebrochen und der bisherige „Plan“ wird neu bebaut („Plan“ deshalb, weil man hier eine ebene Fläche geschaffen hatte, um Angreifer gut erkennen zu können). Die älteste erhaltene Jahreszahl ist 1668 an der Scheune Erbsenstrasse 14. An den Häusern Planstraße 17 und 19 steht die Jahreszahl 1676. Etwa zwölf Neubauten können auf dem Gebiet errichtet werden. Die Karte von 1762 weist aber aus, daß aber nach 50 Jahren erst die Hälfte bebaut war. Die Verteidigungsanlage erhielt nach Westen zu eine Landwehr.

 

Nördlich der Planstraße ist das dritte Neubaugebiet Mittelbuchens am Simmichsborn. Hier wurden Bodenfunde aus der Zeit der Bandkeramiker gemacht und auch eine Wasserleitung angeschnitten. Aus allen möglichen Jahrhunderten liegen allenthalben Ton‑ oder Holzrohre noch heute in der Erde, und im Zweifelsfall sonnt sich der Finder in der Freude, eine „römische“ Wasserleitung entdeckt zu haben. Doch leider bleiben solche Behauptungen ohne wissenschaftliche Untersuchung leer. Zwar kann niemand sagen, die Römer hätten nicht auch hier Wasserleitungen hinterlassen, aber gefunden wurde bisher nachweislich noch keine.

Die alte Wasserleitung, die in ihrem Verlauf nachgewiesen ist, stammt frühestens aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters. Sie beginnt oberhalb der Büchertalschule, unterquert dann den Mittelbuchener Schulweg und setzt sich unter der Bebauung oberhalb der Wachenbuchener Straße bis zum Haus Nr. 16 fort und unterquert dann die Straße bis zur Kreuzung.

Von Norden kommt eine zweite Leitung aus dem Feld. Daß der „alte Keller“ die gefaßte Quelle gewesen sei, dürfte wohl eher eine Legende sein, aber die Richtung stimmt jedenfalls. Diese Leitung geht durch den Simmichborn unter der Kilianstädter Straße hindurch und vereinigt sich mit der Leitung von der Büchertalschule.

Gemeinsam fließt das Wasser nun weiter durch die Wassergärten und macht etwa 500 Meter hinter der Bebauungsgrenze eine scharfe Rechtskurve nach Süden. Die Wasserleitung führt durch die „Große Wiese“ weiter durch den Wald, 600 Meter östlich der Altenburg und anderthalb Kilometer östlich des Kinzigheimer Hofes vorbei und dann unter dem Autobahnkleeblatt hindurch nach Hanau, entlang der Bruchköbeler Landstraße bis zu den Dekalin‑ Werken, wo sie dann nach Osten schwenkt und an der Kinzig endet.

Naheliegend wäre, daß sie Wasser in das gräfliche Schloß führen sollte. Zwar liegt der Schluß nahe, aber der Beweis fehlt, denn bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts fand sich weder bei der Residenz noch in der Stadt eine Wasserleitung. Rund vierhundert private und dreiundvierzig öffentliche Brunnen sind nachgewiesen, und wenn es überhaupt Leitungen gab, so waren dies hölzerne Leitungen, wie sie in Mittelbuchen in der Alten Rathausstraße gefunden wurden.

Diese Keramikleitung ist aber 430 Jahre alt. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1981 (Thermolumineszenz‑Analyse) brachte dieses Ergebnis zutage. Das bedeutet also, daß die Leitung um 1570 gebaut worden sein dürfte. Mit Unterstellung von Fehlerquoten kann man noch 50 Jahre ‑ maximal 100 Jahre ‑ hinzu‑ oder abrechnen. So könnte man als Höchstalter das Jahr 1470 annehmen. Man hat auch schon angenommen, daß die Mittelbuchener Burg, die 1389 erwähnt wurde, und deren Reste um 1860 noch zu sehen waren, davon profitierte, denn sie lag direkt daneben, aber das kann man auch nicht beweisen. Sicher ist aber, daß nach der Mittelbucher Keramikleitung noch eine von Wachenbuchen nach Hanau gebaut wurde, wenn auch erst im 18. Jahrhundert.

Zu der Zeit, als die Hanauer diese Wasserleitung aus Wachenbuchen bekamen, war in Mittelbuchen mit dem Wasser große Not. Es gab in jener Zeit viele Wolkenbrüche, und vom Kilianstädter Berg stürzte das Wasser in den Ort, und die Häuser und Hofreiten wurden unter Wasser gesetzt. Im Jahr 1762 wurde deshalb ein Plan erstellt, nach welchem entsprechende Gräben und Dämme gebaut werden sollten, die das Wasser am Kilianstädter Weg Richtung Wiesbörnchen ableiten und dort in den Bach, der dann ohnehin nach dem Wald hin abläuft, kanalisieren sollten. Dieser Plan ist bis heute erhalten, und ihm verdanken wir die einzige Karte von Mittelbuchen. Die Mittelbucher mußten bis 1959 warten, bis sie ihre „Börnchen“ auf der Straße abbauen konnten.

Wenn man die Planstraße in Richtung Süden weitergeht kommt man wieder zur Alten Rathaus Straße und zur Kreuzung, an der - nach Sauer - eine Mittelbucher Burg gestanden haben soll. Die Kutschergärten dieser Burg wären an der Südostecke der Kreuzung gewesen.

 

 

Die letzten 185 Jahre in Mittelbuchen

Als das Dorf 1866 zu Preußen kam, nachdem es vorher zum Großherzogtum Frankfurt und dem Kurfürstentum Hessen gehörte, gab es keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Jahre 1867 ist der neue Teil des Kirchhofs bereits schon wieder belegt. So eröffnet die Gemeinde außerhalb des Ortes hinter dem Obertor einen neuen Friedhof. Am Deutsch‑Französischen Krieg 1870/71 nahmen 24 Soldaten aus Mittelbuchen teil und kamen  allesamt gesund wieder nach Hause.

Im Ersten Weltkrieg wurden 182 junge Mittelbucher eingezogen, 25 davon mußten bei Kampfhandlungen auf den Schlachtfeldern in Frankreich und Rußland ihr Leben hergeben.

Im Zweiten Weltkrieg bekam das Dorf die ganze Wucht dieses Grauens zu spüren. In einer ruhigen Umgebung gelegen, abseits von Hauptverkehrsstraßen und Schienenwegen, war die Gemeinde Mittelbuchen am 4. Februar 1944 und am 6. Januar 1945 das Ziel schwerer Luftangriffe. Haben sich die Bomberpiloten geirrt und waren der Ansicht, daß sie sich über Hanau befinden? Jedenfalls haben sie am 4. Februar 1944 in der Gemarkung etwa 500 Sprengbomben abgeworfen. Noch heute werden Bomben gefunden, die damals nicht explodierten. Innerhalb des Ortes wurden bei diesem Angriff 4 Häuser vollkommen zerstört und 10 Menschenleben wurden beklagt. Elf Monate später, in den ersten Januartagen 1945, suchte das Elend Mittelbuchen erneut heim. Der Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 1945 wurden 80 Scheunen und 15 Wohnhäuser total zerstört, 16 Wohnhäuser wurden schwer und über 50 Häuser wurden leicht beschädigt. Menschenleben waren glücklicherweise nicht zu beklagen. Bereits zum Zeitpunkt der Währungsreform im Jahre 1949 zeugten nur noch wenige Trümmer von den vergangenen Ereignissen.

 

Das Kriegsende verschlug 200 Flüchtlinge aus Deutschlands Osten in das Dorf. Fleißige Leute, von denen etliche in Mittelbuchen ein neues Zuhause gefunden und unermüdlich am Wiederaufbau des Dorfes mitgeholfen haben.

 

In Gemeinschaftsarbeit wurde das 1. Hessische Dorfgemeinschaftshaus gebaut und konnte zum Zeichen der Weiterentwicklung im August 1953 den Bürgern übergeben werden. In die Grundmauern sind die Worte „Einigkeit, Frieden und Wohlstand“ eingemauert. Mit einem drei Tage dauernden Fest wurde vom 15. bis 17. August 1953 die Einweihung gefeiert. Zum Bau dieses Hauses wurden durch Männer und Frauen annähernd 4.000 freiwillige Arbeitsstunden geleistet. Neben verschiedenen Sondereinsätzen sind durch die ortsansässigen Landwirte insgesamt 184 Fahrten mit Gespannfahrzeugen durchgeführt worden. Baumaterial wie Holz, Steine, Sand, Zement usw. mußte angefahren werden. Eine Wasserleitung gab es damals auch noch nicht. Also mußte zur Versorgung ein Brunnen gegraben werden.

Jeder Einwohner sollte einen freiwilligen Arbeitseinsatz bis zu 24 Stunden erbringen. 15 Einwohner leisteten zwischen 24 und 30 Stunden, 8 weitere mehr als 30 Stunden und August Wolf aus der Bruchköbeler Straße (heute Lützelbuchener Straße) erbrachte 70 Arbeitsstunden für die Allgemeinheit. Wohlgemerkt, diese Leistungen wurden zusätzlich zur täglichen Arbeit erbracht. Die Menschen der Nachkriegsjahre legten somit ein Zeugnis von echter Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit ab. Später erhielt das Haus nach seinem Förderer, dem Hessischen Staatsminister für Wirtschaft und früheren Hanauer Oberbürgermeister Heinrich Fischer, den Namen Heinrich‑ Fischer‑Haus.

Mittelbuchen besitzt das erste Dorfgemeinschaftshaus, das mit Hilfe des „Hessischen Programms“‑ gebaut wurde. Es ist seit 1953 im Betrieb. Das Ausmaß des Hauses beträgt 19,00 x 11,25 m, das des dazugehörigen Kindergartens 14,00 x 7,00 m. Das „Heinrich‑Fischer‑ Dorfgemeinschaftshaus“ 1953 in Mittelbuchen hat folgende Anlagen: 1 Gemeinschaftsraum, (Dorfbücherei, zwei Nähmaschinen, Zentralhöhensonne, Rundfunk und Fernsehempfang), 1 Gemeinschaftswaschanlage mit Mangel, 1 Gemeindebad (Wannen und Duschen), 1 Kochanrichte (Einbauküche), 1 Wohnung der Gemeindeschwester und Behandlungsraum, 1 Mosterei, 1 Heizung und Kohlenkeller, 1 Tiefgefrieranlage, 1 Jugendboden, 1 Wohnung des Hausmeisters.

Der Kindergarten enthält: 1 Tagesraum, 1 kleinen Ruheraum, 1 Kochanrichte, 1 Waschraum und Toilette, 1 Garderobe, 1 Kinderspielplatz mit Schaukel, Karussell, Wippen und Kletterturm sowie Nebenräume und W. C. Das Dorfgemeinschaftshaus in Mittelbuchen ist im ersten Jahre seines Bestehens von Tausenden von Menschen, auch von Ausländern besucht worden (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 236).

 

Unermüdlich wurde gearbeitet. In den Jahren 1958 ‑ 1959 wurde eine zentrale Wasserversorgungs‑Anlage geschaffen. Mittelbuchen bekam eine Wasserleitung. Eine Kanalisation mit der dazugehörenden Kläranlage wurde 1966 gebaut. Ende der 60er Jahre wurden alle Straßen, die durch die Bauarbeiten beschädigt wurden, mit einer Asphaltdecke versehen. Neue Häuser wuchsen aus dem Boden. Dabei wurde der dörfliche Charakter bewahrt, Hochhäuser findet man in Mittelbuchen nicht.

 

Aus dem Protokoll des Gemeinde‑Schulvorstandes vom 28. März 1961 ist zu entnehmen, daß in Mittelbuchen eine neue dorfeigene Schule gebaut werden sollte. Das geplante Vorhaben wurde von der Landesregierung abgelehnt und dafür der Bau einer Mittelpunktschule zusammen mit der Gemeinde Wachenbuchen empfohlen.

Die archaischen Strukturen der Dorfschulen waren nicht mehr aktuell und mußten geändert werden. Das neue Zauberwort hieß Mittelpunktschule. Eine erste gemeinsame Aussprache mit Vertretern aus Wachenbuchen fand im Februar statt. Viele weitere Gespräche folgten. Der Kostenvoranschlag wurde den Gemeinden von der Regierung zugestellt, die die Kosten für den Schulneubau auf 1, 6 Millionen Mark veranschlagt hatte. Es wurden dann aber doch 2,6 Millionen Mark. Wenn man zu dieser Summe nochmals die Reparatur‑. Erhaltungs‑ und Sanierungskosten mit einbezieht, ebenso wie die Personal‑ und Sachkosten, die Ausstattung der Schule mit Lehr‑ und Lernmitteln, so wurde bis zum 25jährigen Bestehen der Schule im Jahre 1994 der Betrag von 30 Millionen DM ausgegeben.

Am 13. Januar 1969 war es endlich soweit. 317 Schülerinnen und Schüler nahmen ihre neue Mittelpunktschule in Besitz. Rektor wurde Walter Buckard, der die Schule bis zu seiner Pensionierung fast 25 Jahre zum Wohle der Schüler und im Interesse der Eltern geführt hat. Bei der Namensgebung waren sich die Bürger von Wachenbuchen und Mittelbuchen schnell einig: „Büchertalschule“ soll die neue Schule heißen. Hatte sich doch in ihren Köpfen die Hoffnung gehegt, beide Gemeinden werden sich zu einer Doppelgemeinde zusammenschließen. Doch noch im gleichen Jahr erklärte der damalige Landrat Martin Woythal, das bis dato favorisierte Konzept der Mittelpunktschule sei überholt. Die Zukunft gehöre der Gesamtschule. So war das also mit der Bildungsreform, der sich unmittelbar auch die Gebiets‑ und Verwaltungsreform anschloß.

 

Ein junges Menschenkind stand in Mittelbuchen im Rampenlicht. Gabi Heilmann aus der Guldenstraße 11, wurde am 25. April 1963 als 100.000ster Bürger des damals noch bestehenden Landkreises Hanau geboren. Aus den Händen von Landrat Voller erhielt ihre Mutter die Ehrenurkunde überreicht.

 

Im Umland wuchs „auf der grünen Wiese“ das Angebot der Geschäfte und Märkte. Das hat die ortsansässigen Handwerker und Geschäftsleute mehr und mehr getroffen. Ein Betrieb nach dem anderen wurde geschlossen. Die Menschen arbeiteten nicht mehr auf dem Land, sondern in den Fabriken in der Stadt. Man ging nicht mehr zu Fuß. und man fuhr auch nicht mehr mit dem Rad. Der Mensch motorisierte sich. Mit dem Auto. immer schöner und größer wurden diese, wurden die Entfernungen schneller. In unmittelbarer Nähe führt heute eine Autobahn mit direktem Anschluß in die weite Welt.

 

Anfang der siebziger Jahre kam die Zeit der Gebietsreform auch nach Mittelbuchen. Wohin sollte man sich wenden? Sollte man sich anschließen an Bruchköbel? Oder gemeinsam mit Wachenbuchen einen Ort gründen mit dem Namen Büchertal? Oder wie schon früher, ganz einfach Buchen? Mit einer Stimme Mehrheit wurde entschieden, daß sich Mittelbuchen an Hanau an

schließt. Am 3. November 1971 wurde im Rathaus in Mittelbuchen der Auseinandersetzungsvertrag für die Eingliederung von Mittelbuchen in die Stadt Hanau unterzeichnet. Dieser bedeutende Akt wurde besiegelt auf Hanauer Seite durch Oberbürgermeister Dröse, Bürgermeister Martin und auf Mittelbucher Seite waren es Bürgermeister Fehlinger und der Erste Beigeordnete Philipp Puth. Am 1. Januar 1972 fand mit dem Austausch der alten Ortschilder die Eingemeindung in die Stadt Hanau seinen Vollzug. Viele Hände wurden unter den alten und neuen Schildern von wichtigen Leuten geschüttelt. Mittelbuchen war nun „Stadt“ und die Bürger konnten davon profitieren. Straßen wurden erneuert. Bäume gepflanzt und Blumenkübel aufgestellt. Die alten Fachwerkhäuser wurden restauriert und Mittelbuchen nahm in den folgenden Jahren erfolgreich teil am Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“.

 

Schon bald nachdem Mittelbuchen Stadtteil von Hanau war, wurde der „Schwaberg“ erschlossen. Aus der Hand von Oberbürgermeister Martin erhielten die Eheleute Huth, Am Schwaberg 41, ihre Baugenehmigung mit der Nr.1/72 vom 21. Januar 1972, überreicht. Es folgte der „Kirchberg“ und in jüngster Zeit Richtung Norden das Baugebiet „Am Simmichborn“. Der liebenswerte Charakter von Mittelbuchen hat den Ort zu einem bevorzugten Wohngebiet gemacht. Die Menschen sind freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit.

 

In den 70er Jahren hat der Bauwahn dann teilweise seinen Höhepunkt erreicht. Alles mußte neu sein, Altes und Historisches zählte nicht mehr. Das alte Rathaus wurde 1973 abgerissen. Zum Leidwesen der Bürgerschaft fiel auch das historische „Gasthaus zur Krone“ der Abrißbirne zum Opfer. Vorausgegangen war allerdings, daß die letzte Besitzerin, die im Alter von 90 Jahren verstarb, das Erbe nicht geregelt hatte. Behördliche Auflagen erforderten Millionen, um das Gebäude zu retten. Dieses Geld hatte keiner. Und in der Erbteilung wurde das Anwesen zum Abbruch verkauft. Am 27. März 1980 rückten die Bagger an, um ihr Werk zu vollbringen. Vorher mußte „Die Krone“ jedoch erst durch die Polizei von sogenannten alternativen Besetzern“ geräumt werden, die in den alten Mauern ein „Kulturzentrum“ einrichten wollten.

 

In festlichem Rahmen wurde am Abend des 16. Januar 1987 die neue Mehrzweckhalle ihrer Bestimmung übergeben. „Für Mittelbuchen ist uns nichts zu teuer,“ sagte der damalige Oberbürgermeister Hans Martin im Zusammenhang der entstandenen Mehrkosten. In seiner Rede bezeichnete er den insgesamt 5,2 Millionen DM teueren Bau als „einen Gewinn für Mittelbuchen“. Für die Vereine sprach der Vorsitzende des TV Mittelbuchen, Karl Stroh, der betonte, „daß Mittelbuchens Bürger auf ihre neue Halle stolz sein können.“ Die Mehrzweckhalle ist heute Bürgertreff und Mittelpunkt des „sportlichen und kulturellen Lebens“.

 

Die Tankstelle schloß zum Jahresende 1997. Der Lebensmittelmarkt wurde zunächst einmal geschlossen. Im Jahr 1998 wurde damit begonnen, eine Erdgasleitung zu verlegen um die Häuser in Zukunft umweltfreundlich mit Energie zu versorgen.

 

 

Geschichte der Kirchengemeinde:

Die Pfarrkirche war dem H. Bonifatius geweiht und stand unter dem Dekanat Roßdorf im Archidiakonat S. Maria ad Gradus in Mainz. Patron waren die Herren von Hanau. Um 1340 kam der Pfarrer Werner von Lichtenberg nach Mittelbuchen. Er stammte wohl von der gleichnamigen Burg im Odenwald wurde aber Pfarrer.  Sein Ziel war es, für Mittelbuchen vom Papst einen Ablaßbrief zu erreichen. Aber es gab eine Schwierigkeit: Wenn eine Gemeinde einen Ablaßbrief wollte, so mußte sie dem Heiligen Erzengel Michael eine Kapelle errichten. Die meisten Gemeinden zogen sich so aus der Schlinge, daß sie einfach in einer Etage des Kirchturms, die ohnehin nicht gebraucht wurde, einen Altar für den Erzengel aufstellten ‑ und schon bekamen sie ihren ersehnten Ablaßbrief.

Aber so ging das in Mittelbuchen nicht, denn die Kirche hatte keinen Turm und auch im Inneren keine Nische, die man als Kapelle hätte deklarieren können. So wurde im Jahr 1344 an die Kirche eine Michaelskapelle angebaut. Eine Kaplanstelle wurde geschaffen und bald darauf wurde Emercho zum Kaplan der Michaelskapelle ernannt. Im Grundriß kann man diese Kapelle noch 1750 erkennen. Im Jahr 1393 wurde Johann Cremer mit dem Altardienst betraut und war bis 1415 Altarist. Sein Nachfolger war Johann von Buchen, der 1438 starb, und ihm folgte Martin Bruner, der sechs Jahre später auch noch den Altardienst am Kreuzaltar in Windecken versah. Als er 31 Jahre danach starb, folgte 1469 Hartmann von Marköbel.

Er hatte einen harten Schlag der „Konkurrenz“ hinzunehmen: 15 Kardinäle erteilten für Hanau einen Ablaßbrief von hundert Tagen Ablaß je Bußleistung. Das waren pro Kirchenbesuch jeweils 1500 Tage Ablaß aus dem Fegefeuer. Dieses konnte die Michaelskapelle nicht einmal zur Hälfte bieten, und noch nicht einmal jeden Tag. Die Michaelskapelle war ‑ zumindest für die Hanauer ‑ uninteressant geworden.

Im Jahr 1363 trat Wernher von Lichtenberg die Reise nach dem Hof des Papstes Urban V. in Avignon in Frankreich an. Am 6. September 1363 erklärten sich 18 Bischöfe (darunter drei Erzbischöfe) bereit, den Ablaßbrief unter ihrem Namen und Siegel ausstellen zu lassen. Pfarrer Werner bekam einen Ablaßbrief, der alles, was man sonst kannte, in den Schatten stellte.

Der große Ablaßbrief wurde bewilligt. Aber er gewährte nicht - wie für andere Kirchen – je 40 Tage Ablaß zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten (also 120 Tage pro Jahr), sondern wer in Mittelbuchen Buße tun wollte, hatte an 187 Tagen im Jahr Gelegenheit dazu, sich jedesmal für ganze 800 Tage (zwei Jahre und 2 ½ Monate) freizukaufen. Der Jubel in Mittelbuchen muß groß gewesen sein und in Wachenbuchen und Lützelbuchen ebenfalls, denn so leicht wie in der Bonifatiuskirche konnte man von nun an nirgendwo Sünden loswerden. Und das galt nicht nur für die Buchener. Mittelbuchen mußte geradezu zum Wallfahrtsort geworden sein. Im späten Mittelalter war die Angst vor Hölle und Fegefeuer panisch geworden, so daß das immer häufiger werdende Angebot von Ablaß wie eine Droge wirken mußte.

Man mußte nur in die Bonifatiuskirche oder in die Michaelskapelle gehen und entweder andächtig sein oder beten. Pilger waren ausdrücklich eingeschlossen. Aber auch die, die ohnehin turnusmäßig die gottesdienstlichen Veranstaltungen oder Begräbnisse u.a. besuchten. Es genügte schon, über den Kirchhof zu gehen und Weihwasser zu nehmen oder am Grabe der Angehörigen zu beten. Nein, selbst zu Hause hatte es Zweck, wenn man beim Abendläuten die Knie beugte und Ave Maria und Vater Unser betete.

Auch das Spenden von Gaben in Gold, Silber, Kerzen, Spenden für die Unterhaltung der Kirche sowie die Abfassung von Testamenten zugunsten der Kirche brachten den Ablaßerfolg. Glücklicherweise wurde auch nicht vergessen, die zu bedenken, die mit Rat und Tat anderen Menschen beistanden und diejenigen, die für andere Menschen beteten, genau gesagt, für den Erzbischof in Mainz, den Herrn Ulrich in Hanau und die Familie von Lichtenberg.

Die Urkunde ist so unfaßbar schlampig abgefaßt, daß man nicht mehr davon ausgehen kann, daß wirklicher Ernst und tiefer Glaube dahinterstand. Daß der Anfangsbuchstabe, für den auch reichlich Platz gelassen wurde, ein „U“, nicht eingefügt und ausgemalt wurde, wie in mittelalterlichen Urkunden üblich, und daß die Akkuratesse, mit der andere Urkunden künstlerisch geschrieben wurden, völlig fehlt, mag man noch der Verwaltung ankreiden. Daß der Bischof Sergius von Ravello zweimal als Absender auftritt, mithin also statt 40 Tage Ablaß 80 Tage gegeben hat, das durfte in einer ernstzunehmenden Urkunde doch nicht vorkommen.

Leider hat Werner von Lichtenberg die endgültige Bestätigung des Ablaßbriefs nicht mehr erlebt: Der Erzbischof Gerlach von Nassau in Mainz nahm sich zu lange Zeit mit der Bestätigung des Briefes. Im Jahre 1364 kam schon, Gerlach Gufer als Nachfolger nach Mittelbuchen.

In der Michaelskapelle folgte 1489 Johann Lug auf Hartmann, und auch er war zugleich auch in Windecken. Bis 1525 war er im Dienst. Es war das Buchener Reformationsjahr. Der letzte Kaplan war dann noch Johann Volpmann. Aber die Reformation war da, Heiligenverehrung gab es nicht mehr, eine Michaelskapelle braucht man nicht mehr, so wurde sie zum Chorraum der angrenzenden Kirche ausgebaut.

 

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war in Mittelbuchen immer noch der Pfarrer Ulrich, während aus Wachenbuchen keine Nachrichten mehr sind, wer nach dem Weggang von Gerlach nach Mainz Nachfolger wurde. Es scheint aber ein Pfarrer namens Heiso gewesen zu sein, der 1407 erwähnt wird. Ihm folgte spätestens 1411 Ludwig Antreff (auch Antreche geschrieben) nach. Aber Antreff wechselte spätestens 1430 nach Mittelbuchen über.

Ludwig Antreff  erlebte eine große Überraschung. Der neugebackene Graf Reinhard war mit seiner Marienkirche in Hanau nicht mehr zufrieden. Was für einen Herren gut war, ist für einen Grafen noch lange nicht gut genug. Der Gottesdienst sollte nicht nur herrlich, sondern gräflich sein. Und dazu brauchte Reinhard Leute. Neue Altäre waren schnell gebaut, aber Pfarrstellen ließen sich nicht einfach aus dem Boden stampfen. Deshalb dachte er an Ludwig Antreff. Antreff sollte künftig in der Marienkirche Altardienste leisten. Auch die Altaristen der St. Georgskapelle wurden dazugeholt. Mit Sicherheit auch der Wachenbuchener Pfarrer ‑ aber darüber liegen, wie gesagt, aus dieser Zeit keine Nachrichten vor. Zur Bezahlung dieser aufwendigen Besetzung schuf der Graf ein heute noch bestehendes Stiftungsvermögen um alle vergüten zu können ‑ die für seine Gottesdienste „präsent“ sein mußten, die sogenannte „Präsenz“.

Geplant war wohl, daß beide Gemeinden nun Filialen der Marienkirche sein sollten. Aber Pfarrer Antreff muß sich wohl mit seinem Wachenbucher Kollegen den Plänen widersetzt haben. Als er 1454 starb, war seine Gemeinde noch selbständig.

Erst Pfarrer Schlosser, offenbar der „starke Mann“ in Hanau, schaffte es dann schließlich, zumindest die Gemeinde Mittelbuchen 1486 der Marienkirche „einzuverleiben“. Mittlerweile waren es nun schon neun Altaristen geworden. Diese Fusion war allerdings nur von kurzer Dauer. Schon nach 39 Jahren, als die Reformation schon voll im Gange war, trat 1525 ein Wechsel im Mittelbucher Pfarrhaus ein, von dem noch die Rede sein wird. Ein evangelischer Pfarrer kam und machte natürlich keine katholischen Altardienste mehr. Der katholische Pfarrer von Mittelbuchen ging nach Altenhaßlau und machte den Altardienst in Hanau weiter. Dadurch haben heute noch die Gemeinden Wachenbuchen, Mittelbuchen und Altenhaßlau Anteil am Präsenzvermögen, und die beiden Buchener Gemeinden haben abwechselnd den zweiten Vorsitz inne. Die Präsenz als solche aber erlosch, als Hanau auch evangelisch wurde. Die Patrone behielten aber weiter das Besetzungsrecht.  Die Präsenz hat für Bau und Unterhaltung der Pfarreigebäude zu sorgen; der Pfarrer war Mitglied des Stiftskollegiums (Kanonikus) der Marien‑Magdalenenkirche in Hanau.

 

Der Patron der Wachenbuchener Kirche, Diether von Isenburg war ein Ekel. Wo er nur konnte, spielte er seine Macht aus. Offenbar hatte er sogar im ganzen Ruralkapitel Roßdorf Einfluß, und er machte Eingaben beim Erzbischof und beim Papst, die dann ihrerseits wieder entsprechende Erlasse herausgaben. Im Jahre 1462 trat das Ruralkapitel zusammen und stellte fest, daß man wegen Diether „keine Versammlungen mehr abhalten könne“. Kämmerer des Kapitels war zu dieser Zeit der Mittelbuchener Pfarrer Wenzlaus. Er bekam den Auftrag, in dieser Angelegenheit tätig zu werden.

Er machte sich auf zum Notar Johann von Usingen und appellierte dort gegen die Befehle von Papst Pius II. (1458‑64), gegen den „Erwählten von Mainz“ (den Erzbischof Adolf von Nassau) und Diether von Isenburg. Als Zeugen zog er den Pastor Johann Keller von Bergen und den Priester Syfried von Malsberg hinzu. Somit wurde er eindeutig der Buchener Vorreformator.

Aber die Geistlichen des Kapitels machten nicht nur Worte, sie handelten auch. Ab sofort wurde keine Kirchensteuer mehr bezahlt. Zwei Jahre lang. Dann kam eine Drohung des Propstes an den Archipresbyter in Roßdorf, daß alle Säumigen mit Exkommunikation belegt werden, wenn sie nicht innerhalb von 15 Tagen bezahlt haben. Man nahm den Bann nicht mehr so ernst wie früher. Was wollte denn die Kirche mit lauter exkommunizierten Pfarren?  Nach fünf Monaten waren erst 168 Gulden eingegangen. Alsdann der Erzbischof anordnete, daß nun 10 Jahre lang je 20 Pfennig zusätzliches Kirchgeld bezahlt werden solle ‑ jährlich 114 Gulden ‑, so scherte man sich kaum darum. In zwei Jahren waren nur 64 Gulden eingegangen. Die Bereitschaft zur Subordination ging

dem Ende zu.

 

Antonius Wilner hieß der Mittelbuchener Pfarrer (von Wachenbuchen hören wir aus dieser Zeit immer noch nichts), und er hielt an seinem alten Glauben fest. Aber je länger, desto mehr konnte er sich nicht mehr halten. Mit Sicherheit hatte er noch viele Gläubige hinter sich, aber sie waren nicht mehr die Mehrheit. Man sagte ihm, er solle gehen. Er sah es auch ein. Es waren wieder vier Jahre seit dem Reichstag vergangen. In Windecken wohnte ein aus Hanau stammender Pfarrer namens Johann Emmel. Er war begeistert für die Reformation und vielleicht bei so manchem in Windecken deshalb nicht beliebt. Man holte ihn nach Mittelbuchen, und Antonius Wilner ging nach Altenhaßlau. Bereits am 21. Mai 1525 trat Emmel seine Stelle hier an, obwohl Wilner erst am 27. Mai ging. Pfarrer Johann Emmel bekannte sich zu der Bekenntnisschrift, die die Evangelischen vor dem Reichstag (1530, ebenfalls in Augsburg) vorgelegt hatten. Der Reichstagsbeschluß von 1555 sicherte dann sieben Jahre später ab, daß das auch alles so in Ordnung war.

Wer katholisch bleiben wollte, hatte es nun gut, daß da noch die Michaelskapelle war. Im Juni kam ein neuer Kaplan, und die Kapelle wurde wieder aktuell. An eine Spaltung der Kirche hatte man damals noch gar nicht gedacht.

 

Friedrich Wilhelm Richter, der Mittelbuchener Pfarrer der Aufklärung  hatte persönlich ein schweres Schicksal: Er kam 1742 nach Mittelbuchen. Er war verheiratet, und seine Frau war in  Erwartung eines Kindes. Im Jahr darauf starb die junge Frau von 22 Jahren und wenige Monate später das Kind. Richter heiratete nach Jahresfrist wieder: die Tochter des französischen Pfarrers in Hanau. Wieder hatte dieses Ehepaar ein Kind, und auch dieses starb nach eineinhalb Jahren. Die damals ebenfalls 22jährige Mutter folgte ihrem Kind einen Monat später im Tod nach. Richter war wieder allein. Nach zwei Jahren entschloß er sich, es noch einmal zu versuchen. Vier Kinder gingen aus der dritten Ehe hervor, doch nach 18 Ehejahren starb er dann, auch gerade erst 52 Jahre alt.

 

Die katholische Kirchengemeinde: Bis 1946 blieb die Gemeinde rein evangelisch. Kesselstadt hatte bereits 1909 wieder eine katholische Gemeinde, allerdings ohne Kirche. Doch die Wende kam mit der Ausweisung der Heimatvertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten. Die Zahl der Katholiken wurde auch durch Zuzug von Außerhalb und durch die Neubaugebiete vergrößert.

Nach und nach wurde nun die katholische Gemeinde die katholische Pfarrkuratie Kesselstadt integriert. Die evangelischen Kirchengemeinden stellten ihre Kirchen zur Verfügung, auch die Barackenkirche in der Hohen Tanne. Im Jahre 1962 wurde der 1921 in Kesselstadt geborene Karl Schönhals Pfarrkurat der Kuratie Kesselstadt und betrieb den lange geplanten Bau der St. Elisabethkirche voran. Im Jahr 1964 war sie fertig und wurde vom Fuldaer Bischof Bolte konsekriert. Gleichzeitig wurde die Gemeinde zur Pfarrei erhoben und Karl Schönhals zu ihrem ersten Pfarrer.

 

 

 

Römerkastell

Das Lob kam aus berufenem Munde: „Historisch korrekt“ sei das Modell des Römerkastells, bescheinigte Martin Hoppe als Vorsitzender des Hanauer Geschichtsvereins den acht Ruhestands‑Handwerkern der Senioren-Werkstatt Bruchkübel. Sie hatten in monatelanger Kleinarbeit die Dauerleihgabe für den Mittelbücher Heimat‑ und Geschichtsverein gebaut. Anlass waren im Sommer 2001 die spektakulären Funde römischer Militäranlagen im Osten Mittelbuchens, deretwegen der Verlauf des Limes neu zu definieren ist.

Die Senioren haben 600 Arbeitsstunden in die mühsame Arbeit gesteckt. Das Modell wurde mit dem damaligen Grabungsleiter abgestimmt. Da selbst im Ausland keine maßstabsgetreuen Figuren aufzutreiben waren, schnitzte einer der Senioren solche aus Lindenholz. Die Dächer der Kastellbauten sind abzunehmen, um auf diese Weise auch das Innenleben nachvollziehen zu können.

Das Modell soll künftig in dem Raum des Mittelbucher Heimatmuseums zu betrachten sein, in dem die römische Zeit abgehandelt wird. Dort und im Nachbarraum des ersten Stocks sind bis zum 9. Juni samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr 25 Schautafeln zu sehen. Sie behandeln Kastelle und Wachtürme, Versorgungslager und Zivilsiedlungen. Die Wanderausstellung des Landesamtes für Denkmalpflege und der Römisch‑Germanischen Kommission geben den aktuellen Limes-Forschungsstand wieder.

 

 

Mittelbuchen

Im Jahre 2002 wurde die Kirche renoviert. Die Walker-Orgel aus den 50iger Jahren war schwer überholungsbedürftig. Bei Schachtungsarbeiten für die Heizungsablage in der Kirche stieß man auf vermutete und unerwartete Funde. Bei den Erdarbeiten für die neuen Warmluftschächte stieß man auf die Grundmauer des Vorgängerbaus, die in Urkunden erwähnte Michaeliskapelle aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Möglicherweise stand an gleicher Stelle bereits 1340 eine kleinere Kapelle aus Holz. Mit den Mauerresten bestätigte sich lang Vermutetes. Unerwartet war indes der Fund eines Mainzer Hohlpfennigs ‑ so genannt, weil er bei der einseitigen Prägung eine leicht schalenförmige Form erhielt. Die Münze war vermutlich irgendwann in der Zeit von 1480 bis 1560

statt in den Klingelbeutel in eine Ritze des Holzfußbodens gefallen.

Beim Ausheben des Luftschachtes in der Nähe des Altars kam das vollständige Skelett eines vermutlich vier bis sechs Jahre alten Kindes zu Tage, das nur 30 Zentimeter unter dem heutigen Kirchenboden begraben lag. Unter dem Kinderskelett fanden sich Knochenreste von Erwachsenen und ein Schädel. Offensichtlich baute man das heutige Gotteshaus zum Teil über einem ehemaligen Friedhof. Zum Alter der Knochenfunde lassen sich derzeit noch keine Aussagen machen. Ein bißchen zum Kirchenbau verrät jedoch die Lage des Kinderleichnams: Kinder, die vor der Taufe starben, beerdigte man dicht an der Kirchenaußenmauer, damit der Regen vom Dach auf die Grabstätte lief, um so im nachhinein das Sakrament  zu erteilen.

 

 

Wolfgang                                                                                       Führungsblatt 114

1. Lage: 109 Meter ü. N. N. Die Gemarkung liegt südöstlich von Hanau (3 km entfernt) an der Eisenbahnlinie Hanau-Bebra, umfaßt 1798 ha, davon 1640 ha Staatswald, und wird von den Gemarkungen Hanau und Großauheim eingeschlossen.

 

2. Bodenfunde: Römische Zeit: Der Limes verläuft in der Bulau, streckenweise gut erhalten, in Richtung Süd‑Nord; dicht nördlich vom Neuwirtshaus kleines Zwischenkastell dicht hinter dem Limes an der Birkenhainer Straße.

 

3. Älteste Namensformen: Ehemals Pulverfabrik; Gutsbezirk seit 1874/75. Bildung der Gemeinde Wolfgang 1928. ‑ Kloster St. Wolfgang 1468; Oberförsterei/Jagdhaus 1715.

 

4. Geschichtliches: Im Bulauwald gründete 1468 Erasmus Hasefuß, Trompeter des Grafen Philipp d. J. von Hanau, eine Kapelle zu Ehren des S. Wolfgang, die mit Serviten‑Mönchen besetzt wurde. 1502 wurde das kleine Kloster wegen eingerissener Mißstände mit dem Hospital in Hanau vereinigt; 1525 im Bauernkrieg zerstört. Die Bäume in der Nähe tragen Namensschilder mit Altersangaben.

1715 ließ Graf Johann Reinhard von Hanau in der Nähe der Ruine ein Jagdhaus bauen, die heutige Oberförsterei.

1875 wurde die Pulverfabrik eröffnet. Wolfgang und Pulverfabrik bildeten bis 1928 zwei Gutsbezirke, aus denen am 1. April 1928 die neue Gemeinde Wolfgang gebildet wurde. ‑ 1938 Pionierkaserne, heute amerikanische Kaserne.

 

 

 

5. Kirchliches: Evangelische und Katholiken werden von Hanau aus versorgt.

 

6. Baudenkmäler: Limes und Kastell Neuwirtshaus; Klosterruine: Torturm und gewölbte Sakristei.

Klosterruine St. Wolfgang Seite 262

Bild Seite 264: Ehemaliges Forsthaus an der alten Straße nach Niederrodenbach, einst ein beliebtes Ausflugsziel der Hanauer (es lag im Gelände der heutigen großen Kasernen).

 

7. Statistisches: Einwohnerzahlen: 1905 (Gutsbezirke Pulverfabrik und Wolfgang) = 356; 1919 = 316; 1925 = 341; 1939 = 1185 (mit Militärpersonen); 1946 = 585; 1953 = 966, davon Heimatvertriebene = 130, Evakuierte = 49 (aus Hanau = 40).

Bekenntnis: ev. = 600; kath. = 320; sonst. = 5 Prozent.

 

8. Wirtschaft: Die Einwohner sind hauptsächlich in Industrie‑ und Handwerksbetrieben sowie im öffentlichen Dienst in Hanau und Frankfurt beschäftigt. Deutsche Kunstlederwerke (Degussa); Condux‑Werke. ‑ Samendarre; Großkamp (Großbaumschule) des Forstamtes Wolfgang an der Niederrodenbacher Straße.

 

Kloster Wolfgang unter „Rodenbach“

 

 

 

 

 

Persönlichkeiten:

 

Amalie Elisabeth

Die in Hanau 1602 geborene Amalie Elisabeth hat als allein regierende Landgräfin von Hessen-Kassel in einer finsteren Zeit zwischen Königinnen und Fürsten europäische Geschichte mitgestaltet - mit Klugheit, Ausdauer und militärischer Gewalt.

Amalie Elisabeth von Hanau-Münzenberg, Landgräfin von Hessen-Kassel, war eine schillernde Persönlichkeit. Das jedenfalls läßt sich mit Gewißheit sagen zu der Frau, die vor gut 400 Jahren - am 29. Januar 1602 - in Hanau geboren wurde und, keine 50 Jahre alt, am 8. August 1651 in Kassel gestorben ist. Ihr Erdendasein lag in einer finsteren Zeit, bestimmt von Hass und Gewalt, Intrigen und Verrat, Raub und Vergewaltigung, Zerstörung und Massenmord. Was in den Geschichtsbüchern seither als „Dreißigjähriger Krieg“ beschrieben wird, bestimmte Amalies Leben - und sie selbst mischte mit, hauend und stechend mittendrin. Pardon! Natürlich nur sinnbildlich gesprochen. Die Dame lies hauen und stechen - von ihrem relativ kleinen, aber schlagkräftigen und deshalb in ganz Europa gleichermaßen gefürchteten wie begehrten Heer. Das hatte sie - sozusagen als das hochgerüstete Kapital - mit den Regierungsgeschäften in Vormundschaft für ihren Sohn von ihrem 1637 gestorbenen Mann Wilhelm V., Landgraf von Hessen-Kassel, übernommen.

Wilhelm steht nicht nur aus historischer Perspektive im Schatten seiner Frau. Er wird auch noch in ihrer Heimat verkannt, gerade da, wo er gerechterweise als Befreier gefeiert werden sollte, eben in Hanau. Zur Vorgeschichte laut Klaus Koniarek (Internet) nur so viel in Kürze: Wilhelm der V., genannt der Beständige, hatte von seinem Vater Moritz nach dessen Abdankung 1627 ein wirtschaftlich ruiniertes, total verschuldetes, militärisch besiegtes und damit politisch bedeutungsloses Land übernommen. Wilhelms diplomatische und militärische Fähigkeit brachte Hessen wieder politische Anerkennung, nicht zuletzt durch Bündnisse mit Schweden und Frankreich gegen den katholischen Kaiser und dessen Verbündete.

 

Wilhelm V.

Befreier Hanaus

Unter anderem entsetzte Wilhelm mit seinem Heer am 13. Juni 1636 in Verbindung mit schwedischen Truppen unter General Lesle die von dem kaiserlichen General Lamboy seit September 1635 belagerte und mit Flüchtlingen aus dem Umland überfüllte Festungsstadt Hanau. Während der Belagerung waren 22.000 Menschen innerhalb der Bastionen umgekommen, überwiegend durch Hunger und die Pest. Doch das seither alljährlich am 13. Juni in Hanau gefeierte Gedenken läßt eher auf eine Massen-Schizophrenie schließen, denn es heißt heute nicht nach dem Namen des Befreiers, sondern nach dem des Belagerers - „Lamboyfest“.

 

Der Tod des Landgrafen hatte Kaiser Ferdinand hoffen lassen, daß seine Witwe Amalie nun den Frieden anstreben würde. „Er hatte seine Rechnung ohne die unbezähmbare Persönlichkeit der Landgräfin gemacht“, so Klaus Koniarek, eine Frau von ungeheurer Entschlossenheit und hohem Verstand. Sie hatte auch ihre Grundsätze. Sie war eine begeisterte Calvinistin, aufrecht und glaubenstreu; sie hegte auch ein starkes dynastisches Gefühl und hielt es für ihre Pflicht, den Besitz ihres Gemahles ihrem Sohn nicht um einen Viertelmorgen Landes vermindert, sondern wenn möglich vergrößert zu hinterlassen.“ Deshalb nennt sie zum Beispiel der Pädagoge, Historiker und Ehrenvorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins 1844, Dr. Eckhard Meise, unverblümt „eine Kriegstreiberin“.

Und Meise beharrt auf diesem Urteil auch gegen Angriffe aus einem eher feministisch geprägten Lager, das in Amalie eine starke, emanzipierte Frau sieht, deren Verdienste und geschichtliche Bedeutung von der nachfolgend beherrschenden Männerwelt entweder kleingeschrieben oder gar schlicht verdrängt und verschwiegen worden sei - durch die Jahrhunderte bis heute.

In jüngster Zeit indes beschäftigt man/frau sich wieder mit der aus grauer Vorzeit matt herüberschimmernden Herrscherin. Was unter anderem mit Jubiläen zu tun hat: 1997 war die 400 Jahre zurück liegende Gründung der Hanauer Neustadt durch Graf Phillip Ludwig II. zu feiern; in diesem Jahr 2003 gedenkt die Brüder-Grimm-Stadt sowohl, der Verleihung von Stadt- und Marktrechten vor 700 Jahren - also der eigentlichen Altstadt- „Geburt“ am 2. Februar 1303 -`als auch der so genannten Judenstättigkeit, mit der wiederum Graf Phillip Ludwig II. - vor 400 Jahren (am 28. Dezember 1603) eine Neuansiedelung von Juden in Hanau ermöglicht hatte. Dieser Neustadtgründer und Judenansiedler war der Vater unserer schillernden Heldin. Und sie hatte eine nicht minder bedeutende Mutter: Katharina Belgica, Tochter des Prinzen Wilhelm von Nassau-Oranien, Statthalter der Niederlande.

Nicht gerade radikal, wohl aber durchaus kämpferisch hatte die Hanauer Künstlerin Isa Llagostera Anfang des Jahres 2002 die Medien gemahnt, Amalie sollte doch bitteschön anläßlich ihres 400. Geburtstages „in ihrer Geburtsstadt Hanau nicht vergessen werden.“ Schließlich stehe ihre Büste in der „Walhalla“ über Donaustauf bei Regensburg. Damit sei sie eine der drei oder vier Frauen - unter 120 „rühmlich ausgezeichneten teutschen Männern“ - neben der österreichischen Kaiserin Maria Theresia und der russischen Zarin Katharina der Großen. Dazu zitierte sie den großen klassischen Dichter Friedrich Schiller, der wahrlich kein Freund des Adels gewesen sei, als Laudator Amalies: „Sie war durch eine liebenswürdige Bildung und durch die Grazie ihrer Sitten die Zierde ihres Geschlechts, durch häusliche Tugenden das Muster eines guten Weibes, durch Weisheit, Standhaftigkeit, durch Verstand und Mut eine große Fürstin.“

Das alles sei überhaupt kein ernsthafter Widerspruch, kontert Eckhard Meise aktuell. Niemand zweifle an der persönlichen Größe und dem politischen Gewicht der Hanauerin. Aber sie habe nun mal nachweislich dazu beigetragen, daß jener große Krieg in der Hälfte des 17. Jahrhunderts dermaßen verlängert worden sei: „Sie war eine bedeutende Frau, aber aus heutiger Sicht etwas kritisch, wie gesagt, eine Kriegstreiberin.“

Womit wir beim eigentlichen Kern der Geschichte angekommen sind. „Hanaus Schicksal läßt sich nur vor dem Hintergrund der großen militärischen und politischen Aktionen des Dreißigjährigen Krieges verstehen. „Die Benennung ‚Dreißigjähriger Krieg’ täuscht etwas über den Sachverhalt hinweg, daß der Krieg genau genommen eine Folge von verschiedenen, allerdings fast unmittelbar aufeinander folgenden und untrennbar miteinander verbundenen Kriegen war“, schrieb Meise in einem Aufsatz, der erstmals in der Festschrift 350-Jahre Lamboy-Fest Hanau 1986 erschien, derzeit nachzulesen in dem vom Hanauer Magistrat 1997 herausgegebenen Buch und Katalog „Auswirkungen einer Stadtgründung“.

In seinen Anmerkungen zu Quellen und Hintergründen lobt der Historiker die englische Kollegin Clara V. Wedgwood, die 1938 „die anregendste Gesamtdarstellung“ verfaßte. Er selbst habe sich in der Darstellung

der Fakten wesentlich an Richard Willes „Hanau im Dreißigjährigen Krieg“ von 1886 und an die 1756 verfasste „Historische Chronik der beyden Stätten Alt und Neu Hanau“ des Archivars Johann Adam Bernhard (1688-1771) gehalten. Bei der Beurteilung der Personen jedoch habe er versucht, „Hanau nicht lokalpatriotisch zu sehen, sondern gewissermaßen von außen zu betrachten“.

 

Herrschende Geschichtsschreibung

Der geneigten Leserschaft sollte übrigens bei allen Geschichten bewußt bleiben, daß immer verschiedene Perspektiven möglich sind, um historische Szenen und ihre Darsteller in diesem oder jenem Lichte erscheinen zu lassen. Und daß die herrschende Geschichtsschreibung meistens die Geschichtsschreibung der Herrschenden ist. Um zu begreifen, welche Rolle Amalie Elisabeth in diesem mitteleuropäischen Kriegszenario spielte, lohnt sich die Mühe, wenigstens auszugsweise den „Versuch einer Darstellung ihres Lebens und Charakters“ von Karl Wilhelm Justi zu lesen, bereits 1806 vollendet, erschienen indes erst 1812 in Marburg.

Justi gilt als der eigentliche Biograph der Landgräfin, auf den sich wiederum andere Historiker nach ihm berufen. Beispielsweise Dr. Karl Siebert anno 1919 in seinem Beitrag „Hanauer Biographien aus drei Jahrhunderten“ der Festschrift zum 75jährigen Bestehen des Hanauer Geschichtsvereins (Hanauer Geschichtsblätter, Neue Folge Nr. 3/4).

Siebert skizziert die Lebensgeschichte unserer Heldin in einem etwas altbackenen, aber durchaus genießbaren Stil. Er macht aus seiner Verehrung kein Hehl und bleibt durchwegs in der unkritisch devoten Haltung des Untertanen. Und selbst noch die zarteste Andeutung dahingehend, auch die Fürstin wäre nicht ganz ohne Fehl und Tadel gewesen, wird in einer Phrase verpackt und ohne Inhalt belassen: „Klar und bestimmt handelte sie. und traf in ihren Anordnungen fast immer das Richtige.“

Auffallend ist die kleine Lautverschiebung im ersten Vornamen. In der Reihe tatkräftiger und geistig bedeutender Frauen, von denen Deutschland im 17. Jahrhundert nicht arm war, zählt wohl mit zu den ersten die Landgräfin von Hessen-Kassel, Amalia Elisabeth“, heißt es in Karl Sieberts Einleitung. Er nennt sie also nicht „Amalie“, wie von Carl Wilhelm Justi überliefert, sonder „Amalia“ - und fixiert diese Schreibweise sozusagen schlußendlich für die Annalen ihrer Geburtsstadt Hanau. Die erinnert sich ihrer großen Tochter - immerhin wenigstens das -  mit der Benennung einer Straße nach ihr in Sieberts Schreibweise: „Amaliastraße“.

Folgerichtig ist sie auch so vor etlichen Jahren von Martin Hoppe, inzwischen zum Vorsitzenden des Hanauer Geschichtsvereins aufgerückt, in sein Standardwerk Hanauer Straßennamen aufgenommen worden. Hoppe bietet die vermutlich kürzeste Fassung der ungezählten Biographien, abgesehen vom Amtlichen Führer der Walhalla, der nur eine Personalnotiz enthält zu der 1817 von Christian Friedrich Tieck geschaffenen Marmorbüste: „Sie übte seit 1637 die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Wilhelm Vl. aus, eroberte das Land zurück und erwarb durch Umsicht und Tatkraft beträchtliche Gebiete. Sie setzte im Westfälischen Frieden die reichsrechtliche Anerkennung des reformierten Bekenntnisses durch.“ Womit ihre Bedeutung über die hessischen Landesgrenzen hinaus genannt ist.

Aber zurück zu Karl Wilhelm Justi. „Wenn der so oft entweihte Helden-Name nur solchen Menschen gebührt, welche großen Hindernissen und Widerwärtigkeiten kräftig und ungebeugt widerstanden, so ist Amalie des Namens einer Heldin würdig“, macht der Biograph schon in der Vorrede seine persönliche Einstellung und zugleich die vorherrschende Geisteshaltung seiner Zeit deutlich. Um wenige Seiten weiter mit Bezug auf eine „Sammlung von mehr als hundert Briefen Amaliens an den Oberst-Lieutenant Adolph von May, desgleichen viele ihrer trefflichen Instruktionen für diesen ihren treuen Staatsdiener“ zu beteuern: „Die Umrisse, die ich gebe, sind aus der Wirklichkeit aufgefaßt, und sorgfältig zu einem Ganzen geordnet worden. Das weiter auszumalen, wo es durchaus an Daten fehlte, hielt ich nicht für erlaubt, Parteisinn und Schmeichelei wird mir kein unbefangen prüfender Leser vorwerfen. Diese Blätter sollen einige Zweige zu dem Kranze bieten, den der Vaterlandsfreund, nicht ohne Rührung, an dem ehrwürdigen Denksteine dieser großen Fürstin niederlegt“.

Das Vaterland stand hoch im Kurs seinerzeit, Heldenverehrung blühte auf, durchaus nicht nur in Hessen. Und nicht zufällig faßte schon 1807 - „als Napoleon Preußen niedergeworfen hatte“ - der zwanzigjährige Kronprinz Ludwig von Bayern den Plan, die Bildnisse der „rühmlich ausgezeichneten Teutschen“ in einem Ehrentempel des Vaterlandes zu vereinen (wie im Walhalla-Führer nachzulesen). Daß einst auch Amalie hier hoch über der Donau stehen würde, konnte Justi natürlich noch nicht wissen, als er zum Abfassen ihrer Biographie massenhaft „Quellen und Hülfsmittel“ studierte, über die er übrigens penibelst Rechenschaft ablegte in den Anmerkungen. „Da jedoch von mehreren Theilen des ‚Theatri Europäi’ verschiedene Ausgaben vorhanden sind, so habe ich jedesmal da, wo ein neues Theil zum erstenmal zitiert wird, die Jahreszahl der von mit benutzten Ausgabe bemerkt“, lässt der Gewissenhafte wissen und nennt sogar Schriften, um deren Einsichtnahme er sich vergeblich bemüht hatte, wie zum Beispiel „memoria meritorum Amalieae Elisabethae“ von Christoph Joachim Buchholtz (1652).

Wer sich auf den teilweise bis zur Lächerlichkeit hochgestimmten Ton einlassen und das schmalzende Pathos ertragen kann, wird auch immer wieder von Justis Sprachmächtigkeit überrascht und hat mit seinem Buch eine anschauliche und detaillierte Schilderung dieser komplizierten „Geschichte der Wechselwirkung des Individuums auf die Außenwelt - und umgekehrt“.

Daß Amalie Elisabeth sich den Forderungen des Kaisers widersetzte, hatte auch mit Erbstreitigkeiten zwischen den hessischen Linien Kassel und Darmstadt um einen Teil Oberhessens mit Marburg zu tun. Sie hielt den Kaiser mit falschen Versprechungen hin, schloß 1639/40 Verträge mit Frankreich, Schweden, Braunschweig-Lüneburg und trat trotz schärfster Proteste in der eigenen Heimat in den Krieg ein. So gesehen hat sich durch die Jahrhunderte bis heute durchaus nichts geändert an der Willkür der Machthabenden.

 

Und dann noch ein Bruderkrieg

In den Folgejahren kaufte sich die Herrscherin in ganz Deutschland zwölf Rechtsgutachten zusammen, benutzte diese zur Rechtfertigung ihrer Begehrlichkeiten und eröffnete am 6. März 1645 auch noch den so genannten Hessenkrieg um das Marburger Erbe, das sie den Darmstädter Verwandten (als Lutheraner übrigens sowieso schon zu Gegnern erklärt) schließlich abjagen konnte. Mit dem Westfälischen Frieden vom 14. Oktober 1648 wurde dann nicht nur der Dreißigjährige Krieg beendet, sondern auch der schon ein halbes Jahr zuvor vereinbarte Einigungs- und Friedensvertrag zwischen den rivalisierenden Bruder-Häusern Kassel und Darmstadt sanktioniert. Womit dann auch der Hessenkrieg vorbei war.

Die Landgräfin konnte neben der Anerkennung des Protestantismus in Hessen (mit Gleichstellung von Reformierten und Lutheranern) und etlichem Landgewinn zudem die Anwartschaft auf Hanau als Erfolg verbuchen: Mit einem familiären Erbvertrag von 1645 hatte sie das Recht der Primogenitur für ihre Nachkommen gesichert, wodurch - sozusagen als segensreiche Spätfolge nach dem Aussterben der Hanauer Linie - im Jahre 1736 die Grafschaft Hanau-Münzenberg komplett an Hessen-Kassel fiel.

Am 20. September 1650 dankte Amalie Elisabeth ab und übergab die Regierung ihrem Sohn Wilhelm VI. „Die Aufhebung der Blockade der Stadt Hanau im Jahr 1636 und der Anfall der Grafschaft Hanau an das Haus Hessen-Kassel im Jahr 1736“ lautet der Titel eines Buches, das zur Feier des zwei- beziehungsweise einhundertsten Jubiläums in 1836 im Hanauer Verlag von Friedrich König erschienen ist - „beschrieben von L. Weinrich, mit Bildnissen, Plänen und Handschriften“.

Wer noch tiefer in den Brunnen der Geschichte hinabsteigen und sich dabei von einem zeitgenössischen Fachmann begleiten lassen will, kann sich in die Familienbriefe der Amalie Elisabeth, Landgräfin von Hessen-Kassel und ihrer Kinder (Elwert-Verlag Marburg, 1994) vertiefen. Herausgeber Erwin Bettenhäuser bietet in seiner Historischen Einleitung auch eine sehr dichte, informative und distanziert kritische Darstellung der Landgräfin als Regentin von 1637 bis zu ihrem Tod 1651. Er macht beispielsweise Gründe plausibel, deretwegen sich Amalie ab Herbst 1638 gegen den Frieden entschieden hat. Er erläutert auch die bösen Mißerfolge und großen Krisen in der Regierungszeit der Landgräfin, etwa als Hessen 1640 selbst zum Kriegsschauplatz und 1641 als Reichsfeind vom Regensburger Reichstag verwiesen wurde. Bettenhäuser würdigt die Heldin im europäischen Zusammenhang als gleichwertige Herrscherin mit den Königinnen Christine von Schweden und Anna von Frankreich und urteilt, unter Berücksichtigung des deutlich kleineren Wirkungsrahmens und der kürzeren Regierungszeit brauche sie selbst den Vergleich mit Kaiserin Maria Theresia nicht zu scheuen. Gleichzeitig entlarvt er aber die merkantile Tätigkeit der Landgräfin im Zusammenhang mit der „hochherzigen Spende“ von rund 180 Tonnen Getreide für die Not leidenden Hanauer (1936) als skrupellose Spekulation und als „Kriegsgewinnlertum“.

Schließlich wird verständlich, wie sie zu ihrer staatspolitischen Bildung kam, durch Tante, Mutter, Schwiegermutter. Und mit welcher vielschichtigen Informationspolitik sie sich auf die Übernahme der Regierungsgeschäfte vorbereitet hatte - schon Jahre zuvor.

 

 

Familie Cancrin

Daß Rußland heute zu den wirtschaftlichen Großmächten gehört, verdankt es in erheblichem Maße einem im Dienst des Zaren gestandenen Deutschen, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in dem reinen Agrarland Rußland die Grundlagen für eine industrielle Entwicklung legte. Tatkraft und Weitblick ermöglichten das Entstehen einer eigenständigen Nationalwirtschaft. Der Mann, der das zuwege brachte, war der am 26. 11. 1774 in Hanau geborene Georg Cancrin.

Seine Eltern und Großeltern wohnten in Bieber im Kreise Gelnhausen, wo sie verantwortlich in der Leitung des damaligen Bergwerks standen und den Bieberer Gruben zu einer beachtlichen Entwicklung verhalfen. Welches Schicksal hatte die Familie Cancrin aus dem Biebertal und der Stadt Hanau in die Weiten Rußlands verschlagen?

 

Die Cancrins und die Bieberer Gruben

Im Jahre 1741 berief der damalige Hessische Regent und Landgraf den Bergmeister Johann Heinrich Cancrin zum Leiter der Bieberer Gruben. Er wurde Nachfolger des Bergrates Pauly, dessen Familie mit dem aus Bieber stammenden und unter Katharina der Großen tätigen Generals Feodor von Bauer verwandtschaftlich verbunden war.

Johann Heinrich Cancrin entstammte einer niederhessischen Bauernfamilie und war verheiratet mit Anna Katharina Fresenius. Einer der Vorfahren, ein evangelischer Geistlicher aus Jesberg, ließ irgendwann seinen deutschen Namen Krebs in Cancrinus latinisieren. In modischer Anlehnung an die französische Epoche entstand daraus später der Name Cancrin. Neben dem am 21. 2. 1738 geborenen Franz Ludwig Cancrin wurden der Familie in Bieber  noch fünf Söhne geschenkt: Johann Friedrich 1744, Johann Heinrich Friedrich 1746, Johann Hektor 1749, Johann Ludwig 1751 und Friedrich Ludwig 1755.

 

Über 400 Bergleute

Unter der zielbewußten Leitung Johann Heinrich Cancrins kamen die Bieberer Gruben bald zu hoher Blüte. Bei der Obernahme der Leitung bestand die Belegschaft lediglich aus 4 Bergbeamten, 12 Bergleuten und 2 Hüttenarbeitern. Geschürft wurde „Im Kalkofen“, „Am Burgberg“, „Im Röhriger Kobaltwerk“ und „Im Grundocker“. Cancrins besondere Aufbauarbeit galt dem „Lochborn“, wo ein neues Kobalt- und Hammerwerk entstand.

Die Vergrößerung und Ausweitung des Bergbaubetriebes hatte natürlich eine starke Zuwanderung zur Folge. Deshalb wurde im Jahre 1769 neben der alten lutherischen Kirche („obere Kirche“) eine neue reformierte Kirche erbaut. Finanziert wurde der Bau aus Mitteln der Salzsteuer, dem „Salzgroschen“.

Im Jahre 1768 beendete der Tod Johann Heinrich Cancrins erfolgreiches Schaffen. Auf dem Bieberer Friedhof fand er seine letzte Ruhestätte. In Bieber ist heute noch eine Straße nach den Cancrins benannt. Zur Zeit seines Ablebens bestand das Bergamt aus dem Bergmeister, dem Bergaktuar und dem Bergrichter. Dem Amt unterstanden Bergschreiber, Obersteiger, Steiger, Nachzähler, Garmacher, Hüttenmeister, Hammerschmiede und über 400 Bergleute.

Die Nachfolge des Bergwerk-Direktors übernahm im gleichen Jahr sein ältester Sohn, Franz Ludwig, der die Bieberer Gruben bis 1782 leitete. Er wurde 1738 in Breidenbach bei Marburg als Sohn eines Bergbau-Beamten geboren.

Er hat wie auch seine Brüder die Schule in Bieber besucht. Von seinem Vater hatte er zusätzlich Unterricht in den Naturwissenschaften und der Mathematik erhalten. Noch seiner Lehrzeit im Bergbau in den Bieberer Gruben studierte er von 1759 bis 1762 in Jena Bergwissenschaft, Jura und Mathematik.

Im Jahre 1764 wurde er zum Sekretär bei der Rentkammer in Hanau ernannt und mit Aufgaben aus dem Berg- und Salinenwesen betraut. Im Jahre 1765 verfaßte er eine Arbeit über „Die Zubereitung der Kupfererze“.

 

Professor für Mathematik

Im Jahre 1767 erfolgte seine Ernennung zum Assessor, 1768 seine Berufung zum Professor für Mathematik und Leiter des Zivilbauwesens der Grafschaft Hanau. Trotz der Übernahme dieser umfangreichen und wichtigen Aufgaben behielt Franz Ludwig die Leitung der Gruben bei. Er konnte sich diese Arbeitsteilung leisten, weil der Vater den Ablauf der Dinge an den Bieberer Gruben auf lange Sicht gut vorbereitet hatte.

 

Cancrin baute Stadttheater und Wilhelsbad

Die Grafschaft Hanau übergab ihm die Direktion über das gesamte Zivilbauwesen. In dieser Funktion baute er in den Folgejahren das Hanauer Stadttheater und das Wilhelmsbader Comoedienhaus. Im Jahre 1768 fand die erste Aufführung auf der Bühne zwischen Alt- und Neustadt statt. Erbprinz Wilhelm  ließ 1768 durch seinen Baurat Franz Ludwig Cancrin nach den Plänen des Generals Huth auf dem Gelände der eingeebneten Befestigungslinie zwischen Alt- und Neu- Hanau ein neues Theater erstellen. Es handelte sich um das bekannte Hanauer Stadttheater auf dem späteren Paradeplatz, das am 18. März 1945 mit dem größten Teil der Stadt unter dem furchtbaren Bombenhagel begraben wurde. Neben dem Theater wurde an dem neugewonnenen Platz der ehemaligen Befestigungsanlage ein Zeughaus gebaut, ein langgestrecktes Gebäude mit einer Wache an der westlichen Querseite, das spätere „Bezirkskommando“.

Im Park von Wilhelmsbad mußte Cancrin für Wilhelm IX. die verträumte „Ruine“, eine Wasserburg inmitten von Wald und Sumpf erbauen. Wilhelm IX. bewohnte dieses Idyll, dessen Innenräume außerordentlich behaglich eingerichtet waren, mit Madame Ritter, seiner Geliebten, einer Apothekerstochter aus der Schweiz, die ihm, dem Landgrafen, wie es irgendwo heißt, schöne Kinder gebar.

Cancrin nannte sich in seinen „Grundlehren der bürgerlichen Baukunst“ Baumeister und Architekt und berief sich in dieser Architektur-Theorie mehrmals auf die von ihm ausgeführten Bauten. Daß der Architekt bei den zeitgenössischen Beschreibungen des Wilhelmsbades oft zu nennen vergessen worden ist, kränkte ihn sehr. Besonders aber, daß der berühmte Gartentheoretiker C.C. L. Hirschfeld ihn bei der ausführlichen Beschreibung des Parks von Wilhelmsbad in seiner „Theorie der Gartenkunst“ 1785 nicht erwähnt hat, forderte seinen Widerspruch heraus. Die in dem Buch über die Gartenkunst „in Kupfer abgebildeten Gebäude“ in Wilhelmsbad, hätten nicht, so schreibt er in seinen „Grundlehren ..“ „die gute Proportion, die ihnen eigen ist“, und er erwähnt weiter, daß „die Erfindung und erste Zeichnung der Burg“, die Hirschfeld so sehr lobte, „gänzlich seiner Hände Arbeit sei“, so wie auch das „ganz von mir angegebene Carussel“.

An seinen Wilhelmsbader Bauten benutzte Cancrin nur wenige schmückende Zutaten, so findet man den „Zopf“- als die typische Dekoration der Bauzeit des Badeortes dort nur selten. Die Gebäude haben mit den schweren Mansarddächern und den rustikalen Fenstereinrahmungen einen altertümlichen Charakter. Sie wirken eher behäbig barock als klassizistisch kühl und elegant. Ähnlich schwerfällig sind die zahlreichen als Modelle vorgelegten Entwürfe in Cancrins Baulehre, die vor allem durch eine detaillierte technische Beschreibung der Bauweise der Gebäude ausgezeichnet und brauchbar war.

Cancrin war also, wohl auch dank seines Herkommens und seines Studiums, ein guter Praktiker. Er war kein kühner Anreger oder gar ein schöpferischer Architekt, der in neue Dimensionen der Architektur vorstieß. Viele seiner aus dieser Grundhaltung ausgesprochenen Gedanken zeigen ihn als den nüchternen Beobachter einer sich wandelnden Welt, in der nicht mehr allein der Schloßbau oder die Kirchengebäude den Maßstab setzten, sondern auch die „Civilbaukunst“ ein beachtenswertes Tätigkeitsfeld für einen Architekten abgeben konnte. So gibt es neben städtebaulichen Anweisungen in seinem Baubuch auch ein umfangreiches Kapitel über die „Zweckmäßige Einrichtung der mineralischen öffentlichen Bäder“, in dem eindeutig zu lesen ist, was er selbst programmatisch aus geführt hat:  „Es muß sich bey einem Bade ein Komödienhaus befinden, damit die Kurgäste dadurch belustigt werden können...“. Eine „Affäre“ des Hofmarschalls Ludwig von Call, des vertrauten Günstlings des Erbprinzen, führte 1782 zum Sturz des Architekten, der „sein Wilhelmsbad“ und Hanau verlassen mußte.

 

. . . schied aus dem hessischen Dienst

Der von Wilhelm IX. hochgeschützte Baudirektor Cancrin geriet offensichtlich zu Unrecht mit unter die Anklage gegen Hofmarschall von Gall wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder und wurde 1782 zu sechs Monaten Haft verurteilt. Diese saß er im Schloß Babenhausen ab und setzte in dieser Zeit die Arbeiten an seinem berühmten Werk der Bergwerks- und Salinenkunde fort, das von 1773 bis 1791 in 12 Bänden in Frankfurt/Main erschien. Als Oberkammerrat und Direktor des Münzwesens schied er 1782 aus dem hessischen Dienst.

Nach einem Abstecher zum Markgrafen von Anspach im Westerwald folgte er ein Jahr später dem Ruf der russischen Kaiserin Katharina II. Auf Grund eines günstigen Angebots des Grafen P. A. Rumjancev- Zadunaiskij siedelte er mit Frau und zwei Töchtern unter Zurücklassung des 8jährigen Sohnes (des späteren zaristischen Finanzministers) nach Rußland über. Ende Februar 1784 traf er in Petersburg ein und übernahm hier die oberste Leitung der berühmten Salinen von Staraja-Russo im Gouvernement Nowgorod als Nachfolger des verstorbenen Generalleutnants Bauer (ebenfalls aus Bieber).

Katharina machte den Bergbau-Spezialisten, was ihn zum Bau des Wilhelmsbader Karussells mit unterirdischem Antrieb durch Menschen und Tiere prädestinierte, zum Leiter einer bedeutenden Saline in der Nähe von Petersburg. Cancrins Fähigkeiten brachten ihm in Rußland zahlreiche Ehrungen und das Erheben in den Adelsstand ein. Ein aus dem Ural stammendes Mineral wurde später nach Cancrin benannt: Cancrinit. Franz Ludwig von Cancrin erlangte im Rußland des 18. und 19. Jahrhunderts fast mehr Ruhm als in Hanau und Umgebung.

Katharina II. gewährte ihm nach zweijährigem Wirken in Rußland zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und zum Abschluß wirtschaftlicher Arbeitspläne einen mehrjährigen vollbezahlten Urlaub in Deutschland, den er in Gießen verbrachte. Im Jahr 1787 gab er „Die Geschichte der in der Grafschaft Hanau-Münzenberg gelegenen Bergwerke“ heraus, wobei er im besonderen auf die Belange der Bieberer Gruben einging. Hier hatte er ja viele Jahre verbracht und seine Studien der Bergwissenschaft praktisch erproben können. Nach seinem Weggang aus Hanau wurde Cancrin durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen ein anerkannter Fachmann der Bergwerkskunde und der Architekturtheorie. Bis 1793 erschien in Frankfurt/Main sein Hauptwerk, das über Bergwerks- und Salinenkunde handelt und zwölf Bände umfaßt. Er verfaßte die „Grundlehren der bürgerlichen Baukunst“.

Nach seiner Rückkehr, kurz nach dem Tode der Kaiserin (1796), wurde er wieder Mitglied des Bergkollegiums. Paul I. beförderte ihn im März 1798 zum Staatsrat. Wenige Monate später schenkte er ihm in Anerkennung seiner Verdienste ein Haus in Petersburg. Auch Alexander I., der Nachfolger Pauls I, schätzte die Mitarbeit Cancrins sehr. Im Jahr 1812 trat Franz Ludwig Cancrin in den Ruhestand. Am 29. März 1816 verstarb er in Petersburg als russischer Staatsrat. Seinen Wahlspruch zitiert seine Nachfahrin Christine Langenscheidt noch heute, wenn auch mit verzogenen Mundwinkeln: „Ich kenne nur Rechtschaffenheit, Mühe und Arbeit, meinen Gott und meine Pflichten“. Franz Ludwig von Cancrin starb 1816.

Sein Name wurde später fast in den Hintergrund gedrängt durch den seines Sohnes Georg von Cancrin. Der 1774 in Hanau Geborene, 1796 mangels Anstellung in Hanau zu seinem Vater Übergesiedelte, erwarb sich als Generalorganisator aller russischen Armeen (1814/15) und als russischer Finanzminister (1823-44) beträchtlichen Ruhm. Das ist noch heute im Brockhaus vermerkt, erzählt seine Nachfahrin Christine Langenscheidt stolz.

 

Der Sohn wurde russischer Finanzminister

Sein Sohn, der spätere russische Finanzminister Georg Ludwig Daniel Cancrin, studierte in Marburg und Gießen Rechts- und Staatswissenschaften. Neben seinen Interessen für Berg-, Münz- und Bauwesen kamen Philosophie und Literatur nicht zu kurz, wie sein in Altona 1797 anonym erschienener Roman „Dagobert“ beweist. Nach Abschluß des Studiums folgte er 1797 seinen Eltern nach Rußland, wo er zunächst in Petersburg als Lehrer, Buchhalter und Schreiber ein entbehrungsreiches Dasein führte.

Später war er in Staraja-Russa, dem heute sehr bekannten Solbad südlich des Ilmensees  als Gehilfe des Vaters tätig und trat damit in den eigentlichen Staatsdienst. Bald stieg der junge, begabte Cancrin zu hohen Ehren auf. Im Jahre 1805 wurde er Staatsrat, und am 7. August 1809 ernannte ihn Alexander I. zum Inspektor der ausländischen Kolonien im Gouvernement Petersburg. Im Jahre 1814 ward er Generalintendant der gesamten russischen Armee und erhielt in Anerkennung seiner überragenden Fähigkeiten den Generalstitel. Bemühungen der österreichischen Regierung, Cancrin unter überaus günstigen Bedingungen noch Österreich zu berufen, lehnte er ab, da er langst in Rußland eine zweite Heimat gefunden hatte.

 

Ausgeprägte staatsmännische    Fähigkeiten

Am 4.Mai 1823 wurde Georg Cancrin mit dem hoben Amt des russischen Finanzministers betraut, das er bis zum Jahre 1844 ausübte. Das Zeitalter der Technik begann, die ersten Dampfschiffe überquerten den Ozean, die ersten Eisenbahnen rollten durch die Länder. Die Industrialisierung kam auf. Sein Lebenswerk galt ferner dem Ausbau des Berg- und Salinenwesens, der Forst- und Landwirtschaft unter besonderer Förderung der Schafzucht, des Weinbaus und der Seidenzucht. Zahlreiche Institute und Schulen zur Verbreitung theoretischer und praktischer Kenntnisse wurden von ihm gegründet. Auf seine Veranlassung hin unternahm unter anderem Alexander von Humboldt zum Zwecke der Erschliessung von Bodenschätzen Forschungsreisen nach dem Ural und Altai.

Georg Cancrin, ein Mann von ausgeprägten staatsmännischen Fähigkeiten, brachte zielbewußt die zerrütteten Staatsfinanzen wieder in Ordnung und führte eine Gesundung und Belebung der russischen Wirtschaft herbei. Frühzeitig hatte er durch theoretische Arbeiten über Wirtschaftsfragen die Aufmerksamkeit der preußischen Offiziere in der Umgebung von Alexander I. auf sich gelenkt. Sein Vorgänger Guriew, der der zerrütteten Lage nicht gewachsen war, wirtschaftete mit stetem Defizit und teuren Anleihen. Er erschwerte auch dem Kaiser nach Möglichkeit jeden wahren Einblick in die wirkliche Finanzlage. Cancrin war, seinem Charakter gemäß, darauf bedacht, dem Kaiser reinen Wein einzuschenken. Auf Wunsch Nicolaus I. erteilte Cancrin dem Thronfolger und späteren Alexander II. ab 1838 zweimal wöchentlich finanzwissenschaftliche Vorlesungen.

 

Brachte ein Milliardenbudget in Ordnung

Ersparungen, wo sie sich irgendwie recht fertigen ließen, brachten es schon im ersten Jahr seiner Tätigkeit zustande, daß das Budget mit 392 Millionen Rubel bereits um 50 Millionen niedriger lag als das letzte Budget Guriews. Cancrin brachte die Finanzen nicht nur ins Gleichgewicht, sondern er möglichte auch eine bedeutende Schuldenrückzahlung. Er setzte durch, daß die Forderungen des Staates maßvoll blieben und keine neuen Auslands-Anleihen auf genommen wurden.

 

Lebendige deutsche Kultursphäre

Cancrin wurde zu den bedeutendsten Anhängern der deutsch-russischen nationalökonomischen Schule gerechnet. Seine grundsätzlichen wirtschaftlichen Auffassungen legte er in folgenden Schriften nieder: „Weltreichtum, Nationalreichtum und Staatswirtschaft“ (1821), „Über die Militär- Ökonomie im Frieden und Krieg“ (3 Bände, 1834 ff) und „Die Ökonomie der menschlichen Gesellschaft und das Finanzwesen“ (1845). Cancrin ließ alle Schriften bezeichnender Weise in deutsch herausgeben. Eine russische Obersetzung ist erst 1894 erschienen. Seine Reisetagebücher (1840-45) hat sein Schwiegersohn, Alexander Graf Keyserling, der bekannte Gelehrte und Kurator der Universität Dorpat, 1865 herausgegeben.

Aus all den Druckschriften und seinem Briefwechsel mit Alexander von Humboldt wurde offenbar, wie Cancrin ganz in deutscher Kultursphöre lebte und atmete. Die russische Sprache hat er nur schwer erlernt und schlecht beherrscht. Am 22. September 1829, dem Tage der Veröffentlichung des Manifestes über den Frieden von Adrianopel, erhob Nicolaus I.. seinen überaus begabten Finanzministers mit seinen Nachkommen in den Grafenstand des russischen Reiches.

 

Die Silberrubel als Münzeinheit

Auf Cancrin geht die Aufnahme der Barzahlung zurück anstelle der während der Napoleonischen Kriege und den Folgejahren völlig zerrütteten Assignaten-Wirtschaft. Bei seinem Amtsantritt stand der Bankrott an der Schwelle. Rußland hatte bis 1817 über 800 Millionen Rubel Papiergeld in den Verkehr gebracht, das, weil ohne Deckung ausgegeben, völlig entwertet war. Der neue Finanzminister verhinderte die weitere Ausgabe von Assignaten (Papiergeld ohne Deckung) und führte den Siiberrubel als Münzeinheit ein.

Cancrins Ordnungssinn und Sparsamkeit war es gelungen, schon zwölf Monate noch Übernahrne seines Amtes eine gewisse Stabilität herzustellen. Mochte Zar Nicolaus, der Nachfolger Alexander I., bisweilen auch gegenüber Cancrins Sparsamkeit die Geduld verlieren, aber schließlich gab der Herrscher immer wieder noch und festigte dadurch Cancrins Stellung, was sich auch in dessen Verhältnis gegenüber den Großfürsten günstig auswirkte.

Unerbittlich zeigte sich Cancrin als Schutzzöllner. Er hob den Zoll-Tarif von 1819 auf, der jede eigene Fabrikationsentfaltung in Rußland unmöglich machte und sicherte durch Neufassung 1823 den Schutz der jungen russischen Fabrikation. In Petersburg errichtete er das „Technische Institut“ und sorgte für Verbreitung ausländischer Fachliteratur in russischer Sprache. Um Geldquellen für die industrielle Entwicklung zu erschließen, sorgte er für eine Verbesserung der Rentabilität der Salinen und Bergwerke. Zur Hebung der Steuereingänge schritt Cancrin zur Verpachtung des Branntweinverschleißes, wovon der er sich auch eine Verminderung der Trunksucht versprach. Diese Hoffnung erwies sich zwar als ein Irrtum, wohl aber stiegen die Steuereinnahmen im Jahre 1827 um 81 Millionen.

Vielen seiner Zeitgenossen war er in Idee und Tat weit voraus. Seine humanen Grundsätze fanden die besondere Anerkennung des Kaisers Alexander I., der ihm volles Vertrauen schenkte, ein Verhältnis, das unter Nicolaus I. fortbestand.

 

Im Kinzigtal zu Besuch

Im September 1843 besuchte Graf Cancrin uf dem Weg nach Paris mit seiner Frau, einer Gräfin aus der altrussischen Fürstenfamilie Murrawiew, zum letzten Male die Heimat seiner Väter, seinen Geburtsort Hanau und das Kinzigtal. Er wohnte im Gasthof „Zum Riesen“ in Hanau am Main. Er ließ sich, weil er Sehnsucht nach einer Stätte seiner frühen Kindheit hatte, nach Wilhelmsbad fahren. Im Jahre 1844 nahm er seinen Abschied aus dem russischen Staatsdienst, der ihm unter den ehrenvollsten Formen gewährt wurde.

Kurz vor seinem Tode veröffentlichte er als Ergebnis von Musestunden eine Novelle: „Phantasiebilder eines Blinden“. Den eigenartigen Titel wählte er wohl im Hinblick auf seine schwindende Sehkraft, unter der er in den letzten Jahren sehr litt. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte Cancrin in Powlowsk bei St. Petersburg. Am 9. September 1845 verstarb der Mann, der seine glänzende Laufbahn ausschließlich seiner Tüchtigkeit verdankte, im Alter von 71 Jahren.

Auch auf der Höhe seines Schaffens lebte der oft sehr schroffe Finanzminister zurückgezogen und bescheiden. Große Gesellschaften mied er, dafür schätzte er das wissenschaftliche Gespräch im Freundeskreis. Zu seinen wenigen ständigen Tischgästen zählte der aus dem Schweizer Thurgau stammende reformierte Pfarrer Johannes Muralt, der ein enger Mitarbeiter Pestalozzis gewesen und als Pädagoge und Geistlicher in der Schweiz und in Rußland in damaliger Zeit stark hervorgetreten ist.

 

„Mit einem Wagen vol Gold...“

Der Name Cancrin ist mit dem Bieberer Bergbau eng verbunden. Deshalb sei noch ein kurzes Wort über die Gruben im Bieberer Grund gestattet. Im Jahre 1494 gehörte das Bieberer Werk Kurmainz und Hanau gemeinsam. Im Jahre 1546 erhielt Hanau das Bergwerk als alleiniges Eigentum. Durch die politischen Wirren jener Zeit lag das Bergwerk bis 1675 still. Von da an wurden Silber, Kupfer und Blei gegraben.

Im Jahre 1693 wurde das Werk von einem Bergmeister Bär gepachtet, der zwar ein geschickter Bergmann war, aber das Hüttenwesen nicht verstand und verarmte. Dasselbe Schicksal hatte Oberstleutnant Glaubitz und der aus Sommerkahl stammende Georg Wild. Von 1702-1704 erging es Martin Kressel nicht besser. In den Jahren 1704-1708 betrieb Bergrat Walther nur das Eisenwerk. Er soll mit einem Wagen voll Gold noch Bieber gekommen sein und als armer Mann den Betrieb verlassen haben. 1708-1737 gehörten die Gruben einer Hanauer Genossenschaft unter Bergrat Jüngst aus Dillenburg. Ein Berghauptmann von Drach war damals Betriebsleiter.

Eine Wandlung zum Besseren trat erst im Jahre 1737 ein, als die Grafschaft Hanau an Hessen-Kassel fiel. Die neue Herrschaft betrieb alle Werke selbst. Landgraf Wilhelm VIII. (1730-1760) von Hessen-Kassel berief geschickte Leiter an die Spitze seiner Werke, zunächst Bergrat Pauly, dessen Haus später lange Zeit als Oberförsterei diente. Paulys Nachfolger waren die Cancrins.

Nach Erscheinen seines bedeutsamen Beitrages zur Geschichte des heimischen Bergbaues wirkte Franz Ludwig Cancrin noch 25 Jahre im russischen Staatsdienst. Im Jahre 1816 starb Franz Ludwig von Cancrin als kaiserlicher Staatsrat, geehrt mit dem Adelstitel, in St. Petersburg. Im gleichen Jahr wurde auf dem Friedhof von St. Petersburg sein Landsmann, der im 50. Lebensjahr verschiedene russische General Feodor von Bauer, ein Enkel des Oberförsters Jahann Valentin Bauer aus Bieber im Kreise Gelnhausen, zur letzten Ruhe gebettet.

„Am Mute hängt der Erfolg“ sagte Theodor Fontane. Der kometenhafte Aufstieg von Sohn und Enkel Cancrin war nicht nur der außerordentlichen Tüchtigkeit und Tatkraft beider zuzuschreiben, sondern lag wesentlich mitbegründet in ihrer lauteren Gesinnung und Haltung. Glück und Erfolg der Nachkommen hatten ihre Wurzeln in der verantwortlichen und naturverbundenen Arbeit des biederen Bergmeisters Johann Heinrich Cancrin im waldreichen Biebergrund.

 

 

 

Die Brüder Grimm

Unsere Vaterstadt hat eine ganze Reihe bedeutender Männer hervorgebracht; die größten unter ihnen sind die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm. Der Name Grimm wird in den Ratsprotokollen der Altstadt Hanau zum erstenmal 1639 erwähnt: Johannes Grimm, Gastwirt im „Weißen Roß“, nahe der Kinzigbrücke. Er kam von Bergen, wo die Familie seit dem Jahre 1549 nachgewiesen werden kann. Später war er Schaffner (Verwalter) des Johanniter-Hauses in Rüdigheim.

Der Urgroßvater Friedrich Grimm war in Neu-Hanau am 16. Oktober 1672 geboren und ist anscheinend der erste der Familie gewesen, der einen gelehrten Beruf erwählte: Er wurde Prediger und starb 1748 als Konsistorialrat in Hanau.

Sein Sohn Friedrich, der Großvater der Brüder, 1707 geboren, wurde Prediger in Steinau an der Straße. Aus seiner Ehe mit Christine Elisabeth Heilmann, Tochter des Hofgerichtsrates, Stadtschultheißen und Amtmanns des Büchertals, Johann Georg Heilmann zu Hanau, entsprossen zehn Kinder, von denen jedoch nur zwei Töchter und ein Sohn den Vater überlebten. Dieser Sohn, Philipp Wilhelm, am 19. September 1751 in Steinau geboren, ließ sich nach seinem Studium in Marburg und Herborn in Hanau als Advokat nieder und heiratete 1783 Dorothea Zimmer, Tochter des hessisch-hanauischen Kanzleirates Johannes Hermann Zimmer. Grimm wurde später Hochfürstlicher hessen-hanauischer Stadt- und Landschreiber. Die Ehe war mit neun Kindern, acht Söhnen und einer Tochter, gesegnet; aber von dieser Kinderschar blieben nur fünf Söhne und die Tochter am Leben.

Jakob und Wilhelm waren das zweite und dritte Kind. Jakob wurde am 4. Januar 1785, Wilhelm am 24. Februar 1786 in dem breiten Hause auf der Südseite des Paradeplatzes (gleich vor dem jetzigen Kino) geboren, das Hanauer Bürger im Jahre 1871 mit einem Bronzerelief der Brüder und einer Marmortafel mit Inschrift schmücken ließen.

Als Jakob sechs Jahre alt war, wurde der Vater zum Amtmann in Steinau, wo er selbst geboren war, ernannt, und im herrlichen Kinzigtal erlebten die Kinder eine schöne Jugendzeit. Der Vater starb schon 1796, und nun lag die ganze Sorge des Unterhalts und der Erziehung auf den Schultern der Mutter.

Ende September 1798 kamen die beiden Knaben nach Kassel, wo sie bei ihrer Tante Henriette Philippine Zimmer, der Kammerfrau der Landgräfin Karoline von Hessen, untergebracht wurden.

Da die bisherige unterrichtliche Vorbildung recht mangelhaft war, konnte Jakob nur in die Unterquarta (später Quinta), aufgenommen werden; Wilhelm mußte bis Ostern warten und sich durch Nachhilfeunterricht für diese Klasse vorbereiten. Aber nachdem sie beide den Anschluß an ihre Klassen gefunden hatten, machten sie durch unermüdlichen Fleiß und ihre natürliche Begabung so rasche Fortschritte, daß sie die Schule in der Hälfte der vorgeschriebenen Zeit durchliefen. Jakobs Abgangszeugnis beginnt mit den Worten: „Das Lob herrlicher Geistesgaben und eines unaufhaltsamen Fleißes verdient der edle Jüngling Jakob Grimm.“

Nach Ostern 1802 bezog Jakob die Universität Marburg. Es war die erste Trennung von seinem Bruder Wilhelm, mit dem er stets in einer Stube gewohnt und geschlafen hatte. Aber den Schmerz der Trennung überwand er, weil „es galt, der geliebten Mutter, deren Vermögen fast zusammengeschmolzen war, durch eine zeitige Beendigung der Studien und den Erfolg einer gewünschten Anstellung einen Teil ihrer Sorge abzunehmen und einen kleinen Teil der großen Liebe, die sie ihnen mit der standhaftesten Selbstverleugnung bewies, ersetzen zu können“.

Wilhelm, der die Jugendjahre ohne Krankheit durchlaufen hatte, fing in seinem letzten Schuljahr an, gefährlich zu kränkeln. Er bezog auch die Universität Marburg und begann, wie sein Bruder Jakob, das Studium der Rechte, hauptsächlich, wie Jakob schreibt, „weil ihr seliger Vater Jurist gewesen sei und die Mutter es so am liebsten hätte“.

Die beiden Studenten mußten sehr sparsam leben, da es ihnen „aller Verheißungen ungeachtet nie gelungen war, die geringste Unterstützung zu erlangen, obgleich die Mutter die Witwe eines Amtmannes war und fünf Söhne für den Staat großzog. Doch hat es mich nie geschmerzt, vielmehr habe ich oft hernach das Glück und auch die Freiheit mäßiger Vermögensumstände empfunden. Dürftigkeit spornt zu Fleiß und Arbeit an, bewahrt vor mancher Zerstreuung und flößt einen nicht unebenen Stolz ein, den das Bewußtsein des Selbstverdienstes gegenüber dem, was anderen Stand und Reichtum gewähren, aufrechterhält“.

In Marburg hörten die Brüder unter anderem die Vorlesungen des jungen Professors Friedrich Karl von Savigny, der sich später einen der berühmtesten Namen in der gelehrten Welt erwarb und mit dem die Brüder eine lebenslange innige Freundschaft verband. Bei einem Besuche bei Savigny sah Jakob zum ersten Male ein Buch aus dem Gebiete der Sprachwissenschaft, in der er sich später den höchsten Ruhm erwerben sollte: eine Ausgabe der Minnesänger.

Als Savigny im Jahre 1804 wegen Quellenstudien nach Paris ging und bei diesen Forschungen einen Mitarbeiter benötigte, berief er Jakob Grimm, der Ende Januar 1805 in Paris eintraf. Die Trennung war beiden Brüdern schwer, und wie sehr sie einander verbunden waren, zeigt ein Brief Jakobs am 12. Juli 1805: „Wir wollen uns, Lieber Wilhelm, einmal nie trennen, und gesetzt, man wollte einen anderswohin tuen, so müsse der andere gleich aufsagen. Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, daß mich schon das Vereinzeln zu Tode betrüben könnte.“ So haben es die Brüder für ihr ganzes Leben gehalten: sie arbeiteten in einem Zimmer an zwei Arbeitstischen, später in zwei nebeneinander liegenden Zimmern.

Im September 1805 traf Jakob wieder in Marburg ein und nach bestandenem Examen fuhr er mit Wilhelm zur Mutter, die inzwischen ihren Wohnsitz nach Kassel verlegt hatte. Noch in demselben Winter bewarb sich Jakob um eine Anstellung als Assessor oder Sekretär bei der Regierung, wurde jedoch nur in einer kleinen Stellung im Sekretariat des Kriegsministeriums mit einem jährlichen Gehalt von hundert Talern angenommen. In seiner freien Zeit beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium der Literatur des Mittelalters.

Wilhelm hatte im Frühjahr 1806 seine Prüfung ebenfalls bestanden und wartete auf eine Anstellung in Kassel.

Aber nach der Besiegung Preußens bei Jena und Auerstedt id Jahre 1806 rückten am 1. November französische Truppen in Kassel ein. „Es waren meines Lebens härteste Tage, daß ich mitansehen mußte, wie ein stolzer höhnischer Feind in mein Vaterland einzog.“ (Jakob Grimm).

Durch eifriges Studium und Versenken in das „Altertum unserer edlen Sprache und Dichtkunst, aus welcher auch Seitenpfade in das altheimische Recht einschlugen“, kamen beide über die traurige Zeit der Fremdherrschaft hinweg.

Das Kriegskollegium, bei dem Jakob Grimm angestellt war, wurde unter der französischen Herrschaft in eine Truppenverpflegungskommission umgewandelt, und da er des Französischen mächtiger war als alle übrigen Beamten, wurde ihm ein großer Teil der lästigen Geschäfte aufgebürdet.

Im Jahre 1807 bat er um seine Entlassung aus dem ihm nicht zusagenden Dienst. Eine Bewerbung um eine Stelle an der öffentlichen Bibliothek hatte keinen Erfolg. Da seine Besoldung ausfiel, war es ein kummervolles Jahr, da er nichts dazu beitragen konnte, der Mutter beim Unterhalt der Familie zu helfen. Dazu kam, daß Ende Mai 1808, erst 52 Jahre alt, die Mutter starb, „an der wir alle mit warmer Liebe hingen, und nicht einmal mit dem Trost, eines ihrer sechs Kinder versorgt zu wissen. Hätte sie nur wenige Monate noch gelebt, wie innig würde sie sich meiner verbesserten Lage gefreut haben.“

Auf Empfehlung des Geschichtssehreibers Johannes von Müller wurde Jakob Grimm zum Bibliothekar der Privatbibliothek des Königs Jerome mit zweitausend Franken Gehalt ernannt, die bald auf dreitausend erhöht wurden. Er hatte nicht viel Arbeit in seiner Stellung, um so mehr konnte er sich mit seinen Lieblingsschriften, den Minnesängern und der altdeutschen Sprache und Dichtung, beschäftigen.

Wilhelm mußte im Frühjahr 1809 wegen einer Herzkrankheit und wegen seiner früheren Atembeschwerden einen berühmten Arzt in Halle befragen. Im Spätherbst reiste er nach Berlin, um Achim von Arnim zu besuchen, der zusammen mit Clemens Brentano im Jahre 1806 die berühmte Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ herausgegeben hatte. Mit beiden Dichtern der Romantik waren die Brüder durch Savigny, der der Schwager Brentanos war, bekanntgeworden. In der von beiden Dichtern herausgegebenen „Zeitung für Einsiedler“ veröffentlichte Jakob seine Gedanken über das Verhältnis von Poesie und Geschichte und Wilhelm Übersetzungsproben aus seinem erst 1811 abgeschlossenen Buche „Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen“. Auf der Heimreise hatte Wilhelm das Glück, auf Empfehlung von Achim von Arnim von Goethe in Weimar empfangen zu werden.

Die Kur in Halle hatte Wilhelm gut getan; das Übel war zwar noch nicht ganz verschwunden, aber die Anfälle kamen seltener und nicht mehr so heftig. Er selbst bezeichnet das Jahr 1809 als Wendepunkt.

Im Jahre 1813 ging die Fremdherrschaft zu Ende. Bald nach der Schlacht bei Leipzig kehrte die Kurfürstliche Familie nach Kassel zurück, vom Volke mit großem Jubel empfangen. Im Dezember 1813 wurde Jakob Grimm zum Legationssekretär ernannt und dem hessischen Gesandten beim großen Hauptquartier der verbündeten Heere beigegeben, und Wilhelm Grimm erhielt 1814 die Stelle eines Bibliotheksekretärs an der Museumsbibliothek in Kassel.

Neujahr 1814 reiste Jakob von Kassel ab und kam endlich im April in dem eingenommenen Paris an. Er benutzte trotz der Unruhe der Zeiten jeden Augenblick, um in den Bibliotheken der Städte nach literarischen Schätzen zu forschen. In Paris mußte er auftragsgemäß nach den aus Hessen verschleppten Kunstschätzen und Büchern forschen und sie zurückfordern. Er entledigte sich dieses Auftrages mit großem Geschick. Derselbe Gehilfe, der ihm die Bücher in Kassel beim Abzug der Franzosen 1813 hatte packen helfen, mußte sie ihm jetzt wieder ausliefern.

Kaum war er Juli 1814 nach Kassel zurückgekehrt, als er den hessischen Gesandten, den Grafen Keller, zum Kongreß nach Wien begleiten mußte. Das diplomatische Amt machte ihm weniger Freude, und fast in jedem Briefe finden sich Klagen. „Vom Kongreß ist nicht viel zu rühmen: 1. geschieht nichts, 2. was geschieht, heimlich, kleinlich, gewöhnlich und unlebendig. Auf diesem Wege entspringt aus jeder Frage wieder eine Vorfrage, und aus der Vorfrage noch eine andere, worüber sie verzweifeln und sich immer mehr hineinwickeln, währenddes die Grundlage von unserer Not und Notwendigkeit so klar darliegt, daß ordentlich die Stimme eines unschuldigen Kindes auftreten und das Rechte aussprechen sollte.“

Während seiner Tätigkeit in Wien benutzte er jede Minute seiner Freizeit, in den reichhaltigen Bibliotheken zu suchen und zu studieren; auch nahm er die Gelegenheit wahr, das Serbische zu erlernen.

Endlich kam für Jakob Grimm das sehnlichst erwartete Ende des Kongresses herbei, und im Juli 1815 kehrte er nach Kassel zurück. Zum zweiten Male mußte er auf Anforderung der preußischen Behörden, nach Napoleons Rückkehr von der Insel Elba, nach Paris gehen, um die in den vorhergehenden Jahren von den Franzosen geraubten Kunstschätze und Handschriften zurückzufordern. Nach Kassel zurückgekehrt, lehnte er die beabsichtigte Berufung als Gesandtschaftssekretär am Bundestag in Frankfurt ab, da er um keinen Preis in der diplomatischen Laufbahn bleiben wollte.

Im April 1816 wurde Jakob zum Bibliothekar an der Kasseler Bibliothek ernannt, an der Wilhelm seit 1814 Bibliotheksekretär war. „Von jetzt ab beginnt die ruhigste, arbeitsamste und vielleicht auch die fruchtbarste Zeit meines Lebens.. . Nichts hätte gefehlt, als eine mäßige und gerechte Gehaltszulage für mich und meinen Bruder, und es würden uns in dieser Hinsicht wenig Wünsche übrig geblieben sein.“" Jakob bezog 600, Wilhelm 300 Thaler Jahresgehalt.)

Wilhelm hätte längst Anrecht auf eine Beförderung gehabt, aber die Zusammenarbeit mit seinem Bruder galt ihm mehr. „Dankbar haben wir die glückliche Zeit genossen, wo wir eine willkommene und belehrende Beschäftigung fanden, daneben Muße zum Studieren und zur Ausführung mancher literarischer Pläne.“ (Wilhelm.) Wie einträchtig die Brüder zusammen lebten und wie sehr sie jede Trennung vermieden, zeigt die Tatsache, daß Jakob eine ehrenvolle Berufung als Professor an die neugegründete Universität Bonn ablehnte!

Inzwischen war schon während der Franzosenzeit der wissenschaftliche Ruf der Brüder durch eine Reihe hervorragender Veröffentlichungen begründet worden. Jakob hatte neben einer Anzahl von Aufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften vierzig altspanische Romanzen, Wilhelm eine Übersetzung der dänischen Heldenlieder, aus denen er bereits 1809 Goethe vorgelesen hatte, herausgegeben. Gemeinschaftlich hatten sie 1812 die beiden ältesten deutschen Gedichte, das Hildebrandslied und das Wessobrunner Gebet, veröffentlicht, 1815 folgte das mittelhochdeutsche Epos „Der arme Heinrich“ von Hartmann von Aue und die Lieder der alten Edda.

Für alle Zeiten aber wurden ihre Namen in das Herz aller Deutschen eingeschrieben durch die „Kinder- und Hausmärchen“ (1812 bis 1815). „Die Märchen haben uns“, so konnte Wilhelm bereits 1815 sagen, „bei aller Welt bekannt gemacht.“ Sie sind bald in alle Kultursprachen übersetzt worden. In der Vorrede zum ersten Band heißt es: „Alles ist mit wenigen Ausnahmen, fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Überlieferung gesammelt...“. Und in der Vorrede zu dem 1815 erschienenen zweiten Band wird auf die oft genannte hessische Märchenfrau, die „Viehrnännin“ aus dem Dorfe Zwehren, hingewiesen: „Diese Frau, nicht viel über 50 Jahre alt, bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtnis. Sie erzählt bedächtig, sicher und ungemein lebendig, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsam, so daß man ihr mit einiger Übung nachschreiben kann; niemals ändert sie bei einer Wiederholung etwas in der Sache ab und bessert ein Versehen, sobald sie es bemerkt, mitten in der Rede gleich selber.“

Nach handschriftlichen Notizen Wilhelm Grimms sind noch zwei Kasseler Familien an der Sammlung beteiligt: Die Familien Wild und Hassenpflug; eine weitere Gruppe der Märchen stammt aus dem Paderbornschen: sie sind zum Teil in westfälischer Mundart geschrieben. Wilhelm Grimms Märchensammlung hat bald im ganzen deutschen Sprachgebiet Nachahmung gefunden: von der Ostsee bis in die Schweizer und österreichischen Gebiete wurde eine reiche Ernte eingebracht. Die Arbeiten der Brüder strahlten auch über die deutschen Grenzen aus, überall wurden Märchensammlungen veranstaltet, und es zeigte sich, wie in allen Kulturländern in diesen

Volksdichtungen eine auffallende Übereinstimmung gewisser Motive herrscht. Noch eine weitere bedeutende Folge zeitigten die Grimmschen Sammlungen von Märchen und Sagen: von ihnen aus gingen die wissenschaftlichen Bestrebungen der Volkskunde in allen Ländern, die heute zu einem nicht mehr wegdenkbaren Bestandteil der Sprachwissenschaft geworden ist.

Im Jahre 1816-1818 gaben die Brüder eine zweibändige Sammlung „Deutsche Sagen“ heraus. Der erste Band enthält die örtlich gebundenen, der zweite die geschichtlichen Sagen. Es war eine mühevolle, fleißige Arbeit, in der sie den Unterschied darstellten zwischen der an einem bestimmten Ort, an geschichtliche Personen und Ereignisse gebundene Sage und dem frei von Zeit und Raum dastehenden Märchen.

Wenn alles übrige ihrer Werke vergessen würde, mit den Märchen und den Sagen haben die beiden Brüder sich für das deutsche Volk unsterblich gemacht. Mit Ehrfurcht vor den Regungen der Volksseele und deshalb auch mit den philologischen Streben nach genauer Wiedergabe der Überlieferung haben sie ihr bedeutendes Kultur-Sammelwerk vollbracht.

Obwohl die Brüder bei ihrer Arbeit weiterhin einträchtig zusammenwirkten in der Erforschung der deutschen Sprache und Dichtung, trat allmählich, der Neigung des einzelnen entsprechend, eine getrennte Richtung heraus: Wilhelm widmete sich weiterhin der alt- und mittelhochdeutschen Dichtung, Jakob beschäftigte sich mit dem formalen Aufbau der Sprache. 1819 erscheint von ihm der erste Band der deutschen Grammatik, der von den Gelehrten mit Begeisterung aufgenommen wurde. 1829 erschien eine zweite gänzlich umgearbeitete Auflage, die das zwar schon bekannte, aber von Jakob Grimm erst formulierte Gesetz der Lautverschiebung enthält, das seinen Namen in der gesamten gelehrten Welt berühmt machte und das die Engländer Grimm’s Law (Gesetz) nennen.

Es wurde schon früher erkannt. daß die indogerrnanischen Sprachen (das Arische, das Iranische, das Armenische, das Griechische, das Albanesische, das Italienische, das Keltische und das Germanische) einmal aus einem Volke hervorgegangen sind. Jakob Grimm aber erkannte, daß sich die Veränderungen der einzelnen Sprachen nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten vollzogen haben, von denen die auffälligste Erscheinung die Lautverschiebung ist. So wird indogermanisch „p“ zu „f“ verschoben, z. B. lateinisch „pellis“ wird zu „Fell“, „nepos. Enkel oder Neffe“ wird zu „Neffe“ und „pater“ wird zu „fater“. Indogermanisch „t“ wird zu einem Zischlaut: lateinisch „tres“ wird zu englisch „three“, und im Deutschen, das im sechsten bis achten Jahrhundert eine nochmalige Verschiebung durchmacht, zu „d“ verschoben. Indogermanisches „k“ wird zu einem Gaumen- oder Kehlreibelaut verschoben: lateinisch „dico“ wird zu „zeihen“, lateinisch „lucere“ wird zu „licht“.

Bis 1837 erschienen noch drei weitere Bände, die die Wortbildung und Satzlehre behandeln. Die „Deutsche Grammatik" ist nicht die Darstellung eines Systems, wie wir sie in unseren Schulgrammatiken haben, keine Aufstellung von Sprachregeln, sondern sie ist viel umfassender: Sie zeigt den Zusammenhang und die Entwicklung aller germanischen Sprachen (Gotisch, Nordisch, Englisch, Friesisch, Niederländisch und Deutsch).

In die Kasseler Zeit fällt auch die Veröffentlichung der „Deutschen Rechtsaltertümer“ (1828). Jakob hatte das Werk begonnen, um sich von der grammatischen Arbeit zu erholen; aber der Band wuchs zu neunhundert Seiten an, so daß es, wie er im Vorwort sagte, „mit der Erholung beinahe fehlgeschlagen wäre“. Kein anderer als der „Rechtsgelehrte“ Jakob Grimm konnte die sprachlichen Bezeichnungen, wie sie im germanischen Altertum für Rechtsverhältnisse gebraucht wurden, erklären. Sein besonderes Augenmerk richtete sich, da er überall das Sinnliche im Geistesleben suchte, auf die vielen symbolischen Handlungen, die das germanische Rechtsleben begleiteten.

Wilhelm Grimms Augenmerk war besonders auf die Erforschung der alt- und mittelhochdeutschen Denkmäler gerichtet, von denen er eine beträchtliche Anzahl veröffentlichte. In den „Altdeutschen Wäldern“, einer Zeitschrift, die die Brüder von 1813-1816 herausgaben, erschienen Wilhelms umfassende Studien zu den deutschen Heldensagen. Alles, was er aus den alten Epen an Hinweisen und Andeutungen auf die Sage von Siegfried, Dietrich von Bern, Ermanarich und andere Helden gefunden hatte, kam im Jahre 1829 als die „Deutsche Heldensage“ heraus, die man als Wilhelms Hauptwerk ansehen darf.

Im Mai 1825 hatte Wilhelm die Tochter Dorothea des Apothekers Wild in Kassel geheiratet, die er schon als Kind gekannt hatte. Jakob blieb unvermählt. Dorothea aber war auch dem Schwager eine treue Freundin und Beraterin.

Im Jahre 1829 erlebten beide Brüder eine arge Enttäuschung: Nach dem Tode des ersten Bibliothekars glaubten sie, gerechten Anspruch auf Beförderung zu haben. Allein ein anderer wurde ihnen vorgezogen. Jakob blieb zweiter Bibliothekar, Wilhelm mußte weiterhin mit der Stelle eines Bibliotheksekretärs zufrieden sein, die er seit 1815 innehatte. Da die Brüder keine Aussicht auf Beförderung sahen, so folgten sie im Oktober 1829 einem Rufe des Königs von Hannover an die Universität Göttingen: Jakob als Bibliothekar und Professor, Wilhelm als Unter-Bibliothekar. Wilhelm wurde schon 1831 zum außerordentlichen, Jakob 1835 zum ordentlichen Professor ernannt. In seiner Antrittsrede am 13. November 1830 sprach Jakob Grimm über die Liebe zum Vaterlande und das Heimweh.

In die Göttinger Zeit fällt die Veröffentlichung der "Deutschen Mythologie" (1835), in der Jakob Grimm zeigen will, „daß die Herzen unserer Voreltern des Glaubens an Gott und Götter voll waren, daß heitere und großartige, wenngleich unvollkommene Vorstellungen von höheren Wesen, Siegesfreude und Todesverachtung ihr Leben beseligten, daß ihrer Natur und Anlage fernstand jenes dumpfbrütende Niederfallen vor Götzen und Klötzen“.

In den Jahren 1840 bis 1863 erschienen von Jakob Grimm die „Weistümer“ in vier Bänden, eine umfangreiche Sammlung altertümlicher dörflicher Rechtsanschauung, heute noch eine Fundgrube für alle, die sich mit der Erforschung früherer dörflicher Verhältnisse befassen.

Die Tätigkeit in Göttingen dauerte für Jakob Grimm nur sieben, für Wilhelm acht Jahre. Mit der Thronbesteigung des Herzogs Ernst August von Cumberland am 20. Juni 1837 änderte sich die politische Lage im Königreich Hannover. Der neue Herrscher, ein hochfahrender aristokratischer Absolutist, hob die Verfassung von 1833 auf und regierte mit der Verfassung des Jahres 1819, bis mit den neuen Ständen eine neue Verfassung vereinbart sei. Unruhe und Widerspruch regten sich im Lande, und sieben aufrechte Professoren der Universität Göttingen, darunter die Brüder Grimm, protestierten in einem Schreiben, „daß sie das Staatsgrundgesetz von 1833 für gültig hielten und nicht zugeben könnten, daß es ohne weitere Untersuchung zugrunde gehe.“

Am 11. Dezember verfügte der König die Entlassung der später sogenannten „Göttinger Sieben“ aus ihrem Amte, und drei von ihnen, und zwar die bedeutendsten, Dahlmann, Jakob Grimm und Gervinus, wurden des Landes verwiesen.

Als später der Gedanke auftauchte, die Ausgewiesenen zurückzurufen, erklärte Jakob Grimm: „Wir haben öffentlich das Patent des Königs für ein Unrecht erklärt; von ihm sind unsere Grundsätze als staatsgefährlich bezeichnet worden; beides kann keine Kunst vermitteln.“

Die drei des Landes Verwiesenen erhielten Zwangspässe nach der kurhessischen Grenze über Witzenhausen nach Kassel. Obwohl alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen waren, den Abschied der Studenten von ihren Professoren unmöglich zu machen, waren dreihundert bei Nacht und Nebel den Fußmarsch nach Witzenhausen gegangen und begrüßten die drei Lehrer mit donnerndem Hoch. Einige Professoren waren nachgekommen, und im Rathaussaal wurde eine Abschiedsfeier veranstaltet. Als die Scheidestunde nahte, kehrten die Professoren und die größte Anzahl der Studenten zurück; etwa fünfzig aber begleiteten die drei Vertriebenen bis nach Kassel. Dort war die Wache am Leipziger Tore verstärkt worden; die beiden Nichthessen Dahlmann und Gervinus wurden als Fremde nur zehn Stunden geduldet: man wollte das gute Einvernehmen zwischen Kurhessen und Hannover nicht trüben lassen. Gervinus ging nach seiner Vaterstadt Darmstadt, Dahlmann nach Leipzig, von wo er am 30. Dezember an Grimm schrieb, der König von Sachsen habe erklärt, die sieben achtbaren Professoren seien ihm in seinem Lande willkommen.

Jakob Grimm fand Zuflucht im Hause seines Bruders Ludwig, wo die Brüder von 1823 bis 1829 gewohnt hatten. Das Verhalten der Göttinger „Sieben“ fand in ganz Deutschland einen starken Widerhall, und ihre Maßregelung erregte allgemeine Teilnahme. Zahlreiche Dankschreiben trafen ein, darunter auch aus Hanau. Sammlungen wurden veranstaltet, auch in unserer Vaterstadt, um die tapferen Männer vor Not zu schützen.

Wilhelm Grimm, der in einem Brief an Dahlmann bemerkte, daß ihn der bloße Anblick der Menschen und Häuser in Göttingen anwidere, siedelte im Oktober nach Kassel über.

Ihr Leben hier war ganz der wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Unter ihren Freunden und Bekannten in Kassel gab es einige Leisetreter, die den Schritt der Brüder mißbilligten und sich von ihnen zurückzogen. Aber die Arbeit half ihnen auch über diese Unannehmlichkeit hinweg. Mit den bedeutendsten Sprachforschern Deutschlands und Frankreichs standen die Brüder in Briefwechsel, und am 8. November 1840 konnte Jakob Grimm an Dahlmann berichten, daß der König von Preußen sie nach Berlin berufen habe, um ihnen ein sorgenfreies Leben und wissenschaftliches Arbeiten an ihrem umfangreichen „Deutschen Wörterbuch“ zu gewähren, das sie schon in der Kasseler Zeit planten. Bedeutende Männer, wie Alexander von Humboldt, Varnhagen und auch Bettina von Arnim, hatten den König Friedrich Wilhelm IV. auf die beiden Grimm aufmerksam gemacht, die eine Zierde der Universität seien.

Im April 1841 siedelten sie nach Berlin über und söhnten sich allmählich mit der Großstadt aus. Außer ihren Vorlesungen hatten sie keine gesellschaftlichen Verpflichtungen und konnten sich ganz ihren wissenschaftlichen Arbeiten widmen.

1843 unternahm Jakob Grimm auf ärztlichen Rat eine Reise nach Italien und 1844 nach Skandinavien. Überall suchte er in den Bibliotheken nach alten Handschriften. Im Jahre 1846 besuchte Jakob Grimm den Germanisten-Tag in Frankfurt. Ungefähr 200 Gelehrte aus allen deutschen Gauen - Rechtsgelehrte, Geschichts- und Sprachwissenschaftler - waren dort versammelt. Ludwig Uhland schlug den Mann als Vorsitzer vor, „in dessen Hand schon seit vielen Jahren alle Fäden deutscher Geschichtswissenschaft zusammenliefen, von dessen Hand mehrere dieser Fäden zuerst ausgelaufen sind, namentlich der Goldfaden der Poesie, den er selbst in derjenigen Wissenschaft, die man sonst als eine trockene zu bezeichnen pflegt, in deutschem Recht, gesponnen hat, den Namen Grimm brauche ich kaum zu nennen.“

Der Vorschlag wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Auf der Versammlung des nächsten Jahres in Lübeck wurde er wieder zum Vorsitzenden gewählt. Beim Festmahl wurde er in einem Trinkspruch als ein Herrscher in drei Reichen, im Reiche des Rechtes, der Geschichte und der Sprache, gefeiert. Er dankte tiefbewegt: „Über mich wird bald Gras wachsen. Wird dann meiner noch gedacht, so wünsche ich, daß man von mir sage, was ich selbst von mir sagen darf, daß ich niemals im Leben etwas mehr geliebt habe als das Vaterland.“

1848 wurde Jakob Grimm in das Frankfurter Parlament gewählt, wo er mit Dahlmann und Gervinus zusammentraf. An den Verhandlungen nahm er nur wenig Anteil. Er hat seine Vaterlandsliebe, wie er sagte, 2nie in die Bande hingeben wollen, aus denen sich zwei Parteien einander anfeindeten; er habe gesehen, daß liebreiche Herzen in diesen Fesseln erstarrten.“

Nach 1849 ist Jakob Grimm nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. „In seliger Einsamkeit“ saß er über seinen Büchern, verfolgte aber das politische Leben mit großer Teilnahme. Am 16. Dezember 1859 starb Wilhelm Grimm. Es war ein schwerer Verlust für Jakob, nun ohne den getreuen Bruder leben und arbeiten zu müssen, mit dem er zeit seines Lebens in Eintracht und Verbundenheit zusammen gelebt hatte. Den besten Trost fand er in der Arbeit. Endlich im Sommer 1860 war er stark genug, dem geliebten Bruder die Gedächtnisrede in der Akademie zu halten. „Ich soll hier vom Bruder reden, den nun schon ein halbes Jahr lang meine Augen nicht mehr erblicken, der doch nachts im Traum immer noch neben mir ist.“

Mit rastlosem Eifer arbeitete er weiter, so daß seine Schwägerin und seine Nichte ihn öfters durch allerlei Vorwände vom Schreibtisch weglocken mußten. Schon in Kassel, nach seiner Entlassung aus der Universität Göttingen, war auf Anregung des Leipziger Buchhändlers Karl Reimer, ein großer Plan entstanden: die Brüder sollten ein Wörterbuch der deutschen Sprache zusammenstellen, das alle Wörter, die seit dem 16. Jahrhundert von deutschen Schriftstellern gebraucht worden sind, in ABC-Folge umfassen sollte. „Das Wörterbuch soll ein Heiligtum der Sprache gründen, ihren ganzen Schatz bewahren, allen zu ihm den Eingang offenhalten. Das niedergelegte Gut wächst wie die Wabe und wird ein hohes Denkmal des Volkes, dessen Vergangenheit und Gegenwart sich in ihm verknüpfen“ (Jakob Grimm). Die Geschichte eines jeden Wortes, seine Entwicklung und sein Bedeutungswandel vom Althochdeutschen zum Neuhochdeutschen, sollte geschrieben werden; eine unermeßliche Arbeit, die die Brüder allein nicht mehr zu Ende führen konnten. Die erste Lieferung erschien 1852. Jakob konnte die Buchstaben A, B und C, Wilhelm den Buchstaben D fertigstellen. Der Tod nahm ihnen die Feder aus der Hand. Unzählige Gelehrte arbeiteten und arbeiten noch an der Fertigstellung des gewaltigen Werkes, das erst jetzt seiner Vollendung entgegengeht.

Die Gebrechen des Alters zeigten sich auch bei Jakob; trotzdem trug er sich noch mit neuen Arbeitsplänen, und rüstig arbeitete er am Wörterbuch. Im Herbst 1860 wurde er von einer Leberentzündung befallen; am 20. September verschied er. Auf dem Mathäikirchhofe in Berlin wurde er neben seinem Bruder Wilhelm bestattet.

Die ganze Lebensarbeit der Brüder Grimm war der Erforschung der vaterländischen Sprache und Literatur gewidmet. In seiner Gedächtnisrede für seinen Bruder Wilhelm führte Jakob aus: „Wir hatten, eine lange schon genährte Neigung ausbildend, unser Ziel auf Erforschung der einheimischen Sprache und Dichtkunst gestellt. Die Denkmäler und Überreste unserer Vorzeit rücken einem unbefangenen Sinne näher als alles Ausländische und scheinen in alle Beziehungen des Vaterlandes einzugreifen. Der Mensch würde sich selbst gering schätzen, wenn er das, was seine Ureltern nach bewährter Sitte lange Zeiten hindurch hervorgebracht haben, verachten wollte.“

Um die beiden Pole Heimat und Vaterland kreiste das Denken und Arbeiten der Brüder ihr ganzes Leben lang, und ihre Sehnsucht war ein geeintes Deutschland. „In unserem widernatürlich gespaltenen Vaterland kann dies kein fernes, sondern nur ein nahes Ereignis sein, das unsere Zeit mit leichter Hand heranzuführen berufen ist; dann mag, was unbefugte Teilung der Fürsten zersplitterte, wieder verwachsen und aus vier Stücken ein neues Thüringen, aus zwei Hälften ein starkes Hessen erblühen, jeder Stamm aber, dessen Ehre die Geschichte uns vorhält, dem großen Deutschland freudige Opfer bringen.“ Im Jahre 1871 ist dieser Wunschtraum erfüllt worden.

Charakterlich waren beide Brüder von unendlicher Güte; sie bewahrten sich bis ins hohe Alter ein kindlich reines Gemüt. „Ein Optimismus der edelsten Art war ihm eigen“, sagte Herman Grimm von seinem Vater, „überall, auch in der größten Verwirrung der Dinge, suchte und entdeckte er die Richtung zum Guten.“ Nur ein solcher Charakter konnte in dem Einfachen und Ungekünstelten der Märchen die wahre Dichtung herausfühlen.

Jakob zeichnete in der Gedächtnisrede auf seinen Bruder Wilhelm den Unterschied ihrer Naturen: „Von Kindesbeinen an hatte ich etwas von eisernem Fleiß in mir, den ihm (Wilhelm) schon seine geschwächte Gesundheit verbot. Ihm gewährte Freude und Beruhigung, sich in der Arbeit gehen, umschauend von ihr erheitern zu lassen; meine Freude und meine Heiterkeit bestand eben in der Arbeit selbst. So manchen Abend bis in die späte Nacht habe ich in seliger Einsamkeit über den Büchern zugebracht, die ihm (Wilhelm) in froher Gesellschaft, wo ihn jedermann gern sah und seinen anmutigen Erzählungen lauschte, vergangen.“

Am 18. Oktober 1896 hat das deutsche Volk Jakob und Wilhelm Grimm ein Denkmal auf dem Marktplatz ihrer Vaterstadt errichtet, das wie durch ein Wunder dem Bombenhagel des 19. März 1945 standgehalten hat; es sollte uns und allen folgenden Geschlechtern als Mahnmal gelten, die bedeutendsten Söhne unserer Vaterstadt nicht zu vergessen und mit ihnen zu wetteifern in der Liebe zu Volk und Vaterland und zur Muttersprache, deren Reinerhaltung uns eine heilige Aufgabe sein muß.  

Bild in Hanau Stadt und Land, Seite 447: Das Grimmdenkmal in Hanau.

 

 

Paul Hindemith

Eine der stärksten musikalischen Begabungen unter den neueren Komponisten, Paul Hindemith, ist ein Kind unserer Vaterstadt Hanau. Das erfüllt uns mit Stolz. Am 16. November 1895 wurde er im Hause Vorstadt 14, das der Zerstörung zum Opfer fiel, geboren. Der Vater, ein künstlerisch hochbegabter Mann, jedoch ohne straffe innere Haltung, ließ den Jungen, der noch zwei musikalische Geschwister hatte, vom elften Jahre an in Frankfurt am Dr. Hoch’schen Konservatorium ausbilden. Professor Adolf Rebner, ein hervorragender Geiger und Leiter des nach ihm benannten, weltberühmten Quartetts, formte ihn zu einem tüchtigen Violinspieler und Bratschisten. Seine Lehrer im Tonsatz waren Bernhard Sekles und der Darmstädter Arnold Mendelssohn, Sohn eines Vetters von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Vor dem ersten Weltkrieg dirigierte an der Frankfurter Oper Dr. Ludwig Rottenberg, der spätere Schwiegervater Paul Hindemiths Er erkannte die künstlerischen Fähigkeiten des jungen Geigers und berief ihn als Ersten Konzertmeister an das Frankfurter Opernhausorchester. Hier erwarb er sich durch gründliches Einarbeiten in den musikalischen Stil der Oper das für seine eigene schöpferische Tätigkeit so überaus wichtige Handwerkliche der Kunst.

Der durch seine Tonschöpfungen bereits bekanntgewordene Tonsetzer wurde im Jahre 1928 als Lehrer der Komposition an die Hochschule für Musik in Berlin berufen. Wie viele andere mußte auch Paul Hindemith 1933 seine Heimat verlassen, und sein Werk wurde verfemt. Zuerst fand er Asyl in der Schweiz, später folgte er einem ehrenden Ruf als Professor der Musik nach den Vereinigten Staaten Amerikas. Im Jahre 1951 kehrte der Künstler nach der Schweiz zurück und wirkt seitdem als Hochschullehrer für Musik in Zürich.

Paul Hindemith hat oft im Brennpunkt künstlerischer Auseinandersetzungen gestanden; auch er mußte wie alle Neuerer gegen mannigfache Widerstände seinen Weg bahnen und sich seinen eigenen Stil erkämpfen. Heute steht nun die musikalische Welt vor dem Werk dieses talentiertesten deutschen Komponisten der Neuzeit in Erstaunen und Ehrfurcht. In seiner Oper „Mathis der Maler“ steht der Satz: „Alles, was du schaffst, sei Opfer dem Herrn!“ In diesen Worten liegt ein Bekenntnis zur Würde der Kunst, der Paul Hindemith mit ganzem Herzen dient.

Trotz aller äußeren Erfolge und Anerkennungen ist Paul Hindemith stets der bescheidene, liebenswürdige Mensch geblieben, dem nichts lästiger ist als öffentliche Ehrungen. Er lebt nur für sein Werk. dem er sich verschworen hat, und ihm widmet er sein ganzes, großes Können. Zeigen wir uns dieses großen Meisters, als einem der besten gestaltenden Geister unserer Zeit, würdig!

 

Hans Michael Moscherosch

Ein interessanter Gast in Hanaus Mauern war der Satiriker Hans Michael Moscherosch, ein Zeitgenosse Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen, des „Simplizissimus“-Dichters. Moscherosch versah in den Jahren 1656 bis 1664 die Stelle eines Rates und später des Präsidenten des Konsistoriums unter dem Grafen Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg. Unter der Landgräfin Sophie von Hessen-Kassel, einer Schwester des Großen Kurfürsten, wurde er Geheimer Rat.

 

Adolf Freiherr von Knigge

Auch der Schriftsteller Adolf Freiherr von Knigge, diese abenteuerliche Persönlichkeit, dessen Buch „Über den Umgang mit Menschen“ ihn zu einer sprichwörtlichen Bedeutung brachte, spielte einige Jahre in Hanau eine Rolle. Er kam 1777 an den Hof des Erbprinzen Wilhelm und war dort „inoffizieller maitre de plaisir“, leitete ein Liebhabertheater, war eifriger Freimaurer und - Alleskönner und Scharlatan zugleich. 1780 war sein Hanauer Gastspiel zu Ende.

 

Ein rechter Lausbub muss er ja schon gewesen sein. Steckte, so berichten zeitgenössische Anekdoten, den Hofdamen Ohrenzwicker in die Hochfrisuren, verriet auf Maskenbällen die Identität verkleideter Grafen, indem er ihnen Namenszettel auf den Rücken heftete - und auch ansonsten machte der junge Freiherr um keinen Schabernack einen Bogen. Ein bloßer Hanswurst war er deswegen nicht. In seinen Schriften begeisterte er sich leidenschaftlich für die Ideale der Französischen Revolution - was den feudalen Herren, bei denen er in Lohn und Brot stand, gar nicht schmeckte. Und auch sein Faible für Geheimbünde pflegte er artig. Ob Freimaurer oder Illuminaten, der Freiherr war stets mittenmang. Nur eines wäre ihm vermutlich völlig gleich gewesen: Wenn sein Tischnachbar die Forelle mit dem Messer tranchiert und nebenbei eine Karaffe Rotwein in sich hinein geschüttet hätte. Das sollte man heute gar nicht mehr denken vom alten Adolf Franz Friedrich Freiherr von Knigge.

„Alle deutschen Demokratennester sind der Widerhall Knigge’scher Grundsätze, und Knigge ist der Widerhall der ganzen deutschen Aufklärungspropaganda“, klagte Johann Georg Zimmermann, Leibarzt Friedrichs des Großen und einer von vielen Gesinnungs-Untertanen, auf die der freche Freiherr so angenehm wirkte wie ein Kräuter-Einlauf. „Man beklatscht den Volksaufwiegler Knigge wegen der unzählbaren Pasquillen, die er des lieben Brodes willen schrieb.“

Wohl wahr, Knigge, Jahrgang 1751 schrieb viel - Theaterstücke, Reisebeschreibungen, Romane, politische, pädagogische und spöttische Traktate - und nicht alles, was er verfasste, hat sich im literarischen Olymp etabliert.

Aber seinerzeit, Ende des 18. Jahrhunderts, war der schreibende Adelsspross ein durchaus erfolgreicher Autor. Reich werden konnte man damals damit nicht. Seit dem 14. Jahrhundert hatte die Knigges „Herren auf Bredenbeck und Pattensen“ - den Landstrich südlich von Hannover als Guts- und Gerichtsherren regiert. Adolfs Vater schien den Genüssen des weltlichen Lebens keinesfalls abhold und war gewiss kein Sparbrötchen: Als Adolf jedenfalls 1766 sein Erbe hätte antreten können, befand es sich bereits in der Hand der Gläubiger. Dem später erfolgreichen Autor war es Zeit seines Lebens nicht vergönnt, den Familienbesitz wieder zurückkaufen zu können.

Dennoch verlief die Karriere des jungen Knigge leidlich: Nach Jura-Studium in Göttingen tummelte sich Adolf recht bald am Hofe des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel. Das passte natürlich wie die Faust aufs Auge: Hier der verarmte Adelige mit Revoluzzer-Fantasien und Faible für die Menschenrechte, dort der Kasseler Potentat, der für gutes Geld seine Landeskinder an den König von England verhökerte, der die Hessen gegen die abtrünnigen amerikanischen Provinzen ins Feld schickte. Adolf lebte sich trotzdem gut bei Hofe ein, begann ein Techtelmechtel mit der Kusine des Landgrafen und war ob seiner scharfen Zunge und seines wachen Geistes durchaus beliebt.

Seine unselige Leidenschaft, die Leute auf die Schippe zu nehmen, brachte ihn wider Willen unter die Haube. Henriette von Baumbach - weder besonders schön noch besonders helle, aber immerhin Hofdame - war offenbar bevorzugte Zielscheibe von Knigges Spott. Landgräfin Phillipine, die Henriette schätzte, rächte sich aufs Furchtbarste: Sie gab, da Knigge ja ganz offenkundig die Gesellschaft der Baumbacherin schätzte, recht einseitig die Verlobung bekannt - eine Zwickmühle, aus der sich der spottlustige Freiherr nicht mehr retten konnte.

Die Ehe, aus der seine einzige Tochter Philippine (geboren 1775) stammt, hielt erwartungsgemäß nicht ewig, und seine schlechte Meinung über den Bund fürs Leben muss Knigge wohl in dieser Zeit verfestigt haben. „Es ist ein Stand der schwersten Sklaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln der Notwendigkeit, ohne Hoffnung einer anderen Erlösung, als wenn der dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.“ Von Amors Pfeilen und seinen Opfern hielt der Zwangsvermählte nicht mehr viel. „Verliebte“, giftete er, „sind, so wenig als andere Betrunkene, zur Gesellschaft geschickt“.

Beruflich lief es auch nicht glänzend - obwohl Knigge bereits in Kassel die Nahe der kurfürstlich protegierten Loge „Zum gekrönten Löwen“ sucht. Er hofft, seine neuen Freunde konnten ihm bei Erlangung der Promotion behilflich sein. Ein Irrglaube: Geholfen wird dort nur gegen Bares, das hat Knigge nicht, und er wandert enttäuscht gen Hanau.

Hier erwartet ihn eine Anstellung als „inoffizieller Maitre de Plaisir“ am Hofe des Erbprinzen Wilhelm - und die Freimaurerloge „Ritter vom weißen Schwan“. Die protegieren ihre Logenbrüder zwar honorarfrei, sind aber leider ein Haufen mystischer Schwärmer, die sich mit den angeblichen Traditionen der Templer dicke tun und die Freimaurerei als Privileg des Adels betrachten. Nichts für Knigge.

Ihn zieht es jetzt nach Frankfurt - und zur Loge „Zur Einigkeit“. 1780 bezieht er ein Gartenhäuschen an der Bockenheimer Warte. Seiner mystischen Ader tut die Mainluft gut: Knigge schließt sich dem bayerischen Illuminaten-Orden an und schreibt dessen Chef Adam Weißhaupt regelmäßig Briefe über den Zustand der Frankfurter Freimaurerei. Die Illuminaten gedeihen am Main unter Knigges Regie prächtig: In den Mitgliedslisten findet sich neben jeder Menge Hochadel und Geistlichkeit auch der unvermeidliche Geheimrat Goethe. Ob er am Aufbau eines hessischen Illuminaten-Ordens arbeitet oder, wie oft vermutet, auf eine Vereinigung von Freimaurerei und Illumination hofft (die schließlich beide auf dem Geist der Aufklärung basieren), bleibt unklar.

Jedenfalls geht es daneben. Seiner Karriere - Knigge lebt mittlerweile von der Schriftstellerei - bringt weder der eine noch der andere Orden neuen Schub. Knigge kehrt beidem den Rücken. Den Geruch von Geheimbündnerei und Jakobinertum wird er Zeit seines Lebens nicht mehr los.

Frankfurt, das er 1782 verlässt, behält Knigge in nicht allzu guter Erinnerung. Unter den deutschen Reichsstädten, giftet er im Nachhinein, befände sich eine, die maßlos überschätzt werde. Und die schon damals kein tolles Pflaster war für einen chronisch Klammen: „Wehe dem Manne, der bei einem Frankfurter Kaufmann Verbindlichkeiten haben sollte.“

So vergessen die Zeit des Wirkens des Freiherrn in Frankfurt ist, so unvergessen ist sein Lebenswerk - wenn auch brutal entstellt. Sein Hauptwerk - 1788 erschienen - gilt heute noch als Benimm-Fibel und Religions-Substitut für Gouvernanten. Was Blödsinn ist. Es ist eher ein philosophischer Exkurs über das Verhalten der Menschen untereinander - unabhängig von gesellschaftlichem Stand und Bildung. Das Buch wurde vielfach umgeschrieben, verfälscht, verwässert von Post-Autoren, die Benimm mit Etikette verwechselten.

So verfälschend wie sein heutiger Ruf ist auch ein bis heute kursierender Witz über Knigges Tod: Der Freiherr geht mit einem Schiff unter und wird von einem hungrigen Hai angegriffen, dessen Knigge sich mit einem Dolch erwehrt. Der Hai, in die Enge getrieben, rettet sich durch Lebensart: „Aber Herr Knigge! Fisch mit dem Messer?“

In Wahrheit gab Knigge 1796 - nach langer Krankheit und als Jakobiner-Freund allerlei Anfeindungen ausgesetzt - den Löffel ab. „Unermüdet geißelte er Toren und Affen, wo er sie fand“, schreibt sein Freund Friedrich Rebmann, obwohl das „Heer der Pinsel und Buben ihn, wie jeden rechtlichen Mann, um so heftiger verfolgte, da diese elenden Pygmäen vor dem Talente und dem unerschöpflichen Witze des guten Knigge zu beben Ursache hatten“.

 

Johann Wolfgang von Goethe

Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe hatte, nachdem er schon in mancherlei Beziehung zu Hanau getreten war (Carl Caesar Leonhard - Wetterauische Gesellschaft für die gesamte Naturkunde in Hanau), seither doch immer nur in schriftlicher Verbindung mit unserer Stadt gestanden, sie höchstens auf seinen Fahrten nach Weimar um- und durchfahren. Erst im Jahre 1814 nahm er einen längeren Aufenthalt in Hanau. Am 27. Juli traf er abends hier ein und kehrte im „Fränkischen Hof“ (früher und später „Hessischer Hof“, in der Frankfurter Straße, wurde bekannt durch den Post-Stallmeister J. C. Herrle) ein. Bereits am nächsten Tage, an dem er u. a. die Leislersche Teppichfabrik besuchte, fuhr Goethe nach Frankfurt weiter. Im Oktober desselben Jahres weilte Goethe wieder in Hanau. Diesmal sollte der Aufenthalt von längerer Dauer sein. Er traf am 20. Oktober ein und kam mit dem Geheimen Rat Leonhard, bei dem er wohnte, mit der Familie Toussaint und mit dem Maler Tischbein zusammen. Am 21. dieses Monats betrachtete er das Mineralienkabinett und war Gast bei dem Staatsminister von Albini. Leonhard wohnte in der Mühlstraße. An der Stelle des Leonhard’schen Wohnhauses befindet sich heute der Südflügel des Behördenhauses. Am 23. Oktober 1814 war er Gast in dem Hause Gärtnerstraße Nr. 67, dem „Schulhaus“, das 1691 erbaut wurde und von 1777 bis 1880 die Zeichenakademie beherbergte. Während dieses Besuches in Hanau sah sich Goethe auch die Liebhaber-Schauspielbühne an.

 

Friedrich Rückert

Auch der Dichter der Freiheitskriege, Friedrich Rückert, war einmal Gast in Hanau. Er wohnte im Jahre 1812 im Hause Rosenstraße Nr. 27, genannt „Zum Rößchen“, in dem sich bis zum Jahre 1945 ein Uhrengeschäft befand. Friedrich Rückert war von 1812 bis 1814 Lehrer an der Hohen Landesschule in Hanau.

 

Emanuel Geibel

Der Dichter Emanuel Geibel, dessen Vater, der Theologe und Liederdichter Johannes Geibel, in Hanau 1776 geboren war und dessen Großvater aus Wachenbuchen stammte, verbrachte 1835 als Bonner Student seine Sommerferien bei seinen Hanauer Verwandten. Später, als er bereits als ein großer Dichter bekannt war, konnte ihn Hanau noch einmal als Gast begrüßen.

 

Karl Spindler

Der Romanschriftsteller Karl Spindler wohnte mehrere Jahre, nämlich von 1825 bis 1828, in Hanau, und zwar in dem Hause Schloßstraße Nr. 11.

 

Dr. Johann Heinrich Kopp

Der Mitbegründer der Wetterauischen Gesellschaft und medizinischer Schriftsteller, Geheimer Obermedizinalrat Dr. Johann Heinrich Kopp, bewohnte das Haus „Zum Ochsenkopf“, Philipp-Ludwig-Anlage Nr. 11, bis zu seinem Tode im Jahre 1858.

 

Familie Dielmann:

Johannes Dielmann, Architekt und Bildhauer: Geboren am 26.10.1819 in Sachsenhausen, gestorben am 24.10.1886 in Frankfurt a. M. 1833-1839 Schüler des Städelschen Instituts in Frankfurt, anschließend Modelleur in einer Eisengießerei in Sachsenhausen. Ab 1844 Fortsetzung seines Studiums an der Akademie in München, wo er vor allem von Ludwig von Schwanthaler gefördert wurde. Nach Rückkehr in seine Vaterstadt als gut beschäftigter Bildhauer und Bildschnitzer freiberuflich tätig. Schöpfer des 1864 errichteten Frankfurter Schillerdenkmals.

 

Richard Dielmann: Geboren als Sohn des Vorigen am 26. 8. 1848 in Frankfurt, gestorben am 8.8.1923 daselbst. Erste Ausbildung im Atelier seines Vaters, dann bis 1866 am Städelschen Institut in Frankfurt. 1867-1869 Fortsetzung seines Studiums an der Königlichen Bauakademie in Berlin. Bis zum Tode seines Vaters meist gemeinsam mit diesem tätig, so auch bei den Baumaßnahmen am Schloß Philippsruhe. 1880 vom Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen- Rumpenheim zum Hofbaumeister ernannt.