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Hanau Außenbezirke

Hanau West

 


Die Hospitalstraße ist benannt nach dem Haus Nummer 26 (früher 46), das 1501 als Hospital erbaut wurde. Die Straße begann offenbar früher am Altmarkt (heute: Metzgergasse). Dort gab es Gasthäuser, deren Inhaber die reich­sten Leute Alt-Hanaus waren. Es waren die Gasthäuser:

„Zur goldenen Krone“ (früher Hospitalstraße 24, im Jahre 1557 „Zur Krone“), „Zum Schwan“ (1540, im Jahre 1511 als „Her­berge zum Swan“ erwähnt) und „Zum Bären“.

Die Verbindungsstraße von der Hospitalstraße nach der Straße „Am Frankfurter Tor’“ (früher Frankfurter Straße) hieß „Brücken­gasse“ , weil sie bis 1880 ein Durchgang von der Hospitalstraße zur Frankfurter Straße war und nach einer ehemaligen Bastion „Esel“ ge­nannt wurde. Im Jahre 1818 erhielt der Durch­gang die Bezeichnung „Kommu­nikationsbrückengasse“, weil der Übergang über den Stadtgraben mit einer gewölbten Brücke ver­sehen wurde. Nach 1866 wurde daraus kurz „Brückengasse“.

 


Das Alt-Hanauer Hospital:

Die Hospitäler waren die sozialen Institute der Städte des Mittelalters. Immer lagen ihre Häuser in der Nähe der Stadtmauer am fließenden Wasser, damit für die nötige Reinigung der Kranken gesorgt werden konnte. So lag das erste Hanauer Hospital dicht beim Kinzdorfertor in der Marktgasse; nach der Entstehung der ersten Vorstadt erhielt es im Jahre 1505 seinen neuen Platz am Hospitaltor und gab der Vorstadtstraße den Namen.

Die „Hospitalstraße“ wurde benannt nach dem Haus Nummer 26, dem Hospital. Am Ende der damaligen Vorstadt entstand in den Jahren 1501 bis 1505 (Toreinfahrt 1545) ein großes Hospitalgebäude mit einer kleinen Kapelle. Über der Tür war das Hanauer Wappen - die drei Sparren - ausgehauen. Darüber aber erhob sich nicht wie sonst der Hanauer Schwan, sondern eine sanfte Taube, das Zeichen des Heiligen Geistes. Der Wappenstein kam nach dem Abbruch des im letzten Krieges zerstörten Hospitals in das Historische Museum Hanau.

In der Hospitalsstraße befanden sich auch das Gasthaus „Zur goldenen Krone“, im Jahre 1557 „Zur Krone“ (Hospitalstraße 24, Einfahrt zur EAM), das Gasthaus „Zum Schwan“ von 1540 (im Jahre 1511 als „Herberge zum Swan“ erwähnt) und das Gasthaus „Zum Bären“. Der Inhaber dieser Gasthäuser waren die reichsten Leute Alt-Hanaus!

Die Verbindungsstraße von der Hospitalstraße nach der Frankfurter Straße (heute: Am Frankfurter Tor) hieß „Brückengasse“, weil sie bis 1880 ein Durchgang von der Hospitalstraße zur Frankfurter Straße war und nach einer ehemaligen Bastion „Esel“ genannt wurde. Im Jahre 1818 erhielt der Durchgang die Bezeichnung „Kommunikationsbrückengasse“, weil der Übergang über den Stadtgraben mit einer gewölbten Brücke versehen wurde. Nach 1866 wurde daraus kurz „Brückengasse“. Heute heißt die Straße

Besitzer des Wirtshauses „Zum weißen Roß“, An der Kinzigbrücke, 1566 erwähnt, war seit 1640 Johannes Grimm aus Bergen, ein Urahn der Brüder Grimm.

 

Von dem spitzen Türmchen des Alt-Hanauer Hospitals bimmelte das Glöckchen zum Nachmittagsgottesdienst in dem kleinen Kirchenraum des Hospitals zum Heiligen Geist; dann konnten die armen Leute ihre Gaben in Empfang nehmen. Das Hospital übernahm im Mittelalter nicht nur die Pflege der Kranken und Gebrechlichen, sondern hatte auch die Verpflichtung, sich der armen Leute anzunehmen. Die Armenpflege wurde als religiöse Pflicht angesehen, und die kirchliche Gemeinde hatte den größten Teil der Lasten zu tragen. Die Reste des Gebäudes wurden 1951 abgerissen (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 431: Das Hospital der Altstadt Hanau).

 

Vor der Kinzigbrücke (früher: An der Kinzigbrücke): Der Besitzer des Wirtshauses „Zum weißen Roß“, das 1566 erwähnt wird, war seit 1640 Johannes Grimm aus Bergen, ein Urahn der Brüder Grimm.

 

 

Neustädter Hospital:

Auch in der Neustadt gab es schon bald nach der Gründung der Stadt ein Hospital. Es wurde auch in der Nähe eines Tores errichtet. Es war das Haus Frankfurter Straße Nr. 30, „Zum Greif“ genannt. Einer der Gründer der Neustadt versprach dem Rat der Stadt, 1.000 Gulden zum Bau eines Hospitals zu stiften. Das Grundstück am Frankfurter Tor wurde zum Bauplatz bestimmt. Die Bürgerschaft spendete weitere 3.888 Gulden, und im Jahre 1609 war der Bau vollendet. Man hatte aber bald erkannt, daß das Grundstück mancherlei Mängel hatte. Eine weitere Ausdehnung war zu kostspielig, und so entschloß man sich schon im Jahre 1615 zum Ankauf eines Hauses in der Leimenstraße. Aus diesem Hause entstand dann das heutige Stadtkrankenhaus, das die weiten Flächen des eingeebneten Wallgeländes zum Ausbau benutzte.

Die Straße heißt „Leimenstraße“, weil sich hier seit alters die „Leimenkaut“ befand. Auch bei der Erbauung der Neustadt wurde von hier Lehm geholt.

Das Haus Nummer 6 hieß „Zur gelben Rübe“.

 

 

Frankfurter Tor

Nachdem die Neustadt Hanau in den Verteidigungsbereich Hanaus einbezogen werden mußte, entstanden auch hier neue Tore. In den einspringenden Winkeln der Befestigung wurden fünf Tore eingelegt: das Frankfurter-, das Kanal-, das Steinheimer-, das Nürnberger- und das Mühltor.

Das erste Frankfurter Tor wurde 1603/04 erbaut und  mußte bereits 1608 und 1615 repariert werden. Unter dem Grafen Johann Reinhard III. wurde es im Jahre 1722 von Baudirektor Christian Ludwig Hermann neu gebaut. Damit wollte der Graf ein repräsentatives Eingangstor für seine Residenzstadt schaffen. Wie das Rathaus zeigt auch das Frankfurter Tor das Allianzwappen des Grafen und seiner Gemahlin. Der Wappenschmuck an der Feldseite muß von dem gleichen begabten Steinmetz stammen, wie der Schmuck im Giebel des Neustädter Rathauses. Leider kennen wir seinen Namen nicht.

Auch das Frankfurter Tor trägt ein französisches Dach, ein kleines achteckiges Türmchen belebt seine Silhouette und bildet einen gewissen Gegensatz zur Nüchternheit der Fassade.

Die unteren Räume des Tores dienten eine Zeitlang der gräflichen Münze, die seit 1740 dort eine „Müntzmühl, so die metalle strecket“, unterhielt.

Es gibt nicht viele barocke Stadttore, und das Frankfurter Tor kann sich in dieser kleinen Reihe durchaus mit den anderen Beispielen messen. Heute hat Hanau nur noch dieses eine Stadttor als wertvolles Monument der alten Zeit, das nach der Teilzerstörung im letzten Weltkrieg im Jahre 1953 wieder instand gesetzt wurde.

Hanau: Frankfurter Tor

Schon beim Aufbau der Befestigungsanlagen zu Beginn des 17. Jahrhunderts erhielt Neu-Hanau ein Stadttor, das die Stadt für die von Frankfurt kommenden Reisenden öff­nete. Dieses Tor, ein Turmbau mit enger Durchfahrt. mußte im 18. Jahrhundert einem re­präsentativen Neubau weichen. Bereits 1719 hatte man damit begonnen, die Befesti­gungsanlagen am Tor zu verstärken. Der Wall war verbreitert worden und die Tenaillen wurden neu aufgemauert.

Wann man nun mit der Niederlegung des alten Tores und dem Aufbau des neuen Tores begann, läßt sich nicht exakt bestimmen. Die Bauarbeiten 1721 hatten begonnen, die Vollendung zog sich bis 1723 hin.

Bis zum Zweiten Weltkrieg überdauerte das Frankfurter Tor die Zeiten nahezu unver­ändert. Im 19. Jahrhundert fanden Veränderungen statt. Auf der Feldseite war zunächst nur der mittlere Torbogen offen, während die beiden seitlichen durch Fenster geschlossen wurden. Auch der alte Plan aus dem Marburger Staatsarchiv verdeutlicht dies. Zur Stadt hin waren drei Torbögen ge­öffnet. zum Feld hin war auf Grund der schmalen Brücke, die lediglich die Breite des mitt­leren Bogens erreichte, nur die mittlere Passage geöffnet. Man kann annehmen, daß die Öffnung der seitlichen Bögen vorgenommen wurde, als man 1833 die Holzbrücke vor dem Tor durch eine breitere Steinbrücke ersetzte. Möglicherweise wurde auch die Traufkante des Tores im Laufe des 19. Jahrhunderts nach unten versetzt. Man sieht auf der oben erwähnten Zeichnung zwischen erstem und zweitem Obergeschoß, dort wo heute die Traufe zu finden ist, nur ein einfaches Sandsteinband. Dies würde bedeuten, daß die Fenster des Attikageschosses ursprünglich nicht so sehr der Dachzone zugeordnet waren.

 

Als der Bombenangriff vom 19. März 1945 die Stadt Hanau in Trümmer legte, wurde auch das Frankfurter Tor nicht verschont. Es brannte aus, doch überstanden das äußere Mauerwerk und die Gewölbe der Durchgangspassagen das Feuer.

Nach dem Krieg blieben die Überreste zunächst dem Verfall preisgegeben. Nachdem zunächst alles darauf zu deuten schien, daß man die Reste abtragen würde, entschloß man sich 1953 doch zur Wiederherstellung. Im Jahre 1955 erhielt das Tor im Äußeren sein altes Aussehen. Das Dach, das vorher nur provisorisch abgedeckt worden war. wurde mit Schiefer gedeckt und die Schä­den am Mauerwerk ausgebessert.

Heute steht das Frankfurter Tor vor einer kleinen Grünanlage und wird nur noch von Fußgängern durchquert. Lange Zeit stand es ungenutzt. Erst in den 80iger Jahren Tagen erfolgte ein neuer Innenausbau. Das Frankfurter Tor beherbergt nun Schulungsräume des benachbar­ten Krankenhauses. Im Rahmen dieser Baumaßnahmen wurde auch das Äußere verän­dert. Der Zugang zu den Schulungsräumen erhielt eine auffällige Überdachung, und das graue Bruchsteinmauerwerk, das zumindest seit Ende des 19. Jahrhunderts, wenn nicht sogar seit der Erbauung des Tores zu sehen war, wurde verputzt.

 

Mit dem Frankfurter Tor präsentiert sich uns ein Stadttor, das nicht mehr wie sein Vor­gängerbau aus fortifikatorischen Gründen nur möglichst engen Durchlaß zuließ, sondern als repräsentativer Eingang zur Stadt diente. Es ist 15,60 Meter breit und 12,90 Meter tief und erreicht mit seinem Dachturm eine Höhe von mehr als 20 Metern. Wir sehen einen mehrgeschos­sigen Bau mit reicher Sandsteingliederung. Das Erdgeschoß. das mit seinen drei Torbögen die Durchfahrt ermöglicht. bildet zusammen mit dem ersten Obergeschoß und dem niedri­geren Attikageschoß den Baukörper, über dem sich ein geschwungenes Mansardendach, gekrönt von einem sechseckigen Türmchen, erhebt.

Die rote Sandsteingliederung prägt das Äußere des Torbaus. Breite, genutete Sandsteinlisenen, die aus abwechselnd höher- und tieferliegenden Steinschichten gebildet werden, an den Ecken des Gebäudes und zwischen den drei Torbögen verlaufend, unterteilen die beiden Fassaden in vertikale Felder. Schmale, schlichte Bänder aus dem gleichen Material trennen die Geschosse und gliedern somit in der Waagrechten. Alle Öffnungen zeigen eine schlichte Sandsteinrahmung. Dies gilt auch für die Fenster der Seitenwände, die in den Obergeschossen zu sehen sind und wie die Fenster von Haupt- und Stadtfassade gestaltet wurden.

Es gelang dem Architekten, die sich nach außen wendende Fassade hervorzuheben. Neben der reicheren Verwendung von Sandstein wird dies vor allem durch den plastisch ausgestalteten Dreiecksgiebel in Höhe des Attikageschosses erreicht. der scheinbar getra­gen von den beiden Sandsteinlisenen, die das Mitteltor flankieren, den Mittelteil der Fas­sade als Risalit erscheinen läßt.

Beide Fassaden zeigen im Erdgeschoß je einen breiten Mittelbogen und zwei schmale seitliche. die die kreuzgewölbte Durchgangspassage eröffnen. Es kam im Kapitel der Bau­geschichte schon zur Sprache, daß die Seitenöffnungen auf der Feldseite ursprünglich ge­schlossen waren. Alle Torbögen erreichen annähernd die gleiche Höhe, die ein wenig nied­rigeren Seitentore gleichen den unterschied mit einem etwas größeren Schlußstein aus, so daß jeder Torbogen mit diesem Stein an das Gesimsband stößt, das Erdgeschoß und erstes Obergeschoß trennt.

Im ersten Obergeschoß zeigen die beiden Fassaden je vier Fenster, die durch schlichte Brüstungs- und Bekrönungsfelder betont werden. Verbunden sind die Fenster durch ein Sandsteinband in Höhe der Fensterbank. Das Geschoß wird durch die vorspringende Traufkante abgeschlossen.

Die darüberliegenden Fenster des Attikageschosses stoßen mit ihrem oberen ge­schwungenen Abschluß in die Dachzone vor. Wie schon das erste Obergeschoß, zeigt auch das Attikageschoß stadtseitig vier Fenster. Die ehemalige Feldseite zeigt nur zwei. Die beiden mittleren wurden hier durch den Dreiecksgiebel ersetzt.

Dieser Giebel zeigt das Allianzwappen Johann Reinhards III. und seiner Gemah­lin Dorothea Friederike  von Brandenburg-Ansbach. Die Wappenkartusche sprengt die Giebelbasis und reicht weit in das erste Obergeschoß hinein. Die sie flankieren­den Tiere - Adler und Löwe - reichen ebenfalls bis in dieses Stockwerk und scheinen hier auf der Bekrönung der Mittel­fenster zu stehen. Die Giebelspitze ragt über die Attikazone hinweg, so daß dieser Giebel Verbindung vom ersten Obergeschoß über das Attikageschoß bis zum Dach herstellt.

Das Dach mit seinen geschwungenen Formen und dem hoch aufragenden Türmchen bildet einen beschwingten Gegensatz zu den strengen geraden Formen des Baukörpers. Den oberen Abschluß bildet der vergoldete Schwan, das Wappentier der Stadt. der über dem Turmknopf seine Flügel spreizt.

Von den Räumen. die der Hermannsche Bau in den oberen Stockwerken beher­bergte. weiß man nichts Konkretes. Die heutige Raumaufteilung wurde vom jetzigen Ver­wendungszweck bestimmt und geht nicht auf den Vorkriegszustand zurück.

Der Baumeister: In der Literatur hat es sich eingebürgert, daß das Frankfurter Tor dem Hanauer Baudirektor Christian Ludwig Hermann zugeschrieben wird. Eine Reihe von Gründen läßt sich aufführen. die das Frankfurter Tor als Werk Hermanns ausweisen. Wen anderes, wenn nicht den Direktor seines Bauwesens, sollte der Hanauer Graf mit den Plänen für diesen repräsentativen Eingang zur Stadt betrauen. Zudem empfiehlt sich dieser Baudirektor als Baumeister in militärischem Rang, der für die Betreuung der Festungswerke zuständig war.

Da der urkundliche Nachweis für Hermanns Planung fehlt, möchte ich eine kurze sti­listische Betrachtung anschließen, die im übrigen in einem gesonderten Kapitel vorgenom­men wurde. Stilistisch läßt sich der Torbau gut in das uns bekannte Werk Hermanns einordnen. Gerade der Vergleich von Neustädter Rathaus und Frankfurter Tor ließ Winkler und Mitteldorf annehmen. daß Hermann der Baumeister beider Gebäude war und auch Gerhard Bott bescheinigt beiden Gebäuden  „ ...die gleiche strenge Formenspra­che“.

 

 

 

Alte Friedhöfe:

Auf Bitten der Bürgerschaft schenkte Graf Philipp Moritz der Bürgerschaft im Jahre 1633 einen Acker vor dem Frankfurter Tor, der dann 213 Jahre lang den Altstädtern als Kirchhof diente. Der alte Friedhof im Kinzdorf mußte militärischen Belangen weichen, im Dreißigjährigen Krieg brauchte die Fes­tung Hanau freies Schußfeld. Überdies wa­ren die Leichenzüge der Altstadtbürger, die zwangsläufig durch die Neustadt führ­ten, ständig Anlaß für Ärgernis. Knapp 200 Jahren war das Gelände des heutigen Gerichtskomplexes Begräbnisstätte der Hanauer Altstadt, die der Neustädter, der „Französische Friedhof“ befand sich un­weit davon in der heutigen Martin-Luther-Anlage, dort sind  noch Seine der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde erhalten.

Im Jahre 1846 wurde der Deutsche Friedhof aufgelassen aus Furcht vor ausschwemmenden Totengiften (Er lag ja im Überschwemmungsgebiet). Am 22. Juni 1846 fand in beiden Friedhöfen eine Gedächtnisfeier statt; dann wurde der neue Friedhof an der Dettinger Straße seiner Bestimmung übergeben. Einige Grabdenkmäler der alten christlichen Friedhöfe wurden nach deren Schließung auf den neuen Hauptfriedhof südöstlich der Stadt überführt.

Eine große Zahl der alten Grabsteine verblieb jedoch in der Nußallee. Dem Landbaumeister Bode, dem damals die Bauleitung oblag, ist es zu verdanken, daß eine große Zahl von Grabmälern, allesamt Kleindenkmale von Rang und Doku­mente ihrer jeweiligen Zeit, gerettet wur­den, anstatt als Unterbau unter der Nußal­lee in der Erde zu verschwinden. Mit eige­nen Mitteln, denn schon damals zeigte sich die Stadt knauserig gegenüber ihrem his­torischen Erbe, ließ Bode die wichtigsten Steine als Teil einer Mauer zum Fischer­hüttenweg hin aufstellen. Seither begrenzt sie in einem sich stetig verschlechterndem Zustand den in städtischem Besitz verblie­benen Park neben dem Gericht.

Nach Ablauf der Ruhefrist wurde das Gelände zur Bebauung freigegeben und der Preußische Justizfiskus erwarb den größeren Teil des Areals, um darauf das Gericht und das Gefängnis zu errichten.

Beim Bau des Landgerichtes hatte man 1911 den Friedhof zum Teil benutzt und die Grabdenkmäler an die Außenmauer gestellt. Diese an sich sehr begrüßenswerte Erhaltung der Grabdenkmäler hat aber im Laufe der Zeit den Steinen großen Schaden zugefügt, da sie alle ihre Vorderseite der Wetterseite entgegenstellen und so stark verwittert sind. Inschriften und plastischer Schmuck des weichen Sandsteines sind abgeblättert; und Wind und Wetter werden weiter an ihnen nagen.

Die Stadtgärtnerei Hanau pflegt den alten „Deutschen Friedhof“ der Altstädter Gemeinde, der heute eine großzügige gärtnerische Anlage ist.

Als 1908 mit dem Bau des Gerichts der 1898 stillgelegte Friedhof zu einem Park umgestaltet wurde, baute man 70 prachtvolle Grabmale in die östliche Bruchsteinmauer ein. Daß die Vorderseite in Richtung Wes­ten zeigte, hat sich nach hundert Jahren nicht als ideal erwiesen. „Die Steine stehen zur Schlagregenseite”, erklärt Eckard Meise, Fachmann im Geschichtsverein für Fried­hofshistorie in Hanau. Obendrein stehen die Platten einen Großteil des Jahres im Nas­sen, weil die Bodennässe nicht abziehen kön­ne. Das wiederum läge unter anderem daran, daß vor Jahrzehnten der hinter der Mauer verlaufende Fischerhüttenweg höher gelegt wurde und eine Asphaltdecke erhielt.

Die anfängliche Idee eines kompletten Neu­aufbaus der Mauer wurde inzwischen ver­worfen. Denn damit verändere sich ihr Er­scheinungsbild. Nun soll die zweischalige Mauer abschnittsweise saniert werden, hierbei sollen die Grabtafeln ausgebaut werden. Wenn die Risse und bröseligen Kanten gerei­nigt und mit eingefärbten Mörtel verputzt sind, sollen die Steine auf einen Sockel ge­stellt werden. Was an Inschriften und Orna­menten nicht mehr existiert, werde nicht ersetzt, sagt Alber. Vieles lasse sich nicht re­konstruieren.

Möglicherweise erhalten die Steine, weil sie jeder Witterung ausgesetzt sind, zusätz­lich ein kleines Dach aus Plexiglas. »Das ist noch alles in der Überlegung", betont Alber. Aber es sei unumgänglich, Kompromisse einzugehen, um die Grabmäler zu erhalten. Eckhard Meise berichtete, daß in den 70er Jahren die Steine mit Silikon überzogen wor­den waren - eine Methode, die sich inzwi­schen als Irrweg mit zum Teil fatalen Folgen erwiesen habe.    

Die Geringschätzung der Klein­denkmale gipfelte in den frühen 90-er Jahren in der offiziell bekundeten Absicht, sie „ihrem natürlichen Verfall“ zu überlassen. Es war der Ehrenvorsitzende des Han­auer Geschichtsvereins, Dr. Eckhard Mei­se, der seit über 20 Jahren immer wieder den Finger in diese Wund gelegt hat und dabei lange auf taube Ohren stieß. Erst beim Umbau des Gerichtsgebäudes vor we­nigen Jahren wurde offenbar auch der Po­litik klar, welcher historische Schatz hier von akutem Verfall bedroht ist. Kaminsky griff 2004 die Initiative des Geschichtsver­eins auf und verhalf dem Restaurierungs­projekt über eine Anschubfinanzierung durch die Stiftung der Sparkasse Hanau zu einem, wenn auch späten, so doch jetzt von erstem Erfolg gekröntem Start.

Der Hanauer Geschichtsverein hat zwanzig Jahre gemahnt, bis die Stadt für ein Sanierungsgutachten bei der Sparkassen-Stiftung 7.500 Euro locker machte. Dabei geht es hauptsächlich um die Konservierung der rund 50 Meter langen Bruchsteinmauer, in die um 1903 beim Bau des Amtsgerichtes Grabsteine eingesetzt wurden. Die Grabsteine sind ein bedeutendes Zeugnis der bislang viel zu wenig beachteten bürgerlichen Tradition in Hanau. In der Vergangenheit ist bei der Erhaltung von historischen Hinterlassenschaften vornehmlich auf eine fürstliche Abstammung geachtet worden, was die Stadtgeschichte in ein falsches Licht rückt. Der einstige Gottesacker ist deshalb besonders erhaltenswert. Der Friedhof soll Schulklassen „anschaulichen Geschichtsunterricht“ bieten.

Die in ihr eingemauerten Grabsteine sind ein Spiegel der Althanauer Bürgerschaft und, vor allem nach dem alliierten Bom­benterror des Zweiten Weltkrieges, die let­zen baulichen Relikte des bürgerlichen Hanau.

 

Folgende Grabsteine sind noch zu erkennen:

1. Das Bäckerwappen vom Grabstein des Bäckers David Button aus dem Jahre 1705 zeigt wie üblich Löwen als Wappenhalter und unter der Krone eine Brezel, ein geteiltes Brötchen und einen „Stutzweck“ (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 436).

2. Das Wappen des Johann Philipp Dengler, gestorben um 1690, zeigt sein Handwerkszeug als Stadtpflasterer, und der Hofkellermeister Nikolaus Will, gestorben 1706, hat sich eine Weintraube als sein Berufszeichen auf seinen Grabstein meißeln lassen.

3. Der Adelmann’sche Grabstein vor dem Sei­tenflügel des Justizgebäudes. Die zwei Tonnen schwere Erinnerung an den 1829 verstorbenen Adam Adelmann steht jetzt an der Fassade des Justizgebäudes. Matthias Winterstein von der gleichnamigen Gartenbaufirma barg den Stein gegen eine Spendenquittung. Als Rehbein-Schüler war er begeistert von den Geschichts- und Lateinstunden von Eckard Meise gewesen. Die Kosten für die Aufstellung des Steins - 1000 Euro - übernahm die Landesdenkmalpflege.                  

4. Hier war ursprüng­lich Grabdenkmal des in der Schlacht von Hanau 1813 gefallenen Prinzen Karl von Oettingen-Spielberg hier aufgestellt, die sterblichen Überreste wurden aber im Jahr 1847 nach Oettingen in Bayern verlegt.

 

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kamin­sky gestand offen Versäumnisse der Stadt Hanau bei der Erhaltung dieses Kultur­denkmals ein. Doch habe ein einstimmiger Stadtverordnetenbeschluß 2003 ein Umdenken eingeleitet, 2004 sei eine Schadens­analyse erstellt, 2005 Sicherungsmaßnah­men ergriffen worden. Auf insgesamt 450.000 Euro belaufe sich die Schätzung für das Gesamtprojekt, knapp zehn Prozent davon hätten Spender und Patrone inzwi­schen beigesteuert. Auch städtische Mittel fließen in die Sanierung.

Die Stadt Hanau selbst hat es sich nicht nehmen lassen, den ersten Grabstein des Deutschen Friedhofs, der am 19. März 1633 dem Studiosus Philipp Elias Wehner ge­setzt wurde, als Pate zu übernehmen. Zwei weitere Steine, die jetzt gesichert und res­tauriert sind, haben die Sparkasse Hanau und die Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt zusammen mit Dr. Eckhard Meise zum Paten. Es handelt sich um den Stein der Bäckerfamilie Ihm vom August 1660 und dem der vierjährig gestorbenen Sybil­le Magdalena Rößler von 1676.

Die Steine wurden von der einschlägig erfahrenen Firma Steyrer aus der Mauer gelöst, tro­ckengelegt und an den Stellen, wo sich Ris­se gebildet hatten, mit Silikat verschlos­sen. Dann wurden sie auf einem Basaltso­ckel vor der Mauer wieder aufgestellt. Der Sockel verhindert das erneute Aufsteigen von Feuchtigkeit in dem porösen Sandstein und bringt überdies die Steine recht vorteilhaft zur Geltung. Kaminsky hofft nun auf weitere Paten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Justizgebäude

Das Gerichtswesen in Hanau hat eine lange Tradition. Die Stadtväter legten schon im 19. Jahrhundert großen Wert auf eine eigenständige Justiz und waren bereit, dazu auch große finanzielle Opfer zu bringen, um die Konkurrenz aus Frankfurt und Fulda abzuwehren. Anläßlich der Generalinstandsetzung der Gebäude in der Nußallee blickt die Zeitung „Frankfurter Rundschau“ auf die wechselvolle Geschichte zurück, gestützt auf die Recherchen des Rechtsanwaltes und Hobbyhistorikers Hans Katzer sowie auf Nachforschungen des ehemaligen Landgerichtspräsidenten Felix Lesser.

Eine Justizchronik existiert bislang nicht und über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es offenbar überhaupt keine Aufzeichnungen mehr. Dies lag allerdings offenbar weniger daran, daß die Gebäude bei einem Luftangriff der Alliierten am 19. März 1945 schwer beschädigt wurden, als daran, daß viele Unterlagen und Akten unmittelbar nach Kriegsende von Bediensteten verbrannt worden sein sollen.

Bekannt ist demnach nicht einmal mehr, wer zur damaligen Zeit Gerichtspräsident war. Ende der 30er Jahre soll ein Landtagsabgeordneter aus Pommern die Geschäfte geführt haben, der dann von einem Nazi abgelöst wurde, weiß Richter Ulrich Scheuermann, der sich als Baubeauftragter für die Generalinstandsetzung nolens volens auch mit der Historie beschäftigte. Genaueres müßte man dem Staatsarchiv entnehmen, und das sei eine sehr mühselige Arbeit ...

Mehr über die Zeit davor hat Felix Lesser (1887 - 1974), Landgerichtspräsident von 1945 bis 1960, herausgefunden. Demnach gab es in der Grafschaft Hanau seit der Übernahme des römischen Rechts und der Bildung eines gelehrten Richterstandes eine ordentliche Gerichtsbarkeit. Seit dem Mittelalter kam den Stadträten die Aufgabe zu, auch als Organe der Rechtspflege tätig zu sein. Nach dem kurhessischen Organisationsedikt von 1821 - es trennte Judikative und Exekutive - verloren sie diese Aufgabe. Aus dem vormaligen Hofgericht wurde ein Obergericht, das von 1822 bis 1850 im Altstädter Rathaus (heute: Goldschmiedehaus) residierte, ehe ein neues, dreigeschossiges Gebäude im herrschaftlichen Baumgarten, dem heutigen Bangert, errichtet wurde. Ihm unterstanden 15 Justizämter, die Vorläufer der Amtsgerichte. Als höchste Instanz fungierte das Oberappellationsgericht in Kassel. Zum Gerichtsbezirk zählten damals nicht nur die ehemaligen Kreise Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern, sondern zusätzlich die Gemeinden Bergen, Bockenheim, Fechenheim, Ginnheim, Preungesheim und andere. Sie gehörten damals zum Hanauer Land und wurden erst später nach Frankfurt eingemeindet. So fand ein Prozeß im Gefolge der deutschen Revolution 1848 vor dem neu geschaffenen Schwurgericht in Hanau statt, weil die Beschuldigten aus Bockenheim und Ginnheim stammten. Sie sollen für den Tod zweier Abgeordneter der Nationalversammlung verantwortlich gewesen sein. Im Jahre 1866 kam auch das bis dahin königlich bayerische Amtsgericht Bad Orb hinzu.

Aufgrund der Zersplitterung Deutschlands in Duodez-Fürstentümer und der kriegerischen Auseinandersetzungen, die noch im 19. Jahrhundert zu ständigen Grenzänderungen führten, änderte sich die Rechtssprechung zuweilen von Dorf zu Dorf. Je nachdem wo man sich in der „Provinz Hanau“ befand, konnte demnach Gemeines Recht, Hanauer Recht, Isenburgisch-Birsteiner, oder Isenburgisch-Meerholzer, Fuldaer oder Althessisches Recht, Mainzer Landrecht oder die Fränkische Landesordnung gelten.

Mit Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurden die bis dahin unterschiedlichen Strukturen und Instanzenwege vereinheitlicht. Dem Reichsgericht in Leipzig unterstanden nun die Oberlandesgerichte (Kassel), gefolgt von den Landgerichten und schließlich den Amtsgerichten. Zu jener Zeit entstand eine Rivalität zwischen Hanau und Fulda, die zumindest im Denken an beiden Gerichtsstandorten bis in die jüngste Vergangenheit fortwirkte. Die Planungen sahen zunächst vor, Hanau mit Frankfurt zusammenzulegen und Fulda als selbständiges Landgericht zu installieren.

Hiergegen setzten sich der Hanauer Magistrat vehement und mit mehreren Eingaben an Justizminister und den preußischen Landtag zur Wehr. Sie argumentierten mit der Größe und auch der kommerziellen Bedeutung der Stadt. Zudem seien ausreichend Gebäude mit Erweiterungsmöglichkeiten vorhandne. Daß Fulda  den natürlichen Mittelpunkt im Kurfürstentum Hessen-Kassel darstelle, wurde bestritten. Dort gebe es im übrigen nur Landwirtschaft und kaum Industrie. Nach einer ersten, knappen Abstimmungsniederlage entschied sich der Landtag schließlich doch noch für die Grimm-Stadt. Das Kreisgericht Fulda wurde aufgelöst, der Bezirk mit den Kreisen Fulda, Gersfeld, und Hünfeld wurde Hanau zugeschlagen. Die Richter wurden allerdings nicht dorthin versetzt, sondern in alle Winde verstreut, wahrscheinlich, um möglichen Animositäten vorzubeugen.

Das Landgericht war nun für 22 Amtsgerichte zuständig, wodurch das Behördenhaus am Bangert aus allen Nähten platzte und das Hanauer Amtsgericht 1880 in ein Gebäude „Am Markt 18“ umziehen mußte. Bockenheim wurde 1895 aufgelöst und der Stadt Frankfurt einverleibt.

Bevölkerungszunahme, wirtschaftlicher Aufschwung und die damit verbundene Zunahme der Geschäftstätigkeit - man denke allein an Handelsregister, Grundbuch- und Katasteramt - machten weitere räumliebe Veränderungen erforderlich, auch um Amts- und Landgericht wieder zu vereinigen. Erneut sah Fulda seine Chance gekommen, die alte Scharte auszuwetzen und pochte auf seine zentrale Lage im Bezirk.

Die gewitzten Hanauer Stadtväter aber machten dem preußischem Justizfiskus ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Einerseits boten sie 300.000 Mark für den Kauf der bisher genutzten Immobilie, andererseits stellten sie ein rund 10.000 Quadratmeter großes Grundstück, den 1846 geschlossenen Friedhof aus dem 30jährigen Krieg zwischen Nußallee, Fischerhüttenweg und Katharina-Belgica-Straße als Baugrund zur Verfügung. Die Belgica-Straße war übrigens schon damals nach der Tochter des Prinzen Wilhelm von Oranien und Witwe des Grafen Ludwigs II. von Hanau benannt, die sich zu jener Zeit für die ausgeplünderte Bevölkerung, insbesondere im fast völlig zerstörten Flecken Rumpenheim einsetzte.

Im Vertrag verpflichtete sich die Stadt zur unentgeltlichen Überlassung des 98 Ar großen Areals, wovon etwa zwei Drittel bebaut werden sollten. Die verbleibende Fläche war als Park gedacht, in den die alten Grabdenkmäler des Friedhofes integriert werden sollten. Für die Unterhaltung der Grünanlagen ebenso wie die Erschließung hatte demnach die Stadt zu sorgen.

Bei allem Entgegenkommen baute der Magistrat aber auch die Rückversicherungsklausel ein, wonach der Staat eine Entschädigung von 200.000 Mark zu leisten habe, falls das Landgericht doch noch woanders hin verlegt werden sollte.

Am 5. März 1906 wurde das Abkommen zwischen dem geheimen Oberjustizrat Louis Kappen als Landgerichtspräsident und dem Ersten Staatsanwalt Max Lehmann als Vertreter des preußischen Justizfiskus einerseits und dem Hanauer Oberbürgermeister Dr. Eugen Gebeschus anderseits unterzeichnet. Mit dem Projekt konnte begonnen werden.

 

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte in Hanau ein regelrechter Bauboom, bei dem eine ganze Reihe repräsentativer Gebäude entstand. Im Nordosten wurden die weitläufigen Kasernenkomplexe hochgezogen. Im Südosten entwickelte sich das Industriegebiet. Im Westen, der vor allem durch Wohnbebauung geprägt war, wurden Schulen, Krankenhäuser, Büros und Theater errichtet.

Geld schien dabei keine Rolle zu spielen. So können die Verantwortlichen für die laufende Instandsetzung des Landgerichts nur mit blankein Neid die historischen Fotos aus der Zeit kurz nach der Fertigstellung einer der letzten großen Baumaßnahme der preußischen Justizverwaltung betrachten, während sie bei der aktuellen Sanierung jeden Cent umdrehen müssen (grünes Linoleum in den Fluren).

Eine Mischung aus Jugendstil und Barock leistete man sich damals, sowohl was die prächtige Außenfassade, als auch, was das Interieur betrifft. Und damit alles noch ein bißchen größer und protziger wirkte, wurde sogar ein wenig geschummelt, wie der heutige Baubeauftragte Ulrich Scheuermann zu erzählen weiß. Durch die vertikale Anordnung der Fenster etwa wurden von außen höhere Geschosse vorgetäuscht als tatsächlich vorhanden. Erst im Inneren wird der Betrug offensichtlich: Befindet sich die Fensterunterkante im Souterrain noch in Kniehöhe, so braucht man im zweiten Stock schon lange Arme, um die Öffnungsgriffe zu erreichen. Auch wurde das Gelände von der Straße zu dem Gebäude bewußt abschüssig gestaltet, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Majestätisch wirkte der dreitorige Eingang, der zur Zeit verglast wird, um mehr Sicherheit zu gewährleisten. Über den sechs Sandsteinsäulen mit den reich verzierten Fenstern dazwischen erhob sich ein klassizistischer Giebel mit dem schwarz-weißen Hoheitszeichen Kaiser Wilhelms II. in der Mitte, darüber die Kaiserkrone aus Sandstein als Abschluß. Zumindest bis zur Abdankung des Regenten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Ausrufung der Weimarer Republik prangte auf dem Wappen zusätzlich ein goldenes, verschnörkeltes „W II.“

Wie im oberen Strafkammersaal umgab das ovale Signum der lateinische Sinnspruch „suum cuique" (Jedem das seine), geprägt vom römischen Rechtsgelehrten Cicero, später mißbraucht von den Nationalsozialisten.

Dieser Giebel wie auch die gesamte obere Etage fielen der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg zum Opfer und wurden danach nicht mehr aufgebaut. Geld und Material reichten nur noch für ein unscheinbares, flaches Walmdach. Inzwischen wurden auch Überlegungen, wenigstens den Giebel im Zuge der Generalinstandsetzung zu rekonstruieren, verworfen.

Der olle Wilhelm höchstselbst soll damals Einfluß auf die Pläne genommen haben, wie Richter Scheuermann zu berichten weiß. Sichtbarer Ausdruck soll demnach die Gestaltung des Türmchens zwischen ehemaligem Beamtenwohnhaus und Untersuchungsgefängnis in der Katharina-Belgica-Straße gewesen sein. Die verschieferte Haube erhielt auf seine Forderung hin die Form eines Geschosses.

Davon ist nichts mehr geblieben, wie auch von der gesamten dritten Etage, in der unter einem Tonnengewölbe die Gefängniskapelle und ein Strafkammersaal untergebracht waren. Die schwere, mit Beschlägen versehene Tür zu diesem Raum wurde, ebenso wie der Schwurgerichtssaal darunter, von einer steinernen Justitia mit Schwert und Gesetzbuch bewacht. Wände und Decken waren, wie auch im übrigen Gebäude, freskenartig bemalt.

Das Gewölbe der Kapelle war mit hellen, verzierten Holzkassetten getäfelt. Wirkten diese beiden Räume im Obergeschoß filigran und beinahe heimelig, so vermittelte der große, zwei Stockwerke hohe Schwurgerichtssaal im Zentrum des Gebäudes eine Präsens allgegenwärtiger Macht; den Eindruck, wie klein doch der Mensch vor den Schranken des Staates sei.

Schwer ruhte die holzgeschnitzte Decke auf massigen Konsolen - ein fast schon erdrückendes Bild für jeden armen Sünder, der sich hier verantworten mußte. Wegen der jetzt anstehenden Teilung wird der Saal bald nur noch halb so hoch sein.

Bereits die Wandelgänge und Aufgänge signalisierten, daß für das Walten der preußischen Justiz keine Kosten noch Mühen gescheut wurden. Auch hier Türrahmen, Saulen und Brüstungen, zuweilen gekrönt mit mannshohen Obelisken, aus rotem Main-Sandstein, gebrochen oberhalb von Miltenberg-, reich verzierte wuchtige Rundbögen und Pfeiler, ein großzügiges, lichtdurchflutetes Treppenhaus, abgeschlossen wiederum von einer prunkvollen Kassettendecke - ein Konglomerat verschiedenster Bau- und Kunststile. 2Jede einzelne Saule in diesem Hause ist ein handwerkliches Meisterstück“, schwärmte der Chronist und ehemalige Landgerichtspräsident Felix Lesser

Die Sandsteinsäulen und -einfassungen sind noch vorhanden. Ansonsten lassen nur noch historische Aufnahmen ahnen, wie sich die Staatsgewalt vor beinahe hundert Jahren manifestierte. An wenigen Stellen haben Studenten vor einiger Zeit im Rahmen eines Forschungsauftrages die alten Ornamente unter dem weißen Putz hervorgekratzt. Sie sollen nach Möglichkeit im Rahmen der laufenden Sanierung für die Nachwelt erhalten bleiben.

Der Architekt muß, so der Baubeauftragte Scheuermann, neben seinem Handwerk auch viel von den Abläufen der Justiz verstanden haben. So wurden eigens schmale Gänge und Treppen eingerichtet, um die Beschuldigten unbehelligt, aber auch ohne die Möglichkeit des Entweichens vom Gefängnis auf die Anklagebank in der ersten, zweiten oder dritten Etage zu leiten, ebenso um Zuhörer auf direktem Weg von der Straße aus in den Publikumsraum gelangen zu lassen, ohne daß sie mit den übrigen Abläufen im Gebäude in Kontakt treten konnten.

Im August 1908 begannen die Arbeiten für das lang gestreckte Gerichtsgebäude entlang der Nußallee, Gefängnis für 70 bis 80 Personen, Beamtenwohnhaus und Nebenanlagen. Als Baustoff wurden vor allem rote Backsteine verwendet, die später hinter Putz und Stuck verschwanden.

Derzeit, nachdem die Bauarbeiter mit dem Preßlufthammer gewütet haben, ist das Grundmaterial wieder für eine Übergangszeit zu sehen. Massive Risse, die von den Luftangriffen herrühren, durchziehen das Gemäuer. Nur weil der Bau so massiv, mit dicken Tragwänden ausgeführt wurde, stürzte er bei der Bombardierung wahrscheinlich nicht ein.

Ein Jahr benötigten die Handwerker unter Leitung von Oberbaurat Bode für den Rohbau, zwei weitere Jahre für die Innengestaltung der insgesamt fünf Geschosse. Das Souterrain wurde als Wohnung für Hausmeister und Heizer ausgelegt. Hinzu kamen Vorratsräume. Das Erdgeschoß wurde für Amtsgericht, Amtsanwälte und Gerichtskasse vorgesehen. Darüber und in einem Flügel der zweiten Etage residierten das Landgericht mit Straf- und Zivilkammern. Im zweiten Stock hatte die Staatsanwaltschaft, die schon vor vielen Jahren ausgelagert wurde, ihr Domizil. Im Dachgeschoß waren neben den erwähnten Räumen die Schreibstuben der jeweiligen Behörden untergebracht.

Die Gebäude bildeten damals wie heute ein unregelmäßiges Viereck, das einen großen Hof erschließt. Er wird von einer hohen, inzwischen mit Stacheldraht bekränzte Mauer in zwei Hälften geteilt, eine davon dient den Häftlingen als Grünfläche, um sich dort die Beine vertreten zu können.

Während der Bauarbeiten kam es nur einmal zu einem Zwischenfall, als eine Decke einstürzte und mehrere andere mit sich riß, wie Felix Lesser berichtete. Gleichwohl kam, wie auch wahrend der übrigen Zeit, niemand der Arbeiter zu Schaden. Am 13. Oktober 1911, übrigens ein Freitag, wurde der Komplex bei einem Festakt im Schwurgerichtsaal von Oberlandesgerichtspräsident von Hassell seiner Bestimmung übergeben.

Die Gesamtkosten beliefen sich auf eine Million Mark. Was diese Summ damals tatsächlich bedeutete, läßt sich daran ermessen, daß allein die jetzige Instandsetzung - ohne Prunk und Pomp - mindestens 15 Millionen Euro erfordern wird.

 

Ein Glücksfall für die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg war mit Sicherheit die Ernennung von Dr. Felix Lesser zum ersten Landgerichtspräsidenten durch die Alliierten am 20. August 1945. Lesser war ein ausgewiesener Gegner der Nationalsozialisten gewesen und als solcher 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Der gebürtige Berliner war ein Garant dafür, daß sich die unseligen Traditionen einer kaum gewendeten Nachkriegsjustiz, wie sie andernorts bis in die 70er und 80er Jahre hinein für Negativschlagzeilen sorgte, zumindest im Gerichtsbezirk Hanau nicht fortsetzten.

Felix Lesser, geboren 1887 in Berlin, war im Ersten Weltkrieg Offizier und wurde bei Kämpfen schwer verwundet. Danach arbeitete er zunächst als Staatsanwalt in Berlin, später war er bei der Reichsanwaltschaft in Leipzig tätig. Als „Nicht-Arier“ wurde er 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Hanau strafversetzt. Schlimmeres blieb ihm zunächst aufgrund seiner Kriegsauszeichnungen erspart.

Anfang 1936 wurde Lesser zwangsweise in den Ruhestand versetzt, danach als einfacher Arbeiter dienstverpflichtet. 1943 kam er ins Konzentrationslager, wo er einen Tag vor Kriegsende von den alliierten Truppen befreit und bereits im August als geeignete Person damit betraut wurde, die materiell wie personell zerschlagene Justiz in Hanau unter demokratischen Vorzeichen wieder aufzubauen.

Schon im September 1945 wurden die Geschäfte auf Betreiben des US-amerikanischen Stadtkommandanten Turner - im Zivilberuf Rechtsanwalt in Los Angeles - wieder aufgenommen, wobei das Amtsgericht mangels geeigneter Räume zunächst in der alten Kesselstädter Schule untergebracht wurde.

Die Alliierten ließen die deutschen Gesetze, abgesehen von den Unrechtsregelungen der Nationalsozialisten, die Verurteilungen auch nach dem „gesunden Volksempfinden“ ermöglichten, weitgehend unangetastet. Allein schon aus praktischen Gründen blieb die Kriegswirtschaftsverordnung' bestehen, die beispielsweise Schwarzschlachtungen oder Verstöße gegen das Zuteilungswesen im Lebensmittel- und Textilbereich verhindern sollte.

Für die Handvoll unbelasteter Richter, die aus allen Teilen des zerstörten Deutschland nach Hanau kamen und von den Amerikanern akzeptiert wurden, gab es erheblichen Nachholbedarf, nachdem die Akten im Keller des zerstörten Gerichtsgebäudes aufgefunden und entstaubt wurden, vor allem eine Fülle anstehender Scheidungsfälle, die zwischen 1939 und 1945 als kriegsunwichtig eingestuft und daher nicht weiter bearbeitet worden waren.

Eine der ersten Akten, der sich der spätere Landgerichtspräsident Ernst Weigand als Referendar annahm, betraf einen Räumungsprozess gegen ein Hutgeschäft Ecke Hammerstraße/ Freiheitsplatz. Das Gebäude war jedoch derart zerstört, daß eine Räumung überhaupt nicht mehr angeordnet werden konnte. Gestritten wurde aber immer noch um die Kosten ...

Der einzige Richter, der bis Kriegsende in Hanau geblieben war und danach wieder eingestellt wurde, war Landgerichtsrat Thomas, der den Alliierten den Vorschlag machte, Felix Lesser zum Präsidenten zu berufen. Es dürfte Lesser viel Improvisationstalent und Überredungskunst gekostet haben, die nach der Bombardierung am 19. März 1945 übrig gebliebenen Umfassungsmauern des Landgerichts in den kommenden Jahren wieder in ein nutzbares Justizgebäude verwandeln zu lassen. Als der Wiederaufbau in einer Feierstunde am 10. Mai 1954 begangen wurde, war der Chef bereits 67 Jahre alt. Dennoch führte er die Behörde noch sechs Jahre weiter und bekleidete außerdem zeitweise das Amt des Präsidenten des Hessischen Staatsgerichtshofs.

Ernst Weigand erinnert sich an Felix Lesser als seinen Mentor, der ihn lange auf seinem beruflichem Weg begleitet habe. Vor allem um den Nachwuchs habe er sich gekümmert und „ihn in väterlicher Fürsorge“ gefördert. Über seine Leidenszeit unter den Nazis habe er auch gegenüber Vertrauten kaum gesprochen. Lesser starb im April 1974 im Alter von 86 Jahren.

Auf seinen Wunsch hin wurde Dr. Gerhard Otto am 1. April 1960 zum Nachfolger bestimmt. 1908 im Herzen Sachsens geboren, promovierte Otto 1933 und wurde zehn Jahre später zum Landgerichtsrat in Liegnitz ernannt. Nach seiner Einberufung und Kriegsgefangenschaft ver-

schlug es ihn nach Hessen, wo er 1946 in den Justizdienst übernommen wurde. In seine Amtszeit fiel die Auflösung der Amtsgerichte Bad Orb, Wächtersbach, Salmünster, Langenselbold und Steinheim, ferner die Erweiterung des Justizkomplexes im Bereich Fischerhüttenweg und die Übernahme des früheren Gemeindehauses der Wallonisch-Niederländischen Kirche. Im Kinzigtal gebe es mehr Amtsgerichte als Gastwirtschaften, hatte Stadtkommandant Turner dazu einmal spöttisch geäußert.

Von 1960 bis 1965 war Gerhard Otto Vorsitzender des Landesverbandes im Deutschen Richterbund. Darüber hinaus beherrschte er fließend mehrere Sprachen und Musikinstrumente, war literarisch bewandert und universell gebildet. 1973 wurde er pensioniert. Er starb am 22. August 1989.

Wiederum auf Betreiben seines Vorgängers avancierte im Oktober 1973 mit Ernst Weigand, ein echter Hanauer Bub, zum neuen Landgerichtspräsidenten. Schon immer hatte den Sohn eines Lehrers an der Gebeschusschule der imposante Gerichtsbau beeindruckt. Und schon als 15-Jähriger faßte er den Beschluß, hier einmal tätig zu werden.

Nach dem Abitur an der Hohen Landesschule nahm Weigand 1937 sein Jurastudium auf, wurde allerdings bereits mit Kriegsbeginn eingezogen und noch im gleichen Jahr schwer verwundet. Während eines Fronturlaubs legte er 1941 die Erste Staatsprüfung ab. Nach der Befreiung geriet er in amerikanische Gefangenschaft, durfte aber noch im Jahr 1945 nach Hanau zurückkehren. Zwei Jahre später, nach dem Zweiten Staatsexamen, wurde er hier zum Richter ernannt. Zwischenzeitlich ans Oberlandesgericht Frankfurt abgeordnet, kehrte er 1963 in seine Heimat zurück.

Von einer Reihe spektakulärer Strafprozesse, an denen Weigand in den folgenden Jahren als Mitglied und Vorsitzender der Schwurkammer beteiligt war, wird noch in einer späteren Folge der Serie die Rede sein. Immer aber war es dem heute 83-Jährigen ein Anliegen, Frieden zu stiften und die Justiz als demokratisches Element zu fördern. Wobei er zugesteht, daß gerade in seinem Berufsstand in der Nachkriegszeit aus falsch verstandenem Korpsgeist zahlreiche Fehler in der Aufarbeitung der Vergangenheit gemacht wurden. „Das hätte energischer bereinigt werden müssen“, sagt Weigand.

Gleichwohl, seinen Werdegang hat er nie bereut: Es ist ein erstrebenswerter Beruf, den ich wieder ergreifen würde. Aber es ist auch ein schwerer Beruf. „Es gibt keine schlimmere Belastung als das Gefühl, jemandem Unrecht getan zu haben.“ Vielleicht war es diese Belastung, die Weigand in seinem Privatleben trieb, sich zum Ausgleich in vielfältiger Weise karitativ, ob als Kirchenvorstand oder in der Martin-Luther-Stiftung zu engagieren, wo er bereits seit 1954 dem Vorstand angehört.

Beruflich befand sich der Landgerichtspräsident in einer Zwitterrolle, einerseits als Behördenleiter, andererseits als Vorsitzender der Berufungskammer. In seine Amtszeit fielen beispielsweise die Einführung des Familiengerichts bei den Amtsgerichten und mehrere organisatorische Veränderungen. Am 31. Dezember 1983, einen Tag nach seinem 65. Geburtstag, wurde Ernst Weigand in den Ruhestand versetzt.

 

„Katharina-Belgica-Straße“ (westlich der Nußallee): Zur Erinnerung an die geistvolle und weitblickende Gemahlin des Grafen Philipp Ludwig II. (Gründer der Neustadt). Katharina Belgica (richtiger: Belgia) war die Tochter Wilhelms von Oranien.

 

Kinzdorf:

Am Kanaltorplatz steht ein Modell alter Wasseranlagen. Unter dem Westbahnhof hindurch kommt man in die Philippsruher Allee. Der Stadtteil links heißt „Kinzdorf“ und war eine Keimzelle der Stadt. Hier stand nämlich die alte Marienkirche, eine Missionskirche für die ganze Gegend. Urkundlich tritt der Name Kinzdorf in den Jahren 1338, 1353 und 1364 auf. Das Kinzdorf lag im oberen Winkel zwischen dem Main und einem alten Kinzigarm, der später zum Mainkanal ausgebaut wurde.

Es wird angenommen, daß das Kinzdorf im Jahre 1504 durch hessische Kriegshorden verwüstet wurde. Der verbleibende Rest ist infolge großer Überschwemmungen in den Jahren 1564 und 1590 vernichtet worden. Von dem Kinzdorf selbst stand um 1600 nur noch die alte Pfarrkirche, die auf der Ansicht der Stadt Hanau von Dilich vor den Wällen der Neustadt noch zu erkennen ist (siehe Abbildung in: Hanau Stadt und Land, Seite 126).

Wie die Entstehungsgeschichte des Kinzdorfes ungewiß und geheimnisvoll ist, so auch das Werden der Kinzdorfkirche. Sie soll schon vor der Wirkungszeit des Bonifatius bestanden haben und so eine der ersten Gründungen christlicher Prägung in unserer Heimat gewesen sein. Die Kirche war der hl. Maria geweiht. Sie barg ein Marienbild, dem man Wunderkraft beimaß. Das Marienbild befindet sich heute in der Kirche von Groß-Steinheim.

Das Kinzdorfer Kirchlein war jahrhundertelang die Hauptkirche für die später entstandene Stadt Hanau, und die Marien-Magdalenenkirche in der Altstadt Hanau galt als eine Tochterkirche der Kinzdorfer Kirche. Jahrhunderte hindurch wurden hier die Kinder der Stadt Hanau getauft.  In unmittelbarer Nähe der Kirche war auch der Friedhof. Er erstreckte sich bis dahin, wo sich heute der Eisenbahndamm hinzieht. Ursprünglich beerdigten die Altstädter und die Neustädter ihre Toten hier. Die nahe Lage der älteren Kinzdorfkirche mit ihrem Kirchhof ersparte den Bürgern bei der Gründung der Stadt die Anlage eines Friedhofes um die Pfarrkirche.

Allmählich sank die Bedeutung der Kinzdorfer Kirche immer mehr. Die Kirche diente nur noch zur Abhaltung von Leichenfeiern. Bei einer Erweiterung der Neu-Hanauer Festungswerke im Jahre 1633 wurde die Kinzdorfer Kirche abgebrochen, da man auf dem Kirchenhügel eine Schanze errichten wollte. So wurde denn auch der Friedhof der Altstädter nach Hanau verlegt. An das Kinzdorf erinnern heute nur noch einige Flurnamen: „Im Kinzdorfer Grund“, „Am Kinzdorfer Grund“ und „Der Kinzdorfer Weg“.

 

Mainkanal

Man hat schon früh versucht, die wichtige natürliche Wasserstraße, den Main, durch den bis in die Stadt hineinführenden Kanal für den Handelsverkehr nutzbar zu machen. Es ist anzunehmen, daß der Mainkanal aus einem toten Kinzigarm gestaltet wurde. Man wollte mit seinem Bau den Güterverkehr der Stadt auf direktem Wasserwege ermöglichen. Außerdem sollte er als Abflußkanal für den Wallgraben dienen. Der Kanal wurde unter dem überwölbten Wall hindurchgeführt. Vor dem „Heumarkt“ sollte er in einem Hafen mit Ladeplatz enden. So war es geplant. Die Ausführung kostete viel Geld, ohne daß der Zweck jemals recht erfüllt wurde. Die Bauzeit dauerte von 1600 bis 1619.

Im Dreißigjährigen Krieg verwandelte sich der mit so vielen Kosten und Mühen angelegte Binnenhafen in ein „wüstes ungesundes Loch“, die „Stincke-Kauth“. Bereits 1666 schüttete man den Hafen zu und bebaute das Gelände mit Wohnhäusern. Das verbleibende Stück des Kanals wurde 1833/34 um ein weiteres Stück gekürzt und diente dann nur als Winterhafen.

Der Zufluß des Hafenbeckens, der Stichkanal, blieb über die Zeiten hinweg erhalten. Als breiter Wasserarm führte der „Mainkanal“ bis in unsere Tage vom Westbahnhof zum Main und diente dabei zugleich als Abfluß des Stadtgrabens, der ja als letzter Rest der alten Stadtbefestigung noch einen geringen Teil der Stadt umfließt.

Vor dem Bau des neuen Mainhafens diente der Mainkanal als Zufluchtsort für Schiffe im Winter und bei Hochwasser. Auch die „Strandbäder“ des Mainufers stellten hier ihr „Mobiliar“, die Schwimmtanks, unter, und die Angler saßen stundenlang am Ufer. Eine herrliche Allee, die einstmals gepflegt und mit Bänken versehen war, begleitete den Kanal. In unseren Tagen ist der letzte Rest des Mainkanals zugeschüttet worden, und nur die Straßenbezeichnung „Am Mainkanal“ wird die Erinnerung wachhalten.

Bei den Aussehachtungsarbeiten zum Wiederaufbau des Gebäudes „Zur schwedischen Krone“, zuletzt „Rheinischer Hof“ genannt, im Jahre 1954 kam man auf die Sohle des alten Hafenbeckens. Einige interessante Fundstücke konnten vom Hanauer Geschichtsverein sichergestellt werden.     

Bilder in: Hanau Stadt und Land, Seite 369 und 370: Mainkanal und Zollamt in Hanau vor 1945 (das Zollamt, 1830 errichtet, 1945 zerstört). Das Hanauer Marktschiff auf der Fahrt nach Frankfurt (Ausschnitt aus einem Aquarell des Schlosses Philippsruhe, um 1810).

 

Das Hanauer Marktschiff

König Albrechts Stadtrechtsprivileg des Jahres 1303 hatte Hanau für jeden Mittwoch einen geschützten Wochenmarkt genehmigt, und im Jahr 1468 bewilligte Kaiser Friedrich III.. dem Hanauer Grafen zwei Jahrmärkte, einen für Sonntag Misericordias Domini nach Ostern und den anderen im Herbst für den Sonntag nach St. Martin. An diesen beiden, wir würden heute sagen „verkaufsoffenen“ Sonntagen und an den wöchentlichen Markttagen gab es in unserer Stadt ein lebhaftes Handeln, Kaufen und Verkaufen, freilich in einem kleinen regionalen Rahmen.

Dies änderte sich Ende des 16. Jahrhunderts mit der Gründung der Neustadt. Graf Philipp Ludwig II. siedelte Glaubensflüchtlinge aus den Spanischen Niederlanden an, emsige, geschäftstüchtige Leute, welche die Grundlagen für ein blühendes produzierendes Gewerbe schaffen sollten. Der Graf setzte auf Wirtschaftswachstum. Dazu gehörte damals wie heute ein leistungsfähiges Bankwesen, deshalb folgte im Dezember 1600 die Privilegierung der Judengemeinde. Aber produzierendes Gewerbe und Bankwesen reichten als Standortfaktoren nicht aus, wenn es an Verkehrsverbindungen zu den Abnehmern der produzierten  Güter fehlte. Damals, in einer Zeit ohne Flugzeuge, ohne Autobahnen und Kraftfahrzeuge, ohne Eisenbahnverbindungen, waren Flüsse und Kanäle die günstigsten Verkehrswege, um Waren in größerer Menge zu transportieren.

Aus diesem Grund hatten sich die Neustädter in § 16 der Gründungsurkunde vom 1. Juni 1597 ausbedungen: „Item das ein oder zwey ordinari Schiff, so täglichs oder zum wenigsten zwey oder dreymhal inn der Wochen auff- und ab naher Franckfurth fahren angestellt und gegen die gebür gehallten werdenn.“ Es war der Anspruch, dass Hanau über ein fahrplanmäßig und verlässlich verkehrendes Transportmittel zum benachbarten Handelszentrum Frankfurt verfügen müsse.

Ernst Julius Zimmermann, der auch heute noch als der beste Kenner der älteren Hanauer Geschichte gelten darf, hat vermutet, daß die Fahrten des Marktschiffs im Jahr 1600 begannen. Dabei ging es nicht ohne Streit ab. Der Erzbischof und Kurfürst von Mainz sah die Mainschiffahrt als eigenes Privileg an, und so kam es zu Diskussionen, zu geharnischten Schriftwechseln und schließlich auch zu Überfällen seitens der Mainzer. Es folgten die Wirren des Dreißigjährigen Krieges mit all ihren Negativfolgen für Handel und Wandel, und gerade in dieser Zeit war die Fahrt mit dem Marktschiff von Hanau nach Frankfurt und zurück bisweilen ein wirklich gefährliches Abenteuer.

Im Lauf der Zeit etablierte sich das Marktschiff als eine in der Tat zuverlässige fahrplanmäßige Verkehrsverbindung für Menschen und Güter zwischen Hanau und Frankfurt. Allerdings - eine solche Hin- und Rückfahrt war jeweils eine Tagesreise. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ging das wohl an, doch dann änderte sich alles: Dampfschiffe, noch von Pferden gezogene Omnibusse, Eilwagen und schließlich die Eisenbahn waren Konkurrenten, gegen die ich das zwar zuverlässige, aber jetzt zu langsame Marktschiff nicht auf Dauer behaupten konnte.

Im November 1847 machte Georg Christian Bein seine letzte Fahrt als Hanauer Marktschiffer, und ab September 1848 ersetzt die dem Main folgende kurhessische Hanau-Frankfurter Eisenbahn die alte Marktschifflinie. Nach dem Beginn der Dampfschiffahrt Anfang der vierziger Jahr markierte die Eröffnung dieser Eisenbahnlinie für das Verkehrswesen unsere Raums den Anfang des industriellen Zeitalters.

Im Sommer 1897 feierte Hanau das 300. Gründungsjubiläum der Neustadt, und eine Attraktion im Festzug war ein Schiff, das der Kaufmännische Verein hatte bauen lassen. Es war eine Erinnerung an das alte Hanauer Marktschiff. Von Pferden gezogen, die Zugleine oben am Mast befestigt, erinnerte es das zahlreiche Publikum an die Zeit der vorindustriellen Schiffahrt.

 

 

Neues Beratungs-Center der Sparkasse Hanau

Die Sparkasse Hanau hat in der Philippsruher Allee ihr repräsentatives neues Kommunikations- und Beratungs-Center offiziell eröffnet. Dabei schilderte der Fuldaer Architekt Stefan Wehner, wie „runtergewirtschaftet“ das ehemalige Volkshochschul-Gebäude gewesen sei. Die Gründerzeit-Villa beherbergte bis zum Sommer 1999 die Volkshochschule. Die Stadt wollte das Haus anschließend verkaufen. Aber alle Käufer brachten nach Angaben von Sparkassenvorstandschef Alfred Merz nicht genug Geld auf, woraufhin die Immobilie stets zurück in die Nutzung der Stadt ging.

Ende 2000 kaufte die Sparkasse das historische Gebäude auf dem städtischen Erbbau- Grundstück, weil ihr im Hauptgebäude am Marktplatz der Platz für exklusive Beratung vermögender Kunden fehlte. Für Kauf und Sanierung gab sie rund 2,5 Millionen Euro aus. „en Aufwand kann sich nur ein gesundes Unternehmen leisten“ bilanzierte Merz jetzt im Rückblick.

Trockenbau statt irgendwann einmal herausgerissener Originalmauern, eine nicht brauchbare kleinteilige Raumeinteilung, einen ernerungsbedürftigen Eingang, veraltete Elektroleitungen, teils zugewachsene Abwasserrohre, Wurzeln im Mauerwerk - so beschrieben Merz und Architekt Wehner den Zustand vor dem Umbau. Beim ersten Betreten des Gebäudes, das nach außen so repräsentativ wirke, habe er eine große Enttäuschung erlebt, beschrieb Wehner seine Gefühle über den damaligen relativ schlechten Zustand.

Der Vertreter des Architekturbüros Reith & Wehner, Merz empfohlen durch den Um- und Neubau der Sparkassen-Hauptstelle im historischen Ensemble des Fuldaer Buttermarktes, baute ein neues Treppenhaus, größere Räume und zwei Eingänge. Denn neben der Sparkasse residiert im ersten Stock eine Steuerberater-Gesellschaft.

Die äußerlich markanteste Bauänderung ist von der Philippsruher Allee aus nicht zu sehen: ein angebauter rot-brauner Kubus mit mehreren großen Einzelfenstern zum Hinterhof. Diesen Neubau empfindet Wehner als eigenständig, ohne die Schlüssigkeit des Altbaus zu stören. Das Vordach über dem gläsernen Haupteingang interpretiert er als fast „schwebend“ die Innenansicht des Sparkassen-Centers mit Parkett, weißen Wänden und einigen Kunstwerken beschreibt er mit „zurückhaltender Eleganz“

Darin stimmt Hanaus Oberbürgermeisterin Margret Härtel als Verwaltungsrats-Vize der Sparkasse mit dem Architekten überein. Die architektonische Kombination aus Tradition und Moderne sei gelungen, sagte sie bei der offiziellen Eröffnnng.

Die Sparkasse will in ihrem schon seit Mitte April in Betrieb befindlichen Center Kunden auch abends und samstags beraten. Sie plant Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen zum Thema Geldanlagen. Merz will ein „Forum für den Gedankenaustausch“ bieten.

Das gesamte Gebäude hat rund 1000 Quadratmeter Bürofläche. Die Sparkasse belegt das Erd- und das Dachgeschoss. Ganz oben sind die Räume internen, administrativen Aufgaben der Sparkasse vorbehalten. Die Sparkasse hat zwölf Beschäftigte an der Philippsruher Allee, das Steuerberatungsbüro ebenso viele.Dank der Sparkasse bleibt der „Jazzkeller“ im Haus erhalten. Ihn will die Sparkasse für die eine oder andere kurzweilige Veranstaltung gewinnen.

 

In der Philippsruher Allee stehen das Olof-Palme-Haus und die Friedenskirche, im Ortskern die Reinhardskirche  (siehe Datei „Kesselstadt“). und das Gasthaus „Zum Schwan“ (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 125). Außerdem gibt es an der Philippsruher Allee die Gasthäuser „Zum Schiff“ und „Zum Anker“.

 

Durch die 1772 angelegte Kastanienallee sollte ein direkte Fahr- und Blickverbindung vom Schloß Philippsruhe zur Fasanerie geschaffen werden. Sie führte direkt zum Fasaneriemittelpunkt, einem „Stern“. Von ihm gehen elf Alleen aus, von denen einige wie die Kastanienallee die Fasaneriegrenzen überspringen, um Blickkontakte zu markanten Punkten zu schaffen.

 

Der Wasserturm dient seit 1890 der Wasserversorgung. Im Jahre 2006 wird er saniert.

 

Bei der Gestaltung des Beethovenplatzes haben die Architekten Deines und Clormann ganz bewußt den historischen Blickkontakt zwischen Schloß Philippsruhe und der Fasanerie im Auge behalten. Doch bis zum Eingang der Fasanerie hat man keine Kastanien nachgepflanzt, sondern Eschen. Der heutige Lärmschutzwall unterbricht natürlich die ursprüngliche Sichtachse. Die Wohngebäude erinnern an die mit dem Namen des damaligen Oberbürgermeisters Kurt Blaum verbundene Baupolitik der zwanziger Jahre Die Wohnanlagen wurden 1927 von Oberbürgermeister Blaum eingeweiht, deshalb hieß der runde Platz im Volksmund auch „Zirkus Blaum“. Der Schwanenbrunnen in der Mitte des Platzes wurde 1976 vom Kanaltorplatz hierher gebracht.

 

Rechts geht es in die Gustav-Hoch-Straße und zum „Musikerviertel“. Dieses wurde so genannt wegen der Straßennamen,  darunter die Hindemith-Straße, genannt nach Paul Hindemith, der in Hanau geboren wurde.

 

Über die Kinzig führte zunächst die hölzerne Kinzigbrücke. Als diese durch ein Hochwasser zerstört worden war, wurde sie in den Jahren 1556-1559 neu in Stein erbaut und mit 1615 einem Torturm versehen. Dieser Torturm stand auf dem zweiten Brückenpfeiler und wurde „Margarethenturm“ genannt. Im Jahre 1829 wurde er abgebrochen (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 99).

An der Kinzigbrücke befindet sich auf der südöstlichen Seite ein Gedenkstein für General Wrede, der sich 1813 dem auf dem Rückzug befindlichen Napoleon entgegenstellte und im Kampf fiel. Von dort geht man an der Kinzig entlang und dann rechts zur Nußallee.

 

 

Geschichte Kesselstadts:

Am 1. April 2007 ist es 100 Jahre her, dass das „Gesetz, betreffend Erweiterung des Stadtkreises Hanau“, in Kraft trat und damit die Selbstständigkeit Kesselstadts beendet war. Am 30. März war das Gesetz, „gegeben Berlin im Schloss, den 27. März 1907“ und unterzeichnet von König Wilhelm, im preußischen Amtsblatt veröffentlicht worden und damit rechtskräftig. Den Jahrestag begeht die Stadt Hanau am Sonntag.

 

 

 

Mit einem Festakt in der Friedenskirche und einem Kesselstädter Nachmittag in der Reinhardskirche würdigt die Stadt die erste Eingemeindung ihrer Geschichte. Sie verlief, glaubt man den zeitgenössischen Quellen, ziemlich reibungslos, ganz im Gegensatz zu den Eingemeindungen der 70er Jahre. Binnen eines Jahres war der Vertrag, den der Hanauer Oberbürgermeister Dr. Gebeschus und sein Kesselstädter Kollege, Bürgermeister Geibel, unterzeichneten, ausgehandelt und der Vorgang gesetzesreif.

Da Hessen, seit 1866 preußische Provinz war, hatte Berlin das letzte Wort. „Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, verordnen mit Zustimmung der beiden Häuser des Landtags der Monarchie was folgt: Die Landgemeinde Kesselstadt wird mit dem 1. April 1907 vom Land-kreis Hanau abgetrennt und der Stadtgemeinde und dem Stadtkreis Hanau einverleibt“. Damit hatte die aufstrebende Industrie- und Militärstadt Hanau einen Befreiungsschlag gelandet. Die Stadtentwicklung war mangels weiterer Flächen an ihre Grenzen geraten, eine Ausweitung für neue Industrie- und Siedlungsflächen gab es praktisch nur im Westen, nach Kesselstadt hin. Das einstige Dorf am Main dagegen wäre wohl kaum in der Lage gewesen, anstehende Investitionen in die Infrastruktur wie Wasserversorgung, Kanal, Straßen- und Schulbau alleine zu schultern. So profitierten beide Seiten.

Der entsprechende Vertrag, der am 22. November 1906 abgeschlossen wurde, regelt in gerade einmal 28 Paragraphen die gemeinsame Zukunft. Geregelt wurde zuallererst, welche Steuern künftig gelten sollten. Die Kesselstädter sollten keinen Nachteil haben, weswegen einige Hanauer Gemeindesteuern auf Kesselstadt nicht angewendet wurden. Lange Anpassungsfristen, teilweise bis in die Mitte der 20er Jahre, erhielten den Hanauer Neubürgern so manches Privileg. So mussten die Kesselstädter zehn Jahre lang nur 80 Prozent der (damals lokalen) Einkommens-, Grund- und Gewerbesteuer bezahlen. Die alten Ortsstatuten und Polizeiverordnungen blieben teilweise weiterhin in Kraft. So war beispielsweise die Hausschlachtung auch nach der Eingemeindung erlaubt, und auch die Beibehaltung des Kesselstädter Friedhofs wurde garantiert. Die Hundesteuer wurde für zehn Jahre zu den niedrigen Kesselstädter Sätzen festgeschrieben.

Die Dorfschule wurde nun eine städtische Schule und die Stadt Hanau übernahm von Kesselstadt neben dem Gemeindepersonal auch die Lehrer in städtische Dienste. Die Schüler waren nun ja auch Hanauer und mussten deshalb für den Schulbesuch in der Innenstadt nicht mehr das für Auswärtige fällige Schulgeld bezahlen. Hanau sagte auch vertraglich zu, vorrangig westlich der Kinzig eine neue Bezirksschule zu errichten.

Die Hanauer verpflichteten sich des weiteren, in der gesamten geschlossenen Ortslage Kesselstadt sowie in der „Kolonie“(es war dies der Bereich Frankfurter Landstraße/Rosenau) Kanalisation und Wasserversorgung „mit Beschleunigung auszuführen“ Außerdem sollten mindestens 5.00 Mark jährlich für den Bau von Bürgersteigen und deren Unterhalt aufgewendet werden. Die Freiwillige Feuerwehr sollte ihre Selbständigkeit behalten, in ganz Kesselstadt sollten zudem elektrische Feuermelder aufgestellt werden, „ebenso ist möglichst bald die Vermehrung der Straßenlaternen um 30 Stück herbeizuführen“.

Natürlich übernahm Hanau auch das gesamte Vermögen und alle Verbindlichkeiten der Gemeinde sowie die Verwaltung. Um dem Bevölkerungszuwachs gerecht zu werden, wurde die Zahl der Stadtverordneten in Hanau von 36 auf 39 erhöht, der Magistrat um ein ehrenamtliches Mitglied aus Kesselstadt erweitert. Für die Gemeindebediensteten wurden neue Gehaltseinstufungen vereinbart und auch der Bürgermeister erhielt ein recht anständiges Ruhegehalt.

Nachdem dies alles in 25 Paragraphen geregelt war, muss irgend jemand in Kesselstadt noch etwas ganz Wichtiges eingefallen sein: Im Paragraph 26 wurde nachgeschoben, dass sich die Stadt Hanau verpflichtet, für Kesselstadt einen Schweinehirten zu beschäftigen, ihm eine Wohnung und ein Feld- und Wiesengrundstück zur Verfügung zu stellen und ihn zu besolden, so lange er „für das Hüten der in der bisherigen Gemarkung Kesselstadt gehaltenen Schweine notwendig sein sollte“. Heute ist Kesselstadt ganz selbstverständlich ein Teil Hanaus, auch wenn sich dort vielleicht mehr als anderswo in der Kernstadt aktiver Bürgergeist erhalten hat und ein waches Interesse an der Kesselstädter Geschichte vorhanden ist. Zum Kesselstädter Nachmittag am Sonntag sind alle willkommen MTA, 29.03.2007).

 

„Beide Ehepartner noch wohlauf“                                                                                 03.04.07

 „Hanau liegt an der Kinzig. Kesselstadt liegt am Main. Wäre am 1. April 1907 die Eingemeindung nicht vollzogen worden, dann hätte es auch keinen Slogan wie 'Hanau - mainaufwärts' gegeben“” Diese Worte des Ehrenvorsitzenden des Hanauer Geschichtsvereins, Eckhard Meise, schwebten über der Festversammlung in der Friedenskirche und machten allen Gästen klar: Hanau hat von der Eingemeindung Kesselstadts profitiert.

Das Fazit aus der Sicht des Stadtoberhaupts beleuchtete aber auch den anderen Aspekt. Oberbürgermeister Claus Kaminsky, mit Domizil in der Weststadt, also auf Kesselstädter Gemarkung, stellte in seiner launigen Festansprache klar, dass auch Kesselstadt von Hanau profitiert habe. „Das Zusammengehen war eine klug angelegte strategische Partnerschaft, die beide Seiten in erheblichem Maße zufrieden stellen konnte“. Das war auch das Fazit von Pfarrer Dr. Merten Rabenau, der die Besucher in „seiner“ Friedenskirche beim Festakt „100 Jahre Eingemeindung von Kesselstadt nach Hanau“ begrüßte.

Er habe in diesem Gotteshaus schon viele Ehen geschlossen, eine wie die von Hanau und Kesselstadt sei jedoch nicht dabei gewesen. „Auf den Tag genau besteht heute die Verbindung 100 Jahre, beide Ehepartner sind immer noch zufrieden und wohlauf“, bilanzierte Rabenau, der eines der Mitglieder der Lenkungsgruppe der beiden Kesselstadt-Jubiläen ist.

Eingestimmt durch den Posaunenchor der evangelischen Friedenskirchengemeinde und später musikalisch verwöhnt von Mezzosopranistin Cornelia Sander und Organist Wolfgang Runkel, hatte die Festgemeinde mit einem Umtrunk den Tag begonnen. Beim eigentlichen Festakt, zu dem eine ganze Reihe von Ehrengästen, darunter die ehemaligen Rathauschefs Hans Martin und Margret Härtel, gekommen waren, beleuchtete OB Kaminsky die vielfältigen Facetten des Zusammengehens. Es sei eine Zeit gewesen, in der eine gemeindliche Neuordnung in vielen Städten der Region statt gefunden habe. Die „alten Hasen im Politikgeschäft“, Bürgermeister Wilhelm Geibel für Kesselstadt und Dr. Eugen Gebeschus für Hanau, hätten beide die Vorteile für die jeweilige Seite und für die gemeinsame Zukunft im Auge gehabt.

Sehr unterschiedlich seien die Partner gewesen, Kesselstadt ein Fischer- und Ackerbürgerdorf mit 2.700 Einwohnern, Hanau eine aufstrebende Stadt mit immerhin schon 35.000 Bürgern. Vieles trennte die beiden Gemeinden, eines verband Kesselstädter und Hanauer: Wollten sie die Kinzig über die Hellerbrücke überqueren, dann mussten alle einen Heller Maut bezahlen, daher rühre der Name. „Dies könnte ein Ansatz für die viel diskutierte Citymaut sein“, bemerkte der OB launisch.

Inzwischen lebten auf der alten Gemarkung Kesselstadt über 11.300 Menschen und damit mehr als in der Innenstadt. Verblüffend sei, stellte OB Kaminsky fest, dass alle Rathauschefs der Nachkriegszeit - außer Margret Härtel (Lamboy-Tümpelgarten) und Helmut Kuhn (Steinheim) - in oder ziemlich nahe an Kesselstädter Gemarkung gewohnt hätten: Karl Rehbein (Philippsruher Allee), Heinrich Fischer (Auf der Aue), Herbert Dröse (Wilhelmsbader Allee), Hans Martin (Röntgenstraße) und er selbst (Dresdner Straße).

Clans Kaminsky verschwieg nicht, dass es natürlich auch galt, Animositäten zu überwinden, aber allen Seiten sei klar gewesen, dass es nur gemeinsam weitergehen konnte. Bezug nehmend auf den 28 Paragrafen umfassenden Eingemeindungsvertrag, der im Stadtarchiv am Schlossplatz aufbewahrt werde, griff der OB einige Kuriositäten auf. So sei es ein Gerücht, dass die Kesselstädter Sterberate in die Höhe geschnellt sei, weil die Neubürger nun das Recht hatten, auf dem Hanauer Friedhof zu Hanauer Konditionen Familiengräber zu erstehen.

Drei Jahre hatte Hanau Zeit, den neuen Stadtteil an die Kanalisation anzuschließen, jährlich 5.000 Goldmark mussten für den Unterhalt der Straßen und Gehsteige aufgebracht werden, eine stolze Summe, wie der Rathauschef anmerkte. Bis heute habe die Feuerwehr ihre Eigenständigkeit - wie festgeschrieben - behalten, werde aber nach dem Neubau des zentralen Hanauer Feuerwehrgerätehauses in absehbarer Zeit ihre bisherige Unterkunft aufgeben. Auch die Übernahme des Personals der Gemeinde Kesselstadt war akribisch geregelt, wobei die Reihenfolge bemerkenswert gewesen sei: Noch hinter Feldschütz, Nachtwächter und Schweinehirt sei als letzter der Bürgermeister aufgelistet worden.

Festgelegt sei außerdem worden, dass die Zahl der Stadtverordneten für die Dauer von drei Wahlperioden um drei auf 39 erhöht werden musste, rekapitulierte Kaminsky. Liste man heute die Wohnorte der 59 Stadtverordneten auf, so leben 15 Abgeordnete auf ehemaliger Kesselstädter Gemarkung - inklusive des Stadtverordnetenvorstehers Jürgen Scheuermann (Weststadt) - was fast schon für einen eigenen Ortsbeirat reichen würde.

Der Stadtteil, schloss Kaminsky, zeichne sich heute „in besonderer Weise durch einen hohen Grad an bürgerschaftlichem Engagement aus, deren tragende Säulen die Vereine sind“. Die Vielfalt von 40 Kulturen im Stadtteil werde als Chance gesehen, voneinander zu lernen. Die Lenkungsgruppe habe die Impulse aufgenommen und mit finanzieller Hilfe der Stadt ein Jubiläumsprogramm zusammengestellt, das „uns als Gemeinschaft Geschichtsereignisse ins Gedächtnis zurück ruft, die uns prägten und prägen, die man nicht vergessen wird und darf. Das Erinnern, Aufarbeiten und Weitertragen ist wichtig für Hanau, die Menschheit an sich“.

 

 

Außenbezirke

 

Hessen-Homburg-Kaserne

Die Kasernengebäude nördlich der Lamboystraße wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von der Stadt Hanau gebaut. 1912 zog das 3. Eisenbahn-Pionierregiment ein. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verbot der Versailler Vertrag die Stationierung von Militär in Hanau. Die Kasernen blieben zunächst leer. Die Eisenbahntruppe wurde aufgelöst, die Kasernengebäude schließlich für gewerbliche Zwecke und als Wohnungen vermietet. Unter anderem liefen dort eine Eisengießerei, eine Drahtfabrik, eine Diamantenschleiferei.

Ab 1937 war in der Kaserne deutsche Infanterie stationiert, von 1945 bis Anfang der 90er Jahre nutzten amerikanische Pioniertruppen Häuser und Gelände. Von 1992 bis 1994 brachte das DRK bosnische Kriegsflüchtlinge unter. Im heutigen Gebäude der Bildstelle war während dieser Zeit eine Hundertschaft des Bundesgrenzschutzes stationiert.

 

Ehemaliges Wachgebäude der Francois-Kaserne (heute Gaststätte „Zur alten Wache“)

 

 

Gedenkstein Karl-Marx-Straße:

Wenn man die Lamboystraße stadtauswärts fährt und in der Kkarl-Marxstraße rechts abbiegt, steht man bald vor dem Haus  Nr. 36 einem Gedenkstein.  „Schlacht am 30. Oktober 1813. Deutsches Zentrum“ ist auf ihm Gedenkstein zu lesen. Der Stein erinnert an eine Schlacht gegen Napoleon. Der französische Feldherr hatte am 29. Oktober 1813 mit seinen Truppen in Langenselbold gestanden, der bayerische Gener Wrede dagegen auf Seiten der Hanau zwischen Kinzig und Lamboywald. Wrede machte allerdings den Fehler, von einem kleinen französischen Heer auszugehen. So bot der Bayer dem Korsen die Schlacht an und wurde prompt geschlagen. Napoleon ließ in der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober Hanau beschießen und in Brand setzen. Doch Wrede gab nicht auf und stürmte die Stadt; die Franzosen zogen ab.

Jahre später, 1857, hielt es der „Verein für Geschichte und Erdkunde“ - ein Vorläufer des Geschichtsvereins - für angemessen, dieser Schlacht Denkmäler zu setzen. Der Hanauer Steinmetz Friedrich Adelmann erhielt den Auftrag, fünf Gedenksteine aus Sandstein zu meißeln, sollten an den Orten aufgestellt werde wo die einzelnen Flügel des erfolgreichen Heeres standen - wie das „Deutsche Zentrum“ in der heutigen Karl-Marx-Straße. Die Steine wurden wohl „ohne Feierlichkeit“ eingesetzt. Wo die anderen vier geblieben sind, ist nicht bekannt. Es existiert allerdings ein Vermerk, daß der Gedenkstein für den „Deutschen rechten Flügel“ in der Leipziger Straße beseitigt worden sei. Auch das Mal in der Karl-Marx-Straße ist nicht mehr im Original-Zustand: Zwar ist der Korpus noch der alte, die Tafel mit der Inschrift wurde jedoch Ende der 80er Jahre ausgetauscht.

 

Herrenmühle:

Der Gebäudekomplex in der Nordstraße 86 ist abgeschieden, doch zentral gelegen, ein Denkmal im alltäglichen Gebrauch seit mehr als einem halben Jahrtausend. Stetigem Wandel unterworfen ist die Herrenmühle zugleich ein Ort seltener Kontinuität in dem von Kriegszerstörungen so gezeichneten Hanau.

Ernst Zimmermann erwähnt „zwei Fruchtmühlen“, die 1280 genannte Antonitermühle jenseits der Kinzig an der Mündung der Fallbach gelegen und die 1402 zuerst genannte Burgmühle (die heutige Herrenmühle). Doch einige Seiten später heißt es: „1525 kam die Herrenmühle (nach diesen Töngesherren so benannt) wieder in den Besitz der Grafen von Hanau“. Hier ist eine andere als die heutige Herrenmühle angesprochen. Mit „Herren“ gemeint sind so einmal die Hanauer Grafen, ein anderes Mal - auf dem Umweg über das niedlich an Antönchen anklingende „Tönges“- die RoßdorferAntoniter.

Vollends widersprüchlich ist Zimmermanns Aussage, Philipp II. habe die Antonitermühle zurückgekauft und sie an die Stelle der heutigen Herrenmühle „verlegt“. Wenn dort nicht schon eine Mühle war, welche Mühle haben die Grafen dann im 15. Jahrhundert stets aufs Neue an irgendwelche Müller verliehen?

Wo heute die Nordstraße verläuft, mäanderte früher die Kinzig. Trotz des „miserablen Baugrunds“ mit Kies und Schlick fanden die Herren von Dorfelden (später Hanau) einen guten Grund, hier zu bauen: die strategische Sicherheit im Kinzigbogen. Gehen wir also davon aus, daß die anfangs des 15. Jahrhunderts erstmals erwähnte Burgmühle unsere heutige Herrenmühle ist und schon am jetzigen Ort lag.

Von ihr erfahren wir aus dem Vertrag, mit dem Ulrich V. von Hanau sie einem Henne Molner zu Bruchköbel verleiht „um 65 Achtel Korn“ im Jahr. Die Mühle scheint ein sicheres Geschäft für die Pächter gewesen zu sein. Schließlich konnten sich die Bauern im Feudalsystem nicht den bestzahlenden Kornabnehmer aussuchen. Sie standen unterm „Mühlbann“. Im Jahre 1567 wird berichtet, daß Rodenbach, Kesselstadt, Dörnigheim, Hochstadt und Wachenbuchen an die Burgmühle liefern müssen. Uns mutet es fast zynisch an, wenn da von „Mahlgästen“ die Rede ist.

Die Grafen verdienten nicht nur indirekt am Nachfragemonopol ihrer Mühle. Die angelieferten Säcke durften nicht verkauft werden, bevor sie ein Stadtbeamter - gegen ein „meßgeld“ - gewogen hatte. Und es gab Privilegien bei dieser frühen Mehrwertsteuer: ausgenommen waren die „fryhen, als priester und burgmannen“.

Die Normalbevölkerung wurde außerdem zur Fron herangezogen - laut Zimmermann zum Teil mit der Hand, zum Teil mit dem Geschirr zu leisten. Eine Pflichtenliste des städtischen Rats führt 1579 an erster Stelle „Mühlenbau und Wall“ an. Seit 1528 war die neue massive Befestigung der Stadt mitsamt der Mühle in Arbeit. Aus dem Jahr 1613 stammt schließlich die Notiz, der Wasserbau der Burgmühle sei von Grund auf mit behauenen Quadern neu errichtet worden. Im Jahre 1729 hat man die ganze Mühle neu aufgebaut, wohl in der noch als Fragment erhaltenen Barockfassung. Die den Hof dominierende Bruchstein-Fassade ist aber nur ein kleiner Rest des einst stolzen barocken Haupthauses. Der hohe Torbogen überspannte wohl nur einen Seiteneingang, vom weit größeren Mittelportal blieb nur rechts am Gebäude die Andeutung eines Bogens. Dieses Hauptgebäude wurde im Krieg zerstört.

Schon früh ist die Ausdifferenzierung in Mahl-, Schlag- und Schneidmühle bezeugt. Christoph Metzgers „eigentlichem Abriß der Stadt und Festung Hanau“ (1665) ist zu entnehmen: Der zwischen Kinzig und dem äußeren Stadtgraben liegende Standort beherbergt „Die Mühle mit 11 gängen“, direkt daneben noch „pulfer mühl“ und „see-mühl“. Links sieht man ein zugemauertes ovales Fenster, schräg links darüber ein eingemeißeltes „1679“. Dies ist die 1679 gegründete Gewürzmühle am Sandeldamm (benannt nach dem dort vermahlenen Sandelholz); sie hat sogar ihr Wasserrad noch.

Die Mahlmühle war also in dem Zentralgebäude auf dem Hof mit der Torfahrt aus Sandstein. Nicht weniger als neun Paar Mühlsteine zerrieben da das Korn. Noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts produzierte die Herrenmühle Mehl.

Die Maschinenfabrik Weinig als Nachfolgebetrieb bezog ab 1814 Energie aus den zwei noch zum Teil erhaltenen Wasserturbinen. Sie stellte das repräsentative Fabrikgebäude direkt an der Nordstraße hin: Der symmetrische Backsteinbau ist vom Architekturtyp her eine gigantische Orangerie, bekränzt von vorgetäuschten Balustraden: daher auch das flache Dach. Das zugehörige Herrschaftshaus stand nebenan - bis vor kurzem Sitz des Sport- und Freizeitamtes der Stadt.

Weinig führte 1892 auch Gasturbinen ein. Zudem erzeugten zwei Wasserräder bis 1942 Strom. Die Gewerbeflächen gingen 1920 an die expandierende Tabakwaren-Fabrik Gebrüder Weckmann. Ein köstliches Beispiel kapitalistischer Selbstinszenierung ist das Bildchen in deren Briefkopf: Die Kinzig wird da zum Strom, das Firmengelände so aufgeblasen, daß die Häuserzeilen am andern Ufer ins Gigantische verlängert werden müssen.

Auf dem Herrenmühlen-Gelände tummeln sich Handwerker und halbe Künstler. Der kleine Schuster ist wohl der älteste Nutzer des Geländes, ein Original: meist fröhlich pfeifend in Arbeit versunken, zu Zeiten aber auch in Wut ausbrechend, daß selbst Stammkunden das Genick einziehen. Ein Software-Produzent hat hier sein Domizil, ein Restaurator, der auch Antikes handelt, dazu der Fotograf Olli Seikel. Bei Ulla Bladin-Reichhold tanzt Hanaus Ballettnachwuchs im alten Hauptgebäude.

Die anderen Mühlen befanden sich auf der durch den Mühlgraben abgetrennten Kinziginsel.

Von der Brücke aus erblickt man im Mühlgraben die Kanäle, in denen sich das gute Dutzend unterschlächtig angetriebener Räder drehte. Mit hölzernen Schiebewehren konnte jedes einzeln angesteuert werden. Der letzte dieser Schütze modert vor sich hin, die Holzräder sind längst verfault.

Zwischen beiden Maschinenräumen der Mühle erstrecken sich Gebäudeteile übers Wasser hinweg. Im ältesten kann man heute die von Hausverwalter Franz Karl aus dem Kanal geborgenen Reste der Mühlenmechanik bewundern: ein Turbinen-Zahnrad mit hölzernen Zähnen etwa, in das ein kleineres Rad mit Eisenzähnen „beißt“, oder Räder, die einst lederne Transmissionsriemen führten.

Im hinteren Gebäude befindet sich der Raumgestalter Harald Neumann. Die weite Decke liegt auf gußeisernen Säulen, der Bau ist aus dem 19. Jahrhunderts. Der Blick vom Büro auf das Mühlenwehr ist heute schon umwerfend. Drinnen muß man sich die Maschinenhalle denken - Im Barock war hier eher die „Stinkeseite“ des Mühlenbetriebs. Räumlich getrennt vom weißen Mehl trieben die Räder vom selben Mühlgraben aus hier die Öl-, die Tuchwalk-, die Strumpfwalk und die hygienisch problematische Gerbermühle an.

Wenn man auf de Nordstraße weitergeht und die Kinzigbrücke überquert hat man von der Otto-Wels-Straße noch einmal einen schönen Blick auf die alte Anlage. Die Gewerbebauten des 19. Jahrhunderts ruhen auf 300 Jahre älteren Bastionsmauern, mit denen die überlebenswichtige Mühleninsel in die Stadtbefestigung einbezogen worden war. Etwas von deren kanonenabwehrender „Polygonform“ ist hier noch zu ahnen.

Hiergegen vergleichsweise altertümliche Schießscharten in Schlüssellochform perforieren eine Mauer. Verteidiger nach Merians Belagerungsplan konnten von dort einst „den Guck die Mühl“ des „General Wachtmeisters“ Lamboy aufs Korn nehmen. Über das bis heute stehende Mühlwehr drang später im Dreißigjährigen Krieg Johann Philipp Winters Häuflein heimlich in die sonst unbezwingbare Festung. Es befreite den von seinem einstigen Stadtkommandanten Jakob Ramsay in „Quarantäne“ gehaltenen Grafen. Den als „von Güldenbronn“ geadelte Befreier hält heute ein kleiner verwitterter Obelisk im Schloßgarten in Erinnerung - Luftlinie nur 100 Meter weg. Manche munkeln von unterirdischen Gängen hinüber zum Park wo einst die Burg, dann das Grafenschloß stand. Zur Landesgartenschau soll östlich er Mühle ein Steg die Flächen an der Kinzig mit denen im Schloßgarten verbinden.

 

Heinrich-Fischer-Bad.

Eine dekorative Säulenfolge unter geschwungener Schrift und eine feingliedrig strukturierte, vorkragende Glasfassade sind die baulichen Erkennungszeichen des Heinrich-Fischer-Bades, dessen Foyer und Schwimmbadhalle von der Tagespresse 1959 überschwenglich als „,Symbol des Wiederaufbaus“ gefeiert wurden. Nicht nur den Schick der Fünfziger Jahre hatte das Bad zu bieten - etwa eine Milchbar und einen modernen Frisörsalon -, sondern auch eine künstlerisch hochwertige Ausstattung in der hohen Schwimmbadhalle, die der angesehene Hanauer Künstler  Reinhold  Ewald geschaffen hatte.

Zugegeben:  Heute verbirgt sich etliches hinter jüngeren Schichten. Das beschwingte Mosaik der Milchbar mit  seinen  heiteren Strand- und Badeszenen ist zu großen Teilen hinter einer modernen Bar verschwunden, die  einstige  Kassenwand wurde Aquarium und  die  ovale  Bar gleich daneben der heutige Eintritts- und Kassenbereich. Dennoch zeigen die verschiedenen  Ausstattungsstücke noch anschaulich, daß das Heinrich-Fischer-Bad seinerzeit tatsächlich eine Anlage war, wie es damals deutschlandweit nur wenige gab.

Erhalten blieben auch die Ewald-Reliefs im Vorraum der Umkleiden im Oberstock, sie sind Auftakt und Einstimmung für die überkörpergroßen, beeindruckenden Lehmstuckreliefs in der Schwimmbadhalle. Vor tiefblauem Grund zeugen sie noch heute vom meisterlichen Umgang Ewalds mit dem Baustoff Lehm, dem er trotz seiner material-eigenen Zähigkeit Leichtigkeit und zeichnerische Qualitäten abgewann. Die in einer Ecke der Halle plazierte Schreitende bekrönte ursprünglich einen Brunnen vor dem Bad, der bedauerlicherweise wegen des stetigen Vandalismus abgebaut werden mußte.

Das freitragende Becken mit wellenförmigem Boden war seinerzeit eine kleine Sensation; leider ist die bewegte  Wellenform heute nur noch vom Kellerraum aus zu bestaunen.  Die  mit tiefblau glasierten, den Schall dämmenden Ziegeln verkleideten Hallenwände überstanden jedoch mitsamt der integrierten Duschkabinen, der Heizkörperverkleidung aus eloxiertem Aluminium und den farbigen, dekorativ gesetzten Seifenschälchen die Jahre vollkommen ungestört und gestalten den Badebesuch heute zu einem Streifzug durch die Stilvielfalt der Fünfziger Jahre. Zeitzeuge ist auch der Badewannentrakt des Heinrich-Fischer-Bades, ein Luxus, den man sich damals gerne zu günstigen Preisen für einige Minuten gönnte.

 

 

 

Straßen

„Amelia-Straße“ (westlich der Bruchköbeler Landstraße): Gemahlin des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel,  Tochter Philipp Ludwigs Il. von Hanau. Durch ihre Fürbitte erreichten die bedrängten Hanauer im Jahre 1636, daß sie Landgraf Wilhelm von der Lamboyschen Belagerung befreite (Lamboyfest).

 

Körnerstraße (östlich der Bruchköbeler Landstraße): von dem Bauunternehmer Jean Körner privat angelegte Straße

 

„Türkische Gärten“:  Der baulustige Graf Johann Reinhard (1712-1736) ließ nördlich der Hainstraße einen Lustgarten an legte, welcher nach einem im türkischen Stil erbauten Gartenhäuschen den Namen „Türkischer Garten“ erhielt. Als sich eine Straße bildete, erhielt diese den Namen „Türkische Gärten“.

 

„Antoniterstraße“ (von der Wilhelmsbrücke aus nach der Krummen Kinzig): Die Antoniter von Roßdorf, die „Tönges-Herren“, besaßen nördlich der Krummen Kinzig größeren Besitz an Ackerland, der das „Töngesfeld“ hieß.

 

 „Corniceliusstraße“: Georg Cornicelius (1825 bis 1898), Hanauer Maler, seit 1872 Ehrenmitglied der Zeichenakademie, seit 1888 Königlich Preußischer Professor, in Hanauer geboren und auch in Hanau verstorben.

 

Eugen-Kaiser-Straße: Landrat der Weimarer Republik, der in den letzten Jahren der Naziherrschaft sein Leben lassen mußte.

 

„Ramsaystraße“ (zwischen Johanniskirchplatz und Eugen-Kaiser-Straße): Freiherrn von Ramsay, Verteidiger der Stadt Hanau in schwerster Zeit (1635-1638), der 1638 vor seiner Wohnung im „Weißen Löwen“ am Paradeplatz schwer verwundet wurde.

 

„Hausmannstraße“(nördlich der Frankfurter Landstraße, Nähe Rosenau): Friedrich Karl Hausmann, Hanauer Maler, 1825 bis 1864 Inspektor der Hanauer Zeichenakademie, geboren in Hanau und auch in Hanau verstorben.

 

Die „Röderstraße“ an der früheren Mittelschule wurde seit 1902 so benannt nach einem verdienten Schulmann, dem Inspektor der Realschule in Hanau, Röder, als „Inspektor Röder“ allgemein beliebt und geachtet. Im übrigen verdankt Gesamt-Hanau seinem ersten Oberbürgermeister Eberhard auch eine großzügige Schulreform. Die Mittelschule trägt als Eberhardschule seinen Namen.

 

 „Eberhardstraße“ (östlich der Nordstraße): Genannt nach dem vom 1. Januar 1827 bis 1848 in Hanau als Oberbürgermeister amtierenden Bernhard Eberhard. Er wurde 1848 Kurhessischer Minister des Innern.

 

„Jahnstraße“: Dort  errichtete die Turngemeinde Hanau 1901 ihr großes Vereinshaus und die Turnhalle, zu Ehren des Turnvaters Jahn, der übrigens in seinen späteren Lebensjahren nicht mehr gut auf die radikalen Hanauer zu sprechen war und Hanau nicht mehr besuchte. Bis zu dieser Zeit hieß die Straße „Maulbeerallee“. Seit dem 17. Jahrhundert befand sich hier eine Maulbeeranlage.

 

Im Osten Hanaus

Gegenüber liegt das Stadtkrankenhaus, Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, herausgewachsen aus dem Landkrankenhaus. Die Psychiatrische Klinik auf der Ostseite der Straße war nach dem Krieg lange Zeit Sitz der Hohen Landesschule.

 

„Heraeusstraße“: Apotheker und Chemiker Wilhelm Heraeus (geb. 6. März 1827 in der Einhornapotheke, gest. 14. September 1904), der die Platinindustrie in Deutschland eingeführt hat und dadurch zum Begründer des heute weltbekannten Industrieunternehmens wurde.

 

„Bernhardstraße“ (heute: Mathias-Dasbach-Straße südlich des Grünen Wegs): Bauunternehmer Bernhard Scherf.

 

„Pedro-Jung-Straße“ und der „Pedro-Jung-Park“: Fabrikant Pedro Jung, der im 19. Jahrhundert in Hanau als Magistratsmitglied amtierte. Dieser edle Mann zeichnete sich durch eine seltene Menschenfreundlichkeit und nimmermüde Opferbereitschaft aus. Durch verschiedene Legate und wohltätige Stiftungen haben er und seine Frau viel Gutes getan. Seit 1954 heißt die Hilfsschule Pedro-Jung-Schule.

 

Kirchen:

Evangelische Christuskirche (bestand bereits im Jahre 1934) 1949 wieder aufgebaut.

Katholische Heilig-Geist-Kirche, 1961/62.

Evangelische Johanneskirche (neu), 1958-60.

Katholische St. Josefskirche, 1958-60.

Kirche des Nazareners, 1969-70.

Evangelische Kreuzkirche, 1954.

Neuapostolische Kirche, 1959-60.

Evangelische Kirche in Hanau-Hohe Tanne, 1967-1969

Evangelische Lutherkirche in Wolfgang von 1967 - 1969.

 

 

Industrie: Wenn man weiter geht kommt man zu weltbekannten Hanauer Firmen: Am Grünen weg die  Firma Heraeus und weiter östlich davon am Ende des Grünen Weges die Vacuumschmelze. Nördlich die Quarzlampengesellschaft in der Höhensonnenstraße. Nach rechts geht es weiter zum Kurt-Blaum-Platz. Links steht die ehemaligen Gebäude der Firma Degussa. An der Südseite der Hauptbahnhofstraße stand die Brauerei Nicolay.

 

Ehrensäule:

Am Ende der Hauptbahnhofstraße vor dem Hauptfriedhof steht die 1775 errichtete „Ehrensäule“.  Der Obelisk heißt so, weil der Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel, Graf von Hanau, eine Verbesserung des Verkehrs durch die Herstellung guter Straßen zu erreichen versuchte. Er plante zwei große Staatsstraßen: Eine sollte nach Dettingen (in Richtung Nürnberg) und die andere nach Niederrodenbach (in Richtung Leipzig) führen. Die Straßen wurden niemals in der geplanten Weise erbaut. Aber der Wegweiser für sie, die „Ehrensäule“, mit dem sich der Erbprinz Wilhelm als bedeutender Bauherr ehren wollte, steht heute noch inmitten einer schönen Anlage.

 

Hauptfriedhof:

An der Ehrensäule beginnt der Hauptfriedhof mit besonderen Grabfeldern für die Toten des Ersten Weltkriegs, des Zweiten Weltkriegs, der Zwangsarbeiter und der ungeborenen Kinder.

Östlich des Friedhofs sind die gewaltigen Industrie-Bauten der Deutschen Dunlop AG,

 

Vom Platz mit der Ehrensäule geht ab die Akademiestraße. Links steht die Christuskirche, weiter westlich die Ludwig-Geißler-Schule. Am Ende der Straße ist die Zeichenakademie, die im Zusammenhang mit dem Gold- und Silberschmiedehandwerk entstand und bedeutende Künstler hervorgebracht hat (siehe Datei „Neustadt“). Am Ende der Straße geht man wieder nach rechts zum Kurt-Blaum-Platz und von dort nach links in die Nürnberger Straße. Dort steht rechts ein Wachhaus. Über die Nürnberger Straße kommt man zum Neustädter Marktplatz.

 

Franzosenloch:

An der südlichen Ecke des Schlachtfelds von 1813  führt die Lamboysche Brücke über die Kinzig. Unweit davon nahe der Kirschenallee liegt das „Franzosenloch“, ein kleiner tiefer Landsee. Der Name kommt daher, weil nach der Volksmeinung in dem ehemals dort befindlichen Wasserloch, dessen Boden „unergründlich“ war, während der Schlacht bei Hanau zahlreiche Franzosen ertrunken seien. Auch eine Kriegskasse soll damals in dem „Loch“ versenkt worden sein. Das „Franzosenloch“ war früher ein gesuchter Ort für weibliche Selbstmörder.

 

Der Neuhof war Amtswohnung des Oberförsters. Napoleon hat das Gut seiner Schwester Pauline Borghese zum Geschenk gemacht.

 

 

Großauheim

Lage: Großauheim liegt 100 m über N.N. südöstlich von Hanau, 4 Kilometer davon entfernt, am rechten Ufer des Mains an der Bahnstrecke Hanau-Aschaffenburg. Die Gemarkung umfaßt 1055 Hektar (davon 366 ha Wald). Dazu gehört Neuwirtshaus. Gemeindewappen Seite 359

 

Bodenfunde: Jungsteinzeit: Siedlungsfunde in einer Sandgrube westlich des Ortes, unterhalb der ehemaligen Kunstseidenfabrik (Bautz).

Hügelgräberbronzezeit: An der vorgenannten Stelle Bronzenadel, 2 Bronzearmringe und 3 Tontassen aus zerstörten Gräbern; am Dammskippel Grab mit Halskette aus 4 Brillenspiralen und Tonschale, sowie Siedlungsfunde. Bild Seite 49.

Jüngste Bronzezeit (Urnenfelderstufe): Brandgräber am Dammskippel.

Ältere Eisenzeit: Gräberfeld mit Brandgräbern südwestlich der Straße Hanau-Großauheim und am Dammskippel,

Jüngere Eisenzeit: Große Siedlung am Dammskippel; Brandgräber gefunden beim Bau der Kunstseidenfabrik.

Römische Zeit: Zwei Töpferöfen, Mitte 2. Jahrhundert im Betrieb, südwestlich der Straße Hanau-Großauheim.

Alemannische und fränkische Gefäßreste wurden neben der alten „Wolkenburg“ gefunden.

 

Älteste Namensformen: Ewicheim 806, Eweheim um 850, Oweheim 1062, Auheym 1283; Auheim ex ista parte Mogi versus Hagen 1270, Auwheim bie Hanau 1371, Großen Awheim (Plan von 1597).

 

Geschichtliches: Auheim im Maingau gehörte mindestens schon 1270 den Herren von Eppstein zu ihrem Amt Steinheim und kam mit diesem 1425 an Kurmainz. Von 1438-1458 im hanauischen Pfandbesitz. 1802 kam der Ort an Hessen-Darmstadt, 1816 an Kurhessen abgetreten und mit dem Amt Büchertal vereinigt. - Im Pestjahr 1666 die Rochuskapelle gestiftet: 1852 durch ein Kreuz ersetzt (Prozession am S. Rochustag, 16. August).

 

Statistisches: Einwohnerzahl: 1820 = 1114; 1855 = 1898; 1885 = 2761: 1905 = 5336; 1919 = 7048; 1925 = 7383; 1939 = 7542; 1946 = 9651; 1953 = 10 500, davon Heimatvertriebene = 1442. Evakuierte = 405 (aus Hanau rund 300).

Bekenntnis: Ursprünglich rein katholisch (1850 zwei evangelische Familien); 1905: ev. = 1267, kath. = 4064, israel. = 5; heute: kath. rund 6000, ev.  rund 4000, sonst. = 478.

 

Wirtschaft: Eigene große Industrien: Brown, Boverie & Cie. (BBC) und von Arnimsches Eisenwerk (Marienhütte); Landmaschinenfabrik Bautz; Dampfsägewerk Laber; Rütgerswerke u. a. Daneben schon früh Arbeiterwohnsitzgemeinde (Bahnbeamte und Arbeiter, früher Pulverarbeiter, Zigarrenarbeiter usw.). Nur noch geringe Landwirtschaft, da viel Ackerland zum Hanauer Mainhafen und Hauptbahnhof gezogen. Altersheim (St. Vincenz-Schwestern), 2 Kindergärten, 1 Badeanstalt, 1 Licht-, Luft- und Sonnenbad.

 

Rundgang

Hinter dem Hanauer Hauptbahnhof fährt man in die Auheimer Straße. Am Eingang des heutigen Großauheim fährt man nach rechts in die Bahnhofstraße. Am Ende dieser Straße steht ein Bildstock. Hier geht es nach rechts in die Hauptstraße und dann gleich wieder links in Richtung Main. Dort an der Paulskirche parkt man. Rechts sieht man die Eisenbahnbrücke. Sie wurde 1888 gebaut. Heute kann sie von der Bahn, Fußgängern und Fahrradfahrern benutzt werden. Von der Brücke sieht man die Großauheimer „Kirchenfront“: Gustav-Adolf-Kirche, St.-Pauls-Kirche, Jakobuskirche (von Nord nach Süd).

Entlang der Mainlinie in Großauheim finden sich drei Kirchen in nur 500 Meter Abstand: die Katholische Jakobuskirche, die Paulskirche und die Evangelische Kirche. Die Paulskirche wurde in der Zeit der Industrialisierung erbaut. Die Großauheimer Katholiken waren überzeugt davon, daß sich ihre Stadt weiter ausbreitet, viel Industrie anlockt und die Bevölkerungszahl ansteigt - bis dann der Hafen gebaut wurde und die Träume der Ausweitung aufgegeben werden mußten.

In den vergangenen 30 Jahren verringerte sich die Zahl der Katholischen Gemeindemitglieder von 5300 auf 2900. Der Grund waren aber weniger Kirchenaustritte, viel mehr sei dies auf die rückläufige Geburtenrate und Wegzüge zurück zu führen, erklärte Pfarrer Dehm. Die Konsequenz aus dem Rückgang der Kirchenmitglieder: die Jakobuskirche ist zu klein, die Paulskirche zu groß für die Kirchengemeinde, aber der Unterhalt für beide Kirchen muß trotzdem aufgebracht werden.

 

 

Gustav-Adolf-Kirche: Die beiden Orte Großauheim und Großkrotzenburg sind bis um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts rein katholische Orte gewesen. Obwohl im benachbarten Hanau bereits 1523 durch Adolph Arbogast evangelisch gepredigt wurde, fand die Reformation in Großauheim und Großkrotzenburg keinen Eingang, vor allem wahrscheinlich aufgrund des Umstandes, daß beide unter der strengen Herrschaft von Kurmainz standen. Auch der im Jahre 1816 erfolgte Übergang der beiden Orte an Kurhessen änderte zunächst nichts an dem konfessionellen Stand der Orte.

Aber seit dem letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts ließen sich in großer Zahl Bahnbeamte und Bahnarbeiter, kaufmännische Angestellte und Fabrikarbeiter in Großauheim nieder, unter ihnen von Anfang an viele Evangelische aus ganz Deutschland. Lebten 1804 nur zwei evangelische Bürger in Großauheim, war ihre Zahl durch den Zuzug innerhalb von 100 Jahren auf 1.500 angestiegen.

Bis zum Jahre 1896 mußten die Evangelischen Großauheims und Großkrotzenburgs, wenn sie einen evangelischen Gottesdienst besuchen wollten, sich auf den weiten Weg nach der 5 bzw 10 Kilometer entfernten Johanneskirche begeben, denn die Betreuung der Evangelischen in Großauheim und Großkrotzenburg lag in den Anfängen des Kirchspiels in den Händen der Geistlichen der Johannesgemeinde in Hanau. Die Gemeinde war seit 1898 evangelische Filialgemeinde der Johanneskirche in Hanau; seit 1910 war sie eigene evangelische Hilfspfarrei, seit 1914 eigene Pfarrei.

Nach Zwischenlösungen mit einem Betsaal und erfolgreichen Bemühungen um die Gründung einer einklassigen evangelischen Schule im Jahre 1893 führten dann der Eifer eines Kirchbauvereins und die Mithilfe des Gustav-Adolf-Vereins zur Verwirklichung aller Wünsche und Pläne für einen Kirchbau. Der Grundstein für die Kirche wurde am 19.9.1909 gelegt, die Einweihung des Gotteshauses durch Generalsuperintendent D. Pfeiffer Kassel (früher Superintendent in Hanau) konnte am 22. Januar 1911 stattfinden. Später erhielt die Kirche den Namen Gustav-Adolf- Kirche.

Erster Pfarrer in der Gemeinde wurde Oskar Fuchslocher aus Fulda, nachdem er bereits seit 1910 als Hilfspfarrer in der Gemeinde tätig gewesen war. Ein Pfarrhaus für die neue Pfarrei wurde 1916 erworben (Leinpfad 1, nur von der Langgasse her zugänglich). In dem Betsaal wurde eine „Kleinkinderschule“ eingerichtet und die Wohnung im 1. Stock des gleichen Gebäudes zur Errichtung einer „Krankenpflegestation“ benutzt. Am Ende des 2. Weltkrieges wurden Kirche und Pfarrhaus infolge der Sprengung der Mainbrücke und durch amerikanischen Beschuß stark beschädigt.

Die zweischiffige Renaissancekirche, gekennzeichnet durch das steile hohe Dach, den dicken Turm und die schmalen Fenster, vermeidet innen jede Symmetrie. Das Holztonnengewölbe bewirkt eine hervorragende Akustik.

Durch die innere Renovierung im Jahre 1953 wurde der Chorraum durch ein an der rechten Seite neu eingesetztes großes Fenster und durch die helle Farbgebung zu einem lichten Raum gestaltet. Die an der Rückwand des Chorraumes befindlichen kleinen Chorfenster wurden zugemauert und die Rückwand mit einem großen Spruchteppich versehen. Der Altar erhielt ein in englisch Rot gestrichenes, goldabgesetztes Holzkreuz.

Die Orgel wurde 1910 von der Orgelbauanstalt Ratzmann, Gelnhausen, erstellt und bei der Renovierung des Kircheninneren umdisponiert. Zur Zeit wird an Plänen für eine Neugestaltung des Innenraumes gearbeitet, um die Kirche für verschiedene gottesdienstliche Veranstaltungen nutzbar zu machen.

Am letzten Sonntag im April 2002 wurden die Glocken in einem Festgottesdienst gesegnet. Ein gewaltiger Dreiklang: es - g - b. An Pfingsten soll das neue Geläut erstmals vom Turm herab klingen. Kirchenvorsteher Manfred Zach macht einen glücklichen Eindruck. Die alten Glocken sollten oben bleiben, aber die Landes-Kirchenleitung sagte nein. „Nun wird es 100.000 Mark teuer, weil wir die Mauer aufbrechen mußten“, bedauert Zach: „Denn die alten Glocken sind wesentlich größer als die neuen, die durch das Fenster der Glockenstube passen würden...“ Die größte der alten Glocken hatte einen Durchmesser von 1,67 Meter.

Jürgen Hessel, Glockensachverständiger der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, hauptamtlich Kirchenmusikdirektor im Kirchen-Sprengel Hanau, hatte die Töne der neuen Glocken festgelegt, die selben wie die der alte. Das müsse mit den katholischen Nachbarkirchen zusammenpassen, Peter & Paul auf der anderen Mainseite in Klein-Auheim und St. Paul in Großauheim, nur wenige Steinwürfe entfernt. „Die alten Glocken haben wir über Internet angeboten, die große und die mittlere gehen an einen Künstler in der Pfalz,“ freut sich Zach. Die kleine soll als Denkmal im Kirchgarten stehenbleiben.

Aber wo ist die Uhr? Es hat nie eine gegeben, weil vielleicht das Geld fehlte. Indes hatte man 1910 schon mal vorsorglich zwei Zifferblätter installiert, eines nach Norden Richtung Hanau, weil sich Großauheim ja eigentlich dahin am Main entlang entwickeln sollte (statt der Waldsiedlung), und das zweite Richtung Hauptstraße.

Nach Vollendung des 30 Meter hohen Turms bestellte die Gemeinde drei Bronzeglocken von Rincker in Sinn (bei Herborn) im Moll-Dreiklang f - as'- c'. Doch 1917 ließ das Kriegsministerium die große und kleine Glocke (f' + c') holen, um Kanonen oder wer weiß was daraus zu machen. Ab März 1920 war ein neues, komplettes Geläut im Gespräch. Der Prozeß war indes langwierig und höchst kompliziert, weil nicht nur Not herrschte, sondern auch die Inflation. Um drei neue Glocken aus Graueisenguß finanzieren zu können, beschloß die Gemeinde nach langen und heftigen Beratungen, die noch verbliebene, mittlere Bronzeglocke (as) an die pommersche Gemeinde Rützenhagen (Kreis Schlawe, heute Polen) zu verkaufen - für 6,5 Millionen Mark. Mit dem Guß der neuen Glocken wurde Ulrich & Weule in Apolda/ Bockenem beauftragt in den Tönen es-g-b.

Im Januar 1993 waren die Glocken so stark ausgeschlagen, daß Bronzepuffer an die Klöppel angebracht werden mußten, die den Anschlag dämpfen sollten. Doch als im August 1998 vom Sachverständigen festgestellt wurde, daß die Bronzepuffer schon teilweise wieder zerschlagen waren und nicht mehr geläutet werden durfte, war wieder ein neues Geläut das Top-Thema im Kirchenvorstand. Der Beschluß fiel am 24. Mai 2000. Im Januar 2001 wurde eine Spendenaktion gestartet und schließlich im Juni 2001 der Auftrag an Glockengießer Hermann Schmitt in Brockscheid erteilt. Wieder was Solides sollte es sein, natürlich in Bronze. Mit den Tönen blieb man beim Jahrzehnte gewohnten Dreiklang es - g - b. Am 26. April wurde angeliefert, am 28. erfolgte die Segnung.

 

 

St.-Pauls-Kirche: Als die Jakobuskirche wegen des Bevölkerungswachstums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu klein wurde, hat man 1905, damals noch außerhalb der Bebauungsgrenze, den Grundstein für die im neoromanischen Stil errichtete St.-Pauls-Kirche gelegt.

Wegen der achtungsgebietenden Größe und der bevorzugten Lage am hohen Flußufer des Mains trägt die Paulskirche im Volksmund den Namen „Dom am Main“.

Die in neuromanischem Stil in den Jahren 1905 bis 1907 erbaute Paulskirche ist dreischiffig. Das Steingewölbe ruht auf vierzehn Pfeilern. Der Hauptturm wird von zwei Treppentürmen flankiert.

Während des zweiten Weltkrieges und besonders in den Märztagen 1945 entstanden an dem Gotteshaus beträchtliche Bauschäden. Wände und Decken wurden durch Erschütterungen und Granateinschläge an mehreren Stellen eingerissen und alle Fenster durch den Luftdruck zerstört.

Die Fenster wurden nach Entwürfen des hiesigen Kunstmalers August Peukert neu verglast. Es sind Ornamentverglasungen in gedämpften Farben. Die sieben hohen Fenster des Chores zeigen heute Christus-König, von Engeln umgeben. Die leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit fällen jetzt die Rosetten des Querhauses. Den Fenstern des hohen Mittelschiffes und der Querflügel gab man wiederum Farben in hellen Tönungen. Die Triforien an den Mittelschiffwänden, welche die Wandflächen beleben sollten, wurden zugemauert.

Der Hauptaltar als Altartisch steht im Chor der Kirche. Dahinter ein Kreuz mit lebensgroß gestaltetem Kruzifixus. In der Apside des linken Seitenschiffes steht ein Sakramentsaltar, in der des rechten Seitenschiffes ein Altar mit Pietà-Aufsatz. Im linken Querschiff befindet sich eine lebensgroße Holzplastik des Hl. Paulus, im rechten eine ebensolche des Hl. Judas Thaddäus.

Das Hochaltarkreuz und die Holzplastiken der beiden Heiligen stammen von dem Steinheimer Holzbildhauer Wohlfahrt; ebenfalls sind von ihm die Weihnachtskrippe, die Plastik der Hl. Lioba und der Hl. Hedwig in der Apsis des Hauptaltars. Hier befinden sich außerdem neuromanische Plastiken, die die heiligen Könige Ludwig und Heinrich sowie den Hl. Bonifatius und Adalbert darstellen. im Gotteshaus befindet sich eine Orgel der Firma Gebr. Späth, Ennetach-Menningen.

Der Kirchenbau, in den Jahren 1905 bis 1907 im neuromanischen Stil errichtet, hatte eine Rundumerneuerung dringend nötig. Der Sandstein und der Basalt blättert an vielen Stellen ab. Poröse Steine mußten gegen neue ausgetauscht, Zementfugen erneuert werden. Für die sorgfältige Sanierung der Außenfassade hat die Kirchengemeinde eine Spezialistenfirma aus Bamberg beauftragt. Auch die schmiedeeisernen Eingangsportale, die mit ihren Verzierungen dem Jugendstil nachempfunden sind, erstrahlen bald wieder im einstigen Glanz.

Insgesamt ist die Renovierung in drei Bauabschnitte unterteilt. Die Sanierung des hohe Glockenturms ist bald abgeschlossen. Mit der Neueindeckung des Daches geht es weiter. Der im allgemeinen schnörkellose Sakralbau ist mit einigen aufwendigen Verzierungen, Säulchen und Bögen versehen. Die waren ursprünglich gar nicht vorgesehen. Da aber zur Freude des Architekten damals noch Geld übrig gewesen sei, habe er den Außenbereich der Kirche aufwendiger gestaltet als vorgesehen.

 

Man läuft weiter am Mainufer entlang. Man kommt zu einem großen Kreuz für die Kriegsopfer und Opfer das Nationalsozialismus. Dort sind auch Hochwassermarken angebracht. Es folgt das Gasthaus „Engel am Zollturm“ aus dem Jahre 1738. Hier war der spätmittelalterliche Wachposten des Landesherrn zur Kontrolle der Schiffahrt. Im Jahre 1807 wurde der Turm um vier Meter abgetragen. Im Jahre 1862 wurde das Gelände aufgefüllt und in den Garten des Gasthauses „Engel“ einbezogen. Am Wegweiser „Altstadt“ geht man nach links ins Dorf. Man kommt nach rechts auf die alte Langgasse. Rechts ist der historische Gasthof „Zum Stern“, links ein schönes Fachwerkhaus und die Jakobuskirche.

 

St. Jakobus-Kirche: Die Jakobuskapelle gehörte zum Dekanat Rotgau des Archidiakonats St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, wurde 1483 vom Kloster Seligenstadt verliehen, das noch 1806 das Patronat besaß. Großauheim war Filiale von Steinheim; seit 1513 ist es eigene Pfarrei. Jakobuskirche. Sie ist die eigentliche Pfarrkirche der Katholischen Kirchengemeinde. Bei ihrer Erbauung im Jahr 1766 hatte man festgestellt, daß an gleicher Stelle bereits eine Kirche gestanden hatte.

Eine Großauheimer Kirche, deren Bau spätestens zu Beginn des 14. Jahrhunderts erfolgt sein muß, wird erstmals 1482 als Jakobskapelle erwähnt. Im Jahre 1622 (oder 1628) wird die zerstörte Jakobskapelle wieder aufgebaut. Obwohl man sich seit 1650 bemühte, das Gotteshaus zu erweitern, so konnte es jedoch nicht verhindert werden, daß die Kapelle 1766 bis auf die Sakristei abgerissen und durch eine Hallenkirche in barockem Stil ersetzt wurde.

Die Kirche ist ein gut gegliederter Barockbau, der in den Jahren 1767- 1768 erbaut wurde und eine barocke „Zwiebel“ aufgesetzt bekam, wie wir sie aus dem süddeutschen Barock kennen.

Bei aller Schlichtheit ihres Äußeren fallen die abgewogenen Verhältnisse von Schiff, Chor und Turm ins Auge.

Beachtenswert ist der Turm in seiner edlen Linienführung, ein Wahrzeichen Großauheims. Beim Turm wurde ein mittelalterlicher Ostturm verwendet. In Höhe des Chorfirstes geht der viereckige Unterbau durch die Abkantung der Ecken in ein Achteck über. Diese polygone Grundform behält er für das Kuppeldach bei, das in einer Laterne endet. Sie leitet über zur zierlichen Zwiebelhaube, die sich im Turmknauf fortsetzt und in dem kunstvoll verschlungenen, eisernen, doppelarmigen Turmkreuz und dem Wetterhahn ausmündet. Den Übergang der Bauglieder vermitteln Kranzgesimse und Schieferabdeckungen.

Der einschiffige hohe Kirchenraum und der am Triumphbogen anschließend gleich hohe Chor bieten im Licht der antikverglasten Fenster mit ihrer angemessenen Ausstattung ein herrliches Bild von Klarheit und Einheitlichkeit. Der großer Hochaltar stammt aus dem Bartholomäusstift Frankfurt a.M. und wurde Im Jahre 1768 von einem Auheimer Bürger der Jakobuskirche geschenkt. Die den Altar flankierenden feingearbeiteten Holzstatuen der Apostelfürsten Petrus und Paulus suchen ihresgleichen weit und breit. Darüber die Skulpturen der Heiligen Jakobus und Valentinus gehörten zum Hochaltar der früheren Kirche. Das Altarbild in der Mitte, Mariä Verherrlichung, entstammt der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Eine Kostbarkeit bildet die Alabastergruppe einer Kreuzigung aus dem 17. Jahrhundert.

Sehenswert sind auch die in den Eckwinkeln der Kirche zu seiten des Triumphbogens stehenden Seitenaltäre mit ihren Engelgruppierungen. Sehr schön ist die holzgefertigte und mit Schnitzwerk verzierte Kanzel, die auf ihrem Baldachin vor einem Strahlenkranz die Weltkugel und das Pelikansymbol trägt.

Kanzel und Nebenaltäre entstanden um 1767. Nur in den drei katholisch gebliebenen ehemals kurmainzischen Gemeinden des Kreises gibt es Bildwerke wie hier den Hl. Nepomuk im ehemaligen Westportal der St. Jakobskirche in Großauheim (um 1740)(Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 158). Die Grabsteine sind aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Den Muttergottesaltar mit der Holzplastik Maria mit dem Kind und Zepter zur Linken erwarb die Kirche 1713. Der Nepomukaltar zur Rechten stammt aus dem Würzburgischen. Auf der Wand gegenüber befindet sich ein schwarzer Marmorepitaph des Prinzen Oettingen-Wallerstein, der am 30. Oktober 1813 in der Schlacht bei Hanau fiel und im Chor der Kirche seine letzte Ruhe fand.

Die Decke mit den Tragebalken ist massiv beschädigt. 30 Prozent der Balken müssen komplett erneuert werden. Teilweise ist auch die Verschalung betroffen. Insekten, Holzböcke und die Witterung haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. In der Renovierungsphase, die im kommenden Sommer abgeschlossen sein soll, bleibt das Kirchenhaus für die Gläubigen geschlossen. Die barocke Kirchenorgel muß vorsorglich abgebaut werden, um sie nicht zu beschädigen.

 „Die Großauheimer sind stolz darauf, daß der einheimische Künstler August Peukert die wunderschönen Rosettenfenster der Paulskirche gestaltet hat“. Auch der ebenfalls aus Großauheim stammende Künstler August Gaul, nach dem der Hanauer Kunstpreis „August- Gaul-Plakette“ benannt ist, hat in der Paulskirche seine künstlerischen Spuren hinterlassen.

Eine Besonderheit bilden die Gerichtsstühle im Chor für die Mitglieder des Ortsgerichtes, das während der mainzischen Zeit bestand. Auf die barocken Beichtstühle in den Fensternischen, die herrlich klingende Barockorgel (1836), vom Orgelbauer Josef Oestreich aus Oberbimbach aufgestellt, und auf den im Jahre 1659 entstandenen siebeneckigen Taufstein aus Sandstein soll ebenfalls hingewiesen werden.

 

Man geht rechts an der Kirche vorbei. Vor der Kirche am Ausgang zur Straße steht noch ein alter Grenzstein. Man kommt nach rechts zum Wanderheim „Zum Specht“. Dort geht man nach links in die Pfarrgasse. Das Eckhaus rechts an der Haagstraße ist das Geburtshaus des bekannten Großauheimer Tierbildhauers August Gaul. Er wurde am 22. 10.1869 als Sohn des Steinmetzen Philipp Gaul hier geboren und starb am 18.10.1921 in Berlin. Seine Plastiken würde die Stadt Hanau gern in ihr Museum stellen.

Man geht noch ein Stück geradeaus und kommt auf die Hauptstraße. Rechts ist gleich der Rochusplatz. Hier stand die Rochuskapelle, die im Pestjahr 1666 gestiftet wurde. Ein Fremder soll im Jahre 1666 die Pest in den Ort einschleppt haben, woraufhin die Rochus-Prozession zum „Kapellchen“ auf dem Rochusplatz gelobt wurde. Seit 1852 ist die Kapelle durch ein Kreuz ersetzt.  Die Prozession führt jedoch am Rochustag (16. August) immer noch dorthin (Hanau, Seite 82).

Dann geht man nach links die Hauptstraße entlang. Wenn man an der nächsten Kreuzung rechts geht und noch einmal rechts in die Straße „Pfortenwingert“, findet man auf der linken Seite das Heimatmuseum im ehemaligen Elektrizitätswerk. Hier werden auch wichtige Werke des Großauheimer Tierbildhauers Gaul ausgestellt. Öffnungszeiten: Donnerstag - Sonntag von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr.

Der Ort hat auf kulturellem Sektor durch die Eingliederung in die Stadt Hanau ungemein profitiert hat. Wer hat schon ein -Museum in der Größenordnung aufzuweisen, wie Großauheim es seit 1983 kann. Gewiß, ein rühriger Heimat- und Naturschutzverein hatte schon in den zwanziger Jahren damit begonnen, Objekte aus der Ortsgeschichte zu sammeln und später in eingeengten Räumlichkeiten auszustellen. Doch erst durch die Einbindung in den Museumsentwicklungsplan der Stadt Hanau konnte das jetzige Museum Großauheim projektiert werde Das Leitmotiv „Landwirtschaft, Handwerk und Industrie“ nimmt Bezug sowohl auf die bäuerliche Epoche als auch at das lagebedingt früh einsetzende technische Zeitalter.

Das Museumsgebäude wurde 1936 als Elektrizitätswerk erbaut. Durch den Zusammenschluß der Hanauer und Großauheimer Stadtwerke wurde es frei und bildet nun mit seinen hohen Werkshallen die idealen Ausstellungsräume, besonders für Großobjekte aus der industriellen Produktionsphase der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, darunter Teile einer Maschinenfabrik der Eisengießerei Marienhütte; selbst eine große Dampfmaschine verliert sich fast in der Halle. Ein Werktisch für sieben Silberschmiede, daneben eine komplette Diamantenschleiferei geben Einblick in die Edelmetallindustrie.

Eine Sonderabteilung wurde für den in Großauheim geborenen Tierbildhauer August Gaul (1869-1921) geschaffen. Seine Plastiken befinden sich in großer Zahl in städtischem Besitz und werden hier ausgestellt. Eine der bekanntesten Arbeiten ist die Löwin im alten Friedhof neben dem Museum

 

GROSSAUHEIM

 

Die großen schweren gußeisernen Schwungräder der Dampfmaschinen stehen als Symbol für die Industrialisierung, die den Schwerpunkt des Museums bildet. Der Übergang von der bäuerlich - handwerklich vorindustriell geprägten Lebens- und Arbeitswelt eines Dorfes zur industriellen Lebens- und Produktionsweise einer Kleinstadt wird am Beispiel des größten heutigen Hanauer Ortsteiles Großauheim dargestellt.

Das Museum ist in den Räumlichkeiten eines villenartigen, zweigeschossigen Jugendstilgebäudes, der ehemals öffentlichen Badeanstalt und in den beiden Hallen des ehemaligen Elektrizitätswerkes Großauheim von 1906 sowie dem sich unmittelbar anschließenden Gebäude der alten Feuerwehr von 1928 untergebracht. Der Gebäudekomplex liegt an der Bahnlinie, an der Schnittstelle zum dörflichen, von Fachwerkhäusern geprägten Ortskern und den neuen, durch die Industrialisierung entstandenen Ortsteilen. Die Lage des Museums spiegelt somit die Thematik der Museumsinhalte wider.

Der Rundgang beginnt mit der Ausstellung von bäuerlichen Möbeln und dem Fachwerkbau, weiter wird Handwerkszeug gezeigt sowie Geräte für die Hausarbeit wie zum Kochen, Backen, Milchverarbeiten, Schlachten, Flachsbearbeiten, und führt in die erste Halle: Landwirtschaft. Die Gegenüberstellung der handwerklich gefertigter Sensen, Rechen, Pflüge, Eggen, Wagen aus Holz und Eisen mit den Pflügen, Mäh- und Dreschmaschinen, Traktoren und Dampfmaschinen offenbart die Veränderung in der landwirtschaftlichen Arbeitsweise durch die Industrialisierung. Im Rundgang folgen die Einrichtung einer Dorfschmiede, Wagnerei, die Darstellung der Ortsgeschichte und eine kleinbürgerliche Küche, um 1910, als Gegenstück zur bäuerlichen Küche.

Die zweite große Halle hat als Mittelpunkt eine liegende Einzylinder-Dampfmaschine mit Generator, MAN, Baujahr 1936, und stellt dadurch teilweise die Ausstattung des ehemaligen Elektrizitätswerkes wieder her. Eine Lokomobile, ASto, Baujahr 1935, mit entsprechendem Generator, eine Dampfmaschine mit Kugelventilsteuerung und Generator von Siemens & Halske, um 1890, sowie weitere Maschinen geben einen Einblick in die Dampfmaschinentechnik. Im Museumshof stehen Schiffsdampfmaschinen und die Dampfkessel zum Betrieb dieser Maschinen. Im Atriumhof sind weitere Dampfkessel zu sehen, die die Vielfalt der Kesseltechnik zum Maschinenbetrieb zeigen.

Im Juli eines jeden Jahres werden die Dampfkessel mit Wasser gefüllt und über die Feuerluken beheizt, damit der Dampf die schweren eisernen Schwungräder in Bewegung setzt. Die Vorführung der Dampfmaschinen des Museums und weiterer Maschinen aus dem Bestand des Fördervereins Dampfmaschinen-Museum Großauheim sowie zahlreiche Dampfmaschinen von Sammlern aus ganz Deutschland sind als die „Großauheimer Dampftage“ seit Jahren bundesweit bekannt. Tausende von Besuchern sehen den Maschinenvorführungen begeistert zu. Die Arbeitsabläufe des Dampfsägens, des Buschholzhackers, des Steinbrechers, der Kornmühle, der Wasserpumpen in Verbindung mit den Antriebsmaschinen der Lokomobilen oder der stationären Dampfmaschinen sind durch ihre relativ einfache Technik für nahezu jeden Besucher nachvollziehbar. Die schwere körperliche Arbeit die Hitze, Unfallgefahr bei laufenden Antriebsriemen und offenen Mechaniken machen den Zuschauern die vergangenen Arbeitsbedingungen deutlich. Eine weitere Dampfmaschinenvorführung im kleineren Umfang findet anläßlich des Großauheimer Rochusmarktes, am letzten Septemberwochenende eines jeden Jahres, statt. Auskünfte und Anmeldungen zu Dampfmaschinenveranstaltungen: Förderverein Dampfmaschinen-Museum e.V. Tel. 06181/5743 79

 

Der Bildhauer August Gaul (geboren 22. Oktober 1869 Großauheim, gestorben 18. Oktober 1921 Berlin) ist als bedeutendster deutscher Tierplastiker der Jahrhundertwende bekannt geworden. In seinem Geburtsort Großauheim begann man in den 1950er Jahren mit der Sammlung der Werke seines berühmtesten Sohnes. Die große stehende Löwin (Bronze 1900), die beiden sitzenden jungen Bären (Bronze 1904) und die beiden Kasuare (Bronze 1917/20), sind drei seiner herausragenden Großplastiken. Eine Reihe von über 20 kleineren Tierfiguren wie z.B. der junge sitzende Löwe (Bronze 1898) oder die zwei liegenden römischen Ziegen (Bronze 1898) geben einen Eindruck vom künstlerischen Schaffen des Tierbildhauers. Das graphische Werk August Gauls wird durch Landschaftsaquarelle und seine Tierdarstellungen, die in Form von Mappen als Lithographien oder Radierungen vertrieben wurden, illustriert. Die Ausstellungsräume mit dem Werk August Gauls befinden sich im Obergeschoß des Museumsgebäudes.

 

Der zweite bekannte Großauheimer Künstler ist der Maler August Peukert (geboren 23. November 1912 Großauheim, gestorben 2. Februar 1986 Hanau). Einblick in sein künstlerisches Werk gibt das Museum ebenfalls in den Galerieräumen des Obergeschosses. Peukerts sozialkritisches Engagement zeigt sich in den Kohlezeichnungen zu den Schrecken des II. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, in den Darstellungen der Arbeitswelt aus der Großauheimer Eisengießerei Marienhütte und der elektrotechnischen Fabrik BBC. Portraits und Landschaftsbilder aus der Mainregion sowie Mosaiken sakraler Kunst vervollständigen das

Oeuvre dieses Künstlers.

Museum Großauheim, Pfortenwingert 4, 63457 Hanau-Großauheim. Öffnungszeiten:

Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 12.00 und 14.00   bis 17.00 Uhr, Tel. 06181/573763

Auskünfte und Anmeldung zu Führungen: Museenverwaltung Hanau Tel. 06181/20209 Fax 06181/257939.

Auskünfte und Anmeldungen zu Dampfmaschinenveranstaltungen: Förderverein Dampfmaschinen-Museum eV. Tel. 06181/574379

Auskünfte und Anmeldungen zu ortsgeschichtlichen Veranstaltungen:

Verein für Heimatkunde und Naturschutz Großauheim 1929 e.V., Tel. 06181/571313

 

 

 

Geht man an der Kreuzung an der Hauptstraße nach links, so kommt man in die Straße „Pforte“. Das alte Auheim lag im Halbkreis vor dem Main und wurde von einem Halbkreis von den Scheunen der Hinter- und Haggasse eingeschlossen. Es hatte nur eine einzige Zufahrt, die von der Hauptstraße über das kurze Straßenstück der Pforte (Länge 40 Meter, nur eine Hausnummer) zur Mittleren Maingasse in das Dorfinnere führte.

Alt-Auheim hatte fünf Gassen: Die Pfortengasse (bis 1895 einschließlich der heutigen Mittlere Maingasse), die Taubengasse (schon 1715 so genannt), die Untere Gasse (heute Langgasse) und die Hintergasse und die Haggasse.

Die Pforte, ein steinerner Torbogen, von einem Schindeldache bedeckt, überspannte diese Gasse. In ihm ruhten die Angeln des schweren Tores, das zur Nachtzeit und bei Gefahren geschlossen wurde. Hinter ihm fühlten sich die Einwohner geborgen, denn das Pfortentor bildete sozusagen das Gemeinschaftstor für alle Anwesen des Ortes, denn nur wenige Höfe hatten ein eigenes Tor.

Das Pfortentor fand auf der einen Seite seinen Halt am „Alten Rathaus“. Dieses wurde 1487 erbaut (nicht 1481),ehemals wohl als Zehnthof. Seit dem 18. Jahrhundert war es Gasthaus „Zum Löwen“, durch Umbauten wurde der Bau verändert. Das Haus hat einen Anbau mit Torfahrt, das Obergeschoß ist aus Fachwerk. Vom 1922 bis 1934 war das Gebäude das Rathaus von Großauheim.

 

Geburtshaus des Künstlers August Peukert, Haaggasse 23.

 

In der Figurennische nach der Mittleren Maingasse zu steht eine Muttergottes von 1675, gestiftet von Johannes Klug und Frau (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 214). Danebne ist noch ein Wappenstein zu sehen. Wenn man weiter in die Mittlere Mainstraße sieht, erblickt man rechts die Alte Schule, heute Bürgerhaus.

Genau in der Mitte der Giebelseite dieses Hauses lehnte sich der eine Torpfeiler der Pforte an. Dies läßt darauf schließen, daß das Pfortentor mindestens ebenso alt war wie das Gebäude. 

Auf der anderen Gassenseite war der Torpfeiler an dem längst nicht mehr vorhandenen Gemeindehaus angebaut. Dies vereinigte die Wachstube, die Rathausstube und das Backhaus unter einem Dache. Dem Wachraum angeschlossen war der „Gehorsamb“, die Arrestzelle für Missetäter, bei denen unter Umständen auch die „Strafgeige“ mit ihren Glöckchen zur Anwendung kam.

Die Wächter an der Pforte hatten nicht nur die Aufgabe, bei Nachtzeit das Tor zu bewachen, sondern auch die Nachtwache im Ort auszuführen. An Ausrüstungsstücken besaßen sie den Wachtspieß und das Wachthorn. Diese Geräte mußten alle vier bis fünf Jahre erneuert werden, bis endlich im Jahre 1763 zwei Wachtflinten mit Pulver und Blei angeschafft wurden.

Die Ecke des alten Gemeindehauses mit dem gegenüberliegenden „Löwen“ hat noch um 1890 der spätere Tierbildner August Gaul in einer Aquarellzeichnung festgehalten.

Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Ortsinnere ganz bebaut war, wagten es immer mehr Auheimer, ihre Häuser auch außerhalb der schützenden Pforte zu errichten. Und so kam es, daß schon vor 1800 außer einfachen Wohnhäusern zwei Schmiedemeister, ein Spezereihändler und ein Gastwirt ihre Besitzungen außerhalb, d. h. vor dem großen Gemeindetor hatten. Um das Jahr 1815 standen bereits genau so viele Häuser vor wie hinter der Pforte.

Was Wunder, wenn am 9. Mai 1817 von Amts wegen beschlossen wurde, das Pfortentor, „ein altes baufälliges Gemäuer, welches schon lange nicht mehr seinem früheren Zweck entspreche“, auf Abbruch zu verkaufen. Johannes Botzum, der neben dem Tor an der „Straße“ wohnende Wirt „Zum weißen Roß“, kaufte das Tor für 38 Gulden und ließ es niederlegen, um der Vergrößerung von Auheim nicht im Wege zu stehen.

 

In Richtung Main sieht man wieder das Gasthaus „Engel“. Man geht aber nach rechts in die Hintergasse, in der viele sehr schöne Fachwerkhäuser stehen. Man kommt wieder auf die Langgasse und geht diese rechts weiter. Man sieht links das Ehrenmal von der anderen Seite. Zwischen dem Ehrenmal und der Paulskirche liegt das Evangelische Pfarrhaus (siehe oben). An der Paulskirche ist man wieder am Ausgangspunkt des Rundgangs.

 

Die Katholische Heilig-Geist-Kirche befindet sich im Neubaugebiet südlich der Neuwirtshäuser Straße. Am 27. Juni 1971 wurde als Mittelpunkt eines entstehenden Gemeindezentrums der Grundstein zu einem weiteren Gotteshaus gelegt, das dem Heiligen Geist geweiht ist. Die Kirche ist ein einfacher und moderner Bau, in dessen Mittelpunkt der aus Muschelkalk bestehende Altar steht.

 

 

 

 

 

Mittelbuchen

 

Lage: Mittelbuchen liegt 105‑110 Meter über N.N. Die Gemarkung umfaßt 946 Hektar (davon 225 Hektar Gemeindewald) und grenzt im Norden an Roßdorf, im Osten an Bruchköbel, im Süden an Ha­nau und im Westen an Wachenbuchen. Westlich von Mittel­buchen zieht sich die Hohe Straße (Schäferküppel), nach Nord­osten führend, hin.

 

Älteste Namensformen: (Bucha 798), Buochon um 850 usw., siehe auch Wa­chenbuchen; Mittelbuchen 1344, Mittilnbuychin 1360.

Oberbuchen, wüst, bei Mit­telbuchen angeführt 1544; sonst Lützelbuchen (im 15. Jahrhundert wüst).

 

Geschichtliches:

Berühmte Spuren hinterlie­ßen die Römer, die ab 69 nCh Wege anleg­ten, die später als Grenze mit Graben und Pfählen befestigt wurden: der Limes. 2001 wurde östlich der Hamburger Allee das Erbe der Römer gefunden: vier römische Militäranlagen, davon zwei Kastelle.

Dorf des ha­nauischen Amtes Bücher­tal (das nach den Buchen­orten genannt ist); gehörte wohl zum Stammbesitz der Herren von Hanau (vorher Herren von Buchen); die Vogtei war 1370 Lehen von den von Brauneck.

Im Jahr 798 ist in einer Schenkungsurkun­de „bucha marca” aufgeführt, 1239 wird der Name Mittelbuchen erstmals genannt.

Eine Brandschatzung der Ortschaft ist für 1392 notiert. Die vorbeiführende Hohe Straße wurde nicht nur von Händlern genutzt, sie war auch ein schneller Weg für Kriegsknech­te. So haben die Mittelbucher eine Mauer um das Dorf gezogen und einen Turm errich­tet: das 1535 erstmals erwähnte Obertor.

 

 

 

Während des 30-jährigen Krieges strapazier­ten Söldnerheere die Gemeindekasse. Ein Hauptmann und seine Begleiter erhielten für Löhnung, Kost, Wein und Bier nicht we­niger als 153 „Reichsdaler” . „100 Gulden von der Hanauer Präsenz verwandt, in höchsten Nöten gegen französische Brandschatzun­gen” wurden 1688 bezahlt. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es meh­rere große Brände. Der Spanische Erbfolgekrieg brachte im Jahr 1706 österrei­chische Besatzung, gegen die sich die Bevöl­kerung zur Wehr setzte. Es hat es nicht viel gebracht, die Gemeinde musste 1375 Gulden Kriegskosten aufbringen. 1745 sind österrei­chische Husaren und Dragoner Gäste des Dorfes. Der Viehbestand von 123 Kühen und 187 Schweinen wird sicherlich darunter gelit­ten haben, zumal nachweislich Lieferungen nach Wachenbuchen, Hochstadt, Kilianstäd­ten, Bruchköbel, Roßdorf, Dörnigheim und Rumpenheim erfolgten.

1757 erscheinen französischen Truppen, die sie erst nach sechs schweren Jahren wieder verlassen. Wie schwer dies auf Mittelbu­chen und dem Gemeindesäckel lastete, be­weist die Tatsache, dass die Einwohner schon 1757 ihr Zugvieh abschafften, „da es doch von den Franzosen geraubt wird”.

 

 

 

Der Erste Weltkrieg kostete 44 Soldaten aus Mittelbuchen das Leben, 90 fielen im Zweiten Weltkrieg. Am 6. Januar 1945 beim ersten Großangriff auf Hanau wurde auch in Mittelbuchen die Kirche und zahlreiche Gebäude durch Brandbomben zerstört. Bei Bombenabwürfen auf Mittelbuchen wurden zirka 80 Häuser und Scheunen vernichtet, weitere elf Men­schen fanden den Tod. Als die Amerikaner aus Richtung Wachenbuchen einrückten, vermuteten sie offenbar im Kirchturm eine Geschützstellung. Vorsichtshalber wurde der Turm beschossen, es brach ein großes Teil aus der Mauer.

 

Baudenkmäler:

Bilder in: Hanau Stadt und Land

Obertor mit Mauerturm,      Seite 235

Grabstein Richter,               Seite 270

Lauf­brunnen mit Viehtränke, Seite 295

Verzierte Torpfosten,          Seite 297

 

Statistisches: Einwohnerzahl 1820 = 464; 1855 = 684; 1885 827; 1905 = 1003; 1919 = 1100; 1925 = 1205; 1939 = 1310; 1946 = 1541; 1953 ‑ 1625, davon Heimatvertriebene = 198, Evakuierte = 41 (aus Hanau = 39).

Bekenntnis: 1905 ev. = 987, kath. = 15, sonst. = 1, heute ev. = 1445, kath. = 152, sonst. = 15.

 

Wirtschaft: Starke Landwirtschaft (100 Familien); heute auch Arbeiterwohnsitzgemeinde.

Von einem Neubürger wurde ein neuer Beruf eingeführt: Musikinstrumentenbauer.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bodenfunde:

Vor- und Frühgeschichte in: Festschrift bucha marca iubilans 1998, Seite 12-30

Jungsteinzeit: Siedlungen der bandkeramischen Kul­tur an der Straße nach Kilianstädten westlich und nordwest­lich des Ortes an der Stelle der ehemaligen Ziegelei und am „Wiesborn“, ein Kilometer nordwestlich des Ortes (Bild: Michelsberger Kultur Seite 46).

Ältere Eisenzeit: Hügelgräber im Tannenwald „Dreispitze“.

Römische Zeit: Gutshöfe unterhalb des Lützelberges; östlich des Ortes an der Straße nach Bruchköbel; 300 Meter nordwestlich vom Nordtore der alten Dorfbefestigung.

Fränkische Zeit: Reihengräberfeld zwischen dem Nordwestende des Dorfes und der „Kilianstädter Hohl“.

 

Römischer Brunnen:

Der „Heideborn“, eine gewölbte Brunnenkammer, liegt bereits jenseits der nörd­lichen Gemarkungsgrenze auf Kilianstädter Gebiet. Aus ihr scheint eine der bei Mittelbuchen gefundenen Wasserleitungen gespeist worden zu sein.  „Alter Keller“  ist die Mittelbücher Bezeichnung für eine natürliche Quelle mit einem aus Basaltsteinen übermauertem Kellergewölbe. Man findet es, wenn man knapp unterhalb der Höhe auf der Straße von Mittelbuchen nach Kilianstädten nach rechts abbiegt zu dem etwas verdeckt liegenden Reiterhof. Man geht rechts herum auf das Tor zu, dann dort links auf dem Weg weiter und nach der Pferdeweide rechts ab. Am Ende dieser Weide stehen rechts drei Ebereschen, dort befindet sich das Gewölbe. Es ist etwas zwei Meter lang und ziemlich ein­getieft und nach der Talseite zu mit einem gemauerten Bogen abegschlossen.

Diese Quelle liegt bereits auf Kilianstädter Gebiet, war aber zur Trinkwasserversorgung für Mittelbuchen seit Anbeginn der Besiedlung wichtig. Die Mittelbücher nennen ihn auch „Römerbrunnen“ oder „Heidenborn“ (möglich ist es, aber auch nicht bewiesen, dass mit Heiden vielleicht die Römer gemeint waren).

Mit ziemlicher Sicherheit kann aber zum Begriff „Heide“ angenommen werden, dass es sich hier um unbebautes, unfruchtbares Land, auf landwirtschaftlich nicht genutzte, mit Heidekraut und Buschwerk bewachsene Flächen handelte. Ein Hinweis hierauf liefert die Flur  „An der Sandkaute“.

 In Kilianstädten heißt er der „Borntaler Keller“. So genannt nach dem Tal, welches sich von dort bis nach Mittelbuchen zieht. Im Volksmund nannten die Mittelbücher dieses Tal „Die sieben Gründe“, nach der entsprechenden Zahl der wohl dort ehemals vorhandenen Börnchen, welche im Laufe der Zeit versiegt sind oder überpflügt wurden.

Wann die Quelle mit dem Kellergewölbe überbaut wurde, ist nicht bekannt. Die Kilianstädter Geschichtsschreibung geht davon aus, dass dies schon in der Römerzeit geschehen sein kann.

Wenn von diesem Brunen eine Wasserleitung ins Tal ging, dann hätte sie der Versorgung des Kastells in Mittelbuchen gedient

Die Bezeichnung „Römerbrunnen“ könnte diese Quelle aber auch dadurch erhalten haben, weil sich in der Nähe eine „villa rustica“, also ein römischer Bauernhof,  befunden hat, welcher wohl durch Wasserleitungen mit Quellwasser versorgt wurde.

In der Flur „Steinritsche“ (der Name ist heute nicht mehr gebräuchlich und nur noch bei den Alten in der Mundart bekannt) in der Feldlage „Die Hölle“ wurden bei im Jahr 1901 vorgenommenen Grabungen die Grundmauern einer römischen „villa rustica“ ausgegraben. Auch fand man einen zwei Meter breiten Pfad aus Basaltsteinen, die mit Mörtel verbunden waren und auf römischen Ursprung hinwiesen. Ebenso wurden gefunden zwei Abfallgruben mit Ziegel-, Glas- und Tonscherben, wohl aus der Mitte des zweiten christlichen Jahrhunderts

(Nach Gimplinger: Mittelalterliche Flurnamen).

 

 

 

Bild, Seite 234: Straßenbild mit Blick auf die Kirche in Mittelbuchen

 

Bandkeramische Siedlung:

Der Fundplatz im Bereich zwischen dem Simmichborn, der Kilian­städter Straße und der Planstraße bzw. dem Weg „Hinter dem Hain“ am nordwestlichen Rand des Ortskerns von Mittelbuchen wurde aufgrund von Oberflächenfunden entdeckt, weshalb die Arbeitsgemeinschaft Vor‑ und Frühgeschichte des Hanauer Ge­schichtsvereins eine kleine Testfläche öffnete. Als der gesamte an die Bebauung nach Westen anschließende Bereich als Baugelände ausgewiesen wurde, fand 1992 und 1993 mit Mitteln der Stadt Hanau, der Baugrundbesitzer und der Denk­malpflege eine Ausgra­bung des Seminars für Vor‑ und Frühgeschichte der Universität Frankfurt statt.

Die Bodenerhaltung auf dem Fundplatz ist sehr unterschiedlich. Im oberen Hangbereich befindet sich unter dem Pflughorizont ein 40‑50 Zentimeter mächtiges Kolluvium, unter dem sich ein bis zu 20 Zentimeter mächtiger Rest des B‑Horizonts erhalten hat. An der Hangschulter fehlen das Kolluvium und der B‑Horizont, so daß unter dem Pflughorizont unmittelbar der C‑ Horizont ansteht. Im unteren Hangbereich, wo heute das Gefälle bereits wesentlich abnimmt, ist wieder ein B‑Horizont mit zunehmend kolluvialer Überdeckung ausgeprägt.

Die ältesten menschlichen Hinterlassenschaften liegen aus der Zeit der ältesten Bandkeramik vor. Damals, um etwa 5500 v. Chr., begann man hierzulande mit Ackerbau und Viehzucht. Aus dieser Zeit stammen in Mittelbuchen drei Häuser, die somit zu den älte­sten in unserem Raum gehören. Sie werden durch die Funde aus zugehörigen Längsgruben und anderen Befunden genauer zu datie­ren sein. Zwei von diesen Häusern konnten in ihrer Gesamtausdeh­nung vollständig erfaßt werden. Sie sind mit den Bauten von Friedberg‑Bruchenbrücken und Frankfurt‑Niedereschbach zu ver­gleichen.

Eine deutlich größere Anzahl von Befunden stammt aus der späte­ren Bandkeramik etwa der Phasen IV‑V nach Meler‑Arendt. Ein frag1icher Hausgrundriß ist wegen einer Überschneidung sicher nicht mit einer Grabenanlage gleichzeitig. Dieser Spitzgraben wur­de in der Grabung auf einer Strecke von etwa 40 Meter erfaßt und ist mit drei Meter Tiefe bei vier Meter Breite gut erhalten. Durch zusätzliche Magnetometermessungen ist sein Verlauf heute auf 160 Meter Länge bis zur Kilianstädter Straße bekannt. Außer einem Durchlaß zeigte sich, daß er aufgrund seiner geringen Krümmung zu den ganz großen Anlagen von sicher über 200 Meter Durchmesser gehört.

Meh­rere vermutlich gleichzeitige Gruben enthielten große Mengen Rotlehm. Bei einer von ihnen handelt es sich am wahrscheinlich­sten um den geringfügig umgelagerten verziegelten oberen Teil einer zylinderförmigen Grube. Vielleicht gelingt es, mit Hilfe der gleichzeitigen, gut erhaltenen Befunde mit zahlreichen Fundstüc­ken die Funktion dieser immer noch rätselhaften Grabenanlagen, die zu den großen Gemeinschaftsarbeiten der Jungsteinzeit gehö­ren, besser zu verstehen. Gleichzeitige Häuser fehlen jedenfalls in der bisher ausgegrabenen Fläche von über 5000 Quadratmeter.

Zu den Funden gehören sehr gut erhaltene, verkohlte Pflanzenre­ste, wie einige bereits geschlämmte Proben zeigen. A. Kreuz von der Kommission für archäologische Landesforschung Hessen (KAL) bestimmte Em­mer, Einkorn, Gerste und Erbsen. Von besonderer Bedeutung könnten Funde von Dinkel in einer der Gruben der späteren Band­keramik sein. Möglicherweise gehören sie zu den ältesten Belegen dieser Kulturpflanze in unserem Raum.

Zwei größere Befunde sind in die Latènezeit zu datieren. Einer von ihnen ist wohl als Grubenhaus zu deuten, weil er einen rechteckigen Grundriß, einen flachen Boden und einen Pfosten an einer Schmal­seite besitzt. Ihre Zeitstellung ist durch vier Fibeln vom Spätlatène­-Schema, darunter eine Nauheimer Fibel, sowie einen blau‑gelben Glasarmring gut zu bestimmen. Große Befunde und besonders die mit viel Rotlehm oder Metallfunden zeichnen sich trotz der mächti­gen kolluvialen Überlagerung gut in den Magnetometermessun­gen ab, die von der KAL vor der Ausgrabung in einem südlichen Teil der später aufgedeckten Fläche durchgeführt wurden.

Pingsdorfer Keramik oder Nachahmungen stammen aus einer Rei­he von hellgrau verfüllten zylinderförmigen Gruben aus der dem Ort nächstgelegenen Grabungsfläche und können vorläufig grob in den Zeitraum zwischen der Mitte des 9. und das frühe 13. Jahrhun­dert eingeordnet werden.

Im ausgegrabenen Bereich kamen zwei Wasserleitungen zutage. Eine verlief etwa Nordost‑ Südwest ungefähr in der Richtung des größten Gefälles. Sie bestand wohl aus Holzrohren, die in regelmä­ßigen Abständen von Eisenklammern zusammengehalten wurden. Die andere Wasserleitung aus hellgrauen Keramikrohren verläuft etwa Nordwest‑Südost und somit hangparallel. Für eine vergleich­bare Leitung ist ein naturwissenschaftliches Datum von 1570 ± 50 bekannt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der Gründung der Neustadt Hanau im Jahr 1597. Zwei parallel laufende Gräben werden bei der Belagerung Hanaus 1635‑1636 im Dreißigjährigen Krieg angelegt worden sein, da aus einem der Gräben eine Münze mit dem Prägedatum von 1633 stammt.

 

 

 

 

Westlich von Mittelbuchen:

Wenn in naher Zukunft junge Familien ihr neues Häuschen im Grünen am westlichen Ortsrand von Mittelbuchen beziehen, sind sie nicht die ersten Menschen, die sich genau an dieser Stelle niederlassen. Wie Archäo­logen des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege herausfanden, lebten hier bereits Menschen der vorrömi­schen Eisenzeit in einer Siedlung. „Mit­telbuchen ist ein archäologisches Schatzkästlein“, zeigte sich Grabungs­leiter Frank Lorscheider auf einer Pressekonferenz begeistert von den Un­tersuchungsergebnissen.

In dem Mittelbuchener Boden fänden sich Hinweise und Fundstücke aus zahlreichen Epochen der menschlichen Siedlungsge­schichte. Auch - und das ist die Besonderheit, die die Fun­de durchaus aus wissen­schaftlicher Sicht zur kleinen Sensation werden lassen - aus der Eisenzeit des sechs­ten und siebten Jahrhunderts vor Christus. „Hier kann end­lich gezeigt werden, wie die normalen Menschen dieser Zeit gelebt haben“, erklärte Dr. Guntram Schwitalla vom Landesamt für Denkmalpfle­ge. Denn bislang seien aus dieser Zeit hauptsächlich Gräber entdeckt worden, darunter prachtvolle Herr­schergräber, beispielsweise die Ruhestätte des Kelten­fürsten vom Glauberg. „Aber das waren meist Protzobjek­te, die nichts mit den norma­len Lebensverhältnissen der Menschen zu tun hatten“, fügte Dr. Schwi­talla hinzu.

Die Grabungsarbeiten sind der Auftakt zur Erschließung des Geländes am westlichs­ten Zipfel Mittelbuchens als Wohngebiet. Die Stadt hat die Firma Terramag beauf­tragt, die Erschließung und die Vermark­tung zu übernehmen. „Wir haben entschie­den, frühzeitig die Belange der Archäolo‑

gie abzuarbeiten, so dass das Thema bei Beginn der Erschließung abgehakt ist“, erklärte Terramag-Projektleiter Thomas Müller. Die Erklärung hierfür ist einfach: Jeder Tag, an dem die Bagger aufgrund ar­chäologischer Untersuchungen still ste­hen, kostet teueres Geld. So konnten die Wissenschaftler im Vorfeld der Erschlie­ßung nach eigenem Ermessen ungestört schalten und walten. 86 000 Quadratmeter beträgt die Fläche, auf der im Laufe des Jahres 2006 überwiegend einzelstehende Einfamilienhäuser entstehen werden. Die Kosten für die archäologische Untersu­chung - mit einem geschätzten Kostenvo­lumen von rund 50 000 bis 100 000 Euro - werden auf die Grundstückspreise umge­legt.

Entdeckt haben die Archäologen im künfti­gen Neubaugebiet Pfostenstellungen und Vorratsgruben, die den Experten Einbli­cke in die früheren Lebensgewohnheiten der Eisenzeit-Menschen geben können. Derartige Siedlungsstellen liefern eine Fülle von Informationen über den einsti­gen Alltag. Erstaunt waren die Ausgräber über die üppigen Dimensionen der Vor­ratsgruben, die die einst hier lebenden Menschen anlegten. Bis zu zwei Meter tief mit einer 2,40 Meter messenden Aushöhlung betrugen diese ersten „Vorratskeller“ der Menschheitsgeschichte. Wie Dr. Guntram Schwitalla ausführte, haben Experimentalarchäologen sogar herausgefunden, dass sich diese Vorratsgruben auch für Lagerung von Getreide eigneten. Dabei wurden die Gruben bis zum Rand mit Getreide gefüllt. „Die äußeren Schichten reagierten mit der Feuchtigkeit und keimten auf. „Dabei verbrauchten sie Sauerstoff“, erklärte der Archäologe. Daher wurde Teil des eingelagerten und konservier. Getreides vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt, da dieses Getreide quasi über ein natürlichen Schutzschild in Form von Keim verfügten. Dass die damaligen Menschen Ackerbau betrieben, bestätigt Frank Lorscheid „Wir haben sog Reste der besonders fruchtbaren Schwarzerde gefunden“, sagte der Ausgrabungsleiter. Auch auf eine andere Entdeckung jüngeren Baujahrs stieß das Grabungsteam. Die Erschließungsfläche wird durchquert von einer alten Wasserleitung, bestehend aus ineinander gesteckten Tonröhren, die in regelmäßigen Abständen in aus Sandstein gehauenen Sinkkästen münden. Diese Leitung, die den  Altertumsforschern schon bekannt war, verläuft von Wachenbuchen bis nach Hanau. „20 bis 30 Kilometer“, schätzte Lorscheid die Gesamtlänge der im Zeitraum von 1540 bis 1570 entstandenen Installation. Bewunderung ernteten die frühen Bauingenieur für die perfekte Verlegung der Leitung und die passgenaue Verarbeitung der in ineinander gesteckten Tonröhren. „Das ist eine riesengroße Leistung“, zollte Lorsch der den Erbauern seinen Respekt.

Die Ausgräber fanden Spindeln zur Herstellung von Garnfäden aus grauer Vorzeit, einen Wetzsteine sowie eine Vielzahl von Gefäßscherben. Zurzeit werden die Funde verpackt und werden anschließe ins Landesamt für Denkmalpflege verbracht.

 

Zweiter Limes

Späte Genugtuung für den Hanauer Historiker Georg Wolff. Funde von Resten von drei Römerkastellen im Mittelbuchener Neubaugebiet Hambur­ger Allee beweisen zweifelsfrei, daß der Experte vor 120 Jahren mit seiner Theorie Recht hatte. Es hatte zu Zeiten der Kaiser Domitian und Vespasian ei­ne weiter westlich liegende Verteidi­gungslinie gegeben und die Römer hat­ten erst später nach einem Kriegszug gegen die Chatten den Limes auf die Li­nie Großkrotzenburg‑Rückingen‑Mar­köbel verschoben. Wolff hatte bereits Ende des vor­letzten Jahrhunderts die These aufgestellt, daß die Grenze des römischen Reiches zu Germanien weiter westlich gelegen haben muß. Die Funde in Hanau‑Kesselstadt auf dem Salisberg (Badehaus) und im Helden­berger Neubaugebiet Allee Mitte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre (Kas­telldorf) waren weitere Grundlagen für die­se These. Diese römischen Militäranlagen liegen nämlich exakt 5,5 Kilometer in nörd­licher und südlicher Richtung von den nun entdeckten Lagern in Mittelbuchen ent­fernt.

Als im Juli 2001 Versorgungsleitungen im Mittelbuche­ner Neubaugebiet „Östlich der Ham­bur­ger Allee“ verlegt werden sollten, waren auch Archäologen dabei. Eigentlich war man nicht davon ausgegan­gen, auf römische Spuren zu stoßen, son­dern hatte mit Funden aus der Jungstein­zeit gerechnet. Allerdings war bekannt, daß die Römer auch in Mittelbuchen an­sässig waren. In der Ebene jenseits der Straße nach Bruch­köbel hatte eben jener Georg Wolff vor 120 Jahren eine Ausgrabung organisiert und erfolgreich durchgeführt, war aber davon ausgegangen, Reste eines römischen Guts­hofs entdeckt zu haben. Jetzt ist sicher, daß es sich bei den Fun­den um Reste des Lagerdorfs gehandelt ha­ben muß.

Die Ausgräber fanden zunächst die Umfriedungsreste und Gräben von drei römischen Kastel­len. Dem ältesten und mit einer Grundfläche von 40 auf 40 Meter kleinsten Fort für 80 Mann Be­satzung konnte eine Entstehungszeit zwi­schen 80 bis 90 nach Christus zugeordnet werden. Vielleicht kann auch noch geklärt werden, welche Funktion das dritte Römerkastell (ein kleiner Teil eines Grabens und das Tor konnten lokalisiert werden) hatte und wel­che Dimensionen das älteste der drei Lager aufwies.

Man entdeckte zwei umgebende Spitzgräben (1,50 und 1,90 Meter tief). Einer läuft schnur­gerade durch das Ge­biet und konnte auf einer Länge von über 210 Metern nachgewiesen werden ‑ ohne daß sein Ende erreicht wäre. In den Gräben fanden die Archäolo­gen neben bisher rund 3.000 Scherben von Gebrauchsgefäßen (zum Beispiel aus Spa­nien und Süd­frankreich) unter anderem ei­ne 74 nach Christus geprägte Bronzemünze (ein As), einen beinernen Spielwürfel, Schuhnägel der genagelten Militärsanda­len sowie eine eiserne Ge­schoßspitze ei­nes Pfeilgeschützes. Dieser letzte Fund läßt den Schluß zu, daß die Besatzung aus Legionären aus Mainz und nicht aus Hilfstruppen bestanden haben muß.

Etwa um 100 nach Christus wurde das Römer­kastell aufgegeben und die Gräben zuge­schüttet.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ein erheblich größeres Lager erstellt, von dem die Aus­gräber bislang einen 210 Meter langen Gra­ben mit einer Mindesttiefe von 1,80 Meter entdeckt haben. Der Grabungsleiter geht davon aus, daß im Zuge der Feldzüge von Kaiser Domitian gegen die Chatten eine grundlegende Umstrukturierung der mili­tärischen Präsenz stattfand, denn das spä­tere Lager faßte mindestens 2.000 Mann Besatzung und besaß eine Badeanstalt, wie ein geprägter Ziegel verriet. Der gab auch preis, wer dort stationiert war: Die XXII. Legion, die 97 n. Chr. vom Niederrhein nach Mainz verlegt worden war. Dieses Kastell wurde bereits 110 n. Chr. wie­der aufgegeben, denn von die­sem Zeitpunkt an läßt sich die Existenz des weiter östlichen gelegenen Limes auf der Linie Großkrotzenburg ‑ Rückingen ‑ Marköbel nachweisen.

Bei den Ausgrabungen stießen Archäologen dann auf ein weite­res römisches Weinkastell. Es ist das nun­mehr vierte in dem fast 2000 Jahre alten Militär­lager, das Ende Juni überraschend entdeckt wurde. Zwischen 80 und 100 n. Chr. war die An­lage Außenposten des Im­periums ‑ damit wurde die Theorie einer äl­teren, hinteren Limes­linie Gewißheit.

Mindestens vier verschiedene Truppen­lager hat es auf dem Gelände nach aktuel­lem Stand zwischen 80 und 100 nach Christus gegeben. Die vermutlich älteste Anlage ist ein etwa 40 mal 40 Meter gro­ßes Kleinkastell, das von zwei Spitzgräben umgeben war. Ein zweites Kleinkastell wurde erst vergangene Woche ganz in der Nähe gefunden. Es hatte ein quadrati­sches Tor, was heute noch erkennbar ist an den Löchern, die für die Pfosten in den Bo­den geschlagen wurden: Die Erde hat an diesen Stellen eine dunklere Farbe. Von den Innen­bauten ist dagegen kaum noch etwas erhalten; die Baracken waren in der Hanglage bereits der fortschreitenden Ero­sion zum Opfer gefallen.

Um so reichhaltiger sind die Funde in den Gräben. Beim Verlassen des Lagers warfen die Sol­daten ihre Abfälle ‑ das, was sie nicht brauchten ‑ einfach in die Gräben. Besonders vielfältig sind die Keramik­funde, die belegen, daß selbst ein so klei­ner und abseits vom Zentrum liegender Posten mit Importware aus entfernten Ge­bieten beliefert wurde: zum Beispiel mit dem edlen römischen Tafelgeschirr „Terra sigillata“, das in Südfrankreich hergestellt wurde. Jedes Stück wurde signiert, und so ist anhand einer Scherbe zu erfahren, daß Mittelbuchen Ware aus der Fertigung eines gewissen „Jucundus“ bezog. Ent­deckt wurden auch etliche Amphoren, in denen aus Spanien stammendes Olivenöl transportiert wurde. Oder eine antike Rei­be zum Zerkleinern von Käse oder Gewür­zen.

Wertvolle, weil seltene Funde sind Teile von Glasgefäßen, in denen Parfüm aufbe­wahrt wurde. Eine Kostbarkeit ist zudem der beinerne Spielwürfel, mit dem sich die Soldaten die Zeit vertrieben haben. Auch lose Tierknochen haben die Archäologen gefunden; sie belegen für den Archäologen Dr. Reuter das große Geschick der römischen Metzger ‑ im Gegensatz zu dem der Germanen.

Einen ungewöhnlichen Fund stellen zu­dem zwei Nägel dar ‑ denn die Römer pflegten alles Metallische wieder zu verwerten. Sie zogen jeden Nagel raus.  Irgend jemand hat da wohl schlampig gearbeitet. In Eile oder mit seinen Gedanken woan­ders war vielleicht auch jener Soldat, der eine Bronzemünze verloren hat. Das Fundstück wurde 74 nach Christus geprägt und trägt das Bild von Titus, der zu diesem Zeit­punkt allerdings noch gar nicht Kaiser war: Sein Vater Vespasian, der damals auf dem römischen Thron saß, wollte damit be­reits Propaganda für seinen Sohn machen.

Mittelbuchen war 30 Jahre lang Grenze eines Reiches, das von Syrien und dem südlichen Spanien bis nach Britannien reichte. Die Römer, so der Archäologe, legten ihre Kastelle nicht planlos an, sondern errichteten ein „wohl­durchdachtes, linear organisiertes Siche­rungssystem, das für einige Jahrzehnte ei­nen Grenzabschnitt des Imperium Roman­um sicherte“. Und bei dieser Grenzsiche­rung spielten die Kastelle in Mittelbuchen mit Sicherheit bis 110 vor Christus eine wichtige Rolle. Nach der Auswertung durch den Hanau­er Geschichtsverein sollen die Funde im Heimatmuseum Mittelbuchen zu sehen sein.

 

Spuren eines frühen römischen Limes?

In Nidderau-Windecken wurde bei Ausschachtungsarbeiten nur wenige Meter von der mittelalterlichen Stadtbefestigung entfernt ein sich im hellen anstehenden Löss deutlich abzeichnender Spitzgraben entdeckt, wie wir ihn bisher nur aus römischer Zeit kennen. Seine Spitze liegt etwa drei Meter unter der heutigen Oberfläche. Die Spitzgrabenoberkante ist durch zahlreiche Bodeneingriffe und eventuell auch Aufschüttungen nicht klar zu fassen. Es zeichnen sich aber mindestens drei verschiedene Füllhorizonte ab. Das angeschnittene Grabenprofil war fundleer. Aus dem benachbarten Heldenbergen sind bereits Römerlager bekannt. Eine Ergänzung zu einem Erdlager ist aber nach den Befunden vor Ort nicht (mehr) durchführbar.

 

Zum möglichen Verständnis der Windecker Grabenanlage kann ein neuer Ausgrabungsbefund aus dem rund vier Kilometer südlich gelegenen Hanau-Mittelbuchen unter Umständen den Schlüssel liefern. Dort wurden über 210 Meter eines Spitzgrabens in Nord-Süd-Richtung festgestellt. Das Fundmaterial aus der Verfüllung (u.a. ein Ziegelstempel der 22. Legion) datiert seine Aufgabe frühestens an den Beginn des 2. Jahrhuundertt nCh. Allerdings konnten an dem noch über zwei Meter tiefen Graben, der zusätzlich mit einer Grassodenmauer versehen war, keine Tore, Türme oder Lagerecken festgestellt werden.

Hinter dieser Befestigungslinie, d.h. westlich des Grabens, fanden sich jedoch zwei römische Kleinkastelle, die jeweils mit einem doppelten Spitzgraben umwehrt waren. Von den bei-

den etwa 40 Meter x 40 Meter großen Anlagen waren durch Erosionsschäden nur die Standspuren der hölzernen Torpfosten, eine Latrine sowie die Lagergräben erhalten. Die darin gefundenen Objekte umfassen verschiedene Militaria (Pilum- und Speerspitze), zwei Bronzeglocken, einen beinernen Spielwürfel, eine Münze des Vespasian (74 nCh) sowie zahlreiche Keramik und Knochen. Bei den ebenfalls entdeckten Terra Sigillata-Fragmenten handelt es sich durchweg um späte Produkte aus den südgallischen Töpfereien, was eine Datierung der beiden kleinen Militäranlagen ins späte  1./frühe 2. Jahrhundert nCh nahe legt. Der etwa 8 Kiloemeter hinter der eigentlichen Limeslinie gelegene Fundplatz Mittelbuchen fügt sich gut in eine Kette älterer römischer Militärlager im Limeshinterland ein. Der Hanauer Archäologe Georg Wolff glaubte schon im ausgehenden 19. Jahrhundert, sie hätten zu einer älteren Limeslinie gehört, die von Hanau-Salisberg nach Oberflorstadt verlaufen sei. Auch der in Nidderau-Windecken angeschnittene Spitzgraben liegt auf dieser Linie. Sollte diese ältere Grenzlinie zwischen Main und Wetterau, die wohl um 110 n.Ch aufgegeben wurde, bereits einen durchgängigen Wall und Graben besessen haben?

 

Römerkastell:

Das Lob kam aus berufenem Munde: „Historisch kor­rekt“ sei das Modell des Römerkastells, be­scheinigte Martin Hoppe als Vorsitzender des Hanauer Geschichtsvereins den acht Ruhestands‑Handwerkern der Senioren-­Werkstatt Bruchköbel. Sie hatten in mona­telanger Kleinarbeit die Dauerleihgabe für den Mittelbücher Heimat‑ und Ge­schichtsverein gebaut. Anlass waren im Sommer 2001 die spektakulären Funde rö­mischer Militäranlagen im Osten Mittelbu­chens, deretwegen der Verlauf des Limes neu zu definieren ist.

Die Senioren haben 600 Arbeitsstunden in die mühsame Arbeit ge­steckt. Das Modell wurde mit dem da­maligen Grabungsleiter abgestimmt. Da selbst im Ausland keine maßstabsgetreu­en Figuren aufzutreiben waren, schnitzte einer der Senioren solche aus Lindenholz. Die Dächer der Kastellbauten sind abzu­nehmen, um auf diese Weise auch das In­nenleben nachvollziehen zu können.

Das Modell soll künftig in dem Raum des Mittelbucher Heimatmuseums zu be­trachten sein, in dem die römische Zeit ab­gehandelt wird. Dort und im Nachbar­raum des ersten Stocks sind bis zum 9. Ju­ni samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr 25 Schautafeln zu sehen. Sie behan­deln Kastelle und Wachtürme, Versor­gungslager und Zivilsiedlungen. Die Wan­derausstellung des Landesamtes für Denk­malpflege und der Römisch‑Germanischen Kommission geben den aktuellen Limes­-Forschungsstand wieder.

Die Wasserversorgung könnte von dem römischen Brunnen nördlich von Mittelbuchene rfolgt sein (siehe oben, Bodenfunde).

 

 

 

 

Älteste Karte von Mittelbuchen, in: Sauer: Büchertalgeschichten, Seite 133.

Die alte Karte von 1762 wurde naturgetreu nachgezeichnet, ist aber nicht maßstabgetreu und auch nicht genordet: Norden ist auf der linken Seite. Das Vorbild der Karte ist älter, denn die Kirche ist noch in den Grundris­sen der alten Kirche dargestellt. Obertor und Untertor, Ortsmauer mit Umgang und Plan und das Schießhaus vor dem Untertor sind im Bild. Rechts unten an der heutigen Kreuzung sind noch die Kutschergärten der alten Mittelbuchener Burg eingezeichnet. Weiter links am Kilianstädter Weg ist noch eine Ecke, die zur Burg gehören dürfte. Den Weg, der hier abgeht, gibt es heute nicht mehr. Auffällig ist, daß der Ort ringsherum mit Tannen und zuweilen auch Laubbäumen bestanden ist, damit nicht schon von weitem die Ortschaft als solche erkannt wird. Ursprünglich war der breite, planierte Streifen um die Mauer, der „Plan“, unbewachsen, damit Angreifer keine Deckungsmöglichkeit fanden. Von der Breite her gesehen scheint der Roßdorfer Weg der am meisten begangene gewesen zu sein, während der alte Kinzheimer Weg rechts oben nicht mehr gebraucht wird, denn der Kinzigheimer Hof ist bereits da, und die Ortschaft gibt es nicht mehr. Lützelbuchen gibt es auch nicht mehr, trotzdem ist der Weg wegen der Beziehungen zu Bruchköbel wichtig geworden

 

 

 

 

 

 

 

 

Rundgang durch Mittelbuchen

Den Rundgang beginnt man am besten am ehemaligen Untertor, wo die „Alte Rathausstrasse“ in den Ort hinein abbiegt. Im Jahr  1535 ist das Untertor schon als Tatsache erwähnt.

Vor dem Untertor in Mittelbuchen stand ein Schießhaus, das ursprünglich dafür gedacht war, das Tor gegen Feinde zu schützen, die es mit einem Rammbock aufstoßen wollten. Aber scheinbar hatte sich das nicht be­währt, und das Schießhaus wurde zum Armenhaus umfunktioniert. Auch das war nur eine Zwischenlösung. Es wurde an einen Privatmann ver­kauft. Dieser eröffnete darin vermutlich eine Bäckerei. Später kam eine Wirtschaft hinzu, die sich draußen vor dem Tor freilich als Fuhrmanns­kneipe rentabel machte. Das Schießhaus war aber viel zu klein für die großen Anforderungen, die an es gestellt wurden. Der Besitzer stellte deshalb noch ein Haus dazu, ebenfalls draußen vor dem Tor. Als in der Franzosenzeit alle Häuser numeriert werden mußten, erhielt diese Wirt­schaft die Nr. 1, das Schießhaus die Nr. 2, und erst dann wurden die Häuser des Dorfes von Nr. 3 bis 99 durchnumeriert. Von daher wissen wir, daß „Die Krone“ ‑ so sollte das Anwesen künftig heißen ‑ schon im 18. Jahrhundert erbaut worden ist.

 

Die Gastwirtschaft „Zur Krone“ entwickelte sich in den nächsten 200 Jahren zu einer der bekanntesten und beliebtesten Wirtschaften in weitem Umkreis. Sonntags machte man dort von Hanau oder gar von Frankfurt aus seinen Spazier­gang nach Mittelbuchen, um nach langer Wanderung die trockene Kehle mit hausgemachtem Apfelwein, der weithin berühmt war, zu löschen und den hungrigen Magen aus der rustikalen Küche wieder aufzufüllen. Die Krone wurde zur „Goldgrube“ und wurde im Laufe der Zeit immer weiter vergrößert. Im Jahre 1846 wurde eine Kegelbahn eingerichtet, etwas fast einmaliges. Im Jahre 1904 kam ein Saal hinzu (der 1928 abgerissen und durch einen großen Saal ersetzt wurde). Im Jahre 1921 heiratete Katharina Schmidt als „Bäcker‑Dina“ den Besitzer, und mit ihr begann nun eigentlich erst die große Zeit der Krone, denn sie wußte, daß nicht das schnelle Geld den Erfolg bringt, sondern eine reelle und gute Bedienung des Kunden. Sie machte aber einen großen Fehler: Sie regelte das Erbe nicht. Als sie 1978 im Alter von 90 Jahren starb, gab es letztlich zwischen behördlichen Auflagen und Erbteilung nur noch den Verkauf auf Abbruch.

So etwas konnte kein Stammgast akzeptieren. Auch für die Denkmal­schützer und die Ortshistoriker war es unannehmbar. Es wären aber Millionen nötig gewesen, um das Anwesen zu retten. Die hatte niemand. Die Konzession lief am 31.1.1980 aus. Am 4. Februar kam eine Gruppe finsterer Leute und besetzte die Krone. Sie wollten ein „Kulturzentrum“ daraus machen und Musikkapellen und Kabaretts auftreten lassen. Statt dessen wurde aber Rauschgift konsumiert, und die Bevölkerung fühlte sich von den Besetzern stark belästigt. Nach siebenwöchiger Besetzung kam die Polizei, räumte „Die Krone“, und die Bagger standen schon da, um sogleich mit der Arbeit zu beginnen.

Die „Krone“ in Mittelbuchen war wegen ihres naturreinen, hervorragenden Apfelweins im ganzen Kreis berühmt und ein Ausflugsort für Hanauer und Frankfurter. In den 1960er Jahren war „Fritz“ der wegen seiner Späße allseits beliebte Wirt. Auch sich selbst und sogar sein Geschäft bezog er mit in seine Späße ein. Als Gäste ihm im Frühjahr 1965 vorwarfen, er habe seinen Apfelwein mit Wasser „getauft“, antwortete er schelmisch: Ihr hättet Weihnachten zu mir kommen müssen, da gab es bei mir den besten Apfel­wein. Jeder wußte, daß Weihnachten (1964) im ganzen Dorf die Wasserlei­tung ausgefallen war.

 

Man geht ein Stück in das Dorf hinein, dann nach rechts in die Obertorstraße. Das Haus Obertorstraße 9 dürfte das älteste in Mittelbuchen sein. Die „alte Schule“ in der Obertorstraße 15 war im 16. Jahrhundert das erste und damals einzige zweistöckige Fachwerkhaus im Mittelbuchen. Man geht  ein Stück durch die neue Straße und dann links hoch in die Straße „Hinter der Kirche“. Auf der Höhe steht links die „neue Schule“ (heute: Druckerei). Im Jahre 1872 wird ein  Haus abgerissen und an seiner Stelle die „neue Schule“ errichtet. Der erste Lehrer dort ist Julius Hitzenrod.

Rechts gegenüber steht die Kirche. Schon in früher Zeit müssen Mittelbuchen und Lützel­buchen eine gemeinsame Kirche gehabt haben. Das Grundbuch weist nämlich heute noch einen Kirchweg von Westen her aus, der an der Kirchhofsmauer endet. Der Weg war also schon da, ehe die Kirchhofsmauer gebaut wurde. Bis dahin stand oben ein kleines Kirchlein, das spätestens im 13. Jahrhundert im romanischen Stil errichtet wurde, vielleicht aber auch schon im frühen Mittelalter erbaut wurde, vermutlich an der Stelle eines früheren heidnischen Heiligtums erbaut.

Beim Bau des Heizungskellers im Jahr 1966 stieß man dort auf eine Quelle, die den Keller ständig unter Wasser setzte. Der heilige Michael  erhielt in der christlichen Mythologie die Aufgaben zugewiesen, die in der germanischen Mythologie der Göttervater Wotan innehatte. So könnte diese alte Quelle eine Wotansquelle gewesen sein. Die Roßdorfer Straße führt nämlich aus dem ältesten Siedlungsgebiet Mittelbuchens in einem heute noch nachzuweisenden Bogen um das Haus Hinter Kirche 34 schnurstracks zur Quelle. Die Obertorstraße macht ebenfalls bei der Scheune des Hauses Nummer 8 einen Knick, dem sich heute noch alle Gebäude dieses Grundstücks anpassen, um dann wieder ebenso gradlinig zur Kirche zu führen Auch das heute recht überflüssig gewordenen Gäßchen am Haus „Alte Rathausstraße 30“ führt als Verlängerung der Guldenstraße direkt dorthin. Ebenso sicher ist die Linienführung einer früheren Straße, die durch das Grundstück „Hinter der Kirche 24“ führte, vielleicht von Lützelbuchen kommend und auch den Weg zur Quelle nehmend. Vielleicht waren das alles nur alte Kirchwege. Aber vielleicht führen sie auch zur Quelle, und zwar auch durchaus von weit her.

Die Kirche läßt sich noch in etwa rekonstruieren: Im Staatsarchiv in Mar­burg gibt es zwei Kar­ten aus den 1750er Jahren, wo der Grundriß des Ge­samtbauwerks noch ablesbar ist. Dann existiert ein Foto des Turmes aus dem Jah­re 1945 (in der ersten Chronik von Sauer abgebildet), als die Kir­che abgebrannt war, das durch Reste von zwei Dächern und anderen Merkmalen zeigt, daß hier einma1 eine niedrigere Kirche angebaut war und dann später die höhere, die soeben abgebrannt war. Nach diesen Vorgaben läßt sich jetzt in Länge, Breite, Höhe und Dachwinkel nachzeichnen, wie die Kirche ausgesehen haben muß. Die Kirche war nicht sehr groß. Aber für die beiden kleinen Gemeinden war sie völlig ausreichend, denn die Messe wur­de sonntags stets mehrmals gelesen. Im Jahr 1344 wurde an die Kirche eine Michaelskapelle angebaut.

Die Friedhofsmauer wurde erst gebaut, als die Soldaten bei ihren Fehden Gräber schändeten und auch den Zufluchtsort in der Kirche nicht mehr respektierten. Die Kirchhofmauer genügte nicht mehr, die Gemeinde zu schützen. Ein Wehr­turm mußte her. Im Jahre 1494 wurde der Grundstein gelegt. Neben den militärischen Zwecken diente der Turm freilich aber auch kirchlichen Zwecken, denn es konnte jetzt eine Glocke aufge­hängt werden. Vor allem aber konnte die Michaelskapelle jetzt in das Turmerdgeschoß verlegt werden. Die alte Kapelle wurde zur Kirche hin durchgebrochen und als Chorraum genutzt (seit der Reformationszeit brauchte man sie sowieso nicht mehr).

Den Turm, dessen Eingang heute noch im ersten Obergeschoß und da­mals nur durch eine Strickleiter erreichbar war, stellte man einige Meter vor die Kirche, um diesen Zugang durch die Kirche geschützt zu wissen. Der (auch noch heutige) Eingang im Parterre führte nur in die Kapelle. Warum man den Turm leicht verkantet zur Kirche baute, weiß man nicht. Die sonst so wichtige Ost‑ West‑Richtung wurde nicht beachtet.

 

 

 

Die Verwitterung des Putzes unter dem Dach, der einen späteren Zwischenbau verrät, zeigt, daß der Turm doch recht lange frei gestanden haben muß, hundert Jahre ist nicht zu hoch gegriffen. Die Kirche wird im 17. Jahrhundert baufällig. Spätestens 1709 wird das Dach an den bis da­hin freistehenden Kirchrturm vorgezogen. Leider hatte die Gemeinde keine ungetrübte Freude daran. Es gab viele Reparaturen, der alte Teil wurde baufällig, aber der Dreißigjährige Krieg und die schlimmen Jahrzehnte danach verhinderten einen Neubau. Schließlich kann man nicht einmal mehr den Dach­boden verpachten. weil der Boden nicht mehr begehbar ist. So geht das bis zur letzten Reparatur von 1741.

In diesem Jahr kam Pfarrer Richter nach Mittelbuchen. Von 1756 bis 1772 wird die Kirche neu und viel größer gebaut. Der Turm wird nun mit einbe­zogen. Die Turmkapelle im Erdgeschoß wird zur Eingangs­halle umgebaut und ein Zu­gang zur Kirche gebrochen. Die Kirche hat an West‑, Nord‑ und Ost­seite eine Empore, auf der Ost­empore kommt nach dem Neubau eine erste Orgel zu stehen. Der Turm er­hält anstelle seiner Platt­form für die Bewachung des Ortes eine hohe schlanke Haube mit vier Ecktürmchen.

Am 6. Januar 1945 brannte die Kirche bei einem Luftangriff bis auf das Mauerwerk total aus, die Kanzel von 1659 verbrannte. Nach der Währungsre­form wurde die Kirche bis 1952 wieder aufgebaut, 1955 war sie ganz fertiggestellt. Der Turm erhielt eine pyramidenförmige Haube. Im Jahre 1954 wurde eine Walckerorgel eingebaut als Ersatz für die Orgel aus den 1890er Jahren, die die Barockorgel ersetzt hatte.

Auf dem ehemaligen Wehrkirchhof stehen be­merkenswerte Grabsteine (besonders Maria Richter, gestorben 1743, Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 270).

 

Nordöstlich von Mittelbuchen lag Lützelbuchen. Es war ein sehr kleiner Ort, der altdeutsche Begriff „lützel“ (klein) sagt das schon aus. Sie hatten keine Kirche und kein Rat­haus, nicht einmal einen Schultheiß. Es ist auch nicht bekannt, daß dort ein Ritter gewohnt hätte. Es gab nur ein paar Häuser. Aber sie hatten außergewöhnlich tiefen Brunnen und brauchten daher auch im heißesten Sommer mit Wasser keine Not zu leiden. Man kann das daraus schließen, weil das Flurstück, wo Lützelbuchen vermutet wird, heute noch „der tiefe Born“ genannt wird.

Die Historiker waren sich schon im 19. Jahrhundert sicher, daß es zwi­schen Mittelbuchen und Bruchköbel lag, wohl am Köbeler Weg (der heute Lützelbuchener Straße heißt), ein wenig oberhalb dieses Weges. Die Straße führte ja von Frankfurt über Hochstadt unterhalb von Wachenbuchen vorbei, und dort, wo heute die Mittelbuchener Durchfahrtsstraße ist, bei dem Haus Lützelbuchener Straße 10a, ging sie gerade weiter nach Kinz­heim. Aber beim Haus Nr. 9 bog ein kleiner Fußweg ab, der nach Lützel­buchen und dann nach Bruchköbel führte. Lützelbuchen war dort ziem­lich geschützt, denn dort kam selten jemand vorbei, der nicht einheimisch war. Aber den genauen Ort, wo Lützelbuchen nun wirklich lag, den kennen wir nicht. Archäologische Luftaufnahmen haben uns nichts gebracht.

Bekannt ist wenigstens der Name eines Menschen aus diesem Dorf: Werner von Lützelbuchen, „Wirnchen“ genannt. Es war ein Leib­eigener, wie alle anderen Lützelbuchener auch, aber er war unter die „guten Leute“ aufgenommen, die bei der Abfassung von Urkunden testieren durften. Er war wahrscheinlich so eine Art „Sprecher“ für seinen Ort oder ein Ortsvorsteher. Er ist der eigentliche Garant dafür, daß Lützelbuchen überhaupt existiert hat.

Es werden nämlich in den Urkunden niemals alle drei Buchen zusammen erwähnt. Und man könnte sich vorstellen, daß der Volksmund die jeweils kleinere Ortschaft Lützelbuchen genannt haben könnte. Wirn­chen hätte sich jedoch sicher dagegen gewehrt, aus dem „kleinen Buchen“ zu kommen, wenn es kein Lützelbuchen gegeben hätte.

Urkundlich erwähnt wurde Lützelbuchen zuerst mit diesem Namen lange vor Mittelbuchen im

Jahr 1266. Reimer zufolge soll es dann schon im Jahr 1458 wüst gewesen m. Ob es in einer Fehde niedergebrannt wurde, oder was sonst gesche­hen ist, daß es aufhören mußte zu existieren, ist nicht bekannt. Aber die These ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Lützelbuchener nach Mittelbuchen übergesiedelt sind und sich westlich des Baches, der bisher die Westgrenze Mittelbuchens war, niedergelassen haben. Sie würden dann die vordere Erbsen‑ und Guldengasse bebaut haben und wahrschein­lich auch das Ranzeneck. Weil der Bach oft über seine Ufer getreten war, bauten sie in respektablem Abstand vom Bach, weshalb diese Straße heute noch so breit ist.

Die Ländereien bestanden natürlich weiterhin, und, wenn es auch kein Grundbuch gab, so nannte man die Grundstücke doch weiterhin nach Lützelbuchen. Im Jahre 1495 wird nämlich Lützelbuchen noch zweimal genannt und dann sogar noch einmal 1607. Aber es ist absurd, anzunehmen, daß die Ortschaft damals noch existiert haben könnte. Es ist aber der Grund, weshalb immer wieder angenommen wird, das Dorf könne doch auch im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden sein. Wenn das so wäre, so würden die Kirchenbücher darüber berichten.

 

Von der Dorfbefestigung ist das Obertor mit Rund­turm (15. Jahrhundert) erhalten. Der Rundturm ist der Rest von wahrscheinlich vier Türmen, an deren Run­dung Kanonenkugeln abprallten. Die modernen Kanonen hatten damit keine Last mehr. Richtige Wehranlagen mußten her. Beide Gemeinden bekamen nun den Vorzug, daß richtige Wehranlagen gebaut wurden, fast kreisrunde Ortsmauern mit Zinnen und jeweils zwei Toren. Es muß am Anfang des 16. Jahrhunderts gewesen sein, als der Bau be­gann. Es ist unwahrscheinlich, daß es vor dem Bau des Mittelbucher Kirchturms war, denn dieser war ja noch als Wehranlage geplant. Es war zur Zeit des Grafen Reinhard IV.

Neben dem Obertor steht  das Hirtenhaus. Im Jahre 1798 genehmigte das Amt Büchertal, daß die Kirchenmauer in Mittelbuchen repariert wird. Gleichzeitig wurde auch genehmigt, daß für den Schulmeister ein neuer Schweinestall gebaut wird. Es ist anzunehmen, daß beides zusammen­hängt. Das Ergebnis war nämlich wahr­scheinlich der Bau des goldigsten Häus­chens, das je in Mittelbuchen stand. Zunächst stand  es noch frei da, aber 1818 wurde dann der Friedhof erweitert und die Mauer wurde hinter dem Häuschen heruntergeführt (Bild in: Sauer, Büchertalgeschichten, Seite 130). Es war bekannt unter dem Namen „Hirdehäusi“. Daneben stand nämlich das Hirtenhaus, dem dieses Häuschen ebenfalls als Wirtschaftsgebäude diente. Aber es hatte noch einen Zweck: wenn der Gemeindevorstand oder das Presbyterium einen Gulden ins Säckchen als Strafe für eine Übertretung verhängte und der Betroffene das nicht bezahlen konnte, wurde er zum Arrest in diesem Häuschen ein paar Stunden ins „Gefängnis“ gesteckt. Das Schicksal dieses Schmuckstücks von Mittelbuchen ereignete sich kurz vor Inkrafttreten des Gesetzes über den Denkmalschutz: der Landeskon­servator geneh­migte gegen Protest seinen Abbruch in den 1960er Jahren.

 

An der Stelle, wo vermutlich früher das Backhaus stand (?), wird das Rathaus errichtet, mit einem hohen Mast zum Hochziehen und Trocknen der Feuerwehrschläuche.

 

Im Dorf stehen gute Fachwerkbauten, teils mit großen Toreinfahrten. Das beste Beispiel ist das „Steinerne Haus“, heute geteilt in Alte Rathausstraße 25 und Guldenstraße 1. Es gehörte dem Erbprinzen Wilhelm, der mit 23 Jahren regierender Graf in Hanau wurde und in Philippsruhe wohnte. Seine Liebe galt dem Wilhelmsbad, das auch nach seinem Namen benannt wurde. Er hatte im Park eine Pyramide errichten lassen, und unter ihr ruht seit dieser Zeit sein ältester Sohn, der kleine Erbprinz, der im Alter von 12 Jahren starb.

Wilhelm hatte aber noch andere Kinder. Man sagt ihm nach, daß er bis zu 113 Kinder gehabt haben soll. Drei von ihnen sind in einer Nacht in Wilhelmsbad erfroren. So mußte er natürlich auch die entsprechende Zahl von Müttern haben. Als reformierter Fürst (die Kasseler waren nämlich wieder reformiert) konnte er sich keinen Harem leisten, weder in Philippsruhe noch in Wilhelmsbad. Aber er wußte sich zu helfen. Deshalb hatte er sein Frauenhaus im „Steinernen Haus“ in Mittelbuchen. So erzählen die früheren Besitzer, und das ist auch um so mehr glaubhaft, als das Haus wesentlich komfortabler ausgestattet ist als die Bauernhäuser im Ort.

 

Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort fast vollständig zerstört. Beim Neuaufbau aber will gleich die verfügbare Fläche erweitern und schaft das Neubaugebiet „Plan“: Bei den Häusern Planstraße 8 und 25 läßt man die Mauer abbiegen, um sie etwa 40 Meter weiter im Westen neu zu errichten. Mitte der 60iger Jahre des 17. Jahrhunderts wird die alte Mauer abgebrochen und der bisherige „Plan“ wird neu bebaut („Plan“ deshalb, weil man hier eine ebene Fläche geschaffen hatte, um Angreifer gut erkennen zu können). Die älteste erhaltene Jahreszahl ist 1668 an der Scheune Erbsenstrasse 14. An den Häusern Planstraße 17 und 19 steht die Jahreszahl 1676. Etwa zwölf Neubauten können auf dem Gebiet errichtet werden. Die Karte von 1762 weist aber aus, daß aber nach 50 Jahren erst die Hälfte bebaut war. Die Verteidigungsanlage erhielt nach Westen zu eine Landwehr.

 

Nördlich der Planstraße ist das dritte Neubaugebiet Mittelbuchens am Simmichsborn. Hier wurden Bodenfunde aus der Zeit der Bandkeramiker gemacht und auch eine Wasserleitung angeschnitten. Aus allen möglichen Jahrhunderten liegen allenthalben Ton‑ oder Holz­rohre noch heute in der Erde, und im Zweifelsfall sonnt sich der Finder in der Freude, eine „römische“ Wasserleitung entdeckt zu haben. Doch leider bleiben solche Behauptungen ohne wissenschaftliche Untersuchung leer. Zwar kann niemand sagen, die Römer hätten nicht auch hier Was­serleitungen hinterlassen, aber gefunden wurde bisher nachweislich noch keine.

Die alte Wasserleitung, die in ihrem Verlauf nachgewiesen ist, stammt frühestens aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters. Sie beginnt oberhalb der Büchertalschule, unterquert dann den Mittelbuchener Schulweg und setzt sich unter der Bebauung oberhalb der Wachenbuchener Straße bis zum Haus Nr. 16 fort und unterquert dann die Straße bis zur Kreuzung.

Von Norden kommt eine zweite Leitung aus dem Feld. Daß der „alte Keller“ die gefaßte Quelle gewesen sei, dürfte wohl eher eine Legende sein, aber die Richtung stimmt jedenfalls. Diese Leitung geht durch den Simmichborn unter der Kilianstädter Straße hindurch und vereinigt sich mit der Leitung von der Büchertalschule.

Gemeinsam fließt das Wasser nun weiter durch die Wassergärten und macht etwa 500 Meter hinter der Bebauungsgrenze eine scharfe Rechts­kurve nach Süden. Die Wasserleitung führt durch die „Große Wiese“ weiter durch den Wald, 600 Meter östlich der Altenburg und anderthalb Kilometer östlich des Kinzigheimer Hofes vorbei und dann unter dem Autobahnkleeblatt hindurch nach Hanau, entlang der Bruchköbeler Landstraße bis zu den Dekalin‑ Werken, wo sie dann nach Osten schwenkt und an der Kinzig endet.

Naheliegend wäre, daß sie Wasser in das gräfliche Schloß führen sollte. Zwar liegt der Schluß nahe, aber der Beweis fehlt, denn bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts fand sich weder bei der Residenz noch in der Stadt eine Wasserleitung. Rund vierhundert private und dreiundvierzig öffentliche Brunnen sind nachgewiesen, und wenn es überhaupt Leitungen gab, so waren dies hölzerne Leitungen, wie sie in Mittelbuchen in der Alten Rathausstraße gefunden wurden.

 

 

 

Diese Keramikleitung ist aber 430 Jahre alt. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1981 (Thermolumineszenz‑Analyse) brachte dieses Ergebnis zutage. Das bedeutet also, daß die Leitung um 1570 gebaut worden sein dürfte. Mit Unterstellung von Fehlerquoten kann man noch 50 Jahre ‑ maximal 100 Jahre ‑ hinzu‑ oder abrechnen. So könnte man als Höchstalter das Jahr 1470 annehmen. Man hat auch schon angenommen, daß die Mittelbuchener Burg, die 1389 erwähnt wurde, und deren Reste um 1860 noch zu sehen waren, davon profitierte, denn sie lag direkt daneben, aber das kann man auch nicht beweisen. Sicher ist aber, daß nach der Mittelbucher Keramikleitung noch eine von Wachenbuchen nach Hanau gebaut wurde, wenn auch erst im 18. Jahrhundert.

Zu der Zeit, als die Hanauer diese Wasserleitung aus Wachenbuchen bekamen, war in Mittel­buchen mit dem Wasser große Not. Es gab in jener Zeit viele Wolkenbrüche, und vom Kilianstädter Berg stürzte das Wasser in den Ort, und die Häuser und Hofreiten wurden unter Wasser gesetzt. Im Jahr 1762 wurde deshalb ein Plan erstellt, nach welchem entsprechende Gräben und Dämme gebaut werden sollten, die das Wasser am Kilianstädter Weg Richtung Wiesbörn­chen ableiten und dort in den Bach, der dann ohnehin nach dem Wald hin abläuft, kana­lisieren sollten. Dieser Plan ist bis heute erhalten, und ihm verdanken wir die einzige Karte von Mittelbuchen. Die Mittelbucher mußten bis 1959 warten, bis sie ihre „Börnchen“ auf der Straße abbauen konnten.

Wenn man die Planstraße in Richtung Süden weitergeht kommt man wieder zur Alten Rathaus Straße und zur Kreuzung, an der - nach Sauer - eine Mittelbucher Burg gestanden haben soll. Die Kutschergärten dieser Burg wären an der Südostecke der Kreuzung gewesen.

 

 

 

 

Die letzten 185 Jahre in Mittelbuchen

Als das Dorf 1866 zu Preußen kam, nachdem es vorher zum Großherzogtum Frankfurt und dem Kurfürstentum Hessen gehörte, gab es keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Jahre 1867 ist der neue Teil des Kirchhofs bereits schon wieder belegt. So eröffnet die Gemeinde außerhalb des Ortes hinter dem Obertor einen neuen Friedhof. Am Deutsch‑Französischen Krieg 1870/71 nahmen 24 Soldaten aus Mittelbuchen teil und kamen  allesamt gesund wieder nach Hause.

Im Ersten Weltkrieg wurden 182 junge Mittelbucher eingezogen, 25 davon mußten bei Kampfhandlungen auf den Schlachtfeldern in Frankreich und Rußland ihr Leben hergeben.

Im Zweiten Weltkrieg bekam das Dorf die ganze Wucht dieses Grauens zu spüren. In einer ruhigen Umgebung gelegen, abseits von Hauptver­kehrsstraßen und Schienenwegen, war die Gemeinde Mittelbuchen am 4. Februar 1944 und am 6. Januar 1945 das Ziel schwerer Luftangriffe. Haben sich die Bomberpiloten geirrt und waren der Ansicht, daß sie sich über Hanau befinden? Jedenfalls haben sie am 4. Februar 1944 in der Gemarkung etwa 500 Sprengbomben abgeworfen. Noch heute werden Bomben gefunden, die damals nicht explodierten. Innerhalb des Ortes wurden bei diesem Angriff 4 Häuser vollkommen zerstört und 10 Menschenleben wurden beklagt. Elf Monate später, in den ersten Januartagen 1945, suchte das Elend Mittelbuchen erneut heim. Der Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 1945 wurden 80 Scheunen und 15 Wohnhäuser total zerstört, 16 Wohnhäuser wurden schwer und über 50 Häuser wurden leicht beschädigt. Menschenleben waren glücklicherweise nicht zu beklagen. Bereits zum Zeitpunkt der Währungsreform im Jahre 1949 zeugten nur noch wenige Trümmer von den vergangenen Ereignissen.

 

Das Kriegsende verschlug 200 Flüchtlinge aus Deutschlands Osten in das Dorf. Fleißige Leute, von denen etliche in Mittelbuchen ein neues Zuhause gefunden und unermüdlich am Wiederaufbau des Dorfes mitgeholfen haben.

 

In Gemeinschaftsarbeit wurde das 1. Hessische Dorfgemein­schaftshaus gebaut und konnte zum Zeichen der Weiterentwicklung im August 1953 den Bürgern übergeben werden. In die Grund­mauern sind die Worte „Einigkeit, Frieden und Wohlstand“ eingemauert. Mit einem drei Tage dauernden Fest wurde vom 15. bis 17. August 1953 die Einweihung gefeiert. Zum Bau dieses Hauses wurden durch Männer und Frauen annähernd 4.000 freiwillige Arbeitsstunden geleistet. Neben verschiedenen Sondereinsätzen sind durch die ortsansässigen Landwirte insgesamt 184 Fahrten mit Gespannfahrzeugen durchgeführt worden. Baumaterial wie Holz, Steine, Sand, Zement usw. mußte angefahren werden. Eine Wasserleitung gab es damals auch noch nicht. Also mußte zur Versorgung ein Brunnen gegraben werden.

Jeder Einwohner sollte einen freiwilligen Arbeitseinsatz bis zu 24 Stunden erbringen. 15 Einwohner leisteten zwischen 24 und 30 Stunden, 8 weitere mehr als 30 Stunden und August Wolf aus der Bruchköbeler Straße (heute Lützelbuchener Straße) erbrachte 70 Arbeitsstunden für die Allgemeinheit. Wohlgemerkt, diese Leistungen wurden zusätzlich zur täglichen Arbeit erbracht. Die Menschen der Nachkriegsjahre legten somit ein Zeugnis von echter Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit ab. Später erhielt das Haus nach seinem Förderer, dem Hessischen Staatsminister für Wirtschaft und früheren Hanauer Oberbürgermeister Heinrich Fischer, den Namen Heinrich‑ Fischer‑Haus.

Mittelbuchen besitzt das erste Dorfgemeinschaftshaus, das mit Hilfe des „Hessischen Programms“‑ gebaut wurde. Es ist seit 1953 im Betrieb. Das Ausmaß des Hauses beträgt 19,00 x 11,25 m, das des dazugehörigen Kindergartens 14,00 x 7,00 m. Das „Hein­rich‑Fischer‑ Dorfgemeinschaftshaus“ 1953 in Mittelbuchen hat fol­gende Anlagen: 1 Gemeinschaftsraum, (Dorfbücherei, zwei Näh­maschinen, Zentralhöhensonne, Rundfunk und Fernsehempfang), 1 Gemeinschaftswaschanlage mit Mangel, 1 Gemeinde­bad (Wannen und Duschen), 1 Kochanrichte (Einbauküche), 1 Wohnung der Gemeindeschwester und Behandlungsraum, 1 Mosterei, 1 Heizung und Kohlenkeller, 1 Tiefgefrieranlage, 1 Jugendboden, 1 Wohnung des Hausmeisters.

Der Kindergarten enthält: 1 Tages­raum, 1 kleinen Ruheraum, 1 Kochanrichte, 1 Waschraum und Toilette, 1 Garde­robe, 1 Kinder­spielplatz mit Schaukel, Karus­sell, Wippen und Kletterturm so­wie Nebenräume und W. C. Das Dorfgemeinschaftshaus in Mittelbuchen ist im ersten Jahre seines Bestehens von Tausen­den von Menschen, auch von Ausländern besucht worden (Bild in: Hanau Stadt und Land, Seite 236).

 

Unermüdlich wurde gearbeitet. In den Jahren 1958 ‑ 1959 wurde eine zentrale Wasserversorgungs‑Anlage geschaffen. Mittelbuchen bekam eine Wasserleitung. Eine Kanalisation mit der dazugehörenden Kläranlage wurde 1966 gebaut. Ende der 60er Jahre wurden alle Straßen, die durch die Bauarbeiten beschädigt wurden, mit einer Asphaltdecke versehen. Neue Häuser wuchsen aus dem Boden. Dabei wurde der dörfliche Charakter bewahrt, Hochhäuser findet man in Mittelbuchen nicht.

 

Aus dem Protokoll des Gemeinde‑Schulvorstandes vom 28. März 1961 ist zu entnehmen, daß in Mittelbuchen eine neue dorfeigene Schule gebaut werden sollte. Das geplante Vorhaben wurde von der Landesregierung abgelehnt und dafür der Bau einer Mittelpunktschule zusammen mit der Gemeinde Wachenbuchen empfohlen.

Die archaischen Strukturen der Dorfschulen waren nicht mehr aktuell und mußten geändert werden. Das neue Zauberwort hieß Mittelpunktschule. Eine erste gemeinsame Aussprache mit Vertretern aus Wachenbuchen fand im Februar statt. Viele weitere Gespräche folgten. Der Kosten­voranschlag wurde den Gemeinden von der Regierung zugestellt, die die Kosten für den Schulneubau auf 1, 6 Millionen Mark veranschlagt hatte. Es wurden dann aber doch 2,6 Millionen Mark. Wenn man zu dieser Summe nochmals die Reparatur‑. Erhaltungs‑ und Sanierungskosten mit einbezieht, ebenso wie die Personal‑ und Sachkosten, die Ausstattung der Schule mit Lehr‑ und Lernmitteln, so wurde bis zum 25jäh­rigen Bestehen der Schule im Jahre 1994 der Betrag von 30 Millionen DM ausgegeben.

Am 13. Januar 1969 war es endlich soweit. 317 Schülerinnen und Schüler nahmen ihre neue Mittelpunktschule in Besitz. Rektor wurde Walter Buckard, der die Schule bis zu seiner Pensionierung fast 25 Jahre zum Wohle der Schüler und im Interesse der Eltern geführt hat. Bei der Namensgebung waren sich die Bürger von Wachenbuchen und Mittelbuchen schnell einig: „Büchertalschule“ soll die neue Schule heißen. Hatte sich doch in ihren Köpfen die Hoffnung gehegt, beide Gemeinden werden sich zu einer Doppelgemeinde zusammenschließen. Doch noch im gleichen Jahr erklärte der damalige Landrat Martin Woythal, das bis dato favorisierte Konzept der Mittelpunktschule sei überholt. Die Zukunft gehöre der Gesamtschule. So war das also mit der Bildungsreform, der sich unmittelbar auch die Gebiets‑ und Verwaltungsreform anschloß.

 

Ein junges Menschenkind stand in Mittelbuchen im Rampenlicht. Gabi Heilmann aus der Guldenstraße 11, wurde am 25. April 1963 als 100.000ster Bürger des damals noch bestehenden Landkreises Hanau geboren. Aus den Händen von Landrat Voller erhielt ihre Mutter die Ehrenurkunde überreicht.

 

Im Umland wuchs „auf der grünen Wiese“ das Angebot der Geschäfte und Märkte. Das hat die ortsansässigen Handwerker und Geschäftsleute mehr und mehr getroffen. Ein Betrieb nach dem anderen wurde geschlossen. Die Menschen arbeiteten nicht mehr auf dem Land, sondern in den Fabriken in der Stadt. Man ging nicht mehr zu Fuß. und man fuhr auch nicht mehr mit dem Rad. Der Mensch motorisierte sich. Mit dem Auto. immer schöner und größer wurden diese, wurden die Entfernungen schneller. In unmittelbarer Nähe führt heute eine Autobahn mit direktem Anschluß in die weite Welt.

 

Anfang der siebziger Jahre kam die Zeit der Gebietsreform auch nach Mittelbuchen. Wohin sollte man sich wenden? Sollte man sich anschließen an Bruchköbel? Oder ge­meinsam mit Wachen­buchen einen Ort gründen mit dem Namen Büchertal? Oder wie schon früher, ganz einfach Buchen? Mit einer Stimme Mehrheit wurde entschieden, daß sich Mittel­buchen an Hanau an­

schließt. Am 3. November 1971 wurde im Rathaus in Mittelbuchen der Auseinandersetzungsvertrag für die Eingliederung von Mittelbuchen in die Stadt Hanau unter­zeichnet. Dieser be­deutende Akt wurde besiegelt auf Hanauer Seite durch Oberbürgermeister Dröse, Bürgermeister Martin und auf Mittelbucher Seite waren es Bürgermeister Fehlinger und der Erste Beigeordnete Philipp Puth. Am 1. Januar 1972 fand mit dem Austausch der alten Ortschilder die Eingemeindung in die Stadt Hanau seinen Vollzug. Viele Hände wurden unter den alten und neuen Schildern von wichtigen Leuten geschüttelt. Mittelbuchen war nun „Stadt“ und die Bürger konnten davon profitieren. Straßen wurden erneuert. Bäume gepflanzt und Blumenkübel aufgestellt. Die alten Fachwerkhäuser wurden restauriert und Mittelbuchen nahm in den folgenden Jahren erfolgreich teil am Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“.

 

Schon bald nachdem Mittelbuchen Stadtteil von Hanau war, wurde der „Schwaberg“ erschlossen. Aus der Hand von Oberbürgermeister Martin erhielten die Eheleute Huth, Am Schwaberg 41, ihre Baugenehmigung mit der Nr.1/72 vom 21. Januar 1972, überreicht. Es folgte der „Kirchberg“ und in jüngster Zeit Richtung Norden das Baugebiet „Am Simmichborn“. Der liebenswerte Charakter von Mittelbuchen hat den Ort zu einem bevorzugten Wohngebiet gemacht. Die Menschen sind freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit.

 

In den 70er Jahren hat der Bauwahn dann teilweise seinen Höhepunkt erreicht. Alles mußte neu sein, Altes und Historisches zählte nicht mehr. Das alte Rathaus wurde 1973 abgerissen. Zum Leidwesen der Bürgerschaft fiel auch das historische „Gasthaus zur Krone“ der Abrißbirne zum Opfer. Vorausgegangen war allerdings, daß die letzte Besitzerin, die im Alter von 90 Jahren verstarb, das Erbe nicht geregelt hatte. Behördliche Auflagen erforderten Millionen, um das Gebäude zu retten. Dieses Geld hatte keiner. Und in der Erbteilung wurde das Anwesen zum Abbruch verkauft. Am 27. März 1980 rückten die Bagger an, um ihr Werk zu vollbringen. Vorher mußte „Die Krone“ jedoch erst durch die Polizei von sogenannten alternativen Besetzern“ geräumt werden, die in den alten Mauern ein „Kulturzentrum“ einrichten wollten.

 

In festlichem Rahmen wurde am Abend des 16. Januar 1987 die neue Mehrzweckhalle ihrer Bestimmung übergeben. „Für Mittelbuchen ist uns nichts zu teuer,“ sagte der damalige Oberbürgermeister Hans Martin im Zusammenhang der entstandenen Mehrkosten. In seiner Rede bezeichnete er den insgesamt 5,2 Millionen DM teueren Bau als „einen Gewinn für Mittelbuchen“. Für die Vereine sprach der Vorsitzende des TV Mittelbuchen, Karl Stroh, der betonte, „daß Mittelbuchens Bürger auf ihre neue Halle stolz sein können.“ Die Mehrzweckhalle ist heute Bürgertreff und Mittelpunkt des „sportlichen und kulturellen Lebens“.

 

Die Tankstelle schloß zum Jahresende 1997. Der Lebensmittelmarkt wurde zunächst einmal geschlossen. Im Jahr 1998 wurde damit begonnen, eine Erdgasleitung zu verlegen um die Häuser in Zukunft umweltfreundlich mit Energie zu versorgen.

 

 

Geschichte der Kirchengemeinde:

Die Pfarrkirche war dem H. Bonifatius geweiht und stand unter dem Dekanat Roßdorf im Archi­diakonat S. Maria ad Gradus in Mainz. Patron waren die Herren von Hanau. Um 1340 kam der Pfarrer Werner von Lichtenberg nach Mittelbuchen. Er stammte wohl von der gleichnamigen Burg im Odenwald wurde aber Pfarrer.  Sein Ziel war es, für Mittelbuchen vom Papst einen Ablaßbrief zu erreichen. Aber es gab eine Schwierigkeit: Wenn eine Gemeinde einen Ablaßbrief wollte, so mußte sie dem Heili­gen Erzengel Michael eine Kapelle errich­ten. Die meisten Ge­meinden zogen sich so aus der Schlinge, daß sie einfach in einer Etage des Kirch­turms, die ohnehin nicht gebraucht wurde, einen Altar für den Erzengel aufstellten ‑ und schon bekamen sie ihren ersehnten Ablaßbrief.

Aber so ging das in Mittelbuchen nicht, denn die Kirche hatte keinen Turm und auch im Inneren keine Nische, die man als Kapelle hätte deklarieren können. So wurde im Jahr 1344 an die Kirche eine Michaelskapelle angebaut. Eine Kaplanstelle wurde geschaffen und bald darauf wurde Emercho zum Kaplan der Micha­elskapelle ernannt. Im Grundriß kann man diese Kapelle noch 1750 erkennen. Im Jahr 1393 wurde Johann Cremer mit dem Altardienst betraut und war bis 1415 Altarist. Sein Nachfolger war Johann von Buchen, der 1438 starb, und ihm folgte Martin Bruner, der sechs Jahre später auch noch den Altardienst am Kreuzaltar in Windecken versah. Als er 31 Jahre danach starb, folgte 1469 Hartmann von Marköbel.

Er hatte einen harten Schlag der „Konkurrenz“ hinzunehmen: 15 Kardinäle erteilten für Hanau einen Ablaßbrief von hundert Tagen Ablaß je Bußleistung. Das waren pro Kirchenbesuch jeweils 1500 Tage Ablaß aus dem Fegefeuer. Dieses konnte die Michaelskapelle nicht einmal zur Hälfte bieten, und noch nicht einmal jeden Tag. Die Michaelskapelle war ‑ zumindest für die Hanauer ‑ uninteressant geworden.

Im Jahr 1363 trat Wernher von Lichtenberg die Reise nach dem Hof des Papstes Urban V. in Avignon in Frankreich an. Am 6. September 1363 erklärten sich 18 Bischöfe (darunter drei Erzbischöfe) bereit, den Ablaßbrief unter ihrem Namen und Siegel aus­stellen zu lassen. Pfarrer Werner bekam einen Ablaßbrief, der alles, was man sonst kannte, in den Schatten stellte.

Der große Ablaßbrief wurde bewilligt. Aber er gewährte nicht - wie für andere Kirchen – je 40 Tage Ablaß zu Weih­nachten, Ostern und Pfingsten (also 120 Tage pro Jahr), sondern wer in Mittelbuchen Buße tun wollte, hatte an 187 Tagen im Jahr Gelegenheit dazu, sich jedesmal für ganze 800 Tage (zwei Jahre und 2 ½ Monate) freizukaufen. Der Jubel in Mittelbuchen muß groß gewesen sein und in Wachenbuchen und Lützelbuchen ebenfalls, denn so leicht wie in der Bonifatiuskirche konnte man von nun an nirgendwo Sünden loswerden. Und das galt nicht nur für die Buchener. Mittelbuchen mußte geradezu zum Wallfahrtsort geworden sein. Im späten Mittelalter war die Angst vor Hölle und Fege­feuer panisch geworden, so daß das immer häufiger werdende Angebot von Ablaß wie eine Droge wirken mußte.

Man mußte nur in die Bonifatiuskirche oder in die Michaelskapelle gehen und entweder andächtig sein oder beten. Pilger waren ausdrücklich eingeschlossen. Aber auch die, die ohnehin turnus­mäßig die gottesdienstlichen Veranstaltungen oder Begräbnisse u.a. be­suchten. Es genügte schon, über den Kirchhof zu gehen und Weihwasser zu nehmen oder am Grabe der Angehörigen zu beten. Nein, selbst zu Hause hatte es Zweck, wenn man beim Abendläuten die Knie beugte und Ave Maria und Vater Unser betete.

Auch das Spenden von Gaben in Gold, Silber, Kerzen, Spenden für die Unterhaltung der Kirche sowie die Abfassung von Testamenten zugunsten der Kirche brachten den Ablaßerfolg. Glücklicherweise wurde auch nicht vergessen, die zu bedenken, die mit Rat und Tat anderen Menschen bei­standen und diejenigen, die für andere Menschen beteten, genau gesagt, für den Erzbischof in Mainz, den Herrn Ulrich in Hanau und die Familie von Lichtenberg.

Die Urkunde ist so unfaßbar schlampig abgefaßt, daß man nicht mehr davon ausgehen kann, daß wirklicher Ernst und tiefer Glaube dahinter­stand. Daß der Anfangsbuchstabe, für den auch reichlich Platz gelassen wurde, ein „U“, nicht eingefügt und ausgemalt wurde, wie in mittelalterli­chen Urkunden üblich, und daß die Akkuratesse, mit der andere Urkun­den künstlerisch geschrieben wurden, völlig fehlt, mag man noch der Verwaltung ankreiden. Daß der Bischof Sergius von Ravello zweimal als Absender auftritt, mithin also statt 40 Tage Ablaß 80 Tage gegeben hat, das durfte in einer ernstzunehmenden Urkunde doch nicht vorkommen.

Leider hat Werner von Lichtenberg die endgültige Bestäti­gung des Ablaßbriefs nicht mehr erlebt: Der Erzbi­schof Gerlach von Nassau in Mainz nahm sich zu lange Zeit mit der Bestäti­gung des Briefes. Im Jahre 1364 kam schon, Gerlach Gufer als Nachfolger nach Mittelbuchen.

In der Michaelskapelle folgte 1489 Johann Lug auf Hartmann, und auch er war zugleich auch in Windecken. Bis 1525 war er im Dienst. Es war das Buchener Reforma­tionsjahr. Der letzte Kaplan war dann noch Johann Volpmann. Aber die Reformation war da, Heiligenverehrung gab es nicht mehr, eine Michaels­kapelle braucht man nicht mehr, so wurde sie zum Chorraum der an­grenzenden Kirche ausgebaut.

 

 

 

 

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war in Mittelbuchen immer noch der Pfarrer Ulrich, während aus Wachenbuchen keine Nachrichten mehr sind, wer nach dem Weggang von Gerlach nach Mainz Nachfolger wurde. Es scheint aber ein Pfarrer namens Heiso gewesen zu sein, der 1407 erwähnt wird. Ihm folgte spätestens 1411 Ludwig Antreff (auch Antreche ge­schrieben) nach. Aber Antreff wechselte spätestens 1430 nach Mittel­buchen über.

Ludwig Antreff  erlebte eine große Überraschung. Der neugebackene Graf Reinhard war mit seiner Marienkirche in Hanau nicht mehr zufrieden. Was für einen Herren gut war, ist für einen Grafen noch lange nicht gut genug. Der Gottesdienst sollte nicht nur herrlich, sondern gräflich sein. Und dazu brauchte Reinhard Leute. Neue Altäre waren schnell gebaut, aber Pfarrstellen ließen sich nicht einfach aus dem Boden stampfen. Deshalb dachte er an Ludwig Antreff. Antreff sollte künftig in der Marienkirche Altardienste leisten. Auch die Altaristen der St. Georgskapelle wurden dazugeholt. Mit Sicherheit auch der Wachenbuchener Pfarrer ‑ aber darüber liegen, wie gesagt, aus dieser Zeit keine Nachrichten vor. Zur Bezahlung dieser aufwendigen Besetzung schuf der Graf ein heute noch bestehendes Stiftungsvermögen um alle vergüten zu können ‑ die für seine Gottesdienste „präsent“ sein mußten, die sogenannte „Präsenz“.

Geplant war wohl, daß beide Gemeinden nun Filialen der Marienkirche sein sollten. Aber Pfarrer Antreff muß sich wohl mit seinem Wachenbucher Kollegen den Plänen widersetzt haben. Als er 1454 starb, war seine Gemeinde noch selbständig.

Erst Pfarrer Schlosser, offenbar der „starke Mann“ in Hanau, schaffte es dann schließlich, zumindest die Gemeinde Mittelbuchen 1486 der Ma­rienkirche „einzuverleiben“. Mittlerweile waren es nun schon neun Altari­sten geworden. Diese Fusion war allerdings nur von kurzer Dauer. Schon nach 39 Jahren, als die Reformation schon voll im Gange war, trat 1525 ein Wechsel im Mittelbucher Pfarrhaus ein, von dem noch die Rede sein wird. Ein evangelischer Pfarrer kam und machte natürlich keine katholischen Altardienste mehr. Der katholische Pfarrer von Mittelbuchen ging nach Altenhaßlau und machte den Altardienst in Hanau weiter. Dadurch haben heute noch die Gemeinden Wachenbuchen, Mittelbuchen und Altenhaß­lau Anteil am Präsenzvermögen, und die beiden Buchener Gemeinden haben abwechselnd den zweiten Vorsitz inne. Die Präsenz als solche aber erlosch, als Hanau auch evangelisch wurde. Die Patrone behielten aber weiter das Besetzungs­recht.  Die Präsenz hat für Bau und Unter­haltung der Pfarreigebäude zu sorgen; der Pfarrer war Mitglied des Stiftskollegiums (Kanonikus) der Marien‑Magdalenenkirche in Hanau.

 

Der Patron der Wachenbuchener Kirche, Diether von Isenburg war ein Ekel. Wo er nur konnte, spielte er seine Macht aus. Offenbar hatte er sogar im ganzen Ruralkapitel Roßdorf Einfluß, und er machte Eingaben beim Erzbischof und beim Papst, die dann ihrerseits wieder entsprechende Erlasse heraus­gaben. Im Jahre 1462 trat das Ruralkapitel zusammen und stellte fest, daß man wegen Diether „keine Versammlungen mehr abhalten könne“. Kämmerer des Kapitels war zu dieser Zeit der Mittelbuchener Pfarrer Wenzlaus. Er bekam den Auftrag, in dieser Angelegenheit tätig zu werden.

Er machte sich auf zum Notar Johann von Usingen und appellierte dort gegen die Befehle von Papst Pius II. (1458‑64), gegen den „Erwählten von Mainz“ (den Erzbischof Adolf von Nassau) und Diether von Isenburg. Als Zeugen zog er den Pastor Johann Keller von Bergen und den Priester Syfried von Malsberg hinzu. Somit wurde er eindeutig der Buchener Vorreformator.

Aber die Geistlichen des Kapitels machten nicht nur Worte, sie handelten auch. Ab sofort wurde keine Kirchensteuer mehr bezahlt. Zwei Jahre lang. Dann kam eine Drohung des Propstes an den Archipresbyter in Roßdorf, daß alle Säumigen mit Exkommunikation belegt werden, wenn sie nicht innerhalb von 15 Tagen bezahlt haben. Man nahm den Bann nicht mehr so ernst wie früher. Was wollte denn die Kirche mit lauter exkommuni­zierten Pfarren?  Nach fünf Monaten waren erst 168 Gulden eingegangen. Alsdann der Erzbischof anordnete, daß nun 10 Jahre lang je 20 Pfennig zusätzliches Kirchgeld bezahlt werden solle ‑ jährlich 114 Gulden ‑, so scherte man sich kaum darum. In zwei Jahren waren nur 64 Gulden eingegangen. Die Bereitschaft zur Subordination ging

dem Ende zu.

 

Antonius Wilner hieß der Mittelbuchener Pfarrer (von Wachenbuchen hören wir aus dieser Zeit immer noch nichts), und er hielt an seinem alten Glauben fest. Aber je länger, desto mehr konnte er sich nicht mehr halten. Mit Sicherheit hatte er noch viele Gläubige hinter sich, aber sie waren nicht mehr die Mehrheit. Man sagte ihm, er solle gehen. Er sah es auch ein. Es waren wieder vier Jahre seit dem Reichstag vergan­gen. In Windecken wohnte ein aus Hanau stammender Pfarrer namens Johann Emmel. Er war begeistert für die Reformation und vielleicht bei so manchem in Windecken deshalb nicht beliebt. Man holte ihn nach Mittelbuchen, und Antonius Wilner ging nach Altenhaßlau. Bereits am 21. Mai 1525 trat Emmel seine Stelle hier an, obwohl Wilner erst am 27. Mai ging. Pfarrer Johann Emmel bekannte sich zu der Bekenntnisschrift, die die Evangelischen vor dem Reichstag (1530, ebenfalls in Augsburg) vorgelegt hatten. Der Reichstags­beschluß von 1555 sicherte dann sieben Jahre später ab, daß das auch alles so in Ordnung war.

Wer katholisch bleiben wollte, hatte es nun gut, daß da noch die Micha­elskapelle war. Im Juni kam ein neuer Kaplan, und die Kapelle wurde wieder aktuell. An eine Spaltung der Kirche hatte man damals noch gar nicht gedacht.

 

Friedrich Wilhelm Richter, der Mittelbuchener Pfarrer der Aufklärung  hatte persönlich ein schweres Schicksal: Er kam 1742 nach Mittelbuchen. Er war verheiratet, und seine Frau war in  Erwartung eines Kindes. Im Jahr darauf starb die junge Frau von 22 Jah­ren und wenige Monate später das Kind. Richter heiratete nach Jahresfrist wieder: die Tochter des französischen Pfarrers in Hanau. Wieder hatte dieses Ehepaar ein Kind, und auch dieses starb nach eineinhalb Jahren. Die damals ebenfalls 22jährige Mutter folgte ihrem Kind einen Monat später im Tod nach. Richter war wieder allein. Nach zwei Jahren entschloß er sich, es noch einmal zu versuchen. Vier Kinder gingen aus der dritten Ehe hervor, doch nach 18 Ehejahren starb er dann, auch gerade erst 52 Jahre alt.

 

Im Jahre 2002 wurde die Kirche renoviert. Die Walker-­Orgel aus den 50iger Jahren war schwer überholungsbedürftig. Bei Schachtungsarbeiten für die Heizungsablage in der Kirche stieß man auf vermu­tete und unerwartete Funde. Bei den Erdarbeiten für die neuen Warm­luftschächte stieß man auf die Grundmau­er des Vorgängerbaus, die in Urkunden er­wähnte Michaeliskapelle aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Möglicherweise stand an gleicher Stelle bereits 1340 eine kleinere Kapelle aus Holz. Mit den Mauerresten bestätigte sich lang Vermutetes. Unerwartet war indes der Fund eines Mainzer Hohlpfennigs ‑ so genannt, weil er bei der einseitigen Prägung eine leicht schalenförmige Form er­hielt. Die Münze war vermutlich irgend­wann in der Zeit von 1480 bis 1560 statt in den Klingelbeutel in eine Ritze des Holz­fußbodens gefallen.

Beim Ausheben des Luftschachtes in der Nähe des Altars kam das vollständige Skelett eines ver­mutlich vier bis sechs Jahre alten Kindes zu Tage, das nur 30 Zentimeter unter dem heutigen Kirchenboden begraben lag. Unter dem Kinderskelett fanden sich Knochenreste von Erwachsenen und ein Schädel. Offensichtlich baute man das heutige Gotteshaus zum Teil über einem ehemali­gen Friedhof. Zum Alter der Knochenfunde lassen sich derzeit noch keine Aussagen machen. Ein bißchen zum Kirchenbau verrät je­doch die Lage des Kinderleichnams: Kin­der, die vor der Taufe starben, beerdigte man dicht an der Kirchenaußenmauer, da­mit der Regen vom Dach auf die Grabstät­te lief, um so im nachhinein das Sakrament  zu erteilen.

 

Die katholische Kirchengemeinde: Bis 1946 blieb die Gemeinde rein evange­lisch. Kesselstadt hatte bereits 1909 wieder eine katholische Gemeinde, allerdings ohne Kirche. Doch die Wende kam mit der Ausweisung der Heimatvertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten. Die Zahl der Katholiken wurde auch durch Zuzug von Außerhalb und durch die Neubaugebiete vergrößert.

Nach und nach wurde nun die katholische Gemeinde die katholische Pfarrkuratie Kesselstadt integriert. Die evangelischen Kirchen­gemeinden stellten ihre Kirchen zur Verfügung, auch die Barackenkirche in der Hohen Tanne. Im Jahre 1962 wurde der 1921 in Kesselstadt geborene Karl Schönhals Pfarrkurat der Kuratie Kesselstadt und betrieb den lange geplanten Bau der St. Elisabethkirche voran. Im Jahr 1964 war sie fertig und wurde vom Fuldaer Bischof Bolte konsekriert. Gleichzeitig wurde die Gemeinde zur Pfarrei erhoben und Karl Schönhals zu ihrem ersten Pfar­rer.

Steinheim

 

Geschichte:

Die Besiedelung der Gemarkung Steinheim (Ober- und Niedersteinheim) läßt sich archäologisch von der jüngeren Altsteinzeit bis in das frühe Mittelalter nachweisen. Römische Siedlungsreste fanden sich an der Mainspitze,  einem weitgehend hochwasserfrei gelegenen Siedlungsplatz, der bereits in vorgeschichtlicher Zeit aufgesucht wurde. Hier wurden die ersten Römerspuren 1845 entdeckt. Im Jahre 1875 grub der Hanauer Geschichtsverein zwei in Ost-West-Richtung verlaufende Mauerstücke aus. Schließlich grub E. Anthes im Auftrag der Rreichslimeskommission.

Im Jahre 1894 wurde ein rechteckiges Gebäude festgestellt, das als Teil einer militärischen Anlage gedeutet wurde.Bei Ausgrabungen 1961/62 und 1965 wurde der Gesamtgrundriß des langrechteckigen Gebäudes (45,50 x 18,60 Meter) aufgenommen. Eine Innenraumeinteilung war nicht mehr zu ermitteln. Aufgrund der Breitenmaße kann aber mit Dachträgern gerechnet werden, die die Anlage vielleicht zwei- oder gar dreischiffig gestalteten. In dem aus Basaltmauerwerk errichteten Gebäude ist vermutlich ein Nebengebäude eines römische Gutshofes (villa rustica) zu sehen, vielleicht aber auch das Hauptgebäude, das dann dem sogenannten „Hallenhaustyp“ zuzuordnen wäre.

Etwa 50 Meter östlich dieses Gebäudegrundrisses wurde das zugehörige Badegebäude aufgedeckt, das sich über einen holzverschalten Keller erstreckte, der vermutlich zu einem früheren Holzgebäude gehörte. Unter verbranntem Lehmfachwerk, das in den Keller gestürzt war, lagen acht Amphoren, mehrere Fibeln sowie ein Denar des Kaisers Severus Alexander. Danach ist die Kellerfüllung in die Zeit der Alamanneneinfälle der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts nChr zu datieren. Nach dieser Brandkatastrophe wurde über dem Keller ein Badegebäude aus Stein errichtet. Es zeigt einen einfachen Grundriß. Der Eingang hat im Süden gelegen. Dort befand sich das Kaltbad (frigidarium) F mit der Kaltwasserwanne (piscina) P. Es schloß sich das Heißbad (caldarium) C an. Von der Hypokaustheizung war lediglich der Unterboden erhalten. Es fanden sich auch noch andere Gebäude auf der Mainspitze.

 

Klein-Steinheim ist die ältere geschlossene Siedlung. Man hat dort in den letzten Jahren in der Nähe des Bahnhofes frühgermanische und römische Gräber in großer Anzahl gefunden. Groß- Steinheim ist, wie die meisten Mainorte, eine fränkische Siedlung. Während die anderen benachbarten Orte schon im 9. Jahrhundert erwähnt werden, tritt Groß-Steinheim erst im 13. Jahrhundert in mehreren Urkunden auf.

Die historische Überlieferung setzt mit einer Urkunde vom 19. Dezember 1222 ein, in der die auf einer Basaltkuppe am Südufer des Mains gelegene Burg Steinheim erstmals erwähnt wird, um den Ort Hausen (heute Kreis Offenbach) zu lokalisieren. Dieser Ort gehörte zum Herrschaftsbereich der Herren von Hainhausen, die wohl in der Mitte des 12. Jahrhunderts die Burg Steinheim gründeten. Nachdem die Herren von Hainhausen zwischen 1180 und 1190 in den Besitz der Burg Eppstein samt Herrschaftsgebieten im Taunus gelangt waren, nannten sie sich Herren von Eppstein, und diese wurden in einer Urkunde von 1254 dann ausdrücklich als Eigentümer der Burg Steinheim genannt. Die Burg war für sie Mittelpunkt des Amtes Steinheim, das sich von Alzenau bis nach Mühlheim und südlich nach Jügesheim erstreckte.

Unter den Herren von Eppstein wurde zwar die Burg 1301 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den rheinischen Kurfürsten und dem deutschen König  Albrecht von Habsburg durch den königstreuen Ulrich I. von Hanau zerstört (und sogleich wieder aufgebaut) und im 13. und 14. Jahrhundert mehrfach verpfändet, aber die bei der Burg gelegene Siedlung erlebte einen Aufschwung.

Im Jahre 1320 belohnte Ludwig der Bayer die Dienste, die ihm Gottfried V. von Eppstein geleistet hatte, durch die Verleihung der Stadtrechte an Obersteinheim. Es erhielt damals durch die Mauer den Umfang. den es bis nach dem Dreißigjährigen Krieg behielt. Niedersteinheim, am Fuße der Basaltkuppe gelegen und Sitz der Pfarrei (bis 1449), behielt weiterhin den Status eines Dorfes.

Das Original der Stadtrechtsurkunde von 1320 aus dem Würzburger Staatsarchiv wurde leihweise im Museum Steinheim gezeigt.  „Wir Ludwig, von Gottes Gnaden König der Römer und allzeit Augustus wünschen, daß das folgende zur Kenntnis aller gelänge“, ist dort in lateinischen Lettern auf dauerhafter Tierhaut zu lesen. „Indem wir mit Dankbarkeit unsere Aufmerksamkeit auch auf die treuen Dienste, die unser treuer Edelmann Gottfried von Eppstein uns und dem Reich erwiesen hat und in Zukunft erweisen soll, richten, setzen wir dessen Dörfer Steinheim. und Delkenheim durch den Wortlaut des vorliegenden Schreibens mit königlicher Genehmigung in Freiheit und wir wünschen und erlauben, daß sie im im vollen Umfang die gleichen Rechte genießt,  deren unsere königliche Stadt Frankfurt bislang genossen hat.“

Schon dieser Passus zeigt, was die Ernennung zur Stadt bedeutete: neue Rechte, aber auch Pflichten. Die Urkunde hob die Leibeigenschaft für Steinheimer auf. Sie gestattete dem Herrscher Gottfried von Eppstein Stadtmauern zu bauen - als Schutz aber auch zur Trennung von Bürgern und Bauern.

Was das Recht betrifft, wurde Ludwig der Bayer erst im Jahr 1332 präzisiert. Von diesem Zeitpunkt an durften regelmäßig Wochenmärkte abgehalten werden, eine niedere Gerichtsbarkeit in der Burg tagen. Diese Privilegien verteilte der politisch in Bedrängnis geratene Bayer nicht selbstlos. „Das Städtewesen bot sich als bewährtes Instrument zur inneren Festigung der eigenen Herrschaft an“, heißt es in der vom Heimat- und Geschichtsverein und der Stadt erstellten Begleitbroschüre zur Sonderausstellung.

Mit Friedrich dem Schönen von Habsburg besaß Ludwig nach der Doppelwahl im Jahr 1314 einen mächtigen Kontrahenten.

Beide kämpften um die Herrschaft über dem Rhein und versuchten, die Anhängerschaft des anderen für sich zu gewinnen. In dieser Situation traf den Bayern ein schwerer Schlag: Der Tod seines wichtigen Bündnispartners, des Mainzer Erzbischofs und Kurfürsten Petrus von Aspel im Juni 1320. Die Habsburger nutzten die dadurch entstandene Schwäche Ludwigs.

Nach einem kampflosen Rückzug erreichten dessen Truppen im September 1320 Frankfurt am Main. Als „König Ludwigs Schlappe von Straßburg“ ging dieses Ereignis in die neuere Geschichtsschreibung ein. Angesichts dieser schwierigen politischen Lage zeigte sich der Bayer zu relativ hohen Zugeständnissen bereit, um seine noch verbliebenen Anhänger an sich zu binden. Dazu gehörte auch Gottfried von Eppstein, dessen beide Dörfer sich vom 4. Dezember 1320 an Städte nennen durften.

Im Jahre 1320 war „Hochzeit“ für Stadt- und StadtrechtspriviIegien. Außer Steinheim kamen in diesen Genuß Windecken (1288), Steinau (1290), Hanau (1303), Soden (1296) und Salmünster (1320). Die damit verbundenen Privilegien bezogen sich zunächst nur auf das Recht, eine Stadtmauer zu bauen. Bis zum Verkauf Steinheims an das Erzstift befand sich die Urkunde 105 Jahre lang auf Gottfrieds Burg im Taunus. Anschließend bewahrte das Mainzer Archiv über vier Jahrhunderte das Dokument auf. Nach dessen Auflösung landete das Schriftstück im Münchener Hauptstaatsarchiv, nach der Flurbereinigung bayerischer Archive liegt es nunmehr seit zwei Jahren in Würzburg. Die Erlaubnis zur Ansiedlung von handelstüchtigen Juden folgte 1335. Im Jahre 1336 empfingen die Herren von Eppstein den Main als Lehen, 1355 das Münzprägerecht und 1358 das Recht, am Main Zölle zu erheben.

Die Ausgaben der Eppsteiner standen aber nicht im richtigen Verhältnis zu ihren Einnahmen. Das ritterliche Aufgebot und ihre großspurige Politik, verschlangen gewaltige Mittel. Sie mußten Geld aufnehmen und verschuldeten immer mehr. Sie verpfändeten ihren Besitz - auch einmal an den König von England - und verkauften im Jahre 1425 Burg, Stadt und Amt Steinheim um 38.000 rheinische Gulden an Konrad III. von Daun, Kurfürst und Erzbischof von Mainz.

Der Erwerb Steinheinis bedeutete als Bindeglied zwischen Mainz und Aschaffenburg und dem Spessart einen deutlichen Machtausbau am Main. Da Mainz gleichzeitig auch Höchst gehörte, konnte er gegebenenfalls die Reichsstadt Frankfurt in die Zange nehmen.

Fast vierhundert Jahre war Steinheim Residenz der Mainzer Kurfürsten und geographischer Mittelpunkt des Kurstaates, der von Mainz bis Würzburg reichte. Daß Steinheim früher an einer viel benutzten - später beseitigten - Mainfurt lag, ist noch heute trotz Schiffbarmachung und Kanalisation des Flusses zu erkennen. Das Ufer läuft dort flach aus, an dieser Stelle bildet sich bei Frost zuerst Eis. Die Furt lag im beherrschenden Blickfeld der auf einem Basaltblock stehenden Burg Steinheim.

Dieser Kauf war auch für die Bürgerschaft kein schlechter Tausch. Ihre Interessen wurden nun von dem mächtigsten deutschen Reichsfürsten gewahrt. Steinheim wurde ein gewaltiger Stützpunkt im oberen Erzstift Mainz. Wohl geborgen saßen Steinheims Einwohner hinter Mauern und Türmen. Ihr Kurfürst schirmte sie vor Kriegsnot und Verwüstung. Die Bürger gaben mit ihrer Hände Arbeit der Mainfestung das wehrhafte und stolze Gepräge, das wir auf dem Merian-Stich von 1646 bewundern.

Kurmainz machte sich auch sofort daran, Steinheim seiner neu gewonnenen Bedeutung gemäß baulich aufzuwerten. Die Eppsteiner Burg wurde schrittweise zu einer Schloßresidenz ausgebaut. Es entstand der Prachtbau mit vier Stockwerken, mit Türmen, Türmchen und Erkern Der heute noch stehende Bergfried mit seinen vier Ecktürmchen wurde damals errichtet, ebenso die Stadtmauer. In diese war auch der zinnenbewehrte Westturm der Pfarrkirche St. Johann Baptist einbezogen. Erzbischof Dietrich von Erbach (1434-59) sorgte auch für das seelische Bedürfnis seiner Untertanen, indem er mit ihrer Hilfe aus der kleinen Kapelle am starken Westturm eine Pfarrkirche errichten ließ. Die seitherige Pfarrkirche in Klein-Steinheim war in dieser Zeit des Faustrechts und des Landfriedensbruchs zu sehr den kriegerischen Wechselfällen ausgesetzt.

Die Hauptkirche wurde deshalb im Jahre 1449 hinter den Schutz der Steinheimer Mauern verlegt. Hierher flüchteten in Kriegszeit die Einwohner von Nieder-Steinheim, Klein- Auheim, Groß-Auheim und Hainstadt und konnten zugleich ungestört ihrem Herrgott dienen. Im Schutze dieses festungsartigen Orts prosperierten Handel und Handwerk, entstanden schmucke Bürgerhäuser, die fast lückenlos erhalten sind.

In Steinheim wurden die Abgaben der Untertanen verwaltet. Um die riesigen Vorräte lagern zu können, mußten Scheunen und Keller gebaut werden und der Kurfürst brauchte ein Heer von Beamten, die die einkommenden Lieferungen wogen, zählten und inventarisierten. Den Charakter eines Verwaltungssitzes konnte die Steinheimer Altstadt bis heute bewahren, Keller und Scheuern blieben unzerstört und die prächtigen Häuser und Höfe der kurmainzischen Verwalter erstrahlen nach aufwendiger Renovierung im alten Glanz. Zur Entspannung gingen die Mainzer Erzbischöfe in der nahe gelegenen Fasanerie ihrer Jagdleidenschaft nach.

Kaum hatten um 1450 die Steinheimer Bürger ihrem Kirchturm die Zinnenkrönung aufgesetzt und an dem stolzen Bergfried und Mauergürtel die letzten Steine eingemauert, als sie Hammer und Kelle, Pflug und Sense mit Sturmhaube und Harnisch vertauschen mußten. Ein erbitterter Kampf war zwischen den beiden Thronkandidaten um den Mainzer Erzbischofsstuhl, zwischen Dieter von Isenburg und Adolf von Nassau, ausgebrochen, die sogenannte „Mainzer Stiftsfehde“.

Steinheim hielt treu zu dem vom Papste gebannten Dieter von Isenburg. Adolf von Nassau rückte mit seinen Landsknechten vor die Mauern Steinheims, aber er belagerte es vergebens.

Die Landsknechte Dieters und Steinheims Schützenwehr hatten den Ansturm abgeschlagen. Dieter belohnte die Steinheimer durch teilweise Befreiung von der Grund- und Gebäudesteuer. Auch stiftete er seinen wackeren Schützen einen Sebastianus-Altar in der Pfarrkirche.

Solange Adolf von Nassau Erzbischof von Mainz war, hatte Dieter seinen Wohnsitz im Steinheimer Schloß.

Doch 50 Jahre später schlugen die Wellen der Reformation auch in das Mainstädtchen. Der damalige Pfarrer Johannes Rosenbach, nach Humanistenbrauch auch mit dem lateinischen Namen „de Indagine“ (= von Hain=Dreieichenhain)  genannt, der Erbauer des Chores., wandte sich mit Luther gegen offenbare Mißstände in der Kirche, aber er sagte sich nicht von dem alten Glauben los.

Auch in den Bauernunruhen von 1525 gärte es in Steinheim. Man suchte sich vom kirchlichen Zehnten freizumachen und wandte sich gegen den Pfarrer. Aber wie der Bauernkrieg im allgemeinen keinen Erfolg aufwies und der Kurfürst Albrecht von Brandenburg und sein Marschall Frowin von Hutten Herr über die aufständischen Bauern im Erzstift Mainz geblieben waren, so mußten auch die Steinheimer ihren Zehnten in der alten Form weiterbezahlen.

Im Jahre 1530 wütete die Pest in Steinheim. In kurzer Zeit waren mehr als 100 Personen dieser tückischen Krankheit zum Opfer gefallen.

Der Bauernkrieg (1525) und der Schmalkaldische Krieg (1546-1547) brachten Not über die Stadt. Mit französischem Geld war Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg in das Gebiet der katholischen Fürsten, insbesondere in das der geistlichen Fürsten von Bamberg, Würzburg und Mainz eingerückt und hatte es gebrandschatzt. Im Juni 1592 belagerten die Truppen des Markgrafen, unter Führung des Grafen von Oldenburg, die kurmainzischen Mainorte. Auch Steinheim wurde genommen. Die in der kurfürstlichen Kellerei vorgefundenen Früchte und Weine wurden geplündert und die Untertanen zur Ableistung des Eides an den König von Frankreich und an Albrecht von Brandenburg gezwungen.

Unsägliches haben Stadt und Amt Steinheim im Dreißigjährigen Krieg gelitten. Bis 1630 drückten Einquartierungslasten und Kontributionsgelder Bürger und Bauern in Steinheim und in der Umgebung. Im November 1631 belagerte Gustav Adolf  Steinheim und beschoß es mit großkalibrigen Geschützen von der Hanauer Seite aus, so daß es sich ergeben mußte.

Der König ließ in Steinheim eine schwedische Besatzung zurück. Matthäus Merian thematisierte die Belagerung in seinem Stich für die Topographia Hassiae von 1646.

Im März 1632 wurden die Brüder Heinrich Ludwig und Jakob Johann von Hanau mit dem Amt Steinheim beliehen. General Ramsay, der schwedische Kommandant von Hanau, und Jakob Johann von Hanau, sogen das Land aus durch Magazinlieferungen, doppelten Zehnten, Kontributionslasten und ungemessene Frondienste. Die dauernde Einquartierungslast drückte besonders hart Stadt und Amt Steinheim. Lämmerspiel, Oberroden, Obertshausen und Hainstadt gingen im Jahre 1633 zum Teil in Flammen auf. Hungersnot und Pest wüteten im Jahre 1635. Nach diesem Würgengel erschien der kaiserliche General Lamboy vor Steinheim und belagerte es. Die schwedische Besatzung kapitulierte. Der kurmainzische Oberst Graf von Dohna wurde Stadtkommandant in Steinheim.

Vom Steinheimer Schloß aus leitete Lamboy die Belagerung von Hanau, das von vielen kaiserlichen Schanzen umschlossen war. Eine Schiffsbrücke an der Leie (=Fels) stellte die Verbindung zwischen dem Hauptquartier und der Operationsbasis Steinheim und den um Hanau befindlichen Truppen in den Feldbefestigungen her. Am 13. Juni 1636 (dem Tage des noch heute gefeierten Lamboy-Festes) erschien Landgraf Wilhelm V. von Hessen vor Hanau, um Ramsay und die Stadt zu entsetzen. Lamboy zog einen Teil seiner Truppen (1500 Mann) nach Steinheim zurück. Am 14. Juni wurde die Festung ohne Erfolg von 1.000 hessischen Reitern berannt. Am nächsten Tage hatte Landgraf Wilhelm sie ebenso erfolglos von Schiffen aus beschießen lassen.

Als der Landgraf Wilhelm sich wieder in seine hessischen Lande zurückgezogen hatte, verließ Lamboy Steinheim. Dreihundert Mann blieben unter dem Befehl des Grafen Dohna in der Festung zurück. Im Oktober 1636 erhielt die Besatzung Verstärkung, um von neuem gegen Ramsay vorzugehen. Dieser ließ im nächsten Jahre durch Kapitän Fischer Seligenstadt besetzen. Letzterer wurde von Steinheim aus durch Truppen unter dem Befehl des Grafen Dohna angegriffen. Nach einem Wortbruch wurde beim Abzug fast die ganze Besatzung niedergemetzelt.

Graf Dohna zog wieder nach Steinheim und suchte vergeblich bei Steinheim den Main zu überschreiten, um Ramsay in Hanau anzugreifen. Er wurde durch dessen Artillerie wieder nach Steinheim abgedrängt. Infolge des Mißwachses, der Flucht aus den benachbarten Orten und der starken Besatzung war in Steinheim eine Hungersnot ausgebrochen.

Im Februar 1638 wurde der „Ramsay-Schreck“ beseitigt. Graf Philipp Moritz von Hanau stürmte die Stadt Hanau. Ramsay, der schwer verwundet wurde, starb an den Folgen dieser Verwundung. Danach ging Steinheim noch einmal kurzzeitig in schwedischen Besitz. Bis zum Ende des Krieges erlebte Steinheim abermals die Einquartierung von Truppen, mal französischen, mal kaiserlichen. Von 1639 bis 1643 hatte Steinheim etwas Ruhe vor kriegerischen Ereignissen. Der Krieg wütete mehr in Norddeutschland. wo der schwedische General Baner, und in Süddeutschland, wo Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar zusammen mit den Franzosen die militärische Lage beherrschten.

Aber nach dieser Zeit hatten das Amt und die Stadt Steinheim bald unter den Franzosen, bald unter den Kaiserlichen furchtbar zu leiden. Im Jahre 1644 ging der bayrische General Johann von Werth bei Mühlheim über den Main und ließ seine zuchtlosen Scharen bei und in Steinheim furchtbar hausen. Zwei Jahre darauf wurde die Festung von den Weimaranern unter dem französischen Feldherrn Turenne belagert, beschossen und erstürmt. Das Magazin, das der kaiserliche General Hatzfeld hatte ergänzen lassen, wurde geplündert. Es fielen den Franzosen 300 Fuder Wein und 6.000 Zentner Korn als willkommene Beute zu. Turenne ernannte de l’Espine zum Kommandanten von Steinheim.

Im nächsten Jahre wurde die Stadt wieder von den Kaiserlichen unter Erzherzog Wilhelm Leopold belagert und erobert. Aber der Mainzer Kurfürst Anselm Kasimir von Wambolt war durch den Sonderfrieden des Kurfürsten von Bayern mit den Franzosen und Schweden gezwungen, unter schweren finanziellen Lasten einen Waffenstillstand mit den Franzosen zu schließen.

Dadurch mußted er Kurfürst den Franzosen die Festung Steinheim überlassen. Im April 1647 zogen die Franzosen unter Turenne wieder in Steinheim ein. Endlich läutete im Jahre 1648 die Marienglocke der erschöpften Stadt und dem ausgeplünderten Land den lang ersehnten Frieden ein.

Steinheim hatte besonders in den letzten 18 Kriegsjahren furchtbar gelitten. Die einst so stolze Burg und die Mauern waren stark zerschossen. Manches Haus war ein Raub der Flammen geworden, Not, Hunger, Plünderung, Schändung, Pest hatten die Häuser und Gassen durchzogen. Die Bewohner der unbefestigten Landorte hatten Schutz hinter Mauern und Gräben gesucht, das Elend vergrößert und die Pestgefahr erhöht. Was an Vorräten und Wertgegenständen in den Häusern war, hatten die Kaiserlichen und Franzosen mitgehen heißen. Bis 1635 war das flache Land ausgeplündert und kaum noch Vieh vorhanden. Da gesellte sich zur Kriegsfurie auch noch die Pest. Besonders in den heißen Monaten starben die Leute haufenweise. In Steinheim lebte nur noch die Hälfte der Einwohner. In Lämmerspiel waren von 100 Einwohnern vor dem ersten schwedischen Einfall nur noch acht Menschen übrig geblieben. In Oberroden waren noch im Jahre 1681 von 80 Häusern nur 31 bewohnt.

Infolge des Leutemangels und einer dumpfen Gleichgültigkeit, die sich der Menschen bemächtigt hatte, wurden die Felder nur in geringem .Maße bestellt. Das, was an Früchten und Getreide vorhanden war, wurde von der Soldateska geplündert, so daß durch Plünderung und Mißwachs, besonders in den Jahren 1635-38, große Teuerung und Hungersnot eingetreten waren. Brot sahen die Leute oft wochenlang nicht. Man schuf sich Ersatz aus gemahlenen Eicheln. Not und Hunger trieben oft die Menschen auf die Schindkaute, wo sie noch mit den Kadavern verendeter Tiere vorlieb nahmen. Auch von dem moralischen Tiefstand der Bevölkerung können wir uns eine ungefähre Vorstellung machen, wenn wir bedenken, daß im ganzen Amt Steinheim nur noch ein Pfarrer, der zu Steinheim, Seelsorge ausübte, während es früher acht Pfarreien gewesen waren. Die Bewohner lebten in dumpfer Gleichgültigkeit dahin. Ohne Kirche und Sakramentenempfang war das Volk immer mehr verwildert. Die materiellen Schäden des Dreißigjährigen Krieges wirkten sich in Steinheim noch im 18. Jahrhundert aus.

Steinheim hatte aber selbst in Blütezeiten selten mehr als 1.000 Einwohner, deshalb blieb es von manchem Bauboom verschont und konnte viel von seiner alten Gebäudesubstanz bewahren. Unter dem Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn (regierte von 1647 bis 1673) könnten sich Burg und Stadt erholen, bis die Not sie durch die Schlesischen Kriege wieder einholte. In den Schlesischen Kriegen zwischen Maria Theresia und Friedrich dem Großen, der sich mit den Franzosen verbündet hatte, wurde Steinheim besonders in den Jahren 1742 bis 1745 von Franzosen, Österreichern und Ungarn heimgesucht, nicht durch Belagerung. Beschießung und Erstürmung, - die kleineren Festungen hatten infolge der artilleristischen Entwicklung ihre Bedeutung verloren - aber durch hart drückende Einquartierung, durch Lieferung von Hafer und Korn, von Heu und Stroh, durch Schatzung, durch Vorspann, durch Schiffsladungen mit Bagage und Fourage. Mit Böllerschüssen empfing man im letzten Kriegsjahre 1745 Maria Theresia und den Kurfürsten Johann Friedrich Karl von Ostein (1743-63) in Steinheim.

Es ist eigenartig und doch verständlich, daß nach der Kriegsnot der religiöse Sinn erstarkte. Auch in Steinheim äußerte er sich durch stärkere Beteiligung, auch der Gemeindeverwaltung, an den Wallfahrten nach Klein-Steinheim, Lämmerspiel, nach Dieburg und nach Walldürn. Im Jahre 1752 erbaute man an Stelle der alten Pestkapelle das neue Heiligenhaus (Helgehaus) am heutigen Friedhof. Die Gemeinde stiftete im Jahre 1754 eine dritte Glocke, und im Jahre 1756 wurde das ausdrucksvolle Barockkreuz am Hainberg errichtet.

Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) sah Steinheim im Durchmarsch und im Quartier Teile der Reichsarmee, kurmainzische, kurtrierische, sächsische, württembergische und besonders aber französische Truppen, die jetzt mit Maria Theresia verbündet waren.

Von französischen Truppen waren auf kürzere oder längere Zeit in Steinheim die Regimenter: de Bigore, Royal, Comte, de la Dauphiné, Waston, Légion royale, Colonell, du Roy, Dapchon, Royal allemand, Conti, Bourbonnais. Im alten Rathaus auf dem Marktplatz befand sich das Lazarett. Wahrscheinlich durch Leichtsinn der Soldaten ging das Rathaus im Jahre 1761 in Flammen auf.

Neben starker Einquartierung wurde Steinheim im Jahre 1762 durch eine Viehseuche heimgesucht. In ganz kurzer Zeit waren 30 Stück Vieh eingegangen. Im letzten Kriegsjahre 1763 waren Hannöversche Truppen bei Klein-Steinheim geschlagen worden. Durch eine Mission und durch ein Dankfest, bei dem der Kurfürst zugegen war, schloß man in Steinheim den Krieg ab.

Im Jahre 1758 übernachtete Leopold I., der sich zur Kaiserwahl nach Frankfurt begab, in der Nacht vom 18. zum 19. März im Schloß zu Steinheim. Am 19. März feierte der König mit seinem Gefolge das St. Josefsfest durch Besuch des Gottesdienstes. Nach dem Mittagsmahl wurde die Reise nach Frankfurt fortgesetzt.

Nach dem Siebenjährigen Krieg trat Steinheim noch einmal aus seiner stillen Beschaulichkeit in das große politische Leben. Im Jahre 1782 wurde Steinheim kurmainzisches Oberamt. Als solchem waren ihm die Stadt- und Amtsvogtei Steinheim, ferner die Stadt- und Amtsvogteien Seligenstadt und Dieburg und die Amtsvogtei Alzenau untergeordnet. Eine Reihe neuer Beamter kamen nach Steinheim. An der Spitze stand ein Oberamtmann, der meist von einem Amtsverweser vertreten wurde und zugleich die Amtsrichterstelle einnahm. Ferner gehörten die Keller von Steinheim, von Dieburg, von Alzenau und Seligenstadt zum Oberamt. Sie waren Oberamtsbeisitzer. Daneben waren noch Oberamtsschreiber, Registratoren, Amtsboten, Zent- und Polizeidiener am Oberamt beschäftigt. Diese Neuorganisation brachte neuen Verkehr und frisches Leben in das alte Städtchen. Bürger, Wirte. Krämer und Handwerker hatten manchen Vorteil davon.

Doch diese neue Amtseinrichtung, die sich über den ganzen Kurstaat erstreckte, war ein letztes Aufleben des kurmainzischen Staatskörpers. Die französische Revolution warf nicht nur in Frankreich alles Bestehende um. Auch Deutschland wurde in den Freiheitsstrudel gerissen und erlebte politisch, sozial und wirtschaftlich einen völligen Umschwung.

Auch Steinheim wurde nach der Revolution von 1789 wieder kräftig an den Schultern gerüttelt. Als im Jahre 1795 die deutsche Koalition durch die Eigensucht Preußens zerfallen war, drangen die Franzosen wieder in das rechtsrheinische Gebiet vor. Im Jahre 1795 karrten auch in das Amt und die Stadt Steinheim die ersten Franzosen. Gelderpressung und Plünderung von Seiten der französischen Offiziere und Soldaten waren alltäglich. Die Einwohner mußten Kriegsfuhren für die durchmarschierenden Truppen leisten, oft wurden ihnen Wagen und Gespann weggenommen.

Das Oberamt Steinheim sollte 25.000 Gulden Kriegskontribution leisten. Da es in dieser Kriegszeit unmöglich war, eine solche Summe aufzutreiben., wurden französische Kommandos nach Seligenstadt, Dieburg und Steinheim geschickt, die das Geld eintreiben oder als Geiseln die Amtsvorsteher mitnehmen sollten. In Dieburg waren die Bürger mit Sensen und Mistgabeln gegen dieses Franzosenkommando vorgegangen.

Gegen „Douceurs“ gelang es den führenden Männern sich bei den Offizieren loszukaufen. Der Oberamtsverweser Schiele ging flüchtig. Zwei Steinheimer, Gottron und Wenzel, wurden als Geiseln nach Frankreich, nach Givet, gebracht. Die Kriegskontribution brauchte nicht bezahlt zu werden, da Erzherzog Karl von Osterreich den französischen General Jourdan über den Rhein zurückgetrieben hatte.

Seit 1799 war der Mainzer Landsturm gegen die Franzosen organisiert worden. Auch Steinheim hatte eine Landsturm-Kompagnie mit drei Korporalschaften und einer Musikabteilung aufgestellt. An Sonn- und Feiertagen fanden Schießübungen im Schießhag und die Exerzierübungen am Main und auf dem Kreuzberg statt.

Im Jahre 1799 konnten 70 Landsturmkompagnien mit den kurfürstlichen Linientruppen am unteren Main den Franzosen Einhalt gebieten, und Steinheims Landsturm hatte auch seinen Teil daran.

Doch Napoleon, der Degen der Revolution, war nach seiner Rückkehr aus Ägypten erster Konsul geworden und hatte auf zwei Kriegsschauplätzen die Osterreicher und ihre Verbündeten angegriffen. Er selbst hatte in Italien bei Marengo die französischen Fahnen zum Siege geführt, während Moreau in Bayern einfiel, und den Erzherzog Johann bei Hohenlinden entscheidend schlug.

Diese französischen Truppen waren auch durch Steinheim marschiert. Am 30. Juli 1800 waren die ersten Franzosen in Steinheim eingerückt. Das Obertor und das Maintor waren mit einer Wache belegt worden. Alle Ausgaben dieser durchmarschierenden Truppen, wie Frühstück für die Offiziere, z. B. Milchsuppe mit Zucker, gekochte Eier, gebratene Hahnen oder Mittagessen, bestehend in Rindfleisch., Gemüse, gebratenen Tauben, Mirabellen und Birnen, in Käse und Butter; ferner der vielbegehrte Branntwein, Bier, Fleisch, ja sogar der Tabak, der Haarpuder und das Frisieren mußten von der hartbedrängten Gemeinde bezahlt werden. Die Steinheimer Wirte konnten kaum den Wein aufbringen, der von den Franzosen auf Kosten der Stadt getrunken wurde.

Beim Rückmarsch der Moreau’schen Armee im April und Mai 1801 wurde auch das Pfarrhaus wieder wie im Jahre 1800 geradezu in ein Wirtshaus verwandelt. Täglich sah das sonst so stille Haus nette Offiziere, darunter viele Generale. Vom 23. bis 30. April 1801 kamen sechs französische Brigaden durch Steinheim und die umliegenden Orte. Die Brigadeführer wurden im Pfarrhaus, beim Oberamtsverweser oder beim Amtsvogt Kämmerer einquartiert.

Mag Pfarrer Kuhn sich als Hotelwirt schon nicht sonderlich wohl gefühlt und die Herren ins Pfefferland gewünscht haben, so war seine Entrüstung berechtigt, als die Herren Besuch von Damen erhielten (Pfarrer Kuhn bezeichnet sie etwas anders), und der Pfarrer auch diese im Hause bewirten mußte. Es kam auch manchmal vor, daß an Stelle des angesagten Brigadekommandeurs dessen Frau, Sohn, Tochter Quartier und Verköstigung verlangten. Der arme Pfarrer war machtlos. Sogar die französischen Bedienten fingen an, ihm seinen Meßwein auszutrinken.

Der Rückzug bewegte sich zu beiden Seiten des Mains und auch auf dem Flusse wurden zu Schiff Truppen, besonders Verwundete und Kranke, gegen Mainz hin abtransportiert.

An der Nähfahr hatten die Franzosen eine Schiffbrücke geschlagen. Es war eine bunt gewürfelte Schar aus aller Herren Länder, die in der französischen Armee Dienste tat. Steinheims Bürger und besonders der Stadtwirt Ferg am Marktplatz lernten Holländer, Franzosen, Mainzer, Würzburger und noch andere Truppen gerade nicht von ihrer angenehmsten Seite kennen. Über 20.000 Gulden waren bis jetzt von der Gemeinde als Kriegsanleihe aufgenommen worden.

Die Siege Napoleons führten im Jahre 1801 zum Frieden von Lunéville, der dem deutschen Reich das linke Rheinufer kostete und zur Säkularisation, d. h. der Wegnahme aller geistlichen Gebiete durch weltliche Machthaber, führte. Das alte heilige römische Reich Deutscher Nation wurde dadurch zerschlagen. Kurmainz mußte als Folge dieses Friedens in der Provinz Starkenburg die meist katholischen Ämter Bensheim, Heppenheim, Dieburg und Steinheim und das Kloster Seligenstadt an Hessen-Darmstadt abtreten.In den Jahren 1800-01 lagen seine Truppen in Steinheim. Im Jahre 1802 fiel der kurmainzische Besitz an das Großherzogtum Hessen- Darmstadt, das bald schon mit dem Abbau der Amtsstadt begann. Steinheim verlor das Oberamt.

Am 20. Oktober 1802 war der Darmstädtische Regierungskommissar von Günderode in Steinheim eingezogen, hatte die Beamten neu verpflichtet, die kurmainzischen Wappen entfernen und das hessische Wappen anschlagen lassen. Groß-Steinheim wurde als Amtsstadt abgebaut.

Es verlor das Oberamt, es verlor die Amtsvogtei, 1830 das Justizamt und um 1870 auch das Steuerkommissariat. Es hatte seine jahrhundertalte Rolle ausgespielt. Offenbach trat als Verwaltungsmittelpunkt an seine Stelle. Das Schloß war das Sinnbild dieses Abbaues. Kurmainz wollte den vom Krieg und Alter hart mitgenommenen Bau dem modernen Geist angleichen. Es gelang ihm nicht, Kelle und Herrschaft wurden ihm, aus der Hand gerissen.

Einen Scheinglanz erlebte das Schloß noch einmal in den Jahren 1808 bis 1813 durch die Anwesenheit des Prinzen Georg, des Sohnes des Großherzogs Ludwig I. Auf Anordnung des Oberhofmarschalls von Perglas wurde für den Prinzen der untere Stock und für seine Gemahlin, einer ungarischen Gräfin, mit ihrer Tochter und deren Erzieherin der obere Stock eingerichtet. Im Jahre 1812 wurden noch 5.000 Gulden für den Ausbau des nordsüdlichen Flügels von Darmstadt zur Verfügung gestellt. Nach der Ausmöblierung war der Prinz im Jahre 1813 nach Ungarn auf das Gut seiner Gemahlin verreist. Er sah das Schloß nicht mehr.

Die Schlacht bei Hanau am 31. Oktober 1813 hatte auch das Schloß und die Stadt in Mitleidenschaft gezogen. Bayrische, österreichische, russische und preußische Truppen zogen durch Steinheim. „Seit 6 Tagen“, berichtete am 2. November Hofkammerrat Kleinert nach Darmstadt, „ist Stadt und Amt von kriegerischen Vorfällen heimgesucht, wo kaum mehr ein Stück Brot oder ein Schluck Wein oder Branntwein für den gemeinen Mann zu haben ist.“ Das Schloß wurde mit Einquartierung belegt.

Schloß Steinheim diente dabei österreichischen Truppen als Lazarett.  Der Oberstwachtmeister von Zech, seine zwei Adjutanten und die Administrationsabteilung der Bayern waren hier untergebracht. Bis zum 6. November riß die Einquartierung nicht ab. Der Schloßkeller mit seinem guten Wein mußte herhalten. Auch jeder Bürger in Steinheim hatte in diesen Tagen durchschnittlich 15-17 Soldaten im Quartier. Am 9. November 1813 kamen die drei alliierten Monarchen, der Kaiser von Rußland, der Kaiser von Österreich und der König von Preußen, durch Steinheim.

Im November 1813 war das Schloß in ein Lazarett verwandelt worden. Die Schloßmöbel waren bei dem Hofkammerrat Kleinert und bei Privatleuten untergestellt worden. Viele verwundete Soldaten, auch Franzosen, wurden in das Schloßlazarett und in das Stockum’sche Gut am Hainberg, das auch zum Lazarett eingerichtet worden war, gebracht. Pietätloser Witz hatte am Eingang des Stockum’schen Gutes zwei steifgefrorene Soldatenleichen gleichsam als Schildwache aufgestellt. Bis April 1814 befand sich im Schloß ein K. und K. österreichisches Militärlazarett. 800 Kranke waren hier untergebracht.

Da brach der Typhus aus. Die Toten wurden morgens wie das Holz auf Wagen geladen und im Galgenfeld begraben, wo man heute noch Gebeine findet. Wäscherinnen. Wärter und Totengräber starben an Typhus. Man entfernte das Lazarett, die Tapeten wurden heruntergerissen, die Zimmer nach damaliger Kenntnis desinfiziert, neu geweißt, tapeziert und gestrichen. Aber Prinz Georg kehrte nicht mehr ins Steinheimer Schloß zurück. Das Steinheimer Mobiliar wurde im Jahre 1825 zum größten Teil auf Befehl des Prinzen nach Darmstadt gebracht.

Die Napoleonischen Kriege haben politisch dem deutschen Einheitsgedanken und Einheitsstaat vorgearbeitet. Viele politischen Gebilde waren aus der buntscheckigen Karte Deutschlands verschwunden. Damit war auch das Eigenleben von vielen hundert kleinen Städten verschwunden und erloschen. Sie wurden mit den benachbarten Landorten politisch und wirtschaftlich nivelliert. So erging es auch Steinheim.

Im Jahre 1830 verlor Steinheim das Justizamt und 1870 das Steuerkommisarat. Wirtschaftlich getragen wurde Steinheim ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch Zigarrenfabrikation und in deren Zuge angesiedelte lithographische Kunstanstalten. Einheit, Freiheit und Gleichheit waren die treibenden Ideen des 19. Jahrhunderts. Um Freiheit und Gleichheit wurde in den Jahren 1830, 18,48 und 1918 gerungen. Die Kriege von 1864, 1866 und 1870 brachten die größere Einheit Deutschlands. Im Weltkrieg von 1914-1918 haben 95 Steinheimer ihr Leben eingesetzt.

Das Rheinland war bis zum 30. Juni 1930 besetzt. Im Jahre 1920 war eine französische Patrouille bis nach Steinheim vorgedrungen.

Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial hat sich Steinheim geändert. Im Jahre 1937 zählte Groß-Steinheim 3.000 Einwohner (1681 hatte es 327 und 1880 ungefähr 1800 Einwohner). Den Steinheimer Boden bebauten etwa 25-30 Bauernfamilien. Dagegen war der Obstbau (besonders Äpfel) sehr verbreitet. In der Gemarkung standen ungefähr 15.000 Obstbäume. Der Steinheimer Apfelwein ist in der Umgegend sehr bekannt. Der heimische Basalt gab seither manchem Steinheimer im Steinbruch Beschäftigung, aber die billigere Arbeit der Großbetriebe hat auch diese Männer dem großen Arbeitslosenheer zugeführt.

Der Lett, der in der Nähe Steinheims gefunden wird, hatte schon in sehr früher Zeit das Tongewerbe begründet. Heute finden wir noch eine Tonröhrenfabrik und mehrere Ziegeleien. Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts hat die Zigarrenfabrikation in Groß-Steinheim eine Heimstätte gefunden. In diesem Wirtschaftszweig sind ungefähr 400-500 Arbeiterinnen und Arbeiter tätig. Besondere Bedeutung hat die Lithographische Kunstanstalt Illert & Ewald.

Der übrige Teil der Bevölkerung findet seine Arbeit in Hanau, Offenbach und Frankfurt am Main. Groß-Steinheim hat gegenüber den benachbarten Gemeinden den Nachteil, daß die Eisenbahn, durch Versäumnis der Generation nach 1870, nicht direkt an Groß-Steinheim vorbeiführt. Mag sein konservativer Charakter auch dadurch gewahrt worden sein, für seine wirtschaftliche Entwicklung aber war es von Nachteil.

Im Jahre 1938 wurden Ober- und Niedersteinheim zur Stadt Steinheim verbunden und 1974 wurde diese nach Hanau eingemeindet. Im Gegensatz zu Hanau haben die historischen Bauten Obersteinheims den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden und vermitteln heute noch einen Eindruck von der mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Stadt.

 

Klein-Steinheim

Wenn man über die Mainbrücke komt, biegt man links in die Ludwigstraße ein. Zunächst kommt man durch Klein-Steinheim. Auf der linken Seite steht das Rathaus. Dahinter befindet sich die katholische Nikolauskirche. Die Gründung der Pfarrei erfolgte schon im 9. Jarhundert durch das Kloster Seligenstadt. Bis 1449 war sie Mittelpunkt eines größeren Gebietes auf beiden Mainufern. Danach war die Kirche Filialkirche. In den Jahren 1892/93 erfolgte der Neubau. An einem Pfeiler an der Mainsdseite steht die Inschrift „A.D. 1892“. Seit 1900 ist die Die ältesten Teil sind imTurm und Chor (heute: Sakristei) noch erhalten. Gemeinde wieder ein selbständige Pfarrei.

Nach der Überlieferung des Klosters Seligenstadt wurde die Kirche im. 9. Jahrhundert noch zu Lebzeiten Einhards (770 bis 840), also vor 840, auf dem dem Kloster gehörenden Grund und Boden gegründet. Sie war die Pfarrkirche eines größeren Sprengels. Im Jahre 1294 wurde das Gotteshaus durch den Mainzer Erzbischof Gerhard II. dem Kloster Seligenstadt inkorporiert. Nachdem 1320 Obersteinheim Stadt geworden war und 1425 die Herren von Eppstein das ganze Amt Steinkeim mit Stadt und Burg an das Erzstift verkauft hatten, verlegte Erzbischof Theoderich von Erbach am 21. Oktober 1449 die Pfarrkirche von dem Dorf  Niedersteinheim in die Stadt Steinheim in die seitherige Stadtkapelle.

Da die Bevölkerung in Niedersteinheim (später Kleinsteinheim) am Ende des 19. Jahrhunderts sehr schnell wuchs, wurde eine Vergrößerung der St. Nikolaus- Kirche erforderlich. Der Neubau der Kirche erfolgte 1892 bis 1893. Das Langhaus der alten Kirche zwischen Turm und Chor wurde vorher abgebrochen. Dazwischen wurde das Schiff der neuen Kirche gestellt, die am 23. Juli 1893 geweiht wurde. Im Jahre 1930 wurde der Kirchturm erhöht.

Schäden erlitt das Gotteshaus durch Brandbomben bei einem Angriff am 19.3.1945, die zunächst provisorisch ausgebessert wurden. Im Jahre 1950 fand eine Ausbesserung des Turmdaches statt und 1951 wurden neue Kirchenfenster nach Entwürfen von August Peukert, Großauheim, angeschafft.

Das Gotteshaus enthält eine Barockkanzel von 1651, vom Eingang her gesehen besteht der rechte Seitenaltar aus gewundenen Säulen des alten Kreuzaltars, der aus der Schloßkapelle stammen soll.

Zu dem linken Seitenaltar gehört eine Pietà. Über dem Turmeingang befindet sich ein großes Gemälde des Heiligen Nikolaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wohl von dem Hanauer Maler Louis Schleissner. In den Längsseiten der Kirche die Gemälde der vierzehn Kreuzstationen von dem Maler Joseph Schäfermeier, gest. 1899 in Kleinsteinheim.

Das kleine Wallfahrtskreuz, das bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in der Kreuzkapelle neben der Kirche verwahrt wurde, soll nach der Überlieferung 1309 an der Stelle der heutigen Kreuzkapelle gefunden worden sein. Der Sockel des Kreuzes enthält zwei Reliquienpartikel des Heiligen Kreuzes und eine Reliquie des Antonius von Padua, die 1746 der Aschaffenburger Jakob Geibig aus Rom mitbrachte. In der Kirche befindet sich eine Orgel der Firma Schlimbach, die 1890 hergestellt wurde.

Hinter Kirche steht die Kreuzkapelle. Sie wurde erbaut an der Stelle, wo am 3. Mai 1309 das „heilige Kreuz von Klein-Steinheim“ gefunden wurde. Seitdem gibt es die Wallfahrt zum Heiligen Kreuz. Auf dem Kirchhof stehen mehrere Heiligenfiguren und alte Gräber.

 

Der Kreuzweg

Zur Kreuzkapelle führt der sogenannte „Kreuzweg“ vom Groß-Steinheim mit sieben Bildstöcken aus Sandstein. Er beginnt in Höhe der Straße „Vorstadt“ und führt durch die Kreuzstraße. Wilhelmstraße und Molitorstraße nach Klein-Steinheim. An der Kreuzung der Ludwigtraße mit der Molitorstraße steht außerdem ein Bildstock von 1992.

Was für den modernen Menschen das Wandern ist, das waren zum Teil für den mittelalterlichen Menschen die Wallfahrten. Sie waren auch eine Entspannung, vor allem aber tiefes religiöses Erleben. Noch heute gehen an den beiden Festen „Kreuz-Auffindung“ im Mai und „Kreuz- Erhöhung“ im September Prozessionen von Groß- nach Klein-Steinheim auf dem sogenannten „Kreuzweg“. Auf diesem Kreuzweg wurden 1699/1700 Bildstöcke errichtet mit den sieben Fußfällen aus der Leidensgeschichte Christi. Diese waren von zwei Pilastern eingefaßt, die eine geschweifte Bedachung trugen. Pilaster und Bedachung sind mit Barockspiralen und Engelsköpfen geziert. Unter dem Reliefbild befand sich eine Schrifttafel. Die Inschriften stehen in Beziehung zum Bildinhalt. Dargestellt sind auf den Kreuzwegstationen (von Groß-Steinheim nach Klein-Steinheim):

Erster Fall: Auf dem ersten Bildstock wird Christus gebunden zu Annas und Kaiphas geführt.

Auf dem Sockel dieser ersten Station befindet sich das Wappen des Stifters, des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn (1695-179-9) mit der Kurfürstenkrone.

Zweiter Fall: Christus vor Annas und Kaiphas. Das Wappen auf diesem Bildstock ist das Bassenheimsche. Der kurmainzische Geheime Rat und Oberamtmann von Steinheim Johann Erwein von Schönborn war vermählt mit einer Waldpott von Bassenheim. Auf dem Wappen ist die Grafenkrone.

Dritter Fall: Christus ist vor Ermattung an den Stufen des Pilatus-Hauses auf den Boden hingesunken. Auf dem Sockel die Anfangsbuchstaben P.AE.N.-P.S., zwischen ihnen das

Wappen. Die Abkürzung bedeutet: Pater Aemilianus Nolpe, Parochus Steinheimensis (Pfarrer von Steinheim 1696-1727).

Vierter Fall: Christus ist unter den Geißelhieben der Häscher zusammengebrochen. Die beiden Wappen deuten auf die Stifter: Johann Michael Jakob Tautphaeus und seine Gemahlin Ana Catharina Tautphaeus. 1699.

Fünfter Fall : Simon von Cyrene sucht dem Herrn die Last zu erleichtern. Die Stifter dieses Bildstocks sind: Der Amtsvogt Johann Remigius Kämmerer und seine Gemahlin Anna Maria Kämmerer. Anno 1700. (Die folgenden Bildstöcke stehen auf Klein-Steinheimer Gebiet).

Sechster Fall: Christus wird aufs Kreuz geworfen. seiner Kleider beraubt und ans Kreuz genagelt. Als Stifter werden angegeben: Sämbtliche Amts Schultheisen haben deisen Bildt-Stock zu Ehren des gecrußig Heylands Christi aufrichten lassen. Im Jahre 1700.

Siebenter Fall: Das Kreuz wird mit Händen und Stricken aufgerichtet. Auf dem Sockel: „Dieses Bild haben lassen auffrichten zu Ehren ihres Erlösers Christi Jesu sämtliche wohlehrsame Pfarrkinder als Ober- und Niedersteinheim. Klein-Auheim, Heinstat und andere gute freindt. Anno 1700.“

Wenn man an den Kreuzwegstationen entlangfährt, kommt man allerdings nicht zur eevangelischen Kirche.Diese steht nach einer Steigung der Haupdurchgangsstraße auf der linken Seite. Die aus hellen gelben Klinkern gebaute Kirche wurde in der Zeit vom 19.5.1901 -12.10.1902 unter Dekan Sturmfels für 72.000 Mark erbaut und 1968 renoviert. Der Turm ist unmittelbar mit dem Gotteshaus verbunden. In der Kirche befinden sich zwei Bilder, die den Reformator Dr. Martin Luther und den Mitarbeiter Luthers, Dr. Philipp Melanchthon, darstellen. Neun Buntglasfenster zeigen symbolische Darstellungen:

a.) im Hauptschiff: Kreuz und Fische - die Taufe, Kreuz mit Kelch u. Brot - das Abendmahl,

die Taube als Zeichen des Heiligen Geistes

b.) im Chorraum hinter dem Altar: links die Geburt Christi, in der Mitte die Kreuzigung, rechts die Auferstehung, vorne rechts im Hauptschiff die aufgeschlagene Bibel mit den Buchstaben    A uund O, Kreuz und Grabkreuze mit Öllampe, Schwert und Schild.

 

Rundgang durch Groß-Steinheim

Wenn man mit dem Auto angereist ist, fährt man jetzt erst um die Steinheimer Altstadt herum.

Dabei umrundet man auch den Hainberg. Er hat seinen Namen von „Heidenberg“, weil hier vielleicht bei der Einführung des Christentums noch Spuren römischer oder heidnischer Tätigkeit vorhanden waren. Der Basalt des Hainbergs und des Albanusbergs hatte schon den Römern als Baumaterial gedient und findet sich auch in vielen herrschaftlichen und privaten Häusern Steinheims.

Auf der Höhe steht links ein altes Barockkreuz vom Jahre 1756.  Auf dem mit Barockornamenten verzierten Sockel des Kreuzes befinden sich die Worte: „Sculptile nec lapidem, sed quid designat adora, en tibi decalegon quid jubet et prohibet“. Darunter steht: „Nicht den Stein, noch die Gestalt, sondern den sie dir vorhalt, sollst tu dahin verehren, das eine dir die zehen Gebot gebiet, das andere thut verwehren“. Sodann folgt der Anfang des 113. Psalmes: „in exitu Israel de Ayto (Aegypto) Domus (Jakob) de populo barbaro, Psalm 113. 1756“. Zu deutsch: „Als Israel aus Agypten zog, wurde Jakobs Geschlecht von fremdem Volke befreit.“

Das Kreuz war im Jahre 1756 errichtet worden, also nach den beiden schlesischen Kriegen, die zwischen Friedrich dem Großen von Preußen und Maria Theresia von Österreich getobt und auch manche fremde Kriegsvölker nach Steinheim gebracht hatten. Davon glaubten die Steinheimer jetzt befreit zu sein und ahnten nicht, daß noch in demselben Jahre der siebenjährige Krieg ausbrach, der an unserem Städtchen auch nicht spurlos vorübergegangen ist. Das Kreuz ist mit drei Wappen versehen.

Auf dem Hainberg steht das frühere Stockum’sche Gut. Das Hauptgebäude ist vor 1800 in klassizistischem Stil erbaut. Hier entstand schließlich 1860 die Zigarrenfabrik Hosse, eine der wirtschaftlichen Stützpfeiler Steinheims des späteren 19. Jahrhunderts. Heute ist hier ein Hotel untergebracht.

Man fährt bis zum Parkplatz unter der Hellentalbrücke.Von dort ist es nur ein kurzer Weg bis in die Altstadt. Wenn man mit dem Fahrrad kommt, beginnt man den Rundgang mit der Vorstadt.

Am Weg vom Parkplatz zur Altstadt sieht man zunächst links ein größere Schuttfläche. Hier stand die lithographische Kunstanstalt von Illert & Ewald. Die Fabrik wurde im Jahre 1856 durch Heinrich Illert (gestorben 1898) gegründet.

Das erste Geschäftslokal befand sich in Mühlheim (Main), später wurde der Betrieb wegen notwendiger Vergrößerung nach Groß-Steinheim verlegt. Vom Jahre 1865-67 war der Kaufmann Wilhelm Ewald Teilhaber. Durch dessen Tod erlosch diese Teilhaberschaft.

In den ersten fünfzig Jahren des Betriebes wurden ausschließlich Zigarrenpackungen hergestellt, später noch andere Artikel, wie Etiketten für Schokolade-, Bonbons-, Frucht-, Fisch- und Fleischkonserven-Packungen. Die Fabrik in Groß-Steinheim wurde mit jedem Jahr des Bestehens vergrößert, bis die jetzigen Inhaber, die Herren Kommerzienrat Fritz Illert und Heinrich Illert, gezwungen waren, im Jahre 1920 einen neuen Betrieb, die Firma Gebrüder Illert G.m.b.H., in der Klein-Auheimer Gemarkung zu errichten.

Im Jahre 1937 beschäftigten die beiden Unternehmungen etwa 600 Arbeiter und Angestellte. Es sind in Betrieb 30 Schnellpressen, vier Offsetmaschinen, darunter zwei Zweifarbenmaschinen, und eine große Anzahl Hilfsmaschinen für Prägerei und Druckerei., Buchbinderei und Steinschleiferei. Die ausgedehnte Buchdruckerei arbeitet mit 23 Automaten und Halbautomaten, 15 Tiegeldruckmaschinen mit Kraft- und 24 Tiegeldruckmaschinen mit Fußbetrieb. Infolge der erstklassigen, neuzeitlichen Einrichtung stehen die Betriebe mit an der Spitze der deutschen Druckereien. Ein erlesener Stab tüchtiger Vertreter in vielen Inlands- und allen größeren Auslandsplätzen sorgt für ständige Ausbreitung des Unternehmens. Heute sind beide Unternehmen aufgelöst, das Gebäude in Steinheim abgerissen, so daß die Zehntscheune vom Main aus gut zu sehen ist.

 

Gerichtslinde und Centgericht

Der Lindenstamm, der heute noch steht, ist der Rest einer Jahrhunderte alten Linde, die durch einen Blitz in sieben Teile gespalten worden sein soll, welche dann als selbständige Stämme weiter wuchsen. Bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dienten diese zum Teil hohen Stämme der Steinheimer Jugend als Spielunterschlupf. Um 1900 sind die Stämme bis auf einen dem Wetter zum Opfer gefallen. Auf dem Kupferstich von Merian ist zwar der Stamm, aber ohne Äste zu sehen. Wahrscheinlich waren aus militärischen Gründen, um Schuß- und Blickfeld zu haben, während der Kriegszeit die Äste bis zum Stamm abgehauen worden. Die Mauer, die diese Linde umzog und vor einigen Jahren erneuert wurde, ist schon im 16. Jahrhundert genannt.

In diesem umfriedeten Bezirk unter der Linde fand bis zum 15. Jahrhundert das „Ding“ oder das Gericht des alten Siedlungsbezirkes statt. Diesen Bezirk nannte man in früherer Zeit den Cent, weil sich meist hundert wehrfähige, verwandte Franken längs der Flüsse und Bäche an verschiedenen Stellen niedergelassen und die neuen Dörfer gegründet hatten. Sicherlich bildeten Groß-Steinheim, Klein-Auheim, Hainstadt, Weißkirchen, Heusenstamm, Obertshausen, Hausen, Bieber, Lämmerspiel, Mühlheim, Dietesheim und Klein-Steinheim einen Siedlungs- und Gerichtsbezirk aus fränkischer Zeit. Diese Orte blieben als Amt Steinheim Gerichts- und militärischer Verband bis 1830.

Bis zum 15. Jahrhundert fanden die gebotenen und ungebotenen Dinge unter der Linde am Main statt. Das „ungebotene Ding“ (Versammlung) war bekannt und fand an drei bestimmten Tagen des Jahres statt. Das gebotene Ding war eine außerordentliche Verhandlung, die bei besonders wichtigen und dringenden Anlässen, z. B. Totschlag und Mord stattfand. Das ungebotene Ding konnte auch beantragt werden. In diesem Falle hatte der Antragsteller jedem Schöffen zehn Pfennig zu erstatten.

Der Centgraf führte bei dem Ding den Vorsitz. Zur Rechten und zur Linken saßen die 14 Schöffen. Die meisten Centorte stellten einen, Steinheim drei, Mühlheim zwei und Weißkirchen zwei Schöffen. Der Centgraf fragte den ältesten Schöffen, ob es Zeit, Ort und Recht das Gericht zu hegen. War die Frage von dem Schöffen bejaht worden, so begann der Centgraf das Gericht mit der Hegung.

Der Zentgraf sagte: „Also heege und halte ich das Gericht im Namen und von wegen des hochwürdigsten Fürsten und Herren des heiligen Stuhles zu Mainz, Erzbischofes des heiligen römischen Reiches durch Germanien Erzkanzler und Kurfürsten, sodann im Namen und von wegen des Herrn Amtmannes zu Steinheim, wie in gleichen auch im Namen des Herrn Centgrafen und der sämtlichen Schöffen, auch aller derwegen, die solches von Nöten haben. Darüber tue ich Fried und Bann, daß keiner den anderen an diesem löblichen Landgericht Zwang antue, er tue es denn mit Erlaubnis. Ich erlaube das recht und verbiete das unrecht. Ich verbiete auch, daß keiner sein Wort tue, er tue es denn mit Erlaubnis. Ich verbiete, daß kein Schöffe den Stuhl räume, er tue es denn mit Erlaubnis.“

Bei schweren Fällen erhob der Kläger oder Bereder die Klage, der Angeklagte oder der Wehrer verantwortete sich. Die Schöffen fällten das Urteil. Bei leichteren Civil- und Kriminalfällen brachten die Schöffen der Reihe nach die Rügen ihrer Orte vor. Der Bürgermeister von Steinheim begann, der Schultheiß von Klein-Steinheim kam zuletzt an die Reihe. Der Zentgraf und die Schöffen zogen sich darauf zurück, setzten die Strafen fest und ließen sie durch den Amtsschreiber ablesen.

Die Strafen mußten bis zum nächsten Landgericht bezahlt und die Frevel vertreten d. h. abgebüßt sein. Die Bußen oder Strafen wurden vom Amtmann, dem Centgrafen und sämtlichen Schöffen je nach dem Verbrechen angesetzt. Von der Strafe hatten der Kurfürst und die Schöffen je die Hälfte, der Centgraf ein Viertel. Hatte jemand ein schweres Verbrechen begangen, so wurde es gebüßt durch Radbrechen, Köpfen, Ertränken oder durch Aufhängen an den Galgen. Sollte der Verbrecher zur Aussage gezwungen werden. so kam er in die Folterkammer beim Schloß. Nach der Verhandlung fragte der Centgraf den dritten Steinheimer Schöffen, „ob das Gericht genugsam geheegt sei.“

Alljährlich feiert Groß-Steinheims Bürgerschaft, und besonders die Jugend, einem alten Brauch entsprechend, am Vorabend des 23. Juni das Johannisfest mit einem Johannisfeuer am Main vor der alten Linde. Durch das Feuer, das ein Abbild der Sonne ist, glaubte man auch die Dämonen des Mißwachses, des Unglücks, der Krankheiten von Mensch und Vieh bannen zu können. Deshalb sprangen junge Menschenpaare Arm in Arm durch die Flammen, um sich des Glücks zu versichern, wenn ihnen der Sprung ohne Schaden gelungen war. Deshalb trieb man das Vieh durch das erlöschende Feuer, um es von Krankheitsdämonen zu befreien. Eine besondere Rolle spielte bei diesen altgermanischen Sonnenwendfeiern Thor oder Donar, der Gott des Blitzes, des Donners und des Hagels, der gerade in der Sommerzeit Segen, aber auch Verwüstung über die Fluren ergießen konnte.

An alle diese Gedanken knüpfte das Christentum an, als es die Sonnenwendfeiern im Winter und Sommer im christlichen Sinne umgestaltete, zumal ja der Sieg des Lichtes in hervorragender Weise auf Jesus Christus bezogen werden konnte. Anstelle des winterlichen Julfestes trat der christliche Weihnachtsgedanke. Das Licht, d. h. Jesus Christus trat in die Welt ein. Es wuchs und wuchs, bis es gleichsam zur allbelebenden Sonne ward. Diesem Lichte ging Johannes der Täufer voraus: „Er war nicht das Licht, sondern er sollte Zeugnis geben von dem Lichte.“ Er war und ist vergleichbar dem Feuer, das die Dunkelheit der Nacht erleuchtet und hinweist auf das Urfeuer, das Hochfeuer, das alles erwärmt und belebt, auf die Sonne, mit der oft Christus verglichen wird. Johannes trat an die Stelle Thors. In christlicher Zeit betete man deshalb bei Blitz und Donner das Johannes- Evangelium. Wenn das Johannisfeuer abgebrannt war, nahm man noch vor vierzig Jahren Kohlenstücke davon mit nach Hause und steckte sie zwischen die Dachsparren, zum Schutz gegen Blitzgefahr.

Seit vielen Jahrhunderten hat dieses Johannisfeuer eine Pflegestätte in Steinheim, und es hat sich ohne Unterbrechung erhalten. Schon Tage vorher laufen die noch schulpflichtigen Jungen durch die Straßen des Städtchens und erbitten mit dem Ruf „Welle, Welle Hannsfeuer“ Holz und Gerümpel, das zum Feuerstoß am Main hoch aufgeschichtet wird.

Bei Beginn der Dunkelheit trifft die Jugend mit Pechbehältern an langen Stangen und mit Hobelspänen versehenen Reiserbesen ein. Der Holzstoß wird entzündet, und an diesem die Fackeln und Besen angesteckt. Mit den brennenden Besen werden Feuerkreise geschwungen, gleichsam ein Abbild der Sonne.

Hunderte von Menschen umsäumen dieses Schauspiel. Die Flammen züngeln in wunderlichen Formen zum Himmel, graue Wolkenschwaden steigen empor. In grüngelbem Schein steht die alte Zentlinde. Lampions und Lämpchen glühen an den Fenstern des Mainturms, des ehemaligen Zollhauses und auf der altersgrauen Festungsmauer. Mädchen tanzen Reigen um den lodernden Brand, in hohem Bogen werfen die Knaben ihre abgebrannten Besenstummel in den Main, wo sie zischend erlöschen. Auf dem Flusse schaukeln illuminierte Boote und Nachen. Lichtstreifen in allen Farben zaubern ein Märchenbild in den Fluten des Maines.

 

Bau- und Kunstdenkmäler

Steinheim besitzt eine Reihe stattlicher Wohnhäuser des 16. bis 18. Jahrhunderts: das Anwesen des Amtsmannes Frowin von Hutten mit seinem Renaissance-Hauptbau, das Leonrod’sche Haus (Hauszeichen von 1590), das sogenannte Schönbornhaus aus dem 18. Jahrhundert, der Bickenhof. Die ältesten, dendrochronologisch datierten Bauten in Steinheim sind das Haus Volk in der Harmoniestraße (1395) und das Zunfthaus der Fischer und Schiffer (1414). Ebenfalls gotisch ist der Wenk’sche Hof und wohl die Zehntscheuer an der mainseitigen Stadtmauer sowie der Fronhof.

Bedeutend für Steinheim ist auch seine fast vollständig erhalten Stadtbefestigung, mit deren Bau wohl bald nach der Stadterhebung (1320) begonnen wurde. Sie besaß zwei Türme, Pestilenzturm und Dilgesturm sowie drei Tore: Maintor, Mühltor (zum Teil zugemauert) und Obertor. All diese Sehenswürdigkeiten sind beschrieben in dem  Buch von Dr. Leopold Imgram: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Groß-Steinheim am Main, 1931

 

Wer Steinheim besucht, wandelt auf den Spuren illustrer Gäste. Der Humanist Ulrich von Hutten, der Maler Albrecht Dürer, General Tilly und sein Feind, der Schwedenkönig Gustav Adolf, und Graf Ferdinand von Zeppelin stehen auf der Gästeliste. Zu den fast ebenso berühmten Männern, die Steinheimer Familien entstammten, gehörten der Erbauer der Liberty-Schiffe Henry J. Kaiser und der Kardinal Hermann Volk.

 

Das Maintor

Ursprünglich befand sich an dieser Stelle nur eine Mauerpforte, die im Jahre 1564 erweitert wurde (an Mauerresten und Torbogen kann man das noch feststellen). In diesem Jahre wurde von dem Erzbischof Daniel Brendel von Homburg, der in Steinheim eine große Bautätigkeit

entfaltete, auch die Befestigungsanlage, insbesondere das Ober- und Maintor gewaltig verstärkt. Die Jahreszahl 1564 finden wir am Torbogen nach der Stadtseite. Der Unterbau des Mainturms ist noch gut erhalten. Er baut sich im Viereck auf. Das Material ist Basalt und Sandstein.

Das Innere der rundbogigen Torfahrt ist von einem Tonnengewölbe überspannt mit einer Aufzugsöffnung in der Mitte. Türangeln nach der Main- und Stadtseite weisen auf zwei Tore des Turmes hin. Ein Torverriegelungsbalken ist noch gekennzeichnet. Heute hat der Mainturm zwei bewohnte Stockwerke, die durch ein einfaches, mäßig ansteigendes Dach abgeschlossen werden. Bis zum 17. Jahrhundert sah der Turm etwas stolzer aus. Er paßte zu dem turmreichen Schloß. Auf dem alten Stich von Merian aus dem Jahre 1646 sehen wir noch ein Obergeschoß mit hohem, vierseitigern Dach, das mit spitzen Türmchen und einem stolzen Dachreiter geziert war.

In der Bleistiftskizze des holländischen Malers Meyeringh vom Jahre 1675 sehen wir den Mainturm des Dachreiters und des Türmchens nach der Mainseite beraubt.

Der Turm hat also in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges, besonders von 1640-48 und danach, durch Zerfall stark gelitten.

Um 1730 muß der Mainturm im großen und ganzen seine heutige Gestalt erhalten haben. Nun erblicken wir auf der Bleistiftskizze von Meyeringh vor dem Maintor noch eine stark zerfallene Vorbefestigung. Merian zeigt nicht diese Vorbefestigung, sondern nur einen kleinen Fachwerkbau an der Mauerecke nach dem Maintor hinauf. Dieser Bau war ein Zöllnerhaus, das jedenfalls in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges abgerissen worden war. An dessen Stelle wurde die Vorbefestigung gelegt, die wir auf dem Meyeringh von 1675 sehen, und deren Form wir auch auf dem Grundriß von 1687 erkennen. Wir haben es also nicht mit einer Phantasiezeichnung des holländischen Malers, sondern mit einem traurigen Wirklichkeitsbild Steinheims nach dem trostlosen Dreißigjährigen Krieg zu tun. Ein Mauerrest von dieser Vorbefestigung befindet sich an der Ecke der Mainmauer nach dem weißen Türmchen zu. Der Mainturm wurde nach 1900 mit den Bildern des heiligen Christophorus nach der Mainseite hin, und mit dem Bilde des Drachentöters, des heiligen Georg, nach der Stadtseite hin bemalt, aber heute ist davon nichts mehr zu sehen.

Wenn man die Mainstraße hoch geht, sieht man rechts der Sitz der Orthodoxen Kirche Abchasiens (Wohnung des Journalisten Eugen Krammig, der seit Jahren die Abchasienhilfe organisiert und zum Priester der dortigen Kirche geweiht wurde), die Leinreiter-Rast und die Fährmannshäuser. Links steht der Bickenhof.

 

Der Bickenhof

Der Bickenhof umfaßt die Liegenschaft von der Zehntscheuer bis zur Maingasse. Ferner gehörte zu diesem Hof die ehemalige Gaststätte „Gambrinus“ und das daneben liegende Meyer’sche Haus. In dieser Hofreite finden wir noch einen Keller mit zwei übereinander liegenden Stockwerken, der uns von den Einkünften dieser Familie erzählt. Im Jahre 1684 war der Bicken’sche Bau eingefallen, wobei die Scheune des Stadtwirtshauses zum größten Teil zerstört worden war. Um 1700 wurde der Bau in seiner heutigen Form wieder aufgeführt.

Der bedeutendste aus dem Geschlecht der Herren von Bicken war Philipp von Bicken, ein Schwager des schon erwähnten baulustigen Kurfürsten Daniel Brendel von Homburg (1555- 1582). Dieser Philipp von Bicken war ebenso bedeutend wie Frowin von Hutten. Er wurde gar manchesmal vom Kurfürsten mit wichtigen Staatsgeschäften betraut. Er war ebenso tüchtig in der Verwaltung des alten Amtes Steinheim. Er drang darauf, daß die damals bestehende Verfassung und Verwaltung in Stadt und Amt Steinheim aufgezeichnet wurden. Er ist 1590 gestorben. Mit seiner Gemahlin Anna fand er seine letzte Ruhestätte in der Kirche von Steinheim. Das Denkmal ist leider nicht mehr erhalten. Von seinen drei Söhnen wurde der eine, Johann Adam, Kurfürst und Erzbischof von Mainz (1601-04). Dieser Johann Adam von Bicken hat einen großen Teil seiner Jugend in Steinheim verlebt. Auch dieser Kurfürst ernannte seinen Bruder Jost Philipp zum Amtmann von Steinheim.

 

 

Dürerhaus

Am Zugang zum Marktplatz steht links das schön erhaltene Dürerhaus mit seinen Ständern, Streben und Riegeln. Über der Kellertüre befindet sich die Jahreszahl 1541. In diesem Jahre fand aber nur eine Veränderung des Hauses statt. In diesem Hause soll der große deutsche Maler Albrecht Dürer im Jahre 1520 auf seiner Reise nach den Niederlanden mit Frau und Magd übernachtet haben. Von Bamberg aus benutzten die drei Reisenden ein Schiff. Eine große Anzahl seiner Kupferstiche, Holzschnitte, sowie einige kleinere Malereien führte der Maler mit sich. Von dem Verkauf dieser Arbeiten wollte er seine Reise bezahlen und zugleich einflußreichen Persönlichkeiten Geschenke machen.

Er beschreibt seine Reise in einem Tagebuch und erwähnt auch Steinheim mit folgenden Worten: „Von dannen kamen wir gen Oschenpurg (Aschaffenburg), da wiss ich meinen Zollbrief, da ließ man mich fahren und ich verzehrte do 52 pfennig. Von dannen fuhren wir gen der Selgenstatt, von dannen gen Steinheim, do wiß ich meinen Zollbrief, do liß man mich fahren. Und wir lagen bei Johannsen über nacht, der sperret uns die Statt auf und war uns gar freundlich, da gieb ich aus 16 pfennig. Also fuhren wir am freitag frühe gen Kesseltatt.“ Der erwähnte Johannsen war der eine von den beiden damaligen Bürgermeistern: Johannes Pförtner.

 

Marktplatz

Der Marktplatz wird geprägt von dem Friedensdenkmal. Es wurde am 15. Oktober 1911 feierlich enthüllt zur Erinnerung an den Frieden von Frankfurt 1871 und an die von Ludwig I., Großherzog von Hessen, eingeführten Neuerungen nach den Freiheitskriegen vor rund hundert Jahren (Leibeigenschaft, Zehnten und Frondienste wurden abgeschafft oder wenigstens stark gemildert. Die Zünfte mit ihrem starren Zwang wurden aufgehoben, und an ihre Stelle trat Gewerbefreiheit und Freizügigkeit). Das Denkmal wurde gestiftet von Großkaufmann Meyer-Gerngroß, ein geborener Steinheimer, nach dem heute die Seitenstraße von der Hans-Sachs-Straße nach dem Main zu benannt ist. Den künstlerischen Entwurf fertigte der bekannte Münchener Künstler Professor Georg Busch, ebenfalls ein Steinheimer. Das Denkmal wurde 1938 bei den antijüdsichen Ausschreitungen beschädigt (der Stifter war wohl ein Jude) und 1940 entferent. Im Jahre 1965 wurde es wieder errichtet. Am Haus dahinter befindet sich eine Friedensgedenktafel von 1985.

 

Altes Rathaus

An der Stelle, wo heute das Friedensdenkmal steht, stand bis 1771 das alte Rathaus. Dieses war aus dem alten Steinheimer Spielhaus entstanden, das im Jahre 1376 erwähnt wird. Gewöhnlich war das untere Stockwerk offen, unter dem ein Teil des Marktes sich abspielte. Als dann im, fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert die Gerichtshegung nicht mehr unter der Linde stattfand, wurde das Spielhaus als Rathaus benutzt. Jetzt wurden das Land- und Haingericht sowie die sonstigen Beratungen über Angelegenheiten der Gemeinde und der Zent in dem vergrößerten Rathaus abgehalten.

Auf dem Merian’schen Stich von 1646 erblicken wir noch diesen stattlichen Rathausbau. Ein hochgezogener, gemauerter Giebel mit gewaltigem Dach ragt über die Nachbarhäuser und schaut hinunter nach der Maingasse. Der ganzen Bauart entsprechend ist dieses alte Rathaus wahrscheinlich um 1450 entstanden. Die zum Zent Steinheim gehörigen Zentorte mußten bei diesem Neubau fronen. Im unteren Stockwerk befand sich die städtische Ware, zu der man durch ein spitzbogisches Tor gelangte.

Außen am Rathaus war das Ellenmaß in Eisen eingelassen, so daß jeder sich von dem richtigen Maße überzeugen konnte. An dem Rathaus befand sich auch der Prangerstein mit Halseisen und Handfesseln, die durch eiserne Ketten an zwei Steinkugeln befestigt waren. Über das weitere Schicksal dieses alten Rathauses wissen wir bis jetzt nur so viel urkundlich, daß im Jahre 1771 aus den Steinen des abgebrochenen Rathauses 220 Gulden gelöst wurden. Es ist wahrscheinlich, daß auch dieses alte Rathaus abgebrannt war.

Man wollte ein neues Rathaus im modernen klassizistischen Stil bauen und hat vielleicht die vom Brand stehen gebliebene Umfassungsmauer für den obigen Preis auf Abbruch verkauft. Erhalten geblieben war nur der geräumige Rathauskeller, der bei der Fundamentierung des Friedensdenkmals gefunden und von einigen Handwerkern begangen wurde. Die Unterkellerung ist außerordentlich geräumig. Hier wurden von den beiden städtischen Weinmeistern die Weine für das Stadtwirtshaus gelagert. Nach Aussage der Nachbarschaft schmilzt da, wo der Keller liegt, der Schnee viel rascher als an anderen Stellen. Im Jahre 1773 wurde das Rathaus durch einen Neubau in der Hans-Sachs-Straße ersetzt.

 

Schönborn’sches Haus

Das stattliche Haus mit dem Erker links hinter dem Friedensdenkmal gehörte der Familie von Schönborn. Der Schönborn’sche Löwe ist noch an der Stuckdecke des Hausflurs zu sehen. Das Gebäude ging sodann an den Amts-Registrator Langgut über. Als dieser 1814 gestorben war, kaufte die Gemeinde diesen Bau um 1300 Gulden und richtete ihn 1815 als Schule ein. Das seitherige Schulhaus bei der Kirche wurde verkauft. Hier blieb ein Teil der Schule, bis im Jahre 1893 das neue Schulhaus an der Offenbacher Landstraße bezogen wurde.

 

Stadtwirtshaus

Gegenüber dem Friedensdenkmal befindet sich das alte Stadtwirtshaus. Bis in das 17. Jahrhundert war dieses das einzige Wirtshaus in Steinheim. Der jetzige Bau stammt von 1731. Es war in städtischem Betrieb. Die Stadt hatte zu Anfang des 16. Jahrhunderts vom Kurfürsten von Mainz das Recht zum Weinausschank erhalten. Sie mußte den 21. Pfennig von dem verzapften Wein an den Kurfürsten bzw. an dessen Keller in Steinheim entrichten. Das machte von 100 Gulden Einnahme fünf Gulden Abgaben. Dafür mußte die Gemeinde mit einem bestimmten Anteil die öffentlichen Bauten erhalten helfen.

Auf Sankt Michaels-Tag wurden von der Bürgerschaft zwei Weinmeister erwählt, die dem Weinschank vorzustehen, den Wein einzukaufen und an den Stadtwirt abzugeben hatten. Der städtische Wein lagerte im sehr geräumigen Rathauskeller. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wuchs auch in Steinheim ein leichter Wein. Der auswärtige Wein kam besonders von Miltenberg, Wertheim, Würzburg, manchmal auch vom Rhein. Der Weinausschank war viel stärker als der Bierausschank. Der Zins, den der Stadtwirt jährlich zu zahlen hatte, betrug 120 bis 130 Gulden. Dazu kam noch das sogenannte „Ohmgeld“ für Wein und Bier.

Das Stadtwirtshaus spielte im Mittelalter und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Leben des Städtchens eine wichtige Rolle. Es fehlte nie an Gästen, da ja Steinheim Amtsstadt und Pfarrei mit drei Filialen war, aus denen die Pfarreiangehörigen an jedem Sonntag herauf nach Steinheim kamen. Das Städtchen hatte auch sehr viel Durchgangsverkehr, da es an der großen Straße von Nürnberg nach Frankfurt lag. Aber auch die Einwohner sorgten für Betrieb im Stadtwirtshaus. In dieser trinklustigen Zeit verzichtete man oft auf Entschädigung mit Geld von Seiten der Gemeinde. Man ließ sich dafür meist einen Trunk im Stadtwirtshaus geben. Hier wurden die Strafen des Haingerichts (Ortsgerichts) gemeinsam vertrunken.

Hier erhielten die beiden Bürgermeister, die mit dem Stadtwirt nach jedem Quartal abrechneten, ein Maß Wein und Brot. Auch die beiden Geschworenen, die am Kirchweih-Montag das Gewicht und das Maß prüften, bekamen dafür ihren Wein und ihre Wecken. Ebenso erhielten die Stadtgeschworenen zwei Maß Wein und zwei Brote, wenn sie den Kühen die Hörner schnitten und den Ebern die Zähne brachen. An Christi Himmelfahrt wurde das Junggesind von der Gemeinde mit einem Freitrunk bewirtet. Auch den Schützen gab man an ihrem Patronatsfest, dem Sankt Sebastianstag (20. Januar) und am Fronleichnamstag für die Teilnahme an der Prozession jedem eine halbe Maß Wein. Sogar bei Verpachtung der Gemeindewiesen erhielt jeder Bürger einen Freitrunk.

Das alte Stadtwirtshaus war anscheinend vorn Dreißigjährigen Krieg auch stark mitgenommen worden. Die Reparaturen wollten kein Ende nehmen. Da entschloß man sich, im Jahre 1731 ein neues Stadtwirtshaus zu bauen. In dieser Form ist es bis heute geblieben. Der städtische Betrieb hat sich aber im 18. Jahrhundert nicht mehr gelohnt, zumal jetzt auch noch mehr Wirtschaften entstanden waren. So wurde im Jahre 1784 das Stadtwirtshaus zur Versteigerung ausgeschellt und 1786 wurde es um 2900 Gulden verkauft. Während der Franzosenzeit von 1790 bis 1814 hat der Stadtwirt Johannes Ferg Kriegsvölker aus aller Herren Länder hier bewirtet und beherbergt. Im 18. Jahrhundert wurde das Wirtshaus genannt „Zum Lamm“. Seit 1786 ist es in Privatbesitz. In den Dreißiger Jahren hieß es „Zur Germania“.

 

Das neue Rathaus

Das neue Rathaus wurde im Jahre 1773 errichtet. Die Baukosten betrugen 2700 Gulden. Da hier auch die Zentsachen verhandelt wurden und sich zu ebener Erde die Zent-Arreste befanden, hatten die Zentorte, die zur Zent (Gerichts- und Verwaltungsbezirk) Steinheim gehörten., zum Rathausbau mit Geld und Frondienst beizusteuern. Als im Jahre 1782 Steinheim Sitz eines Oberamts und Vogteiamts geworden war, wurde das neue Rathaus das Lokal für alle Vogteiamtssitzungen. Hier wurden jetzt alle Amtsakten aufbewahrt.

Für die Ratssitzungen der Stadt benutzte man ein kleines Zimmer. das sogenannte „Wartstübchen“, in dem sich die Parteien während der Amtstage aufhielten. Auf ebener Erde war ein Raum für die städtische Waage frei gehalten. Die Kanzlei mit sämtlichen alten und neuen Akten war oben im großen Sommersaal untergebracht. Während der zwanzigjährigen Kriegszeit von 1794 bis 1814 wurde das Rathaus sehr häufig als Lazarett und Lebensmittelmagazin benutzt., wodurch es sehr gelitten hatte.

Im Jahre 1816 fiel der größte Teil des Rathauses einer Feuersbrunst zum Opfer. Es war in der Sonntagnacht vom 28. zum 29. Juli zwischen 10 und 11 Uhr abends, als plötzlich die Flammen aus dem Rathaus schlugen. Der Brand war anscheinend im Dachstuhle ausgebrochen, wo zum Unglück auch noch 600 Kieferwellen lagen.

Als die im ersten Schlaf liegende Einwohnerschaft zu Hilfe eilte, loderten die Flammen bereits himmelan, und das Feuer hatte die Stiegen schon ergriffen, so daß man auf diesem Wege nicht mehr in das erste Stockwerk gelangen konnte. Dort lagen in verschiedenen Zimmern die sämtlichen Akten der alten kurmainzischen Amtsstellen, da man aus ihnen die Akten von Großauheim, Großkrotzenburg und Oberrodenbach, die damals zu Kurhessen kamen, herausgesucht und einen Tag vor dem Brand nach Kassel abgegeben hatte.

Als der Groherzogliche Justizamtmann Groß an die Brandstelle kam und die Akten retten wollte, konnte er die Stiege nicht mehr hinauf. Ohnmächtig stand die Menge vor dem wütenden Element. Da belebte der Justizamtmann den Mut zum Rettungswerk dadurch, daß er sich selbst an die Spitze stellte und mit Hilfe von Feuerleitern zu holen suchte, was noch zu retten war. Mit seltener Kühnheit und Aufopferung waren sechs bis acht Männer in die zum Teil schon brennenden Räume eingedrungen und warfen einer großen Teil der Akten durch die Fenster auf die Straße. Die ältesten Steinheimer Urkunden konnten nicht mehr gerettet werden und sind so für immer vernichtet. Von dem Rathaus waren nur noch die Wände stehen geblieben. Auch das Rokokoornament über der Türe und der Altan stammen noch vom Rathaus von 1773. Den Feuerwehren aus sämtlichen Nachbarorten, auch aus Hanau, war es geglückt, das Feuer auf das Rathaus zu beschränken. So wurde das alte Reubersche Haus und das dahinter stehende noch ältere Gebäude des kurfürstlichen Kellers gerettet.

Da das Rathaus nicht bewohnt war, vermutete man eine boshafte Brandstiftung. Der Verdacht fiel sofort auf den Amtsschreiber Hebel, der ein Trunkenbold war und sein Amt sehr schlecht verwaltete. Er hielt die Akten nicht in Ordnung, so daß eine geregelte Geschäftsführung in der Registratur nicht möglich war. Da Hebel nun eine Revision der Großherzoglichen Regierung fürchtete, glaubte er in seinem Trunkwahn durch einen Brand seine unordentliche Amtsführung verbergen zu können. Trotz vieler Verdachtsmomente von Seiten einer ganzen Reihe von Zeugen konnte er der Brandstiftung direkt nicht überführt werden. Er mußte aber die Untersuchungskosten bezahlen und wurde seines Amtes entsetzt.

Im August 1816 hatte Landbaumeister Spieß bereits den Plan für ein neues Rathaus - wie wir es heute sehen - entworfen und die Bauarbeiten vergeben. Das Baumaterial, wie Sand, Lehm, Kalk, Steine und Holz, mußte durch Frondienste herbeigeschafft werden. Die Kosten für das jetzige Rathaus betrugen 3.500 Gulden. Die Orte des Amts Steinheim hatten neben der Stadt Steinheim auch zu den Kosten beizusteuern.

 

 

Der Kellereihof und die Zehntscheuer

Rechts neben dem Rathaus in der Hans-Sachs-Straße steht noch ein altes gotisches Haus, das jedenfalls 1535 von dem damaligen kurfürstlichen Keller Ulrich Reuber errichtet worden war  (Der Keller war ein kurfürstlicher Verwaltungsbeamter, der insbesondere die Steuern, die damals meistens in Naturalien bestanden, einzutreiben und den Wein einzukellern hatte). Das alte Kellereigebäude steht noch hinter dem Reuber’schen Haus. Seiner ganzen Anlage nach ist dieses eins der ältesten Häuser Steinheims. Im achtzehnten Jahrhundert genügte dem Keller das Reuber’sche Haus auch nicht mehr, und man baute im neuen Zeitstil an dem Eingang zum Kellereihof eine neue Kellerwohnung.

Am Torpfosten neben dem Haus steht ein Schild „Der Herrenhof“. In dem Kellereihof befindet sich die langgezogene Zehntscheuer, mit drei Stockwerken übereinander und vier alten, zum Teil übereinander liegenden Weinkellern. Zwanzig Dörfer hatten Bede und Dienstgeld als Steuer und den großen und zum Teil auch kleinen Zehnten an die Kellerei Steinheim zu entrichten. Es gab um 1570 im Amt Steinheim ungefähr 500 Steuerzahler, von denen jeder durchschnittlich 1-21 Simmern Korn oder Hafer, ein Fastnachtshuhn, ein Sommerhuhn, zwei Hämmel, drei Gänse und Flachs, Rüben sowie Kraut, Stroh und Heu zu liefern hatte. Dazu kam der Weinzehnte der damals viel mehr einbrachte, als wir uns heute vorstellen. So war  z. B. allein in Steinheim der Albanusberg, vom Albanusbrünnchen bis zum Hellenwald größtenteils mit Weinreben angelegt. Ebenso wuchs Wein am Main, hinter dem Schloß, im Pfortenfeld und am Kreuzberg,

 

Der Huttenhof

Gegenüber dem Kellereihof liegt der Huttenhof, ein Renaissancebau aus der Zeit um 1600. Die alte gotische Scheune dieses Hofes läßt vermuten, daß hier vor dem sechzehnten Jahrhundert ein anderes herrschaftliches Haus in gotischem Zeitgeschmack gestanden hat. Von besonderem Reiz ist das Erkertürmchen an der Ecke zur Wenckstraße. Aus einem rechteckigen, reich profilierten Sandsteinsockel steigt eine Dreiviertelrundsäule hoch, auf der eine Deckplatte ruht, die wieder als Basis für ein muschelförmig geziertes Kapitell dient. Darauf ruht das fünfseitige Erkertürmchen, das in der Horizontalen am Fuße mit Zahnschnitt, Eierstab und Perlstab in den Profilierungen verziert ist, während vertikal das gekröpfte Gesims und das fünfseitige ehemalige schön geschwungene Barockdach von Pilastern getragen wurde. Das Dach und der obere Teil des Türmchens wurden in den 70er Jahren zu ihrem Nachteil geändert. Im Innern des Hauses ist nur die alte Schneckentreppe noch erhalten. Der Treppenturm ist von Hof aus zu sehen. Alle anderen Räume sind verändert.

An der Hausfront steht eine Madonna mit dem Jesusknaben, die früher über dem Portal des Huttenhofes stand (die Aussparung ist noch vorhanden). Ein demütiges Madonnenantlitz schaut voller Güte herunter auf den Beschauer. Das Christkind in erhabener Würde mit lehrender Handhaltung wird von seiner Mutter der Menschheit dargeboten. In barocker Form schwingt ein blauer, faltenreicher Mantel in vielen Brechungen und Bauschungen über ein lang herabfallendes rotes Untergewand. Im Hof ist heute ein Gaststätte untergebracht. Links im Hof ist die Gaststätte „Treppchen“.

 

Zunfthaus der Fischer und Schiffer

Die Hans-Sachs-Straße endet als Sackgasse. Man biegt aber schon vorher rechts ab und trifft auf das Zunfthaus der Fischer mit seinem gut erhaltenen Fachwerk, das im unteren Stockwerk die gotische Dreipaßform in Fachwerk aufweist. Die alte Doppeltüre des Hauses ist beseitigt worden. An der rechten Hauswand ist ein Spruch, der vermutet, daß der letzte Fischer von Steinheim im Main ertrunken sei.

 

 

Der Fronhof

Nach links kommt man zum Fronhofgelände, auf dem zunächst das alte kurfürstliche Brauhaus auffällt, jetzt Hofbrauhaus Jung. Das Brauhaus war eine ergiebige Einnahmequelle für die Kurfürsten. Diese besaßen das Wein- und Biermonopol, denn die Wirte der 14 Ortschaften des Amtes Steinheim durften Bier nur aus dem Steinheimer Brauhaus beziehen. Mit der wachsenden Einwohnerzahl im 16. und 17. Jahrhundert vergrößerte sich auch der Bierabsatz. So hatte bereits der Kurfürst Albrecht von Brandenburg (1514-1544) den Fronhof und das Brauhaus erweitert.

Das Brauhaus ist in seiner jetzigen Form wurde von dem Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim (1679-1695) errichtet. Sein Wappen ist auf der Vorderseite des Brauhauses angebracht (dazu ein modernes, stark vergoldetes Hessenwappen). Im Hof sind auch noch über dem Eingang zur eigentlichen Brauerei (hinter dem Wohngebäude) die Anfangsbuchstaben der Pächter des 18. Jahrhunderts zu lesen. So z. B. „H. F. 1746“. Am rückwärtigen Giebel befindet sich ein Stein mit der Jahreszahl 1609 und den Buchstaben „A. C.“ (Albrecht, Cardinal).

Das Haus ist seit 1829 im Besitze der Familie Jung. Die heutige Wirtschaft wurde um 1860 erbaut. Von der im Jahre 1911 von dem jetzigen Besitzer Gustav Jung erweiterten Terrasse in der südöstlichen Ecke des Hofes hat man einen hübschen Blick auf das Mühltor nach den benachbarten Maindörfern mit ihren Kirchtürmen und Häusern, mit ihren Fabriken und Schornsteinen. Die Familie hat es verstanden, dem Hause einen guten Ruf zu erwerben und zu erhalten. Besonders in der Sommerzeit ist es mit seinem großen schattigen Garten und seiner Terrasse mit prachtvoller Aussicht über das Maintal und den Vorspessart ein idealer Aufenthaltsort.

Durch einen Torbogen kommt man in den alten Fronhof. Dort steht heute noch die große Fronhofscheuer (mit einer anschließenden Wohnung?). Zum Fronhof gehörten 136 Morgen Äcker im Steinheimer Feld, die im Pfortenfeld, im Schachen, im neuen Feld (beim Heiligenhaus), am Spechtskreuz (bei der Schindkaute), im Kraisfeld (gegen die Auheimer Gemarkung hin) und im Niedersteinheimer Gebiet (Mainfeld, Lachenfeld, Brückenfeld) lagen. Auch gehörten 7 Morgen Wiesen und Gärten dazu. Er wird in ältester Zeit von den Eppensteinern eingerichtet worden sein. Er wurde von einem Hofmann verwaltet, der jährlich als Pachtsumme 25 Malter Korn an den Kurfürsten abzugeben hatte. Er war frei von jeder herrschaftlichen Steuer: dafür mußte er einen Faselochsen und einen Zuchteber halten (Diese Last ruhte noch bis 1902 auf dem Brauhaus).

Er durfte ferner kein Stroh aus dem Fronhof verkaufen, und hatte dem Kurfürsten, wenn dieser im Schlosse weilte, frisches Brunnenwasser zuzuführen. Für den kurfürstlichen Keller mußte er den Pfortenacker und den zur Kellerei gehörigen Krautacker zackern. Ebenso hatte er zusammen mit den Auheimer Hofleuten den Wein aus dem neuen Feld (Das „neue Feld“ im Gegensatz zum „alten Feld“, ist eine Gewannbezeichnung. Sie umfaßte das Feld vom Albanusbrünnchen bis zum Hellenwald und hinüber bis zum Häuserweg) ins Schloß oder, wenn er nach Mainz verschickt werden sollte, an das Fahr zu bringen. Er war berechtigt. das Holz, das er zur Einfriedigung seiner Äcker und sonstigen Güter benötigte, aus der Biebermark zu holen (Bieberermark oder Biegermark ist ein Gebiet, dessen Wald, Wasser und Weide von den Gemeinden Bieber, Heusenstamm, Hausen, Obertshausen, Bürgel, Rumpenheim, Mühlheim und Dietesheim gemeinsam verwaltet und genutzt wurde).

Wenn man weiter in die Brauhausgasse geht, kommt man nach einer Baulücke zu zwei Häusern, die früher Schafställe waren und zur Schäferei des Fronhofes gehörten. Die Schafzucht war bis zum 18. Jahrhundert ganz außerordentlich verbreitet, solange Europa gar nicht oder nur mangelhaft mit Baumwolle aus überseeischen Ländern versehen wurde. Am Giebel befindet sich das Wappen des Kurfürsten Albrecht von Brandenburg. In den vier Wappenfeldern befinden sich oben Adler und Greif, unten der Löwe und das Hohenzollernwappen. Auf einem Kreuz über dem Wappenschild liegt der Kardinalshut mit den herabhängenden Quasten.

Hinter dem Wappen sind Schwert und Bischofsstab gekreuzt, als Zeichen der weltlichen und geistlichen Hoheit. Das Wappen ist in einfacher Renaissanceform ausgeführt. Das gleiche Wappen befand sich an der Fronhofscheuer befand (vielleicht rechts von dem großen Tor?), ist aber heute nicht mehr vorhanden.

Von der Brauhausstraße gelangt man durch eine Tor in der Mauer zu dem südwestlichen Eckturm der Festungsmauer, dem Dilgesturm, der mit seinem Storchnest von jeher ein Liebling der Steinheimer Jugend war. Die Treppe führt hinunter in den Hof der Villa Stokkum.

Man geht aber wieder die Brauhausstraße zurück und geht in Richtung Kirche. Links geht es in die Häfnergasse (Sackgasse). Dieses Töpfergewerbe hatte sich hier früh entwickelt, da ja Lehm und Lett nicht allzuweit von Steinheim, auch heute noch, gegraben werden. Um 1900 sind die letzten Drehscheiben aus der Häfnergasse verschwunden. Rechts ist wieder der Huttenhof zu sehen.

 

Kreuzkapelle

Am Huttenhof kann man auch ein Modell der Steinheimer Altstadt betrachten. Das Gebäude, ind emd as Modell zu sehen ist, steht an der Stelle der ehemaligen Kreuzkappelle. Der kleine, rechteckige und flachgedeckte Bau stand auf dem alten Friedhof neben der Kirche. Der Eingang der Kapelle war mit Spitzbogen versehen. An der Mainseite, wo die alte Friedhofsmauer als Kapellenwand benutzt wurde, saß ein kleines Steinrahmenfenster mit einfachem Maßwerk. Neben dem Eingang war ein steinerner Weihwasserkessel in die Wand eingelassen. Die vier großen Fenster an der der Pfarrkirche zugekehrten Seite waren aus der Barockzeit. Die Kapelle diente bis ins 19. Jahrhundert als Aufbewahrungsort des Wallfahrtskreuzes.

 

Der Wenksche Hof oder das Altaristenhaus.

Links  von der Kirche  steht ein hochgiebeliges Steinhaus, der alte Wenck’sche Hof oder das Altaristenhaus. Dieses Gebäude war von dem kurfürstlichen Keller Konrad Wenck gebaut worden. Dieser war zugleich Geistlicher. Seit 1487 besaß er die Einkünfte des St. Georgenaltars in der Schloßkapelle. Zwischen 1487 und 1490 ist dieser Hof entstanden. Im Jahre 1492 stiftete der Keller von Steinheim und Pfarrer von Hörstein Konrad Wenck in seinem Hause „an der Pforten zu Steinheim zu der rechten Hand“ eine Kapelle „zu Ehren des Herren Christi, Mariae und Annae“, und bestimmte das Haus mit seiner Einrichtung zur Wohnung des jeweiligen Altaristen, der aus dem Wenckschen Stamm oder, wenn hier ein geeigneter Bewerber fehle, aus Stadt oder Amt Steinheim genommen werden sollte. Das Patronat übertrug der Stifter seinem Bruder, dem Kammer- und Zollschreiber Johann Wenck (gestorben 1514) und dessen Erben.

Diese beiden Brüder Konrad und Johann übergaben im Jahre 1502 mit bestimmten Gülden und Gütern, darunter einen großen Garten vor der Pforte im Hainberg dem Erzstift Mainz zu Erblehen, und Erzbischof Berthold verlieh dieses Haus und die Güter wieder erblich dem Johann Wenck und seinen Nachkommen. Zu diesem Erblehen gehörten außer dem Haus und Garten zu Steinheim. 34 Morgen Äcker und 20 Morgen Wiesen in Bieber, und 53 Morgen Äcker und 11 Morgen Wiesen in Heusenstamm.

Die Familie Wenck, behielt in der weiblichen Linie diesen Wenck’schen Hof bis zum Jahre 1808. Im Jahre 1806 erhielt Philipp Anton Kämmerer, ein Sprosse der Wenckschen Familie, gegen eine Abtretungsgebühr von 500 Reichstalern von der Darmstädter Regierung die Erlaubnis zur Allodifikation. d. h. das Lehen wurde aufgehoben, und der Gesuchsteller erhielt das Haus und Gut als Eigentum und konnte darüber frei verfügen. Allerdings wurde jetzt die seitherige Steuerfreiheit aufgehoben. Das Gut wurde nach dem Tode des Amtsvogts Kämmerer für einen Spottpreis im Jahre 1808 verkauft.

In dem Hause lebten die Familien Wenck und die Altaristen. In dem Haus gab es eine Kapelle. Die Kapelle und die hier wohnenden Geistlichen haben jedenfalls zu dem Gerücht Veranlassung gegeben, daß früher hier ein Tempelherrenkloster gewesen sei. In einer Nische über der Tür steht eine sogenannte „Anna-Selbdritt“, d. h. die Mutter Anna selbst wird dargestellt zusammen mit der gekrönten Maria, die sie auf dem linken Arm, und dem Jesusknaben, den sie auf dem rechten Arm trägt. Neben dem Wenck’schen Hof steht noch ein sehr schönes Fachwerkhaus mit einer zugemauerten Torfahrt.

 

Das Obertor

Auf dem Platz Kardinal-Volk-Platz vor der Kirche befand sich das alte Obertor Es wurde um 1550 errichtet  und bestand aus zwei Teilen: dem äußeren und dem inneren Tor. An dem überdachten äußeren Torbogen stand ein dicker, runder Turm, der aus zwei Stockwerken bestand und mit einem eckigen Dach versehen war. In dem unteren Stockwerk befand sich die Wachtstube für den Torpförtner, der hier das Weg- und Geleitgeld erhob. An den Turm schloß sich die gewölbte Durchfahrt an. Vor diesem Tor befand sich ein Schlagbaum.

War man durch den Torbogen hindurchgeschritten, so gelangte man zwischen zwei Mauern zu dem inneren Tor. Dieses war geschützt durch zwei Türme, die mit spitzen Dächern abgeschlossen waren und aus der Zwingermauerflucht vorsprangen. Die beiden Türme waren verbunden durch einen Gang, der mit einem Ziegeldach überdeckt war. Von hier aus lief nach beiden Seiten ein Wehrgang nach den Türmen und auf der Mauer hin. Dieses innere Tor war nochmals geschützt durch einen südlichen Turm (heute im Garten von Lambe).

Dieses außerordentlich starke Vorwerk, das nach Schließung des Mühltors um 1550 auf diese Weise befestigt worden war, wurde im  Jahre 1817 abgebrochen. Im Pflaster vor der Kirche ist der Verlauf der Mauer noch markiert. Die Abbruchsteine des Obertores wurden nach Offenbach, Bieber und Froschhausen verkauft. Auch die Mauersteine der Brücke über die Rodau bei Hausen und ein Teil Steine des Werner’schen Hauses gegenüber der Post stammen vom alten Steinheimer Obertor. Auch die Zwingermauer, die vor der Hauptmauer herlief, wurde damals abgebrochen, und die Steine wurden zum Teil zur Chaussierung der Offenbacher Landstraße verwandt.

 

Vorstadt

Vom Kardinal-Volk-Platz sieht man rechts in die Vorstadt. Die Stadt verlor um 1700 ihren festungsartigen Charakter, was in dem neuen Steinheimer Stadtviertel, der sogenannten Vorstadt, zum Ausdruck kommt. Das Stadtbild ist hier nicht mehr so kraus, sondern einfach, gradlinig, nüchtern und bequem. Man sieht den Häusern mit den großen Höfen das Behagen an, glücklich der Festungsmauer entgangen zu sein, um sich hier vor der Stadtmauer recht breit ausspreizen zu können. Bis zum Jahre 1687 stand in der heutigen sogenannten großen und kleinen Vorstadt kaum ein Haus. Vor der Festungsmauer und der davor stehenden Zwingermauer liefen zwei Gräben mit Wällen, die nur unterbrochen wurden durch die vorspringende Obertorbefestigung und durch den Pestilenzturm.

Im September 1687 baten 14 Steinheimer Bürger den Kurfürsten Anselm Kasimir von Wambolt, das Land vor der Mauer austeilen und einen Bauplan ausarbeiten zu lassen. Ihre Bitte wurde genehmigt, und umgehend erging der Befehl an den Keller Johann Jakob Tautphaeus, die Hecken und das Gesträuch in und auf den Gräben vor der Stadtmauer abhauen und das Gehölz hinwegschaffen zu lassen. Die Hofreiten der Vorstadt wurden größtenteils von 1690 bis 1750 erbaut. Die Häuser dieser Straße unterscheiden sich dadurch von denen in der Altstadt hinter den Mauern, daß sie mit der Langseite und nicht mit der hochgezogenen Giebelseite nach der Straße stehen. Es sind typische Beispiele für die Bauweise des 17. und 18. Jahrhunderts.

Die Gründer der Vorstadt erhielten im Gegensatz zu den Altstädtern nicht nur geräumige, breitgelagerte Häuser, sondern auch große Höfe hinter dem Haus nach der Stadtmauer zugeteilt. Die Wälle und Gräben wurden eingeebnet und zu Gärten angelegt.

So war ein Teil der westlichen Stadtbefestigung seit 1687 den Bedürfnissen der Zeit zum Opfer gefallen, die neue Straße wurde 1707 gepflastert. Nur die Hauptmauer, der Pestilenzturm und das Obertor waren stehen geblieben.

 

Das älteste Pfarrhaus

Links vor der Kirche steht der schönste Fachwerkbau Steinheims, das alte Pfarrhaus. Es hat herrliches Fachwerk mit reicher Linienzier in Ständern, Streben und Riegeln in gerader und gebogener Form. Dieses Haus wurde im Jahre 1468 von dem Pfarrer Konrad Willungen gebaut. Jedenfalls hat der damals in Steinheim residierende Erzbischof Diether von Isenburg auch sein Scherflein dazu beigetragen. Die großen Keller unter dem Pfarrhaus erinnern uns daran, daß der Pfarrer seinen Gehalt in Naturalien empfing, so den Zehnten an Korn und Hafer, an Hämmeln, Gänsen, Hühnern, Flachs und Wein.

Es gibt wenig Häuser in Steinheim, die im Innern den mittelalterlichen Geist so atmen wie dieses Gebäude. Wenn man durch die Haustüre eingetreten ist, steht man in einem geräumigen Hausflur vor der Küche. Wir steigen die Treppe hinan, die hier mit einem Podest versehen ist, gelangen rechts in die Küche und geradeaus in die untere Stube mit Kammer. Auf einer Wendeltreppe kommen wir in das zweite Stockwerk mit drei Zimmern und Küche. Hier hat Pfarrer Indagine seine damals so berühmten Bücher über Astrologie geschrieben und von hier aus haben von 1468 bis 1670 die Steinheimer Pfarrer für ihre Pfarrkinder gesorgt und gearbeitet. Auch dieses Haus hatte durch den Dreißigjährigen Krieg und die furchtbare Armut nach diesem Krieg stark gelitten.

 

Das zweite Pfarrhaus

Man baute ein neues Pfarrhaus nördlich vom alten.  Wenn man um das Fachwerkpfarrhaus herum geht, kommt man durch einen Torbogen. Auf einem von barockalem Blattwerk umrahmten Schlußstein über dem Torbogen sieht ein Lamm mit der Kreuzesfahne und der Inschrift: „Amore et candore“ (In Liebe und Reinheit) und die Anfangsbuchstaben P. S. (Pater Sebastian Kray 1739).

Im Jahre 1739 hat Pfarrer Kray dieses zweite Pfarrhaus erweitern lassen. Es blieb Pfarrhaus bis 1780. Um diese Zeit wurde als drittes das jetzige Pfarrhaus am Main gebaut. In das verlassene Pfarrhaus wurde 1787 die Schule verlegt. Im oberen Stock befanden sich zwei Schulstuben für 140 bis 150 Kinder. Den unteren Stock bewohnte der Rektor, der ein jährliches Gehalt von 54 Gulden bezog. Die Schule blieb hier bis 1814.

Da die Kinderzahl größer geworden, war seit 1760 noch ein zweiter Lehrer eingestellt worden. Ein Teil der Kinder mußte morgens, der andere mittags die Schule besuchen. Da starb im Jahre 1814 der Amtsregistrator Langguth, und die Gemeinde kaufte dessen geräumiges Haus mit Erker am Marktplatz, das er von den Schönborn erstanden hatte, um 1300 Gulden als Schulhaus. Das alte Schulhaus an der Kirche wurde 1814 um 516 Gulden an Samuel Herz verkauft. Heute ist es leider mit Eternit-Platten verschandelt.

 

Die katholische Kirche „St. Johann Baptist“ (Gedächtniskirche)

Der ehemalige Wehrturm mit Zinnen und Erkern wurde zum Kirchturm. An den Charakter des Turmes erinnern noch eine langgestreckte Schießscharte (sog. Schlüsselscharte) im unteren Stockwerk und der bekrönende vorspringende Zinnenkranz mit Brustwehren, breiten Schießscharten und vier Ecktürmchen, die wie kleine Erker kühn an den Ecken herausragen. Er hat als Stützpunkt der Westmauer und der Obertorbefestigung gedient.

Im Turminnern lassen sich an dem verschiedenartigen Aussehen der Mauer deutlich zwei Bauzeiten feststellen. Ursprünglich war der Turm keine 29 Meter hoch, sondern reichte nur bis zu den gotischen Fenstern im ersten Stock.

Die Bauzeit dieses ältesten Turmteiles müssen wir zwischen 1320 und 1335 ansetzen, als nach Verleihung der Stadtrechte Steinheim mit Mauern und Türmen versehen wurde. Die flachen Kreuzgewölbe im unteren Glockenturm sind später eingebaut und die beiden Eingangstüren in späterer Zeit eingebrochen worden.

Der Turm hatte ursprünglich nur einen Eingang, und zwar die Stelle in der jetzigen Kirche über dem Glockenturm. Die gotische Türfassung dient heute als Aufbewahrungsort für eine alte Madonna. Eine Leiter diente zum Aufstieg, die im Falle der Gefahr hochgezogen werden konnte. Wo heute das Langhaus der Kirche steht, war damals freier Platz und es ist nicht ausgeschlossen, daß an der Stelle des heutigen Chors die alte Kapelle stand, die 1329 mit einem Altare zum heiligen Geiste erwähnt wird.

Es steht fest, daß das heutige Chor um das Jahr 1450 noch nicht stand, und daß um 1450 der Turm auf seine heutige Zinnenkrönung  erhöht und durch eine Türe mit dem Langhaus der Kirche verbunden wurde. Das Schiff in seinem jetzigen Umfang entstand etwa 1453. Die Säulen in der Gedächtniskirche sind nicht mehr wie in der Früh- und Hochgotik mit Kapitellen versehen, sondern sie senden strahlenförmig ihre Rippen in das Gewölbe hinauf, das netzartig von diesen unterfangen wird.

Der Druck der Rippen wird durch Schlußsteine aufgefangen, die die Wappen des Erzbischofs Berthold von Henneberg (gest. 1504.), des Uriel von Gemmingen (gest. 1508) und des Mainzer Domkapitels tragen. Auf einem Schlußstein befindet sich das Mainzer Rad. Der Chor wurde 1504-1509 unter Pfarrer Johannes Rosenbach, genannt „de Indagine“ erbaut. Eine Grabplatte der Kirche, die beim Abbruch des Hauptaltars im Jahre 1949 freigelegt und in den rechten Seitenaltar eingemauert wurde, trägt die Jahreszahl 1453.

 

Die Glocken.

Die älteste Glocke stammt aus dem Jahre 1466. An dem oberen Rande trägt sie über einem gotischen Dreipaßfries die Inschrift in gotischen Buchstaben: „Maria gotts Celle halt in hut was ich ubberhalle. anno dni MCCCCLXI (1466). Diese Marienglocke dient beim Zweit- und beim Zusammenläuten.

Die größte Glocke in der Mitte wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg gegossen und an ihre jetzige Stelle gebracht. Sie hängt an sechs Henkeln, die mit bärtigen  Männergesichtern geschmückt sind. Vielleicht haben wir es hier mit dem Kopf des Glockengießers zu tun.

Am Kopf zieht sich über einem Akanthus oder Bärenklaublattfries die Umschrift: „In honorem sacrosanctae et individuae Trinitatis, beatae Mariae Virginis et Sancti Joannis Baptistae“ („Zu Ehren der allerheiligsten und ungeteilten Dreifaltigkeit, der seligen Jungfrau Maria und des heiliger, Johannes des Täufers“). Auf der Vorderseite hält ein Barockengel mit ausgespannten Flügeln ein Tuch. mit der Inschrift: „Johann Wagner in Frankfurt Gos Mich Anno MDCLLVI“ (1656).

Daneben bemerken wir das Stadtsiegel, ein S mit T verschlungen, darüber ein Rundrelief mit der heiligen Dreifaltigkeit. Gott Vater hält dem Sohn die Weltkugel hin. Darüber schwebt der heilige Geist in Gestalt einer Taube.

Rechts davon sehen wir ein hochgerichtes Kreuz, das in die Erde gekeilt ist. Mit fliegendem Lendenschurz hängt die Barockfigur des Heilandes am Kreuz. Die körperliche Gestaltung in Muskeln und Sehnen ist stark betont. Der Kopf ist sehr ausdrucksvoll. Am Fuße des Kreuzes kniet Maria Magdalena. Mit der rechten Hand hat sie das Kreuz umklammert, in der linken hält sie ein Tuch, mit dem sie ihre Tränen getrocknet hat. Voll Hoffnung schaut die Sünderin nach dem Erlöser. In mächtiger Formensprache, in Falten und Brüchen umhüllt der Mantel das mit geschlitzten Puffärmeln versehene Kleid. Auf der Rückseite der Glocke steht der Patron der Kirche, der heilige Johannes. Ein härenes Gewand umhüllt seine Gestalt. In der Rechten hält er schräg ein ihn überragendes Kreuz. ,Mit der Linken hat er die Bibel umfaßt, auf der ein Lamm liegt.

Weiter rechts finden wir das Wappen des Kurfürsten Johann Philipp von Schönhorn, der jedenfalls die Glocke gestiftet oder einen ansehnlichen Betrag dazu beigesteuert hat. Das Wappen ist von Barockspiralen umrahmt und mit der Kurkrone geziert. Schwert und Bischofstab sind die Zeichen der weltlichen und geistlichen Macht.

Im Wappenschild selbst sind die Wappenzeichen von Kurmainz, von Würzburg und in der Mitte von Schönborn. Über der Wappenverzierung lesen wir die Buchstaben: I. P. D. G. X. M. P. G. A. P. E. H. D. F. Abkürzung für: „Johannes Philippus Dei Gratia Archiepiscopus Moguntinus Per Germaniam Archicancellarius. Princeps Episcopus Herbipolensis. Dux Franciae“. Zu deutsch: „Johann Philipp von Gottes Gnaden Erzbischof von Mainz, Erzkanzler von Deutschland, Fürstbischof von Würzburg. Herzog von Franken“.

Das nächste Bild der großen, künstlerisch wertvollen Glocke zeigt Maria auf der Mondsichel mit dem Kinde auf dem linken Arm. Dieses trägt in der linken Hand die Weltkugel. Maria hält in der Hand des herunterhängenden rechten Armes ein Szepter. Mutter und Kind schauen schützend und gnädig auf das Städtchen hernieder. Den unteren Rand schmückt die Inschrift: „MARIA GOTTES CELLE HALT IN HUT WAS ICH UBERSCHELLE“.

Die Johannisglocke ist die vornehmste Glocke nach Wesen und Ausstattung. Sie läutet Wandlung, sie läutet Tag, Mittag und Abend. Sie führt und beherrscht die anderen Glocken beim Zusammenläuten zum Gottesdienst, zur Freude und zur Trauer. Auf ihr sind die tiefsten Wahrheiten des Glaubens dargestellt. Der Lichtverkünder Johannes, die demütige und reuevolle Maria Magdalena am Fuße des Kreuzes, und der Christusknabe als Beherrscher der Welt im Arme seiner Mutter. Noch stärker wird dieser Christ-König-Gedanke auf dem Dreifaltigkeitsbilde betont, auf dem Gott Vater dem Sohne die Königsherrschaft der Welt überträgt.

Die dritte, die kleinste Glocke, von der wir noch eine Aufnahme machen konnten, war 1924 gesprungen und mußte deshalb umgegossen werden. Sie trug die Inschrift: „Johann Peter Bach gos mich. In Gottes Nahmen flos ich vor die Stat Grosssteinheim. 1750.“ Die neue Glocke, die Sebastiansglocke, die der alten nachgebildet ist, trägt außerdem die lnschrift: „1924 zersprang ich. Von Humpert von Brilon neu gegossen schlag ich. Anno Domini 1926.“ - Das Armesünderglückchen im Türmchen auf dem Chor hat keine Inschrift und keine Verzierung.

 

Der Chor der Kirche.

Der Chor, der künstlerisch wertvollste Teil unserer kirchlichen Architektur, gehört der Spätgotik an. Der gotische Charakter äußert sich schon in der Grundrißanlage. Sie ist nicht rund, sondern weist eine fünffache Brechung auf.

Der spätgotische Charakter spricht sich in den Säulen, den Gewölben und Fenstern aus. Die Säulen sind nicht mehr wie in der Frühgotik mit Kapitälen versehen, sondern sie senden strahlenförmig ohne jeglichen Absatz unmittelbar ihre Rippen in das Gewölbe hinauf, das netzartig von diesem unterfangen wird. In der Frühgotik laufen die Rippen kreuzförmig übereinander. Hier an unserem Gebäude ist von dem einfachen Kreuzgewölbe nichts zu merken. Anscheinend regellos zieht sich dieses rote Rippengewirr über die grau-weiße Decke hin. Doch wenn man genauer hinsieht, so staunt man, trotz des Reichtums, über den konstruktiven Zweck einer jeden Rippe. Diese tragen das Gewölbe und erfreuen durch ihren reichen Wechsel und durch die Harmonie ihres Formenspiels das Auge.

An den Langwänden des Chors entwickelt sich das Rippenwerk nicht aus Halbsäulen, sondern aus gegliederten Konsolen, die bis zur Hälfte der Wand heruntergehen. An der Nordseite ist die Konsole durch die Orgel verdeckt. Der Druck der Rippen nach oben hin wird aufgefangen durch Schlußsteine, von denen drei durch Wappen von Erzbischöfen geschmückt sind. Es sind dies die Geschlechterwappen der Erzbischöfe Berthold von Henneberg, des Jakob von Liebenstein und des Erzbischofs Uriel von Gemmingen. Auf einem Schlußstein befindet sich das Mainzer Rad in Silber auf rotem Felde.

Die angeführten Wappen deuten auf die drei Erzbischöfe hin, unter denen der Chor aufgeführt wurde. Berthold von Henneberg ist 1504 gestorben (in diesem Jahre wurde mit dem Bau des Chors begonnen). Auf ihn folgte Uriel von Gemmingen, der bereits 1508 starb und Jakob von Liebenstein als Nachfolger hatte.

Wahrscheinlich wurde der Chor 1509 zu Ende gebracht. Auf einem äußeren Strebepfeiler finden wir in gotischen Ziffern die Zahl 1504. Daneben steht mit zwei Steinmetzzeichen an einem Rundbogen die Zahl 1509.

Ob es ein guter Griff war, den alten Barockaltar durch den modernen gotischen zu ersetzen, läßt sich heute nicht mehr beurteilen. Die heutige Gesamtwirkung wird durch den plumpen Orgelkasten, der den Chor verschandelt, sehr beeinträchtigt. Sehr bedauerlich ist es, daß der Orgel zuliebe das kunstvolle Chorgestühl um seine Bekrönung geköpft wurde.

 

Die Chorstühle.

Die Chorstühle waren früher mit einer Bekrönung versehen, die wenig über die Hinterwand des Chorgestühls herausragte, und mit Türmchen, sogenannten Fialen, und Wimpergen geziert war. Prachtvolle Laub-Ornamente, wie wir sie noch an den Seitenwänden der Stühle sehen können. waren noch reichlicher vorhanden. Welch wunderbarer Einklang muß damals zwischen Chordecke und Herrnstuhlbekrönung bestanden haben. Nüchtern und kahl sieht heute der obere Teil des Werkes aus. Mit um so größerer Freude versenken wir uns in den Reichtum der Formen der noch erhaltenen Teile.

Beide Chorstühle bestehen aus Kniebänken und Sitzreihen. Das Gestühl an der Südwand, also auf der Epistelseite (rechts), ist reicher in seiner Ausführung als das auf der Evangelienseite. Während hier nur einfache Säulchen und eine in eine Spirale auslaufende Blattform die einzelnen Sitze voneinander trennen und die wuchtigen Armlehnen stützen, sieht man auf der Epistelseite an Stelle dieser Säulchen Menschen- und Tiergestalten, die als Stütze der Armlehnen dienen.

Wir beobachten zuerst einen kauernden Jüngling mit einer Trommel, auf der sein linker Arm mit dem Klöppel ruht, während die Rechte lässig auf dem rechten Knie liegt. Die nächste Stütze wird von einer Säule getragen, an der ein Tanzbär mit einem dicken Lederstrick festgebunden ist. Dieser tritt aus der Fluchtlinie hervor. Dann folgt ein schnauzbärtiger Landsknecht mit den damals üblichen Puffärmeln und Puffhosen und der Landsknechtskappe auf dem Kopie. Die Last des Kriegslebens drückt auf ihn, so daß er fast zusammenbricht.

Doch der nächste, der Hofnarr (an der Zipfelmütze erkennbar) wendet sich mit pfiffigem Gesicht zu dem Landsknecht. Er hat mit dem rechten Arm die Säule gepackt und zeigt dem Landsknecht, wie man sich von seiner Last befreien kann, indem man die Säule zusammenreißt. Am schwersten wird der folgende von dem Druck, der auf ihm ruht, auf die Erde gepreßt. Es ist der Bauer, auf dessen Schultern damals die ganze Last der Abgaben, Frondienste und der Leibeigenschaft ruhte. Geistlos stiert das abgearbeitete, ausgemergelte, bärtige Gesicht auf den Boden. Er hat nur ein Wams und eine kurze Hose an. Seine Füße sind nackt. Auf dem Haupte trägt er eine Pelzmütze, die mit einem breiten Band unter dem Kinn festgehalten wird. Er hat seine Hand zwischen die drückende Last und sein Haupt geschoben, um sich etwas Erleichterung zu verschaffen, bevor er ganz zusammenbricht und ins Uferlose hinuntergleitet. Fürwahr ein ergreifendes zeitgeschichtliches Bild der damaligen Bauernsklaverei.

Alle fünf, der Bauer, der Hofnarr, der Landsknecht. der Tanzbär und der Trommelknabe müssen dem Herrn, dem Ritter, dem Fürsten dienen und deren Lasten tragen. So läßt der Künstler in diesen Figuren ein Stück Kulturgeschichte vor unseren Augen wieder erstehen.

Auch die Ruhekonsolen an den Klappsitzen sind an diesem Herrenstuhl viel reicher als an dem gegenüberliegenden. Wir sehen reichen Wechsel von halbierten sechsseitigen Vielecken mit Spruchbändern, Blatt- und Stengelverzierungen, sowie einem fratzenhaften Menschenantlitz.

An der Rückwand enthält ein mit einer reichen gotischen Helmzier gekröntes Wappenschild zwei durch einen Bach geteilte sternförmige Rosen mit je fünf Strahlen. Das ist ein sogenanntes redendes Wappen des damaligen Pfarrers Johannes Rosenbach genannt „de Indagine“, unter dem der Chor erbaut und von dem wahrscheinlich dieser Chorstuhl gestiftet wurde.

An der inneren Querwand sehen wir neben dem Wappen ein Spruchband, dessen Schrift durch die obere Verkürzung nur noch halb erhalten ist. An der äußeren Querwand, nach dem Altare hin, stellen wir einen Mann im Mönchsgewand fest, im faltenreichen, gotisch zerknitterten, weitärmeligen Obergewande, und in lang herabhängender Kapuze, die am Hals eingeknickt ist. In den Händen hält er ein Spruchband mit der Jahreszahl 1514. Am Saum des Gewandes über den Füßen steht „Elias“, und am Saum der Kapuze über der Stirne lesen wir „Profet“. Über dem Elias zieht sich reichverschlungenes Blatt- und Rankenwerk in naturgetreuer Ausführung. Diesen Realismus der Gotik, können wir auch in dem aufgedunsenen Gesicht des Propheten wahrnehmen.

An der entgegengesetzten Querwand streben Weinranken und Trauben in die Höhe als Sinnbild des heiligen Abendmahls. Der Betpult ist an der Stirnwand geziert mit einem zweiten Propheten, der aus seinem gefälteten Umhang mit breitem Umschlag seine Arme herausstreckt. Seine Hände halten ein Spruchband. Die Gesichtszüge sind edel. Kopf- und Barthaar sind gelockt. Auf dem Kopfe trägt er eine barettartige Mütze. Auch hier haben wir wieder in der Gestalt eines Propheten das Bildnis eines Mannes der damaligen Zeit. Das Relief ist eingerahmt von Stengeln, die in verschlungenen Langblättern auslaufen.

An der äußeren Querwand des Betpultes sehen wir den heiligen Christophorus. Die Legende vom heiligen Christophorus ist Sinnbild unseres Lebens. Man weiß: Der Fährmann am Ufer ward nachts geweckt von einem Kind, daß er es über den Fluß trage. Lächelnd nimmt der gute Riese die leichte Last. Aber da er den Strom durchschreitet, wird sie seinen Schultern schwer und schwerer, schon meint er, umsinken zu müssen unter dem immer mächtigeren Gewicht, aber noch einmal rafft er seine ganze Kraft zusammen. Und am Ufer im Morgenlicht zu Boden keuchend, erkennt Christophorus, der Träger des Christ, daß er den Sinn der Welt auf seinen Schultern getragen.

Ihm scheint es eine besondere Freude zu sein, den Christophorus fühlen zu lassen, welche Last er über den Fluß zu tragen habe. Selbst der gewaltige Baum, den der Riese als Stütze in der Hand hält, hat sich stark gebogen, so sehr mußte sich Christophorus an diesem Riesenstabe halten. Das knorrige Gerank über den beiden Gestalten ist zu einer Einheit zusammengebunden. Kulturhistorisch bemerkenswert sind bei Christophorus der Brotsack mit Holzlöffel und Brot. Diese Betpultwand ist abgeschlossen durch ein kauerndes Tier, das Sehnsucht nach seinem Herrn empfindet und winselnd an ihm emporspringen möchte.

Die Stirn- und Wangenseiten der Chor- und Herrnstühle tragen zeitgenössische Darstellungen der Propheten. Das Gestühl auf der Evangelienseite (links) ist einfacher gehalten. An der Stirn wand haben wir wieder einen Propheten. Das lang herabwallende Gewand, das sich knittert und faltet, wird durch einen Gürtel zusammengehalten. Das Gesicht ist scharf, spitz und eckig charakterisiert. Wir haben es hier mit einem streitbaren, unruhigen Charakter zu tun. Den Kopf schmückt eine Ballonmütze.

Das schönste Relief ist der Prophet an der Querwand des Evangeliengestühls bei der Sakristeitüre. In fester, selbstbewußter Haltung steht der Mann da. In langen, ruhigen Falten fällt der Talar mit den aufgerafften, breiten Ärmeln nach den Füßen herunter. Ein energisches., zielbewußtes Gesicht mit kühner Nase und gestutztem Bart tritt aus den ruhig gewellten Locken heraus. Der Kopf ist mit einer eigenartigen Spiralmütze versehen. Die Hand und besonders die Finger bezeichnen den unbeugsamen Willen des Mannes. Die Figur ist wieder umrahmt von dicken Stengeln, um die sich langgezogenes Blattwerk rankt. In strengem Realismus hat uns der Künstler unter dem Deckmantel der Propheten vier bestimmte Männer dargestellt.

An der Querwand des Betpultes ist ein von zwei Rüden gehaltenes gevierteltes Wappen angebracht mit dem Mainzer Wappen und dem des Hauses Gemmingen. Aus dem Wappenschilde wächst ein Kerzenhalter, und es ist allerliebst, wie die zwei Rüden bellend und springend mit der Kerze spielen. Unter diesem Wappen finden wir ein Spruchband mit der Inschrift: „Nach Christi gepurt MCCCCCX (1510) jar. Maria bitt für uns“.

Jedenfalls hat Uriel von Gemmingen diesen Herrnstuhl gestiftet. An diesem Chorgestühl findet sich ein beachtenswertes Relief an der Rückwand beim Hochaltar. In Dürers Art erblicken wir die Madonna mit dem Jesusknaben, der von der Mutter Gottes unter ihren Mantel genommen und von ihren Händen gestützt wird. Das Jesuskind hat eine Birne in der Rechten, die es von seiner Mutter erhalten hat. Zum Danke dafür streichelt es mit der Linken ihre Wange. Die Behandlung des Knaben ist nicht sehr geschickt, während die Madonna eine beachtenswerte Leistung ist. Sehr fein ist die einfache Komposition von Mutter und Kind, umschlossen von dem schön behandelten langen Haar und den eleganten Linien des Mantels. Als Basis des Ganzen dient die Sichelform des Mondes.

 

Die Altäre.

Der Hauptaltar und die beiden Seitenaltäre stammen aus der Zeit der Wiederherstellung der Kirche in den Jahren 1876 bis 1879. Im Jahre 1876 wurde unter Pfarrer Helwig Raum für die größere Anzahl der Kirchenbesucher durch Einbau der beiden Emporen zu beiden Seiten des Langschiffes geschaffen. Das Gewölbe der alten Kirche wurde eingeschlagen und das heutige Gerüst mit den Emporen eingezogen. Die alte Kirche hatte vordem zwei niedere dunkle Emporbühnen auf der Seite des Kirchturms. Der Aufgang zur unteren Empore war durch eine steinerne Treppe auf der äußeren Südseite der Kirche ermöglicht. Auf die obere Empore, die sogenannte Orgelbühne, gelangte man über eine hölzerne Stiege von der unteren Emporbühne aus. Für die neue Orgel wurde durch einen Aufbau über der Sakristei Raum geschaffen. Die Orgelbühne wurde leider in den Chor eingebaut.

Der alte Triumphbogen, der ziemlich niedrig und rundbogig war, wurde erhöht: die alten Holzfenster im Schiff wurden entfernt und durch neue Fenster mit gotischer Steinbekleidung ersetzt. Das Mittelfenster im Chor, das vermauert war, wurde wieder aufgebrochen, und ein neues Fenster mit Christus und Maria in Roermund für 600 Mark angefertigt.

Auch die alte Kanzel wurde durch die heutige ersetzt: Die entfernte Kanzel stand dort., wo heute das Missionskreuz hängt. Sie stammte aus der Barockzeit, war mit einem Deckel versehen und mit sechs Statuen Christi, Mariens und der vier Evangelisten geschmückt, die in Nischen um die Kanzel herum angeordnet waren. Diese Statuen befinden sich im heutigen Heiligenhaus beim Friedhof.

Der neue Hochaltar wurde 1879 von dem Steinheimer Bildhauer Georg Busch aufgestellt. Er erhielt für die Bildhauerarbeit  1500 Mark und der Maler Johann Kreis 700 Mark. Der Hochaltar zeigt geöffnet vier Reliefs: Die Hochzeit zu Kana, die Anbetung der Hirten, das heilige Abendmahl und die Kreuztragung. Wenn der Altar geschlossen ist, sind auf der Außenseite der heilige Johannes der Täufer als Kirchenpatron und der heilige Martinus als Diözesanpatron zu sehen.

Die beiden Nebenaltäre sind der Mutter Gottes und dem heiligen Joseph bzw. heute der heiligen Familie geweiht. Der Marienaltar, in dem die Strahlenmadonna aufgestellt ist., wurde, wie die anderen Altäre, von dem Steinheimer Maler Johann Kreis gemalt. Auf der Innenseite der Flügel befinden sich: die Verkündigung Mariä, die Geburt Christi, die Anbetung der Weisen und die Darstellung im Tempel. Auf der Außenseite sehen wir den heiligen Bernhard und die heilige Margareta Alacoque dargestellt.

Auf dem St. Josephs-Altar sind auf der Innenseite die Vermählung des heiligen Joseph., St. Josephs Stab, St. Josephs Tod und Begräbnis und auf der Außenseite St. Rochus und St. Sebastianus gemalt.

In der gotischen Zeit waren in der Kirche vier Altäre aufgestellt: Der Hauptaltar, der Liebfrauenaltar, der an der Stelle des heutigen Josephs-Altars stand, der Katharinen-Altar, und in der Mitte zwischen den beiden Nebenaltären der Sebastianus-Altar. Dieser war im Jahre 1468 von dem Erzbischof Diether von Isenburg zum Danke für die treue Anhänglichkeit der Steinheimer Schützen während der Mainzer Stiftsfehde gestiftet worden.

Diese Schützen waren die damalige Stadtwehr, die in einer Gilde oder Zunft zusammengeschlossen waren. Ihr Patron war der hl. Sebastian. Im siebzehnten Jahrhundert kam der Katharinen-Altar an die Stelle, wo heute die Kanzel steht, und der Sebastianus-Altar an die Stelle des heutigen Marienaltars. Um 1700 wurden beide Altäre beseitigt. Die St. Sebastianusfigur ist heute noch er halten und steht an der Nordwand des Schiffes

Die ältere Sebastianusfigur ist im Heiligenhaus aufgestellt. Andere Heilige waren jetzt mehr in den Vordergrund getreten und modern geworden. Der neue seitliche Barockaltar war der Mutter Anna geweiht. Das große Ölgemälde dieses linken Seitenaltars aus der Barockzeit ist noch erhalten. Es zeigt die heilige Anna mit ihrem Kinde, der heiligen Maria im Sternenkranz. Im Hintergrund erscheint der Kopf des heiligen Joachim. Der Altar war durch ein Rundbild der heiligen Barbara gekrönt, der Patronin der Artillerie und der Steinbrecher, von denen es ja damals viele in Steinheim gab.

Auf der Südseite stand der barocke Marienaltar mit der Strahlenmadonna. Diesen Altar krönte das Rundbild des heiligen Joseph.  Der Hochaltar der Barockzeit, der 1879 beseitigt wurde, war vor 1700 von der Familie Tautphaeus gestiftet worden. Es war ein Monumentalaltar, der von hohen Säulen flankiert war. Über dem ebenfalls von Säulchen eingefaßten Tabernakel befand sich ein großes Altarbild, das auswechselbar war.

Im Laufe des Kirchenjahres wurden zwei Bilder eingesetzt: Von Aschermittwoch bis zum 14. August wurde das Bild der schmerzhaften Mutter Gottes mit Jesus auf dem Schoße gezeigt. Seit 1925 befindet sich dieses Bild - allerdings beschnitten - wieder in der Pfarrkirche. Von Mariä Himmelfahrt bis Aschermittwoch sah man die Himmelfahrt Mariä auf dem Hochaltar. Links und rechts von dem Bilde standen der heilige Jakobus mit den Pilgermuscheln auf dem Gewande und einem Buch in der Rechten, und der heilige Johannes der Evangelist mit einem Kelch in der linken Hand. Über einem gekröpften Gesims stand Christus als Schmerzensmann mit einem Rohr in den gefesselten Händen, den Spottmantel um den Körper und die Dornenkrone auf dem Haupte. Links und rechts von ihm knieten anbetende Engel. Die Figuren sind sehr ausdrucksvoll in den Mienen, fein in der Gewandbehandlung und sehr lebendig in der körperlichen Gestaltung

 

Die übrigen Holzbildwerke.

Unter den Bildwerken aus Holz ist die Strahlenmadonna das bekannteste. Sie ist um 1450 entstanden und soll aus der alten Liebfrauenkirche des ehemaligen Kinzdorfes bei Hanau stammen. Seit Anfang des 14. Jahrhunderts war diese Kirche unweit der Mündung der Kinzig in den Main Pfarrkirche der Stadt Hanau. Als die Stadt im Jahre 1434 eine eigene Pfarrkirche erhalten hatte, blieb die Kirche in Kinzdorf Wallfahrtskapelle. In dieser Zeit ist die Madonna entstanden. Nach der Reformation wurde nach der Überlieferung die Madonna auf den Kirchenspeicher verbannt. Ein Steinheimer Pfarrer soll um das ehrwürdige Bild gebeten und es auch für eine bestimmte Summe erhalten haben. In Prozession wurde es von den Steinheimern nach ihrer Pfarrkirche geleitet, wo es auf dem Liebfrauenaltar aufgestellt wurde.

Die Madonna trägt auf ihrem linken Arm das Christkind, das gnadenvoll lächelnd mit der Rechten an dem Schleier seiner Mutter spielt. Mit ernstem, gnädigem Antlitz weist Maria die Legion der Bittenden hin auf ihr göttliches Kind. Die rechte Hand ist ungeschickt erneuert. Der Schleier ist zurückgeschlagen und läßt das edle Antlitz aus der Umrahmung des gewellten Goldhaars scharf hervortreten.

Über ein rotes, goldgesäumtes Kleid, das in breiten Schnörkeln über den angeblichen Türkenkopf fällt, fließt in faltenreichem Wechsel und in weichen Linien der grün gefütterte Goldmantel, der über den linken Arm der Gottesmutter hinaufgezogen und von da wieder in rhythmischen Schnörkeln nach unten strebt.

Die Überlieferung bezeichnet diese anmutige Figur als „Türkenmadonna“, weil sie zum Dank für die glückliche Abwendung der Türkengefahr im 15. Jahrhundert auf einem mit einem Turban versehenen Türkenkopf dar- und aufgestellt worden sei.

Diese Annahme wurde noch gestützt durch die Aufschrift auf dem alten Barockaltar: „auxilium christianorum“ (Du Hilfe der Christen). Der Türkenkopf ist aber weiter nichts als der Mond, auf dem Maria auf den meisten mittelalterlichen Bildwerken dargestellt wurde. Nach den Worten der Offenbarung des Johannes im 12. Kapitel, 1. Vers: „Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: ein Weib mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupte eine Krone mit zwölf Sternen“.

Die Steinheime Madonna ist auch mit der Sonne bekleidet, d. h. vom hellen Sonnenglanze der göttlichen Gnadenstrahlen umleuchtet. Sie hat den Mond unter ihren Füßen als ein Sinnbild, daß sie über alles Wandelbare erhaben ist. Sie trägt auf dem edelgeformten Haupte eine Krone mit zwölf funkelnden Steinen, als Sinnbild der zwölf Stämme Israels, aus denen Jesus und sein neues Reich., das Christentum, hervorgegangen sind, an dessen Spitze die zwölf Apostel standen.

Im 17. Jahrhundert hatte der Mainzer Weihbischof Dr. Volusius, der vorher evangelischer Prediger in Hanau und zum Katholizismus übergetreten war, eine silberne, fein ziselierte Krone für die Madonna geschenkt, die heute nicht mehr vorhanden ist. In den Reif waren folgende Worte graviert: Imago miraculosa Hanoviensis beatae Mariae virginis“ („Das wundertätige Hanauer Bild der seligen Jungfrau Maria“).  Bis zum Jahre 1843 war diese Madonna wie die anderen Heiligenfiguren an den Wänden, einem Brauch des 18. Jahrhunderts entsprechend, mit Kleidern geziert.

Künstlerisch wertvoll ist auch die Madonna über der Türe nach dem Glockenturm. Diese

Mutter Gottes ist in Über-Lebensgröße dargestellt. In der edelgeformten linken Hand trägt sie das Jesusknäblein, das mit seiner Linken die Weltkugel hält und mit der Rechten winkt, zu ihm zu kommen. Mit der rechten Hand zieht die Gottesmutter ihren mit Edelsteinen gezierten Mantel nach der rechten Schulter herauf, dessen Falten sich wie gotische Säulen und Rippen formen und brechen. Ein eng anliegendes Kleid fällt in regelmäßigen Falten über die hochgezogene schmale Hüfte und fließt über den Füßen und der Mondsichel in wunderlichen Schnörkeln auseinander.

Von besonderer Schönheit ist der lebenswahr gestaltete Kopf dieser Madonna, die wahrscheinlich um 1450 entstanden ist. Sie wurde vielleicht der Steinheimer Kirche gestiftet, als die Pfarrei 1449 von Klein- nach Groß-Steinheim verlegt worden war. Sie stand schon vor der Strahlenmadonna in der Kirche. Im 17. und 18. Jahrhundert war sie an der Südwand angebracht., wo jetzt das Standbild Johannes des Täufers steht.

Außer diesen Madonnenfiguren befanden sich an der Nordwand noch die Barockfiguren des heiligen Nepomuk und des heiligen Franziskus Xaverius (heute im Pfarrhaus: ebenso das  Ölgemälde der Hl. Anna mit Maria im Sternenkranze) sowie die gotische Sebastiansfigur, die heute noch an ihrer alten Stelle steht.

 

Die Grabdenkmäler.

Nach einer Mitteilung des ehemaligen Vikars Hellwig von St. Martin in Mainz befanden sich im Jahre 1611 in der Pfarrkirche von Groß-Steinheim 18 Gräber, die mit Platten oder Denkmälern versehen waren. Von diesen sind heute nur noch fünf erhalten. Verschwunden sind die Grabmäler der Familie von Bicken, die in Steinheim stark begütert war und um 1600 in der Kurmainzer Geschichte eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Im Chor hatten ihre letzte Ruhestätte gefunden: der kurmainzische Marschall und Amtmann von Steinheim Philipp von Bicken und dessen Gemahlin Anna, eine Schwester des Erzbischofs und Kurfürsten Daniel Brendel von Homburg. Sie waren die Eltern des Mainzer Kurfürsten Johann Adam von Bicken (1601- 1604). Außer ihren Kindern Margarete, gestorben 1561, und Daniel, gestorben 1562, ruht auch der kurmainzische Rat und Oberamtmann von Steinheim Jost Philipp von Bicken in der Kirche. Er hatte eine Renaissanceorgel gestiftet, unter der er begraben wurde.

Die Grabplatten wurden häufig zu Bachbrücken verwandt und waren bei den Erneuerungen der Kirche in den Jahren 1738, 1843 und 1867 entfernt worden.

Mehrere der oben Genannten waren im Chor beigesetzt. Außerdem fand hier auch seine letzte Ruhestätte der Steinheimer Pfarrer Johannes Machern, der von dem Hanauer Stadtkommandanten Ramsay listig nach Hanau gelockt worden war und dort im Gefängnis infolge Hunger und Mißhandlung im Jahre 1637 seinen Tod gefunden hat. Die Steinheimer erhielten den Leichnam ihres verehrten Pfarrers und setzten ihn im Chore bei.

Am 3. November 1796 wurde hier auch Coelestinus de Thys, der letzte Abt der ehemaligen Benediktiner-Abtei Malmédy-Stablo, beigesetzt, der nach der Aufhebung seines Klosters bei der Familie Walz in Hanau Aufnahme gefunden hatte und dort auch gestorben war.

 

1. Das Grabmal des Amtmanns Georg Johann von Ingelheim: Er ist 1639 gestorben und hat mit der Steinheimer Bevölkerung die Leiden des Dreißigjährigen Krieges getragen und sie gelindert. Er hat dafür gesorgt, daß nach den furchtbaren Zeiten der Pest und des Krieges die einzelnen Orte des Rodgaues wieder mit Pfarrern besetzt wurden.

Er wird auch von Pfarrer Wolbert (1638-1640) als ein besonderer Wohltäter der Klein- Steinheimer Kirche genannt, die von dem Kaiserlichen General Lamboy zerstört und mit Unterstützung des Amtmanns wieder aufgebaut wurde.

Diese Tafel ist aus weißgeädertern schwarzem Marmor. Barockspiralen umzieren den Stein. über der Schrifttafel befindet sich eine zweite einfache schwarze Marmorplatte, die das Ingelheimer Wappen in weißem Marmor und eine geschweifte Bedachung in schwarzem Marmor trägt. Zwei weiße Marmorflammen, deren eine ebenso wie das krönende Kreuz abhanden gekommen sind, zierten diesen Abschluß. Im Jahre 1691 stiftete Erzbischof Anselm Franz 400 Gulden zur Kaplanei Steinheim als Seelstiftung für seinen verstorbenen Vater Georg Hans von Ingelheim.

 

2. Das Grabmal des Amtmanns Diether von Erlenbach: Im Schiff der Kirche sind noch vier Grabdenkmäler vorhanden: Das älteste ist das des Amtmanns Diether von Erlenbach und seiner Gemahlin Anna von Reiffenberg. Ein kraftvolles energisches Gesicht schaut aus einem Schalenhelm mit Barthaube. Der Körper ist in einen Schuppenpanzer gehüllt. Die Linke stützt sich auf das Schwert, die Rechte trägt einen Streitkolben.

Die Gemahlin Diethers ist in ein feingefältetes Gewand gehüllt, das in gotischer Art unten geknittert ist. Ihre gefalteten Hände sind von einem Rosenkranz umschlungen. In den Ecken des Grabsteins befinden sich die Wappen der Herren Erlenbach, Reiffenberg, Greiffenklau und Allendorf.

 

3. Das Huttendenkmal: Eine ganz andere Zeit und ein bedeutenderer Künstler sprechen aus dem daneben stehenden Huttendenkmal. Um 1520 war eine neue Kunstform von Italien nach Deutschland vorgedrungen, weiche die gotische, spitzbogische, hochstrebende, eckige, reichgegliederte Kunstform verdrängte. Es war die Renaissance mit ihrem edlen Maß, mit ihrer Ruhe, mit ihrer Individualität und mit ihrer ins Breite und nicht mehr in die Höhe strebenden Form. So zeigt sich uns auch dieses Denkmal als ein edles Renaissance-Kunstwerk in Auffassung und Ausführung.

Während in dem noch gotischen Denkmal des Diether von Erlenbach die beiden Personen in eine Platte hineingezwängt wurden, sehen wir, wie der Künstler in dem Huttendenkmal, gemäß dem künstlerischen Renaissance-Ideal, den Steinheimer Amtmann und späteren kurmainzischen Marschall Frowin von Hutten mit seiner Gemahlin frei und ungezwungen, fast in voller körperlicher Form hingestellt hat.

Den buschgezierten Visierhelm hat der Ritter nicht mehr auf dem Kopf. Ungezwungen und ganz natürlich faltet er die Hände, während der Erlenbacher wie in steifer Photographiestellung seine Streitaxt in der Hand halten muß, und die linke Hand, als ob sie gar nicht zum Körper gehörte, plötzlich unorganisch aus dem Hintergrund herauswächst.

 

Das kluge, vornehme, zurückhaltende, vollbärtige Gesicht des kurmainzischen Staatsrats von Hutten kommt ohne Helm vortrefflich zum Ausdruck. Er ist nicht nur der Krieger, der im Jahre 1507 unter dem Kurfürsten Jakob von Liebenstein und unter dem Kaiser Maximilian die Mainzer Truppen nach Italien geführt, der dann im Jahre 1525 die Bauern wieder zur Vernunft gebracht hat, sondern er ist auch der kluge Diplomat, Der 1516 als Rat an den Hof des Kaisers Maximilian berufen wird, und überall den Vorteil seines Herrn, des Mainzer Kurfürsten, wohl zu hüten weiß.

Echt renaissancehaft ist nicht nur die scharfe Individualisierung des Gesichts, sondern auch die treue Wiedergabe aller Einzelheiten der Rüstung. Die Plattenrüstung, mit vorstehenden Stoßkragen an den Schulterstücken, ist bis zur kleinsten Niete durchgeführt. Am Lendner hängen das Wehrgehänge und der Dolch in verzierter Scheide.

Dem Amtmann zur Seite steht in der anderen Nische, auch in fast freier körperlicher Behandlung, Frau Kunigunde von Hutten, geborene von Hattstein. Die Frau faltet die Hände. Von ihrem Gesicht schauen nur noch Nase und Augen aus Haube, Schleier und Kinnbinde. Ein Untergewand liegt eng am Körper und wird von einem Gürtel zusammengehalten, an dem nach damaliger Mode eine Tasche hängt. In feinen Fältchen fällt der Umhang bis zu den Füßen, wo er in schönen Brüchen und Schnörkeln auf dem Felsgrund ausläuft. Um den Daumen der linken Hand hat sie den Rosenkranz gewickelt. Frömmigkeit, Demut und Sanftmut scheinen die hervorstechendsten Züge der Gemahlin Frowins gewesen zu sein.

Darüber steht jede Figur auf felsigem Boden in einem Bogen. der von je zwei Pilastern getragen wird, die von einem Komposit-Kapitäl mit Akanthusblatt, Eierstab und Volute (Kapitäl) gekrönt sind. Über den beiden Bogen ist in Stein gleichsam ein Pergament ausgerollt, das über dem Ritter eine Inschrift in lateinischen Buchstaben trägt, die über die Person des hier Begrabene Auskunft gibt.

Die vier Pilaster sind jedesmal mit zwei Wappen der Huttenschen Familien geziert, jedes von den beiden Feldern ist noch einmal von Pilastern auf hoch aufsteigendem Sockel eingerahmt und mit gekröpftem Gesims oben abgeschlossen. Jedes Feld ist bekrönt mit der typischen Renaissanceform der Muschel, die mit der Zahnschnittverzierung eingefaßt ist. Der Mittelpilaster trägt an Stelle eines Kapitäls den dornengekrönten Christuskopf mit dem Schweißtuch. Anscheinend schwebte dem Künstler der Dürer'sche Stich vor Augen. Zu Füßen Kunigundes von Hutten finden wir die Jahreszahl 1548 und zu Füßen des Frowin von Hutten die Zahl 1553 mit den Anfangsbuchstaben C. F.- des immer noch unbekannten Meisters.

4. Das Denkmal des Georg Truchsess von Henneberg: An der Südwand des Langschiffes befindet sich das Grabmal des Georg Truchseß von Henneberg. Frei und selbstbewußt steht der Ritter in seiner Renaissance-Rüstung. Hochragende, feingeschwungene Schulterstücke und Eilbogenkapseln mit sogenannten „Meuseln“ treten aus der Plattenrüstung hervor. Der untere Rand des beweglichen Oberschenkelschutzes ist mit symmetrisch angeordneten Rankenstengeln und Blättern geziert. Die rechte behandschuhte Hand stützt er auf die Hüfte, die Linke umfaßt das verzierte Schwert. Am rechten Oberschenkel-Schutz lugt der Dolch aus dem Hintergrund heraus.

Den vom Halsberg geschützten Hals ziert eine Doppelkette, die einen Orden trägt. Ein runder Kopf mit scharfen Augen, hervorstehenden Backenknochen, ausdrucksvollem Kinn, einer Senknase und borstigem Haar zeigt uns den Truchseß als echten Sohn seiner rauhen Zeit. Der Ritter steht mit seiner stark abgestumpften Fußrüstung, den sogenannten „Kuhmäulern“, auf einem Löwen. Der Steinmetz versuchte die Figur in einen perspektivisch erfaßten Raum hineinzustellen, dessen Hintergrund mit Arabesken gemustert ist. Um die von 10 Wappen gezierte Grabplatte zieht sich eine gotische Inschrift:

5. Das Grabmal der Elisabeth von Wolfskehl: An derselben Wand befindet sich noch das Grabmal der Elisabeth von Wolfskehl, einer Schwester der Frau Kunigunde von Hutten. Ein faltenreicher Mantel mit bauschigen Ärmeln läßt nur die übereinandergelegten Hände und das mit Palmetten gezierte Mieder frei.

Das Gesicht ist seelenlos. die ganze Behandlung lieblos und handwerksmäßig. In dem Kostüm erkennen wir die neue Mode, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts aufkam. Das weitbauschige, reichgefaltete Obergewand, in dem die Ärmel gefesselt sind, geben uns schon eine Ahnung von dem einsetzenden aufgeblasenen, schwülstigen Barock. In den Ecken befinden sich die Wappen der Geschlechter von Hattstein, Wolfskehl und Erlenbach.

Außer diesen fünf Grabdenkmälern in der Kirche sind noch zwei weitere vorhanden, die man aber aus der Kirche entfernt hat. Das eine ist das Grabdenkmal des Hans Christoph von Morsheim (gestorben 1553). Dieses wurde 1926 bei dem Neubau des Lämmerspieler Wegs als Brückenstein aufgefunden. Es ist in drei Teile gespalten und zum Teil stark abgetreten. In den Ecken waren und sind zum Teil noch die Ahnenwappen der Familien von Morsheim, Heusenstamm und Erlenbach angebracht.

Ein anderes wertvolles Denkmal, das des Heinrich von Spar, der unter dem Kurfürsten Albrecht (1514-1544) als Kämmerer gewirkt hatte und 1526 gestorben war, wurde 1876 bei der Erneuerung aus der Kirche entfernt, um Platz für die jetzige Orgel im Chor zu machen, und wurde 1899 um den Spottpreis von 25 Mark an das Landesmuseum in Darmstadt verkauft, wo es im Barocksaal aufgestellt ist. Der Ritter im Harnisch kniet auf Steinplatten. Der Helm steht vor ihm auf dem Boden. Die Hände waren zum Gebet gefaltet. Der Blick ist emporgerichtet zu einem Kruzifix, das wie die Hände und das Wehrgehänge bei der Abnahme beschädigt wurden und seitdem verschwunden sind. Das Kruzifix wurde von Gott Vater gehalten. Über beiden schwebte die Taube, das Sinnbild des hl. Geistes. Alan nennt diese Darstellung den „Gnadenstuhl“ und findet sie oft bei Denkmälern der damaligen Zeit.

Die Mittelplatte mit der Figur ist eingefaßt von Pilastern, die mit Blumenarabesken verziert sind. Vor den Pilastern stehen links und rechts halbierte und verzierte Renaissancesäulen. Diese stehen auf gekehlten und verzierten Konsolen, die eine Inschrift einrahmen. Auf den Kapitälen stehen zwei Engel, die eine Widmungstafel halten (einer der Engel ist allerdings heute verschwunden).

Wie sehr Kurfürst Albrecht von Mainz seinen verstorbenen Kämmerer geschätzt hatte, beweist außer diesem Denkmal auch die Stiftung eines „De profundis“. Der Pfarrer mußte alle Tage nach der hl. Messe vor dem Grab des Kämmerers - es befand sich an der Stelle, wo heute die Treppe zur Kanzel hinaufführt - und über der Sakristeitüre den Psalm singen: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr“ und Weihrauch und Weihwasser spenden.  Die Kirche hatte dafür dreißig Gulden erhalten. Von den Zinsen erhielt der Pfarrer jährlich acht Schilling, jeder Altarist (Kaplan) sechs und der Schulmeister fünf Schilling. Ferner sollte an jedem Sonntag nach der Predigt auf der Kanzel im Gebete des Ritters gedacht werden. Alljährlich am Montag nach Steinheimer Kirchweih wurde das Jahrgedächtnis gehalten. Der Kurfürst hatte für diese Trauerfeierlichkeiten ein schwarzes Taftornat mit Alben, Stolen und Manipeln für die zelebrierenden Priester und einen Taftvorhang zum Altar gestiftet.

 

 

Sonstige kirchliche Sehenswürdigkeiten.

Aus dem Jahre 1509 stammt ein Kreuzreliquiar. Es enthält einen Holzsplitter des hl. Kreuzes. Das Werk ist 26 Zentimeter hoch und aus vergoldetem Silber. Auf einem gotisch stilisierten Fuß und Knauf setzt sich das Kreuz auf. Die Enden der Kreuzbalken laufen in ein dreiblättriges Kleeblattmuster aus. Auf der Vorderseite dieser Kleeblattformen sind die Sinnbilder der vier Evangelisten in Hochrelief herausgetrieben: Der Engel, das Sinnbild für den hl. Matthäus, der Adler, das Sinnbild des des hl. Johannes, der Stier, das des hl. Markus und der Löwe, das Sinnbild des hl. Lukas. In der Mitte des Kreuzes befindet sich unter einer Scheibe die Inschrift: „Reliquie de ligno sancte crucis domini nostri Jhesu X PI”. Unter dem Streifen liegt die Stiftungsurkunde.

 

Auf der Rückseite sind eingraviert: die hl. Bilhildis, die Stifterin und erste Äbtissin des Mainzer Klosters Altmünster mit dem Stab der Äbtissin in der Rechten und einem Buch in der Linken: die hl. Margaretha mit dem Teufel in Gestalt eines Drachen, die hl. Katharina mit dem Rad, die hl. Barbara mit dem Turm und die hl. Gertrud mit dem Spinnrocken.

Von den beiden Monstranzen ist die eine in gotischer Form, die andere in Barock gehalten. Die gotische Monstranz setzt sich aus alten und neuen Teilen zusammen. Aus einem sechsteiligen Fuß steigt der sechseckige Stiel mit einem Knauf in die Höhe. Aus dem Stiel wächst ein Unterbau, der die Lunula mit der Hostie trägt. Um dieses Rundglas erhebt sich auf beiden Seiten ein gotischer Aufbau mit Nischen, in denen vier Heilige stehen. Wimperge mit Krabben und Kreuzblumen überdachen und bekrönen diese Nischen. Seitlich davon sind Strebebogen mit Strebepfeilern angebracht, aus denen Türmchen, sogenannte Fialen, mit Kreuzblumen emporwachsen. Über dem mit einer verzierten Metallkuppe abgeschlossenen Rundglas steigt wieder ein gotischer Aufbau in zwei Stockwerken in die Höhe.

In einer mit Strebepfeilern und -bogen eingefaßten und mit Wimpergen und Fialen gekrönten Nische steht Maria mit dem Jesuskinde im Strahlenkranze. Darüber befindet sich in einer kleineren, ähnlich verzierten Nische ein Bischof. In der Rechten hält er seinen Bischofsstab und in der Linken ein Buch. Es könnte der hl. Bonifatius sein. Der heilige Bischof steht unter einem hochgezogenen Turmdach. Dieses wird durch einen Knopf abgeschlossen, auf dem sich ein Kreuz erhebt.

Neu an der Monstranz sind zweifellos der Fuß, der Stiel, außer dem Knauf, sowie die obere und untere Fassung des Glaszylinders, ebenso der Knopf und das Kreuz an der Spitze. Alt ist zum größten Teil der Um- und Aufbau mit Ausnahme der unteren verzierten Knöpfe und der unmittelbar links und rechts aufsteigenden Strebepfeilerchen mit den üblichen Verzierungen. Die älteren Teile stammen wahrscheinlich aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Die neueren Teile wurden mit den älteren wahrscheinlich um 1840 verbunden. Die Monstranz ist aus Kupfer und vergoldet.

Die zweite Monstranz stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sie besteht aus Kupfer mit Silberverzierung. Aus einem gewölbten Fuß mit gebrochener Grundrißanlage sind links und rechts zwei pausbäckige Engelsköpfe herausgetrieben, die von Flügeln umrahmt sind. Vorne und hinten ist je ein Fruchtkörbchen mit Früchten herausziseliert. Neben Stengel- und Blumenverzierungen finden wir auf dem gewölbten Fuß noch die Marterwerkzeuge, wie Zange, Hammer, Geiselsäule und Reisigrute. Rosa, blaue und rote Steine schmücken den Fuß. Aus dem reich verzierten Fuß erhebt sich der Schaft mit Knauf.

Auf diesem sitzt die Monstranz. Die Lunula, der halbmondförmige Hostienhalter, sitzt in einem mit farbigen Steinen besetzten Sonnenkreis, der seine gekürzten Strahlen nach außen und innen schickt. Ungleiche Strahlen, die nach oben länger, nach unten kürzer werden, gehen von diesem Sonnenkreis aus. Aus diesen Strahlen wächst ein Kreuz, dessen Balken in der Mitte durch einen roten Stein geschmückt sind.

Vor dem Strahlenkranz ist eine durchbrochene barockale Ornamentschicht in Silber angebracht. Auf dieser Schicht befindet sich unter der Lunula aus vergoldetem Silber ein Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um seine Jungen zu ernähren. Am linken Rand trägt ein schwebender Engel das Kreuz zur Höhe, rechts hält ein auf Wolken schwebender Engel die Geißelsäule. Andere Engel tragen Hammer und Zange zu dem auf Wolken thronenden Gottvater, dessen Haupt von einem Dreieck gekrönt wird.

Vor Gottvater schwebt der heilige Geist in Gestalt einer Taube, die von Silberstrahlen umleuchtet ist. Zwei Engelköpfe schauen aus dem Himmel auf dieses Pelikanopfer, dessen erbarmende Opferliebe in der Monstranz gezeigt wird.

Neben der Monstranz wurde von jeher in der katholischen Kirche besonderer Wert auf die künstlerische Gestaltung des Kelches gelegt. Neben neueren Arbeiten besitzt die Kirche noch einen Kelch aus dem 17.  Jahrhundert. Der Fuß ist rund. Zierformen verschiedener Art, unter denen die Ranke und Spirale vorherrschen, sind herausgetrieben.

Aus diesem Ornamentspiel erheben sich drei ovale Emailbilder aus etwas blassen, aber fein  abgetönten Barockfarben: der heilige Joseph mit dem Jesusknaben in der einen und der Lilie in der anderen Hand. Das zweite Medaillon ist mit dem heiligen Antonius geschmückt, der auf seinen Armen das Jesuskind wiegt. Das dritte Email zeigt den heiligen Franziskus mit den Wundmalen an den Händen. Er drückt das Kreuz mit dem Gekreuzigten innig an seine Wange.

Aus dem Fuß wächst der Stiel, dessen Knauf sich nach oben verstärkt. Die Dreiteilung des Fußes ist durch blinde Ovals hier wiederholt.

Aus dem Knauf erhebt sich die Cuppa. Sie ist von einem Barocknetz überspannt, das zwei Finger breit vom Rand der Cuppa aufhört. Das Ornamentnetz trägt wie der Fuß drei weniger ovale Emails: Im ersten Oval sehen wir die Madonna, auf deren Schoß das Christkind steht. Maria drückt das Kindlein an sich, das seinerseits seine Mutter liebkost und sie am Kinn streichelt. Als Vorbild zu dieser Ausfertigung diente ein bekanntes Madonnenbild des im 16. Jahrhundert lebenden Malers Lukas Cranach. Eine Nachbildung in großem Format aus dem 17. Jahrhundert hängt im Treppenhaus des Pfarrhauses.

Im zweiten Medaillon betet der hl. Petrus für seine Kirche, die als Schifflein auf dem Meere treibt. Im dritten Bild ist der hl. Paulus dargestellt. der das Schwert kampfbereit nach oben hält. Farbig bilden die oberen und unteren Emails jedesmal eine geschlossene Wirkung. Oben sind besonders rot und blau der Madonna in wundervoller Weise bei Petrus und Paulus abgetönt.

Ein anderes wertvolles Stück, in unserer Pfarrei ist eine Casula, ein Meßgewand, das auf der Rückseite mit einem Bild des Gekreuzigten versehen ist. Diese Darstellung ist gegen den neuen Casula-Stoff durch breite Goldleisten abgeschlossen. Die Kreuzigung ist eine kostbare Nadelmalerei aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Aus mattgoldnen, geometrisch verziertem Hintergrund hebt sich das aus brauner Seide gestickte Kreuz, dessen Kanten mit einer anderen braunen Farbtönung malerisch herausgehoben 'werden. Der Gekreuzigte ist edel behandelt. Vier Engel in fliegenden langen Gewändern mit grün-blauen Flügeln fangen in Kelchen das heilige Blut aus den Wundmalen auf. Über dem Kreuz schwebt Gott Vater in den Wolken. Eine goldene Krone bedeckt sein Haupt. Ein grünes Gewand in feiner, farbiger Tönung kleidet ihn. Eine goldne Stola kreuzt seine Brust.

Auf der Vorderseite sehen wir die im Schmerz zusammenbrechende Mutter Maria, die vom heiligen Johannes gestützt wird. Unter dieser Darstellung steht eine Heilige mit einem geöffneten Buch in der linken und einem Palmzweig in der rechten Hand. Jedenfalls ist es die heilige Katharina, die im Mittelalter sehr verehrt wurde und auch einen Altar in der Kirche hatte,

Über dem Marienbild war noch eine Heiligenfigur eingestickt. Der Oberkörper ist bei der Neuherrichtung der Casula der Schere zum Opfer gefallen. Die Farben in blau. rot und grün sind bei den Vorderbildern erneuert, während auf dem Rückenbild die alten Farben fast völlig erhalten sind.

An dem Südtürchen beim Herrnstuhl steht noch ein steinerner, gotischer Weihwasserbehälter aus dem 15. Jahrhundert. Daneben wuchtet ein bauchiges, gekehltes Barocktaufbecken aus dem Jahre 1605 mit patiniertem Messingdeckel aus der Ecke. Dieses stand früher in der nördlichen Ecke, wo heute der Kanzelaufgang ist. Aus dem 17. Jahrhundert stammt der Gekreuzigte auf dem Missionskreuz. Die Kommunionbank und die Beichtstühle sind im 18. Jahrhundert entstanden. Bevor wir die Pfarrkirche durch die Nordtüre verlassen, wird hier unser Auge noch von einem barocken eigenartig verzierten Weihwasserkessel gefesselt.

Das Innere des Gotteshauses wurde im Jahre 1950 aus Anlaß des 500jährigen Jubiläums der Pfarrei erneuert. Seitdem trägt die Kirche auch den Namen „Gedächtniskirche“, weil ja in den Jahren 1933-40 eine neue katholische Kirche erbaut worden war. Die Kirche wird auch heute noch in unregelmäßigen Abständen zu gottesdienstlichen Zwecken genutzt.

 

Außen betrachtet man noch einmal den Chor der Kirche. Fünfseitig steigt das überworfene Basaltmauerwerk in die Höhe, während die Eckquadern, die Fenster und die Quadern des Strebepfeilers aus rotem Sandstein sind. Die spitzbogigen Fenster sind oben mit Fischblasenmustern verziert. Auf den Sandsteinquadern des Chors findet man noch versteckt Steinmetzzeichen, die meist mit einem Kreuz geziert, im übrigen aber von einander ganz verschieden sind. Da die meisten Steinmetzen zur Zeit der Erbauung des Chors (1505-1509) nicht schreiben konnten, hatte jeder sein Zeichen, die einen runenhaften Charakter haben.

 

Harmoniestraße

Die Straße wurde genannt nach der Wirtschaft, in der der Gesangverein „Harmonie“ tagte (wahrscheinlich das Gasthaus „Zur Sonne“ am Eingang der Straße). Aber ursprünglich war sie die Judengasse von Steinheim und hieß auch so. Die Judengasse ist wahrscheinlich kurz nach der neuen Ummauerung der Stadt (1320-1329) entstanden. Es handelt sich wohl um eine der ältesten Gassen Steinheims.

Im Jahre 1335 hatte Kaiser Ludwig der Bayer dem Gottfried von Eppstein erlaubt, zu Steinheim und zu Homburg v.d.H. je zehn Juden halten zu dürfen. Diese erhielten einen Schutzbrief von Seiten des betreffenden Herrn, der sie gegen Übergriffe schützte. Für diesen Schutz mußten sie ein Schutzgeld von ungefähr 20-30 Gulden zahlen. Da im Mittelalter den Christen das Zinsnehmen von der Kirche streng verboten war, kam der ganze Geldhandel in die Hände der Juden. Auch die Eppsteiner brauchten viel Geld.

So siedelten sie die Juden in einer eigenen Gasse an, die im Anfang wahrscheinlich durch zwei einfache Tore abgeschlossen war. Die Juden trugen eine eigene Tracht. Sie hatten in ihrer Gasse eine eigene Schule und jedenfalls auch ein Bad. Die Einrichtung eines solchen Bades war nicht allzu schwierig, da bis heute noch mehrere Keller dieser Gasse frisches Quellwasser haben. Die Judenverfolgungen von 1348 und später mögen wohl auch hier ihre Opfer gefordert haben. Erst im 17. Jahrhundert hören wir wieder etwas von Steinheimer Juden. Damals gab es hier drei Judenfamilien: Herz, Benjamin und Faist. Zu dieser Zeit wohnten aber auch schon Christen in der Judengasse.

Im Jahre 1682 sind noch zwei weitere Juden in Schutz genommen worden. Als in diesem Jahre in Steinheim eine Viehseuche ausgebrochen war, sind die Juden Benjamin und Faist mit zu den Bauern gegangen, haben das kranke Vieh besichtigt und so gleichsam den Tierarzt vertreten. Seit dem 15. Jahrhundert waren die Steinheimer Juden keine Geldverleiher mehr, sondern jetzt trat der Vieh- und Pferdehandel in den Vordergrund. Im Jahre 1709 hören wir auch einmal von einem Affron, der einen kleinen Kramladen hatte.

Die späteren israelitischen Familien lassen sich zum Teil bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen. So war im Jahre 1633 ein M. Herz von schwedischen Reitern nach Jügesheim geschleppt worden, war aber dort aus dem Gasthaus heimlich entflohen, weshalb sich die Soldaten an dem Wirt schadlos hielten.

Im Jahre 1798 wurde ein Michael Meyer aus Wenings, der eine Tochter des Samuel Herz zur Frau hatte, in den Schutz aufgenommen. Seine eigenen Glaubensgenossen haben ihm dabei große Schwierigkeiten bereitet.

Bis zum Jahre 1812 war es den Juden sehr erschwert und früher unmöglich, ein Haus außerhalb der Judengasse und sogar ein Christenhaus in dieser Gasse zu kaufen. Die Christen hatten ein Vorkaufs- oder Abtriebsrecht für ein ganzes Jahr. Für die landesherrliche Erlaubnis zu einem Hauskauf mußten die Juden 40 Gulden bezahlen. Seit 1812 fielen alle diese einengenden Bestimmungen, und seit dieser Zeit hat sich der größte Teil unserer israelitischen Mitbürger außerhalb der Judengasse niedergelassen.

Als Synagoge diente um 1816 das Haus Neutorstraße Nr. 6 Dann erhielt die jüdische Gemeinde die alte Registratur beim Schloß. Im Jahre 1860 baute sie darin ihre Synagoge hinter dem Altaristenhaus, bis sie im Jahre 1900 ihre neue geräumige Synagoge bei der heutigen Schule bezog.

In der Harmoniestraße steht rechts am Eingang der Bickenstraße ein schönes Fachwerkhaus, das eine wunderbare alte Tür hat und dessen Fachwerk am Giebel noch in Höhe der Fensterreihe zusätzlich freigelegt worden ist. Das Haus Nummer 7, das „Volk’sche Haus“ mit dem weit überstehenden Obergeschoß  ist von 1395.Am Ende der Harmoniestraße ist links ein Durchgang durch die Stadtmauer. An dem Haus, wo die Straße nach rechts abbiegt, ist ein alter Torbogen mit einem Stein von 1649 und darüber eine Madonna.

 

Neutor/Neutorstraße

Am Ende der Harmoniestraße stand als Abschluß der Preßmauer der „Pestilenzturm“. Heute ist er nur noch wie ein Brunnenrand angedeutet. In der Nähe des Turms, außerhalb der Stadt wurden die Pesttoten beerdigt. Zwischen Turm und Preßwand ist das sogenannte „Neutor“. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte Steinheim nur das Obertor und das Maintor, nachdem das Mühltor ja schon um 1550 vermauert war. Die Bedürfnisse der neuen Zeit forderten aber einen Durchbruch nach Norden, und so entstand um 1850 das Neutor, das um und nach 1900 so verbreitert wurde, wie wir es heute vorfinden.

Der Verlauf der Neutorstraße entspricht ungefähr dem Verlauf der ältesten Mauer, die vor 1320 den Burgbezirk umzogen hat. In einzelnen Hofreiten in der Neutorstraße sind heute noch Teile dieser ältesten Mauer zu sehen. Diese war zum Teil 1301 von Ulrich von Hanau zerstört worden, weil die Mauer gerade von der Westseite und Nordseite am leichtesten zu erstürmen war.

Die meisten Häuser stehen, der gotischen Bauart (1300-1500) entsprechend, mit der Giebelseite nach der Straße, und die Dächer sind sehr hochgezogen und steil. Diese hochgiebeligen, zweistöckigen Fachwerk- und Steinhäuser haben sich dann immer näher an die Stadtmauer herangedrängt, sie haben sich ineinandergeschmiegt und sich gehorsam der vor- und rückspringenden Fluchtlinie der Straßen gebeugt (siehe besonders Neutorstraße und Judengasse), deren Richtung wieder durch den Lauf der Ringmauer bestimmt wurde.

In der Neutorstraße stehen noch einige alte Häuser. Über dem Hoftorbogen des Hauses Neutorstraße Nummer 8 befindet sich ein bürgerliches Hauswappen (vielleicht das eines Metzgers) mit der Jahreszahl 1574. Der Keller dieses Hauses war früher verbunden mit dem Keller des Hauses Nummer 6. Es ist sehr leicht möglich. daß der Keller Nummer 8 zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges als Zufluchtsort für Menschen und Tiere und zur Bergung von Vorräten benutzt wurde.

Über dem Eingang zu dem stattlichen Haus Nummer 4 befindet sich auch ein bürgerliches Hauswappen, anscheinend das eines Küfers oder Weinschröters. Es ist mit „P. S.“ und der Jahreszahl 1596 versehen. Im achtzehnten Jahrhundert gehörte dieser Hof den Herren von Reuß als Erbbestandsgut.

Der Beständer mußte außer der Pachtsumme 19 Malter Korn, 29 Malter Hafer, 2 Hühner und 4 Schilling geben, das Faselvieh der Gemeinde stellen, einen Dukaten Besthaupt geben und die ewige Lampe in der Kirche unterhalten.

Durch Heirat verwandt mit der Familie von Reuß war die Familie von Leonrod. Freiherr Karl von Leonrod, kurfürstlich Mainzer Diplomat, hatte sich 1770 mit dem Freifräulein Therese von Reuß vermählt und in diesem Hause gewohnt.

Sein Sohn Ludwig trat später in den bayrischen Staatsdienst und wurde geheimer Staatsrat. Ein Sohn dieses Ludwig wurde Bischof von Eichstätt, besuchte im Jahre 1879 Steinheim und spendete hier das Sakrament der Firmung. Deshalb steht an dem Haus auch eine Tafel „von Leonhard“.

 

Hinterbäcker

Über den Markplatz geht man links herum in die Schloßgasse. Links am Eingang der Schloßstraße (Haus Nummer 2) steht das Hinterbackhaus (heute Bäcker König). Dieses war ursprünglich in städtischem Besitz. Der Bäcker mußte sechs Gulden Abgabe zahlen. Über der Haustüre gewahren wir noch das Abzeichen der Bäcker.

 

Vorburg

Wenn man in der Schloßgasse weiter geht, so bemerkt man an einem Schuppen der rechten Seite vier Angelsteine, die von einem alten Torbogen mit Doppeltor herrühren. Durch diesen Torbogen gelangte man in den äußeren Burgbezirk oder in die Vorburg. Rechts liegt das ehemalige katholische Pfarrgehöft. Als 1771 die Pfarrei Steinheim von dem Kloster Seligenstadt unabhängig gemacht und zu einer selbständigen Pfarrei erhoben war, wurde bald darauf auch ein neues Pfarrhaus an der heutigen Stelle gebaut und bezogen.

Links sieht man noch Reste des ehemaligen Amtshauses von 1556. Daß schon vor dieser Zeit beim Schloß ein Amtshaus war, in dem die Amtsgeschäfte des Amts Steinheim geführt wurden, ist selbstverständlich. Dieses älteste Amtshaus befand sich in südlicher Richtung vom Schloß. Auf den Stichen von Meißner, Merian und auf dem Gemälde von Schütz ist es noch zu sehen. Es bestand aus zwei Zwerch- oder Querhäusern. Dieses alte Amtshaus auch wahrscheinlich auch das „Fulterhaus“ (Folterhaus), das in alten Rechnungen erwähnt wird.

Bald erwies es sich als zu klein, und so wurde um 1556 das neue geräumige Amtshaus gebaut. Das alte Gebäude, das nach dieser Zeit das „Haus vor dem Schloßgraben“ genannt wurde, war nun vom Schloßgesinde und herrschaftlichen Beamten bewohnt.

Das neue Amtshaus hatte im unteren Stockwerk eine große Amtsstube mit drei Nebenkammern. Eine Schneckentreppe führte in den oberen Stock, den die Amtleute bewohnten. Wir wissen, daß hier der Amtmann Hans von Ingelheim gewohnt, und sein Sohn Anselm Franz, der spätere Kurfürst und Erzbischof von Mainz, seine Jugendjahre verbracht hatte. Als Nachfolger des Amtmanns von Ingelheim begegnet uns in diesem Amtshaus Philipp Erwein von Schönborn, der 1639 dem Hans von Ingelheim als Oberamtmann folgte.

Während des Dreißigjährigen Krieges war nur selten am Amtshaus etwas gebessert worden. Um 1652 wurden umfangreiche Reparaturen vorgenommen. da Wohnung und Stallung ziemlich baufällig geworden waren. Aber trotzdem scheint sich das Amtshaus, wie auch das Rathaus nie wieder völlig von den Schäden des Dreißigjährigen Krieges erholt zu haben. Wegen Baufälligkeit wurde das Amtshaus 1834 abgebrochen. Nur die Keller sind noch erhalten: Über dem Kellerfenster sieht man die Jahreszahl 1555 und über der halbrunden Nische die Jahrezahl 1556.

 

 

 

 

Äußerer Burghof

Der äußere Burgbezirk ist für sich durch Mauer, Tor und Graben nach außen abgeschlossen und von der eigentlichen Burg getrennt. Hier lag der Marstall mit geräumigem Speicher, hier grünte der Gemüse- und Obstgarten. Hier veranstaltete die ritterliche Jungmannschaft das Kampfspiel, den Tjost: hier übten, sich die Dienstmannen der Eppsteiner im Schlendern und Ger-Werfen.

 

Der Renaissancebrunnen: In dem äußeren Schloßbezirk befindet sich noch ein Brunnen von einfachen, edlen Formen aus dem Jahre 1564. In Renaissanceform steigen aus einem runden Unterbau, der den Brunnen einfriedigt, zwei eckige Säulen aus Sandstein auf, die ein Gebälk tragen. Das Ganze wird gekrönt durch einen halbkreisförmigen Abschluß mit zwei Wappen und der Jahreszahl 1564. Es sind dies die Wappenschilder des Philipp von Bicken und des Kurfürsten Daniel Brendel von Homburg, mit dessen Schwester Anna Philipp von Bicken verheiratet war. Der Brunnen ist demnach wahrscheinlich von dem Amtmann Philipp von Bicken und seiner Gemahlin Anna oder dem Kurfürsten Daniel errichtet worden.

 

Kanzlei

Von den Amtsgebäuden steht heute nur noch die Amtsregistratur, die Kanzlei (die Bezeichnung „Amtshaus Schloß Steinheim“ ist also nicht ganz korrekt). Dieser Bau diente von 1830 bis 1860 als Synagoge, dann wurde er als Geräte- und Vorratsraum benutzt, bis er um 1905 als Wohnung des Wasserbauaufsehers eingerichtet wurde (daher „Dammwärterhaus“).

 

Marstall

Der Marstall wurde um das Jahr 1431 gebaut. Das Gelände war von Henne Weber um hundert rheinische Gulden durch den Kurfürsten Konrad gekauft worden. Im Jahre 1709 meldete der Keller Tautphäus: „Das Dach auf dem Marstall geht ganz auseinander und ist völliger Einfall des Daches zu befürchten.“ Als im Jahre 1808 Prinz Georg von Hessen das frisch hergerichtete Schloß bezog, wurde auch der Marstall zur Unterstellung der Pferde wieder eingerichtet. Im Jahre 1808 wurde für den Prinzen Georg ein Raum für 16 Pferde abgeteilt, ferner Kammern für Sattelzeug, eine Wohnung für zwei bis drei Knechte, eine Wagenremise und Heu- und Haferräume. Der Stall faßte damals 40 Pferde. Darüber befanden sich die Futterböden. Das blau-rot gestrichene Gebälk der einzelnen Pferdestände, das 1926 entfernt wurde, weist mit den brabantisch-hessischen Farben auf die Erneuerung des Marstalls unter Prinz Georg hin. Das Wappen des Erzbischofs Daniel Brendel von Homburg, der in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts den Marstall erneuert und erweitert hatte, ist an der Ostseite des umgebauten Marstalls nicht mehr vorhanden.

 

Innerer Schloßbrunnen: Im Schloßhof befand sich ein uralter tiefer Brunnen, der nur noch an einer Betonplatte erkennbar ist. Er ist merkwürdig, weil in ihn ein unterirdischer Gang mündet. In einer Tiefe von sechs bis acht Metern finden wir in der westlichen Brunnenwand eine 1,50 Meter hohe gewölbte Öffnung, die in einen unterirdischen Gang führt, der nach Nordwesten, vielleicht nach dem Turme. führte. Dort mag er später zugeworfen worden sein. Ein hölzerner Pumpenstock liegt am Eingang des Ganges. Nach zehn Meter Entfernung kann man vorerst nicht mehr weiter, da das Gewölbe eingebrochen ist.

 

 

 

 

 

 

Die alte Burg und das Schloß.

Die Herren von Hainhausen (später „von Eppstein“ genannt) gründeten in der Mitte des 12. Jahrhunderts die Burg Steinheim. Die Herren von Eppstein  wurden in einer Urkunde von 1254 dann ausdrücklich als Eigentümer der Burg Steinheim genannt. Im Jahre 1301 wurde die Burg im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den rheinischen Kurfürsten und dem deutschen König Albrecht von Habsburg durch den königstreuen Ulrich I. von Hanau zerstört (und sogleich wieder aufgebaut). Steinheim war eine der Perlen erzbischöflicher Residenzen, die Main und Rhein säumten, hochgeschätzt wie Eltville oder Höchst. Es gibt mehrere alte Zeichnungen und Stiche mit unterschiedlichen Darstellungen des Schlosses - Beweis für die häufigen Umbauten.

Von der alten Burg ist der Teil, der parallel mit dem Main verläuft und als „steinernes hus“ bezeichnet wird, wohl der älteste Baubestand. Im inneren Burghof befanden sich der Stall mit Speicher, die Rüstkammer und das Schnitzhaus. Konrad III. von Mainz ließ die beiden Gebäudeflügel der Burg erhöhen und erweitern. Die kurmainzische Burg mit ihren vielen Türmchen präsentierte sich als typisch gotisches Bauwerk.

Die Burg wurde im 12. Jahrhundert gegründet und bestand in eppsteinischer Zeit aus dem mainseitigen Teil des Nord-Süd orientierten Schloßflügels, der Burgbefestigung und einem Bergfried, auf dessen Überresten vermutlich Kurfürst Konrad von Daun (gestorben 1434) den heute noch stehenden Turm von Frankfurter Baumeistern errichten ließ. Die Grundmauern des Schloßturmes sind wahrscheinlich in romanischer Zeit entstanden. Der Turm ist 36 Meter hoch, der innere Durchmesser beträgt 3,60 Meter, die Mauerstärke drei Meter.

Ohne Zweifel begann mit Konrad von Daun der Ausbau der Burg zu einer kleinen Residenz, zum „Schloß Steinheim“. Es wurde der Ostflügel angebaut und in ihm 1431 eine kleine Kapelle geweiht. Um 1450 ließ dann Kurfürst Dieter I. Schenk von Erbach den Nordflügel anbauen, den Nord-Süd-Flügel auf die heutige Hoftiefe verdoppeln und im „Rittersaal“ ein Kreuzgratgewölbe einziehen.

Erneut wurde zur Zeit Daniel Brendels von Homburg (regierte 1555-1582) am Schloß gebaut: 1555 am Amtshaus, 1562 am Marstall, 1564 wurde der Brunnen vor der Amtsregistratur errichtet und 1572 ein Renaissance-Treppenhaus an das Schloß angebaut. Als Matthäus Merian seine Ansicht von Schloß Steinheim anfertigte, stand die Anlage auf dem Höhepunkt ihrer baugeschichtlichen Entwicklung.

Steinheim ist so verschieden vom nahen Hanau, weil sich Ende des 16. Jahrhunderts der bilderstürmerische Graf Philipp Ludwig II. rühmte, eigenhändig aus einer Kirche der Hanauer Obergrafschaft ein Kruzifix „und andere Götzen und Bildwerk“ entfernt zu haben, der Mainzer Erzbischof aber das Schloß und die Kirche von Steinheim mit Kunstwerken schmückte. Am Main glänzten nicht nur die Bischofssitze Aschaffenburg und Würzburg durch reiche Architektur, der ganze Landstrich war geprägt vom Kunstsinn seiner geistlichen und weltlichen Herrscher, den Fähigkeiten seiner Bauhandwerker und dem Wohlstand seiner Kaufleute.

Der Niedergang des Schlosses vollzog sich unter dem letzten Mainzer Kurfürsten Karl Joseph von Erthal, der 1786 das Inventar des Schlosses versteigerte und noch vor 1800 weite Teile der Anlage für einen geplanten, dann aber nie realisierten Umbau abtragen ließ.

Der aus zwei Flügeln bestehende Wohnbau, dessen Obergeschoß im 18. Jahrhundert abgetragen wurde, konnte erst 1804 in klassizistischem Stil wieder erneuert werden. In diesem Zustand blieb das Schloß, bis es 1808 Großherzog Ludwig I. von Hessen für seinen Sohn, Prinz Georg, als Wohnsitz einrichtete. Zwischen 1808 und 1813 lebte Prinz Georg von Hessen im Schloß und ließ im Hauptgebäude Umbauten im klassischen Stil durchführen. Dr. Leopold Ingram leitet von einem Ziegelstein im Speicher des Schlosses ab, daß dieses im Jahre 1812 sein heutiges Aussehen erhalten haben muß.

Nach 1813 wurde das Schloß von Hessen-Darmstadt nie mehr bewohnt und das Mobiliar 1825 abgezogen. Der Abriß des Amtshauses erfolgte 1839. Im weiteren Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts bot das Schloß einem Betsaal, einer Schule, Wohnungen und Museum Platz.

Seit 1938 wird das Schloß als Museum für Vor- und Frühgeschichte genutzt. Im Steinheimer Schloß findet man Zeugnisse der Vergangenheit der einstigen kleinen Residenz, von einer Säule mit schönem Kapitell, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert, über eine bemerkenswerte Figur der Anna Selbdritt (datiert 1512) und den Arbeiten der Zünfte bis hin zu dem Wirtschaftszweig, der im. 19. Jahrhundert das Leben der Steinheimer bestimmte: der Zigarren-herstellung. Das „Mithräum“, eine Kultstätte des Gottes Mithras aus Rückingen, befindet sich neuerdings in einem Keller des Schlosses (von außen zugänglich).

 

Schloßbau: Durch den Vorhof gelangte man nach ungefähr 20 Meter über eine Brücke, die von drei Bogen getragen wurde, zu einem kleinen Torhaus. Hier befand sich eine Zugbrücke, die von dem Torhaus aus hochgezogen werden konnte. Dieses war gekrönt von einem Türmchen, von dem wir aus Rechnungen wissen, daß es um 1650 eine Uhr trug.

Von hier aus gelangte man in den inneren Burghof, der mit Hauptmauer, Zingelmauer und einem tiefen Graben nach außen hin abgeschlossen war. Einen Rest des alten Burggrabens kann man noch in dem tiefer gelegenen Garten nördlich des Renaissancebrunnens feststellen. Von der alten Burg ist jedenfalls der Teil, der mit dem Main parallel läuft, das in einer Eppsteinschen Urkunde erwähnte „steinerne hus“ der älteste Bauteil. Es ist denkbar, daß im Erdgeschoß sich schon in Eppsteinscher Zeit Küche und Rittersaal befanden, deren Spuren wir noch heute feststellen können.

Als die Katzenelnbogener im Jahre 1275 zu einem Viertel und im Jahre 1284 zur Hälfte neben den Eppsteinern Mitbesitzer von Steinheim wurden, kann der Nordbau nach dem Schießhag hin entstanden sein. Im inneren Burghof standen der Stall mit Speicher, die Rüstkammer und das Schnitzhaus, in denen Lanzen, Schilde, Speere, Balken für die Hurden (Mauer- und Turmdächer) und Geräte für den häuslichen Bedarf angefertigt wurden.

Die alte Eppsteinsche Burg wurde baulich stark verändert, als der Kurfürst und Erzbischof Konrad III. von Mainz (1419-1434) im Jahre 1425 Burg, Stadt und Amt Steinheim, das zwanzig Orte umfaßte, für 38.000 rheinische Gulden von Gottfried von Eppstein gekauft hatte. Die beiden Gebäudeflügel der Burg wurden erhöht und erweitert. Auf die drei gemauerten Stockwerke wurde ein vierter Stock in Holzfachwerk aufgesetzt.

Der Nordbau nach dem Schießhag hin wurde außerdem mit drei Querhäusern versehen, die nach Westen durch einen Treppengiebel abgeschlossen waren. Nach Osten, gegen den Main hinunter, war ein neuer Flügel vorgesetzt worden, in dessen drittem Stockwerk die Schloßkapelle untergebracht war. Erzbischof Konrad erwähnt im Jahre 1431 in einem Brief diesen neuen Ostbau. Die Höhe der Stockwerke und die Bedachung des neuen Ostflügels entsprachen dem anstoßenden Burgflügel.

Weitere Veränderungen wurden im sechzehnten Jahrhundert vorgenommen. Es entstanden zwei neue Treppentürme im Renaissancegeschmack, die im Hofe ihren Aufgang hatten. Der eine wurde von dem baulustigen Kurfürsten Daniel Brendel von Homburg (1552-1582) angelegt. Diese Treppenanlage besteht heute noch. Sie bildet den Aufgang zum Museum. Im Innern entzückt eine schöne Treppenspirale das Auge, während außen das Portal zu den schönsten Renaissancedenkmälern in Steinheim gehört. Zwei kannelierte Pilaster auf blattgeschmücktem Sockel ruhen auf eckigen Doppelbasen. Reichgegliederte Doppelkapitäle tragen ein gekröpftes Gesims. Darauf lagert das reichverzierte Wappen des Erzbischofs Daniel Brendel von Homburg, das von Pilastern mit einfachen geometrischen Figuren eingefaßt ist. Die Pilaster werden auf beiden Seiten durch verzierte Löwenbeine gestützt. Das Ganze wird von einem gekröpften Gesims überdacht und durch eine zierliche Palmettenmuschel mit Zahnschnitteinfassung gekrönt.

An dem heutigen Haupteingang zum Schloßgebäude bemerken wir das Wappen des Erzbischofs Wolfgang von Dalberg (1582-1601). Im Spätrenaissanceempfinden ist dieses Wappen sehr reich mit kleineren Ahnenwappen verziert. Dieses Dalbergische Wappen befand sich ursprünglich über dem Portal eines zweiten, heute verschwundenen Treppen- oder Schneckenturms an der Westseite des Nordflügels, dem Eingang des Bergfrieds gegenüber. In der Giebelwand des Nordflügels kann man die herausstehenden Steine dieses Treppenturmes noch sehen. 

 

Schloßturm: Burghof und Vorburg werden beherrscht von dem gewaltigen, 36 Meter hoher Burgfried. Die Grundmauern sind wahrscheinlich in romanischer Zeit entstanden Der innere Durchmesser beträgt 3.60 Meter, die Mauerstärke drei Meter. In zylindrischer Form, voll massiger Wucht, steigt er hoch bis zu einem Bogenfries mit Spitzbogen, die auf gekehlten Basaltkonsolen lagern. Gußerker und das dreiteilige Fenster der Türmerwohnung gliedern das zweite Stockwerk. Gekrönt wird der Turm durch vier äußere und ein inneres Türmchen mit eckiger Bedachung.

Georg Schäfer sagt mit Recht in seinem Werk „Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenbach“: „Dieser gewaltige Rundturm sucht seinesgleichen in anbetracht der ungewöhnlichen Abmessungen wie der kraftvollen Formen. Unter den erhaltenen Wehrtürmen auf weit und breit, wenigstens im ganzen Umfang der mittelrheinischen Lande, kann sich ihm nur der Eschenheimer Turm zu Frankfurt am Main als ebenbürtiger Genosse an die Seite stellen. Was zudem trotzige Wucht betrifft, macht selbst der Eschenheimer Turm einen zahmen Eindruck, verglichen mit dem Steinheimer Hünen.“

Wenn man den Bergfried mit seinem unteren Stockwerk genauer ins Auge fasst, so fällt nach Nordwesten hin eine starke Mauerverpanzerung auf, die den Turm nach der gefährlichsten Angriffsseite schützte. Dieser Teil kann der Rest eines älteren Mauerwerks sein. Einige Meter über dieser Verpanzerung macht der Turm plötzlich einen Knick, den man nur auf dieser Nordseite feststellen kann. Wahrscheinlich  ist der Turm an dieser Stelle neu aufgemauert worden. Man muß mehrere Bauzeiten annehmen. Es ist möglich, daß die Herren von Hagenhausen und Hausen, die ersten bekannten Besitzer der Burg Steinheim, einen eckigen Turm schon vorgefunden oder erbaut haben.

Sehr beachtenswert sind die Spitzbogen an diesem Turm- bzw. Mauerteil, die wir nach dem Gemälde von Radel noch feststellen können. Darnach scheint es, als ob wir hier den Rest eines alten spitzbogigen Mauer- oder Turmfrieses aus dem vierzehnten Jahrhundert vor uns hätten.

Dieser deutlich sichtbare Treffpunkt zweier Mauern kann als einfacher Mauerpanzer vor dem Turm gedient haben, er könnte aber auch der Rest eines eckigen Turmes sein, der an Stelle des heutigen runden gestanden hat.

Nach der Zerstörung von 1301 hätte dann Gottfried von Eppstein an Stelle des eckigen Turmes den Rundturm gebaut. Es ist kein Zweifel, daß die innere Krönung des Verlieses aus gotischer Zeit, also frühestens aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt. Bei der Neubefestigung anläßlich der Stadtrechtsverleihung wurde durch Gottfried von Eppstein wahrscheinlich dieser Turm erhöht, wenn nicht neu aufgebaut. Die reiche und stolze Zinnenkrönung mit den charakteristischen fünf Türmchen scheint dann von Dietrich von Mainz um 1450 neu aufgesetzt zu sein.

Vor dem Turm lagen im fünfzehnten Jahrhundert die Landsknechte Adolfs von Nassau, um dessen Gegner, Dieter von Isenburg, daraus zu vertreiben. Erfolglos mußten sie wieder abziehen. Dagegen bemächtigten sich seiner im Schmalkaldischen Krieg im Jahre 1552 die Truppen des Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Kulmbach unter Führung des Grafen von Oldenburg. Im Dreißigjährigen Kriege legten schwedische, kaiserliche und französische Söldner ihre Redouten vor ihm an, um ihn und die Mauern sturmreif zu machen.

Auf einer Holztreppe, die in früheren Zeiten nicht vorhanden war, gelangt man zum Haupteingang des Schloßturms auf der Ostseite. Früher führte eine Brücke mit einem Geländer an der Mauer entlang vom nordwestlichen Schloßflügel zum Turm, vor dessen Eingangstüre sich jedenfalls eine Zugbrücke befand.

In dem Raum über dem Verlies hat eine Licht- und Geschützöffnung ihre Richtung auf das ehemalige innere Burgtor in der Nähe des inneren Burgbrunnens. In dem Raume, der in Zeiten der Gefahr als Vorrats- und Pulverraum diente, ist eine enge Versenköffnung des Verlieses, das sogenannte „Angstloch“: An einem Seile wurden die Gefangenen in die Tiefe hinunter gelassen.

Im Jahre 1921 und im August 1925 wurden mehrere Steinheimer Männer am Seil hinunter gelassen. Ein unterirdischer Gang, den man vermutete, war nicht festzustellen. Man fand Reste von irdenem Geschirr und von irdenen Öllämpchen aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Auch Tierknochen, anscheinend vom Hammel, wiesen darauf hin, daß die Gefangenen nicht nur von Wasser und Brot lebten. Das Verlies hat eine Tiefe von 10,20 Meter bis zum Schutt, der 40 Zentimeter hoch auf der Turmsohle liegt. Der Durchmesser des Verlieses beträgt 3,60 Meter. Es läuft oben nach der Versenköffnung spitzbogig zu, so daß man seine Entstehung, wenigstens die des oberen Teils, nicht vor 1320 ansetzen kann.

Der Raum über dem Verlies, der im gotischen Achtort gewölbt ist, steht mit dem nächsten Stockwerk, der Türmerwohnung, durch eine schmale Wendeltreppe in Verbindung. Diese Treppe - ein architektonisches Meisterwerk - führt innerhalb der östlichen Mauerseite empor. Die Wandstärke des Turmes beträgt hier nur 70 Zentimeter. Der Baumeister konnte die östliche Turmmauer an dieser Stelle so verhältnismäßig dünn gestalten, weil die Ostseite des Turmes durch den mächtigen Burgbau und durch den Main gegen Geschoßwirkung geschützt war. Auch dieser Schneckenbau läuft im Achteck aus.

Wir gelangen nun in das durch eine Auskragung erweiterte zweite Geschoß, die Türmerwohnung. Auch sie ist mit einem achteckigen Gewölbe überspannt. Eine breite, tiefe Nische führt zu einem dreigeteilten Fenster mit Basaltrahmen. Von hier aus streifte der Türmer mit seinen falkenscharfen Augen die Geleitstraße bis nach Hainstadt und Seligenstadt ab. In sanftem Bogen windet sich der Main zwischen grünen Wiesen.

Von hier aus gelangt man zum Gußerker. Mit Hilfe des Kamins konnte sich der Türmer gegen die Kälte schützen. Der eine Achtort des Türmerraumes ist durchbrochen. Eine Holztreppe führt zur Turmgalerie.

Über der Türmerwohnung sitzt der mittlere und größere von den fünf Spitztürmchen. Die Bekrönung der fünf Spitzen ist aus gekehltem Basalt. In dem Ost- und Südtürmchen sind nur zwei Geschoßöffnungen, während nach der Landseite in jedem der zwei Türmchen je drei Geschützöffnungen zur Bestreichung der Landstraße Klein-Steinheim-Klein-Auheim angebracht sind. Schießscharten und Brustwehren zwischen den Türmchen gaben den Schützen Schieß- und Schutzmöglichkeit. Im Dreißigjährigen Krieg haben die Türmchen durch feindliche Beschießung schwer gelitten. Nur allmählich wurde dieser Kriegsschaden am Turm wieder hergestellt. In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erhielt der Bergfried den heutigen dauerhaften Kleinsteinbewurf.

Das Schloß ist auch heute im Grunde noch eine Ruine. Ein ruinenhafter Rest dicht an dem Brendelschen Treppenturm mahnt an den Abbruch des alten prächtigen Schlosses. Der Nordbau schaut mit seinem altersgrauen Basalt hinab in den tiefen Graben, den späteren Schießhag. Neben diesem altersschwachen, leichtvernarbten Bau reckt sich der erneuerte Mittelbau mit einem gewissen Stolz in die Höhe. Ein trauriger, mit Efeu umrankter Schutthaufen östlich und südlich des Schlosses erinnert uns an den Abbruch des Ostflügels, der oberen Stockwerke und des Amtshauses nach dem Jahre 1788.

 

 

Dem Schloß erging es wie sämtlichen Amtsbauten von Steinheim. Sie befanden sich alle in und nach dem Dreißigjährigen Kriege in mehr oder minder baufälligem Zustande. Schon während dieses Krieges, und besonders vom Jahre 1650 bis 1720, richteten die Keller und die Amtleute dauernd Hilferufe nach Mainz, die Schäden des Krieges und der Zeit wieder ausbessern zu lassen. An den Dächern wurde oft zwanzig bis dreißig Jahre keine Reparatur vorgenommen. Die Füllungen des Fachwerks waren an vielen Stellen durchschossen oder durch Vernachlässigung so heruntergekommen, daß man in das Innere des Schlosses und mancher anderer Gebäude hineinschauen konnte.

Bereits 1660 war z. B. von dem Steinheimer Beamten nach Mainz gemeldet worden, daß die Schloßbrücke so verfallen war, daß man mit geladenem Wagen nicht mehr aus dem inneren Schloßhof heraus und hinein konnte. Erst im Jahre 1701 wurden die Bogen der Brücke durch den Maurer Christian Frankhausen ausgebessert. Dabei wurde die alte baufällige Zugbrücke entfernt. Es war aber nur das Notdürftigste an der Schloßbrücke ausgebessert worden. Auch sie wurde am Ende des 18. Jahrhunderts beseitigt, weil man die Reparaturen vermeiden wollte.

Dem Erzbischof Lothar Franz von Schönborn kann dabei der Vorwurf nicht erspart werden, daß er trotz des baufälligen Zustandes des Schlosses und der meisten herrschaftlichen Gebäude seiner Jagdleidenschaft nachgab und von 1701-1710 die Fasanerie einfriedigen und das dort noch heute stehende Jagdhaus erbauen ließ.

Wie die öffentlichen Bauten Steinheims um 1675 ausgesehen haben, erkennen wir aus der Bleistiftskizze des holländischen Malers Albert Meyeringh vom Maintor. Klaffende Dächer, zum großen Teil nicht mehr mit Ziegeln bedeckt, durchlöchertes Fachwerk, zerstörte und zerfallene Mauern, das war der Anblick Steinheims am Ende des siebzehnten Jahrhunderts. Nach einem solchen Zerfall des Schlosses läßt es sich verstehen, daß der Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774-1802) beschloß, die oberen Fachstockwerke und den Ostflügel abzutragen und in neuem klassizistischen Geschmack in einfacher, etwas nüchterner Ausführung wieder aufführen und bedachen zu lassen.

Die Federskizze des Ludwig Daniel von der Heyd vom Jahre 1788 ergibt uns ein klares Bild von dem Abbruch des Schlosses. Durch Vergleich mit der Abbildung auf dem Zunftbrief von J.J. Müller aus dem Jahre 1784 muß folgendes geschlossen werden: Von 1784-88 ist auf dem Hauptbau das Stockwerk mit dem Holzfachwerk verschwunden. Am Hauptbau und Nordbau ist ein Notdach aufgesetzt worden. Der vorspringende Ostflügel, in dem die Kapelle untergebracht war, steht noch mit dem alten spitzen Dach. Verschwunden ist aber die Kapellen-Apsis, und die Ecke zwischen Hauptbau und Ostflügel ist abgebrochen.

In dieser Zeit leerten die französischen Revolutionskriege wieder den Kurmainzer Staatssäckel für andere Zwecke. Es konnte nicht weitergebaut werden, nachdem der Ostflügel mit der Kapelle im Jahre 1795 abgetragen war. In diesem Notzustand blieb das Schloß, bis es um 1808 von dem Großherzog Ludwig I. von Hessen, dem das Amt Steinheim nach der Säkularisation von 1802 zugefallen war, für seinen Sohn, den Prinzen Georg, wohnlich eingerichtet wurde. Ein Ziegelstein im Speicher des Schlosses belehrt uns, daß im Jahre 1812 das Schloß seine heutige Vollendung erhielt.

 

Ehemalige Schloßkapelle: Am 20. Mai 1431 hatte der Erzbischof Konrad von Mainz die Pfarrei Lämmerspiel zur Schloßkapelle in Steinheim einverleibt. In dieser Kapelle befand sich ein Altar zu Ehren der Heiligen Bartholomäus, Georg, Barbara, Katharina und Dorothea. Der Schloßkaplan oder Beneficiat  war verpflichtet, in jeder Woche hier drei heilige Messen zu lesen: „Eine zu Ehren der Allerheiligsten, Ungetheilten Dreifaltigkeit, die zweite zu Ehren der unbefleckten Jungfrau Maria und die dritte zum Lobe Gottes und zu unserem und unserer Vorgänger und Nachfolger Heil.“  Der Schloßkaplan mußte ständig und persönlich im Schlosse wohnen. Falls er für einen Monat Urlaub nahm, mußte er auf die Einkünfte des Schloßbeneficiums verzichten und sie einem Stellvertreter für diese Zeit zukommen lassen.

Da der Schloßkaplan zugleich Pfarrer von Lämmerspiel war, erhielt er den größten Teil seiner Einkünfte aus Lämmerspiel. So bekam er aus dem Tabakzehnten zu Lämmerspiel jährlich 41 Gulden, an Korn aus dem Zehnten von Lämmerspiel 45 Malter und aus dem halben Zehnten von Obertshausen 25 Malter Korn. Außerdem bezog er aus dem Dietesheimer Zehnten jährlich 11 Malter Korn und aus dem Erbbestandsgut in Weißkirchen jährlich acht Malter Korn. Davon hatte er seinen Stellvertreter in Lämmerspiel zu besolden und auch dem Pfarrer von Steinheim 17 Gulden zu gewähren. Der Amtskeller von Steinheim hatte dem Beneficiaten einen der Jahreszeit entsprechenden freien Tisch zu verabreichen, seit 1760 erhielt er aus den Kellerei-Einkünften jährlich 100 Gulden an Kostgeld.

Bis zum sechzehnten Jahrhundert hat sich das kurfürstliche Hoflager alljährlich eine geraume Zeit in Steinheim befunden, wobei die Kapelle für den Hofgottesdienst diente. Als am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts die Kurfürsten seltener nach Steinheim kamen, war auch bald die Stiftung des Erzbischofs Konrad vergessen worden, und man hatte die Einkünfte, des Schloßkaplans dem Stadtkaplan von Steinheim gegeben. Da erneuerte im Jahre 1731 der Kurfürst Franz Ludwig, Pfalzgraf von Neuburg, die Stiftung vorn Jahre 1431 und befahl, „daß fürohin zu ewigen Zeithen ein zeithlicher Pfarrer zu Lämmerspiel gehalten sein sollte, wöchentlich drei heilige Messen in unserer Schloßkapelle allda zu lesen.“

Der Keller von Steinheim, Johann Friedrich Edel, erhielt deshalb den Befehl, dem Pfarrer von Lämmerspiel und nicht mehr dem Stadtkaplan von Steinheim die Besoldung zu verabfolgen.

Als man im Jahre 1784 sich mit dem Gedanken trug, das Schloß umzubauen, sollte die Schloßkapelle der Steinheimer Pfarrkirche einverleibt werden. Im Jahre 1794 wurde die Kapelle aufgehoben und mit preußischen kranken Soldaten belegt. Die Paramente und Gerätschaften wurden dem damaligen Pfarrer Kuhn von Steinheim übergeben. Ein rotgeblümtes Meßgewand mit Zubehör aus der Schloßkapelle befindet sich heute noch bei den Paramenten.

In dem für den Prinzen Georg hergestellten Schlosse wurde für dessen Gemahlin, die katholisch war, ein Kapellenzimmer im oberen Stock eingerichtet. Hinter einer großen Flügeltür befand sich ein Altar zu Ehren des heiligen Bonifazius und der Märtyrer mit Reliquien des heiligen Viktor und des heiligen Benedikt.

Ein Teil der Einkünfte der alten Schloßkapelle im Betrage von 828 Gulden wurden 1806 dem Weihbischof Heimes von Mainz übertragen. Bereits 1803 beim Übergang von Steinheim an Hessen-Darmstadt hatte der damalige Landgraf Ludwig X. beabsichtigt, dem Stadtpfarrer von Darmstadt diesen Betrag als Grundstock zur Pfarrbesoldung zu übertragen. Im Jahre 1831 nahm der Bischof Josef Vitus Burg von Mainz endgültig diese Neuverleihung vor. Der Pfarrer von Lämmerspiel erhielt aus dem alten Steinheimer Schloßbeneficium pro Jahr 306 Gulden. Noch heute lesen der Stadtpfarrer von Darmstadt wöchentlich zwei und der Pfarrer von Lämmerspiel wöchentlich eine heilige Messe für die Stifter dieses Schloßbeneficiums, besonders für den Kurfürsten und Erzbischof von Daun, der im Jahre 1431 die Schloßkapelle und ihre Einkünfte gestiftet hatte.

Am Marstall vorbei geht man durch die Preßmauer und rechts um das Schloß herum. Im Winkel der Mauer steht noch ein alter Gedenkstein (Grabstein). Man kommt in den „Schießhaag“.

Dieser war früher viel tiefer als heute und wurde auch Halsgraben oder „Haugk“ genannt. Hier hielt die Steinheimer Schützengilde seit altersher ihre Schießübungen ab. Sie hatte um 1680 ein Schützenhaus daselbst gebaut. Der religiöse Charakter der Schützengilde zeigte sich in der Beteiligung bei der Fronleichnamsprozession, bei der die Schützen in Uniform und mit Gewehren teilnahmen. Dafür wurden in jedem Jahr in Hanau bei einem Hutmacher 24 Schützenhüte um 32 Gulden geliehen. Von den Schützen erhielt an diesem Tage jeder ein halbes Maß Wein. Bei einem Preisschießen in Groß-Auheim im Jahre 1776 gewann die Steinheimer Schützengilde als ersten Preis einen Ochsen. Vom Schießhaag aus ist auch deutlich zu sehen, daß der untere Teil des Schloßturms viereckig ist.

 

 

Museum

Im Jahr 1222 wurde das „castrum Steinheim“ erstmals schriftlich erwähnt. Wenige Jahre später werden die Herren von Eppstein als Besitzer der Burg genannt, deren Bau nach archäologischen Zeugnissen um 1200 begonnen wurde. 1425 verkauften die Herren von Eppstein die Burg mitsamt der Stadt und dem Amt Steinheim an das Kurfürstentum Mainz. Die kirchlichen Herren bauten die Burg zu einer beachtlichen Anlage aus, trugen aber auch um 1799 große Teile zwecks Neubaus wieder ab. Dieser zeitgemäße Neubau konnte dann nicht realisiert werden, da die Kirche durch die Säkularisation 1802 ihre Hoheits- und Eigentumsrechte verlor. Steinheim wurde Teil des Großherzogtums Hessen-Darmstadt, das durch kleinere Umbauten der Burg mainseitig ein schloßartigeres Aussehen verlieh. Nach 1813 wurde Schloß Steinheim vom Haus Hessen-Darmstadt nicht mehr bewohnt, es folgte eine lange Phase wechselnder Nutzung. 1938 zog das Heimatmuseum Steinheim in das historische Gemäuer und nach dessen Sanierung Anfang der 80er Jahre wurde 1986 das Museum Schloß Steinheim eröffnet. Der Rundgang durch das Museum mit seinen Abteilungen „Regionale Vor- und Frühgeschichte“ und  „Ortsgeschichte Steinheim“ vermittelt auch einen Eindruck von der Baugeschichte des Schlosses.

 

Die vor- und frühgeschichtliche Abteilung zeigt Fund aus der Region zwischen Frankfurt und Gelnhausen, Nidderau und Hanau-Steinheim und umfaßt den Zeitraum Altsteinzeit - Frühmittelalter (ca. 300.000 v.Chr.- 800 n.Chr.). Die landschaftliche Vielfalt von

Wetterau, Mainebene und Kinzigtal spiegelt sich auch im Reichtum der Funde. Besonders hervor treten die Urnenfelderzeit (1200 - 800 v.Chr.) und die Römische Kaiserzeit (60 - 260 n.Chr.)

Die Präsentation versucht über die Vorstellung der Funde und Fundorte hinaus, Einblicke zu gewähren in die Lebens- und Arbeitswelten der vergangenen Epochen und konzentriert sich für die Zeit vor Christi Geburt auf die technologische und wirtschaftliche Entwicklung. Inszenierungen, Dioramen und die Filme „Woher stammen Adam und Eva?“ sowie
“Unter römischer Herrschaft“ runden die Ausstellung zu einem informativen, kritischen und lebendigen Ganzen ab.

 

Von den zahlreichen und wertvollen Bodenfunden der Museumssammlung ist zur Zeit leider nur ein verschwindend geringer Bruchteil in einem kleinen Raum ausgestellt. Glanzstück der Schausammlung ist das zweiseitige, einstmals drehbar angebrachte Mithras-Kultrelief aus Rückingen (Erlensee). Die Vorderseite des Reliefs zeigt die übliche Tötung des Stiers durch Mithras. Bemerkenswert ist die Rückseite. Sie bildet unten den Sonnengott (Sol) und Mithras ab. Beide ruhen wie zu einem Gastmahl auf einem Speisesofa (kline); der Tisch vor ihnen ist mit der abgezogenen Haut des Stieres bedeckt. Rechts und links stehen Diener, die kleiner dargestellt sind. Der obere Teil des Reliefs vermittelt den Eindruck einer felsigen Landschaft, in der Mithras als reitender Jäger dahersprengt.

 

Die Darstellung des fränkischen Siedlungswesens stellt den Übergang von der vor- und frühgeschichtlichen zur ortsgeschichtlichen Abteilung dar.  Die Endung „-heim“ selbst deutet auf eine fränkische Gründung Steinheims hin.  Hier wird die Geschichte der Burg Steinheim anhand historischer und archäologischer Zeugnisse, die Entwicklung der Stadt seit der Stadtrechtsverleihung 1320, ihre Kirchengeschichte mit Beispielen sakraler Kunst und die Industrialisierung des Ortes im 19. Jh. am Beispiel der Tabakverarbeitung und des Druckgewerbes erläutert. Ein Kernstück der Präsentation ist das Stadtmodell, das Steinheim um 1560 zeigt.

Geschichte muß nicht langweilig sein. „Echt cool“, so ein jugendlicher Besucher, wird sie, wenn neben einem theoretischen auch ein praktischer Zugang zur Vergangenheit erschlossen wird. Das Museum Schloß Steinheim versucht dies, indem es für Besucher aller Alterstufen Veranstaltungen anbietet, wie Kochen ohne Kochtopf, Brotbacken im Lehmofen, Kochen nach römischen Rezepten, Leben und Arbeiten in der Steinzeit und Textiltechniken. Einblicke in die Vor- und Frühgeschichte - zum Zuschauen und Mitmachen - gewährt außerdem der Aktionstag, der jeweils unter einem Motto steht, z.B. „Kleider machen Leute - Leute machen Kleider“.

Schloß Steinheim bildet die Kulisse für das Bundesäppelwoifest, Bauern- und Weihnachtsmärkte, Schloßhofkonzerte und das Altstadtfest zum Johannisfeuer, Feste und Veranstaltungen, die jährlich tausende von Gästen nach Steinheim locken. Im Marstall Schloß Steinheim finden regelmäßig historische und archäologische Ausstellungen sowie Ausstellungen von Künstlern aus der Region statt.

Museum Schloß Steinheim, 63456 Hanau-Steinheim, Schloßstraße

Öffnungszeiten: Donnerstag - Sonntag 10 - 12 und 14 - 17 Uhr

Tel./Fax: (06181) 20 20 9/25 79 39 (Verwaltung der Museen der Stadt Hanau) oder 65 97 01 (Museum Schloß Steinheim)

Öffnungszeiten. Informationen und Anmeldungen zu Veranstaltungen des Museums erteilt die städtische Museenverwaltung. Turmbesteigung: 1. März - 30. November

 

 

Michael Maaser, der Vorsitzende des Geschichtsvereins im Stadtteil, ließ bei der Eröffnung der neu gestalteten Römischen Abteilung - mit dem spektakulären Münz­schatz vom Salisberg - in dem Museum für Vor- und Frühgeschichte kaum eine Danksa­gung, kaum einen Grund aus, warum man nicht das Museum Schloss Steinheim besu­chen sollte. Als museumspädagogisches Highlight wurde die multimedial gestützte Führung durch die Abteilung gepriesen.

Auf Bildschirmen kann der Besucher nun die Fundstelle ehemaliger römischer Sied­lungen am Limes entlang antippen, der die römischen Legionäre auf dem heutigen Kreisgebiet von Nidderau, an Hanau vorbei bis Großkrotzenburg vor Widersachern schützen sollte. Auf dem Monitor erschei­nen Texte und Bilder. Der Fundort wird zudem auf einer monochromen Karte ange­zeigt. Das jeweilige Gebiet ist in einem Ausschnitt zu sehen und lässt sich vergrößern.

Darüber hinaus kann per Zeitreise die Entwicklung des Areals über mehr als 2000 Jahre verfolgt werden. Manch ein Testbesu­cher sei derart fasziniert gewesen, so Muse­umsleiterin Sabine Hengster, dass er trotz Hinweises im Text die Objekte in den Vitri­nen vergessen habe.

Die neue Multimedia-Welt ist für den Chef­archäologen des Hanauer Geschichtsver­eins, Peter Jüngling, zur Darstellung des Hanauer Münzschatzes eher eine Krücke. In seiner Rede formulierte er seine Kritik mit den Worten des ermordeten amerikani­schen Menschenrechtlers Martin Luther-King: „I have a dream”. Der Traum von 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für römi­sche Geschichte in und um Hanau sowie 200 Quadratmeter für die Numismatik der Mün­zen aus jener Zeit ist für Jüngling nicht in Er­füllung gegangen. In Wirklichkeit geht es um einige Quadratzentimeter.

Dabei gelten die 484 Denare als Sensati­onsfund. 1997 wurde das Tongefäß mit 1,6 Ki­logramm Silbermünzen bei archäologi­schen Grabungen des Geschichtsvereins un­ter dem Wurzelwerk eines Rotpflaumen­baums entdeckt. Auf dem Gelände, auf dem heute Wohnhäuser mit Tiefgarage stehen, stand einst ein römisches Kleinkastell.

Peter Jüngling ist sich sicher, dass die Münzen das lebenslang Ersparte einer Per­son gewesen waren. Auf heutige Kaufkraft um gerechnet, beträgt der Wert rund 500 000 Euro.

Als die eigentliche Sensation bewerten der Archäologe und die Fachwelt nicht die Vielzahl der Münzen. Vielmehr besteht die Einzigartigkeit darin, dass sich neben dem Zahlungsmittel gut erhaltende Getreidekör­ner einschließlich ihrer Schädlinge in dem Gefäß befanden. Über den Grund der Beiga­be kann nur spekuliert werden.

Der Erst- oder Zweitbesitzer des Schatzes scheint sich gesorgt zu haben - Jüngling nimmt an, dass das Getreide das helle, verrä­terische Klimpern der Silberlinge beim Transport dämpfen sollte. Dass es einen zweiten Eigner gab - wie auch immer das zu­stande gekommen sein könnte - gilt als gesi­chert. Und diese Erkenntnis sei ebenfalls einmalig. Das Indiz: Der neue Besitzer warf zehn Jahre später eine Münze in die Vase.

Jüngling bedauerte, dass die Numismatik und die römische Geld­wirtschaft in der Ausstellung zu kurz kom­me. Letzters habe überaus moderne Züge, ähnlich wie der Euro war der Denar grenz­überschreitendes Zahlungsmittel - zumin­dest in den von den Römer besetzten Gebie­ten. Die Münzen vom Salisberg weisen zudem als Prägungsort Rom, Lyon und Lon­don auf. Das Münzenfund wurde in langjäh­riger Arbeit von Mitarbeitern des Histori­schen Museums Frankfurt restauriert und von verschiedenen Forschungseinrichtun­gen untersucht, bevor er wieder nach Hanau kam.

 

 

 

 

Mainseite

Unten kommt man zur sogenannten „roten Mauer“. Diese ist eine Schutzwehr gegen Wasser und Eis. An dieser Mauer befindet sich heute die Hochwassermarke. In frühester Zeit war an dieser Stelle eine Schutzwehr aus aufeinandergeschichteten Baumstämmen, die aus der Bieberer Mark geliefert werden mußten. Die Bieber- Märker hatten auch das Holz für den Hag oder Zaun zu liefern, der außerhalb des Grabens lief und auf der Nordseite bis zum Main herunterreichte. Neben der Einfriedigung durch den Palisadenzaun, dessen Reste bei einem Geschützstand auf dem Merianstich noch zu sehen sind, war an dieser Stelle auch noch Kleingebüsch als Hindernis für den Feind angepflanzt. Erzbischof Daniel ließ an Stelle der Schutzwehr aus Baumstämmen eine Steinmauer aus rotem Sandstein, die „rote Mauer“ errichten.

Diese und der Schloßgraben wurden geschützt von einem überdachten Turm an der unteren Mainmauer und durch einen zweiten überdachten Turm an der Nordostecke der Zwingermauer. Der Weg führt weiter am Main entlang. Die Mauer war früher bedeutend höher. Im Jahre 1661 war ein Teil von ihr durch Hochwasser umgeworfen worden. Die Maurer Paulus Petz zu Niedersteinheim und Rolf Reydelweidt aus Steinheim führten sie wieder auf.

Die Höhe ausschließlich des Fundaments betrug 21 Schuh. Das Fundament war vier Schuh hoch und über der Erde des Gartens ragte die Mauer 17 Schuh (also 5,40 Meter) in die Höhe. Die Dicke der Mauer betrug 1,20 Meter.

Am Ende der Mainmauer biegt man noch einmal rechts herum in die Mainstraße und wirft einen Blick durch ein kleines Türchen in den Schloßpark. Rechts steht der sogenannte „weiße Turm“, der zum Mauerschutz an der Mainseite gehörte. Ein gotischer Taufstein und ein fein aufgeführtes romanisches Kapitäl aus der ehemaligen romanischen Burg Steinheim sind allerdings nicht mehr zu betrachten. Noch zu sehen ist die alte Zwingermauer, von der 1670 nach Mainz gemeldet wurde, „daß die bei gewesener Kriegszeit durch starkes großes Schießen ruinirte Schloßzwingermauer ganz baufällig und daselbsten wieder zu reparieren“. Im Garten  befindet sich ein kleiner Kräutergarten und ein Brunnen.  Man geht dann noch ein Stück die Mainstraße hoch in Richtung Maintor, aber vor dem Tor dann links die Treppen hoch. Man geht entlang der Stadtmauer bis zum ehemaligen Mühltor.

 

Die Mühltorbefestigung

An der Hofbrauhaus-Terrasse stehen südlich zwei Türme heraus, die noch übrig geblieben sind von der alten Süd- oder Mühltorbefestigung. Das Mühltor hat den Namen von zwei Mühlen an dem Mühlbach, heute Hellenbach. Diese Mühlen waren im 16. Jahrhundert eingegangen. An deren Stelle war 1550 eine Bannmühle getreten, in der die Bewohner von Ober- und Niedersteinheim. Klein-Auheim und Hainstadt frei mahlen konnten. Die vier Gemeinden hatten dafür an den kürfürstlichen Keller neun Malter Korn zu liefern. Vor 1550 führte die Hauptverkehrs- oder Geleitstraße, die von Nürnberg nach Frankfurt ging, nicht wie heute den Hainberg hinauf, sondern zwischen den beiden Türmen durch das Mühltor hindurch, auf dem sich heute der Brauhausschild befindet.

Die Doppeltoranlage des Mühltores ist in seiner heutigen Form um 1500 entstanden: Die Türme wurden errichtet und mit dem Mühltor durch parallele Mauern verbunden, zwischen denen sich der Verkehr abspielte. Wegen der Unsicherheit der Straßen durch die Raubritter stellte ein Teil der mittelalterlichen Fürsten den Wagen der Kaufleute und allen sonstigen Reisenden ein Geleit von mehreren Reisigen zur Verfügung. In unserer Gegend übernahmen den Schutz die Kurfürsten von Mainz. Aschaffenburger Reisige geleiteten die Wagenzüge der Kaufleute bis an die Steinheimer Brücke vor dem Hainberg. Dann übernahmen Steinheimer Reisige das Geleite bis an die Oberräder Schlagbäume, wo sie von Reisigen der freien Stadt Frankfurt abgelöst wurden. Doch schon 1550 war diese Straße durch das Mühltor gesperrt, und eine neue Straße wurde den Hainberg hinaufgeführt.

Die beiden Tore am Mühltor wurden vermauert, und nun vollzog sich der Verkehr außerhalb der Stadtmauer durch die heutige Vorstadt. Das Gelände vor der Südmauer ist heute völlig ausgebrochen, und die Zwingermauer vor der heute noch erhaltenen Hauptmauer um 1830 abgebrochen worden. Durch eine Öffnung für Fußgänger ist das Mühltor heute wieder begehbar. Durch das Tor kommt man in den Hof der Villa Stokkum. Von dort geht man nach links und kommt wieder zurück zum Parkplatz.

 

Hanauer Hof

Einstiger „Hanauer Hof“ in Steinheim, Ludwigstraße 92, heute genutzt als Stadtteilladen. Das Gebäude wurde 1881 von Paul Stahl als „Hanauer Hof“ erbaut. Stahl war Zigarrenfabrikant und Gastwirt und in den Jahren 1868 bis 1885 sowie 1886 bis 1892 Bürgermeister von Steinheim. 1921 erwarb Pfarrer Dory das Haus für die Pfarrgemeinde Sankt Nikolaus. In der Nacht vom 6. zum 7. Januar 1945 wurde das Gebäude von Brandbomben getroffen und brannte aus. Die Pfarrgemeinde St. Nikolaus tauschte daraufhin das Haus mit der Stadt Steinheim gegen das Schwesternhaus. Danach war der  „Hanauer Hof“ bis zur Gebietsreform das Steinheimer

 

 

Katholische Kirche

Die neue Kirche liegt westlich der Darmstädter Straße. Sie hat verschiedene Namen. An sich heißt sie „Marienkirche“ oder  „Maria Hilfe der Christen“, aber auch der Name der alten Kirche „St. Johann“ hängt noch an ihr. Das Gotteshaus wurde 1933-1935 im Rohbau erstellt. Da die finanziellen Mittel aufgebraucht waren, wurde der Weiterbau unterbrochen und im Jahre 1939/40 dank der Opferfreudigkeit der Gläubigen fertiggestellt, so daß am 20. Oktober 1940, mitten im Kriege, die Weihe der Kirche stattfand. Das Gotteshaus gliedert sich in den Chor, in das hochgezogene Mittelschiff und zwei niedrige Seitenschiffe mit Pultdächern. Am nördlichen Seiteneingang steht der Turm.

Am Haupteingang, der aus drei in Quadersteinen aufgebauten Bögen und einer Vorhalle besteht, tritt man durch eine Mitteltür und zwei Seitentüren in den Innenraum. Das Licht flutet durch die hohen rundbogigen Fenster des Mittelschiffs in den Innenraum. Die gewölbte kassettenartige Rüsternholzdecke weitet den Raum. Über mehrere Stufen gelangt man zum Hochaltar. Links steht der Seitenaltar mit der ältesten, ursprünglich Steinheimer Marienfigur von etwa 1460, der der Gottesmutter geweiht ist, rechts der St. Josefsaltar mit einer modernen Figur des hl. Josef als Zimmermann. An der Westwand befinden sich zwei Nischen. Die eine ist den Gefallenen der zwei Weltkriege geweiht, in der anderen hat der Erbauer der Kirche, Pfarrer Kost, seine letzte Ruhestätte gefunden.

Um die südliche Nische gruppieren sich die Standbilder des hl. Antonius mit dem Jesuskinde, des Bruder Konrad und des hl. Sebastian, um die nördliche Nische der hl. Johannes der Täufer, der Schutzpatron der Pfarrei, die hl. Theresia und die hl. Hildegard. Innerhalb der nördlichen Nische befindet sich die figürliche Darstellung „Johannes am Herzen Jesu“. Alle Figuren sowie die im seitlichen Vorraum stehenden „Mutter Anna“ und  „St. Elisabeth“ und der im Turm befindliche „St. Martin“ stammen von den bekannten Steinheimer Bildhauern Heinrich Wohlfahrt und Peter Busch. Innerhalb der südlichen Nische steht eines der ältesten Steinheimer Kulturdenkmäler. Es ist eine Pietà aus dem 15. Jahrhundert, die früher in der Pestkapelle stand und die die Schmerzensmutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß darstellt. Neben dem St. Josefsaltar unterhalb des Chores der Kirche steht ein Taufbecken mit der Jahreszahl 1605, das sich früher in der Gedächtniskirche befand.

Wie ein Hauch aus ganz fernen Jahrhunderten ist die erste optische Wirkung, die von dem im Jahre 2001 neu geschaffenen gewaltigen Wandbild ausgeht. Es füllt die ganze Apsis des Chores mit rahmender Fortsetzung im Triumphbogen mit flammenden Farben in byzantinisch anmutendem Stil. Die Zentralfigur - der thronende Christus (Pantokrator) - beherrscht den gesamten Raum, ihm zur Linken steht Maria (nach der die Kirche benannt ist), zur Rechten Johannes der Täufer (der Pfarrpatron).

Am 17. März 2002 berichtete Pfarrer Thomas Catta in der Marienkirche St. Johann Baptist in Hanau-Steinheim über die wahrlich lange Grundsanierung und Neugestaltung des großen Gotteshauses, bevor Bischof Karl Kardinal Lehmann bei einem Pontifikalamt den neuen Altar weihte, in den er zuvor eine Reliquie des Seligen Adolph Kolping versenkt hatte. Rund achteinhalb Jahre hat es gedauert von der ersten Sitzung eines eigens gegründeten Ausschusses bis zur Vollendung und Weihe.

Wände sind saniert, Heizung, Fenster Lampen und Fußboden erneuert worden. Was aber die ganz andere und höchst eigene Aura ergibt, ist das mehrteilige und eigentlich nur in der Frontalschau komplett wirkende Monumentalgemälde, an dem die polnische Künstlerin Wanda Stokwisz aus Darmstadt gut ein Jahr lang gearbeitet hat.

Und erst auf den zweiten Blick erschließt sich der große Reiz des Gesamtensembles mit den schlicht - ja geradezu bescheiden - erscheinenden Werken des italienischen Steinbildhauers Gabriele Renzullo: Altar, Ambo, Sidelien (Priestersitz mit vier Nebensitzen) und Osterkerzenständer, alles aus Basalt im einheitlichen Stil.

Die neue künstlerische Gestaltung der Marienkirche macht deutlich, daß eine Pfarrkirche nicht nüchtern und funktional auf den liturgischen Gebrauch reduziert werden darf, sondern ein Ort der Festlichkeit, der Feier der Liturgie, ein Ort des Gebetes und der Andacht, ein Ort der Sammlung und Versammlung, ein Ort des Dankes und Lobpreises ist und durch eine festliche Gestaltung eine geistige Dimension erreichen soll,  die über die Alltäglichkeit und Vordergründigkeit des privaten Tuns hinausweist. Durch ihre neue Farbigkeit läßt die Marienkirche den Kirchenbesucher das Evangelium mit seinen Sinnen erfahren, ihre religiösen Aussagen sind eine Art Katechese (Unterweisung) aus Stein und Farben. Im Gebäude reift der Glaube schrittweise heran.

Das Herz der Kirche, die zentrale Mitte der Pfarrgemeinde, ist für Catta der Altar. Um dies zu verdeutlichen, sei der bisher bewegliche Übergangsaltar durch einen massiven aus Basaltstein ersetzt worden wie ein häuslicher Tisch und der Ort, an dem sich die Gemeinde im übertragenen Sinne festhalten kann und verweilen darf. Er stehe im Mittelpunkt der Eucharistiefeier, aber auch außerhalb der Messe sei der Altar ein Symbol für Christus, die erhabene Stätte in der Kirche schlechthin, weil sich dort das Geschehen von Gründonnerstag Karfreitag und Ostern immer wieder vergegenwärtige. Deshalb sei in der Konzeption der neuen Altarinsel in unmittelbarer Nahe zum Altar von Gabriele Renzulk ein Basaltsockel für die Osterkerze geschaffen worden.

Gegenüber steht der Ambo, laut Catta sozusagen der Tisch des Wortes, der aufs engste mit dem Altar als dem Tisch des Brotes zusammengehöre und deshalb auch aus dem gleichen Material sei.

Zur bildlichen Darstellung auf Apsis und Triumphbogen weiß Catta in schier unendlichen Spiralen und Arabesken zu erzählen. Aus seine spirituellen Führungen in Kürze nur so viel: Sie sind der aus dem Orient stammenden Ikonenmalerei verwandt. Der Orient liebe die Imagination, das Geheimnis sei wichtig, nicht dessen Enthüllung. Aus dieser Geisteshaltung entstehe die Ikone, wie ein Fenster zur Ewigkeit: Diesem Auftrag und Erbe weiß sich die Künstlerin Wanda Stokwisz verpflichtet, die ihre Arbeit, ihre Malerei stets aus der Meditation und dem Gebet heraus gemacht hat und ihre Bilder als Ikonen versteht.

Im Triumphbogen schweben zwei Seraphim (brennende Flügelwesen). Die Außenseite trägt zentral eine Art Gottesauge, die Seitenflächen korrespondieren über Bibeltexte mit den Darstellungen von Maria und Johannes dem Täufer in der Apsis, wobei die Textlettern mit unglaublicher Raffinesse zwischen Schwarz, Weiß, Rot und Gold wechseln - wie Bruchstücke aus verschiedenen Räumen, Fragmente sich scheinbar regellos abwechselnder Dimensionen. Und alles - Figuren, Symbole, Texte - schwebend auf einem Urgrund aus rotem Gewölke und Gewoge.

Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann hat am Sonntag, dem 17. März 2002,  in einem dreistündigen Festgottesdienst die renovierte Steinheimer Marienkirche geweiht und in den neuen Altar eine Reliquie des Gründers der katholischen Arbeitervereinigung, des Seligen Adolph Kolping, eingelassen. Das neue gewaltige Bild der polnische Künstlerin Wanda Stokwisz füllt die ganze Apsis mit rahmender Fortsetzung im Triumphbogen in geradezu flammenden Farben und zeigt den thronenden Christus (Pantokrator), Maria (Titel der Kirche) und Johannes den Täufer (Pfarrpatron) in byzantinisch anmutendem Stil.

Ein Jahr hat die Polin an diesem monumentalen Werk gearbeitet. In hartem Kontrast dazu steht das Ensemble des Steinbildhauers Gabriele Renzullo: Altar, Ambo, Priestersitze, Madonnenstele und Osterleuchte aus Basalt. Wände und Fenster erstrahlen neu, wie auch der Fußboden: Juraplatten in den Gängen, Industrieparkett unter den Bänken. Über allem schwebend zwei große perfekt harmonierende Radleuchten.

 

Die Pestkapelle und das Heiligenhaus

Wenn man die Darmstädter Straße hinunter fährt und rechts in die Zeppelinstraße einbiegt, kommt man zum Friedhof, vor dem die Pestkapelle steht. Die erste Urbanus-Kapelle wurde in einem alten Pfarrbuch schon um 1520 erwähnt. Der heilige Urban, der 18. Papst, um 230 gestorben, wurde als Patron der Weinfrüchte verehrt und wird häufig mit einer Traube in der Hand dargestellt. Er wurde in früheren Jahrhunderten auch in unserer Gegend, in der viel Wein erzeugt wurde, als Patron der Weinfrüchte verehrt. Der hl. Urban wurde auch für das Gedeihen der Feldfrüchte, für günstiges Wetter und gegen Hagel, Blitz und Frost angerufen.

Um seine Fürbitte bei Gott zu erflehen, gingen schon lange Zeit vor dem Jahre 1500 die Steinheimer Bittprozessionen, wie auch heute noch, nach dieser ältesten Urbanuskapelle. Die alte Pestkapelle wurde 1754 durch eine neue Kapelle ersetzt. Der Friedhof wurde erst 1874 eröffnet.  Die neue Friedhofskapelle wurde 1907 durch Herrn Pfarrer Malsi erbaut und heißt weiter  „Urbanuskapelle“  bzw. „Pestkapelle“.

In der Kapelle ist noch die Darstellung aus der ersten Kapelle zu sehen. Damals stellte frommer Sinn die Schmerzensmutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß (Pietà) auf, die auch in der heutigen Kapelle noch einen tiefen Eindruck auf den Beschauer und den Beter macht. Ergreifend ist das Mitgefühl heischende Antlitz des Heilands. Die Mutter des Herrn hält und zeigt voll verhaltenem Weh, mit tränenumflorten Augen, das Dulderantlitz ihres göttlichen Sohnes. Mit der linken Hand weist sie die Beter auf ihr schmerzdurchbohrtes Herz.

Rechts von der Schmerzensmutter steht der hl. Rochus. Er wird zu den 14 Nothelfern gezählt. Er hatte sein Vermögen den Armen geschenkt und machte eine Wallfahrt nach Rom, als dort die Pest herrschte. Um seine Nächstenliebe zu betätigen, diente er als Krankenwärter, bis er selbst an der Pest erkrankte. Aber er gesundete wieder. Später war er in einen Kerker eingesperrt worden, in dem er, zweiunddreißigjährig, im Jahre 1327 starb. Er wurde als Pestpatron verehrt.

Als im Jahre 1530 unter Pfarrer de Indagine auch in Steinheim die Pest wütete, wurde wahrscheinlich diese Figur des heiligen Rochus in der von nun an Pestkapelle genannten Kapelle aufgestellt. Unsere Figur zeigt einen Jüngling mit Stab und Brotbeutel. Der bis über die Knie herabreichende Oberrock-, der durch einen Gürtel zusammengehalten wird, ist über dem rechten Bein zurückgeschlagen. Man sieht hier eine tiefe und breite eiternde Pestbeule. Links von der Schmerzensmutter über dem rechten Seitenaltar steht auf einem neuen Postament der hl. Sebastian (gestorben 288 als Märtyrer unter Diokletian) aus der Zeit um 1480. Er ist an einen Baumstumpf gebunden und von Pfeilen durchbohrt worden.

Er wurde als Patron der Armbrustschützen verehrt. Es ist nicht ausgeschlossen. daß diese Figur zuerst im Sebastiansaltar der Pfarrkirche stand und von Erzbischof Diether den Steinheimer Schützen, die so mannhaft ihre Heimat gegen den gegnerischen Erzbischof Adolf von Nassau verteidigt hatten, gestiftet worden war. Das Standbild ist um 1460 entstanden. Aus gotischer Zeit befindet sich noch eine Heilandsfigur in der Kapelle. Der Herr trägt die Dornenkrone. Er zeigt die Wundmale seines Herzens und seiner linken Hand. In den furchtbaren Zeiten von Pest und Krieg, von Not und Tod. haben viele Tausende Steinheimer Trost und Stärkung in dieser alten Pestkapelle erfahren.

Außer den gotischen Figuren befinden sich hier auch noch Barockstatuen, die einst in kleinen Nischen an der alten Kanzel in der Pfarrkirche angebracht waren. Sie sind um 1700 entstanden. An der Vorderseite der Kanzel stand das Heilandsstandbild.

Das Haupt ist von goldenen Strahlen umleuchtet, die rechte Hand lehrend und mahnend erhoben. Neben Christus stand die Gottesmutter. Links und rechts von diesen Figuren folgen die vier Evangelisten mit ihren Sinnbildern: Der hl. Johannes mit dem Adler, der hl. Lukas mit dem Stier, der hl. Markus mit dem Engel, der dem Heiligen ein Tintenfaß hinhält. Noch eine weitere Barockfigur, der hl. Johannes von Nepomuk, scheint im 18. Jahrhundert von den Schiffern in die Kapelle gestiftet worden zu sein, denn dieser Heilige wurde besonders von den Schiffern und Flößern, sowie gegen Wassergefahr verehrt.

Vor der Kapelle ist noch ein altes Steinkreuz zu sehen. Es handelt sich offensichtlich um ein Sühnekreuz. Wahrscheinlich hat sich einmal an dieser Stelle ein Unglücksfall oder ein Mord ereignet. Man hat solche Kreuze früher da aufgestellt, wo ein Unglück geschah oder sich ein Verbrechen ereignete. Die Legende erzählt von einem Gespann., das hier untergegangen sein soll. Auf diesem Steinheimer Kreuz ist kein Zeichen zu entdecken. Auf vielen Sühnekreuzen gibt es Zeichen, die man früher für Mordwerkzeuge hielt, mit deren Hilfe das Verbrechen ausgeübt wurde. Die neueste Forschung ist der Auffassung, daß es sich eher um Zunftzeichen handelt (Sense, Sichel etc.). Das Alter des Steinheimer Sühnekreuzes ist nicht bekannt. Zwar wurden auch noch im letzten Jahrhundert solche Kreuze aufgestellt, doch wird dieses Kreuz älter eingeschätzt. Wenn es aus dem letzten Jahrhundert stammen würde, hätte man wahrscheinlich in der Überlieferung noch etwas davon gehört.

Von der „Hellenhütte“ am Ortsausgang von Steinheim an der Darmstädter Straße ist heute nichts mehr zu sehen.

 

 

 

Evangelische Gemeinde

Die evangelische Gemeinde von Steinheim hat rund 3.100 Mitglieder gegenüber zwei katholischen Gemeinden gleicher Größe und befindet sich folglich in der Diaspora. Ihre Tradition setzte eigentlich erst 1803 ein, als das Erzbistum Mainz, zu dem Steinheim gehört, seine Macht verlor. Politisch hieß das Gebiet Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.

Anfangs gingen die evangelischen Steinheimer zur Kirche nach Seligenstadt 15 Kilometer zu Fuß mainaufwärts, fuhren mit dem Pferdewagen, später mit der Eisenbahn - übrigens auch ins benachbarte Klein-Auheim. Um 1840 wurde beim Landesherrn der Antrag gestellt, wenigstens alle vierzehn Tage an Ort und Stelle Gottesdienst halten zu dürfen, was auch genehmigt wurde - in einem Saal des Steinheimer Schlosses. Ab 1884 genehmigte der Großherzog in Darmstadt wöchentlichen Gottesdienst. Die evangelischen Christen fühlten sich im Aufwind, gründeten 1890 einen Kirchen-Bauverein; und als ein gut betuchter Fabrikant namens Rousselle auch noch ein Grundstück stiftete, war der Bau des Gotteshauses nur noch eine Frage der Finanzierung. Die gelang dann mit Hilfe des Gustav-Adolf-Werkes. 1902 konnte die Kirche geweiht werden. Etliche Jahre musste noch a cappella gesungen werden. 1910 indes hatte Forster & Nicolaus aus Lieh auch eine Orgel gebaut.

Was Neugotik ist, das ist nach Meinung von Architektur-Experten exemplarisch an und in der evangelischen Kirche des südmainischen Stadtteils Steinheim zu sehen und zu studieren. Die neugotische Backsteinkirche steht an der Ludwigstraße. Das zierliche und wohlproportionierte Kirchlein ist auch von innen durchaus sehenswert, besonders jetzt nach der Renovierung anlässlich des 100. Jubiläums, bei der etliches an „Wiedergutmachung“ gelaufen ist. Denn was ein halbes Jahrhundert zuvor bei der letzten Renovierung im Jahr 1952 alles „verschwunden“ war, ist seither schon öfter bedauert worden, zunehmend in jüngster Zeit. Was wiederum mit einem zeitgeistbedingten Geschmackswandel zu tun hat. So bedauerte etwa vor drei Jahren - Anlass war der Tag des offenen Denkmals am 9. September 1999 gewesen - Pfarrer Jens George, damals noch einer der beiden Seelsorger der Kirchengemeinde Steinheim, dass 1966 schließlich auch die ursprüngliche Ausstattung „modernisiert“ worden war, Kanzel, Altar und Taufbecken. Als Vorlage zur originalgetreuen Rekonstruktion des Kircheninneren diente eine alte Postkarte. Ein Restaurator habe dann die passenden Farben ausgesucht.

 

Katholische Kirche „St. Peter und Paul“ in Hanau-Klein-Auheim:

Bereits 1255 wird in Klein-Auheim eine Kirche nachgewiesen, die dem Hl. Petrus geweiht war. Leider ist über das Gotteshaus, das 1866 abgebrochen wurde, um für eine neue Kirche Platz zu machen, nur wenig bekannt. Am 8.Mai 1867 wurde der Grundstein für den Neubau gelegt, der am 18. Oktober 1868 eingeweiht wurde. Schon das alte Gotteshaus hatte einen Turm mit Glocken; dieses Geläut war für den neuen größeren Turm zu klein. Es wurde daher verkauft und bildete den Grundstock für die Anschaffung eines neuen Geläuts. Im Jahre 1875 lieferte der Orgelbauer Schlimbach aus Würzburg eine Orgel für die neue Kirche. Im Jahre 1906 wurden in den Seitenschiffen Fenster durch die Glasmalerei Bernhard Kraus, Mainz, gestaltet, die verschiedene Heilige als Beispiel für die Verwirklichung der acht Seligkeiten und verschiedener Tugenden darstellen.

Im Jahre 1957 wurden die durch Kriegseinwirkung 1943 stark beschädigten Fenster in der Apsis durch neue nach einem Entwurf von August Peukert, Großauheim, ersetzt. Wenn man die dreischiffige neuromanische Kirche heute betritt, kann man das Kreuz kaum übersehen, das im Chor über dem Altar hängt. Auf seiner Vorderseite sind zwanzig Emailplatten angebracht, die als buntes Ornament wirken und von Egino Weinert, Köln, hergestellt wurden. Im Jahre 1968 wurde neben genanntem Kreuz auch die Treppe zum Hauptportal neu gestaltet, der Chorraum umgebaut, drei Fenster neu gebrochen. Am Platz des alten Hochaltars wurde der Tabernakel aufgestellt. Auch ein neuer Taufstein wurde beschafft und ein geschnitzter Kreuzweg aus Südtirol 1975 gekauft. Evangelische Erlöserkirche in Klein-Auheim von 1955-58.