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Maintal

 

Die jüdische Gemeinde in Bischofsheim

 

 

Geschichte:

Die Auskünfte der Bischofsheimer Rechnungsbücher über die Juden sind dürftig. Unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg waren schon Juden im Ort. Sicher ist, daß einige Juden schon um 1750 eigene Häuser hatten, die in verschiedenen Straßen lagen, es gab also kein Ghetto. In den Liegenschaftsverzeichnissen der Äcker tritt kein jüdischer Name auf, Juden besaßen also kein eigenes Land. Von irgendwelchen Exzessen gegen die jüdischen Einwohner wird nirgends etwas berichtet, die Wellen der Judenverfolgungen, die im Mittelalter immer wieder über ganz Europa bis weit nach Rußland hinein liefen, haben Bischofsheim wohl nicht berührt.

Um 1750 tauscht die Hochstädter Kirchengemeinde ihre Kollekten bei Juden in Bischofsheim in gutes Geld um. Ein Gulden hat an sich den Wert von 60 Kreuzern. Wenn man aber nur schlechtes Geld hat, bekommt man im Jahre 1749 für Münzen („Heller“) im Wert eines Gulden nur 54 Kreuzer, im Jahre 1756 aber nur noch 45 Kreuzer (bei 22 Gulden ein Verlust von über 5 Gulden). Erwähnt werden 1749 der Jude David, 1752 der Jude Heßkem und 1756 der Jude David.

 

Es scheint so, daß die Juden, soweit es die bestehenden Gesetze zuließen, sich hier einer gewissen wohlwollenden Duldung erfreuten. Die Gemeinde verkaufte die abgängigen Faselochsen (Vatertier) lange Zeit hindurch an die einheimischen Judenmetzger und nahm diesen oft bei Einkäufen neuer Vatertiere als Berater mit.

Im Jahre 1758 werden drei Juden genannt, Jud David, Jud Afron (Aron), Jud Salmon (Salomon). Alle waren Metzger, die an die Gemeinde Steuer („Schlachtaccise“) bezahlen mußten.

Im Jahre 1762 werden ein Jud Hesekiel, ein Jud Simon und ein Jud Aron als Metzger vermerkt, 1785 kommt noch hinzu  Jud Nathan (gemeint ist wohl Nathan Stern, Enkel im Haus Niedergasse 22).

Der Jude Mardachei wird im Jahre 1786 in den landesherrlichen Schutz aufgenommen. Er wird auch 1787 als „Jud Mortge“ erwähnt („Mortge“ ist die Kurzform von „Mordachey“). Er kauft 1795 ein Haus (sein Name ist hier „Mordge“). Um 1815 wird gesagt, der Jude Mordachey nennt sich nun 1815 „Kaufmann“ und pachte von der Gemeinde ein Stück Land. Sein Sohn wäre dann der Metzger David Kaufmann, geboren 1785.

Da von anderen Metzgereien keine Schlachtsteuer einging, ist zu vermuten, daß sie die einzigen Metzger waren, die die Gemeinde mit Rind-, Kalb- und Hammelfleisch versorgten. Der Bedarf an Schweinefleisch wurde wohl durch die Hausschlachtungen gedeckt. Die erste nicht-jüdische Metzgerei wurde 1876 durch Friedrich Wilhelm Reuhl in der Schäfergasse gegründet.

Öffentliche Ämter durften die Juden nicht übernehmen. Sie wurden auch nicht zu dem lästigen Wachdienst im Dorf oder auf den nach auswärts führenden Straßen herangezogen. Als Ausgleich wurden sie mit einem besonderen „Huth- und Wachgeld“ belastet.

Sehr oft treten die Namen der Juden in den Straflisten auf. Der Besitz von Grund und Boden war ihnen verwehrt wie auch die Ausübung vieler Gewerbe. Es blieb ihnen nur der Handel als Existenzbasis, und meistens handelten sie mit Vieh. Futterknappheit war sicher Dauerzustand bei ihnen. So machten sie mit ihrem Handelsvieh unterwegs wohl gerne neben einer saftigen Wiese oder auf einem Feldweg Rast und ließen dabei das Vieh weiden. Doch das Auge der Feldhüter war scharf. Besonders die auswärtigen Juden mußten ihr Vergehen dann oft teuer bezahlen.

Nach 1810 hatten die Juden auch Kramläden, und die Gemeinde kaufte bei ihnen Öl- und Talgkerzen. Die jüdischen Kinder besuchten die jüdische Schule in Hochstadt, erst ab 1874 wurden sie in Bischofsheim eingeschult. Verstorbene Juden wurden zum Teil in Hanau beerdigt, daher waren die Beerdigungskosten hoch.,

Unter Napoleon waren die Juden durch das Edikt vom 11. März 1812 freie Staatsbürger geworden und unterlagen keinen besonderen Bestimmungen mehr. Die „Judenemanzipation“ hat sich anscheinend aber nur sehr zögernd durchgesetzt, denn das Huth- und Wachgeld mußten sie weiter bezahlen.

Im Jahre 1815 quittierte Nathan Stern zum erstenmal eine Rechnung ohne vor seinen Namen das Wort „Jud“ zu setzen. Die Juden hatten sich bisher nur mit Vornamen bezeichnet und kannten keine Familiennamen. Nun mußten sie sich auch Familiennamen zulegen und nannten sich oft Hirsch, Wolf, Goldschmidt, Silberstein usw. Nur in Österreich wurden ihnen von mißgünstigen Beamten verletzende Namen zugeteilt. Der Jude Mordachey zum Beispiel nennt sich jetzt „Kaufmann“ und, er pachtet von der Gemeinde ein Stück Land.

Als Karl von Dalberg, Kurfürst von Mainz, 1810 das von Napoleon gegründete Großherzogtum Frankfurt bekam, gab er den Frankfurter Juden sofort die Gleichberechtigung. A, aber so ganz umsonst tat der so fortschrittliche Dalberg dies nun auch wieder nicht: Die Frankfurter Juden mußten als Ablösung des Schutzzolls erst einmal 400.000 Gulden abliefern.

Die Gemeinde Bischofsheim verlangte von ihren Schutzjuden kein Ablösungsgeld, man war hier eben schon immer großzügiger. Das Wachgeld mußte allerdings in Höhe von 3 Gulden pro Person noch bis 1833 bezahlt werden. Im Jahre 1820 heißt es zum erstenmal in den Unterlagen der Gemeinde: Israelitisches Begräbnis.

 

Aus den Eintragungen in die Personenstandsregister ergeben sich folgende Amtszeiten für die Gemeindeältesten: Mardochai Kaufmann stirbt 1826 als Gemeindevorsteher, und Michel Kaufmann wird von 1851 bis 1853 erwähnt.

Salomon Stern aus Bischofsheim, Obergasse 14, stellt um 1870 den Antrag, daß seine Kinder Moritz, Sigmund und Arnold in die Schule in Bischofsheim eingeschult werden. Es ging dabei wohl darum, daß sie nicht in die jüdische Schule in Hochstadt müssen, sondern am Ort in die Schule gehen können (Staatsarchiv Marburg, Preußische Regierung, Abt. II, Kirchen und Schulen, 3814). Nathan Stern stellt den gleichen Antrag für seinen Sohn Jessel Stern, geboren am 22. März 1865.

 

 

Familien:

1. Stern, Maier

Tochter Bertha (Bettchen, Breinle) heiratet 1863 Herz Appel in Hochstadt. Der Sohn Salomon ist Metzger und hat drei Kinder: Die Tochter Sarchen heiratet den Katholiken Viktor Ruf. Der Sohn Siegmund heiratet 1894 Karoline Löwenstein aus Langenbergheim. Der Sohn Arnold heiratet 1896 eine Frau aus Nieder-Wöllstadt und stirbt 1933. Sie wohnen alle in der Obergasse, alte Hausnummer 104

 

2. Stern, Abraham

Er hat einen Sohn, der auch Abraham heißt und 1835 Sophie Wetterhahn heiratet. Die Tochter Bettchen heiratet Jacob Grünewald. Deren Tochter Gretchen heiratet Abraham Simon aus Echzell und wohnt Schäfergasse 25. Die andere Tochter Sophie  heiratet 1902 Isidor Meyer aus Himbach. Sie wohnen zunächst Schäfergasse 25, dann Schäfergasse 10  (gleiches Haus, nur neue Nummer?). Abraham Stern (der Jüngere) hat aber auch einen Sohn Nathan, der 1876 Emma Bender aus Seligenstadt heiratet und zunächst Zwerchgasse 106 und dann Hintergasse 88 wohnt. Zwei Töchter heiraten: Josephine heiratet Oskar Hirsch (Zwerchgasse 106), der am 23. Februar 1944 in Theresienstadt stirbt (Der Sohn Richard heiratet 1939 nach Bergen).

 

Jüdische Einwohner:

Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 gibt es in Bischofsheim, Dörnigheim und Hochstadt je sechs Juden, in Wachenbuchen sind es 13, insgesamt also 31 Personen (während es 1933 noch etwa 150 sind).

 

 

Niedergasse 1 a:

Das Haus hatte (früher die Nummer Niedergasse 3. Da es aber auch einen, Eingang auch von der  Schäfergasse  aus gab, erscheint es auch unter der Nummer Schäfergasse 30), heute Schäfergasse 2.

.Besitzer ist zunächst David Kaufmann. Er heiratet um 1810 Esther Stern und hat mit ihr drei Kinder. Der Sohn Michel Kaufmann heiratet 1839 Babette Brenner und hat sechs Kinder. Ein Sohn ist der Metzger Moses Kaufmann („Moses Michels Sohn“), der 1870 Karolina Grunebaum aus Büdingen heiratet und in dem Haus wohnt. Ihm gehört ein Grundstück „Hinter der Mühle“, Flur 5, Parzelle 145, das 1950 Peter Hess als Grabstück genutzt

Ein weiterer Sohn ist der  Metzger Markus Kaufmann, der 1878 Johanna Ottenberg aus Büdingen heiratet und Obertor 101 (alte Nummer) und Schäfergasse 111 (alte Nummer) wohnt. Die Kinder Siegfried und Pauline wurden für tot erklärt.

Und die Tochter Fanny heiratet 1877 Joseph Goldschmidt, Enkel von Hiskias Goldschmidt aus Hochstadt, ist in den 30iger Jahren Eigentümer des Hauses mit Stallgebäude, Scheune und Garten und der Ackergrundstücke. Die Tochter Bertha Goldschmidt heiratet 1905 Leopold Blumenthal aus Reichelsheim im Odenwald, geboren in Kirchbracht. Sie haben einen Sohn Manfred, der 1906 geboren ist

Eigentümer des Hauses mit Stallgebäude, Scheune und Garten sind Leopold Blumenthal und Ehefrau Berta geb. Goldschmidt (geb. 05.04 1878 in Bischofsheim), ohne Beruf (früher wohnhaft Schäfergasse 2). und 1933 nach Wesenheim (?) heiratet. Er wandert nach den USA aus und wohnt nach dem Krieg in 517 West, 180th Street, New York.

Ein weiterer Sohn ist Hugo Blumenthal (geboren. Am 29.12.07 oder 12.12. in Bischofsheim). Er ist ohne Beruf , aber eigentlich Metzger, aber nachher ohne Beruf. . Am 19. November 1938 meldet die Gestapo dem Bürgermeister, daß Hugo Blumenthal wegen Lager-Unfähigkeit aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen werden muß. Die Angehörigen sollen die Kosten für die Rückfahrt telegrafisch an die Kommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald absenden. Die Eintragung, daß er am 12. Juni 1906.36 nach Eichholzheim Kreis Mosbach gezogen sei, ist wieder gestrichen worden. Er galt als „ausgewandert“. Noch am 2. Mai 1949 schreibt der Bürgermeister, Hugo Blumenthal habe sich am 15. November 1911.40 nach Frankfurt abgemeldet. Es wird vermutet, daß er dort geheiratet hat.

Am 6. Juni 1939 stellt Sally Katz eine Bescheinigung aus, in der er Hermann Goldschmidt aus Bischofsheim bestätigt er, daß er Landwirt und Viehzüchter gewesen ist, damit er in England eine Arbeitserlaubnis bekommt.

Der Sohn Manfred Blumenthal (geb. 27.10.06 in Bischofsheim), Schäfergasse 2, wandert nach den USA aus und wohnt nach dem Krieg in 517 West, 180th Street, New York.

 

Am 07. Juli 1941 gibt der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau Frau Berta Blumenthal und ihrem Bruder Hermann Goldschmidt als Miteigentümer  (1941 verzogen) auf, sechs landwirtschaftliche Grundstücke mit insgesamt 79,49 Ar zu verkaufen (Das Haus war damals schon im Besitz der Gemeinde). Die Grundstücke wurden 1942 wie folgt bewirtschaftet:

Wilhelm Reuhl VIII. Niedergasse 8                     51,65 a

Emil Kraus                           Friedhofstraße                       4,00 a

Robert Reuhl                       Feldstraße 20                        4,00 a

Josef Schrott (Mieter)         Schäfergasse 2                    3,80 a

Frau Blumenthal selbst                                                      16,04 a

 

Am 10. Dezember 1942 erfolgt der Verkauf der Einrichtung der Berta Blumenthal:

Joseph Schrodt, Schäfergasse 2 (Mieter):

Ein komplettes Bett, Tisch, Stühle, Küchenschrank, Sofa, Nachtschränkchen, Waschtisch.

 

August Schmid, Hintergasse 15:                       

Wanduhr, kleines Schränkchen.

 

Wilhelm Brösamle, Friedhofstraße 15:  

Holzkiste.

Gemeinde Bischofsheim für Luftschutz:

Zwei Kleiderschränke.

Rudolf Braun, Niedergasse 13:

Eine eisenbeschlagene Geldtasche.

 

Am 6. Juni 1939 stellt Sally Katz eine Bescheinigung aus, daß Hugo Blumenthal aus Bischofsheim am religiösen Leben der jüdischen Gemeinde aktiv teilnimmt und deshalb am jüdischen Feiertag nicht zur Arbeit beim Bürgermeister erschienen ist.

 

Berta Blumenthal war die letzte Jüdin in Bischofsheim. Sie meldet sich 1942 polizeilich ab. Am 5. November 1942 (nach Angabe von Frau Kingreen am 5. September 1943) wurde sie nach dem Osten abgeschoben. Sie ist eine von drei 65jährigen Frauen aus dem heutigen Main-Kinzig-Kreis, die die Sie hat das Konzentrationslager Theresien­stadt überlebt, starb aber 14 Tage nach der Befreiung. Befreiung von Theresienstadt durch die Russen am 5. Mai 1945 erlebten Sie war aber so krank (es herrschte eine Thypus-Epidemie), daß sie am 19. Mai 1945 starb. Ihre Asche liegt in einer Urne im Grab 242 auf dem dortigen Nationalfriedhof - das einzige Grab der aus den Kreisen Schlüchtern, Gelnhausen und Hanau im September 1942 verschleppten jüdischen Menschen.

In Bischofsheim nahm man an, daß sie umgekommen ist und hat sie mit Wirkung vom 19. Mai 1945 für tot erklärt. Auch der Bürgermeister antwortet am 27. März 1947 fälschlicherweise an Frau Rosa Levy geborene Stern in St. Louis (USA): „Die Brüder Wolff sowie Berta Blumenthal und Sohn Hugo wurden im Sommer 1942 nach Frankfurt gebracht und wurden von dort nach dem Osten (Polen) verschleppt. Über ihren weiteren Verbleib ist nichts bekannt geworden. Der jüdische Besitz ist von der amerikanischen Militärregierung blockiert“.

Schon am 13. September 1909.49 erhebt Manfred Blumenthal Anspruch auf das Haus mit Nebengebäuden und Land. Deshalb übersendet das Bürgermeisteramt am 25. April 1904.49 dem Amtsgericht Frankfurt eine Geburtsurkunde für Berta Blumenthal geborene. Goldschmidt. Am 3. April 1950 wird Manfred Blumenthal als Eigentümer des Hauses Niedergasse 1 (damals noch Niedergasse 3) eingetragen. Verwalter ist Karl Stippler aus Hadamar. Er wird gebeten, beim Verkauf des Hauses den Mieter Josef Schrott bevorzugt zu berücksichtigen, weil er vier Kinder hat und schon große Kosten aufgewandt hat, um das Anwesen instandzusetzen.

Das Finanzamt fragt am 29. Juni 1950 nach dem Bevollmächtigenten des Herrn Manfred Blumenthal. Am 08. Mai 1956 fragt der Regierungspräsident in Wiesbaden an nach dem Hausrat und Schmuck von Berta Blumenthal geborene. Goldschmidt, der 39.000 Mark wert gewesen sein soll und „geraubt“ wurde; vor allem möchte er wissen, ob die angegebene Schadenssumme stimmen kann.

Am 8. Mai 1943 pachtet der Bürgermeister einen Ein Acker „Am Löwensee“ hatte der Bürgermeister am 8. Mai 1943 vom Reichsfiskus gepachtet, der laut Bleistiftvermerk Blumenthal gehört hat. Das Grundstück ist am 14. Februar 1951 im Eigentum von Manfred Blumenthal (New York). Als Christian Tessien dort ein Wohnhaus erstellen möchte, verzichtet die Gemeinde auf das Vorkaufsrecht.

Das Haus wird erworben von den Familien Bauch und Göring. Am 12. März 1953 ist Hermann Goldschmidt aus Frankfurt, der Bruder von Bertha Blumenthal geborene Goldschmidt, wieder als Eigentümer eingetragen; er hat die Gemeinde mit der Verwaltung beauftragt, die diese auch vornimmt.

In dem Haus Niedergasse 3 oder 5 wohnte nach Angabe von Frau Erika Moglias eine Familie Goldschmidt. Ihre Familie wohnt seit 1947 in dem Haus und hat es 1951 von den Erben der früheren Bewohner gekauft. Diese Angabe läßt sich aber nicht aus den Akten bestätigen. Es könnte höchstens sein, daß der Nachbar Goldschmidt auch dieses Haus gekauft hatte, aber nicht dort wohnte.

 

Niedergasse 22:

Eigentümer des Hauses war zunächst der Lumpensammler Nathan Stern und dessen Ehefrau Regine geborene Müntz. Er ist Sohn von Markus Stern, der 1845 Hannchen Löb heiratet, und Enkel von Nathan Stern.

Sie haben fünf Kinder: Der am 2. Januar 1882 in Bischofsheim geborene Simon Stern bleibt ledig, ist Altwarenhändler und stirbt 1942 in Bischofsheim. Aber zwei Kinder heiraten: Marcus Stern heiratet Sofie Rosenthal und wohnt in Hochstadt, Bogenstraße 1. Die Tochter Johanna (geboren 1878) heiratet 1909 den Kanzlisten Alfred Wolf und stirbt Anfang 1933.

Das Ehepaar Wolff hat die Kinder:

-  Max Wolff  (geboren 30.07.10 in Bischofsheim), Taschner, verheiratet seit 1. Februar 1940 mit Pauline geborene Korn. Am 30. Juli 1940 war die Frau ohne polizeiliche Abmeldung nach Frankfurt, Großer Wollgraben 24, verzogen. Beschäftigt war sie bei der Städtischen Straßenbahn. Am 28. Mai 1942 wird ihr „zwecks Abwanderung mit ihrem Ehemann“ der Zuzug nach Bischofsheim genehmigt.

Sie hatten einen Sohn Simon Stern, der am 2. Januar 1882 in Bischofsheim geboren wurde; er war ledig und Altwarenhändler. Außerdem hatten sie eine Schwester Johanna, die 1932 verstarb und verheiratet war mit Alfred Wolf. Deren Kinder waren die drei Brüder Wolf:

1.)  Hermann Wolff wird (geboren. 07.09.12 in Bischofsheim) ist Kaufmann und ist verheiratet seit 6. September 1941 mit Emma geborene Spitz (geboren am 16.10.1908). Am 6. Mai 1942 ist sie wohnhaft in Frankfurt, Luisenplatz 21. Am 28. Mai 1942 wird ihr „zwecks Abwanderung mit ihrem Ehemann“ der Zuzug nach Bischofsheim genehmigt.

2.)-  Ludwig Wolff  (geboren.  01.02.15 in Bischofsheim) ist Schuhmacher und ledig. Er wird als ein „Aktionsjude“ bezeichnet, weil er wohl nach dem Judenpogrom am 10. November 1939 ins Konzentrationslager Buchenwald kam. Im Mai 1939 sollte er von dort wegen seiner beabsichtigten Auswanderung entlassen werden. Die Angehörigen sollen die Rückreisekosten umgehend telegrafisch an die Kommandantur Buchenwald überweisen. Am 12. Dezember 1939 übersendet der Bürgermeister dem Wehrbezirkskommando Fulda den Wehrpaß Ludwig Wolffs und bittet um Übersendung des Ausschließungsscheins. Vom Arbeitsdienst war er seit 19. Juli07. 1935 befreit, weil er „Nicht-Arier“ war. Ludwig Wolff stirbt am 17. September 1942 in Majdanek.

 

Mit im Haus soll gewohnt haben (nach Angaben von Herrn Begemann) Paul Wolff (geboren 1878) und seine Frau Emma. Der Mann könnte ein Bruder von Alfried Wolff sein. Paul Wolff ist verschollen in Riga, Emma Wolff soll am 5. Februar 1943 in Theresienstadt gestorben sein.

 

3.) Max Wolff  (geb. 30.07.10 in Bischofsheim), Taschner, verheiratet seit 1. Februar 1940 mit Pauline geborene Korn. Am 30. Juli 1940 war die Frau ohne polizeiliche Abmeldung nach Frankfurt, Großer Wollgraben 24, verzogen. Beschäftigt war sie bei der Städtischen Straßenbahn. Am 28. Mai 1942 wurde ihr „zwecks Abwanderung mit ihrem Ehemann“ der Zuzug nach Bischofsheim genehmigt.

Nur zeitweise im Haus wohnten die Haushälterin Friedel Behrmann (geb. 07.02.10 in Frankfurt); sie kommt am 14. Februar 1934 von Darmstadt an und zieht am 15. Juni 1934 nach Großzimmern. Die „Stütze“ Emma Kohn (geb. 19.12.96 Wilhermsdorf) kommt am  21. März 1935 aus Bad Kissingen und zieht  am 24. April 1935 nach Frankfurt.

 

Im September 1939 weigert sich Simon Stern, einen Koffer mit Kleidungsstücken an seine Nichte Hilde (Hilda) Stern, Tochter von Marcus Stern, Hausangestellte (geb. 11.03.04 in Hochstadt) in die Landesheilanstalt Herborn zu schicken. Sie war am 8. Dezember 1938 von Frankfurt-Höchst zugezogen, am 1. Juni 1939 ist sie wieder nach Frankfurt verzogen, aber offenbar danach in die Heilanstalt gekommen. Das Gesundheitsamt Frankfurt bittet den Bürgermeister, Stern zum Abschicken des Koffers zu veranlassen.

Am 8. Januar 1942 starb Simon Stern in Bischofsheim an Herz-Kreislauf-Schwäche. Auf die Anfrage des Finanzamtes vom 14.07.42 wegen des Nachlasses des verstorbenen Althändlers Simon Stern antwortet der Bürgermeister: Er hat mit den drei Söhnen seiner verstorbenen Schwester einen ärmlichen Haushalt geführt. Hermann Wolff, Gartenarbeiter, Niedergasse 22. machte die Anzeige des Todes. Es ist anzunehmen, daß die Brüder Wolff die Krankheits- und Beerdigungskosten selbst bezahlt haben.

Die Genossenschaftliche Treuhand-Gesellschaft war in den Besitz einer Aufwertungshypothek auf dem Grundstück gekommen. Sie wollte im Februar 1939 das Haus zwangsversteigern lassen. Der Bürgermeister antwortet aber: Die Erben wollen sowieso auswandern, so daß das Haus auch ohne Zwangsversteigerung zum Verkauf kommen wird. Das Haus blieb vorerst im Besitz der Gemeinde.

Die Brüder Wolff hatten sich bereit erklärt, bis zum 15. Juni 1939 auszuwandern. Sie mußten sich zweimal wöchentlich auf dem Bürgermeisteramt melden. Die Frist zur Auswanderung wird immer wieder verlängert, zunächst bis zum 01. September10 19.39, dann bis zum 01. Oktober10 19.40. Der Bürgermeister schreibt den Kaufinteressenten für das Haus, daß die Auswanderung noch auf sich warten läßt und vor diesem Zeitpunkt ein Verkauf nicht zu erwarten ist.

Am 8. Januar 1942 stirbt Simon Stern, der Onkel der Brüder Wolff, in Bischofsheim an Herz-Kreislauf-Schwäche. Auf die Anfrage des Finanzamtes vom 14. Juli 1942 wegen des Nachlasses des verstorbenen Althändlers Simon Stern antwortet der Bürgermeister: Er hat mit den drei Söhnen seiner verstorbenen Schwester einen ärmlichen Haushalt geführt. Hermann Wolff, Gartenarbeiter, Niedergasse 22, macht die Anzeige des Todes. Es ist anzunehmen, daß die Brüder Wolff die Krankheits- und Beerdigungskosten selbst bezahlt haben.

Am 11. Januar 1901.42 erhalten die Brüder Wolff die Erlaubnis nach Frankfurt fahren. Am 13. Januar 1901.42 wurde ein Dauerausweis bis zum 30. Juni 1906.42 ausgestellt. Sie gelten am 21. Mai 1905.42 als „unbekannt“ verzogen. Im Jahre 1942 werden verschleppt die Familie Wolf aus Bischofsheim, Niedergasse Nr. 22, und Berta Blumental, Niedergasse 1.

 

Am 8. Juni 1942 meldet der Bürgermeister, daß das Haus mit vier Räumen und einer Küche von Gendarmeriemeister Brösamle unter Hinzuziehung des Ersten Beigeordneten Fritz verschlossen wurde. In ihm befanden sich nur geringwertige Möbel und Hausgräte (wackelige Stühle, zermürbte Betten, wurmstichige Tischchen, Schränke). Über die zurückgelassenen Gegenstände wurde eine Liste aufgestellt (Schätzwert, Käufer und erzielter Preis, wenn abweichend):

1 Bett komplett                       5,00 Mark    Studenroth, Johannes                  20,00

1 Kommode (alt)                    1,00              Grob, Kurt

1 Vertikow                              5,00                    „

1 Bank                                    1,00                    „

3 Stühle                                  2,50              Grob und Brösamle                           4,00

1 Wanduhr                           10,00              Studenroth, Johannes

   Wäsche                               3,00              Grob

1 Küchenschrank mit Inhalt 5,00                        Lotz, Johannes

1 Kleiderschrank                 20,00              Brösamle

   Kleidung                              5,00              Grob

1 Waschkommode                3,00              Lotz

1 Spiegel                                1,00              Studenroth, Johannes                    2,00

1 Kocher elektrisch   2,00              Schmid, August

1 Tisch                                    4,00              Grob

3 Betten                                15,00              Schmid, August

1 Kiste                                     2,00              Grob

1 Holzkoffer                           2,00              Grob

1 Kleiderschrank                   5,00              Studenroth, Johannes

1 Nachttischschränkchen   1,00              Schmid                                             2,00

1 Küchenschrankaufsatz    2,00              Schmid

 Haus-  Brand im Keller       3,00              Gemeinde

Schätzpreis zusammen 97,50 Reichsmark.

 

Am 15. August 1942 übersendet der Bürgermeister die Nachweisung für die von der Judenfamilie Gebrüder Wolff durch Vermittlung des Finanzamts Hanau übernommenen Möbelstücke. Er behauptet, die Gegenstände wären an minderbemittelte, teilweise kinderreiche Volksgenossen angegeben (andere Formulierung: „von der Gemeinde die NSV übernommen“). Der Schätzwert belief sich auf 97,50 Mark, erlöst wurden 116 Mark. Aus dem Mehrerlös wurden die entstandenen Unkosten gedeckt, d.h. der Mehrbetrag von 18,50 Mark wurde der Gemeindekasse zugeführt.

Das Haus wurde versiegelt, die Schlüssel wurden dem Finanzamt Hanau übergeben. Für das Grundstück sind 6,88 Mark Steuer zu zahlen, aber am 11. Juni 1942 bittet der Bürgermeister um Stundung der Hauszinssteuer. Auf dem Grundstück liegen auch Hypotheken von über 1.300 Mark. Der Bürgermeister möchte, daß das Haus deswegen möglichst schnell vermietet wird.

Für das Haus melden sich schon im Juni 1942 mehrere Interessenten: Karl Grimm und Ernst Hahn (die Nachbarn aus der Niedergasse 24), Berta Wörner (Berger Straße 4), Reinhard Seibel (Niedergasse 22) und Wilhelm Gundelach (Rumpenheimer Weg 7). Die Diskuswerke bitten den Bürgermeister, ihren Facharbeiter Willi Frischkorn bei der Vergabe von Judenwohnungen in erster Linie zu berücksichtigen, weil sein Haus am alten Friedhof (Zwingerstraße) abgebrochen werden soll, um die Straße gerade führen zu können.

Am 27. März 1947 beantwortet der Bürgermeister auf eine Anfrage von Frau Rosa Levy geborene Stern in St. Louis (USA). Es kann sich dabei an sich nur um Rosa Stern handeln, geboren 1916, Tochter von Arnold Stern und Emma Löwenstein, Obergasse 14, die aber nicht verwandt ist. Die Antwort lautet: Berta Blumenthal und Sohn Hugo sowie die Brüder Wolff sowie Berta Blumenthal und Sohn Hugo wurden im Sommer 1942 nach Frankfurt gebracht und wurden von dort nach dem Osten (Polen) verschleppt. Über ihren weiteren Verbleib ist nichts bekannt geworden. Der jüdische Besitz ist von der amerikanischen Militärregierung blockiert. Am 1. Juni 1950 wird gesagt, befindet sich das Haus befindet sich in schlechtem Zustand. Es handelt sich um eines der ältesten Häuser der Gemeinde. Aber ein Verkauf des Hauses mit den zwei Gartenparzellen hat bisher nicht stattgefunden.

 

Schäfergasse 2:

Eigentümer des Hauses und der Ackergrundstücke ist Hermann Goldschmidt, Frankfurt. Das Haus wurde erworben von den Familien Bauch und Göring. Am 12. März 1953 ist Goldschmidt wieder als Eigentümer eingetragen; er hat die Gemeinde mit der Verwaltung beauftragt, die diese auch noch vornimmt.

 

Schäfergasse 10:

Eigentümer sind der Metzger Isidor Meyer (geb. 16.02.74 in Himbach) und Sophie (Seffi oder Sessie) geborene Grünewald (geb. 25.01.73 in Bischofsheim), die 1902 geheiratet haben. Die Schwester der Frau heißt Gretchen und heiratet Abraham Simon aus Echzell. Die Eltern heißen Jacob Grünewald und Bettchen Stern, die Großeltern Abraham Stern und Sophie geborene Wetterhahn, der Stammvater heißt auch Abraham Stern.

Bettchen Grünewald hat einen Bruder Nathan, der 1876 Emma Bender aus Seligenstadt heiratet und zunächst Zwerchgasse 1 und dann Hintergasse 88 (alte Nummer) wohnt, und deren Tochter Josephine den Kaufmann Oskar Hirsch heiratet. Deren Sohn ist Richard Hirsch, geboren 1909, der in Bergen-Enkheim verheiratet ist. Er ist 1952 Eigentümer der Wiese „In den fünf Morgen“, die ihm zurückerstattet wurde und die er jetzt verkaufen möchte. Die Gemeinde teilt den damaligen Nutzer mit.

Die Eheleute Meyer wohnen zunächst Schäfergasse 25, dann Schäfergasse 10  (gleiches Haus, nur neue Nummer). Am 22. Juni 1936 ziehen sie mit Sohn Siegfried nach Frankfurt, Oberweg 58?). Von dort sind sie nach Kapstadt in Südafrika ausgereist.

 

Mit im Haus wohnt auch die Schwester Isidor Meyers, Herta Leopold geborene Meyer (geb. 14.07.07 in Bischofsheim) und ihr Mann, der Metzger Hermann Leopold (geboren. 03.03.02 in Bleichenbach). Sie ziehen  am 15. Januar 1936 mit Sohn Günther (geboren. 07.01.32 in Frankfurt) nach Frankfurt, Oberweg 58. In einer Nachkriegsliste wird auch noch der Sohn Ernst Leopold als „ausgewandert“ erwähnt, geboren 20.01.1934 in Frankfurt

Laut Mitteilung von Eric Brück konnte die ganze Familie nach den Philippinen entkommen, dann nach den USA. Hermann Leopold starb im September 1966 USA, Herta Leopold geb Mayer starb im April 2004 in den USA. Geheiratet haben sie 1931in Bischofsheim. Günther und Ernst sind Cousins von Herrn Brück und er ist in Kontakt mit beiden.

 

Das Haus wird im gleichen Jahr von Wilhelm Fritz zum Preis von 13.000 Mark erworben, späterer Eigentümer ist Johannes (Jean) Fritz VI. Das Haus befindet sich nach dem Krieg in gutem Zustand und wird teilweise gewerblich genutzt. Der Garten der Eheleute Meyer „Am Kreuzstein“ (13,67 a) wurde 1939 von Hermann Wörner  (Am Kreuzstein) zum Preis von 1.900 Mark erworben.

 

 

Friedhof Hanau 12/26/4: Jakob (Jechiel) Grünewald, Metzger und Spezereiwarenhändler, Witwer, Sohn des Schmuel (Samuel) ha-Levi Grünewald und der Jettchen geborene Meyer aus Bischofsheim, 82 Jahre alt, geboren am 12.09.1832 in Heidenbergen, gestorben am 16.03.1914 in Bischofsheim.

Friedhof Hanau 12/24/18: Bettchen (Bela) Grünewald geborene Stern, Tochter des Abraham ha-Levi Stern und der Sophie geborene Wetterhahn, Ehefrau des Metzgers Jakob (Jechiel) Grünewald aus Bischofsheim, geboren am 13.06.1836 in Bischofsheim und dort gestorben am 26.09.1911.

 

 

Es gibt da noch einen Verwandten, einen Nachkommen von Nathan Stern (geboren am 26.08. 1845), verheiratet mit Emma Bender (geboren am 13.12.1848 in Seligenstadt). Er heißt Michael Stern und wohnt in Rodgau. Er hat mich einmal angerufen und wollte mir auch nähere Angaben machen, hat es aber bisher nicht getan. Er scheint sehr beschäftigt zu sein. Ich habe aber seine Email-Anschrift, habe die Sache aber nicht näher erfolgt.

 

 

Schäfergasse 13:

Eigentümer ist der Kaufmann Kurt Baier (geboren. 06.06.07 in Frankfurt) und Frau Klara (geboren. 05.01.07 in Bischofsheim). Die Frau ist Tochter von Levi Selig und Bertha Stern und Enkelin von Seligmann Selig aus Reichelsheim im Odenwald sowie von  Hermann Stern und Fanny Brückheimer. Die Eheleute haben 1934 in Frankfurt geheiratet und ziehen Sie sind  am 12. Mai 1936 nach Frankfurt, Westendstraße., verzogen

Der Bruder von Berta Selig geborene Stern ist Isaak Stern, geboren 1890. Sein Grundstück „An den drei Weidenbäumen“ (25,39 a) wird am 23. Mai 1939 von der Gemeinde erworben und am 6. September 1943 an Bernhard Reitz weiterverkauft. Eingetragen war es noch auf seine Eltern, nämlich auf  Harry Stern (Vorname bei der Geburt „Hermann“) und Fanny geborene Brückheim.

 

Schäfergasse 21:

Eigentümer des Hauses sind der Händler Levi Selig (geboren . 29.03.1876 in Reichelsheim/O.) und die Händlerin Berta geborene Stern Selig (geboren. 26.10.1880 in Bischofsheim), Tochter von Hermann Stern (Obergasse 8). Sie wohnen Obergasse 101 (alte Nummer) und Borngasse 56 (alte Nummer), im Jahre 1912 Zwingerstraße 10, im Jahre 1925 Schäfergasse 21. Ihre Kinder sind laut Standesamtsregister Kamilla (geboren 1905), Klara (geboren 1907) und Berthold (geboren 1912). Im Stadtarchiv werden die Kinder . Sie verziehen mit den Kindern

Klara, Emilie und Berthold genannt, mit denen die Eltern  am 22. August 1938 nach Frankfurt verziehen.

(Klara Bär war, geboren am 05.01.07 in Bischofsheim, war schon am 7. August 1934 nach Frankfurt verzogen).

Das Haus geht an Wilhelm Lendel über. Im Jahre 1950 war es sehr verwohnt und von zwei Familien bewohnt. Besitzerin war Katharina Lendel. Am 3. Februar 1951 zahlt Wilhelm Lendel keine Miete an den Treuhänder. Der Bürgermeister bestätigt, daß er kein Einkommen hat, aber noch Grundbesitz hat und von den Kindern durchaus  unterstützt werden kann.

Das Grundstück „Hinter dem Horn“, das Berta Selig geborene Stern gehörte, wurde später von Adam Rüffer (Am Kreuzstein 7) als Grabland (mit Obstbäumen) genutzt.

 

Obergasse 8:

Der Eigentümer des Hauses hieß Stern. Es wird dabei wohl um Hermann Stern handeln bzw. um seinen Sohn Isaac. Bei einem Bombenangriff am 18. März 1944 wird das Anwesen wurde total zerstört. Es wurde von der Gemeinde erworben und an Heinrich Ohnemus weiterverkauft. Bei einem Bombenangriff am 18. März 1944 wurde das Anwesen wurde total zerstört. Die Witwe Ohnemus baut dann ein Nebengebäude behelfsmäßig als Wohnhaus ausgebaut.

 

 

Obergasse 14: Arnold Stern 

Das Haus gehört Arnold (Adolf) Stern. Vater von Arnold Stern ist Salomon Stern (seine Schwester Berta heiratet Herz Appel in Hochstadt), Großvater ist Maier Stern. Arnold Stern heiratet 1896 seine erste Frau Fina aus Nieder-Wöllstadt und in zweiter Ehe Emma Löwenstein aus Langenbergheim und stirbt 1933.  Arnold Sterns Schwester Sarchen (Sara) heiratet den Katholiken Viktor Ruf, sein Bruder Siegmund heiratet Karoline Löwenstein aus Langenbergheim.

Die Familie ist nach den USA ausgewandert. Die Tochter Rosa (Rosi) Stern aus der zweiten Ehe (geboren 28.11.1916 in Bischofsheim), Verkäuferin, wandert am 16. oder 28. September 1938 in die USA aus. Am 19. Juli 1947 fragt sie nach dem Schicksal früherer Bischofsheimer Juden, zum Beispiel den Brüdern Wolff. Sie wohnt in St. Louis in den USA.

 Das Haus wird nach der Auswanderung von Philipp Walter erworben. Es befindet sich 1950 in schlechtem Zustand. Der Nutzer Philipp Walther ist nicht in der Lage, größere Reparaturen auszuführen.

 

 

 

Am 7. Juni 2010 waren in Maintal zu Besuch:

(1.) Josefine (Fina) Plass, Tochter von Emmi Stern, und ihr Mann Robert Plass. Sie wurde um 1930 in Frankfurt geboren. Ihr Vater ist 1937 ausgewandert, ihre Mutter folgte im Winter 1938. Die Mutter Emmi Stern war auch eine verheiratete Stern und ist 1976 gestorben.

Josefine Plass lebte lange in Los Angeles und jetzt (nach ihrer eigenen Angabe) in Fort Mills/South Carolina.

(2.) Sonja Stern, die etwas jüngere Cousine von Josefine Plass. Sie ist geboren in Frankfurt und  zog im Sommer 1939 zu ihrem Vater nach Amerika. Eine Tante buchte für sie die Schiffspassage von Hamburg nach New York. Sie wohnt heute  in Charlotte/North Carolina.

Der Bruder der beiden Frauen, Marx Stern, wurde im KZ Sachsenhausen befreit und ging nach Cleveland, USA. Rosi Stern (aus der zweiten Ehe des Vaters)  ist 2006 gestorben

 

 

Zeitungsartikel:

Flucht vor den Nationalsozialisten                                                        MTA    08.06.2010

Jüdischer Besuch aus Amerika zu Gast in, Maintal

Blass sind die Erinnerungen an die frühere Heimat. Schließlich waren Sonja Stern und ihre Cousine Josefine Plass noch Kinder, als sie Deutschland aufgrund der politischen Verhältnisse Ende der 30er Jahre verließen, um ihr Leben zu retten. Auf Einladung der Stadt Frankfurt sind Sonja Stern, Josefine Plass und ihr Mann Robert seit Ende Mai in Deutschland, um sich auf die Spuren ihrer Vorfahren zu begeben.

Dabei führte sie ihr Weg auch nach Maintal. In der Obergasse 14 in Bischofsheim besuchten sie das Haus ihrer Großeltern und kamen zufällig mit Nachbarn ins Gespräch, die sich noch an die Zeit erinnern konnten, als die Familie Stern das Anwesen bewohnte.

Die wenigen Erinnerungen an das nationalsozialistische Deutschland und ihre jüngsten Eindrücke teilten Sonja Stern und Josefine Plass gestern vormittag auch mit Jugendlichen der neunten Realschulklassen der Werner-von-SiemensSchule in Dörnigheim. Der Austausch mit den emigrierten Juden bot den Schülern Gelegenheit, sich dem historischen Unterrichtsthema „Nationalsozialismus“ auch von einer menschlichen Seite zu nähern.

Neun Jahre war Sonja Stern alt, als sie nach dem Tod der Mutter im Sommer 1939 zu ihrem Vater nach Amerika zog. Eine Tante buchte für sie die Schiffspassage von Hamburg nach New York. „Ich war ein Kind, als ich Deutschland verließ, aber an die Reichskristallnacht kann ich mich noch erinnern. Ich war zu Hause mit meiner Mutter, als meine Tante hereinkam und uns schilderte, was auf den Straßen vor sich ging. Plötzlich standen Nazis vor der Tür, die sich nach meinem Vater erkundigten, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Amerika lebte“, erzählt sie.

Ihre Cousine, Josefine Plass, war bereits ein Jahr zuvor nach Amerika emigriert. Ihre Mutter, die damals in Bischofsheim lebte, folgte ein Jahr später. „Es hat uns das Leben gerettet, daß wir amerikanische Bürger waren“, blickt Sonja Stern heute zurück. Warum sie Deutschland nicht schon viel früher verlassen hätten, wollten die Schüler wissen. „Es ist leicht, im Rückblick zu sagen, man hätte früher fliehen sollen. Aber niemand hätte damals gedacht, daß sich die Ereignisse so entwickeln würden. Wir dachten lange, daß uns schon nichts passieren werde“, erinnert sich Sonja Stern.

Dankbar registrieren sie und ihre Cousine, die beide in Frankfurt geboren sind, die vielseitigen Bemühungen, das dunkle deutsche Geschichtskapitel aufzuarbeiten. „Die Verfolgung und Vernichtung deutscher Juden während des Nationalsozialismus wird heute viel offener diskutiert. Es ist wichtig, daß die jüngere Generation weiß, was damals passiert ist, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, nennt Sonja Stern einen Grund für die Besuche in Schulen. „Außerdem finde ich es großartig, Kontakt zu jungen Menschen zu haben“, ergänzt sie.

Am Nachmittag gedachten die amerikanischen Gäste auf dem jüdischen Friedhof in Hanau ihrer Großmutter, die dort beerdigt ist. Begleitet wurden sie dabei von Vertretern des Vereins Brüder-Schönfeld-Forum, die den „Abstecher“ nach Maintal organisiert hatten. Bereits am morgigen Donnerstag treten Sonja Stern sowie Josefine und Robert Plass die Heimreise nach Charlotte/North Carolina an.

 

 

Friedhof Hanau: In dem Buch über den jüdischen Friedhof Hanau ist auf  Seite 573 angegeben:

Dina (Fina) Stern geborene Strauhs, Ehefrau des Eljakum (Arnold, genannt Adolf) Stern aus Wachenbuchen (Tochter von Jesel Strauß II. und N.N. geborene Speier, nach anderen Angaben Tochter von Markus Strauß und Jeanette geborene Haas), geboren am 27.03.1852 (oder  am  15.12.1864  in  Niederwöllstadt), gestorben am 24.05.1914 (oder 15.04.1914) (Nummer 12/26/5).

[Der Text auf dem Grabstein lautet: „Dina Stern geborene Strauhs, Ehefrau des Eljakum Stern aus Wachenbuchen, geboren am 27.03.1852,  gestorben am 24.05.1914“. Dazu paßt von den Ergänzungen in spitzen Klammern noch „Tochter von Jesel Strauß II. und N.N. geborene Speier“, der Vorname der Mutter ist Karoline.

Die anderen Ergänzungen in spitzen Klammern gehören zu einer anderen Person: „Fina Stern, Tochter von Markus Strauß und Jeanette geborene Haas, geboren  am  15.12.1864  in  Nieder­wöllstadt, gestorben 15.04.1914“. Sie war in erster Ehe verheiratet mit Arnold Stern aus Bischofsheim, Obergasse 14, ist aber nicht in Hanau beerdigt].

 

Auf dem Friedhof ist aber das Grab des Vaters von Arnold Stern:

Salomon (Schlomo) Stern aus Bischofsheim, Witwer, Sohn von Mayer Stern und Ettel (Edel) geborene Ochs, geboren am 15.01.1829 in Bischofsheim und dort gestorben am 02.03.1912 (Nummer 12/25/6)

Außerdem ist auf dem Friedhof das Gab der Schwester des Salomon Stern:

Sara (Sarah) Meyer geborene Stern, Witwe des Mosche (Moses Hirsch) Meyer, Tochter von Bernhard Stern und Edel geborene Ochs, Schwester des Salomon Stern, geboren am 05.0l.1827 in Bischofsheim, gestorben am 07.10.1904 (Nummer 12/22/4).

 

Die Angabe in der Zeitung: „Am Nachmittag gedachten die amerikanischen Gäste auf dem jüdischen Friedhof in Hanau ihrer Großmutter, die dort beerdigt ist“ ist insofern richtig, daß die Gäste den Friedhof besichtigten und die Gräber besuchten, aber das vermeintliche Grab ist nicht das der Großmutter.

 

Zwerchgasse 1:

Eigentümer sind der Kaufmann („Reisender“) Oskar Hirsch (geboren. 31.03.81 oder  laut Standesamt am 30.03.1888 in Homburg/Saar) und Josefine geborene Stern (geboren. 04.12.80, Tochter von Nathan Stern und Emma Bender aus Seligenstadt, Enkelin von Abraham Stern und Sophie geborene Wetterhahn, siehe Schäfergasse 10).

 Sofie Stern geb. Wetterhahn, Witwe Abraham Sterns). Die Eheleute und ihr Sohn Richard (geboren 1909, Handlungsgehilfe) ziehen am 5. Juli 1937 nach Frankfurt, Röderbergweg 30. Der Sohn Richard heiratet 1939 nach Bergen-Enkheim.

Oskar Hirsch stirbt am 23. Februar 1944 in Theresienstadt, seine Frau laut Heiratsregister in Frankfurt. Dem Sohn Oskar gelingt die Flucht nach England, von wo er dann in die USA reist. Die Schwester der Frau, Klara Stern (geboren 1882) heiratet den Schuhmacher Hermann Seligmann aus Seligenstadt und wohnt mit im Haus.

Die Eheleute und ihr Sohn Richard (geb. 21.06.09), Handlungsgehilfe, ziehen am 5. Juli 1937 nach Frankfurt, Röderbergweg 30. Das Haus wird gekauft von Alfred Niemczyk. Es gibt dann eine Vermögensauseinandersetzung, wodurch die IRSO in den Besitz des Hauses kommt.

Am 4. Juli 1951 fordert der Bürgermeister von der IRSO die Zahlung der Grundsteuer für das Haus, da sie Rechtsnachfolger des ehemaligen Besitzers ist. Der Mieter Niemczyk zahlt nicht (mehr), weil er nicht Eigentümer ist.  (es hat eine Vermögensauseinandersetzung gegeben, durch die die IRSO in den Besitz des Hauses kam). Ein Grundstück der Eheleute Hirsch in Größe von 6,32 Ar wurde später von Heinrich Kaiser genutzt.

 

Berger Straße 7:

In dem Haus wohnt Adam Leimbach, geboren 1907  (geb. 07.07.07 in Bischofsheim) als Sohn des Fabrikarbeiters Moritz Leimbach, evangelisch, und dessen Frau und Klara geborene Hirsch, die  (beide verstorben sind. ), also „Mischling 1. Grades“. Nur die Mutter war „Volljüdin“, hatte aber keine Beziehung zu den in Bischofsheim wohnhaften Juden. Das Kind  ist „Mischling 1. Grades“, wird aber hatte aber keine Beziehung zu den in Bischofsheim wohnhaften Juden. Das Kind wurde evangelisch erzogen.

Adam Leimbach Er ist Arbeiter und seit Anfang des Krieges einberufen.

Am 08. April 1940 stellt er einen Antrag auf Eheschließung mit Lilli Nohr, Berger Straße 5. Leimbach ist Halbjude. Der Bürgermeister teilt mit, daß Leimbach als ordentlicher und arbeitsamer Mensch bekannt ist. Politisch hat er sich stets zurückhaltend benommen und hat vor der Machtübernahme keiner marxistischen Partei angehört.

Die Verlobte ist körperlich und nach Meinung des Bürgermeisters auch geistig behindert. Falls die Vorschriften über eine vorzunehmende Sterilisierung auf die Verlobten Anwendung finden sollten, wären aber von ihm aus Bedenken gegen die Genehmigung einer Eheschließung nicht zu erheben (Es hört sich fast so an, als solle auch der Mann sterilisiert werden, weil er Halbjude ist). Es kam aber zu keiner Eheschließung, das Gesundheitsamt hat die Ehetauglichkeit der Verlobten Lilli Nohr verneint.

Die Schwester Leimbachs ist die Hausfrau Johanna Grünewald geborene Leimbach, geboren am 24. Juni 1906.110 in Bischofsheim, Hausfrau. Sie  ist auch „Halbjude“, zwei Großelternteile mütterlicherseits waren Volljuden. Der Ehemann ist Wolfgang Grünewald, geboren 19. September 1909.06 in Bergen, „arisch“, zur Zeit bei der Wehrmacht. Ihr Sohn ist Nathan Grünewald, der (vor 1941) nach Offenbach verzogen ist.

Die ausgebeutete Kiesgrube (44,77 a) „An der Kirschal“ hat Philipp Maisch (Fechenheimer Weg) im Jahre 1939 zum Preis von 1.790 Mark von Nathan Grünewald  (1941 verzogen) erworben. Am 4. Mai 1951 lehnen die Ortsschätzer eine Schätzung des Grundstücks Grünewald ab, weil die Kiesgrube ausgebeutet ist und das Grundstück wertlos sei.

Er Nathan Grünewald wohnt nach dem Krieg in Groningen (Niederlande) und bittet am 16. Februar 1953 um die Daten der Geburt und Eheschließung seiner Eltern. Auf der Liste gestrichen ist Maria Grünewald (, geboren 22.12.1932), wohl auch eine Tochter, die Schwester Nathan Grünewalds.

Am 01. Dezember 1912.50 wird noch erwähnt Jakob Grünewald erwähnt als ursprünglicher Besitzer eines Grundstücks. Dabei kann es sich nur um den 1833 geboren Jakob Grünewald handeln, denn er wird als „ (Samuels Sohn“ bezeichnet). Dessen Erben sind die Kinder der und Mathilde Wallenstein geborene. Grünewald. Er ist aber wohl nicht verwandt mit den Grünewalds in der Berger Straße und ihre Kinder.

 

Familie Kahn:

Nicht bekannt ist die Wohnung der Familie Kahn. Der Stammvater ist  Jacob Kahn, der 1797 den Sohn Maier Kahn hat. Dieser heiratet 1839 Jeanette Kaufmann. Ihre Eltern sind David Kaufmann, verheiratet um 1810 mit Esther Stern. Der einzige Sohn der Eheleute Kahn/ Kaufmann mit Namen Jakob heiratet nach Dörnigheim, Schwanengasse 4.

 

 Die ausgebeutete Kiesgrube (44,77 a) „An der Kirschal“ hat Philipp Maisch (Fechenheimer Weg) im Jahre 1939 zum Preis von 1.790 Mark von Nathan Grünewald  (1941 verzogen) erworben. Am 4. Mai 1951 lehnen die Ortsschätzer eine Schätzung des Grundstücks Grünewald ab, weil die Kiesgrube ausgebeutet ist und das Grundstück wertlos sei.

„Jüdisch“ klingt auch der Name von Berta geborene Appel, verheiratet mit Friedrich Heinrich Herget, Berger Straße 19, die am 15.07.1938 eine Tochter Ursula Lina haben. Aber in den Personenstandsregistern kommt sie nicht vor.

 

Nicht mehr in Bischofsheim wohnen folgende jüdische Familien:

1. Baum, John Jonas, 1941 verzogen.

2. Nassauer, Jacques: 1941 „verzogen“. Er besaß ein Grundstück „Im Fischer“ zu einem Drittel. Die anderen zwei Drittel gehörten Peter Wadel II. und Peter Wadel III. Deshalb kann die IRSO nach dem Krieg die Nutzung nicht kündigen. Es wird als Grasstück dann bewirtschaftet von Johann Wadel, Obergasse 22. Entschädigungsanspruch erhebt Fred E. Herz aus Charleston, West Virginia USA, Erbe der Witwe Johanna Nassauer geborene Herz.

3. Grünebaum, Wilhelm und Artur (siehe „Ackergrundstücke“): Ein Acker „Am tiefen See“ (1.034 qm) gehörte Artur Grünebaum und wurde von den Erben des verstorbenen H. Kirchner, Rendel, übernommen.

 

Weitere Juden:

Hofmann, Johann Bernhard (geb. 29.11.1895), wohnte bis 14.11.40 in Bischofsheim und ver          zog nach Frankfurt, Gelbe Hirschgasse 10. Am 01.11.42 in Hanau verstorben.

Seine Tochter ist Cornelia Hofmann (Anfrage am 01.03.54).

Joseph, Martha, (geb.18.02.06 in  Reichelsheim/O.), Köchin, vom 25.11.33 bis 07.12.33 in

Bischofsheim, Niedergasse 2, sonst in Reichelsheim.

Rau, Kurt, (geb. 08.06.07 in Frankfurt), Kaufmann Schäfergasse, doppelter Wohnsitz

Rau, Klara geb. See, (geb. 05.01.07 Bischofsheim), Schäfergasse, doppelter Wohnsitz

Nassauer, Jacques: Er besaß ein Grundstück „Im Fischer“ zu einem Drittel. Er ist 1941 „ver-zogen“. Die anderen zwei Drittel gehörten Peter Wadel II. und Peter Wadel        III.)(deshalb kann die IRSO nach dem Krieg die Nutzung nicht kündigen). Es wird als Grasstück bewirtschaftet von Johann Wadel, Obergasse 22. Entschädigungsanspruch erhebt Fred E. Herz aus Charleston, West Virginia USA, Erbe der Witwe Johanna Nassauer geb. Herz.

Isaak Stern (die einzige Person, die sich in den Personenstandsregistern identifizieren läßt): Ein Grundstück „An den drei Weidenbäumen“ (25,39 a) wurde am 23. Mai 1939 durch die Gemeinde von Isaak Stern erworben und am 6. September 1943 an Bernhard Reitz weiterverkauft. Eingetragen war es noch auf seine Eltern, auf Harry Stern (Vorname bei der Geburt „Hermann“) und Fanny geb. Brückheim.

 

Ackergrundstücke:, die sich nicht einer der bisher dargestellten Familien zuordnen lassen:

Nicht einer bestimmten Bischofsheimer Familie lassen sich zuordnen:

- Etwa 1939 verkauft Leopold Rosenthal aus Bergen-Enkheim ein Ackergrundstück „Im Pfaffental“: Etwa 1939 von Leopold Rosenthal aus Bergen-Enkheim zum Preis von 260 Mark an gekauft von Georg Weisenstein, Niedergasse10.

- Ein Grundstück „Im alten Dorf“, Flur 11, Parzelle 33. Der f: Früherer Besitzer hieß Stern, der jetziger Besitzer ist Fritz Eschmann, Alte Dorfstraße 3, der das Grundstück wird von diesem als Grabland genutzt.

- Ein  Acker „Am Griester Weg“, Flur 21, Flurstück 11, wird: Wird von Herrn Crass aus Fechenheim als Ackerland genutzt (also kein Kauf, nur stillschweigende Nutzung).

- Ein Grundstück „Hinter der Mühle“, Flur 5, Parzelle 145: Gehörte früher Moses Michels Sohn (siehe unten) und wird jetzt von Peter Hess als Grabstück genutzt.

Grundstück „Am Priesterrock“: Gehörte früher Sally Sichels Erben (wahrscheinlich aus Hochstadt) und wird jetzt von Philipp Mankel, Hochstadt, Lutherstraße, als Ackerland genutzt.

Acker „Am Dörnigheimer Weg“ gehörte früher dem : Früherer Eigentümer der Kaufmann Paul Turban, Jossa, und wird jetzt von der Witwe Heinrich Knaufs bewirtschaftet (teilweise Unland).

Wiese „In den fünf Morgen“:  Am  14.03.52 fragt die IRSO nach Interessenten für den Kauf ehemals jüdischer Grundstücke. Zum Beispiel geht es um diese Wiese, die Herrn Richard Hirsch (geboren 1909, in Bergen-Enkheim verheiratet) zurückerstattet wurde und die er jetzt verkaufen möchte. Die Gemeinde teilt den jetzigen Nutzer mit. So kauft auch Friedrich Rohrbach am 20.09.55 ein Grundstück von der IRSO (IRSO =  Jewish Restitution Successor Organization)

Die Grundstücke  „Am Espe“ und „Am Hallgarten“ gingen von Susanne Zirkel auf Rudolf Bauer und Anna geb. Desch über. Ob es sich hier um ehemals jüdisches Vermögen handelt, ist nicht bekannt.

 

Nach dem Krieg wird die Anfrage nach dem Grundbesitz von Wolf Kahn (nicht bekannt), Harry Stern (vielleicht Heinrich Stern, geboren 1883), Sofie Stern, Jakob Grünewald, Moses Michels Sohn und Siegfried Hess zurückgegeben, weil die Grundstücke wegen der alten Flurbezeichnungen nicht festgestellt werden könnten und auch die Namen der Eigentümer nicht bekannt sind. Doch der Name Grünewald kommt unter den Bischofsheimer Juden gleich zweimal vor (Berger Straße 7 und Schäfergasse 10), und als es um die Kiesgrube geht, weiß man ja auch, wer Jakob Grünewald ist.

Es handelt sich um Jacob Grünewald, Zwerchgasse 106 und Schäfergasse 25 (alte Nummern?).

 

Nazizeit:

Herbert Lippert sieht es als Zeichen der Duldsamkeit und Toleranz der Bischofsheimer Bürger ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber an, wenn er einen „humorigen Knittelvers“ zitiert, der vor 1933 entstanden ist:         Seelig ist der Mayer, wenn der Wolf

                                               im Grünewald den Hirsch verfolgt

                                               und der Goldschmidt im Blumenthal

                                                mit aller Kraft nach dem Stern sieht.

Zu Anfang des Jahres 1933 lebten 35 Juden in Bischofsheim (nach anderer Angabe 21). Viele erkannten die ihnen drohende Gefahr rechtzeitig und verließen Deutschland. Die meisten Juden meldeten sich in den Jahren 1935/36 nach Frankfurt ab. Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 gibt es in Bischofsheim sechs Juden, Viele erkannten die ihnen drohende Gefahr rechtzeitig und verließen Deutschland. In Bischofsheim wohnten am 1. Januar 1933 noch 21 Juden, am 1. September 1939 sind es fünf Juden.  Die meisten Juden meldeten sich in den Jahren 1935/36 nach Frankfurt ab.

 

Nach 1933 kam es durch die künstlich erzeugte und hoheitsrechtlich gesteuerte „Volkswut gegen das internationale Judentum“ in Bischofsheim zu keinen tätlichen Angriffen gegen die jüdischen Bürger, die fast alle den sozial schwachen Volkskreisen angehörten. Die Bischofsheimer Juden mußten freilich auch fort, ihre Anwesen wurden von Bischofsheimer Bürgern erworben, die Kaufpreise wurden auf ein Sperrkonto gezahlt.

Der Bürgermeister berichtet am 4. November 1937: Die wenigen in der hiesigen Gemeinde noch ansässigen Juden haben keinerlei Verbindung mehr zu der Bevölkerung. Der Handel mit Juden kann hier nicht mehr ausgeführt werden, da im Ort keine jüdischen Geschäfte vorhanden sind. Das Verhalten der Juden hat zu polizeilichem Einschreiten keine Veranlassung gegeben. Strafbare Handlungen durch Juden sind hier nicht vorgekommen.

Am 8. Dezember 1938 meldet der Bürgermeister dem Landrat, daß anläßlich der „Protestaktion gegen Juden“ in Bischofsheim keine Sachwerte sichergestellt werden mußten (vor allem ging es auch um Devisen und Kultusgegenstände), auch keine Führerscheine und Zulassungspapiere.

Im Jahre 1939 wird eine Liste der in der Gemeinde Bischofsheim wohnhaften Juden und der Juden gehörenden Wohnhäuser erstellt. Am 23. Januar 1939 meldet der Bürgermeister dem Landrat die arbeitsfähigen männlichen und weiblichen Juden über 16 Jahre: Berta und  Hugo Blumenthal (Niedergasse 3, heute Niedergasse 1) und Hilde Stern (Niedergasse 22).

Die nach 1933 vorerst noch im Ort verbliebenen Juden durften nur in bestimmten Geschäften einkaufen, andere Läden durften sie nicht betreten. Ab 23. September 1939  dürfen Juden nur noch in folgenden Geschäften einkaufen: Fleischwaren bei Fink (Zwerchgasse), Lebensmittel bei Lerch (Fechenheimer Weg 34), Backwaren bei Wörn (Hintergasse) und Friseur Mymfzek (Zwerchgasse). Bekleidung, Geschirr, Schuhe, Drogen und Elektroartikel gibt es nur in Geschäften in Hanau.

Der Bürgermeister überreicht dem Landrat am 26. September 1939 das bei der Aktion am 23. des Monats beschlagnahmte ein Rundfunkgerät eines Juden. Dabei handelt es sich wohl um den Rundfunkapparat Mende 156, den Herr „Israel“ Wolff abgeliefert hat (wohl einer der Brüder Wolff).

Für Fahrten nach außerhalb müssen die Juden ab Anfang 1941 eine polizeiliche Erlaubnis haben: Berta Blumenthal erhält von August bis Dezember 1941 achtmal die Erlaubnis, mit der Eisenbahn nach Frankfurt bzw. Hanau zu fahren. Für den 19. August 1908.42 erhält sie noch einmal die Erlaubnis, von 7 bis- 18 Uhr ihre Wohngemeinde Bischofsheim zu verlassen und mit der Bahn nach Frankfurt zu fahren (jedoch nicht mehr von 10-20 Uhr wie früher). Die Juden haben Kenn-Nummern, so hat zum Beispiel Berta Blumenthal die Nummer:  Kenn-Ort Hanau Nr. A 00027.

Anfang 1942 fordert man die Juden auf, Wollsachen für die Soldaten zu spenden. Die Sammlung bleibt aber in Bischofsheim  ohne Erfolg, da die Juden nicht über das Notwendigste für sich verfügen, wie der Bürgermeister meldet. Schließlich werden aber am 16. Januar 1942 von  Berta Blumenthal, doch ein schwarzer Damenmuff und drei Leibbinden abgegeben. Sally Katz, der Vertrauensmann für Hochstadt und Bischofsheim der Bezirksstelle Hessen-Nassau der Reichsvereinigung der Juden, quittiert den Empfang. Im April 1942 sollen die Juden wieder Woll- und Pelzsachen sowie Skier, Skischuhe und Bergschuhe im Zuge der Sammelaktion für die Ostfront abgeben.

Der Bürgermeister erstattet am 5. März 1942  Fehlanzeige auf die Anordnung der Gestapo, daß auch die in deutsch-jüdischen Mischehen lebenden Juden zu erfassen sind. Doch am 12. Januar 1944 beginnt man mit der Ermittlung der jüdischen „Mischlinge“. Am 19. Juli 1944 wird eine Übersicht über die „Juden-Mischlinge“ gemäß der Verfügung vom 07. Juli 1907.44 aufgestellt.

Am 23. März 1942 sind nur noch folgende „Volljuden“ in der Gemeinde Bischofsheim:

Berta Blumenthal (Niedergasse 3, heute Niedergasse 1) und die Brüder Max, Hermann und Ludwig Wolff (Niedergasse 22).

Beim zweiten Transport aus Hessen Anfang Juni 1942 wurden fünf Mitglieder der Familie Wolff deportiert: Die drei Brüder Hermann (29), Ludwig (36) und Max (21), außerdem Emma Wolff und Paul Wolff (29). Die Männer wurden in das „Arbeitslager“ in Lublin-Majdanek deportiert (südöstlich von Lodz) und sind dort den unmenschlichen Bedingungen zum Opfer gefallen. Emma Wolf wurde mit den anderen Frauen und Kindern des Transports nach Sobibor (östlich von Lublin) verbracht und dort ‑ bereits wenige Stunden nach dem Eintreffen des Zuges ‑ in den Gaskammern ermordet. Am 10. Juli 1942 ist bei der Gemeinde von „abgeschobenen Judenfamilien“ die Rede.

Berta Blumenthal  wird am 5. September 1942 mit dem dritten Transport nach Theresienstadt deportiert. Der Bürgermeister meldet dem Landrat am 11. September 1909.42, daß „am 5. September 1942 die hier noch anwesende Jüdin mit dem vorgesehenen Transport von hier abgereist ist“. Es handelt sich dabei um Berta Blumenthal. Der Bürgermeister stellt fest: „...und hat die Angelegenheit somit für hier ihren Abschluß gefunden“.

Beim zweiten Transport aus Hessen Anfang Juni 1942 wurden fünf Mitglieder der Familie Wolff deportiert: Die drei Brüder Hermann (29), Ludwig (36) und Max (21), außerdem Emma Wolff und Paul Wolff (29). Die Männer wurden in das „Arbeitslager“ nach Majdanek beim polnischen Lublin deportiert und sind dort den unmenschlichen Bedingungen zum Opfer gefallen. Emma Wolf wurde mit den anderen Frauen und Kindern des Transports nach Sobibor verbracht und dort ‑ bereits wenige Stunden nach dem Eintreffen des Zuges ‑ in den Gaskammern ermordet.

Berta Blumenthal  wurde am 5. September 1942 mit dem dritten Transport nach Theresienstadt deportiert. Am 10. Juli 1942 ist bei der Gemeinde von „abgeschobenen Judenfamilien“ die Rede.

 

Nach dem Krieg berichtet der Bürgermeister am 15. November 1946: „Es sind bis heute noch keine Juden zurückgekehrt. Über das weitere Schicksal der Juden ist hier nichts bekannt!“ Er macht bei den Grundstücken immer einen Unterschied, ob ein ordentlicher Kaufvertrag vorliegt oder ob jemand das Grundstück nur in Besitz genommen hat. Der Bürgermeister  und betont auch, daß für sämtliche Judenhäuser ordnungsmäßige Kaufverträge vorliegen. Bei den Gartengrundstücken muß man bedenken, daß Grabland für die Sicherung der Ernährung notwendig war. Es ist deshalb verständlich, wenn die Nachbarn das „herrenlose“ Land auch mit nutzten.

Der Bürgermeister muß immer auch den Wert des Grundstückes angeben und dabei nachprüfen, ob die gezahlten Preise dem Verkehrswert entsprachen oder man die Notlage der Juden ausnutzte. Der Wert scheint nach dem Krieg ziemlich niedrig angegeben zu sein (oft nur 30 oder 40 Pfennig für den Quadratmeter, für Bauland höchstens eine Mark). Die schlechte Qualität des Bodens oder der schlechte Zustand des Hauses wird unterstrichen. Hat man hier - den jetzigen Besitzern zuliebe - tiefgestapelt? Es wird aber auch immer wieder darauf hingewiesen, daß der Preis vom Ortsschätzer angegeben wurden.

Am 6. September 1948 wird vom Bürgermeisteramt eine Liste aufgestellt über die vor 1933 in Bischofsheim wohnhaften Juden. Dabei wird wieder bemerkt: „Über umgekommene Juden ist nichts amtlich bekannt geworden, von den verschleppten Juden sind keine zurückgekehrt!“

In der Liste wird auch angegeben, wer „ausgewandert“. Aber es ist nicht klar, ob sie tatsächlich ins Ausland ausgewandert sind. Als „ausgewandert“ werden aufgeführt die Familien Meyer (Schäfergasse 10/)  und Leopold  (Schäfergasse 10) sowie Richard Hirsch (Zwerchgasse 1).

 

Doch nur von Manfred Blumenthal (Niedergasse 3) und Emma und Rosa Stern (Obergasse 14) sind wirklich in die USA gelangt.        

 

Herbert Lippert schreibt: Einige der Bischofsheimer Juden sind in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches umgekommen, die meisten konnten sich retten und lebten in England, Amerika, Afrika und Australien. Einige haben ihre alte Heimat nach dem Kriege wieder einmal besucht, aber wieder niedergelassen hat sich niemand von ihnen. Doch nur Manfred Blumenthal (Niedergasse 1) und Emma und Rosa Stern (Obergasse 14) sind wirklich in die USA gelangt.

 

Seit dem 11. April 1949 fragt die Jewish Restitution Successor Organization (IRSO) an, was aus den Grundstücken der Juden geworden ist, darunter vielen Ackergrundstücken. Die Antwort der Gemeinde läßt bis Mai 1950 auf sich warten. Aber auch dann noch ist die Antwort ausweichend. Gefragt wurde Es wird aber jeder Fall sorgfältig geklärt. nach dem Grundbesitz von Wolf Kahn, Harry Stern, Sofie Stern, Jakob Grünewald, Moses Michels Sohn und Siegfried Hess. Aber angeblich können die Grundstücke wegen der alten Flurbezeichnungen nicht festgestellt werden und auch die Namen der Eigentümer sind angeblich nicht bekannt. Dabei hätte man das wissen müssen, denn der Name Grünewald kommt unter den Bischofsheimer Juden gleich zweimal vor (Berger Straße 7 und Schäfergasse 10), und als es um die Kiesgrube geht, weiß man ja auch, wer Jakob Grünewald ist.

Die Personen lassen sich ja noch heute noch identifizieren: Harry Stern ist Hermann Stern, Obergasse 8. Sofie Stern ist Sophie geborene Rosenthal, verheiratet mit Marcus Stern in Hochstadt. Jakob Grünewald ist verheiratet mit Bettchen Stern und wohnte Schäfergasse 10

Moses Michels Sohn ist der Metzger Moses Kaufmann, Schäfergasse 2. Nur zwei Personen lassen sich nicht mehr sicher identifizieren, vielleicht weil sie von außerhalb sind: Wolf Kahn könnte nach Dörnigheim gehören, Siegfried Hess nach Wachenbuchen. Aber zehn Jahre nach den Ereignissen hätte man bei gutem Willen sehr wohl noch die Eigentümer feststellen können.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges und der Wiederherstellung geordneter Verhältnisse sind von den Erwerbern jüdischen Eigentums weitere Zahlungen an die Überlebenden oder Erben der vertriebenen Juden geleistet worden.

Die Grundstücke gingen zunächst in den Besitz der IRSO. Diese verkauft sie aber Bischofsheimer Privatleute weiter. Am  14. März 1952 fragt die IRSO zum Beispiel nach Interessenten für den Kauf ehemals jüdischer Grundstücke. So kauft auch Friedrich Rohrbach am 20. September 1955 ein Grundstück von der IRSO. Die heutigen Besitzer haben also die Grundstücke rechtmäßig erworben.

 

Im Jahre 1995 stand ein Artikel im Tagesanzeiger über die Juden in Bischofsheim, in dem Herr Eschmann über die Juden in seiner Firma berichtet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die jüdische Gemeinde in Dörnigheim

 

 

Geschichte:

Der Hanauer Geschichtsschreiber Zimmermann veröffentlicht in sei­ner Chronik ein Verzeichnis der Familien sowie des Zugviehs in der Grafschaft Hanau im Jahre 1707. Danach gab es in Dörnigheim in diesem Jahre 55 Familien, darunter eine jüdische, 10 Pferde und 58 Ochsen.

 

Gesuche um Aufnahme als Ortsbürger stellen

1789  Jacob Simon, ältester Sohn des Schutzjuden Simon Hiskias (bis 1804)

(eventuell Jakob Grünbaum)

1796  Moses Jacob

 

1798  Abraham Simon Hiskias                                                  

 

1798  Moses Hertz aus Dörnigheim (gestorben 1825)                                                         

 

Im Gemeindearchiv gibt es eine Aufstellung der im Jahre 1811 in Dörnigheim ansässigen Juden. Es waren dies: Samuel Wolf, Moses Steigerwald („Steicherwald), Salomon Strauß, David Strauß, Moses Blum, Abraham Grünewald, Isaak Schönfeld („Schenkfeld“), Hesekiel („Hekiel“) Kahn, Isaak Kahn, Meyer Kahn und Keile Kahn. Die Zahl der Juden in Dörnigheim hat sich also seit 1707 stark vermehrt.

Wahrscheinlich kamen die meisten dieser Juden erst im Laufe der Franzosenzeit (1806 bis 1811) nach Dörnigheim. Damals begann man nämlich, den Juden gleiche Bürgerrechte zu geben wie den anderen Einwohnern. Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 gibt es in Dörnigheim noch sechs Juden.

 

Im Sterberegister der Synagogengemeinde Hochstadt unterschreibt im Juni 1837 der Schullehrer Gersfeld (der Lehrer wird aber wohl aus Dörnigheim sein, weil der Todesfall sich in Dörnigheim ereignete). Außerdem wird 1892noch erwähnt ein Lehrer Abraham Nußbaum

 

Die Juden in Dörnigheim wollen 1873 eine Trennung von Hochstadt. Seit Jahren findet bereits Gottesdienst in Dörnigheim statt. Doch das Gesuch der 13 Familien mit zwölf Unterschriften wird vom Vorsteheramt Hanau abgelehnt.

In Dörnigheim gab es im 19. Jahrhundert die jüdischen Familien Strauß, Heinemann, Hirsch, Sonneberg, Blum, Elkan, Mayer, Lehrer Nußbaum, Kahn und zweimal Steigerwald. Im 20. Jahrhundert gibt es nur zwei jüdische Familien, die Familien Kahn und die Familien Schönfeld.

 

 

Daraus und aus den Eintragungen in die Register ergeben sich folgende Amtszeiten für die Gemeindeältesten:

Hesekiel Kahn                    1841 bis 1848

Isaak Kahn II.                       1857 bis 1858

Heinrich Schönfeld                        1856 bis 1857.

 

Am 6. Dezember 1852 wird den Eheleuten Isaak Maier und Rosinas geborene Nußbaum eine Tochter geboren. Der Wohnort der Eltern ist unbekannt. Das Kind ist auf der Reise in Dörnigheim geboren worden. Auch am 3. Juli 1854 wird das Kind Zacharias Eismann auf der Reise in Dörnigheim geboren. Die Eltern sind aus Sierenberg in Holland.

 

 

Jüdische Familien in Dörnigheim:

 

Die Familie Kahn/ Stern:

Die Stammeltern der einen Familie Kahn sind der Handelsmann (Stoffhändler) Isaak Kahn und seine Frau Karolina Schwarzschild, die 1827 heiraten. Von den vier Kindern wird der Sohn Jacob Gastwirt (Alte Hausnummer 109). Er heiratet 1854 seine Frau Karolina aus Dietesheim. Sie haben fünf Kinder, von denen aber keins in Dörnigheim heiratet.

Die andere Familie Kahn stammt aus Bischofsheim und wohnt in der Schwanengasse 4: Der Handelsmann Jakob Kahn heiratet 1864 Nannchen Strauß aus Somborn. Von den sechs Kindern heiraten drei in Dörnigheim, darunter die Tochter Berthe, die 1899 den Metzger Joseph Stern aus Malsch (angeblich „Maltsch Amt Ellingen in Bayern“, gemeint ist aber wohl „Malsch“ im Amt Ettlingen).

Am 28. Juli 1933 hat der Bürgermeister noch keine Einwände gegen die Reise des Metzgermeisters Joseph Stern in die Schweiz (Bei jeder Ausstellung eines Reisepasses mußte der Bürgermeister eine Unbedenklichkeitsbescheinigung abgeben).

Im Jahre 1936 wurde der damals 63jährige Metzgermeister Josef Stern vom Hanauer Schöffengericht wegen „öffentlicher Beleidigung“ zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Der „beleidigten“ Frauenschaftsleiterin Erna Kahl wird zugestanden, „die Verurteilung auf Kosten des Angeklagten“ in einer Zeitung bekannt zu machen. Stern hatte sich am 17. Juli 1936 „vor dem Laden eines seiner Rasseangehörigen“ gegenüber der Frauenschaftsleiterin „deutlich vernehmbar unanständig aufgeführt“. Es half ihm nichts, daß er angab, er leide an krankhaften Blähungen (Salzmann).

 

Nach seiner Haftentlassung reist er in die Schweiz aus. Weil aber seiner Frau die Ausreise verweigert wird, kommt er zurück. In den Unterlagen des Stadtarchivs steht, die Metzgerei habe auch die Metzgerei Schönfeld in der Frankfurter Straße 27 beliefert. Herr Zehner, der damals mit im Haus wohnte, konnte allerdings nicht bestätigen, daß es eine Zusammenarbeit mit Metzger Schönfeld gab. Die Zusammenarbeit war wohl nicht generell, sondern erst durch die Schwierigkeiten in der Nazizeit bedingt.

Am 1. Juli 1937 wird das Haus einschließlich Metzgereimaschinen verkauft an den Metzgermeister Andreas Rau und seine Frau Frieda geborene Lapp zum Preis von 12.000 Mark. Eine Hypothek von 5.500 Mark wird dabei übernommen, 4.000 Mark wurden ausgezahlt, 2.500 Mark bleiben als Restkaufgeld stehen.

Die Eheleute ziehen 1938 nach Frankfurt in den Sandweg. Joseph Stern will sich aber auch dort noch etwas nützlich machen und betreibt einen Fischhandel. Er stirbt am 12. August 1942 in Dachau, angeblich an einer Herzattacke. Seine Frau stirbt am 5. März 1944 in Theresienstadt.

Der Sohn Ludwig Stern (geboren 1901) studiert in Frankfurt und ist Ringer bei „Eintracht Frankfurt“. Er ist verheiratet mit Bertha Stern. Der Sohn Wolfgang stirbt im Alter von 1 Jahr 9 Monaten. Sie haben noch eine Tochter Claire. Die Familie wandert im Februar 1934 nach den USA aus. Die Schiffspassage geschieht mit der „Albert Ballin“ von Bremerhaven nach New York. Die Tochter Claire ist eine verheiratete Dorogusker. Sie flieht im Alter von 4 Jahren mit der Familie nach New York und wohnt in Roslyn Heights, N.Y.

Die ältere Tochter Selma Stern heiratet den Viehhändler Joseph Strauß in Wachenbuchen.

Sie beziehen 1934 mit dem Sohn Lothar (später Larry) die leere Wohnung in der Schwanengasse 4. Die Eltern werden in Auschwitz ermordet, Lothar überlebt und geht nach dem Krieg nach Kalifornien.

 

 

 

Die Familie Schönfeld:

Die Familie Schönfeld in Dörnigheim hat keine verwandtschaftlichen Beziehungen mit den gleichnamigen Familien in Wachenbuchen und Hochstadt.

Der Stammvater der Schönfelds in Dörnigheim ist Isaak Schönfeld, der um 1790 geboren sein dürfte. Er heiratet vor 1812 Lea Kahn. Sie haben vier Kinder:

1. Simon Schönfeld, geboren 1812, Viehhändler, heiratet 1842 Hannchen Samuel aus Dietesheim.

2. Lehmann Schönfeld, geboren 1815, Metzger, heiratet 1846 Rebekka Goldschmidt aus Fechenheim.

3. Herz Schönfeld, Kaufmann, geboren 1816,  heiratet 1853 in Wilhelmsbad Babette (Berle) aus Leun bei Wetzlar. Sie haben fünf Kinder, von denen die Tochter Lenchen, geboren  am 1.  April 1854, im Jahre 1884 den Kaufmann Siegmund Gumbertz aus Holten (Nordrhein-Westfalen) heiratet.

4. Heinrich Schönfeld, geboren 1820, Metzger, heiratet 1848 Karoline Buchsbaum aus Gettenbach (Kreis Büdingen). Sie haben neun Kinder, von denen zwei heiraten:

-  Feist (Ferdinand) Schönfeld, Metzger, geboren 1858, heiratet  Röschen Oppenheimer aus Goldbach (Kreis Aschaffenburg). Deren Sohn ist der Metzger Heinrich Schönfeld, verheiratet mit Rosel Stern. Dieser wiederum hat den Sohn Freddy Schönfeld, jetzt Mineola, N.Y. (Henry F. Schönfeld aus Nürnberg, jetzt Baltimore, ist dessen Cousin). Die Familie flieht am 22.10.1938  über England nach den USA. Freddy Schönfeld kam als Soldat der amerikanischen Streitkräfte nach Goldbach und Dörnigheim und besuchte 1997 und danach noch mehrfach die Stadt Maintal und ist 2006 gestorben.

- Moses (Moritz) Schönfeld, geboren 1866, heiratet 1894 Gustel (Auguste) Selig aus Bischofsheim (Kreis Groß-Gerau). Die Eheleute wohnen in der Frankfurter Straße 27 (damals Nummer 29). Der Sabbath wurde von der Familie streng eingehalten. Ihr Glaube äußerte sich bei den Schönfelds auch nach außen hin: Für arme und kranke Dörnigheimer hatte Mutter Schönfeld immer einen Topf mit Fleischbrühe parat.

Der Metzger hatte links neben dem Wohnhaus noch einen kleinen Laden und dahinter das Schlachthaus. Er schächtete aber nicht selbst, sondern der Schächter kam von außerhalb.

Der Metzgerladen wurde zunächst von Metzger Stern (Schwanengasse 4) beliefert, wurde aber seit 1937 nicht mehr betrieben.

Moritz und Auguste Schönfeld sterben in den Jahren 1935 und 1936. Der Grabstein ist auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten. Ihre Tochter Lina, geboren 9. September 1896, heiratet 1926 den Kaufmann Siegfried Marx, geboren 1897 in Reichelsheim im Odenwald. Siegfried Marx hatte einen Paßantrag gestellt, daraufhin verfügte das Finanzamt am 18. Januar 1938 die Einziehung des Reisepasses.

Das Haus muß im Juli 1938 zu einem billigen Preis verkauft werden, ein Gartengrundstück mußte um 25 Prozent unter dem Wert verkauft werden. Das Haus wird gekauft von den Eheleuten Friseur Heinrich Weyrauch und Margarete geborene Haberer zum Preis von 10.000 Mark. Der Einheitswert beläuft sich auf 4.100 Mark. Der Wert wird auf  9.100 Mark geschätzt (Metzgerei-Einrichtung 200 Mark). Es bestehen Belastungen in Form einer I. Hypothek bei der Spar- und Darlehenskasse in Dörnigheim in Höhe von 6.680 Mark einschließlich 500 Mark Unkosten, die von den Käufern mit übernommen werden. Der Vertrag ist im April 1938 aber noch nicht genehmigt.

Die Eheleute Marx wandern am 3. August 1938 nach Amerika aus. Die Schiffspassage erfolgt von Amsterdam aus auf der „New Amsterdam“. Lina Marx  stirbt am 9. Dezember 1975. Die Tochter Doris heiratet Ludwig (Louis) Stein, sie wohnen in Brooklyn, N.Y.  Deren Tochter ist Renée verheiratete Goetz in Teaneck, N.Y., und ihre Nichte ist Sandy Marks in Seattle.

Am 28. April 1967 besuchen Louis Stein und seine Frau Lina geborene Marx aus Brooklyn den jüdischen Friedhof in Hanau, wie aus dem dortigen Besucherbuch ersichtlich ist. Sie besuchen die Gräber von Moritz und Auguste Schönfeld. Zu den Besuchern im Jahre 1997 in Maintal gehört Doris Stein geborene Marx, die Frau von Louis Stein.

 

Der Sohn des Herz Schönfeld, des dritten Kindes des Stammvaters, ist Isaak Schönfeld, Schnittwarenhändler (Textilhandel). Er ist geboren am 13. Februar 1861 und heiratet am 30. September 1885 Gitel (genannt „Karoline“) Steigerwald, geboren am 15. Dezember 1865. Deren Vater ist der Handelsmann Herz Steigerwald, Sohn des David Steigerwald aus Dörnigheim, der 1864 Jette Freimark aus Homberg bei Schweinfurt geheiratet hat.

Isaak Schönfeld war 1882 Mitbegründer der Turngemeinde Dörnig­heim. Wenige Monate vor der Machtüber­tragung an die NSDAP 1933 wurde er noch von seinen Vereinskameraden beim 50jährigen Jubiläum gefeiert, Mitte der dreißiger Jahre ging man ihm dagegen aus dem Weg und gab vor, ihn nicht mehr zu ken­nen. Karoline Schönfeld stirbt 1934 in Dörnigheim, Isaak Schönfeld zieht am 31. Juli 1940 nach Frankfurt und stirbt am 27. April 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt.

 

Kinder:

(1.) Bertha, geboren 1886, überlebte in einem Versteck auf einem Trümmergrundstück in Köln, verheiratete mit dem Bildhauer Jakob Wilhelm Beck gestorben 1964 in Köln-Kalk

(2.) Rosa, geboren 1887, nach einer Kinderlähmung gehbehindert. Sie lebte in der Verfolgungszeit zunächst in Hanau und wurde seit Januar 1945 in Ravolzhausen von einer kommunistischen Familie versteckt. Verheiratet war sie seit 1911 mit dem Elektromeister Friedrich (Fritz) Knieling, der im Zusammenhang mit der Heirat zum Judentum übertrat und der 1924 in Dörnigheim gestorben ist. Sie starb 1975 in Hanau. Die Tochter Irma, geboren 1912, verheiratet seit 1932 mit dem Ingenieur Ernst Schwulera, geboren 1902 in Lütgendortmund.  Ihr Mann ist christlich. Sie wohnt in Garbsen bei Hannover. Die Tochter Ingrid, verheiratet mit Peter Wettberg (mit Ralph, Gregor und Nina) wohnt in 30826 Garbsen, Königsberger Straße 4 und ist Leiterin der jüdischen Gemeinde in Hannover.

(3.) Lina („Lilly“), geboren 1890, wohnt mit im Haus Frankfurter Straße 9. Sie verzieht am 31. Juli 1940 nach Frankfurt und ist 1942 in einem Konzentrationslager umgekommen.

(4.) Klara, geboren 1892 und bald darauf gestorben

(5.) Johanna („Hanna“), geboren 1894, verheiratet mit Johannes Marinus Wilhelmus Brouwer, einem Niederländer, der in Köln lebte und 1939 dort gestorben ist. Sie selber wurde nach dem Tod ihres Mannes in ein Lager verschleppt und nach 1945 für tot erklärt.

(6.) Pauline („Paula“), geboren 1898, verheiratet mit dem Kaufmann Gustav Hofmann aus Dietesheim (katholisch) und wohnte auch dort. Sie wurde am 5. Dezember 1943 in Auschwitz umgebracht (laut Angabe des Sonderstandesamtes Arolsen und der Sterbeurkunde des Standesamtes Auschwitz II vom 10. Febraur.1944 -  der einzige Fall im Bereich Maintal, daß eine Sterbeurkunde eines Standesamtes vorliegt). Tochter Hildegard Johanna, geboren 1922,

(7.) Hermann Schönfeld, geboren 24.10.1900 in Dörnigheim, im Jahre 1926 und 1939 Techniker, später Kaufmann, heiratet am 4. April 1929 in Altenstadt Rosi Schuster. Hermann Schönfeld wird im November 1938 für sechs Wochen ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Die Familie zieht am 31. Juli 1940 nach Frankfurt, Schützenbrunnen 13. Beide Eheleute sind in einem Konzentrationslager umgekommen. Zu Rosi Schönfeld ist an der Gedenkmauer am Börneplatz in Frankfurt ein falsches Geburtsjahr vermerkt (1896). Sie wurde am 3 Oktober 1906 in Altenstadt geboren.

 

Kinder:

  • Horst, geboren 17.01.1930 Als Geburtsort wird immer Dörnigheim angegeben, aber auf dem Standesamt gibt es keine Geburtsurkunde. Er ist in Wirklichkeit in Hanau geboren (Nr. 39/1930). Auch laut Randvermerk im Heiratsregister Altenstadt ist das erste Kind in Hanau geboren. Auch das Standesamt Hanau hat den Geburtsort mündlich bestätigt. Ermordet wurde er laut Sterbeurkunde am 22. November 1941 in einem Konzentrationslager, in Wirklichkeit aber am 25. November.
  • Gerhard Jakob, geboren am 11. Juli 1931, ermordet laut Sterbeurkunde am 1. Dezember.1941 in einem Konzentrationslager, in Wirklichkeit aber am 25. November.
  • Lothar, geboren  am 29. Juni 1932, gestorben am 3. Januar 1933 in Dörnigheim.

 

Das 1888 erbaute Wohnhaus Frankfurter Straße 9 mit Laden und Hofraum (heute Neubau) gehört 1938 dem Kaufmann Isaak Schönfeld und seiner Frau Karoline geborene Steigerwald. Das Geschäft bestand aus einer Schneiderei mit einigen Angestellten und einem Verkauf von Textilien. Isaak Schönfeld war ein angesehener Geschäftsmann. Für den Familien‑Betrieb liefen die Geschäfte bis 1933 relativ gut. Aber dann mußte man sich dem öffentlichen Druck der Nazis mehr und mehr beugen, auch und vor allem durch die nationalso­zialistische Verwaltung in Dörnigheim.

Der Geschäftsumsatz sank von 7800 Reichsmark vor 1933 auf ge­rade einmal 360 Reichsmark im Jahre 1935. Hinzu kamen noch die schier willkürlich erhobenen Steuern, mit denen die Schön­felds mehr und mehr unter Druck gerieten. „Gnädigerweise“ wurde ihnen allerdings angeboten, zur Tilgung der Schulden eige­nen Besitz herzugeben: Der Bürgermeis­ter teilt mit, daß der Jude Isaak Schönfeld einen Steuerrückstand von 900 Reichsmark hat und daß es nur möglich ist, den Steuerrück­stand hereinzubekommen, wenn Schönfeld der Gemeinde ein Grundstück übereig­net. Ein „Ange­bot“ der damaligen Verwaltung ist in dem Schreiben an Isaak Schönfeld auch beige­fügt, genauer gesagt der Verkaufsvor­schlag für „einen Acker seitlich der Bahn­hofstraße“.

 

 

Die Gebäudefläche (mit einem Hausgarten) in Größe von  4,59 Ar hat einen Wert von 12.099 Mark und hat folgende Belastungen:

  I.  Hypothek bei der Landesrenterei Hanau                                                   4.778 Mark

 II.  Hypothek bei der Landesleihbank Hanau                                                 4.952 Mark

III.  Hypothek bei Rosi Schönfeld geborene Schuster (Schwiegertochter)            4.000 Mark

Der Gewerbebetrieb ist im April 1938 schon längere Zeit fast gänzlich eingestellt. Die darauf beruhenden Schulden sind mindestens so hoch wie die Forderungen, die außerdem größtenteils uneinbringlich sind und deshalb nicht bewertet werden konnten.

Dem Ehepaar gehörten auch die unbebauten Grundstücke:

Kartenblatt 10                      Parzelle 205               2,94 a  Garten in den Pflanzenländern

Kartenblatt 27                      Parzelle 88               10,00 a  Wiese vor Dietesheim

Kartenblatt 19                      Parzelle 47               32,23 a  (Nicht im Vertrag vom 22.5.1939)

Kartenblatt 19                      Parzelle 48                 5,31 a  (Nicht im Vertrag vom 22.5.1939)

 

Diese 0,5038 Hektar mit einem Einheitswert von 12.600 Mark übernimmt am 22. Mai 1939 die Gemeinde Dörnigheim zum Kaufpreis von 12.072,30 Mark. Sie stellt aber auch Hypotheken, Gemeindesteuer und Verkoppelungsgebühren in Höhe von 11.904,81 Mark in Rechnung. Sie greift also selber zu und zahlt so gut wie gar nichts mehr in bar aus.

Der Gewerbebetrieb ist im April 1938 fast eingestellt. Im Jahre 1939 müssen die Schönfelds ihr Haus verkaufen.

Isaak Schönfeld verkauft Haus und Garten am  21. Februar 1939 an den Postschaffner Friedrich Weiß VI. und seine Frau Margarete geborene Heinrichs in Fechenheim zum Preis von 9.570 Mark. Der Kaufvertrag wird jedoch vom Regierungspräsidenten in Kassel nicht genehmigt, „da das Anwesen zu öffentlichen Zwecken benötigt wird“.

Daraufhin wird das Grundvermögen am 22. Mai 1939 von der Familie Schönfeld an die Gemeinde Dörnigheim. Der Wert des Hauses wird mit 9.570 Mark angesetzt (wie in dem vorherigen Kaufvertrag), der Wert der Parzellen 205 und 88 mit 748 Mark. Dem Gesamtpreis von 10.318 Mark stehen gegenüber:

Darlehenshypothek Landeskreditkasse Kassel:

5.000 Mark (Restschuld  4.672,73 Mark)

Zweimal Grundschuld Landesleihbank Hanau :

10.000 Mark (Restschuld  5.630 Mark),

für die auch noch die restlichen unbebauten Grundstücke der Verkäufer haften.

Die Gemeinde löst die Ansprüche der beiden Gläubigerinnen ab, bezahlt also 10.302,73 Mark und wird dadurch Gläubigerin der Forderungen. Diese rechnet sie gegen den Kaufpreis von 10.318 Mark auf, so daß noch 15,27 Mark Restkaufgeld verbleiben, die an die Familie ausgezahlt werden sollen. Diese muß aber auch noch einen Teil der Kosten für die Löschungsbewilligung tragen. Die Landeskreditkasse nimmt den Zwangsversteigerungsantrag zurück. Der
Einheitswert des Hausgrundstücks beträgt 12.600 Mark (das wird sicher für die Festsetzung der Höhe der Gebühren so festgehalten), das Haus wurde also noch unter dem Einheitswert verkauft..

Am 14.10.1950 stellen Frau Rosa Knieling und Frau Berta Beck, Die Töchter Isaak Schönfelds, einen Antrag auf Rückerstattung. Der Bürgermeister stellt sich jedoch auf den „Rechtsstandpunkt“ und antwortet am 21.11.1950: Aus dem damaligen Kaufgeschäft sind nur 139,39 Mark geblieben, weil dem Kaufpreis Verbindlichkeiten in Höhe von 12.045,72 Mark gegenüber standen. Er führt jetzt auch Steuern in Höhe von 1.267,66 Mark auf, Verkopplungsgebühren 261,25 Mark, Löschungskosten 140,91 Mark und eine Resthypothek der Firma Dreyer und Grupen in Höhe von 73,17 Mark.

Man muß dabei aber bedenken: Natürlich hat die Familie Hypotheken aufnehmen müssen, weil man ihr Geschäft boykottierte. Das eigentliche Unrecht lag also schon sehr viel früher. Nachher lief alles mit deutscher Gründlichkeit „nach Recht und Gesetz“ ab. Im Grunde war es für die Gemeinde Dörnigheim noch ein Verlustgeschäft, will der Bürgermeister sagen. Aber man fragt sich natürlich, wie er zum Bespiel auf einen so hohen Steuerbetrag gekommen ist,

wo doch der Steuermeßbetrag für die Stückländereien in Größe von 0,55 Hektar im Jahre 1937 nur 3,84 Mark betrug und im Jahr 1938 der Steuermeßbetrag  für das Haus auf 126 Mark festgelegt wird (Einheitswert 12.600 Mark)  Das Geschäft brachte doch auch kein Einkommen mehr.

 

Mit im Haus wohnt die ledige Kontoristin Lilli Schönfeld, geboren 16.05.1890, Schwester Hermann Schönfelds. Sie hat offenbar ein Rentenrecht an dem Haus. Der Wert der einjährigen Nutzung beträgt 1.063,20 Mark. Das Recht erlischt mit dem Tode. Darüber hinaus hat sie eine monatliche Rente von 788,60 Mark aus der Angestelltenversicherung.

 

Während einige Familien früh genug noch die Flucht ins Ausland antreten konnten, weigerte sich die Familie Schönfeld, Dörnigheim zu verlassen, zumal die Angehörigen noch wenige Jahre zuvor recht angesehene Menschen waren. Der Vater Hermann Schönfeld wird im Zuge der Reichspogromnacht am 9. November erstmals 1938 inhaftiert. Wegen seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg wird er wenig später aber wieder freigelassen. Eine Flucht aus Deutschland scheint danach aber unumgänglich geworden zu sein. Ziel waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Doch die Dörnigheimer Verwaltung unter Bürgermeister Gustav Pahl bekommt Wind von diesem Vorhaben, die Ausreise scheitert.

Im Jahre 1939 müssen die Schönfelds ihr Haus verkaufen. Aber auch als Mieter werden sie in dem Gebäude ebenfalls nicht mehr länger geduldet, so daß sie nach Frankfurt ausweichen. Isaak Schönfeld, seine Tochter Lilli und die Familie seines Sohnes Hermann beziehen am 31. Juli 1940 eine Wohnung „Im Schützenbrunnen 13“, am heutigen Frankfurter „Alfred‑Brehm‑ Platz“.  Nach Beendigung des Umzuges nach Frankfurt verabschiedet sich der kleine Gerhard Schönfeld von seiner Cousine Irma mit den Worten: „Ich komme wieder!“ Er ist fest von diesem Ziel überzeugt und führt eine Landkarte mit, damit er auch ja den Weg wieder finden kann. Nach Beendigung des Umzuges nach Frankfurt verabschiedet sich der kleine Gerhard Schönfeld von seiner Cousine Irma mit den Worten: „Ich komme wieder!“ Er ist fest von diesem Ziel überzeugt und führt eine Landkarte mit, damit er auch ja den Weg wieder finden kann.

Der Hanauer Anzeiger schreibt am  9. August 1940: „Die Gemeinde judenfrei! Die hiesige Gemeinde ist jetzt endlich judenfrei geworden, nachdem nunmehr aus der letzte hier ansässig gewesene Jude seinen Auszug gehalten. Das in seinem Besitz befindliche Anwesen ist in das Eigentum der Gemeinde übergegangen.“

Am 11. November 1941 erfolgt eine Deportation vor allem des Mittelstands mit dem Ziel Minsk, wo manche der Verschleppten noch eine Reihe von Jahren im Ghetto leben. Bei der Deportation am 22. November 1941 ist auch die Familie Schönfeld aus Dörnigheim dabei.

An einer Stelle wird angegeben, die Verschleppung der Kinder  sei schon im September gewesen und es wäre eine Einzelaktion gewesen, die nicht von Berlin gedeckt war. Aber Frau Knieling und Frau Schwulera erzählen übereinstimmend, daß die Familie gemeinsam nach dem Osten verschleppt wurde.

Als Ziel des Transports wird Riga angegeben. In den Hausstandsbüchern von Dörnigheim wird die Familie aber am 21. November 1941 abgemeldet nach Kowno (Kaunas ). Die fünf Züge wurden auch nach Kaunas in Litauen gebracht. Dort wurden die Juden durch die Stadt getrieben, am Ghetto vorbei zum berüchtigten Fort IX auf einem Hügel im Südosten der Stadt. Dort werden die aus mehreren Städten eingetroffenen Juden - unter anderem aus Frankfurt Berlin, München, Wien und Brünn -  in diesen Festungsanlagen zwei oder drei Tage später vor den längst ausgehobenen Gräben erschossen:

Der Transport mit den neun und elf Jahre alten Brüdern Schönfeld wurde am 25. November 1941 beim „Frühsport“ vor den längst ausgehobenen Gräben erschossen.  In den Sterbeurkunden wurden der 22. November und der 1. Dezember als Todestag angegeben. Nach zwei Jahren werden die Gräber wieder von Gefangenen geöffnet. Sie brachten Kofferanhänger und ähnliches als Beweisstück ins Ghetto mit. Die Leichen werden dann verbrannt. um die Greueltaten zu vertuschen. Ein SS‑Standartenführer Jäger notiert bis zum 1. Dezember desselben Jahres insgesamt 137.346 auf diese Weise „durchgeführte Exekutionen“. Die Opfer werden in Massengräbern verscharrt.

Am 4. Juli 1947 wurde Isaak Schönfeld für tot erklärt, weil er nach einer Bescheinigung der jüdischen Betreuungsstelle am 27. April 1943 in Theresienstadt verstorben ist. Hermann und Gerhard Schönfeld werden auf Beschluß des Amtsgerichtes Frankfurt am 18. November 1947 für tot erklärt. Grundlage dafür ist eine Bescheinigung der jüdischen Betreuungsstelle Frankfurt vom 29. Januar 1947, daß sie am 22. November 1941 nach dem Osten verschleppt wurden und nicht zurückgekehrt sind. Als Zeitpunkt des Todes wird der 1.Dezember 1941 festgesetzt  Lina Schönfeld (genannt „Lilly“) und Horst Schönfeld wurden am 10. Dezember 1947 für tot erklärt.

Wie schwer und unübersichtlich Aufarbeitung und Sortierung der Geschehnisse der NS‑Zeit sind, drückt sich in einer Multimedia‑Dokumentation im Frankfurter Museum Judengasse aus.  Hier sind alle Namen von zu ermittelnden verschleppten Juden erfaßt. Horst Schönfeld ist als Einziger seiner Familie in der Datei nicht zu finden. Vom Geburtsdatum her übereinstimmend treffen die Daten aber auf einen als „Horst Schöfeld“ aufgeführten Jungen zu, also bloß ohne „n“ im Nachnamen. Ein Personenhinweis lautet jedenfalls: „vermutlich überlebte er den Holocaust“, worauf auch immer sich diese Vermutung begründet. Auch auf den Gedenksteinen am Friedhof am Börneplatz ist der Name falsch geschrieben, außerdem sind Geburtsdaten und  Sterbeort falsch.

 

Am 14. Oktober 1950 stellen Frau Rosa Knieling und Frau Berta Beck, die Töchter Isaak Schönfelds, einen Antrag auf Rückerstattung. Der Bürgermeister stellt sich jedoch auf den „Rechtsstandpunkt“ und antwortete am 21. November 1950: Aus dem damaligen Kaufgeschäft sind nur 139,39 Mark geblieben, weil dem Kaufpreis Verbindlichkeiten in Höhe von 12.045,72 Mark gegenüber standen (Steuern 1.267,66 Mark auf, Verkopplungsgebühren 261,25 Mark, Löschungskosten 140,91 Mark und eine Hypothek von 73,17 Mark.

Man muß dabei aber bedenken: Natürlich hat die Familie Hypotheken aufnehmen müssen, weil man ihr Geschäft boykottierte. Das eigentliche Unrecht lag also schon sehr viel früher. Nachher lief alles mit deutscher Gründlichkeit „nach Recht und Gesetz“ ab. Der Bürgermeister will sagen. Im Grunde war es für die Gemeinde Dörnigheim noch ein Verlustgeschäft. Aber man fragt sich natürlich, wie er zum Bespiel auf einen so hohen Steuerbetrag gekommen ist, wo doch der Steuermeßbetrag für die Stückländereien im Jahre 1937 nur 3,84 Mark betrug und im Jahr 1938 der Steuermeßbetrag  für das Haus auf 126 Mark festgelegt wird. Das Geschäft brachte doch auch kein Einkommen mehr.

 

 

 

 

 

 

 

Brüder Schönfeld   (noch einmal eine Zusammenfassung)

Isaak Schönfeld heiratet 1865 Karoline (Gitel) Steigerwald. Ihr  Sohn Hermann heiratet 1929 in Altenstadt Rosi Schuster. Sie sind die Eltern der „Brüder Schönfeld“.

Die Brüder Horst und Gerhard, Letzterer meist nur „Gerd“ gerufen, leben zusam­men mit ihrer Familie in der Frankfurter Straße 9 (damals Nummer 11). Horst wird am 17. Januar 1930  geboren, am 11. Juli 1931 auch sein Bruder Gerhard. In ihrem Haus in der Frankfurter Straße wohnten sie zusammen mit Großva­ter Isaak (die Großmutter war 1934 gestorben) sowie der Tante Lili (Lina), der Schwes­ter des Vaters.

Unterschlupf erhofft sich die jüdische Dörnigheimer Familie in der Großstadt Frankfurt. Sie be­ziehen am 31. Juli 1940 eine Wohnung „Im Schützenbrunnen 13“, am heutigen Frank­furter „Alfred‑Brehm‑Platz“. Nach Beendi­gung des Umzuges, verabschiedet sich der kleine Gerhard Schönfeld von seiner Cou­sine Irma mit den Worten: „Ich komme wieder!“ Er ist fest von diesem Ziel überzeugt und führt eine Landkarte mit, damit er auch ja den Weg wiederfinden kann. Eine Zeitung verkündet wenige Tage nach der Schönfeld‑Flucht, Dörnigheim sei „endlich judenfrei“.

Die Familie Schönfeld versucht - in ständiger Angst lebend - vor den National­sozialisten unterzutauchen. Doch das Ver­steck fliegt auf. In Frankfurt gab es schon im Oktober und No­vember 1941 Deportationen, von denen insgesamt 992 Per­sonen aus Frankfurt betroffen sind.

 

Die Endstation der langen Reise ist schließlich das berüchtigte „Fort IX“ auf einem Hügel im Südosten der Stadt. Die aus mehreren Städten dort eingetroffenen Juden, unter anderem aus Frankfurt Ber­lin, München, Wien und Brünn, werden in diesen Festungsanlagen nacheinander er­schossen. Der Transport mit den neun und elf Jahre alten Brüdern Schönfeld wird am 25. No­vember 1941 „beim Frühsport“ erschossen.  In den Sterbeurkunden werden der 22. November und der 1. Dezember angegeben, das ist aber historisch nicht korrekt.

Die Verschleppung der Brüder Schönfeld erfolgte zusammen mit ihren Eltern am 22. November 1941. Es wird auch an einer Stelle angegeben, die Verschleppung der Kinder  sei schon im September gewesen und es wäre eine Einzelaktion gewesen, die nicht von Berlin gedeckt war. Aber Frau Knieling und Frau Schwulera erzählen übereinstimmend, daß die Familie gemeinsam nach dem Osten verschleppt wurde.

Als Ziel ist in den Zügen „vo­raussichtlich nach Riga“ angegeben. Aber in den Haus­stands­büchern von Dörnigheim wird am 21. November 1941 die Familie „abgemeldet nach Kowno“ (Kaunas). Die fünf Züge werden auch nach Kaunas in Litauen gebracht. Dort werden die Juden durch die Stadt getrieben, am Ghetto vorbei zum Fort 9. Dort werden sie zwei oder drei Tage später beim „Frühsport“ vor den längst ausgehobenen Gräben erschossen: Am 25. November werden die „Umsiedler“ aus Frankfurt, Berlin und München erschossen. Nach zwei Jahren werden die Gräber wieder von Gefangenen geöffnet. Sie bringen Kofferanhänger und ähnliches als Beweisstück ins Ghetto mit. Die Leichen werden dann verbrannt.

Ein SS‑Standartenführer Jäger notiert bis zum 1. Dezember desselben Jahres insge­samt 137.346 auf diese Weise „durchgeführte Exekutionen“. Die Opfer werden in Massen­gräbern verscharrt. Am 30. November ver­ordnet Heinrich Himmler, Chef der SS und der Geheimen Staatspolizei, den Stopp der Erschießungen ‑ zu spät für die Getöte­ten aus Dörnigheim. Ein Jahr später wur­den die Leichen auf Befehl der Deutschen von jüdischen Gefangenen wieder ausge­graben und verbrannt, um die Greueltaten zu vertuschen.

 

Unter den Gedenksteinen am Frankfur­ter Friedhof am Börneplatz befindet sich neben den Brüdern Schönfeld auch der Name von Anne Frank wieder. Die Geburts­daten sowie Angaben über den Ort der Ermordung zu Horst Schöfeld (so geschrieben) und Gerhard Schönfeld sind allerdings nicht ganz richtig.                 

Wie schwer und unübersichtlich Aufarbei­tung und Sortierung der Geschehnisse der NS‑Zeit sind, drückt sich in einer Multime­dia‑Dokumentation im Frankfurter Jüdi­schen Museum, Kurt‑Schumacher‑Straße 10, aus. Hier sind alle Namen von zu ermit­telnden verschleppten Juden erfaßt. Horst Schönfeld ist als Einziger seiner Familie in der Datei nicht zu finden, vom Geburtsda­tum her übereinstimmend treffen die Da­ten aber auf einen als „Horst Schöfeld“ aufgeführten Jungen zu, also bloß ohne „n“ im Nachnamen. Ob es sich um einen der beiden Brüder Schönfeld handelt, ist nicht genau zu erfahren. Ein Personenhin­weis lautet jedenfalls: „vermutlich überlebte er den Holocaust“, worauf auch immer sich diese Vermutung begründet.

 

 

Brüder-Schönfeld-Haus und Forum:

Im Jahr 1995 stellten die Fraktionen von SPD und Grünen im Maintaler Stadtparlament den Antrag, den Platz vor dem „Frankfurter Hof“, in „Gebrüder­-Schönfeld‑Platz“ umzubenennen.

Weil der Antrag jedoch von „Rot-Grün“ kam, lehnten CDU und Freie Maintaler ihn ab. Irma Schwulera, die Cousine der beiden Brüder, die sich in Hanau erfolgreich versteckte, schaltete sich im Januar 1996 ein und forderte, „Mahnung und Erinnerung nicht verschämt in der Schub­lade oder einer Friedhofecke statt­finden zu lassen, sondern öffentlich zum Nachdenken anzuregen und somit einen Beitrag für ein friedlicheres, zukünftiges Miteinander zu leisten“ ‑ vergeblich.

Man führte an, daß dann Änderungen bei Hausnummern nötig seien (obwohl man eine Freifläche auch umbenennen kann, ohne die Hausnummern zu ändern) und daß Feuerwehr und Krankenwa­gen von der Umbenennung verwirrt wer­den könnten.

Als Zeichen des Protes­tes rief  „Rot‑Grün“ eigenmächtig am Sonn­tag, 19. November 1995

den „Gebrüder‑Schön­feld‑Platz“ aus. Der damalige Maintaler SPD‑Chef Alexander Kühn verdeutlichte an diesem Tag gegenüber dem Tagesanzei­ger, man wolle „der furchtbaren Geschich­te dort gedenken, wo sie geschah“. Die an­gebrachten Schilder mußten jedoch wie­der entfernt werden.

Wenige Tage darauf wurde das „Atriumgebäude“ der ehemali­gen Dietrich‑Bonhoeffer‑Schule vom Kreis abgekauft. Auf Vorschlag der CDU wurde dieses Atriumgebäude der früheren Bonhoeffer-Schule in „Brüder-Schönfeld-Haus“ umbenannt. Das war eine sehr gute Alternative: Wo sich auch heute noch Kinder und Jugendliche treffen, ist ein guter Ort des Gedenkens an zwei Kinder. Und weil dort häufig Veranstaltungen stattfinden, wird der Name auch oft genannt und ist im Bewußtsein der Bevölkerung.

Im Gebäude selbst erinnert eine Gedenktafel an Horst und Gerhard Schönfeld. Der Text der Tafel lautet: „Brüder-Schönfeld-Haus. Die beiden Brüder Horst und Gerhard Schönfeld wurden im Jahre 1941 im Alter von 11 und 9 Jahren von den Nationalsozialisten ermordet, weil sie Juden waren. Mit diesem Haus soll ihrer und aller anderen Oper gedacht werden, die aus Dörnigheim und anderen Orten fliehen mußten und ermordet wurden. Die Erinnerung soll uns mahnen, daß sich so etwas niemals wiederholen darf“

 

Aus dem Anlaß der Namensgebung besuchen frühere jüdische Einwohner im Jahre 1997 die Stadt Maintal und sind auch bei der Enthüllung der Gedenktafel dabei und sprachen gemeinsam das jüdische Totengebet. Danach sagt Frau Schwulera: „Gerhard hatte doch recht. Er ist wiedergekommen. Nur auf eine andere Weise!“

Unter den Gästen sind Irma Schwulera, Tochter von Rosa Knieling, Cousine der Brüder Schönfeld, mit ihrer Tochter Ingrid Wettberg aus Garbsen bei Hannover und deren Kinder Gregor und Ralph. Weitere Gäste sind Fred Schönfeld aus Goldbach, jetzt Mineola, N.Y. und sein Cousin Henry F. Schönfeld aus Nürnberg, jetzt Baltimore.  Fred Schönfeld hat seit 1997 mehrfach die Stadt Maintal besucht und ist im Jahre 2006 gestorben. Teilnehmer an dem Besuchsprogramm der Stadt im Jahre 1997 ist auch Doris Stein geborene Marx, die Frau von Louis Stein.

 

Heute wird das Brüder-Schönfeld-Haus von folgenden Gruppen und Einrichtungen genutzt: Kinderclub „Boni’s Treff“, Westendbüro, Akfasa - das etwas andere Café, Jugendtreff, Jugendamt - Soziale Dienste, Unterrichtsstätte der Volkshochschule Main-Kinzig, Eltern-Kind-Verein (mit Miniclub) und Computerclub. Weitere Aktivitäten sind Frauenfrühstück, Frauentreffen, Deutschkurse, Mädchengruppe, Tanzgruppe, Forum für Kind und Familie, Kino, Mädchentag, Sonntagstreff, Kochen/Backen und Relaxweekend.

 

Zur Erinnerung an  Horst und Gerhard Schönfeld wird auch das „Brüder-Schön­feld-Forum“ gegründet, das sich mit der Geschichte der Juden befaßt und für Toleranz und Menschlichkeit eintritt.

Nachdem schon in vielen Städten und Gemeinden frühere jüdische Einwohner zu einem Besuch eingeladen worden waren, kam auch in Maintal der Wunsch nach so einer Einladung auf. Treibende Kraft war dabei Herr Begemann, der Kulturamtsleiter der Stadt. Er brachte den Vorschlag in den Magistrat, der dann die Mittel bereit stellte und die Einladungen aussprach. Auch wenn nachher der Bürgermeister die Idee zur Einladung der früheren Einwohner und zur Gründung eines Forums öffentlich aussprach, so stammt sie doch von Herrn Begemann. Aus dem Besuch der früheren Einwohner im Jahre 1997 (dazu liegt mir auch Material vor) ergab sich dann die Gründung der „Brüder-Schönfeld-Arbeitskreises“.

 

Gründung des Brüder-Schönfeld-Forums

Der Magistrat der Stadt Maintal lädt zur Gründungsveranstaltung des Brüder-Schönfeld-Forums in das Dörnigheimer Doorm-Hotel, Westendstraße 77, ein. Am Sonntag, 30. November, um 10 Uhr soll diese stattfinden. Hintergrund ist das Wachhalten der Erinnerung an die Brüder Schönfeld, die in Dörnigheim gelebt haben, von den Nationalsozialisten verschleppt und in Riga ermordet wurden. Anläßlich der Umbenennung des Artriumgebäudes der Bonhoefferschule in Brüder-Schönfeld-Haus im Mai dieses Jahres hatte Bürgermeister Rohrbach dieses Forum angekündigt, in dem es nun alljährlich um Fragen der Menschlichkeit und der Toleranz gehen soll. Bürgermeister Rohrbach wird auch die Begrüßung vornehmen. Eingeladen sind alle Bürger.

Anläßlich des ersten Forums soll der Besuch der jüdischen Gäste ausgewertet werden. Zudem können Anregungen für die zukünftige Form des Forums gegeben werden. Der Termin für das zweite Forum steht übrigens auch schon fest. Es soll am 29. November 1998 stattfinden.

 

Rund 25 Besucherinnen und Besucher waren zum ersten „Brüder-Schönfeld-Forum für Menschlichkeit und Toleranz” ins Dörnigheimer Doorm-Hotel gekommen. Bürgermeister Erhard Rohrbach konnte dabei auch Ingrid Wettberg begrüßen, die Tochter einer Cousine der beiden ermordeten Brüder.

 

1. Brüder-Schönfeld-Forum für Menschlichkeit und Toleranz

Maintal (ut) - Aufarbeitung des jüdischen Lebens in Maintal, Inforationen über das heutige Judentum, Gespräche mit. Jugendlichen und Zeitzeugen, „etwas in Gang setzen”, damit die Bürgerinnen und Bürger in die Aufarbeitung mit eingebunden werden können. Diese und noch viele andere Vorschläge wurden. beim ersten „Brüder-Schönfeld-Forum" von den rund 25 Teilnehmern gemacht, die zur Gründungsveranstaltung am Sonntagvormittag ins Doorm-Hotel gekommen waren. Bürgermeister Rohrbach freute sich dabei besonders, auch wieder Ingrid Wettberg begrüßen zu können.

Inge Wettberg ist die Tochter von Irma Schwulera, einer Cousine der später von den Nazis ermordeten Brüder Horst und Gerhard Schönfeld (Enkel des Turngemeinde-Gründers Isaak Schönfeld), nach denen das ehemalige Atrium-Gebäude an der Bonhefferschule benannt ist Anläßlich der Widmung des Brüder-Schönfeld-Hauses hatte Bürgermeister Rohrbach angeregt, ein sich jährlich wiederholendes Forum einzurichten, das die Erinnerung an die Brüder Schönfeld wach halten solle.

Gestern vormittag im Dörnigheimer Doorm-Hotel war es soweit, das erste Forum wurde aus der Taufe gehoben, das unter dem Motto „Für Menschlichkeit und Toleranz“ stand. Bürgermeister Rohrbach konnte dabei rund 25 interessierte Bürgerinnen und Bürger begrüßen, darunter auch den neuen Stadtverordnetenvorsteher Karl-Heinz Kaiser. Später übernahm dann Kulturamtsleiter Herbert Begemann die Diskussionsleitung. Die meisten Anwesenden hatten sich schon anläßlich des Besuches ehemaliger jüdischer Mitbürger im Sommer dieses Jahres engagiert.

So wurde erst einmal eine kleine Zwischenbilanz über die für die meisten doch sehr bewegende Woche im Mai gezogen. 15 heute in den USA lebende ehemalige Bürger Dörnigheims und Wachenbuchens waren auf Einladung der Stadt erstmals wieder in ihre ehemalige Heimat gekommen. Damals hielt Ingrid Wettberg eine sehr bemerken- und nachdenkenswerte Rede vor dem Parlament. Und auch bei ihrem gestrigen Besuch sprach sie nochmals von den „zunächst sehr gemischten Gefühlen, als sie erstmals nach Maintal kam.  Doch sie habe ihre Vorbehalte schnell aufgegeben. Auch für sie sei es eine sehr bewegende Woche mit vielen Eindrücken gewesen, ließ sie den ersten Besuch nochmals Revue passieren. Dies vor allem unter dem Aspekt, daß ihre Mutter bis dahin nie über die Vergangenheit sprechen konnte. Der Besuch in Maintal ist für sie wie eine Befreiung gewesen, erstmals hatte sie sich alles von der Seele reden können

Auch andere Teilnehmer kamen nochmals auf ihre Eindrücke zu sprechen. Besonders bewegend war es für Zeitzeugen, die ihre ehemaligen Schulkameraden nach über 50 Jahren erstmals wieder sahen. Noch jetzt, einige Monate nach dem Besuch im Frühsommer, zeigten sich Forumsteilnehmer tief beeindruckt von den Begegnungen mit den ehemaligen Mitbürgern und vor allem von deren Toleranz. Der Grüne Horst Andes: „Die Woche im Mai waren die nachhaltigsten Eindrücke in meinem bisherigen Leben“. So oder ähnlich gaben die meisten ihre ganz persönlichen Erfahrungen wieder.

Diese Art Auswertung des Besuchs der jüdischen Gäste wurde ganz bewußt zu Beginn gewählt, um anschließend berichten zu können, was sich seit dieser Zeit alles getan hat

Auch wurde von allen der Willen bekundet, ein jährliches Forum abzuhalten, um dabei dann verschiedene Aktionen durchzuführen. Hierzu machte wiederum Ingrid Wettberg einige Vorschläge: „Es soll etwas in Gang gesetzt werden, was aus der Bevölkerung heraus kommt und woran die Bürger auch beteiligt werden können”, so Frau Wettbergs Wunsch. Es sei ganz besonders wichtig, gerade die Jüngeren über jüdisches Leben und jüdische Tradition zu informieren, weil Jugendliche heute kaum noch Kontakt zu Juden hätten.

Wie Herbert Begemann gegen Schluß des ersten Teils erklärte, habe sich eine Fülle neuer Informationen und auch Fragen ergeben, die aufgearbeitet werden müßten. Gerade fier das Jubiläumsjahr Wachenbuchens, wo Anfang des Jahrhunderts die weitaus meisten Juden lebten, habe die behutsame, aber genau recherchierte Aufklärung der persönlichen Schicksale eine aktuelle Bedeutung.

 

Vorschläge von Frau Wettberg für ein Schönfeld-Forum

Zweck des Vereins:

* Das Wachhalten des Gedenkens an die Brüder Schönfeld und alle Juden, die in der Zeit der- nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland verfolgt und ermordet wurden.

* Das Aufspüren und Dokumentieren der Ursachen, Umstände und Abläufe, die es möglich machten, daß das Ziel der nationalsozialistischen Reichsregierung, die Vernichtung der Juden, eine fast lückenlose Umsetzung fand, und daß einzelne Organisationen und Personen sich dem staatlichen Auftrag, die Juden der Ermordung zuzuführen widersetzen wollten und konnten.

* Das Aufklären und Informieren über das Selbstverständnis und Leben jüdischer Menschen heute in Deutschland und Europa.

* Der Verfolgung der Vereinsziele dienen öffentliche Veranstaltungen und der Aufbau eines Dokumentationszentrums, das so organisiert und räumlich an-geordnet ist, daß es der Öffentlichkeit und insbesondere Schülern, Auszubildenden und Studenten unaufwendig nutzbar ist.

 

Mitgliedschaft:

Die Mitgliedschaft steht jeder Person jeden Alters offen, d e bereit ist, mit dem Erwerb der Mitgliedschaft zu erklären. do8 sie die Vereinsziele uneingeschränkt mit trägt und verfolgt. Eine Mitgliederwerbung richtet sich insbesondere an Personen mit meinungsbildenden Funktionen im öffentlichen Leben und in Ausbildungsstätten.

 

Vorschläge von Horst Andes, Klosterhofstr. 5, 63477 Maintal

Rahmenkonzept:

Der Verein wird nach Vereinsrecht konstituiert.

Die Stadt Maintal sollte förderndes Vereinsmitglied sein.

Der Verein organisiert in regelmäßigem Turnus zu Anfang vierteljährlich (im Brüder-Schönfeld-Haus?) öffentliche Veranstaltungen, die im Sinne der Satzung sind.

 

Dazu können gehören:

* Lesungen

* Informationsbesuche in z.B. dem Jüdischen Museum Frankfurt

* Ausstellungen zum Holocaust

* Ausstellungen zum jüdischen Leben in Vergangenheit und Gegenwart

* Jährlich eine Veranstaltung unter dem Titel „Brüder-Schönfeld-Forum”

* Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden der Umgebung

* Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den örtlichen Schulen

* Kontakte zum Museum der Stadt Maintal/Museumsverein

* Zusammenarbeit mit dem Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt

* Veranstaltungen zum Selbstverständnis und Leben jüdischer Menschen heute

* Kontakte zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften.

 

Etwa 2009 wurde das Schönfeld-Forum in einen Verein umgewandelt, Vorsitzender wurde Herbert Begemann.

Bilder Familie Schönfeld (Eine Datei mit den Bilderrn ist beim Verfasser erhältlich):

 

Haus Frankfurter Straße 9: Vor dem Haus steht Isaak Schönfeld. Im Fenster unten sind zu sehen: Karoline und eine Freundin. Oben sind von links zu sehen: eine Angestellte, Irma und ihre Mutter und Lina Schönfeld.

 

Hochzeit Rosi und Hermann Schönfeld 1929: Obere Reihe Irma, N.N., N.N., Hanna und Rolf Beck. Mittlere Reihe: N.N., Rosa Knieling, N.N., N.N., Brautpaar, Lina und Fred Marx, N.N., Lilly, Gustav, Berta. Vordere Reihe: Gitel und Isaak Schönfeld, Eltern Schuster.

Schuleinführung: Dritte Reihe von unten, Vierte von rechts, mit Schleife auf dem Haar: Irma Knieling.

 

Klasse I und II: Dritte Reihe, Mitte, sitzend, mit weißem Kragen: Irma Knieling.

 

Lilly, Rosa, Hermann Schönfeld und andere: Oben links: Lilly, Rosa, Hermann Schönfeld.

Oben rechts: Johanna, Bertha und Wilhelm Beck.

Unten: Hilde Hofmann, Karoline Schönfeld, Viktoria Beck, Irma, Issak Schönfeld, Ralf Beck.

 

Irma Schwulera, Rosi Schönfeld und andere: Oben: Irma Schwulera geborene Knieling, Rosi Schönfeld, Hermann Schönfeld, Lilly Schönfeld, Rosa Knieling geborene Schönfeld. In der Mitte: Isaak Schönfeld. Unten: Gerd Schönfeld, unbekannter Junge, Inge Hofmann, Horst Schönfeld.

 

Nachbarn Frankfurter Straße: Untere Reihe: Fritz Knieling (nicht Hermann Schönfeld), Rosa Knieling, Hermann Schönfeld, Berta Schönfeld (nicht Irma Knieling), ganz hinten in der Mitte: Lilli Schönfeld (nicht. Frau Schönfeld).

 

 

Ein Bild der Brüder ist schon im Tagesanzeiger erschienen. Dieses Bild von Horst (links) und Ger­hard Schönfeld entstand etwa Mitte der 30‑er Jahre (Foto: Salzmann/Voigt).

Inserate der jüdischen Geschäfte finden sich in der Dokumentation „Jüdisches Leben“ von Peter Heckert auf Seite 4.

Das Bild mit Mitgliedern der Familie Schönfeld zeigt:

In der ersten Reihe von links: Hermann Schönfeld, Rosa Knieling, ein Kind, Irma Knieling, ganz hinten in der Mitte Frau Schönfeld.

 

 

 

 

 

Zeitungsartikel von Frank Walzer im Wortlaut (Maintal Tagesanzeiger):

 

Brüder Schönfeld

Schulgebäude trägt zumindest etwas zur Erinnerung bei.

Die Brüder Horst und Gerhard, Letzterer meist nur „Gerd“ gerufen, lebten zusam­men mit ihrer Familie in der Frankfurter Straße 11 in Dörnigheim, Ecke Schwanen­gasse. Horst wurde 1930, genauso wie 1932 auch sein Bruder Gerhard, in Dörnigheim geboren. Sie waren Kinder von Herrmann und Rosi Schönfeld, die in der Familientra­dition die Kaufmannsgeschäfte weiterleite­ten, darunter den Vertrieb an Textilwa­ren. In ihrem Haus in der Frankfurter Straße wohnten sie zusammen mit Großva­ter Isaak sowie der Tante Lili, der Schwes­ter des Vaters.

Relativ gut liefen die Geschäfte bis 1933 für den Familien‑Betrieb, doch danach wurde den Schönfelds eines zum Verhängnis: ih­re Religions‑Zugehörigkeit. Sie waren Ju­den und mußten sich dem öffentlichen, Druck der Nazis mehr und mehr beugen, auch und vor allem durch die nationalso­zialistische Verwaltung in Dörnigheim.

Aus persönlicher Angst wie auch aus über­zeugter Anhängerschaft der NS‑Ideologie wurden die Haßtiraden und Repressalien gegen jüdische Mitbürger von vielen Dör­nigheimerinnen und Dörnigheimern mit­getragen. Schon am 29. März 1933 titelte der Hanauer Anzeiger: „Die Abwehr der Lügenhetze: Das Abwehrprogramm der Nationalsozialistischen Partei gegen die Greuelpropaganda im Ausland - Boykott jüdischer Geschäfte ab Samstag vorgese­hen“, womit ohne klar definiertes Alibi jü­dische Gewerbetreibende in den Ruin getrieben werden sollten. Während einige Familien früh genug noch die Flucht ins Ausland antreten konnten, wie beispielsweise die Familie Ludwig Stern (1934, USA) und die Hinterbliebenen von Moritz Schönfeld (ebenfalls USA, Bru­der von Isaak Schönfeld), weigerte sich die Familie in der Frankfurter Straße 11, Dör­nigheim zu verlassen, zumal die Angehöri­gen noch wenige Jahre zuvor recht angese­hene Menschen waren. Der 1861 in Dörnig­heim geborene Isaak Schönfeld war 1882 Mitbegründer der Turngemeinde Dörnig­heim, wenige Monate vor der Machtüber­tragung an die NSDAP 1933 wurde er noch von seinen Vereinskameraden beim 50‑jährigen Jubiläum gefeiert, Mitte der 30‑er Jahre ging man ihm dagegen aus dem Weg und gab vor, ihn nicht mehr zu ken­nen.

Das Verweilen unter dem Hitler‑Regime ging alles andere als spurlos an der Fami­lie Schönfeld vorbei. Das Geschäft lief durch den öffentlich propagierten Boykott immer schlechter, der Geschäftsumsatz sank von 7800 Reichsmark vor 1933 auf ge­rade einmal 360 Reichsmark im Jahre 1935. Hinzukamen noch die schier willkürlich erhobenen Steuern, mit denen die Schön­felds mehr und mehr unter Druck gerieten. „Gnädigerweise“ wurde ihnen allerdings angeboten, zur Tilgung der Schulden eige­nen Besitz herzugeben: Der Bürgermeis­ter teilt mit, daß der Jude Isaak Schönfeld einen Steuerrückstand von RM 900 hat und daß es nur möglich ist, den Steuerrück­stand hereinzubekommen, wenn Schönfeld der Gemeinde ein Grundstück übereig­net,“ lesen Bernd Salzmann und Wilfried Voigt in einem Schriftstück für ihre Chro­nik „Keiner will es gewesen sein ‑ Dornig­heim im Nationalsozialismus“. Ein „Ange­bot“ der damaligen Verwaltung ist in dem Schreiben an Isaak Schönfeld auch beige­fügt, genauer gesagt der Verkaufsvor­schlag für „einen Acker seitlich der Bahn­hofstraße“.

Der Vater der Brüder Horst und Gerhard, Hermann Schönfeld, wurde erstmals 1938 inhaftiert, im Zuge der Reichspogrom­nacht am 9. November. Diese wurde veranlaßt, nachdem ein 17‑jähriger deutsch‑pol­nischer Jude am 7. November ein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst von Rath in Paris verübte, zwei Tage später erlag dieser seinen Verletzungen ‑ ein von den Nationalsozialisten willkom­mener Grund, um in kürzester Zeit mehr als 20.000 Juden festzunehmen. Hermann Schönfeld „profitierte“  bei seiner Vernehmung jedoch von seinem Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg, wurde wenig später wieder freigelassen.

Eine Flucht aus Deutschland schien da­nach aber unumgänglich geworden zu sein. Ziel waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Doch die Dörnigheimer Ver­waltung unter Bürgermeister Gustav Pahl bekam Wind von diesem Vorhaben, die Ausreise scheiterte. 1939 mußten die Schönfelds ihr Haus verkaufen, als Mieter wurden sie in selbigem Gebäude ebenfalls nicht mehr länger geduldet. Unterschlupf erhoffte sich die jüdische Dörnigheimer Familie in der Großstadt Frankfurt. Sie be­zogen am 31. Juli 1940 eine Wohnung „Im Schützenbrunnen 13“, am heutigen Frank­furter „Alfred‑Brehm‑Platz“. Nach Beendi­gung des Umzuges, verabschiedete sich der kleine Gerhard Schönfeld von seiner Cou­sine Irma Schwulera mit den Worten: „Ich komme wieder!“ Fest von dieser Zielset­zung überzeugt, bewahrte er sogar eine Landkarte bei sich auf, damit er auch ja den Weg wiederfinden kann.

Eine Zeitung verkündete, wenige Tage nach der Schönfeld‑Flucht, Dörnigheim sei „endlich judenfrei“.

So versuchte die Familie Schönfeld, in ständiger Angst lebend, vor den National­sozialisten unterzutauchen. Doch das Ver­steck flog auf, mit der „3. Deportation“ ‑ nach Evakuierungen im Oktober und No­vember 1941, von denen insgesamt 992 Per­sonen aus Frankfurt betroffen waren ‑ wurden die Brüder Horst und Gerhard zu­sammen mit ihren Eltern in Zügen „vo­raussichtlich nach Riga“, so die lautende Eintragung, in Richtung Litauen beför­dert. Das Ziel wurde allerdings geändert, der Zug wurde in den städtischen Haus­standsbüchern vom 21. November 1941 „abgemeldet nach Kowno“ (Kaunas).

Endstation dieser langen Reise war schließlich das berüchtigte „Fort IX“, auf einem Hügel im Südosten der Stadt. Die aus mehreren Städten dort eingetroffenen Juden, unter anderem aus Frankfurt Ber­lin, München, Wien und Brünn, wurden in diesen Festungsanlagen nacheinander er­schossen, NS‑Schergen ermordeten die Transportgruppe mit den neun und elf Jahre alten Brüdern Schönfeld am 25. No­vember 1941.

SS‑Standartenführer Jäger notierte bis zum 1. Dezember desselben Jahres insge­samt 137.346 „durchgeführte Exekutionen“ auf diese Weise. Die Opfer, darunter auch die Familie Schönfeld, wurden in Massen­gräbern verscharrt. Am 30. November ver­ordnete Heinrich Himmler, Chef der SS und der Geheimen Staatspolizei, den Stopp der Erschießungen ‑ zu spät für die Getöte­ten aus Dörnigheim. Ein Jahr später wur­den die Leichen auf Befehl der Deutschen von jüdischen Gefangenen wieder ausge­graben und verbrannt, um die Greueltaten zu vertuschen.

Die Verbrechen in der Zeit zwischen 1933 und 1945 betrafen also im Rückblick auch die Maintaler Stadtteile in hohem Maße. Daran sollte erinnert und die Geschehnis­se der Geschichte in Erinnerung behalten werden. Im Jahr 1995, 40 Jahre nach Kriegsende und gut 44 Jahre nach der Er­mordung der verschleppten Familie Schön­feld, stellten die Fraktionen von SPD und Grünen im Maintaler Stadtparlament den Antrag, den Platz vor dem „Frankfurter Hof“, Kennedystraße 45, in „Gebrüder­-Schönfeld‑Platz“ umzubenennen. Der An­trag scheiterte jedoch in der bis dato jun­gen Amtszeit von Bürgermeister Erhard Rohrbach am Veto von CDU, Freien Main­talern und „Republikanern“.

Eigeninitiativ und als Zeichen des Protes­tes rief  „Rot‑Grün“ gemeinsam am Sonn­tag, 19. November 1995, ohne parlamentari­sche Zustimmung den „Gebrüder‑Schön­feld‑Platz“ aus. Der damalige Maintaler SPD‑Chef Alexander Kühn verdeutlichte an diesem Tag gegenüber dem Tagesanzei­ger, man wolle „der furchtbaren Geschich­te dort gedenken, wo sie geschah“. Die an­gebrachten Schilder mußten jedoch wie­der entfernt werden. Wenige Tage darauf wurde das „Atriumgebäude“ der ehemali­gen Dietrich‑Bonhoeffer‑Schule vom Kreis abgekauft und im Gegenzug zu dieser Akti­on später symbolisch als „Brüder‑Schön­feld‑Haus“ bezeichnet. Im Gebäude selbst erinnert eine Gedenktafel an Horst und Gerhard Schönfeld.

Irma Schwulera, die Cousine der beiden Brüder, die sich in Hanau erfolgreich versteckte, schaltete sich im Januar 1996 in diese Sache ein und forderte, „Mahnung und Erinnerung nicht verschämt in der Schublade oder einer Friedhofecke statt­finden zu lassen, sondern öffentlich zum Nachdenken anzuregen und somit einen Beitrag für ein friedlicheres, zukünftiges Miteinander zu leisten“ ‑ vergeblich. Die Gründe, welche die städtischen Gegner der Umbenennung anführten, waren die, daß zum einen die Feuerwehr und Krankenwa­gen von der Umbenennung verwirrt wer­den könnten und daß auch Änderungen bei Hausnummern nötig seien, obwohl die Straßenbezeichnungen inklusive Nume­rierung weiter dieselben bleiben konnten. Einen eigenen, gesonderten Namen hat die freie Fläche vor der Gaststätte bis heute nicht.

Wie schwer und unübersichtlich Aufarbei­tung und Sortierung der Geschehnisse der NS‑Zeit sind, drückt sich in einer Multime­dia‑Dokumentation im Frankfurter Jüdi­schen Museum, Kurt‑Schumacher‑Straße 10, aus. Hier sind alle Namen von zu ermit­telnden verschleppten Juden erfaßt. Horst Schönfeld ist als Einziger seiner Familie in der Datei nicht zu finden, vom Geburtsda­tum her übereinstimmend treffen die Da­ten aber auf einen als „Horst Schöfeld“ aufgeführten Jungen zu, also bloß ohne „n“ im Nachnamen. Ob es sich um einen der beiden Brüder Schönfeld handelt, ist nicht genau zu erfahren. Ein Personenhin­weis lautet jedenfalls: „vermutlich überlebte er den Holocaust“, worauf auch immer sich diese Vermutung begründet.

 

Besuch in der Heimat weckt Erinnerungen: Doris Steins Familie mußte 1938 in die USA emigrieren                                                                                                       25.06.09

Doris Stein, die 1928 als Doris Marx das Licht der Welt erblickte und in der Frankfurter Straße in Dörnigheim aufwuchs, spricht noch immer ausgesprochen gut Deutsch. Dabei mußte sie als Zehnjährige mit ihren Eltern in die USA emigrieren. Nun ist sie zusammen mit ihrer Tochter Renee, ihrem Schwiegersohn Ira und den beiden Enkelkindern zu Gast in Deutschland, besuchte in den vergangenen Tagen den Heimatort ihrer Kindheit: Dörnigheim.

Die Mitglieder der Familie Marx, die eine Metzgerei betrieb, die zuvor schon Doris' Großvater Moritz Schönfeld geführt hatte, waren Deutsche jüdischen Glaubens. Vater Siegfried Marx entschloß sich im Jahr 1938 schweren Herzens dazu, Deutschland den Rücken zu kehren. Ein befreundeter Polizist aus Frankfurt hatte ihm dazu geraten, da er davon erfahren hatte, daß verstärkte Repressalien gegen jüdische Deutsche geplant seien. Da die Marxens Verwandte in New York hatten, war das Ziel ihrer Emigration klar. Zunächst ging es nach Amsterdam, von wo sie per Schiff Richtung USA fuhren. Die Familie fand in Brooklyn eine neue Heimat. „Dort wohnten sehr viele Juden, die aus Deutschland flüchten mußten“, erzählt Doris Stein, die dort auch ihren Mann Louis kennenlernte, der ebenfalls deutsche Wurzeln hat.

Im Jahr 1970 besuchte Doris Stein erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg ihre alte Heimat. Zusammen mit ihrer Mutter Lina Marx traf sie in Dörnigheim auch Frieda Huf, die einst eine der besten Freundinnen von Lina gewesen war. Die Hufs betrieben damals eine Bäckerei. Nachdem die Nazis die Metzgerei der Familie Marx in den Ruin getrieben hatten, unterstützte Frieda Huf die Freundin, brachte heimlich abends Brot und Kuchen. Daran kann sich Friedrich Huf, der Sohn von Frieda Huf, noch gut erinnern, der sich gestern zusammen mit seiner Schwägerin Margarete Huf mit Doris Stein und ihrer Familie in einem Dörnigheimer Bistro traf.

Den Besuch in Maintal hatte Herbert Begemann, der städtische Fachbereichsleiter Kultur und Sport, organisiert. Begemann ist Mitglied im Arbeitskreis BrüderSchönfeld-Forum, der sich vor allem darum bemüht, junge Menschen in Maintal über die Greuel der NS-Zeit aufzuklären. Und das möglichst mit Zeitzeugen, die im Dritten Reich leben mußten. Entsprechend war Doris Stein gestern vormittag zwei Stunden lang Gast bei Schülern der Jahrgangsstufe zwölf des Einsteingymnasiums. „Die jungen Menschen waren sehr interessiert und haben Fragen gestellt. Dieser Austausch hat mir viel Freude bereitet“, so Doris Stein, die in absehbarer Zeit gerne wieder ihre alte Heimat besuchen möchte. Die 81-Jährige reist mit ihrer Familie weiter nach Hannover. Am 3. Juli fliegen sie dann zurück in die USA. Doris Stein wohnt mittlerweile bei ihrer Tochter in New Jersey, hat nach dem Tod ihres Mannes das Haus in Brooklyn verkauft.

 

 

Die jüdische Gemeinde in Hochstadt

 

Geschichte:

Über die Juden in der Vergangenheit erfahren wir etwas aus dem Gerichtsbuch der Gemeinde und den Presbyterialprotokollen der Kirche, meist deshalb, weil die Juden unangenehm aufgefallen waren. Die sogenannten „Kirchenrüger“ sagen meist aus, sie hätten niemanden gesehen, der sich gegen die Feiertagsordnung vergangen habe. Dafür bezichtigen sie um so lieber die Juden, für die der Sonntag ja kein Feiertag ist.

In den Jahren 1608 und 1609 werden die Juden in der Tat oft vor dem Ortsgericht angeklagt. In der Sonntagnacht sind Juden um 22 Uhr auf die Straße gegangen, haben getanzt, geschrien und gesungen; sie werden am 16. Juni 1608 in den Turm gesperrt.

Am 19. Juni 1608 müssen die Torwächter zu Recht gegen die Juden vorgehen: Ein Frankfurter und ein Mainzer Jude schlagen einen Hanauer Juden vor dem Tor zusammen und werden auch gegen die Torwächter aufsässig. Diese müssen zu ihren Spießen greifen, damit wieder Ruhe herrscht. Die Angreifer werden zu acht Gulden Strafe verurteilt, für die dann zwei Hochstädter Juden bürgen müssen.

Am folgenden Tag müssen zwei Hochstädter Juden in der Kanzlei in Hanau erscheinen. Sie wurden wegen Sabbatschändung angezeigt: Sie sind während der Predigt auf der Straße gesehen worden, haben gearbeitet und sind über Feld gegangen. Im Wiederholungsfall - so wird ihnen angedroht - werden sie sofort ins Narrenhaus geschleift werden.

Am 24. Juli 1608 wird das Kind des Juden Lößmann „in den Gehorsam geführt“, weil es am Sonntagmorgen während des Läutens zur Predigt Wasser geholt hat.

Bei einer wüsten Schimpferei zwischen einer Frau Schmidt und einer Frau Selma Judt fallen im Jahr 1609 Wörter wie „Dieb und Schelmen, Huer, Bluthund, Christenhund“. Bei einer anderen Schimpferei wird von einer anderen Frau gesagt „Jüdin, Mann-Diebin, Du lügst wie eine Hure!“

 

Bei Verhandlungen vor dem Ortsgericht über Geldsachen treten immer wieder Juden auf. Der Jude Conrich hat von Hans Reitzmann acht Gulden zu fordern. Dieser zahlt sieben Gulden, dazu einen Simmer Hafer und Kleingeld. Das ist dem Juden aber nicht genug. Deshalb schüttet er den Hafer dem Reitzmann in die Stube. Dafür kommt er aber in die „Herrenstrafe“, das heißt: Er wird von der Herrschaft verurteilt.

Gelegentlich bekommt auch einmal ein Jude recht: Als ein Jude abends Bier aus dem Wirtshaus holt, kommen am Rathaus zwei Burschen und nehmen ihm die Haube vom Kopf. Einer dieser beiden ist der Turmwächter. Nicht weil er den Juden geärgert hat, sondern weil er seinen Posten verlassen hat, wird er in den Turm gesteckt.

Die Bedeutung der Juden als Gläubiger wird immer größer. Im Jahre 1611 hat der Jude Nathan vom Weinfaß in Frankfurt eine Menge Schuldner in Hochstadt. Der Jude Abraham hat von Wenzel Apel 17 Gulden zu kriegen. Dafür pfändet er ihm eine Kuh, läßt sie dann aber doch im Stall stehen, weil die Familie Kinder hat; dafür nimmt er am 8. Juli 1611 einen Wingert von 17 Ruthen als neues Pfand. Der Jude Abraham in Hochstadt vertritt die Kinder des verstorbenen Jud Schmul in Frankfurt und treibt für diese Schulden in Hochstadt ein. Besonders die Bauern sind bei den Juden hoch verschuldet, zumal die Juden 1612 auch in den Pferdehandel eingestiegen sind.

Es kommen immer wieder Klagen vor das Ortsgericht vor: Hans Wenzel hat einen Korb („Mahne“) Birnen zum Verkauf hingestellt; aber die Frau des Juden Salomo reißt den Korb fort und trägt ihn in ihr Haus. Sellma Jud zündet 1613 das Haus an, das dem Pfarrer Gereum gehört und in dem sie zur Miete wohnt.

Die Klagen und Anklagen gehen hin und her: Auf dem Rathaus haben zwei Einwohner einen Juden „geschmissen“ und ihn einen „Schelmen und Dieben“ genannt. Mehrere Judenfrauen

haben während der Predigt Wasser vom Brunnen geholt und werden deshalb im Jahre 1614 angeklagt.

 

In Frankfurt kommt es 1614 zum „Fettmilch-Aufstand“ kommt es 1614 in Frankfurt. Deshalb ziehen 50 Ehepaare von dort in das tolerantere Hanau. Mit Kindern und Mägden sind das immerhin 209 Menschen, die auch gleich zum Bau des Stadtwalls an der Judengasse herangezogen werden. In Hochstadt gibt es damals vier Juden. In der Zeit von 1615 bis 1634 werden zwei Judenfamilien angegeben. Im Jahre 1623 ziehen Hanauer Juden wegen der Pest nach Hochstadt und zahlen dafür 3 Gulden 18 Schilling zum Einzug, aber kein Judengeld, weil sie ja Hanauer sind.

 

Im Dreißigjährigen Krieg macht man offenbar keine Geldgeschäfte mehr mit Juden, sondern nur noch mit den vornehmen Herren aus Hanau. Erst 1650 treten wieder Juden im Geldgeschäft auf.

Der Jude Ezechiel muß 1665 zwei Gulden in die Kasse für die Kirchenstühle zahlen, weil er geschmäht und Gotteslästerung getrieben hat und eine getaufte Jüdin in Bergen „geheißen“ hat (d.h. beschimpft hat).

Sehr häufig müssen Juden durch den Schultheißen mit Geldstrafen belegt werden, weil sie sich auf jüdischen Hochzeitsfeiern ungebührlich benommen haben. Ein Jude muß Geld in den Almosenkasten legen, weil ein Kanzleischreiber 1666 in seinem Namen an die Junker in Karben geschrieben hat „über das Pfarrhaus“ (gemeint ist wohl die Pfarrfamilie).

 

Im Jahre 1671 werden wieder zwei Juden bestraft: Der Jude Isaak hat am Sonntag ein Kalb von Wachenbuchen nach Hochstadt geführt, und der Jude Salomon hat während einer Predigt auf der Straße ein Mastkalb kaufen wollen. Auch 1672 soll der Jude Moses mit Gefängnis bestraft werden, weil er zweimal sonntags Vieh in den Ort getrieben hat. Die Strafgelder kommen in der Regel in die Almosenkasse.

 

Andreas Emmel leiht 1672 immer wieder beim Juden Mordechai: Am 20. Juni viereinhalb Ellen Tuch aus Wolle (die Elle zu zehn Batzen), für dreizehn Batzen Schnur, Knöpfe, Zwirn und zum Aufschlag, dazu 66 Gulden Bargeld. Am 5. Juli leiht er noch einmal sechs Gulden, am 19. Juli und 1. August je drei Gulden und am 10. September noch einmal 10 Gulden, insgesamt also 22 Gulden Bargeld und 3 Gulden 13 Batzen für Tuch. Am 10. November liefert der Jud Itzig ihm Fleisch.

 

Ehe der Kirchenrüger Philipp Schröder im Januar 1686 entlassen wird, klagt er noch einmal auf Befragen, daß er an einem Sonntag während des Gottesdienstes vom Juden Itzig und seinem Sohn Mayer ungebührlich angefahren worden sei, als er sie aufgefordert habe, in ihren Häusern zu bleiben. Itzig habe gesagt: „Was liegt dir denn daran!“ und Mayer habe ihn als „Großmaul“ bezeichnet. Der Jude Mayer gibt wegen seines Verhaltens 10 Albus für die Armen.

 

Im Januar 1678 wird im Presbyterium vorgebracht, der Jude Abraham habe am dritten Advent währen der Frühpredigt Branntwein in seinem Haus ausgeschenkt. Es waren etliche Soldaten dort und auch der junge Ziegler Johann Philipp Meed, der sich ganz hat vollaufen lassen und ein großes Geschrei in seinem Haus bei der Kirche veranstaltet hat. Der Jude sagt, er habe einem Soldaten diesen Wunsch nicht abschlagen können. Meed sagt, er habe nur für einen Kreuzer trinken wollen, aber der Jude habe ihm mehr gegeben, nämlich ein halbes Echtmaß. Jeder muß fünf Albus in den Almosenkasten geben. Auch im Juni 1678 und Juni 1679 wird wieder angezeigt, daß der Jude Abraham am Sonntag Branntwein gebrannt hat. Am 6. Juli 1679 sagt der Jude Abraham vor dem Presbyterium, seine Frau habe in seiner Abwesenheit Branntwein gebrannt. Er bittet um Verzeihung und zahlt drei Albus Strafe.

 

Andererseits braucht man die Juden für Geldgeschäfte, weil die Geldwirtschaft zum großen Teil in ihren Händen lag (Weil man sie zu den Zünften nicht zuließ, mußten sie sich auf Geldverleih und Viehhandel verlegen). Schon um 1666 wechselt der Jud Salomon die Pfennige im Almosenstein in gutes Geld, also in Gulden. Manchmal geht das Geldgeschäft auch umgedreht: So leiht der Jude Musche 1670 bei einem Einwohner 75 Gulden und verpfändet dafür seine Hofraithe in Hochstadt. Am 20. April 1686 werden im Opferstock an kleinen Hellern ungefähr 29 Taler 15 Albus gefunden. Da aber außer guten Münzen auch böse dabei sind, gibt man das Geld dem Juden Mayer, der dafür 27 ganze Gulden wechselt.

 

Im September 1694 klagen die Kirchenrüger darüber, daß die die Juden immer beim Läuten zum Gottesdienst Wasser oder Bier zu holen pflegen. Der Schultheiß hat es übernommen, sie deswegen zur Rede zu stellen, damit es nicht wieder vorkommt. Die Kirchenrüger sollen während des Gottesdienstes besonders auf die Juden achten. Das werden sie dann auch getan haben, denn so konnten sie besser über die Vergehen ihrer Nachbarn hinwegsehen, mit denen sie sich nicht anlegen wollten. Für die Juden dagegen war der Sonntag kein Feiertag, sie hielten nur den Sabbat (Samstag) ein.

 

Vom Lehrer Studacher wird im Februar 1695 angebracht, daß am 16. September, als der Pfarrer in Bockenheim gepredigt hat, der Jude Jekof (Jakob?) morgens vor dem Gottesdienst Dielen und Bretter gesägt und Treppen daraus gemacht hat. Der Lehrer hat es selber gesehen und Zeuge ist der Knecht des Andreas Mehrbott mit Namen Conrad (den Familiennamen kennt er nicht). Der Jude wird also überführt und zahlte eine Reichstaler Strafe.

 

Die Zahl der Juden ist nicht groß: Im Jahre 1673 sind es acht Familien und 1674 sind es fünf Familien, 1697 ist es nur eine und 1707 wieder zwei. Auf dem Ortsplan von 1715 wird als Bewohner des Hauses Hauptstraße 26: „Issak Jud“ angegeben, also der Jude Issak. In dem Haus wohnen später auch Juden. Im Jahre 1754 gibt es zehn jüdische Einwohner in Hochstadt.

Die Zahl der Juden bleibt auch weiterhin klein. In manchen Jahren wie etwa 1765 ist gar keiner am Ort.

In den Jahren 1731, 1732 und 1749 wird der Schutzjude Hiskias erwähnt, der einen Gulden Sondersteuer zahlen muß, das sogenannte „Judengeld“. Im März 1736 wird  „dem hiesigen Juden“ das Taufgeschirr, bestehend aus Kanne und Schüssel, für 1 Gulden 25 Albus verkauft.

Im Jahre 1749 wird ein Jude Benjamin erwähnt. Die Juden Hiskia und Benjamin ziehen 1762 weg, sind aber offenbar wiedergekommen (oder andere Juden mit gleichem Namen). Ein Jude Joseph wird 1772 erwähnt. Im Jahr 1776 werden der Jude Jessel und der Jude Prissel erwähnt. Aber 1782 gibt es keine Juden am Ort. Im Jahre 1783 gibt es nur ein jüdisches Ehepaar und eine Witwe, dazu sieben Kinder. Ab 1785 wird die Zahl der Juden wieder größer.

 

Um 1750 tauscht die Hochstädter Kirchengemeinde ihre Kollekten bei Juden in Bischofsheim in gutes Geld um. Ein Gulden hat den Wert von 60 Kreuzern. Wenn man aber nur schlechtes Geld hat, bekommt man im Jahre 1749 für Münzen („Heller“) im Wert eines Gulden nur 54 Kreuzer, im Jahre 1756 aber nur noch 45 Kreuzer. Wenn man umgedreht schlechtes Geld in gutes Geld tauschen will, dann hat man  (bei 22 Gulden einen Verlust von über 5 Gulden). Die Kirche muß für die Eintragung in die Kirchenrechnung also eine bestimmte Summe abschreiben, weil die Kupferheller weniger wert sind als sich rein rechnerisch ergibt. Bei einem Kurs von 50 Kreuzern müssen noch 10 Kreuzer draufgelegt werden, um einen echten Gulden zu haben. Bei einem Kurs von 45 Kreuzer müssen dagegen 15 Kreuzer draufgelegt werden, um den vollen Wert eines Silberguldens zu erhalten.

Die Heller im Wert von 18 Gulden 30 Kreuzer werden Ende 1791 vom Handelsjuden Canina Calman in Hanau eingewechselt gegen Konventionsgeld (Münzen nach einem Vertrag zwischen Bayern und Österreich), der Gulden zu 50 Kreuzer. Es entsteht ein Verlust von 3 Gulden 2 Albus 4 Pfennige. Bei ihm wird auch für 6 Gulden 50 Kreuzer ein tragbarer Anzug für einen bedürftigen Konfirmanden gekauft.

Beim Wechseln der Heller rechnet der Jude Canina Calman in Hanau Ende 1793 den Gulden zu 50 ½ Kreuzer.

Am Schluß des Jahres 1811 werden die Heller im Wert von 15 Gulden beim Juden Henoch Drücker in Hanau gegen Silbergeld eingewechselt, der Gulden zu 53 Kreuzer (Für einen Gulden in Hellern gibt es 53 Kreuzer).

Im Jahre 1831 werden vom Juden Herz in Kesselstadt 48 Gulden in Form von Hellern in Silbergeld gewechselt. Er zahlt für den Gulden 42 Kreuzer, so daß 14 Gulden 24 Kreuzer übrigbleiben. Der Schultheiß Stein tauscht dagegen Heller im Wert von 2 Gulden in 1 Gulden 30 Kreuzer (Anmerkung: Dieser Kurs ist günstiger, es sind 45 Kreuzer für den Gulden).

 

 

Es gab wohl auch einen eigenen jüdischen Friedhof südlich der Ringstraße im Bereich Brunnenstraße. Das geht aus der alten Flurbezeichnung „Judenkirchhof“ hervor. Seit etwa 1850 werden die Hochstädter Juden auf dem Judenfriedhof in Hanau beerdigt. Die dortigen Grabsteine sind fast die einzigen Sachzeugen für die Existenz einer Hochstädter jüdischen Gemeinde.

 

Seit 1767 erhalten die Juden die gleiche Strafe wie die anderen Einwohner, wenn sie bei Unzucht mit Glaubensgenossen ertappt werden; vorher erhielten sie die doppelte Strafe. Treiben sie aber Unzucht mit Christen, ist die Strafe weiterhin um ein Viertel höher.

 

Im November 1769 bringt der Pfarrer im Presbyterium vor, daß der achtjährige jüdische Junge David einen ganzen Tag in der reformierten Schule gewesen ist, um zusammen mit den anderen Kindern die christliche Religion zu erlernen. Deshalb läßt er den Vater des Jungen, den Schutzjuden Benjamin, kommen und fragt ihn, wie so etwas zugehe. Der Vater sagt, er habe ihn als Vater in Zucht und Ordnung halten wollen. Dadurch sie dieser böse Bube auf den Gedanken gekommen, seinen Eltern zum Trotz ein Christ zu werden. Er ist aber erst acht Jahre alt und weiß nicht, was er tut. Er tut das nur aus Bosheit nach Anstachelung böser Menschen. Der Pfarrer befiehlt ihm, den Jungen unter scharfer Zucht zu halten. Dem Lehrer sagt er, daß er diesen Jungen nicht in der Schule lassen soll. Wenn der Junge nicht folge, wolle er es dem Inspektor melden, weil der Unterhalt für den Jungen der Kirche große Unkosten verursachen könnte und doch zu befürchten sei, daß der Junge nach einigen Jahren die Schule wieder verlasse.  (Anmerkung: Der Pfarrer freut sich nicht darüber, vielleicht den Jungen für die Kirche gewinnen zu können, sondern er fürchtet die Kosten, weil die Kirche dann für den Jungen verantwortlich wäre). Der Superintendent erhält einen Bericht und der Schulmeister strengen Befehl, den Jungen nicht mehr in die reformierte Schule zu lassen.

(Anmerkung: Der Pfarrer freut sich nicht darüber, vielleicht den Jungen für die Kirche gewinnen zu können, sondern er fürchtet die Kosten, weil die Kirche dann für den Jungen verantwortlich wäre).

Im Jahre 1775 müssen oft Reste von Abgaben niedergeschlagen werden, auch bei Juden. Im April 1779 mußte die Hochstädter Judenschaft einen Gulden als Strafgeld an die Kirche geben, wohl wegen Feiertagsvergehen.

 

Um 1780 rühmen die Hochstädter gegenüber der Herrschaft die Qualität ihres Weines, weil sie fast als einzige in der Umgebung Weinhandel mit den Juden treiben, die koscheren Wein wollen, also religiös unbedenklichen Wein. Besonders die Frankfurter Judenschaft kauft Jahr um Jahr viel Wein für gutes Geld.

Doch schon 1783 klagt man darüber, daß die Juden gern die Bettelschütt nördlich der Ringmauer als Wiese aussuchen. Es gibt oft Anzeigen der Flurschützen wegen unberechtigten Hütens. Im  Jahr 1785 wird der „Faselochse“ (das Vatertier) über jüdische Händler verkauft und die Gemeinde kauft auch wieder einen neuen von den Juden.

 

Am 29. Oktober 1792 kommt es während des Gebets im Bethaus zu einem Streit zwischen dem Juden Joseph aus Hochstadt und dem Juden Jakob aus Dörnigheim. Dabei wird der Schultheiß Weber zum Schiedsrichter angefordert. Der Vorsänger der Juden hat  beide mit zwei Gulden Strafe belegt, von denen einer der Kirche vermacht wird, der andere aber bleibt ist der jüdischen Schule geblieben.

Jakob Lindt hat Mitte 1794 einen verworrenen Prozeß mit einem Juden aus Bergen. Am Ende aber werden sie nachgiebiger und es kommt  zu einem Vergleich. Dabei wird versprochen, daß die Kirche in Hochstadt einen Gulden erhält, die der Berger Amtsbote auch überbringt.

Nach einem Streit in der Judenschule gehen zwei Gulden Strafe in die reformierte Kirchenkasse.

Nach einem Rechtsstreit über Wein im März 1803, den die Witwe Rohrbach mit dem Juden Wezlar aus Hanau führte, kommt es zu einem Vergleich, in dessen Rahmen der Jude 27 Kreuzer für die Armen in Hochstadt schenkt.

Die Kirche erhält 1818 drei Gulden aus einer Strafe, die Juden zahlen mußten, weil sie auf einer Hochzeit während des Gottesdienstes Karten gespielt haben.

 

 

Im Jahre 1781 erfolgt die Aufnahme des Juden Joseph Hiskias in den Temporal-Schutz. Er ist 23 Jahre alt, die Eltern (Mutter Gele) sind verstorben. Ihr ältester Sohn wohnt in Dörnigheim, die  zweite Schwester in Wachenbuchen, die dritte Schwester in Hochstadt. Er ist der vierte Sohn (Kind?) des Vaters. Er ist Viehhändler mit etwa 100 Gulden Kapital. Er muß für die Aufnahme 4 Reichtalern zahlen und erhält die Auflage, keine Frau zu heiraten, die weniger als 500 Gulden Vermögen hat. Der Schutzjude Joseph Hiskias bittet von 1802 bis 1816 immer wieder um eine Frist zur Bezahlung der rückständigen  Gemeindeabgaben (Die Person läßt sich nicht identifizieren, Hiskias Goldschmidt, Hauptstraße 26, ist erst 1814 geboren. Es könnte sich um einen der beiden Joseph Sichel handeln).                                                          

 

                                  

Im Jahre 1791 bittet der ledige Nathan aus Hochstadt um den landesherrlichen Schutz. Er wird ausführlich befragt: Er ist Nathan, der älteste Sohn des verstorbenen Benjamin, 35 Jahre alt. Er hat 350 Gulden Vermögen, seine Braut 450 Gulden. Die Gemeinde Hochstadt hat eingewilligt. Er will sich mit Viehhandel und Schlachten ernähren Die Judenschaft des Amtes hat sich auch für ihn ausgesprochen. Sie wollen wir üblich drei Jahre für ihn bürgen. Seit acht Jahren treibt er Viehhandel und hat dabei Mutter und Schwester versorgt. Er hat ein eigenes, hypothekenfreies Haus im Wert von 200 Gulden. Von seinem Großvater Süßkind Heß hat er 150 Gulden geerbt. Verlobt ist er mit Baye, der Tochter des Salomon David aus Bischofsheim, die 450 Gulden Mitgift erhalten soll. Auch von der jüdischen Gemeinde Bischofsheim wird ein Zeugnis eingeholt. Alle Aussagen müssen belegt werden. Dennoch ziert sich das Amt und hinterfragt die Sicherheiten, denn es gibt noch einen Widerspruch gegen das Eigentum an dem Haus. Auch die Mitgift der Braut wird angezweifelt. Im Jahre 1797 teilt Nathan mit, daß er sich mit der Tochter des Juden Abraham Herz aus Wachenbuchen verheiraten will. Jetzt gibt er 900 Gulden als Betriebskapital an. Wieder geht die Befragung von vorne los. Am 30. Mai 1797 wird die Ausstellung des Schutzbriefs angewiesen. Nathan muß einen Eid auf die Thora schwören. Durch das Gefecht bei Hochstadt im Jahre 1800 verliert er aber sein ganzes Vermögen durch Plünderung (Schaden 498 Gulden). Er wird für drei Jahre von Abgaben befreit. Aber auch 1803 kann er noch nicht zahlen, er erhält wieder Aufschub.

Bei dem Juden „Nathan“ kann es sich nur um einen Nathan Appel handeln. Es gibt aber zwei Personen dieses Namens in Hochstadt, die auch beide 1799 ihr erstes Kind haben, aber laut Personenstandsregister mit einer anderen Frau als den hier genannten verheiratet sind. Aus der Liste von 1820 geht hervor, daß der Jude „Nathan Benjamin“ seit 1797 Schutzjude ist, aber mit Schmila aus Wachenbuchen verheiratet ist. Über die Kinder läßt sich feststellen, daß es sich um die Familie 83 handelt. Beide Familien sind  aber später nicht mehr in Hochstadt vertreten.

 

In den Jahren 1825 bis 1828 leben in Hochstadt fünf Juden mit ihren Familien: Abraham Stern, Baruch Goldschmidt, Samuel Stiebel, Jacob Siegel und Benjamin Appel. Sie müssen wieder zwei Gulden Schutzgebühr zahlen, nur armen Familien wird ein Gulden erlassen. Zwei dieser Familien treten später nicht mehr auf.

 

Ab 1825 müssen die Juden Personenstandsregister führen. Die Namen der Synagogenbuchführer und sonstigen Verantwortlichen ergeben sich aus der Spalte „Besondere Bemerkungen“, in der sich ab März 1841 Eintragungen finden. Daraus kann man sehen, wer die Lehrer und Gemeindeältesten waren. Dabei unterschreiben auch Gemeindeälteste aus den anderen Orten, denn zur Gemeinde Hochstadt gehören auch Mitgliedern in Wachenbuchen, Dörnigheim und Bischofsheim. nämlich auch die Juden in den Filialorten Bischofsheim (dort werden Juden seit Mitte des 18. Jahrhunderts erwähnt) und Dörnigheim (dort werden Juden erstmals 1835 erwähnt). Aus Bischofsheim kommen die Familien Stern, Selig, Meyer, Goldschmidt und Wolf zum Gottesdienst in Hochstadt. Aus Dörnigheim kommen die Familien Stern, Schönfeld und Metzger Schönfeld.

Im Jahre 1846 bezeugt der Provinzial-Rabbiner Felsenstein die Richtigkeit des Eintrags einer Hochzeit. Ab dem Jahre 1853 wird das Register von der Polizeidirektion des Landratsamts geprüft und angeordnet, daß in Spalte 5 jeweils der Stand der Eltern und der Geburtsname der Mutter mit angegeben werden und notfalls noch nachgetragen werden muß.

Zur Gemeinde gehören nämlich auch die Juden in den Filialorten Bischofsheim (dort werden Juden seit Mitte des 18. Jahrhunderts erwähnt) und Dörnigheim (dort werden Juden erstmals 1835 erwähnt).

 

Juden kommen in früherer Zeit auch von außerhalb zum jüdischen Gottesdienst nach Hochstadt. Aus Bischofsheim kommen die Familien Stern, Selig, Meyer, Goldschmidt und Wolf. Aus Dörnigheim kommen die Familien Stern, Schönfeld und Metzger Schönfeld.

 

Gemeindeälteste in Hochstadt sind:

Benjamin Appel                              1835 bis 1851

Hesekiel Kahn                                1841 - 1848

Herz Appel                                       1844 bis 1866

Hiskias Goldschmidt                      1851 bis 1853

Salomon Sichel                              1858 bis 1862

Isaak Sichel                                     1856 bis 1872

 

Im 19. Jahrhundert wächst die Zahl der Juden: Um 1800 gehen sieben bis neun Gulden an Schutzgeld von Juden ein. Im Jahre 1835 zählt man 35 Juden in Hochstadt. Die jüdische Familie Appel in Hochstadt wird erstmals am 16. April 1837 erwähnt, als  der Kirchenbaumeister Faß Geld bei Herrn Appel umwechselt, und zwar Heller im Wert von 6 Gulden, den Gulden für 50 Kreuzer (üblicher bis guter Kurs). Nathan Appels Witwe wird in den Ort aufgenommen. Im Jahre 1838 zieht der Jude Herz Appel zu und zahlt 17 Gulden Einzugsgeld. Die Juden zahlen in diesem Jahr insgesamt 14 Gulden Schutzgeld; es sind also sieben Familien. Im Jahr 1843 holen sich drei Juden auswärtige Frauen. Die Juden werden jetzt nicht mehr gesondert als Steuerzahler aufgeführt.

 

Arme jüdische Familien erhalten von der Gemeinde Verpflegungskosten. So bekommt die arme Rebecca Levi 1844 Geld für neues Stroh in ihr Bett. Die Juden werden jetzt nicht mehr gesondert als Steuerzahler aufgeführt. Im Jahre 1845 erhält Blümchen Levi die Miete für ihre Wohnung, weil sie blind ist; allerdings verlangt man von ihr, den Empfang der Unterstützung durch Unterschrift zu bestätigen, obwohl doch deutlich auf der Quittung steht, daß sie blind ist und nicht schreiben kann.

Uneheliche Tochter der Blümchen Levi ist Fannie Levi, die am 9. Juli 1863 einen unehelichen Sohn Georg Christian hat, der am 26. Juli im Pfarrhaus getauft wird, aber am 2. November 1863 stirbt (Taufbuch Seite 202). Fanny Levi, uneheliche Tochter der Israelitin Blümchen Levi, ändert nach der Taufe ihren Namen in Katharine Wolf (Taufe Heinrich Joseph Wolf, Taufbuch Seite 211).

 

Am 3. März 1854 wird ein Mann aus Züntersbach in Hanau hingerichtet, weil er einen Juden umgebracht hat; das Ereignis war einem Hochstädter so wichtig, daß er es in seiner Chronik festgehalten hat.

 

Vier jüdische Familien haben 1852 Grundbesitz in Hochstadt. In der ganzen Gemeinde betreiben 15 jüdische Familien eine kleine Landwirtschaft. Für 19 Gulden kann der Jude Herz Appel 1856 ein Stück Land kaufen. Im folgenden Jahr holt Nathan Stern seine Frau aus Rendel und zahlt dafür das gleiche Einzugsgeld wie ein Dörnigheimer. Jeskias Goldschmidt kann 1859 wieder einen Faselochsen an die Gemeinde liefern.

Im Jahre 1856 gibt es in Hochstadt 46 Juden in 13 Haushalten, im Jahre 1861 sind es 42 jüdische Einwohner. Bis 1863 erhält die jüdische Gemeinde jährlich 110 Pfund Mehl für Mazzen, danach auch mehr. Im Jahre 1861 gibt es  42 Juden, um 1866 sind es 46 Juden.

 

Auf dem jüdischen Friedhofs in Hanau liegen zwei Gräber Hochstädter Juden links des Hauptwegs ziemlich vorne am Eingang, dazu das Grab einer Wachenbucher Jüdin, deren Eltern aber Hochstädter sind. Das älteste Grab in diesem Grabfeld ist das von Frau Gele Strauß, Tochter des Baruch Goldschmidt, ist von 1851. Aber in den Grabfeldern 2 bis 4 liegen noch drei ältere Gräber. Die anderen Gräber liegen rechts des Hauptwegs. Die jüngsten Gräber sind die von Bettchen Ausäderer (gestorben. 1923), Joseph Stern (gestorben. 1927) und Jettchen Goldschmidt (gestorben. 1933).

 

Ein jüdischer Wohltätigkeitsverein wird am 1. August 1879 gegründet, der auch für die Juden in Dörnigheim und Bischofsheim zuständig ist. Der Verein hat 17 Mitglieder und ein Statut mit 30 Paragraphen.

 

Eine Reihe von Juden sind Metzger. So erhält Sali Sichel 1903 die Erlaubnis zum Betrieb eines Schlachthauses. Jissel Stern ist Metzger in dem Haus Hauptstraße Nr. 31. Der Metzger Appel will beim Sängerfest am 28. Juni 1903 auf dem Festplatz Wurstwaren verkaufen, erhält aber vom Landrat keine Erlaubnis. Liegt es daran, daß er ein Jude ist?

 

Am 5. Mai 1905 beschwert sich Pfarrer Reich bei der Ortspolizeibehörde, daß der jüdische Fotograf vor dem Hauptgottesdienst einen Schubkarren durch die Hauptstraße geschoben hat.

 

Im Jahr 1905 gibt es 43 jüdische Einwohner in Hochstadt (nach anderer Angabe: 45). Im Jahre 1905 sind es 43 Juden. Im Grundsteuerverzeichnis von 1922 werden nur fünf jüdische Familien aufgeführt: Appel, Bogenstraße Nr. 6; Goldschmidt, Hauptstraße Nr. 26; Katz, Nordstraße Nr. 7 (heute Nr. 11); Stern, Hauptstraße Nr. 31 und Strauß, Hauptstraße Nr. 41. Im Jahre 1925 zählt man 27 jüdische Einwohner. In der Gemeinderechnung von 1931 wird die jüdische Gemeinde noch einmal als etwas ganz Normales erwähnt.

 

Nazizeit:

Entsprechend den Nürnberger Gesetzen vom 17. August 1938 müssen alle jüdischen Männer und Frauen ihrem Vornamen den Namen „Israel“ bzw. „Sarah“ voranstellen. Angeblich soll das freiwillig geschehen, sie sollen einen Antrag auf Namensänderung stellen.

So treffen auch in Hochstadt aus dem ganzen Land Anträge auf Namensänderung beim Standesamt ein. Ein Jude schreibt aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Eine Frau Klara Ebenhoch schreibt aus München, sie sei seit 22 Jahren katholisch, die Kinder seien bei der Arbeitsfront oder kriegsverpflichtet, ein Bruder sei im Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger gefallen. Und sie unterschreibt den Brief mit „Heil Hitler“.

 

Am 5. August 1938 werden auf Anordnung des Landrats die jüdischen Gewerbebetriebe erfaßt. Die Gewerbetreibenden müssen mit Unterschrift bestätigen, daß sie die Benachrichtigung über die Eintragung erhalten haben (Grund der Eintragung in die Liste „Jude“):

Appel             Nathan                      Althandel                              Bogenstraße 6

Katz                Sally                           Manufakturwarenhandel  Nordstraße 7

Strauß           Lina                            Milchhandel                         Hauptstraße 41

Sie haben alle keine weiteren Angestellten oder Arbeiter,

Außerdem wird vermerkt die Erbengemeinschaft Emma und Bertha Strauß, Hauptstraße 41, mit den zwei Grundstücken „Am Butterbaum“ (12,76 a) und „Im Amster“ (4,93 a).

Die Gemeinde Dörnigheim möchte am 11. August 1939 jüdischen Besitz in der Flur „Im Breuhl“ in nicht-jüdischen Besitz bringen. Sie fragt an, ob die Pächter aus Hochstadt oder die Grundstücksnachbarn oder die Gemeinde Hochstadt Interesse haben.

 

Am 10. November 1938 erfolgt auch in Hochstadt die Zerstörung der Synagoge. Doch hier entlädt sich nicht der „Volkszorn“, sondern es ist die geplante Aktion einiger Fanatiker. Der Sturm auf das jüdische Gotteshaus wurde von der SA („Sturmabteilung“, Schlägertruppe der NSDAP) durchgeführt. Die Mitglieder kommen jedoch nicht (oder nicht nur) von außerhalb, sondern es sind junge Leute aus Hochstadt. Anführer ist der Diamantschleifer Wilhelm Gerlach, Trinkbrunnenstraße 2, der 1897 in Wachenbuchen geboren wurde. Er hat einen SA-Helm mit Sturmband auf und gibt die Befehle. Weitere Anführer sind Wilhelm Drobniak, geboren 1902, Taubenstraße 3, und der Schornsteinfeger Nordmeyer aus der Jägerstraße und ein Mann mit dem Spitznamen „Langohr“, nämlich Wilhelm Mankel, Bischofsheimer Straße 19, aus der Familie Mankel, Bischofsheimer Straße 2.

Erst wollen sie die Synagoge anzünden. Doch der Bürgermeister läßt das nicht zu, weil dadurch die unmittelbar angrenzenden Scheunen mit gefährdet würden. So wird das Synagogengrundstück samt dem Anwesen der Schwestern Strauß schwer verwüstet und später werden bis auf die Schule und einen Stall alle Gebäude abgerissen.

Der Bürgermeister berichtet dem Landrat am 8. Dezember 1938, daß er „anläßlich der Protestaktion gegen die Juden“ Manufakturbestände in Sicherheitsverwahrung genommen hat (die Aufstellung liegt nicht bei).

Der Einheitswert des Grundstücks wird zunächst auf 4.500 Reichsmark festgesetzt. Aber im Dezember 1939 werden nur noch 2.000 Mark geboten. Am 6. Februar 1940 stimmt der Gemeinderat dem Ankauf des Geländes zu. Die Reichsvereinigung der Juden ermächtigt Herrn Katz zum Verkauf.

Die Ruine der Synagoge war im November 1939 noch nicht beseitigt, da mit der Reichsvereinigung der Juden noch keine Einigung über den Kaufpreis erzielt wurde. Die Synagoge mit Judenschule wird von der Gemeinde angekauft werden. Weil ein Teil der Gebäude zerstört ist, wird der Preis aber immer mehr gedrückt. Die Gemeinde verrechnet noch angebliche frühere Forderungen mit dem Kaufpreis, so daß am 29. September 1941 nur 1.078 Mark an das Berliner Bankhaus Wassermann überwiesen werden, und zwar auf ein Sperrkonto, über das nur mit Genehmigung der Devisenstelle verfügt werden darf.

Auch drei Parzellen der Schwestern Strauß hat die Gemeinde gekauft, aber den Preis gleich wieder mit der Unterstützung für die hilfsbedürftigen Schwestern verrechnet. Die Bezirksstelle Hessen-Nassau der Reichsvereinigung der Juden fragt am 26. Oktober 1939 an, was aus dem Haus der Schwestern Strauß geworden ist. Angeblich soll es abgebrochen worden sein. Sie fragt an, ob der Kaufpreis gezahlt wurde, weil die Schwestern auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen sind.  Am 2. Februar 1940 wird mitgeteilt, daß das Haus Strauß abgerissen ist und keine Gebäudeversicherung mehr besteht.

 

Im Jahre 1939 lebten (nach Arnsburg) in Hochstadt noch fünf Personen, die alle verschleppt wurden.

nach Theresienstadt abtransportiert wurden (nach Arnsburg). Stimmt nicht ganz!

 

Parallel zu den erzwungenen Grundstückskäufen läuft das Bemühen der Juden um Auswanderung. Am 12. April 1939 fragt Sally Katz bei der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Deutschland nach Möglichkeiten der Auswanderung. Aber Auswanderungen nach Palästina werden von dieser Organisation nicht bearbeitet. Sie kann nur Schanghai in China empfehlen (!), das damals japanisch besetzt war. Am 20. Juli 1939 bittet die Reichsvereinigung der Juden, die die Auswanderung der Juden fördern soll, um eine monatliche Aufstellung über Binnenwanderung und Auswanderung der Juden. Bis zum 2. Oktober ist die gesamte jüdische Bevölkerung statistisch zu erfassen und auch die wirtschaftliche Lage und das Vermögen jeder Person festzustellen.

 

 

Schröder will bei seinem China-Besuch in Schanghai auch der jüdischen Flüchtlinge gedenken

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will sich bei seiner am 2. November 1999  beginnenden China-Reise auch einem Kapitel deutscher Geschichte im Reich der Mitte widmen, dem frühere Politiker-Besuche aus Deutschland kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben. Mit dem geplanten Besuch einer ehemaligen Synagoge in Schanghai wird Schröder als bislang ranghöchster deutscher Politiker des Schicksals von rund 25 000 europäischen Juden gedenken, die vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die „Stadt über dem Meer“ geflohen waren und dort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Getto gelebt haben.

Schanghai war seit den späten 30er Jahren weltweit fast die letzte Zuflucht für die Vertriebenen, denn viele Staaten hatten bis dahin schon ihre Einreisegesetze verschärft. In der ostchinesischen Metropole aber, wo die Westmächte und Japan faktisch die Herrschaft übernommen hatten, verlangte keine Behörde ein Visum oder eine Aufenthaltserlaubnis.

So kamen viele Flüchtlinge per Schiff oder mit der Transsibirischen Eisenbahn in das damals von Japan besetzte Schanghai. In der Hafenstadt mit ihren 6,5 Millionen Einwohnern wurden die Flüchtlinge unterstützt von reichen jüdischen Kaufleuten, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Schanghai niedergelassen hatten, sowie Hilfsorganisationen aus dem Ausland. Die Neuankömmlinge selbst, die meist ihr Eigentum in der Heimat zurücklassen mußten, nahmen jede Arbeit an. Aus Professoren oder Künstlern wurden Tellerwäscher oder Kellner, andere eröffneten Friseursalons oder Arztpraxen.

Sicher vor dem Zugriff der Nationalsozialisten aber waren die Emigranten in Schanghai nicht. Denn Deutschland bemühte sich, das verbündete Japan von der „Endlösung der Judenfrage“ auch im fernen China zu überzeugen. Doch die Besatzungsmacht Japans war nur bereit, im Februar 1943 im stark kriegszerstörten Stadtteil Hongkou ein Sperrgebiet für „alle nach 1937 angekommenen staatenlosen Flüchtlinge“ einzurichten - das jüdische Getto von Schanghai.

Hier lebten die Verfolgten auf engstem Raum mit Chinesen zusammen - unter elenden Umständen zwar, aber nicht bedroht von Verfolgung und Ermordung. In all der Not blühte ein kulturelles Leben. Theater oder Konzertsäle wurden eingerichtet, Zeitungen und Zeitschriften herausgegeben. Die Chinesen nannten Hongkou „Klein-Wien“ oder „Klein-Berlin“. Als nach Kriegsende das Getto im September 1945 aufgelöst wurde, gingen die Emigranten in die USA, nach Australien oder nach Palästina.

Bundeskanzler Schröder wird nicht das Getto-Gebiet besuchen, sondern eine 1920 erbaute und renovierte ehemalige Synagoge, die ebenfalls von der langen Geschichte der Juden in Schanghai zeugt. In Hongkou, einem noch immer ärmlichen Teil der Wirtschaftsmetropole Schanghai, verblassen mit den Schriftzügen früherer jüdischer Geschäfte an einigen Häusern die fast letzten Spuren des Gettos.

 

Am 6. Juni 1939 stellt Sally Katz eine Bescheinigung aus, daß Hugo Blumenthal aus Bischofsheim am religiösen Leben der jüdischen Gemeinde aktiv teilnimmt und deshalb am jüdischen Feiertag nicht zur Arbeit beim Bürgermeister erschienen ist. Herrn Hermann Goldschmidt aus Bischofsheim bestätigt er, daß er Landwirt und Viehzüchter gewesen ist, damit er in England eine Arbeitserlaubnis bekommt. Ab 15. März 1940 müssen die Auswanderungslisten alle zwei Wochen eingereicht werden. Die Bürgermeister haben ein Interesse daran, daß ihr Ort „judenfrei“ wird. Deshalb wird immer mehr ein freiwilliger Zwang ausgeübt.

Die jüdische Fastenspeise Mazzen kann 1940 nur noch durch die jüdischen Gemeinden gegen Abgabe von Brotmarken verteilt werden. Aus Hochstadt werden 30 Pfund Mazzen und 7½ Pfund Mehl bestellt für 13 Personen (einschließlich Bischofsheim).

Waren für das Passahfest können noch bei einer Firma in Berlin bestellt werden. Volksgasmasken gibt es über die Reichsvereinigung. Diese unterstützt 1939 die Witwe Blumenthal aus Bischofsheim und 1940 Nathan Appel, dessen Untermieter ausgezogen ist.

Ab Mai 1940 besteht ein Ausgehverbot für Juden im Sommer von 21 bis 5 Uhr und im Winter von 20 bis 6 Uhr. Im Jahre 1941 wird dann die „Endlösung der Judenfrage“" beschlossen: Die Juden werden in den Osten verschleppt und grausam umgebracht.

Am 30. Mai 1942 werden Sally und Recha Katz verschleppt, i. Im Jahre 1942 werden weiterhin verschleppt das Ehepaar Appel aus Hochstadt.

Im Februar 1945 werden noch die jüdischen Partner aus sogenannten „Mischehen“ fortgebracht, sogenannte „Geltungsjuden“. Wer Jude war, wurde bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 festgestellt, bei der man die Eltern und deren Konfession angeben mußte. Aber das hatte nichts mit der Religion zu tun, sondern es ging nach der rassischen Definition der Nazis. Unter diesen Verschleppten sind auch Theodor Ausäderer aus Hochstadt und seine Schwester Paula. Sie kommen am 17. Februar nach Theresienstadt, überleben aber.

 

Nach dem Krieg fordert die Militärregierung am 22. Juni 1945 die Erfassung des jüdischen Vermögens, das aufgrund der antijüdischen Gesetze mit Zwang veräußert wurde. Die Gemeinde Hochstadt nennt zunächst nur die Grundstücke im staatlichen Besitz, am 1. August 1945 aber auch die gemeindeeigenen. Man bestätigt immerhin, daß die jüdischen Besitzer „durch die Partei ausgewiesen wurden“" und „eine Zwangslage in allen Fällen gegeben war“".

 

Synagoge und Schule:

Die Synagoge, das jüdische Bethaus, stand bis 1938 auf dem Grundstück Hauptstraße 43. Das heutige Wohnhaus mit einem Gewölbekeller unter dem nördlichen Teil war die jüdische Schule und wurde 1868 erbaut. Das Hoftor stand etwas weiter hinten in der Gasse als heute. So konnte man von außen durch einen kleinen Gang hinter dem Schulhaus zur Synagoge gelangen. Die Eingangspfosten zu diesem Gang sind noch erhalten. Gleich links in diesem Gang war der Brunnen für das Grundstück.

Im Hof steht zum Nachbargrundstück hin bis heute ein kleines Toilettengebäude und die heutige Waschküche. In ihr  befand sich aber die „Mikwe“, ein Bad für rituelle Waschungen, etwa so groß wie eine Tischplatte und tief wie eine Badewanne. Die Mikwe wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg zugeschüttet und mit einem Zementboden überzogen.

Die eigentliche Synagoge stand auf dem hinteren Teil des Grundstücks bis an den Wehrgang hinter der Ringmauer. Das letzte Gebäude an dieser Stelle soll um 1850 gebaut worden sein. Es war ein einfacher Steinbau mit einem Satteldach aus Fachwerk, dessen First aber in gleicher Richtung wie die Ringmauer verlief (also anders als das heutige Wohnhaus). Die Synagoge war zweistöckig und etwa so hoch wie die umliegenden Scheunen und auch das Schulhaus.

Der Eingang war von der Seite des Schulhauses her. Rechts ging gleich eine Treppe hoch zur Frauenempore, die 53 Sitzplätze hatte. In der Mitte des Raumes stand der „Almenor“, zu dem rechts und links je zwei Stufen hinaufführten. Von dort wurde aus den Thorarollen (Bücher des Mose) vorgelesen. Links davon war ein kleines Vorbeterpult und der Thoraschrein, zu dem auch zwei Stufen hinaufführten. Im Thoraschrein werden die Thorarollen aufbewahrt.

Links vom Eingang standen drei Bänke mit je vier Sitzplätzen, hinten an der Wand dann sechs Bänke mit je vier Sitzplätzen. Unter der Frauenempore befanden sich zwei Bänke. Insgesamt waren es 55 Sitzplätze für die Männer.

 

Die Synagoge und die Schule muß schon lange bestanden haben. Im Jahr 1773 wird vermerkt, daß auch die Judenschule Abgaben zahlt. Ein Vorsänger der Juden wird bereits am  29. Oktober 1792 erwähnt, weil er zwei Juden, die sich in der Synagoge gestritten hatten, mit zwei Gulden Strafe belegt, von denen einer der Kirche vermacht wird, der andere aber der jüdischen Schule verbleibt. In der Schule war üblicher Schulunterricht, nicht nur Religionsunterricht.

Im Jahre 1829 heiratet in Hochstadt der Vorsänger Maier Hirsch seine Frau Mariechen geborene Landauer. Sie sind 52 und 47 Jahre alt. Maier Hirsch stirbt am 15. Mai 1856 im Alter von 82 Jahren. Er war zweimal verheiratet, hat aber keine Kinder. Er wird auch als „Schlächter und Vorsänger“ bezeichnet, das heißt er war geistlicher Leiter der Gemeinde, der den Gemeindegottesdienst leitet, aber er war auch der Metzger, der Tiere nach rituellen Vorschriften schlachtet. Die Aufgabe des Schlachtens wird später von den Metzgern übernommen, die Leitung des Gottesdienstes von den Lehrern.

Angaben zu den Lehrern der Synagogengemeinde Hochstadt (und auch zu den Gemeindeältesten) ergeben sich auch aus den Randbemerkungen in den Personenstandsregistern, aber auch aus Eintragungen von Amtshandlungen bei ihnen selber.

Ab März 1841 unterschreibt erstmals der Lehrer Joseph Preßburger im Geburtenregister. Sein Vater Michael war auch schon Lehrer. Der Sohn Joseph ist 1792 geboren und heiratet  1845 Sara Strauß aus Wachenbuchen. Seine Frau stirbt schon 1849. Sein Tod ist in Hochstadt nicht vermerkt, so daß er wohl in eine andere Gemeinde gegangen ist.

Von 1852 bis 1858 unterschreibt der Provinzial-Rabbiner T. Berliner das Personenstandsregister mit. Da er aber auch als Lehrer bezeichnet wird, war er vielleicht auch in Hochstadt Lehrer.

Am 2. Mai 1858 unterschreibt erstmals der Lehrer und Vorsänger Salomon Neumark. Sein Vater ist Heym Neumark, Lehrer in Vollmerz. Der Sohn Salomon ist im Mai 1824 geboren und heiratet am 21. Juni 1858 in Hanau seine Frau Mina Lichtenstein aus Marköbel. Die Tochter Hannchen, geboren 1861, heiratet Löb Katz aus Marköbel (die Grabsteine sind auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten). Salomon Neumark stirbt im Mai 1864 in Hochstadt im Alter von 40 Jahren.

Ab September 1866 unterschreibt der Lehrer und Vorsänger Lion Krauß, ab 1872 allein. Er dürfte identisch sein mit dem Lehrer Löb Kraus, geboren 1831 in Thurdorf (evtl. Thundorf bei Bad Kissingen), der 1889 in Dörnigheim stirbt. Seine Frau Sarah, geboren in Langendiebach, stirbt 1887 in Hochstadt. Im Jahre 1876 will er Ortsbürger werden.

Ab 1874 werden die jüdischen Kinder aus Bischofsheim, die bisher die jüdische Schule in Hochstadt besuchten, in die allgemeine Schule in Bischofsheim eingeschult.

Im Jahre 1906 werden zwei jüdische Kinder aus der Bukowina in die zweite Klasse aufgenommen. Am 8. Januar 1912 besucht Pfarrer Reich in seiner Eigenschaft als Schulinspektor den Unterricht in der israelitischen Schule. Der Lehrer heißt Wertkau oder auch David Werthan, denn ein Lehrer mit diesem Namen meldet 1913 in Wachenbuchen den Tod seines Schwiegervaters beim Standesamt.

Bald darauf wird wohl die jüdische Schule aufgelöst. Im Jahre 1919 jedenfalls gehen zwei jüdische Schüler in die allgemeine Schule.

 

 

Familien:

In Hochstadt gibt es - soweit bekannt - zuletzt folgende jüdischen Familien:

 

 

 

 

MARCUS STERN, BOGENSTRASSE 1:

 

Die Familie  Stern aus Bischofsheim:

Der älteste bekannte Vorfahre dieser Familie Stern (es gibt in Bischofsheim noch eine andere Familie Stern) ist Nathan Stern. Er ist 1750 in Bischofsheim geboren und stirbt dort auch 1843. Er heiratet vor 1790 Bella Maier, deren Name auch „Meyer“ geschrieben wird. Der Name der Frau ergibt sich aus dem Heiratseintrag der Söhne Markus und  Kaufmann. Es wird auch „Löb Maier“ angegeben, aber Löb dürfte der Vorname des Vaters sein. Im Jahre 1815 quittiert Nathan Stern zum ersten Mal eine Rechnung ohne vor seinen Namen das Wort „Jud“ zu setzen.

In den Akten der Gemeinde Bischofsheim findet sich aber noch ein weiterer Hinweis auf Nathan Stern: Im Jahre 1758 müssen drei Metzger an die Gemeinde Steuer („Schlachtaccise“) bezahlen Diese sind: Jud David, Jud Afron (Aron), Jud Salmon (Salomon). Im Jahre 1762 werden ein Jud Hesekiel, ein Jud Simon und ein Jud Aron als Metzger vermerkt. Im Jahre 1785 kommt noch hinzu Jud Nathan (gemeint ist wohl Nathan Stern, 1750 - 1843, Enkel im Haus Niedergase 22) und 1787 Jud Mortge („Mortge“ ist die Kurzform von „Mordachey“).

 

Die Familie hat vier Kinder:

1. David geboren 1790 und verheiratet 1830 mit Ida Grünbaum und wohnhaft in Hochstadt.

2. Salomon, geboren 1800, von Beruf Schneider, gestorben im Alter von 26 Jahren.

3. Markus (Mordechai), geboren 1806, verheiratet am 8. Juni 1845  mit Hannchen Löb,

    Tochter des Lehrers Samuel Löb und dessen Frau Rachel Samuel Benjamin in Klein-                                                                      Auheim (heute Stadtteil von Hanau).

4. Kaufmann (Kaloymos), geboren 1811, verheiratet mit Karoline Wolf aus Wohnbach.

 

Der Sohn Markus Stern hat drei Kinder, von denen aber nur der am 21. Oktober 1848 geborene Nathan Stern heiratet. Der Mann ist von Beruf Handelsmann und handelt vorwiegend mit Alttextilien. Er heiratet am 8. November 1873 Regine Müntz aus Altengronau (im Spessart). Sie wohnen in Bischofsheim in der Niedergasse 22.

Die Gräber der Eheleute sind auf dem Friedhof Hanau erhalten. Die Inschrift auf dem Grabstein 12/35/5 (Grabfeld 12, rechte Seite des Friedhofs, die erste Reihe hat die Nummer 41)

lautet: „Nathan Stern I., Sohn des Mordechai ha-Levi aus Bischofsheim, geboren am 21.10.1848, gestorben am 19.09.1924“. Und auf dem Grabstein 12/22/14 steht: „Regina (Reichel) Stern geborene Münz, Ehefrau von Nathan Stern I., Tochter des Schmuel (Samuel) Müntz und der Rebekka geborene Simon, aus Bischofsheim, geboren am 04.01.1844 in Altengronau, gestorben am 02.05.1906 in Bischofsheim“.

 

Das Ehepaar hat fünf Kinder:

1. Das älteste Kind ist Marcus, geboren 9.12.1874

2. Samuel, geboren 1877. Er könnte identisch sein mit Sally Stern, der den Tod von Arnold Stern am 8. Januar 1933 beim Standesamt anmeldet; er ist Schneider und wohnt in Frankfurt in der Herbertstraße 13.

3. .Johanna, geboren 1878, verheiratet 1909 mit Alfred Wolff, drei Kinder

4. Simon, geboren 1882, von Beruf Altwarenhändler  und gestorben 1942 in Bischofsheim

5. David, geboren 1885, gestorben 1891.

Der ältester Sohn Marcus zieht nach Hochstadt.

 

Die Familie Stern in Hochstadt:

Marcus Stern wird er am 9. Dezember 1874 in Bischofsheim geboren. Das Kind wurde erst nachträglich in das Geburtsregister der Synagogengemeinde eingetragen, einmal im Jahre 1875 und dann noch einmal an der richtigen Stelle im Jahr 1874 dazwischen geschrieben. Es steht aber auch im Standesamtsregister.

Er heiratet bald nach 1900 Sofie Rosenthal, die in Frankfurt geboren ist und schon 1918 starb. Sie wohnen zunächst (1904) im Hochstadt in der Hanauer Straße 2 und dann (1906) in der Bogenstraße 1. Sie wohnen zur Miete, denn das Haus Bogenstraße 1 gehörte dem Bahnwärter Andreas Fischer, der 1897 geheiratet hatte und 1952 starb.

In Hochstadt war von Marcus Stern nur bekannt, daß er seine Erlebnisse beim Militär im Ersten Weltkrieg zum Ergötzen der Zuhörer in Art des braven Soldaten Schweijk vortrug, aber von den Zuhörern im Grunde verlacht wurde.

Die Eheleute Marcus Stern und Sofie geborene Rosenthal haben fünf Kinder:

1. Hilda Johanna, geboren 1904, war von Beruf Hausangestellte. Sie wurde von den Nazis in die Heilanstalt Herborn gebracht und ermordet. In der Liste H der Landesheilanstalt Hadamar, der Liste aller und gesundheitlichen Aufzeichnungen über Deutsche Juden, Urkunden von 1937 – 1941, ist festgehalten, daß Hilde Stern aus Frankfurt, geboren 11.03.04, auch in der Landesheilanstalt Hadamar untergebracht war. In der Landesheilanstalt Gießen dagegen sind keine Urkunden über sie vorhanden.

Im September 1939 weigert sich laut Unterlagen im Stadtarchiv Maintal Simon Stern aus der Niedergasse 22 in Bischofsheim, einen Koffer mit Kleidungsstücken an seine Nichte  Hilda Stern in die Landesheilanstalt Herborn zu schicken. Sie war am 8. Dezember 1938 von Frankfurt-Höchst nach Bischofsheim zugezogen, am 1. Juni 1939 ist sie wieder nach Frankfurt verzogen. Danach ist sie offenbar in die Heilanstalt gekommen. Das Gesundheitsamt Frankfurt bittet den Bürgermeister, Stern zum Abschicken des Koffers zu veranlassen.

2. Gustav, geboren 1905, heiratet Johanna Gundersheim aus Wachenbuchen. In der Karteikarte des Lagers Westerbork in den Niederlanden, angelegt am 30.04.1943, über Gustav Stern (Amsterdam, Z. Amstellaan 8), ist auch ein Freddy Salomon erwähnt, geboren 04.04 1938, vielleicht ein Sohn. Er ist Mitarbeiter in der Lebensmittelherstellung und Teilnehmer am Lehrlingskurs Schuhmacher. Er ist gemäßigt orthodoxen Glaubens und hat ein Magengeschwür. In den Transportlisten des Lagers Westerbork ist Gustav Stern eingetragen unter dem 18.05.1943, wahrscheinlich dem Datum der Verschleppung nach Sobibor.

3. Recha, geboren 1906, stirbt wenige Tage nach der Geburt.

4. Elsa, geboren 1908, ist zuletzt in Sobibor und wird von den Nazis ermordet.

5. Hedwig, geboren 1910, ist Mutter von Paula und Rudi Stern.

6. Rosa, geboren 1911, stirbt bald nach der Geburt.

 

Aus den Transportlisten der Geheimen Staatspolizei Frankfurt geht hervor: Markus Stern, geboren 9.12.1874 Bischofsheim, wohnhaft Frankfurt, Gwinnerstraße 20, am 22. November 1941 mit dem III. Transport nach Osten gebracht wurde, das Ziel war voraussichtlich Riga (laut der  „List of victims from Germany“ in der Gedenkstätte Yadvashem). Das war die erste Verschleppung aus dem Kreis Hanau, bei der auch die Familie Schönfeld deportiert wurde. Aus der Liste G, ausgestellt vom Polizeipräsidenten Frankfurt am 20. August, geht noch hervor, daß die Devisenstelle der Landeszentralbank Frankfurt die Verwalterin des Vermögens ist

 

 

Hedwig Stern:

Im Jahre 1933 ging sie auf der Flucht vor der Gestapo nach Frankfurt, wo  1933 ihre Tochter Paula geboren wurde (der Vater ist unbekannt). Dann ging sie durch Vermittlung einer Freundin nach Wiesbaden, wo 1935 der Sohn Rudi Stern geboren wurde. Dort lebte sie bei Rudi Leitem, der damals in der Stadt ein bekannter Mann war. Er ist vermutlich der Vater  von Rudi Stern. Die Eltern konnten nicht heiraten, weil die Mutter Jüdin war. Die Vaterschaft ist auch nur durch das Gerede der Leute bezeugt.

Bei einem Anruf in Wiesbaden bei Rosemarie Leitem (der Schwiegertochter von Rudi Lei­tem) erklärtesie, daß sie erst 1962 nach Wiesbaden gekommen sei. Damals sei ihr Schwie­gervater Rudi Leitem mit einer Frau verheiratet gewesen, deren Geburtsname Schlosser ist. Über die Zeit vorher wisse sie nichts. Auch als ich den Namen Hedwig Stern nannte, leugnete sie, diesen Namen zu kennen. Sie gab auch nicht an, daß es sich um eine jüdische Familie handele. Sie sagte nur, daß Rudi Leitem 1987 gestorben sei, sein Sohn (ihr Mann) ist dann 1991 gestorben. Frau Leitem will nichts mit Juden zu tun haben. Aber immerhin hat sie Bilder von Hedwig Stern aus einem Album an Rudi Stern gegeben.

 

Nach der Pogromnacht 1938 flüchtete die Mutter vor der Verfolgung mit den Kindern nach Straßburg. Aber nach der Besetzung als Frankreichs wurde die Familie getrennt. Die Kinder wurden in katholischen Kinderheimen untergebracht. Die Mutter kam über Belgien in die Niederlande. Am 12.8.1942 (anderes Datum laut Suchdienst: 07.11.1942) heiratete sie in Amsterdam dann Heinz Cohen (geboren 19.07.1912 in Beverungen, gestorben  29.01.1945 in Deutschland) und führte von da an auch dessen Namen.

In der Karteikarte des Lagers Westerbork, angelegt am 21.08.1942, wird als alte Lagerbewohnerin erwähnt: Cohen-Stern, Hedwig, geboren 09.05.1910 in Hochstadt, wohnhaft in der Juliane von Stolberglaan 8, Hilversum (andere Angabe: Amsterdam, Z. Amstellaan 8), Transport am 14.09.1943, wohl das Datum der Verschleppung nach Auschwitz

Das Standesamt Hochstadt gibt das Jahr 1944 als Todesjahr und Auschwitz als Todesort an.

Auch der Sohn Rudolf Stern gibt 1944 als Todesjahr an und beruft sich dabei auf die Aussage

von Yad-wa-Schem.

Das Datum 14.09.1943 steht auch groß auf einem Schriftstück mit der Überschrift  „Cude Kampbewoners“. Dort  steht auch, daß sie am 12.08.1942 operiert (?) wurde und daß sie mit  Heinz Cohen, geboren 19.07.1912 in Beverungen in Deutschland, verheiratet war. Auf einem weiteren Schriftstück werden die Angaben zum Ehemann bestätigt.

Von Auschwitz wurde Hedwig Stern später in das KZ Malchow gebracht, ein Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück. Ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Als Sterbeort steht auf dem Namenband der Gedenkstätte in Wiesbaden „Malchow“, weil das ihr letzter bekannter Aufenthaltsort ist.

Im Standesamt Hochstadt werden nach dem Krieg verschiedene Vermerke hinzugefügt:

1. In der Nazizeit wird der Zwangsname „Sara“ hinzugefügt.

2. „Hochstadt, den 2. August 1954: Die Ehefrau Hedwig Cohen geb. Stern ist durch rechtskräftigen Beschluß des Amtsgerichts Hamburg....vom 10.04.1954......für tot erklärt worden. Als Zeitpunkt des Todes ist der 29. Januar 1945, 24 Uhr, festgestellt worden. Der Standesbeamte Brosch“.

3. „Der vorstehende Randvermerk vom 30. März 1939 wird gelöscht, Hochstadt, den 15. März 1963, Der Standesbeamte, in Vertretung Schacht“. Man beachte, daß erst die Todeserklärung eingetragen wird und erst wesentlich später der Vermerk über die Änderung des Vornamens.

 

 

Rudi Stern:

Herstellung des Kontakts mit Rudi Stern:

Im Jahre 2000 hatte Rudi Stern an das Staatsarchiv Marburg geschrieben, um von dort etwas über seine Familie zu erfahren. Dies gab die Anfrage an Frau Waltraud Burger weiter, die solche Dinge professionell bearbeitet und an die Rudi Stern viel Geld gezahlt hat. Sie hat dann die Stadt Maintal angeschrieben und diese gab das Schreiben an mich weiter. Aber damals konnte ich auch nicht mehr sagen als das, was in meiner Chronik stand, nämlich den Satz über den Großvater.

Nach einigen Jahren habe ich dann die Verfilmungen der Personenstandsregister der jüdischen Gemeinden Hochstadt und Wachenbuchen erhalten. Sie waren vom „Reichssippenhauptamt“ hergestellt worden und die zum Glück im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden erhalten Diese hatte ich in ein Genealogieprogramm übernommen und dann durch die Auswertung der Standesamtsregister ab 1875 ergänzt.

Beim Durchblättern meines Ordners stieß ich dann 2006 auf das Schreiben von Frau Burger, das ich längst vergessen hatte. Frau Burger wollte aber meine Unterlagen selber haben und abschicken, aber sie teilte mir mi, daß sie keine Bestätigung erhalten habe, daß alles angekommen ist.

Wenigstens konnte ich erreichen, daß Frau Burger mir die E-Mail-Adresse von Rudi Stern mitteilte ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ). Am 29. Juni 2006 schrieb ich an ihn und schickte ihm  noch einmal alles mit. Er antwortete umgehend und bat um die Papiere.

Ich schickte ihm dann den Stammbaum seiner Familie. Er war zufrieden, daß er aus einer deutschen Familie stammt, nicht aus Polen oder Rumänien. Er war schon mehrmals in Wiesbaden, wo ihm eine Bekannte seines Vaters die Wohnung für einen Urlaub zur Verfügung stellen. Er sagt aber: Er kommt dann aber nicht nach Deutschland, sondern nach Wiesbaden, in die Stadt seiner Eltern. Er wollte wissen, ob etwas bekannt sei über das Schicksal seines Großvaters, ob etwa ein Grab auf dem Hanauer Friedhof sei. Dort sind aber nur die Gräber seiner Ur-Großeltern aus Bischofsheim.

Aber er wollte mir nicht umgedreht nähere Angaben über seine Familie geben, ehe er nicht weiß, wer ich bin. Er sagte auch, er wollte keine Verbindung zu Deutschland. Sein Vater sei ein guter Deut­scher und Patriot gewesen, alle Familienmitglieder seien gute Deutsche gewesen, aber sie seien alle von den Deutschen ermordet worden [Nachher stellte sich allerdings heraus, daß er sehr wohl einen deutschen Paß hat].

Ich schrieb ihm dann einiges über meine Person und daß ich deshalb gern etwas erfahren möchte, um zu zeigen, daß die Nazis ihr Ziel nicht erreicht haben, die Juden in Deutschland und Europa auszurotten. Er schickte mir dann noch einen Artikel aus Spanien, in dem gesagt wird: Die Deutschen wollten die Juden loshaben, dafür habe sie die Moslems gekriegt! Ich habe ihm geantwortet, daß man auch ihnen gegenüber Toleranz üben sollte.

In einigen Telefongesprächen erfuhr ich dann mehr über die Familie, das weiter oben schon und auch unten eingearbeitet wurde.

 

Lebenslauf:

Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen wurde die Familie getrennt. Rudi und seine Schwester wurden in Frankreich in verschiedenen katholischen Kinderheimen („bei Nonnen“) untergebracht. Dort wurden sie aber von den anderen Kindern immer als Deutsche beschimpft und oft geschlagen, so daß er in dieser Zeit praktisch kein Französisch lernte und auch das Deutsche verlernte. Zuletzt war Rudi in Toulouse.

Die deutsche Sprache hat er vergessen (er war vier Jahre alt!), die französische unter diesen Umständen nicht gelernt. Im Jahre 1947 kam er über Marseille mit einem Schiff nach Israel, so daß das moderne Hebräisch heute seine Muttersprache ist. Erst in Israel hat er erfahren, daß er eine Schwester Paula hat (in Israel heißt sie „Mira“), die aber überhaupt keinen Kontakt mit Deutschland haben will.

In Israel kam er zunächst auch wieder in ein Kinderheim, nämlich in das „Stella Maris“ in Haifa. Während des Armeedienstes war er vier Jahre bei den Fallschirmspringern, eine seiner Vorgesetzten war Mosche Sharon. Sein Wunsch wäre aber gewesen, im U-Boot zu fahren. Aber er scheint ziemlich furchtlos zu sein, denn bei einem Telefongespräch sagte er seelenruhig: „Gerade fliegen wieder die Katjuschas über uns hinweg!“

Nach der Scheidung von seiner Frau wollte er in Deutschland Fuß fassen und arbeitete für John Deer in Mannheim. Aber nach fünf Monaten verlangte der Kibbuz von ihm, daß er sich entscheidet. Da ging er wieder zurück nach Israel. Er wohnt heute im Kibbutz Beit Hashita, etwa 30 Kilometer von Nazareth entfernt (Kibutz Beit Hashita, Israel 18910).

Aus erster Ehe hat er vier Töchter. Rachel ist seine zweite Frau, mit der er aber nicht offiziell verheiratet ist. Sie hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Sie leitet heute die Postagentur in ihrem Kibbutz. Sie ist in Israel geboren, aber ihre Vorfahren stammen aus Polen. Sie wohnen in Bethashita, etwa 30 Kilometer von Nazareth entfernt.

Von Beruf ist Rudi Stern ein Mechaniker. Er hat für die amerikanische Traktorenfabrik „John Deer“ gearbeitet und war viel im Ausland in Afrika und Asien. In Ghana hat er zum Beispiel in den Gebrauch der Maschinen und ihre Reparatur einzuweisen Als er für fünf Monate zur Ausbildung in ein Werk in Mannheim geschickt wurde, war er zweimal in Wiesbaden, ist aber jedesmal wieder auf dem Bahnhof umgekehrt. Erst als die Stadt Wiesbaden frühere jüdische Einwohner einlud, hat er sich doch ein Herz gefaßt und seine Geburtsstadt wieder besucht. Seitdem war er öfters in Wiesbaden, wo ihm Bekannte seines Vaters die Wohnung für einen Urlaub zur Verfügung stellt. Er sagt aber, er komme nicht nach Deutschland, sondern nach Wiesbaden, in die Stadt seiner Eltern und seine Geburtsstadt.

Der Familie geht es nicht unbedingt gut. Die Kibuzzim in Israel sind vorwiegend landwirtschaftliche Genossenschaften, die heute alle finanzielle Schwierigkeiten haben und um das Überleben kämpfen. Sie können deshalb ihren Mitgliedern wenig zahlen. Rudi Stern erhält als Rentner umgerechnet 200 Euro im Monat. Seine Frau betreibt noch die Postagentur, um wenigstens noch einen geringfügigen Verdienst zu haben.

Manchmal sehnt sich Rudi Stern auch nach Deutschland. An seinem Wohnort ist es mindestens dreimal im Jahr über 45 Grad heiß. Er verträgt die Hitze nicht so gut und kann dann nicht aus dem Haus gehen. Auch gefallen ihm (und auch seinen Töchtern) die grünen Landschaften in Deutschland, während sie praktisch in der Wüste leben.

Auch seiner Schwester Paula, die ebenso in Israel wohnt und „Mira“ genannt wird, konnte jetzt endlich eine Geburtsurkunde aus Frankfurt besorgt werden. Dadurch hat ihr Sohn die Möglichkeit, einen deutschen Paß zu beantragen (bei Israelis gibt es offenbar die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft).

 

Besuche:

Am 23. September 2006  besuchte mich Rudi Stern mit seiner Frau in Hochstadt, als er gerade wieder einmal in Wiesbaden war. Ich holte ihn am Hauptbahnhof in Frankfurt ab (ich hatte sein Bild und er meins in der Hand).  Zunächst ging es nach Bischofsheim in die Niedergasse 22. Hier hatte Rudi Sterns Urgroßvater Nathan einen Textilhandel, sammelte aber vor allem Alttextilien ein. Später wohn­ten dort sein Sohn Simon, der 1942 in Bischofsheim starb, und die Brüder Wolff.

Seit vier Jahren gehört das Haus der Familie Gerald Kowarzik, die gerade beim Renovieren und Umbau waren. Sie waren sehr entgegenkommend und zeigten das Haus bis unters Dach und auch den Garten mit dem ehemaligen Luftschutzbunker. Rudi Stern wollte gern ein Andenken mitnehmen. Herr Kowarzik gab ihm ein Stück Balken aus dem Haus, das er mit einem Filzstift mit der Aufschrift „Marcus Stern 1874“ versehen mußte. Jetzt hatte Rudi Stern ein Stück greifbare Geschichte seiner Familie.

In Hochstadt wurde ein Rundgang zu den Häusern gemacht, die von jüdischen Familien bewohnt wurden. Das erste Ziel war das Haus Hanauer Straße 2, in dem der Großvater Marcus Stern 1904 wohnte. Dann ging es in die Bogenstraße 1, wo die Familie seit 1906 wohnte.

Auch hier war Herr Wolfgang Fassing so freundlich, den Hof des Grundstücks zu zeigen und einen Blick in das Haus werfen zu lassen.

Dann wurde noch der Platz der ehemaligen Volksschule aufgesucht, in die sicher auch die Mutter Rudi Sterns gegangen ist, dann die ehemalige jüdischen Schule und der Platz der Synagoge. Rudi Stern war überglücklich, daß er seine Familie wiedergefunden hatte, daß er zu den Wurzeln seiner Familie zurückgekehrt war, wie er sagte. Schließlich besuchten wir auch noch auf dem jüdischen Friedhof in Hanau die Gräber der Urgroßeltern.

 

Für den Sommer 2008 lud die Stadt Maintal Rudi Stern und seine Tochter nach Maintal ein und bezahlte auch den Flug für zwei Personen (er kam dann allerdings mit allen drei leiblichen Töchtern). Wieder wurden die Stätten der Familie besucht. Schwerpunkt war aber ein Besuch in der Kästner-Schule mit einem Gespräch mit der neunten Klasse (siehe Zeitungsbericht).

 

Rente:

In Israel waren Zeitungsberichte erschienen, daß deutsche Holocaust-Opfer eine Rente  in Deutschland erhalten könnten. Dieses erwies sich jedoch als Falschmeldung, denn in Deutschland kann man nur eine Rente erhalten, wenn man mindestens ein Jahr in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Nach einigen Hin und Her zog man aber doch die fünf Monate heran, die Rudi Stern einmal in Mannheim gearbeitet hatte. Die Monate rundete man dann auf ein Jahr auf, und so erhält er jetzt monatlich 6 Euro Rente aus der  DeutschenRentenversicherung, die auf ein deutsches Postsparbuch gehen

 

 

NATHAN APPEL, BOGENSTRASSE NR. 6:

Es gibt zwei Familien, deren Stammväter den Vornamen Namen „Nathan“ haben:

I.) Nathan Appel und Jeanette Schönfeld haben vier Kinder:

a.) Herz Appel heiratet 1838 Klara Reiß aus Obereschbach. Im Jahre 1838 zahlt er an die Gemeinde 17 Gulden Einzugsgeld; für 19 Gulden kann er 1856 ein Stück Land kaufen. Der Grabstein des Mannes ist auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten. Die Tochter Bettche (Betty) heiratet den Metzger Joseph Hamburger und stirbt 1909, ihr Grab ist auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten.

b.) David Appel heiratet 1843 Jachet Reiß aus Obereschbach. Ihre Tochter Bettchen heiratet Adam Wolf, Fleischhauer aus Kronberg.

c.) Joseph Appel heiratet 1837 Bienchen Schönfeld aus Wachenbuchen und zieht nach dort.

d.) Jette Appel heiratet 1841 Salomon Benedikt Fuß aus Bergen.

 

II.) Nathan Appel hat eine Frau mit dem Namen Keißer (oder Kaiser). Sie dürfte mit der 1835 als Bürgerin aufgenommenen Witwe Nathan Appels gemeint sein. Sie haben zwei Kinder:

a.) Benjamin Appel heiratet 1825 seine Frau Bette geborene Keiser. Er ist ein Schutzjude, er mußte also Schutzgeld zahlen, um als Einwohner geduldet zu werden (Einwohner dritten Ranges). Er wird 1825 auch in anderen Unterlagen der Gemeinde erwähnt. Benjamin Appels Frau ist aus Fritzlar und Tochter des Manasse Keiser, Doktor der Schrift, also Tochter eines jüdischen Schriftgelehrten. Er könnte vom Alter her der „Herr Appel“ sein, bei dem am 16. April 1837 der Kirchenbaumeister Faß Geld umwechselt, und zwar Heller im Wert von 6 Gulden, den Gulden für 50 Kreuzer (üblicher bis guter Kurs).

Ihr Sohn Herz Appel ist schon „Beisasse“ (Einwohner zweiten Ranges) und heiratet 1863 seine Frau Bertha geborene Stern aus Bischofsheim. Er dürfte mit dem Metzger gemeint sein, der beim Sängerfest am 28. Juni 1903 in Hochstadt auf dem Festplatz Wurstwaren verkaufen will, aber vom Landrat keine Erlaubnis erhält.

 

b.) Hendel Appel heiratet 1837 Jesel Stern. Ihr vorehelicher Sohn Nathan Appel heiratet 1858.

 

Herz Appel und seine Frau Bertha haben sieben Kinder: Die Tochter Bettchen heiratet 1894 den Damenschneider Isidor Ausäderer. Die Tochter Malchen heiratet 1892 Max Linz. Die Tochter Jeanette heiratet Alfried Hartoch. Und der Sohn Nathan, geboren am 30. Oktober 1873, heiratet vor 1897 Hannelore („Hannchen“) Lind, geboren am 1. September 1867 in Hüttengesäß. Sie wohnen im Haus Bogenstraße 6.

 

Nathan Appel nimmt am Ersten Weltkrieg teil. Als sein Beruf wird Metzger und Handelsmann angegeben. Doch er sammelt nur mit einem kleinen Wagen, der von einem Esel gezogen wird, allerhand gebrauchte Sachen und Hasenfelle ein; später hat er nicht einmal mehr den Esel. Er nimmt laut der Akten im Stadtarchiv von 1896 bis 1935 immer wieder Hypotheken auf. Die Familie wird im Jahre 1922 auch im Grundsteuerverzeichnis aufgeführt.

Der Althandel von Nathan Appel wird am 5. August 1938 auf Anordnung des Landrats als jüdisches Unternehmen erfaßt. Am 6. Februar 1939 bescheinigt Nathan Appel, daß er von Herrn Weber (Angestellter auf dem Bürgermeisteramt?) den Führerschein und die Kraftfahrzeug-Papiere seines Sohnes Gottfried erhalten hat.

 

Nathan und Hannchen Appel werden am 5. September 1942 bei der dritten Deportation in Hessen von Hanau aus in das Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien verschleppt. Nathan Appel stirbt dort am 18. März 1944 und seine Frau am 30. Juni 1944. Da es an den Todestagen keine größeren Mordaktionen gab, kann man vermuten, daß sie wahrscheinlich an Schwäche durch Hunger und Krankheit gestorben sind.

Ihr Sohn Gottfried (geboren am 8. Mai 1900) und seine Frau Melitta geborene Löwenstein aus Marköbel (geboren 18. Februar 1898) werden zusammen mit den Eltern nach Theresienstadt verschleppt. Im August oder September 1942 werden sie nach Minsk weitertransportiert und dort wahrscheinlich in Gaswagen getötet. Es wird erzählt, ein Sohn sei entkommen und lebe heute in Es wird erzählt, ein Sohn sei entkommen und lebe heute Israelin Israel. Aber in den Registern ist kein weiterer Sohn verzeichnet, es gibt ihn auch nicht.

Das Haus der Familie Appel kauft der Staat 1940 für 3.000 Mark, es wird also praktisch von den Nazis enteignet. Nach dem Krieg soll es 4.000 Mark wert sein. Es geht zunächst an die IRSO (eine jüdische Organisation), die es wiederum an das Land Hessen verkauft. Dieses verkauft es dann   schließlich weiter an Privatleute.

 

Der Sohn Bernhardt wohnt im Haus Hauptstraße 43, der ehemaligen jüdischen Schule. Die Kinder gehen zunächst in die Hochstädter Volksschule. Sie sind im Klassenverband wohl gelitten. Ein Sohn der Familie ist Walter Appel. Der Lehrer läßt ihn sogar die Orden seines Großvaters in die Schule mitbringen oder läßt ihn an der Tafel demonstrieren, wie man hebräisch schreibt (nämlich von rechts nach links). Aber dann muß Walter auf die jüdische Schule in der Zobelstraße in Frankfurt. Seinen Mitschülern wird von dem gleichen Lehrer verboten, mit dem jüdischen Jungen noch Kontakt zu haben.

Bernhardt Appel geht 1937 mit seiner Frau und den zwei Söhnen über Hamburg nach Argentinien, wo sie mit einem Ochsenkarren zunächst in ein Notaufnahmelager gebracht werden. Dann gehen sie in eine landwirtschaftliche Kolonie im Inneren Argentiniens, 500 Kilometer von Buenos Aires entfernt, die ein russischer Jude als Zufluchtsort für verfolgte Juden eingerichtet hat. Die Appels roden den Wald und betreiben eine Landwirtschaft. Nach dort wollen auch die Eltern im Jahre 1940 auswandern, es kommt dann aber doch nicht mehr dazu, sie fallen den Nazis zum Opfer.

Wegen der Heuschrecken und der Maul- und Klauenseuche gehen die Appels dann 1949 in die Vereinigten Staaten. Etwa eine Stunde von New York entfernt eröffnet Bernhard Appel eine Metzgerei und seine zwei Söhne helfen ihm dabei. Als der Vater stirbt, nimmt Walter Appel eine Stelle bei einem anderen Metzger ein. Die Mutter ist inzwischen im hohen Alter auch verstorben. Auch der Bruder lebt bereits nicht mehr.

Walter Appel ist heute Rentner und wohnt im Staat New York in  und wohnt in Lake Mohegan Lake im Staat New York. Doch im Jahr 1997 besucht er mit seiner amerikanischen Frau Tillie seinen Geburtsort. Er hat noch ein Klassenbild von 1931 aus Hochstadt dabei sowie Bilder mit Vater und Großvater, die seine Mutter gerettet hat. Auch 1999 ist er wieder mit seiner Frau für einen längeren Zeitraum in Hochstadt und besucht reihum seine alten Bekannten und die Umgebung. Er spricht ein unverfälschtes Hochstädterisch, wie man es man in Hochstadt kaum noch antreffen kann.

Im Jahre 2010 ist Walter Appel gestorben. Ich hatte noch einige Fragen zu seiner Familie gestellt, aber wegen seines Alters und der nicht mehr vorhandenen Schreibfähigkeit hat er sie mir nicht mehr beantworten können.

 

Zeitungsartikel:

Walter Appel  - ein echter alter Hochstädter

Im Haus Bogenstraße 6 in Hochstadt wohnte bis 1942 die Familie Appel, Hochstädter Einwohner jüdischen Glaubens. Zur Familie gehören möglicherweise der um 1825 erwähnte Benjamin Appel, die 1835 als Bürgerin aufgenommene Witwe Nathan Appels, der 1838 zugezogene Herz Appel und die 1909 verstorbene Betty Hamburger geb. Appel. Direkter Vorfahre Nathan Appels ist der Metzger Appel, der 1832 erwähnt wird.

Nathan Appel ist am 30. Oktober 1873 geboren. Sein Vater ist Joseph Appel, dessen Grab auf dem jüdischen Friedhof in Hanau noch vorhanden ist. Nathans Frau ist Hannelore („Hannchen“) geb. Lind, die am 1. September 1867 in Hüttengesäß geboren ist. Er nimmt am Ersten Weltkrieg teil. Als sein Beruf wird Metzger und Handelsmann angegeben. Doch er sammelt nur mit einem kleinen Wagen, der von einem Esel gezogen wird, allerhand gebrauchte Sachen und Hasenfelle ein; später hat er nicht einmal mehr den Esel.

Nathan und Hannchen Appel werden am 5. September 1942 von Hanau aus ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Nathan Appel ist dort am 18. März 1944 und seine Frau am 30. Juni 1944 dort gestorben. Da es an den Todestagen keine größeren Mordaktionen gab, können wir vermuten, daß sie wahrscheinlich an Schwäche durch Hunger und Krankheit gestorben sind.

 

Ihr Sohn Gottfried (geb. 8. Mai 1900) und seine Frau Melitta geb. Löwenstein aus Marköbel (geb. 18. Februar 1898) werden zusammen mit den Eltern nach Theresienstadt deportiert. Im August oder September 1942 werden sie nach Minsk weitertransportiert und dort wahrscheinlich in Gaswagen getötet. Aber der Sohn kann entkommen und lebt bis heute in Israel.

Der Sohn Bernhardt wohnt im Haus Hauptstraße 43, der ehemaligen jüdischen Schule. Die Kinder gehen zunächst in die Hochstädter Volksschule. Sie sind im Klassenverband wohl gelitten. Ein Lehrer läßt den Sohn Walter Appel die Orden seines Großvaters in die Schule mitbringen oder läßt ihn an der Tafel demonstrieren, wie man hebräisch schreibt (nämlich von rechts nach links). Aber dann muß Walter auf die jüdische Schule in der Zobelstraße in Frankfurt, und seinen Mitschülern wird von dem gleichen Lehrer verboten, mit dem jüdischen Jungen noch Kontakt zu haben.

Das Haus in der Bogenstraße wird von den Nazis enteignet. Nach dem Krieg geht es an die IRSO, die es wiederum an das Land Hessen verkauft. Dieses verkauft es dann an Privatleute.

Bernhardt Appel geht 1937 mit seiner Frau und den zwei Söhnen über Hamburg nach Argentinien, wo sie mit einem Ochsenkarren zunächst in ein Notaufnahmelager gebracht werden. Dann gehen sie in eine landwirtschaftliche Kolonie im Inneren Argentiniens, roden den Wald und betreiben eine Landwirtschaft. Nach dort wollen auch die Eltern im Jahre 1940 auswandern, es kommt aber nicht mehr dazu.

Wegen der Heuschrecken und der Maul- und Klauenseuche gehen sie 1949 in die USA. Etwa eine Stunde von New York entfernt eröffnet der Bernhard Appel eine Metzgerei, und seine zwei Söhne helfen ihm dabei. Als der Vater stirbt, nimmt Walter Appel eine Stelle bei einem anderen Metzger ein. Die Mutter ist inzwischen im hohen Alter verstorben. Auch der Bruder lebt nicht mehr.

Walter Appel ist heute Rentner und wohnt in Lake Mohegan im Staat New York. Im Jahr 1997 besucht er mit seiner amerikanischen Frau Tilly seinen Geburtsort. Er hat noch ein Klassenbild von 1931 aus Hochstadt dabei sowie Bilder mit Vater und Großvater, die seine Mutter gerettet hat. Auch 1999 ist er wieder mit seiner Frau für einen längeren Zeitraum in Hochstadt und besucht reihum seine alten Bekannten und die Umgebung.

Wer einmal unverfälschtes Hochstädterisch hören will, der muß Walter Appel zuhören. Gelegentlich kommt auch einmal ein amerikanischer Tonfall dazwischen. Aber in Wahrheit hat er nichts verlernt von seiner Heimatsprache - er spricht sie besser als die meisten Hiergebliebenen.

 

 

FAMILIE JOSEPH SICHEL, ROHRBACHSTRASSE 2:

Es ist nicht ganz klar, wer der Stammvater der Familie ist. Es gibt einen Joseph Sichel, dessen Tochter Bela um 1810 Baruch Goldschmidt (Hauptstraße 26) heiratet; und dessen Sohn  Jakob nur eine Tochter hat, die im Alter von zwölf Jahren stirbt. Es gibt aber auch einen Joseph Sichel, der in dem Haus Ecke Rohrbachstraße/ - Bogenstraße wohnt. Er hat im Jahre 1800 einen Sohn Salomon. Dieser heiratet 1828  Bessel Straus und hat mit ihr zwei Kinder: Die Tochter Karoline heiratet Isaak Reinhard in Wachenbuchen, der Sohn Isaak heiratet Jette (Gitel) Schuster aus Ober-Seemen und wohnt Rohrbachstraße 2. Isaac Sichel ist Gemeindeältester. Die Grabsteine der Eheleute sind auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten, ebenso der Stein des Sohnes Salomon, der 1883 im Alter von 16 Jahren stirbt.

Sie haben acht Kinder, von denen vier heiraten.

- Joseph Sichel heiratet 1879 Jette Oppenheimer aus Großostheim.

- Samuel Sichel heiratet 1878 Bertha Strauß aus Wachenbuchen (sie wohnen später Bogenstraße 9 und Ritterstraße 9. Ein Sali Sichel wird 1903 erwähnt, weil er die Erlaubnis zum Betrieb eines Schlachthauses erhält (es könnte zwar auch sein Bruder Salin gemeint sein, aber der war ja nicht mehr in Hochstadt). Der Grabstein des Sohnes Joseph ist auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten).

- Salin Sichel heiratet 1887 Jette Neumann aus Burgpreppach, wohnt aber dann in Frankfurt.

Ihr Sohn Isaak heiratet 1932 in Frankfurt. Salie Sichel, Handelsmann in Frankfurt, und seine Frau Henriette geborene Neumann, werden im Jahre 1922 unter den Landbesitzern erwähnt. Ein Grundstück in der Gemarkung Bischofsheim in der Flur „Am Priesterrock“, das früher Sally Sichels Erben gehörte, wird 1950 von Philipp Mankel, Hochstadt, Lutherstraße, als Ackerland genutzt.

- Samuel Sichel heiratet 1892 Bertha Wolf aus Ockenheim.

Auf Dauer bleibt keins der Kinder in Hochstadt wohnen. Damit ist aber die Familie in Hochstadt ausgestorben.

 

FAMILIE HARTOCH, AM RATHAUS NR. 3:

Die Familie Alfried Hartoch wohnt im Oberstock des Hauses an der Ecke Trinkbrunnenstraße. Janette Hartoch geborene Appel ist am 13. Juni 1871 geboren als Tochter des Herz Appel, Bogenstraße 6. Die Familie zieht 1938 mit dem 1914 geborenen Sohn Heinrich nach Frankfurt. Heinrich Hartoch schreibt aus dem Konzentrationslager Buchenwald (Block 20, Nummer 5124) eine Postkarte an das Bürgermeisteramt Hochstadt, der Inhalt ist nicht bekannt. Jeanette Hartoch stirbt am 23. Oktober 1942 in Theresienstadt gestorben (nicht wie auch behauptet wurde in Hochstadt).

 

STIEBEL, RITTERSTRASSE 9:

Samuel Stiebel heiratet vor 1808 seine Frau Hannchen geborene Straus. Abraham Stern wahrscheinlich Vorfahre der Familie Stern, Hauptstraße 31) und Samuel Stiebel bitten 1828 um Fristverlängerung für die Bezahlung eines von der Gemeinde gekauften Hauses. Auch 1831 geht es um den Erlaß von Abgaben an Samuel Stiebel.

Das Ehepaar Stiebel hat drei Kinder, die alle heiraten: Die Töchter heiraten nach außerhalb, aber der Sohn Süßel (Jissel) Stiebel heiratet 1843 in erster Ehe seine Frau aus Ober-Seemen, mit der er einen Sohn Jessel hat, dessen zwei Kinder 1876 in der Ritterstraße 9 sterben. In zweiter Ehe heiratet Süßel Stiebel eine Frau aus Eckarts­hausen, die 1889 in der Ritterstraße 9 stirbt.

 

SALLY KATZ, RITTERSTRASSE NR. 11 (FRÜHER NR. 7):

Der Handelsmann Löb Katz stammt aus Marköbel, wo seine Familie seit etwa 1988 nachweisbar ist. Dort ist er  am 4. März 1860 geboren  als Sohn des Matthäus Katz und seiner Frau Blümchen geborene Lichtenstein. Er stirbt am 2. Januar 1908 in Hochstadt. Nach Hochstadt kommt er durch die Heirat am 19. November 1884 (in Marköbel) mit Hannchen Neumark, der Tochter des Lehrers Salomon Neumark (der Vater Heym war auch Lehrer) und dessen Ehefrau Mina geborene Lichtenstein (der Vater Wolf war Landwirt) (Die Gemeinden Altenstadt und Hammersbach waren sehr behilflich, den Stammbaum der Familie Katz zu vervollständigen. Nähere Einzelheiten in meinem Genealogieprogramm).

Nach Löb Katz ist der Weißdornbaum an der Ringmauer in Hochstadt benannt, der im Volksmund „Katze-Baum“ heißt, weil er dort immer gern auf der Bank gesessen hat. Er wurde im Jahre 1997 gefällt, aber inzwischen ist ein neuer Baum herangewachsen.

 

Die Eheleute Löb Katz:

Sie haben sieben Kinder, von denen aber nur drei das Erwachsenenalter erreichen:

1.) Sarah Katz heiratet 1921 den Kaufmann Albert Kahn aus Nieder-Florstadt.

2.) Lina Katz heiratet einen Mann namens Kahn, den Bruder von Albert Kahn, und zieht mit ihm nach Bingen; sie ist in Polen verschollen.

3.) Der älteste Sohn Samuel („Sally“) Katz wird am 3. November 1887 geboren. Er und heiratet vor 1923 (wahrscheinlich in Nieder-Florstadt (vor 1923), wahrscheinlich in Nieder-Florstadt) Recha geborene Kahn, die am 3. Juli 1887 in Nieder-Florstadt geboren ist.

 

Die Familie hat in ihrem Haus Nordstraße 7 (heute Ritterstraße 11) einen Raum für einen Stoff- und Wäschehandel. Sie wird auch 1922 im Grundsteuerverzeichnis aufgeführt. Am 5. August 1938 wird der Manufakturwarenhandel von Sally Katz auf Anordnung des Landrats als jüdisches Unternehmen erfaßt, um es demnächst stillegen zu können.

Im Haus gegenüber wohnt die Familie Weiß, die den strenggläubigen Juden am Sabbat (Samstag) immer das Feuer anzündet (sie durften das Feuer weder anzünden noch in Gang halten). Dafür gibt es dann von der Familie Katz zum Passahfest (Ostern) Mazzen für die Nachbarn (eine jüdische Fastenspeise) und - wenn einer krank ist - eine wohlschmeckende Grünkernsuppe.

Das Ehepaar geht immer nur zusammen in die Öffentlichkeit. Mit im Haushalt wohnt die zunächst unverheiratete Schwester des Vaters, Lina Katz (geboren am 4. Oktober 1899). Sie betreut auch meist den kleinen Leopold. Sally Katz ist zunächst Schriftführer der jüdischen Gemeinde und führt nachher ganz die Geschäfte der Gemeinde.

Als die Synagoge zerstört wird (oder am Tag danach) wird auch das Haus der Familie Katz  geplündert. Manche Einwohner fahren die Kleidungsstücke mit Schubkarren davon, zum Teil in Richtung Ringmauer, um nicht von allen gesehen zu werden. Am nächsten Tag findet man einzelne Kleidungsstücke auf der Straße, die in der Hast verlorengegangen sind. Auch ganz gewöhnliche Haushaltsgegenstände werden mitgenommen. So kann man zum Beispiel die Tischdecke der Familie Katz bei anderen Leuten auf der Leine hängen sehen. Einige der Stoffballen kommen allerdings auch auf das Bürgermeisteramt, das damals in der Hauptstraße Nr. 4 war. Vielleicht ist bei dieser Gelegenheit auch das Andachtsbuch der Familie Katz mit „auf die Gemeinde“ gekommen. Es ist 1868 in hebräischer Sprache in Rödelheim gedruckt und heute im Besitz von Leopold Katz (siehe unten).

Am 30. Mai 1942 werden beide Eheleute vom Hauptbahnhof in Hanau aus verschleppt. In Majda­nek werden die Männer von den Frauen getrennt und müssen dort bis zu ihrem Tod Zwangsarbeit leisten. Die Frauen kommen nach Sobibor und werden dort sofort vergast. Sally Katz ist aber wohl nicht in Majdanek ermordet worden, denn dort steht er nicht in den Totenlisten. Vielleicht wurde er wegen seines Alters wie seine Frau nach Sobibor gebracht.

 

Der Sohn Leopold Katz wird am 15. Mai 1928 in Frankfurt geboren. Am 8. Juli 1936 wird er als der letzte jüdische Schüler in Hochstadt an die jüdische Volksschule in Frankfurt überwiesen. In der Schulchronik heißt es dazu: „Nunmehr besuchen nur noch arische Kinder unsere Volksschule!"

Nach der Pogromnacht trägt die Mutter (oder der Vater) am 15. November 1938 in das Andachtsbuch der Familie ein: „Unser Söhnchen Leopold ist geboren am 15. Mai 1928 (es folgt die Jahreszahl nach dem jüdischen Kalender). Ausgewandert am 15. November 1938“".

In Hochstadt wird erzählt, der Junge sei in die Schweiz gekommen. Doch in Wirklichkeit kommt Leopold am 28. November 1938 mit einem Kindertransport nach Holland. Der holländische Staat hat sich nämlich angeboten, verfolgte Juden aufzunehmen; vor allem die Kinder will man retten. Da es aber mit der Erteilung der Visa nicht so schnell geht, kann man zunächst nur Kinder unter 16 Jahren aufnehmen, die kein Visum brauchen.

Zunächst kommt Leopold Katz in ein jüdisches Kinder- und Waisenhaus. Als dieses aber mit Militär belegt wird, werden die Kinder auf verschiedene Heime verteilt. Ein kinderloses jüdisches Ehepaar mit Namen van Este lädt Leopold öfter zu sich ein und nimmt ihn schließlich ganz in Pflege. Sie haben einen Lebensmittelgroßhandel in Veenendaal in Mittelholland. Aber die Lage wird für die Juden immer gefährlicher.

Die Familie wird nach Amsterdam bestellt in eine Wohnung, deren jüdische Bewohner man schon verschleppt hatte. In der Nacht taucht plötzlich ein Mann in dem Haus auf, der von gegenüber einen Graben gebaut hat, um das Haus auszurauben. Da geht die Familie wieder heimlich in ihr Dorf. Dort bietet ein Kunde der Firma sich an, alle zu verstecken.

So lebt die Familie van Este rund zwei Jahre bei der Familie van Damm im Haus. Anne Frank war also durchaus kein Einzelfall, sondern viele Holländer haben in der Nazizeit einen ungeheuren Mut bewiesen.

Manchen wurde die Sache allerdings auch zu gefährlich und ihre Gäste mußten sich anderswo einen Unterschlupf suchen. Aber Leopold Katz und seine Pflegefamilie bleiben die ganze Zeit bei ihrem Helfer. Natürlich dürfen sie nie das Haus verlassen. Nur wenn ein Hinweis kommt, daß wieder Razzien drohen, bringt Herr van Damm seine Gäste in der Nacht durch den Wald in ein fünf Kilometer entferntes Dorf zu Verwandten, bis die Luft wieder rein ist.

Als auch das nicht mehr geht, weil deutsches Militär im Wald liegt, baut der Gastgeber ein Versteck unter dem Fußboden seiner Stube. Zeitweise hat er zehn Juden versteckt. Sie werden später auf andere Familien verteilt. Sie haben alle überlebt. Nur das Schicksal des Hausmädchens der Familie ist nicht bekannt.

Nach dem Krieg lernt Leopold Katz den Beruf eines Kaufmanns und tritt in das Geschäft der Pflegeeltern ein. Seit 1970 wohnt er in Amsterdam. Er heiratet seine Frau, die aus Hamburg stammt und in Belgien auf ähnliche Weise überlebt. Sie haben fünf Kinder (zwei in Manchester, eins in London, eins in Jerusalem und eins in Amsterdam) und 31 Enkel. Im Jahre 1997 besucht das Ehepaar Hochstadt, um das Gebetbuch der Familie abzuholen. Seit dem Jahre 2000 leben die Eheleute in Jerusalem, zwei Häuser neben der Tochter Rachel Rosen, die am 2. August 2007 mit Mann und fünf Kindern den Stammort Hochstadt besucht.

 

 

Das Haus: Das Haus der Familie Katz in Hochstadt wird 1940 auch vom Staat übernommen und nach dem Krieg auf 5.000 Mark geschätzt. Vor dem Haus der Familie Katz in der Ritterstraße wurden am 3. März 2007 drei „Stolpersteine“ eingelassen, Pflastersteine mit einer Messingplatte, die an die früheren Bewohner des Hauses erinnern. Sie sind in das Pflaster eingefügt, damit man über sie stolpert, nicht im wörtlichen Sinn, sondern damit man aufmerksam wird. Man muß sich aber bücken, um den Text lesen zu können, muß sich also praktisch verneigen vor dem Schicksal dieser Menschen.

Im Jahre 2007 wurden vor dem Haus drei „Stolpersteine“ verlegt. In diesem Zusammenhang teilte Leopold Katz mit, daß der Name seines Vaters laut Geburtsurkunde „Saly“ lautet. Aber in vielen Schriftstücken findet sich auch die Namensform „Sally“. Auf jeden Fall ist der Name eine Abkürzung für „Salomon“ oder „Samuel“.

 

Die Texte auf den Stolpersteinen lauten: Hier wohnte Saly Katz, geboren am 3. November 1887 in Hochstadt, verschleppt am 30. Mai.1942, umgebracht im Osten, vielleicht in Majdanek           

Hier wohnte Recha Katz geborene Kahn, geboren am 3. Jul 1886 in Nieder-Flor­stadt, verschleppt am 30. Mai 1942, umgebracht im Osten, vielleicht  in Sobibor

Hier wohnte Lina Katz, geboren am 4. Oktober 1899 in Hochstadt, später in Bingen verheiratete Kahn, umgebracht im Osten

Hier wohnte Leopold Katz, geboren am 15. Mai 1928 in Frankfurt, geflohen am 15. November 1938 nach Amsterdam, später in Jerusalem.

 

Zwei Zeitungsartikel:

I. Ein Besuch in der alten Heimat: Ehepaar Katz in Hochstadt

Der heute im Amsterdam lebende Leopold Katz erhalt Gebetbuch seiner Eltern zurück

 

 

Es war nicht ganz einfach, die Spuren des früheren Hochstädters Leopold Katz ausfindig zu machen. Der Sohn des letzten Schriftführers der jüdischen Gemeinde Hochstadt floh in den Wirren der Judenvernichtung aus Deutschland und lebt seitdem in Amsterdam. Dank der Nidderauerin Monica Kingreen, die sich mit der Geschichte der jüdischen Deutschen im Main-Kinzig-Kreis beschäftigt, konnte Katz ausfindig gemacht werden. Nun kehrte er zusammen mit seiner Ehefrau zu einem kurzen Besuch in seine ehemalige Heimat zurück. Höhepunkt dabei war sicherlich die Überreichung des jüdischen Gebetbuches seiner Eltern durch Ehrenstadtrat Heinz Kemler. Sali und Recha Katz wurden 1942 von den Deutschen deportiert und vermutlich im KZ Lublin ermordet.  

 

 

Im Jahre 1936 mußte Leopold Katz die Hochstädter Volksschule verlassen, weil er Jude war. Er wohnte im Haus Nordstraße 7 in Hochstadt (heute Ritterstraße). Sein Vater hatte einen Tuch- und Stoffhandel und war der letzte Leiter der jüdischen ­Gemeinde in Hochstadt. Leopold besuchte fortan eine jüdische Schule in Frankfurt. Und in Hochstadt trug der Schulleiter in die Schulchronik ein: „Damit ist unsere Schule judenrein!“   

 

 

­In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde auch das Haus der Familie Katz geplündert Viele Einwohner bedienten sich ungeniert und schafften Stoffballen nach Hause. Mit Schubkarren fuhren sie die Ware weg, nicht vorne durchs Dorf, sondern durch den kleinen Durchgang in der Ringmauer also und über die Schütt, damit man sie nicht sehen konnte. Auch ganz ungewöhnliche Haushaltsgegenstände wurden mitgenommen; so sah zum Beispiel die Tischdecke der Familie Katz bei anderen Leuten auf der Leine hängen.   

 

Buch mit bewegter Geschichte

Einige der Stoffballen kamen allerdings auch auf das Bürgermeisteramt, das damals in der Haupt­straße 4 war. Vielleicht ist bei dieser Gelegenheit auch das Andachtsbuch der Familie Katz mit „auf die Gemeinde“ gekommen. Dieses Buch war jeden­falls der Anlaß für den Besuch des Ehepaars Katz in Hochstadt am 7. Juli dieses Jahres.

Es hat eine bewegte Geschichte. Etwa im Jahre 1965 ließ sich ein Hochstädter Gemeindevertreter den Schlüssel zum Obertor geben. Dort lagerten damals die Akten der Gemeinde Hochstadt. Er sto­cherte in dem wirren Haufen herum und nahm mehr zufällig einen Klumpen mit, der völlig mit Tauben­dreck bedeckt war.

Zuhause wurde alles näher untersucht und immer mehr gereinigt. Zum Vorschein kam ein Andachts­buch in hebräischer Sprache, im Jahre 1868 in Rö­delheim gedruckt. Das Besondere aber waren die handschriftlichen Eintragungen des letzten Besit­zers Leopold Katz: So wie andere die Familienda­ten (Geburten und Todesfälle) in eine Bibel schrie­ben, hat er seine Familiengeschichte in dem Buch niedergelegt. Die letzte Eintragung ist vom 15. No­vember 1938: „Unser Söhnchen Leopold ist gebo­ren am 15. Mai 1928 (es folgt die Jahreszahl nach dem jüdischen Kalender). Ausgewandert am 15. November 1938.“

 

Kindertransport nach Holland

In Hochstadt wurde immer erzählt, der Junge sei in die Schweiz gekommen. Jetzt konnte eindeutig ge­klärt werden, daß Leopold Katz in einem Kindertransport nach Holland kam. Der holländische Staat hatte sich nach der Pogromnacht angeboten, verfolgte Juden aufzunehmen. Da es aber mit der Erteilung der Visa nicht so schnell ging, konnte man zunächst nur Kinder unter 16 Jahren aufnehmen, die kein Visum brauchten.

Wie es dann weiterging, erzählte der heute fast Siebzigjährige in bewegenden Worten in der Wohnstube der Familie, die jenes Buch jahrzehnte­lang aufbewahrt hat. Zunächst kam Leopold Katz in ein jüdisches Kinder- und Waisenhaus. Als dieses aber mit Militär belegt wurde, wurden die Kinder auf verschiedene Reime verteilt.

Ein kinderloses jüdisches Ehepaar mit Namen van Este lud Leopold öfter zu sich ein und nahm ihn schließlich ganz in Pflege. Sie hatten einen Lebens­mittelgroßhandel in Veenendaal in Mittelholland.

Aber die Lage wurde für die Juden immer gefährlicher. Die Familie wurde nach Amsterdam bestellt in eine Wohnung, deren jüdische Bewohner man schon deportiert hatte. In der Nacht tauchte plötzlich ein Mann in dem Haus auf, der von gegenüber einen Graben gebaut hatte, um das Haus auszurau­ben.

Da ging die Familie wieder heimlich in ihr Dorf. Dort bot ein Kunde der Firma sich an, die Familie zu verstecken. So lebte sie rund zwei Jahre bei der Familie van Damm im Haus. Anne Frank war durchaus kein Einzelfall, sondern viele Holländer haben einen ungeheuren Mut bewiesen. Manchen wurde die Sache allerdings auch zu gefährlich und ihre Gäste mußten sich anderswo einen Unter­schlupf suchen. Aber Leopold Katz und seine Pflegefamilie blieben die ganze Zeit bei ihrem Helfer.

 

Nie das Haus verlassen

Natürlich durften sie nie das Haus verlassen. Nur wenn ein Hinweis kam, daß wieder Razzien droh­ten, brachte Herr van Damm seine Gäste in der Nacht durch den Wald in ein fünf Kilometer ent­ferntes Dorf zu Verwandten, bis die Luft wieder rein war.

 

Als auch das nicht mehr ging, weil deutsches Militär im Wald lag, baute der Gastgeber ein Ver­steck unter dem Fußboden seiner Stube. Zeitweise hatte er zehn Juden versteckt. Sie wurden später auf andere Familien verteilt. Sie haben alle überlebt. Nur das Schicksal des Hausmädchens der Familie ist nicht bekannt.

 

Nach dem Krieg lernte Leopold Katz den Beruf eines Kaufmanns und trat in das Geschäft der Pfle­geeltern ein. Seine Eltern in Hochstadt wurden 1942 nach dem Osten verschleppt und ermordet. Leopold Katz heiratete seine Frau, die aus Ham­burg stammt und in Belgien auf ähnliche Weise überlebt hat. Sie haben fünf Kinder (zwei in Lon­don, zwei in Israel, eins in Holland) und 25 Enkel.

Ein Hochzeitsbild war über einen Onkel Leopolds an Frau Kingreen in Windecken gelangt. Dieser Onkel stammt aus Ostheim und war auf Einladung der Stadt Frankfurt schon öfter in der Mainmetro­pole. Aber auch er wußte nichts vom Verbleib sei­nes Neffen. Frau Kingreen, die ein Buch über die Juden in Nidderau geschrieben hat, ließ die Sache aber keine Ruhe. Sie wußte durch eine Dokumenta­tion über die Juden in den Dörfern der heutigen Stadt Maintal von dem Buch in Hochstadt, das die Hochstädter Familie kurz vor der Eröffnung des Museums dem neuen Stadtmuseums zur Verfügung gestellt hatte. Es war zusammen mit dem Bruchstück eines jüdischen Grabstein die einzige Erinne­rung an die Juden im heutigen Maintal. Vielleicht haben es viele Besucher gar nicht bemerkt, obwohl es seinen Platz gleich am Eingang hatte.

 

Freude war groß

Inzwischen wurde nämlich der Eigentümer ausfin­dig gemacht: Monica Kingreen rief einfach die Auslands-Telefonauskunft an und erhielt auch tatsächlich die Nummer eines Leopold Katz aus Am­sterdam. Sie rief sogleich zur Mittagszeit dort an, und es stellte sich heraus, daß es der Gesuchte war. Erst in Hochstadt stellte sich heraus, weshalb die Nachforschungen des Hochstädter Bürgers vergeb­lich waren. Er hatte sich an die jüdischen Gemeinden in Frankfurt und Offenbach gewandt und auch zweimal nach Amsterdam. Aber dort konnte man von einem Leopold Katz noch nichts wissen, weil er erst ab 1970 dorthin zog.

Jetzt war die Freude natürlich groß, daß plötzlich nach Jahrzehnten ein Andenken an die ermordeten Eltern auftauchte Das Ehepaar Katz flog zunächst nach Israel, um den wiedergefundenen Onkel zu besuchen Danach kamen sie nach Hochstadt, um das Buch in Empfang zu nehmen Das geschah dann auch in Gegenwart von Stadtrat Robanus, der den Bürgermeister vertrat, und Vertretern des Ver­eins Heimatmuseum.

Danach machte die Gruppe noch einen Rundgang durch Hochstadt. Frau Pohl vom Verein Heimatmuseum konnte dem erstaun­ten Ehepaar Katz einen ganz alten Weißdornbaum an der Ringmauer zeigen, der im Volksmund „Kat­ze-Baum“ heißt.

Der Name hat nichts mit den Kat­zen zu tun, die sich vielleicht unter ihm ausruhen, sondern er bezieht sich auf den Großvater von Leo­pold Katz, der sich gern unter dem Baum ausruhte. Er steht in der Nähe der Ritterstraße, in der die Familie wohnte. Ehe irgendwelche Gedenktafeln aufgestellt werden, haben die Hochstädter schon ihre Form des Gedenkens gefunden (eine Gedenk­tafel ist aber deshalb nicht überflüssig).

 

Kaum Erinnerungen

In der Straße wurden von den Hochstädtern gleich einige Nachbarn alarmiert und herbeigeholt, die auch schon im höheren Alter waren und sich gern an den früheren Nachbarn erinnern. Leopold Katz dagegen hatte es schwerer, war er doch schon als Kind weggegangen und viele Jahrzehnte fort gewe­sen. Nur an die Familie Weiß konnte er sich noch erinnern. Sie wohnte in dem Haus gegenüber und zündete den strenggläubigen Juden am Sabbat (Samstag) das Feuer an (sie durften das Feuer in Gang halten, aber nicht selbst anzünden). Dafür gab es dann von der Familie Katz zum Passahfest (Ostern) Mazzen für die Nachbarn (eine jüdische Fastenspeise) und wenn einer krank war eine wohlschmeckende Grünkernsuppe.

An all diese Dinge konnten sich die Nachbarn gut erinnern. Sie konnten sogar Dinge aus der Kindheit erzählen. an die Herr Katz sich nicht mehr erinnern konnte. So hieß es, daß die Eltern immer nur zu­sammen in die Öffentlichkeit gegangen seien (ein Hochzeitsbild der Eltern hat Leopold Katz mitge­bracht).

Mit im Haushalt wohnte die unverheiratete Schwe­ster des Vaters, Lina Katz. Sie betreute auch meist den kleinen Leopold. Er durfte nicht so oft raus, denn er sollte sich nicht schmutzig machen. Aber wenn er doch einmal draußen war, dann verführten ihn die anderen Kinder; einmal kräftig in das offene Floß in der damaligen Nordstraße zu treten; damit er auch einmal dreckig wurde und Zuhause ge­schimpft wurde.

 

Synagogengrundstück besucht

Das frühere Wohnhaus konnte nicht besucht werden. weil die heutigen Eigentümer nicht Zuhause waren. Herr Katz konnte sich noch daran erinnern, daß rechts die Scheune war und daß im Haus ein Brunnen war. Anschließend wurden die frühere jü­dische Schule und das Synagogengrundstück be­sucht. Auch auf das Haus von „Heisters“ (Geschwi­ster Strauß) wurde hingewiesen. Auch weitere Häu­ser, in denen früher Juden wohnten, wurden noch kurz gezeigt. Dann machten sich die Gäste noch am gleichen Abend wieder auf die Heimfahrt.

 

Aber es ist hoffentlich nicht der letzte Besuch gewe­sen. Stadtrat Robanus jedenfalls hat für den Herbst zu einem Forum eingeladen. Berichte der wenigen Zeitzeugen sind für die heutige Generation wertvoller als Bücher. Schön wäre es auch, wenn die Kinder und Enkel einmal kommen könnten, um die Heimat ihrer Vorfahren kennenzulernen.

Dort wohnen heute andere Menschen, die froh sind, daß wenigstens einige die Verfolgung überlebt haben. Das konnte man jedenfalls bei dem Gang durch die Ritterstraße ganz stark spüren.

 

 

II.  Nach 60 Jahren                                                                                                            1997

Besuch in Hochstadt

Der Besuch der ehemaligen jüdischen Maintaler ist vorbei, die ersten Briefe zwi­schen Amerika und Maintal sind sicher­lich schon gewechselt worden. Vor weni­gen Tagen jedoch kehrte ein weiterer Überlebender der Shoah nach Maintal zu­rück: Leopold Katz besuchte Hochstadt. Der Sohn des letzten Schriftführers der Hochstädter jüdischen Gemeinde reiste gemeinsam mit seiner Frau aus Amster­dam an, um ein Gebetbuch seiner Familie nach fast 60 Jahren wieder in Besitz zu nehmen.

Das Gebetbuch war zuletzt im neuen Heimatmuseum am Obertor in Hochstadt ausgestellt gewesen. Es enthält handschriftliche Eintragungen zu den damali­gen Familienmitgliedern und Vorfahren. Wie herausgefunden wurde, gelangte das Buch nach der Plünderung des Hauses Katz in die Hände der SA und später in den Besitz der Gemeinde. Jahrzehntelang verstaubte es auf einem Dachboden.

 

Heinz Kemler, damals Mitglied im Gemeindevorstand von Hochstadt und Eh­renstadtrat, entdeckte das Gebetbuch, das sich mittlerweile in einem miserablen Zustand befand, in den 60er Jahren. Er restaurierte das Dokument und bewahrte es seitdem. Bemühungen, das Buch schon damals der Familie zurückzugeben, schei­terten, weil der überlebende Leopold Katz nicht aufgefunden werden konnte.

Lange war vermutet worden, der Sohn von Sally und Recha Katz sei in die Schweiz geflohen. Erst vor kurzem gelang es der Nidderauer Expertin Monica Kin­green über einen entfernten Verwandten der Familie in Israel eine Verbindung zu Leopold Katz in Holland herzustellen.

 

Katz kehrte nach sechs Jahrzehnten in sein Heimatdorf zurück. Nach seinen Schilderungen war er unmittelbar nach der sogenannten „Reichskristallnacht“, bei die Hochstädter Synagoge und auch das Haus der Katz demoliert worden war, von seinen Eltern nach Holland geschleust worden.

Katz war damals gerade zehn Jahre alt und gelangte über Frankfurt mit einem Kindertransport ins Ausland. Nach dem Einmarsch der Deutsche in Holland wurde Leopold Katz mit anderen Juden mehrere Jahre hinweg von einer nichtjü­dischen Familie versteckt.

 

Ein Schicksal; wie das der Anne Frank, doch daß der Hochstädter nicht entdeckt wurde und so überleben konnte. Seine Eltern hingegen wurden im Mai 1942 von Hanau aus deportiert und vermutlich im Lager Lublin ermordet.

Auf Wunsch von Leopold Katz geschah der Besuch in Hochstadt in „privatem Rahmen“. Erster Stadtrat Robanus begrüßte das Ehepaar und lud sie zu einem erneuten Besuch in Maintal ein, um die heutige Stadt kennenzulernen und auch mit jungen Menschen als Zeitzeugen zu­sammenzutreffen. Peter Heckert und die Museumsvereins-Vorsitzende Ursula Pohl begleiteten Leopold Katz auf seinem Rundgang durch Hochstadt. Dabei gab es viele spontane Begegnungen mit älteren Hochstädtern, die sich erstaunlich detail­liert an „den Leo“ erinnerten.

 

JESSEL STERN, HAUPTSTRASSE NR. 31:

Der Name kommt häufig in Bischofsheim vor.  Auch in Hochstadt gibt es zwei Familien:

Abraham Stern hat nach 1800 mit seiner Frau drei Kinder: Die Töchter Fradel und Reichle heiraten nach Wachenbuchen, der Sohn Jessel heiratet 1837 Hendel Appel. Ihr Sohn Nathan Stern (1857 erwähnt) heiratet 1858 Hannchen Grünebaum aus Rendel. Er zahlt dafür das gleiche Einzugsgeld wie ein Dörnigheimer. Der Grabstein der Frau ist noch auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten.

Deren Sohn wiederum ist der Metzger Joseph (Jesel) Stern, der in der Hauptstraße 31 wohnt und arbeitet und 1927 stirbt (der Grabstein ist noch auf dem jüdischen Friedhof in Hanau er halten). Jessel Stern ist Metzger und Viehhändler. Seine Frau ist Minna geborene Kaufmann. Das Haus hatte in der linken Hälfte eine Torfahrt, in der vor allem Rinder nach jüdischer Vorschrift geschlachtet wurden („geschächtet“"). Zeitweise arbeitet er mit dem Metzger im Haus Hauptstraße Nr. 23 zusammen, der das Fleisch verwertet, das Juden nicht nutzen dürfen. Die Tochter Hedwig heiratet Aron Flörsheimer aus Höchst im Odenwald. Als sie auswandern möchte, bittet sie am 29. November 1939 um eine Heiratsurkunde. Der Sohn Albert heiratet in Berlin-Wilmersdorf und lebt später in London

Der Bürgermeister bittet am 28. November 1939 den Landrat, aus den dortigen Unterlagen die Daten von Nathan Stern, dem Vater des am 22. März 1865 geborenen Jessel Stern, gestorben am 5. Februar 1927 in Hochstadt, festzustellen.

 

Das Haus wird am 15. September 1937 (23. September) zum Preis von 3.900 Mark (plus Nebenkosten) von Mina Stern an Wilhelm Mankel, Bogenstraße 7, verkauft, der nach dem Krieg noch einmal einen Ausgleichsbetrag von 3.350 Mark zahlt. Am 5. März 1952 wird das Vermögen freigegeben.

 

 

HERMANN GOLDSCHMIDT, HAUPTSTRASSE NR. 26:

Die Familie lebt schon vor 1800 in Hochstadt. Der Stammvater ist der Handelsmann Baruch Goldschmidt, der 1778 geboren ist und um 1810 Bela Sichel heiratet.

Die Tochter Malchen heiratet 1842 nach Windecken. Die Tochter Karoline heiratet 1843 Samuel Straus aus Wachenbuchen. Ihr Sohn Jesel heiratet 1874 in erster Ehe seine Cousine Bettchen Goldschmidt und 1879 deren jüngere Schwester Hannchen, Hauptstraße 41.

Der Sohn Hiskias Goldschmidt heiratet 1843 Regine Schwarzschild aus Meerholz. Er wird unter dem Namen „Jeskias“ im Jahre 1859 in den Akten der Gemeinde Hochstadt erwähnt,

als er einen Faselochsen an die Gemeinde liefert.  Die Eheleute  wohnen 1889 Hausnummer 22 (entspricht Hauptstraße 26). Die Töchter Bettchen und Hannchen heiraten - wie schon erwähnt - Jesel Straus. Der Sohn Herz Goldschmidt ist laut einem Vermerk im Geburtsregister der Synagogengemeinde Hochstadt  in Amerika gestorben.

Der Sohn Baruch Goldschmidt (1845 bis 1912) heiratet 1870 Jettchen Strauß aus Wachenbuchen (1846 bis 1933). Der Mann ist als „Nicht-Kombattant“ auf dem Kriegerdenkmal von 1870/71 neben dem Kirchturm verzeichnet. Die Eheleute wohnen 1878 Hausnummer 62 (entspricht Bogenstraße 20) und 1912 Hausnummer 22 (entspricht Hauptstraße 26).

Berthe, die Tochter von Baruch und Jettchen Goldschmidt, (geboren am 22. Juni 1876) heiratet Bernhart Strauss aus Dörnigheim. Sie haben die Kinder Jenny (verheiratet mit Leo Strauss), Rosl (verstorben im Alter von 17 Jahren in Frankfurt), Isaak (später in New York), Hermann (später in New York) und Erna (verheiratet mit Sally Münz). Jenny Strauss besucht 1960 den jüdischen Friedhof in Hanau und stiftet bei dieser Gelegenheit ein Besucherbuch, das heute noch in Benutzung ist.

 

Ihr Sohn Salomon, der Sohn von Baruch und Jettchen Goldschmidt, heiratet vor 1906 Jettchen Kahn aus Oberaltertheim bei Würzburg. Er ist Viehhändler, kauft das Vieh im Raum Fulda ein und verkauft es dann im Kreis Hanau. Das Geschäft der Goldschmidts ist also der Viehhandel, Kunden sind Bauern und Metzger.

Das Stammhaus der Goldschmidts ist das Haus Hauptstraße 26. In dem früheren Haus, das an dieser Stelle stand, gab es eine „Mikwe“, ein Bad für rituelle Waschungen. Das Haus wird aber 1914 neu gebaut und die Mikwe verschwindet. Jettchen Goldschmidt, die Frau Salomon Goldschmidts, fährt sowieso nach Frankfurt, weil die dortige Mikwe bequemer ist und größere religiöse Sicherheit aufweist. Auf dem Dachboden des Hauses befanden sich die Bücher der jüdischen Gemeinde, die aber alle verschollen sind.

Salomon Goldschmidt genießt wegen seiner religiösen Genauigkeit größten Respekt, vor allem wegen der Einhaltung der Sabbatruhe. Wenn einer im Dorf Hochzeit hat, sendet er der Familie Goldschmidt keinen Kuchen, sondern nur die Zutaten, damit die Familie sich selber Kuchen backen kann. Sie darf nämlich nichts essen, was in Gefäßen hergestellt ist, in denen Fleisch von ungeschächteten Tieren, Blut oder Schmalz zubereitet worden sind. Umgedreht schickt die Familie Goldschmidt an eine Wöchnerin ihre Sabbatsuppe in einer speziellen Kanne; die Bauern kennen eine solche Suppe nicht, weil sie aus frischem Fleisch gekocht ist.

Zum Passahfest werden die Kinder mit einem großen Waschkorb voll „Mazzen" (ungesäuerte Brote) zu den Kunden der Familie geschickt: Jeder bekommt ein oder zwei Mazzen und schenkt dann den Kindern entsprechend viele Eier.

Im Jahre 1933 ist das Erstaunen der Familie groß, als viele Freunde sich als Mitglieder der Nazipartei mit niedrigen Mitgliedsnummern herausstellen. Dennoch kommt im gleichen Jahr ein SA-Mann in Uniform zu der Familie und erklärt, er werde sie begleiten, wenn sie Angst hätten, in die Synagoge zu gehen. Bei der Winterhilfe nimmt man Rücksicht auf die zwei bedürftigen Familien jüdischer Religion: Die Sachen werden schon am Freitag ausgegeben und es gibt Butter statt Schmalz. Der Boykott jüdischer Geschäfte ab 1. April 1933 wird in Hochstadt nicht durchgeführt.

 

Die Eheleute haben drei Kinder:

1.) Hermann Goldschmidt handelt als Kaufmann unter anderem mit Gummiabfällen, auch mit dem Ausland. Dabei hat er sich wahrscheinlich schon Geld für die Auswanderung beiseite gelegt. Man kann aber nicht sagen, daß die Familie reicher gewesen wäre als andere jüdische Familien. Entscheidender als das Geld ist aber für die Auswanderung, daß er rechtzeitig den Plan faßte und umsetzte. Geholfen hat dabei auch die Schwester der Mutter, die schon in den zwanziger Jahren als Kommunistin nach Rußland fliehen mußte und nun bei der Beschaffung des Visums hilft, denn es besteht schon eine Sperre für die Einwanderung, aber sie erreicht dennoch ein Visum.

Im Jahre 1938 wandert die Familie nach Buenos Aires (Argentinien).Dort ist er zusammen mit seinem ältesten Sohn an einer Werkzeugfabrik beteiligt, die allerdings mehr eine Werkstatt mit drei Angestellten ist. Der zweite Sohn der Eheleute ist Theologieprofessor in den USA, der dritte ist Rabbiner in Bogota (Kolumbien). Sie haben 17 Enkel. Hermann Goldschmidt besucht 1985 die Stadt Frankfurt auf deren Einladung und kommt auch mit dem dritten Sohn nach Hochstadt.

 

2.) Julius Goldschmidt wandert nach den Niederlanden aus. Als die Nazis aber dort einmarschieren, verdächtigen sie ich, ein Spion der Engländer zu sein. Als sie in sein Haus eindringen, verletzen sie seine Frau so schwer, daß sie ihr ungeborenes Kind verliert. Ihn selber töten sie durch eine Spritze            

3.) Rosy Goldschmidt, die nicht in den Hochstädter Registern verzeichnet ist,  ist erst etwas          später als die Familie Hermann Goldschmidt abgereist, sie hatte ein Visum nach den USA und wohnt seitdem in New York. Sie besucht 1960 den jüdischen Friedhof in Hanau und stiftet bei dieser Gelegenheit ein Besucherbuch, das sie ihren Großeltern Baruch Goldschmidt und Jettchen geborene Strauss widmet. Sie fügt hinzu: „In liebendem Gedenken all der guten Freunde auf diesem Friedhof, welche einst mein Leben beglückten“. Das Buch ist heute noch bei der Friedhofsverwaltung in Gebrauch. Eine Ablichtung der Seite 1 und 3 findet sich in dem Buch über den Jüdischen Friedhof in Hanau auf Seite 122 und 123.

 

Das Stammhaus der Goldschmidts ist das Haus Hauptstraße 26. In dem früheren Haus, das an dieser Stelle stand, gab es eine „Mikwe", ein Bad für rituelle Waschungen. Das Haus wird aber 1914 neu gebaut und die Mikwe verschwindet. Jettchen, die Frau Salomon Goldschmidts, fährt aber sowieso nach Frankfurt, weil die dortige Mikwe bequemer ist und größere religiöse Sicherheit aufweist. Auf dem Dachboden des Hauses befanden sich die Bücher der jüdischen Gemeinde, die aber alle verschollen sind.

 

In seinen Briefen an Herrn Schellmann schildert Hermann Goldschmidt die Verhältnisse in Hochstadt aber wohl etwas zu positiv, bzw. er läßt die negativen Vorkommnisse weg.

Hermann Goldschmidt sagt rückschauend, erst auswärtige Nazis hätten das Bild ab 1935 geändert. Doch dabei muß man bedenken, daß es auch Hochstädter Einwohner waren, die nur erst kürzlich zugezogen waren, so wie der Schmied Müller, der ihn bedroht hat, oder der Schornsteinfeger Nordmeyer, der einer der Anführer beim Sturm auf die Synagoge war.

Einen unliebsamen Vorfall schildert der Lokführer Richard Becker. Er kam im Jahre 1936 abends mit dem letzten Zug nach Hause. Kurz hinter ihm lief ein Mann, holte ihn aber nicht ein. Er blieb stehen und fragte: „Was läufst du denn so hinter mir her? Da können wir doch auch zusammen gehen!“ Der Mann kam näher und erklärte: „Die wollen mich doch schlagen!“ Daraufhin Becker: „Solange ich dabei bin, schlägt dich keiner“ und deutete dabei auf die Eisenbahnerlampe, die er dabei hat und mit der er den anderen Mann verteidigen wollte.

Der andere Mann ist Hermann Goldschmidt, der schon seit 1916 vorwiegend in Frankfurt lebt und der offenbar wieder einmal seine Eltern in Hochstadt besuchen will. An der Ecke Bahnhofstraße/ Lutherstraße lauern ihnen aber doch einige Nazis auf. Richard Becker versetzt aber Johann Karl Müller aus der Bogenstraße 12 einen Schlag, um wie versprochen Goldschmidt zu schützen. Dafür soll Becker nachher bestraft werden, aber der Bürgermeister Stein verhindert das. Er kann die Sache so klären, daß nichts weiter von Seiten der Partei erfolgt.

 

 

Die  Auswanderung:

Im September 1935 wird dem Sohn Julius „Rassenschande“ angedichtet (eine Beziehung zu einer nichtjüdischen Deutschen). Ein Frankfurter Anwalt empfiehlt die Auswanderung. Bald darauf verlassen auch die Eltern Salomon und Jette im Jahre 1938 Hochstadt. Sie ziehen nach Frankfurt, wo Hermann Goldschmidt schon seit 1916 vorwiegend lebt. Dort stirbt der Vater 1938. Kurz vor der Auswanderung wird der Sohn Joseph noch einmal wegen einer Kinderlähmungsepidemie aufs Land verschickt. Die Familie Goldschmidt zieht nach Frankfurt, wo ja auch der Sohn Hermann ist. Der Umzug geschieht „über Nacht“, aber wohl doch nicht unter einem so starkem Druck wie später.

Über Hamburg wandert die Familie im Jahre 1938 nach Buenos Aires (Argentinien) aus. Dort ist Hermann Goldschmidt zusammen mit seinem ältesten Sohn an einer kleinen Werkzeugfabrik beteiligt, die allerdings mehr eine Werkstatt mit drei Angestellten ist. Dieser Sohn Joseph ist verheiratet mit Ines geborene Worms, deren Mutter aus der Gegend von Fulda kommt, der Vater aus Karlstadt am Main. Sie haben fünf Kinder, von denen die zwei Töchter Lili und Miriam in Israel verheiratet sind. Insgesamt haben sie 33 Enkel.

Als Mieter zieht Richard Becker in das Haus in Hochstadt ein, seine Hochzeit im September 1936 feiert er schon in diesem Haus. Aber bald danach werden ihm die Fensterscheiben eingeworfen, weil er in ein „Judenhaus“ gezogen ist. Goldschmidts bleiben also Eigentümer des Hauses, erhalten dafür aber keine Miete, sondern lassen die Familie Becker mietfrei wohnen. Das Klavier wird an eine Familie in der Wachenbucher Straße verkauft.

Nach dem Krieg geht das Haus in den Besitz der IRSO, einer Treuhandgesellschaft für jüdisches Vermögen. Diese macht die Rechte der ermordeten Juden geltend und unterstützt mit dem erstrittenen Geld die überlebenden Opfer. Dabei kommt es allerdings auch vor, daß man nichts von überlebenden Nachkommen weiß und diese deshalb leer ausgehen. Auch im Fall der Familie Goldschmidt wird nach dem Krieg kein Rückerstattungsanspruch gestellt.

Die IRSO bietet das Haus zunächst der Familie Becker an. Aber Richard Becker kann die zunächst geforderten 15.000 Mark nicht zahlen. Schließlich wird das Haus etwa 1949 von dem Arzt Dr. Seufert für etwa den halben Preis gekauft. Dieser verkauft es dann an Werner Legère, den Cousin von Willi Becker, dem Sohn Richard Beckers.

 

Bei der Friedhofsverwaltung in Hanau gibt es ein Besucherbuch, das 1960 gestiftet wurde von

 Jenny Strauss, die dort das Grab ihrer Großeltern Baruch Goldschmidt und Jettchen geborene Strauss besucht hat (das Buch ist heute noch in Benutzung). Sie wohnte damals in New York-City 25, 734 West End Avenue.

 

Besuch Joseph Goldschmidts:

Der frühere Hochstädter Leopold Katz rief am Freitag, dem 14. Juli 2006, bei Peter Heckert an, um sich für einige übersandte Unterlagen zu seiner Familie zu bedanken. Dabei erwähnte er beiläufig am Schluß, daß ihn kürzlich ein Herr Goldschmidt aus Hochstadt besucht habe. Ich traute meinen Ohren nicht, war es doch der Mann, den ich seit Monaten suchte. Ich hatte einen Brief nach Argentinien geschrieben an die Anschrift Hermann Goldschmidts, von dem ich wußte, daß er gestorben ist, in der Hoffnung, daß dort noch der Sohn wohne. Aber es kam keine Antwort. Daraufhin habe ich im Internet gesucht unter „Rabbiner Goldschmidt Bogota“. Es wurde auch ein „Alfredo Goldschmidt“ angezeigt, der einen weltweiten Handel mit koscheren Speisen (nach den jüdischen Religionsvorschriften hergestellte Speisen) betreibt. Die Emailanschrift war angegeben, eine Anfrage in Englisch schon aufgesetzt. Jetzt sagt Herr Katz: „Herr Goldschmidt ist gerade auf Einladung der Stadt Frankfurt dort zu Besuch!“

Herr Begemann vom Fachdienst Kultur der Stadt Maintal stellte dann über Lothar Strauß aus Wachenbuchen den Kontakt zu Herrn Goldschmidt her, von dem wir weder Vornamen noch Geburtstag wußten, nur daß er der Enkel des Viehhändlers Salomon Goldschmidt aus der Hauptstraße 26 war und der Sohn des Kaufmann Hermann Goldschmidt, der seit 1916 vorwiegend aus beruflichen Gründen sich in Frankfurt aufhielt. Am Sonntag, dem 16. Juli 2006, kam dann das Ehepaar Goldschmidt nach Hochstadt zu Besuch.

Wir machten zunächst einen Rundgang durch Hochstadt. Wir gingen die Ringmauer entlang, bei der Joseph Goldschmidt sagte: „Von einer Ringmauer hat mir mein Vater nichts erzählt!“

Er selber war ja im Alter von Fünf Jahren zum letzten Mal zu Besuch bei seiner Großmutter. Wir zeigt ihm das Elternhaus von Leopold Katz. Dann gingen wir zum Platz der früheren Synagoge und Schule in Hochstadt. Ich erzählte ihm, daß ich aufgrund der Angaben seines Vaters die Zeichnung vom Inneren der Synagoge gemacht habe, die sich in meiner Chronik befindet.

Schließlich standen wir dann vor seinem Elternhaus Hauptstraße 26. Joseph Goldschmidt konnte sich noch daran erinnern, daß es eine steile Treppe zum Dachboden hat, wo in einem Raum die Geräte für das jüdische Pesachfest aufbewahrt wurden. Auch die Bücher der jüdischen Gemeinde hatten damals dort ihren Platz, denn Salomon Goldschmidt war Leiter der Gemeinde. Schon in der Nazizeit müssen sie vernichtet worden sein. Aber eine Abschrift der Personenstandsregister befand sich im Landratsamt in Hanau. Das „Reichssippenamt“ hat davon eine Mikroverfilmung gemacht, die heute im Staatsarchiv in Wiesbaden erhalten ist und die Vorfahren der jüdischen Familien bis ungefähr dem Jahr 1800 erschließt.

Der Weg führte dann weiter in die Bogenstraße, wo in der Hausnummer 2 der frühere Gemeindeleiten Sichel wohnte. Herr Goldschmidt fragte auch nach dem Haus der Familie Appel, die er in Argentinien einmal kurz getroffen hatte. Dieses Haus in der Bogenstraße 6 konnten wir ihm nun zeigen. Dann gingen wir an der Kirche und dem Obertor vorbei und noch einmal durch die Lutherstraße. Dort zeigten wir ihm an der Ecke zur Bahnhofstraße die Stelle, wo sein Vater einmal von anderen Hochstädtern verprügelt worden war, nur weil er ein Jude war. Dennoch hat sein Vater in seinen Briefen immer wieder gut von den Hochstädtern gesprochen

Im Rathaus sprachen wir dann weiter mit dem Ehepaar. Wir schrieben uns die Personalien der Familienmitglieder auf. Sie haben fünf Kinder, von denen die Töchter Lili und Miriam in Israel wohnen, und insgesamt 33 Enkel. Frau Ines Goldschmidt geborene Worms ist in Argentinien geboren, aber ihre Mutter stammt aus Fulda und ist 1936 weggegangen. Der Vater war aus Karlstadt am Main.

 

Am 9. August 2006 schrieb ich noch einmal an das  Ehepaar Goldschmidt. Ich konnte ihnen eine Glückwunschkarte der Großeltern zuschicken, die mir ein Schulkamerad gebracht hatte. Dann berichtete ich von einer Nachbarin, daß ihre Eltern damals das Klavier von Goldschmidts gekauft haben.  Und schließlich hatte ich von einer älteren Frau etwas gehört, daß Tante Rosy schon in jungen Jahren eine sehr hübsche Frau gewesen. Selbst der Nazi-Bürgermeister Stein hat sich in sie verguckt (wohl vor seiner Hochzeit im Jahre 1936).

 

Erinnerungen:

Hermann Goldschmidt hat für seine Kinder und Enkel seine Erinnerungen an Hochstadt aufgeschrieben (Auszug, den der Sohn uns übersandt hat):

 (2) Hochstadt ist ein kleines historisches Dorf, das ungefähr 1500 Einwohner hat. Es liegt zwischen Frankfurt am Main und Hanau. Auch ist seine jüdische Geschichte lang. In diesem Dorf wurde ich am 12. Dezember 1906 geboren. Ich habe sehr wenige Erinnerungen an meine Kindheit. Man hat mir erzählt, daß meine Großmutter Jettchen - die andere Großmutter Regina habe ich nie gekannt – als sie im Jahre 1909 erfahren hat, daß meine Mutter ihren Sohn Julius  auf die Welt gebracht hat, da hätte sie gesagt: „Noch ein böser Bub!“

Ich hing sehr an der Mama. Man sagte mir, ich sei ihr sehr ähnlich gewesen. Auch der Pessimismus, der mich in der Jugend beherrschte - besonders im Herbst -  wäre eine Erbschaft von ihr.

In religiösen Angelegenheiten war sie toleranter als mein Vater. Für ihn war es das Wichtigste, das ein Mann die Regeln der Tora [(jüdisches Gesetz] einhält ohne Unterschiede zu machen, ob er Jekke oder Pollak war (so nannte man die Juden aus Polen in einer abwertenden Form. Vater ist immer wütend geworden, wenn jemand dieses Wort in seiner Anwesenheit benutzte). Dennoch - in einer Zeit, in der die Einheit der orthodoxen Juden viel größer war, besonders in der Familie Breuer [sein Schulfreund], sah man die Juden aus dem Osten  wie eine zweite Klasse an, sie dachten, sie wären allein Juden.

Ich glaube, daß in dieser Zeit selbst er von Herzl und dem Zionismus nichts wußte, Bemerkenswert ist, daß in einem unserer Zimmer eine Abbildung vom Baron Hirsch hing, obwohl ich allerdings erst in Buenos Aires erfahren habe, wen dieses Foto darstellt.

Ob Mutter diese Linie weiter verfolgte weiß ich nicht. Sie hat uns immer unterstützt, wenn wir am Sabbat („Shabatot“) ab und zu Besuche bei Mitgliedern der Gemeinde („Kehila“) gemacht haben, die in Bischofsheim und Dörnigheim lebten und die nach Hochstadt kamen, um die Mindestzahl der Synagogenbesucher („Minjan“) in der Synagoge zu bilden. Aber sie hatten ihre Geschäfte am Sabbat geöffnet.

Ohne es zu merken hat sich bei mir schon im frühen Alter der Gedanke des jüdischen Volkes gebildet. Es war nicht sehr in Mode zu dieser Zeit.

Und in späteren Jahren hatte ich den Eindruck, daß die Tatsache, daß ich mich niemals würde abfinden können mit der Trennung von der Zentralgemeinde (Austritt),  ihren Ursprung hat in diesen zwei Überzeugungen von Vater und Mutter.

 

Noch etwas über Mutter und Vater. Die zwei haben soviel gearbeitet, daß man es sich heute kaum vorstellen kann. Vater hatte von meinen Großeltern und Urgroßeltern väterlicherseits einen Viehhandel erhalten - nur Kühe, keine Pferde. . Es gab im Stall immer zwei oder fünf Tiere. Deshalb lernte ich schon in frühem Alter, was eine Geburt ist, da ich sehr oft Geburten miterleben konnte. Dabei habe ich aber auch gelernt was wahre Freundschaft ist. Bei  diesen Geburten halfen sich die Nachbarn gegenseitig – wie bei allen Bauern. Da gab es keine Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden.

 

Jeden Tag - außer Montag, aber einschließlich des mosaischen Sabbat und des (christlichen) Sonntags, besuchte Vater seine Kunden in Hochstadt und Mittelbuchen (eine Stunde zu Fuß entfernt). Dort, in diesem sehr kleinen Dorf, lebte ein Freund, der Bürgermeister Köppel, ein sehr intelligenter und lebhafter Mensch. Obwohl sein Bruder oberster Richter am zentralen Gerichtshof in Steuersachen in Berlin war, besuchte er uns in der Nazizeit offen in Hochstadt, wenn er in Mittelbuchen zu Besuch war, während die Freunde in Hochstadt nicht mehr den Mut dazu hatten, aber er tat es.

In der Nacht von Sonntag auf Montag, ausgenommen an Festen, sind Papa und Mama um zwei Uhr morgens aufgestanden  um die Tiere zu versorgen. Dann fuhr Vater - zusammen mit anderem -  auf der Straße drei Stunden mit den Tieren zum Viehmarkt in Frankfurt. Am Montagnachmittag fuhr er mit dem Zug nach Gersfeld - gut zwei Stunden entfernt - mit der Absicht, dort Zuchttiere zu kaufen. Der Tag, der um zwei Uhr begann, endete ungefähr um 23 Uhr in Gersfeld.

Und Mama hat auch nicht viel weniger getan. Beide waren nie in Urlaub. Meine Mutter heiratete, als sie 23 Jahre alt war. Sieben Jahren nach der Hochzeit lebten sie mit meiner Großmutter zusammen. Im Jahr 1917 ging Vater in den Krieg und kehrte 1918 zurück. Im Jahre 1921 wurde er krank am Herz und konnte nicht arbeiten.

Im Jahre 1932 kam Hitler. Wir zogen 1936 nach Frankfurt um, wo er 1938 starb. Sein Tod war der Anlaß zu unserer Auswanderung nach Buenos Aires. Im Jahre 1939 wanderte  Rose nach den USA aus, und Mutter nach Enschede. Im Jahre 1940 starb Julius. Im Jahre 1941 konnte sich Mutter nicht mehr verbergen, sie starb 1944.

 

Um auf das Thema des Lebens in Hochstadt zurückzukommen: Es ist mir klar, daß meine Eltern, obwohl sie lange Stunden arbeiteten, hielten sie den Sabbat mehr ein als bei uns (hatte der Sabbat größere Bedeutung als für uns). Ich grübele, denn die Erinnerungen an meinen Vater sind sehr schwach. Im Jahre 1914 wurde er zu den Reservisten eingezogen und kam an die Front, er war ja schon 49 Jahre alt und sehr krank.

Man hat mir gesagt, daß er in seinen jungen Jahren sehr sehr lebhaft war und ein guter Tänzer, der keinen Tanz ausließ. Aber davon habe ich keine Erinnerung.

Ich stelle mir einfach vor, wie sehr er gelitten haben muß durch seine erzwungene Untätigkeit ab seinem 49. Lebensjahr.  Dann kamen halt die finanziellen Schwierigkeiten, Krankheit und schließlich mußte er  den Ort seiner Vorfahren verlassen und seine geliebte Gemeinde („Kehila“). Ich mich erinnere mich noch daran, daß mein Vater ein wahrer Parnes (Nutzer einer jüdischen Sprache) war, der an seiner geliebten Gemeinde festhielt bis zu seinem Weggang im Jahre 1936.

 

Der Glaube zu Hause war echt und angeboren von beiden Seiten, aber mit verschiedenen Schattierungen. Meine Mutter verwendete eine Perücke, auch meine Großmutter mütterlicherseits, die ich leider nicht kennenlernte. Jedoch nicht so meine Großmutter väterlicherseits. Aber ihre einzige Tochter, Tante Berta, erfüllte diese Vorschrift („Mizwa“).

 

Was sie mir über die beiden Schwestern meiner Mutter erzählten: Tante Mina Adler in Laudenbach starb in Brasilien, ebenso wie ihre einzige Tochter Helmi; deren zwei Kinder sind verheiratet mit brasilianischen nichtjüdischen Partnern.

Mit einem Enkel von Tante Mina hatte ich einmal ein Gespräch in Porto Allegre, der mir die Geschichte seiner Onkel und deren Mutter erzählte. Tante Jeanette Gundersheimer und ihr Ehemann, Lehrer und Schächter (Shojet) starben in Deutschland.  Sie erzählten mir auch: Meine Großeltern Jonteff Kahn [Anmerkung: Großvater mütterlicherseits] und Regina Schwarzschild [Anmerkung: Großmutter väterlicherseits] waren sehr freundlich und taten viel im Verborgenen.

Während des Krieges hatte mein Vater einen sehr großen Überlebensdrang. Daß er unter sehr ungünstigen Bedingungen nach den jüdischen Vorschriften („koscher“) aß, versteht sich von selbst, trotz seiner 44 Jahre [Anmerkung: waren es nicht 49 Jahre? Er ist 1973 geboren!].  Er hatte einen eigenen Willen.

Ich erinnere mich, einen Brief gesehen zu haben von dem neuen Rabbiner Dr. Salomon Bamberger aus Hanau, den er anscheinend befragt hat, unter welchen Umständen es erlaubt ist Trefe zu essen. . Ein Satz aus dieser Antwort von Dr. Salomon Bamberger bleibt mir sehr in Erinnerung: „Nicht jeder Hunger ist schon eine Lebensgefahr!“ Das vorher erwähnte Erlebnis bezieht sich auf den Einfluß, den die Religiosität des jungen Rabbi Bamberger (der im Krieg verstarb) aus Frankfurt und sein Waffenkamerad auf ihn hatten.

Vor meinen Augen erscheint das Bild meines Vaters, bei Eintritt der Nacht, wie er sehr spät abends da steht und den Raschi [jüdischer Philosoph aus Worms] studiert, einen Kommentar über die fünf Bücher Mose („Chumesh“, Petateuch) in deutscher Sprache. Seine hebräischen Kenntnisse waren gering, nicht aber sein ganzheitliches Verständnis („Schlemut“).

Eine andere typische Sache, an die ich mich erinnere: Bei der Rückkehr von seinen Besuchen bei den Bauern wusch er sich die Hände, vielleicht hatte er ja irgend etwas berührt, das unrein war („Trefe“, nach den jüdischen Speisegesetzen nicht erlaubt).

An den Feiertagen („Sabatten“) im Sommer hat die Familie Spaziergänge über die Felder gemacht. Die Goldschmidts hatten ein kleines Feld, besser gesagt ein Parzelle Land, die von uns bearbeitet wurden. Ich selbst habe nie Arbeit mit der Erde gemacht. Meiner Mutter gefiel es in diesen besagten Spaziergängen immer den Zustand unserer Felder zu sehen. Vater machte es anders, er ging in der Wochemitte.

Zur Versammlung der Männer (zum Shil) zu gehen war seine große Leidenschaft, auch wenn es in diesen Fällen unmöglich war, die Mindestzahl der Synagogenbesucher („Minjan“) zu erreichen.

Die Synagoge, die in der Reichskristallnacht zerstört wurde, befand sich in der Nähe unseres Hauses.

Bis weit in die zwanziger Jahre gab es gar keinen Strom, nicht mal zu reden von Heizung. Auch fließendes Wasser wurde erst sehr spät in Hochstadt eingeführt.

Die jüdischen Einwohner von Bischofsheim und Dörnigheim kamen um eine Mindestzahl („Korum“, Quorum) zu bilden, und ab und zu wurden auch fremde, bezahlte Männer angeheuert.

Noch eine Besonderheit über unsere Synagoge: Die Gesetzestafeln („Tablas de la Ley“,  die sich schon vor 1918 auf dem Altar („Aaron Hakodesh“) befanden,  waren in den Farben schwarz-rot-gold angemalt, die Farben der Weimarer Republik, die 1918 begann.

Die Preußen besetzten schon 1866 diesen Teil Deutschlands, die Provinz Hessen, dessen Farben ebenfalls schwarz-rot-gold waren [Anmerkung: Das stimmt nicht ganz, es handelt sich um die Farben der demokratischen Bewegung von 1848, die hessischen Farben sind Rot-Weiß].

Wenn in der Nacht von Freitag auf Samstag niemand kam, haben wir, Papa, Julius und ich, den Shil (im Shil?) alleine gebetet. Papa hat üblicherweise stehend gebetet, einschließlich des ganzen Yom-Kippur-Tages (Versöhnungstag), sogar in den Jahren seiner Krankheit und gegen die Anweisung seines Arztes und des Rabbiners.

Schon in Buenos Aires lebend erfuhr ich durch meine Cousine Jenny, daß in dem alten Haus, das 1913 abgerissen wurde, sich eine Mikwe (jüdisches Ritualbad) befand.

Ebenso teilte sie mir mit, daß Papa am Freitag, wenn er die Abrechnung seines Verdienstes in der abgelaufenen Woche machte, durch Jenny  den Zehnten (das „Maaser“) zu den armen Leuten schickte.

Ich hatte den Eindruck, daß die Mutter aus einer Umgebung kam, die religiöser war als in Hochstadt. Sie war geboren in Oberaltertheim, nahe von Würzburg und nicht sehr weit von Rothenburg ob der Tauber,  wo der berühmte Rabbi Medir (Maharam)  lebte.

 

In einer Chronik dieses kleinen Dorfes [Anmerkung: gemeint ist wohl Hochstadt] wird berichtet, daß sich dort eine Mikwe befand und ein Eirun (auch eine jüdische Einrichtung) und daß das Innere der Synagoge einer Synagoge der Sefardim sehr ähnlich war [Anmerkung: Juden aus Spanien bzw. Westeuropa]. Ich konnte aber nicht feststellen, ob früher dort Sefardim lebten.

 

Meine Mutter hat mir erzählt, daß ihr Vater sie ein Jahr nach Höchberg schickte, ein Ort, der bekannt ist als ein religiöses Zentrum, in ein sehr orthodoxes Haus [besser: in eine sehr strenggläubige Familie]. Dort hat sie gesehen, daß man den Minhag (liturgischer Brauch einer Ortsgemeinde) befolgte – zu dieser Zeit ein in Deutschland unbekannter Brauch, bei dem man ein Stück Teig auf den Schultern trägt in der Nacht vom Seder (jüdisches Fest),  wobei man einen Kreis (die Hakafa) um den Tisch herum macht, um zu erinnern aus den Auszug aus Ägypten. Ich selbst habe diesen Minhag zum erstemal in Buenos Aires durch die Hara (?) gesehen.

Wir bekamen unsere Mazzen [Brot für das Pesachfest] von einer Tante von Mutter aus Laudenbach [zwischen Miltenberg und Wörth]. Dort gab es auch noch eine andere Bäckerei, wo man die Mazzen herstellte, die Bäckerei der Schusters, die auch hierherkamen und die unter der Aufsicht des Würzburger Rabbinats standen. Aber Papa kaufte den Schmuro (in Gebäck?) in Frankfurt, zur großen Enttäuschung meiner Mutter.

Es gab aber keinen Streit unter ihnen, daß sie ihre drei Kinder auf die S.R. Hirsch-Realschule in Frankfurt schickten. Der meisten Einwohner [von Hochstadt] schickten ihr Kinder auf die Schulen in Hanau, Nicht-Juden, ohne ein Problem mit dem Sabbat [gemeint ist wohl: Weil sie Nichtjuden waren, hatten sie kein Problem mit dem Sabbat, an dem auf jenen Schulen auch unterrichtet wurde, während die  jüdische Schule den Sabbat ausließ]. Sie brachten dieses große Opfer, das sie  vor allem in den letzten Jahren sehr zu schätzen wußten in all seiner Tiefe. Ihre wirtschaftliche Lage war nicht so, daß sie sich diesen Luxus erlauben konnten. Außerdem mußten wir [die Kinder] unter der Woche, also von Sonntag bis Freitag, in dem Haus unserer Tante Berta in Frankfurt bleiben.

Es ist bemerkenswert, daß meine Brüder und ich eigentlich nicht zu leiden hatten unter der Tatsache, daß wir aus einem Haus der „Landjuden“ kamen und daß der Vater in einem nicht sehr angesehenen Beruf arbeitete. Im Rückblick gesehen ist es eine Tatsache, wie mir Vater erzählte, daß er mehr im geschlossenen, kleinen Kreis angesehen war als es dann in der IRG (Israelitische Religionsgesellschaft) war. Obwohl wir vom Land kamen und aus einer Umgebung, die nicht von der Höhe war, die in Frankfurt herrschte, war die Erziehung, die wir zu Hause empfangen hatten so, daß sie ohne weiteres die Türen zur  Herausgehobenheit (Exklusivität) eines Breuer [sein Schulfreund] öffneten.

Zurück zu Hochstadt: Dort lebten etwa 6 - 7 jüdische Familien, also eine unbedeutende Minderheit in einem Meer von Bauern und praktisch ohne Arbeiter („Proletariat“). Die Beziehungen zu unseren Nachbarn waren sehr herzlich - praktisch der ganze Ort betrachtete sich als Nachbarn, jene mit evangelischer Religion und wir mit  jüdischer Religion. In der Mehrzahl der Fälle waren diese Beziehungen über Generationen gut. Sie achteten uns in unserer Art als ehrliche, treue Leute, die der Tora folgten und nur eine andere Religion hatten

Wenn einige Juden am Samstag ihre Geschäfte eröffneten, ist natürlich die Wertschätzung bei den Christen gesunken. Es war einfach so: Je strenger man in der Beachtung der Tora war, desto größere Achtung hatte man.

Noch eine andere Tatsache beeinflußte viel diese Beziehung: Die Familien kannten sich seit mehreren Generationen und hatten nicht nur Umgang durch wirtschaftliche Beziehungen

1.) Vor dem Passahfest gab man ein oder zwei Mazzen an alle nichtjüdischen Freunde und als Gegenleistung schickten die Bauern für jedes Stück Mazzen ein Ei. Mein Bruder und ich waren für die Verteilung verantwortlich.

2.) Bei einer Hochzeit Ehe in einer Familie eines Bauern sandten sie uns Mehl und Eier zu, so daß wir unseren eigene Kuchen zubereiten konnten [Anmerkungen: Wegen der jüdischen Vorschriften für die Zubereitung von Kuchen].

3) Wir hatten zu Hause ein kleines Gefäß, „Trefe“ genannt, das dazu diente, am Freitag unsre Sabbat-Suppe an die Frauen zu senden, die kürzlich ein Kind geboren hatten [Offenbar handelt es sich um ein „unreines“ Gefäß, das man nur zu den nicht-jüdischen Frauen mit nahm, denn um solche handelt es sich offenbar]. Im allgemeinen haben die Bauern keine Suppe aus frischem Fleisch zubereitet. Sie lebten von geräuchertem Fleisch, das sie in ihrem Hause herstellten. Die Verteilung erfolgte ebenfalls durch uns, meinem Bruder und mir.

 

(8) Aus Unterhaltungen, die ich mit unseren Nachbarn hatte, konnte ich entnehmen, daß sie uns Juden vor ihren römisch-katholischen Geschwistern vorzogen (die es aber praktisch nicht in Hochstadt gab) .Wir fühlten uns als Teil die Bevölkerung von Hochstadt, aber etwas anders. Unser Dialekt war dem ihrigen angepaßt, mit dem Unterschied, daß wir ihn mit hebräischen Ausdrücken vermischten. Zum Beispiel: „Shuk“ war die übliche Münze für den Markt,

 „Rakev“ war die Polizei, „Jiluf“ war der war Schuldschein usw.

Viele Jahre schämte ich mich, den Dialekt verwenden bis zum Alter von 18 - 20 Jahren, als man mir sagte,  daß eine hochdeutsche Sprache praktisch nicht existiert und daß die natürliche deutsche Sprache der Dialekt ist in verschiedenen örtlichen Ausprägungen. Von da an war ich glücklich, mich in meinem Dialekt ausdrücken zu können – ähnlich dem von  Frankfurt. In den 40iger Jahren machten wir in Buenos Aires ein Treffen von Leuten  aus Frankfurt, wo es Pflicht war „Frankfurterisch“ zu sprechen. Diese Liebe zum Dialekt blühte wieder auf bei unseren zwei Besuchen in Frankfurt.

 

Meine Erinnerungen an meine ersten Jahre sind sehr schwach. Opa Baruch pflegte mir kleine Schokoladen-Kekse mit Perlchen obendrauf zu bringen. Opa starb am Tag Moazei Jonteff, am zweiten Passahtag 1913 an einem Herzinfarkt, ohne die 70 Jahre erreicht zu haben [Anmerkung: Er starb 1912]. Wir lebten in dieser Zeit in einem gemieteten Haus. Das war das zweite Haus, in dem wir lebten, seit meine Eltern geheiratet hatten.

Nach seinem Tod wurde eine Vereinbarung zwischen meinem Vater und seiner Schwester Tante Berta gemacht. Sie verzichtete auf ihren Teil der Erbschaft und erlaubte meinen Eltern, das alte Haus abzureißen und ein neues Haus zu bauen, das bis heute  existiert und das im Jahr 1989 von Alfredo besucht  wurde. Als Ausgleich gaben meine Eltern meiner Großmutter auf Lebenszeit das Recht,  in einem Raum dieses Hauses zu leben und dort verköstigt zu werden. Mir ist nicht klar, ob Julius, Rose und ich, die ja auch in Pension bei unseren Onkeln lebten, Teil dieses Abkommens waren.

 

(9) Oma Jettchen - überraschenderweise der gleiche Name wie der meiner Mutter - war von schmaler Gestalt und war sehr religiös, obwohl sie keine Perücke trug. An ihren Enkelinnen gefiel ihr, daß niemand mit der letzten Mode ging. . Sie kam aus Büdesheim aus einer sehr religiösen Familie mit sehr vielen Kindern. Sie erzählte mir, daß sie zusammen mit ihren Schwestern nur einen einzigen Hut hatte

Zu dieser Zeit war es Pflicht, daß man, wenn man ausgeht, einen Hut tragen muß. Somit war es immer nur einer der Schwestern möglich auszugehen. Als sie etwas über achtzig Jahre alt war, verstarb sie im Januar 1933 und ersparte sich somit eine Menge Kummer.

 

Im Jahr 1913 kam ich in Hochstadt in die Volksschule. Ich fürchtete den evangelischen Pfarrer Reich [Anmerkung: Er war damals Ortsschulinspektor. Aber vor ihm fürchteten sich alle]. Meine erste Lehrerin war Fräulein Lorey, die sehr liebevoll war. In demselben Jahr trat ich in die (jüdische) Religionsschule in Hochstadt ein. Mein Lehrer war Herr Hammelburger, der mir später den liturgischen Gesang (Jazanut) beibrachte. Dabei benutzte er seinen eigenen

Jammergesang (Nigunim). Ich habe ihn später in New York getroffen. Meine Beziehungen zu meinen Schulkameraden in den Schulen waren immer sehr oberflächlich und es bleiben mir eigentlich keine Erinnerungen daran. In Frankfurt war das anders.

 

Wir verstanden einander sehr gut in der Familie und immer herrschte große Übereinstimmung. Das war aber nicht so in der Familie von Tante Berta. Ich erinnere mich daran, daß Julius und ich mit dem kleinen Kinderwagen mit Rose spazierenfuhren und wir  einen Hügel hinunterrannten und Rose auf den Boden kippten. Julius war ein sehr kumpelhafter Typ aber sehr unterschiedlich zu mir. Er war ein Hübschling, der sehr kontaktfreudig war. Er wußte es zu leben, ohne sich große Sorgen zu  machen.

 

Der Beginn des ersten Weltkriegs - meine erste sichere Erinnerung - fiel genau auf Shabat Tisha-Beav (jährlicher Fastentag am neunten Ab, der in diesem Jahr auf den Sabbat fiel). Zu diesem Zeitpunkt war ich in Urlaub in Laudenbach. Ich war noch nicht einmal acht Jahre alt. Ich war im Hause meiner Tante und meines Onkels. Onkel Nathan Adler und Tante Minna, die Schwester meiner Mutter. Sie war eine ganz herzliche Frau. Sie war eine sehr gute Köchin und Konditorin. Von Ihrem Haus aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den Main.

 

(10)  Dort hatte ich auch meinen ersten Kontakt mit dem Katholizismus. Ein paar Schritte von dem Haus befand sich die Kirche, dort konnte ich die Prozessionen beobachten, ich hörte die Gesänge, die ich nicht kannte. Das war alles so geheimnisvoll, daß es Furcht in mir hervorrief, und es war so verschieden von der protestantischen Art von Kirche in Hochstadt.

Laudenbach, eine sehr alte Gemeinde („Kehila“) mit einem alten Friedhof auf einem Hügel, war in vieler Hinsicht anders als Hochstadt. Ich lernte mit dem Lehrer Oppenheimer erst viel später die verschiedenen Möglichkeiten (andere Übersetzung: Ich habe mit dem Lehrer Oppenheimer dort zu mehreren Zeitpunkten dieselben Sachen gelernt).  Es gab zweimal Gottesdienst („Minjan“) an einem Tag. Im Sommer nahm man die Pakete für den zweiten Tag des Seudat (Festmahl)(„Seudat Schlischi“) mit zu einer der Bier-Wirtschaften, die am Ufer des Flusses Main waren, um zu essen und Bier zu trinken.

Am Sabbat nach dem Gottesdienst (Shil) holte jeder von der Bäckerei sein Gebäck („Cholent“, an sich ein Eintopf mit Lammfleisch und Gemüse) ab, das natürlich sehr lecker war. Am Kiddush-Fest (bei dem ein Segen über einem Becher gesprochen wird) nahm man für die Nacht zwei Zöpfe, aber für den Morgen nur einen Zopf und ein spezielles Weißbrot in Form eines Zeppelins. Es wurden auch Mazzen zubereitet.

Im Jahre 1916 trat ich nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung in die Hirsch-Realschule ein. Auch Michael Grünebaum trat ein, später mein nächster Freund. Er starb in sehr frühem Alter in New York. Davon habe ich gehandelt in der CD über Breuer in Frankfurt. Er ist der Gleiche wie der spätere Breuer aus New York, immer wie Gabe [Eigenname?]. Auf seine Anregung hin wurde der eigene Friedhof von Breuer in New York geschaffen. Er war der Erste war, der dort begraben wurde.

 

Doch nun zurück zum ersten Jahr in der Schule in Frankfurt: In ganz Deutschland wird „Shem Hamforash“ mit „Ewiger“ übersetzt. Aber entsprechend der Tradition (Meinung?) von Hirsch sollte es „Gott“ oder „Hashem“ heißen. Michael begreift es nicht sofort und übersetzt immer mit „Ewiger“, worauf der Lehrer Kaufmann bemerkt: „Hör doch endlich auf du EWIGER aus Brückenau". Er wollte damit sagen: „Hör auf dieses Wort zu wiederholen, du „Ewiger“ aus Brückenau“,  Das war der Ort, aus dem er natürlich stammte.

 

Die ersten Jahre waren ziemlich schwierig für mich, besonders im Fach Hebräisch. Diese Situation ändert sich in den zwei letzten Jahren, als ich Freunde bekam. Später habe ich auch meine Freunde aus Hochstadt eingeladen. Ich war schon ein Jugendlicher. In späteren Jahren dehnte Rose die Einladung aus auf  ihre Freundinnen. Sie hat sich mit sehr viel mehr Sicherheit entwickelt als ich. Im Jahre 1915 operierten sie mich in Frankfurt wegen einer Ohrenentzündung, die ziemlich schmerzhaft war. 

 

(11) Vater und Herr Stern, der gegenüber wohnte, waren sehr, sehr gegensätzlich [Anmerkung: Jesel Stern, Hauptsraße 31, mit Sohn Albert, geboren 1895, und Tochter Hedwig].  Ich weiß zwar nicht seit wann und warum, die Familien hatten eigentlich sehr enge Beziehungen.

 Das hat Vater und Herrn Stern aber nicht gehindert, zusammen einen Lastwagen zu mieten, um die  in Fulda und in anderen Orten gekauften Tiere nach Hochstadt zu verfrachten. Berühmt war, was geschah im Lastwagen vom Bahnhof Hochstadt zum Haus: Jeder nahm die Zügel seiner Tiere und jeder wollte den anderen warnen, daß etwas mit dem Tieren nicht in Ordnung sei. Dann sagte er: „Wenn die holländische Kuh meine wäre, würde ich dies oder das machen!“  Der direkte Kontakt war komplett ausgeschlossen.

Im Grunde war Papa sehr zurückhaltend gegenüber Juden NO-DATI [nichtreligiöse Juden?], mit Ausnahme gegenüber Albert Stern (dem Sohn), der in Berlin eine gute Stellung hatte und der Vater das Geld (Silber?) gespendet hatte, das notwendig war für den Gottesdienst (Shil).

Hedwig, die Tochter, heiratete in Höchst im Odenwald. Ich besuchte sie an einem Sabbat.

Sie kam öfters zu uns ins Haus und wir gingen ab zu in ihr Haus, wo wir die Leckereien der Küche von Frau Stern genossen.

In den 20iger Jahren erkrankte Herr Stern an Krebs und konnte nicht mehr sprechen. Während dieser Monate der Krankheit und dann später bei seinem Tod gibt, hielt ich die Totenklage (Kiddush) für sie und aß bei ihnen.

Herr Stern starb in einer Nacht zum Sabbat. Sie riefen mich, und es war das erste Mal, daß ich den Tod eines Menschen miterlebte. Ich sagte nur die Shemot. Am folgenden Morgen kam der christliche Arzt aus Bischofsheim, weil es in Hochstadt keinen eigenen Arzt gab. Er fragte mich, ob er, wenn ich wollte, die den Verstorbenen in eine normale Lage bringen sollte, weil „Sie das nicht am Sabbat machen dürfen“. Ich habe sein Angebot angenommen.

 

In Hochstadt lebte eine Tante meines Vaters mit Namen Hannchen zusammen mit zwei Töchtern, alten Jungfern.  Sie lebten vom Einsammeln von Milch aus Hochstadt, die dann an die Gemeinde (Kehila) in Hanau. geliefert wurde (vielleicht besser: die sie nach Hanau brachten).

Beim Melken am Pesachfest mußten sich die Bauern die Hände erst waschen und sich neue weiße Schürzen umbinden. Mehrere Jahre feierte ich Seder [jüdisches Fest, Abend vor dem Pesach] im Haus dieser Tante. Tante Hannchen trug ihr Schicksal mit Fassung – nicht einfach!

 

Ein anderer unserer Verwandten war Jessel, Bruder meines Großvaters Baruch Goldschmidt, der mit seinem Sohn in Bischofsheim lebte. Wir sahen uns jeden Sabbat beim Shil. Er und noch mehr sein Sohn waren ziemlich komische Leute. Die Beziehungen zu ihnen waren fast null.

Um auf Frankfurt zurückzukommen: Mit dem Eintritt in die S. R. Hirsch-Schule begann ein neue Abschnitt in meinem Leben. Aus mehreren Gründen: Ab Sonntag (wir hatten am Sonntag Unterricht!) bis Freitag lebte ich im Haus des Onkels Bernard; er starb etwa 1917) und Tante Berta. Sie haben am 1. Januar 1900 geheiratet. Es war eine Liebesheirat, im Gegensatz zu meinen Eltern, die „gechadchent“ waren [von den Eltern zusammengeführt]

Sie hatten eine koschere Metzgerei ohne Hasgocho (eine Speise, die ähnliche wie koschere Speisen zubereitet war), aber sie genossen das Vertrauen der polnischen Juden, einschließlich der sehr strenggläubigen. Das Geschäft war nach der Straße zu. Im ersten Stock war „die gute Stube“ und das Eßzimmer und die Küche - aber beide sehr dunkel - und die große Neuigkeit für mich: das WC mit „Wasserspülung“ außerhalb der Wohnung auf dem Treppenabsatz.

Oft mußte ich Wache halten vor der Tür dieses WC, wenn Erna drin war. Im ersten Stock neben der „Guten Stube“ ging eine Wendeltreppe zu den Schlafzimmern zum zweiten Stock hoch

In den letzten Jahren des Krieges 1917/8 wurde das Essen immer weniger. Morgens gab es Kohlsuppe ohne Brot, die nicht lange anhielt. Die zwei Brötchen waren ganz häßlich, mit Marmelade, noch schlimmer. Ich hatte es nach den ersten zwei Wohnblocks von zu Hause aus schon gegessen und danach hatte ich 13 oder 14 Stunden Hunger.

Onkel und Tante gehörten zum „Börneplatz“ [Anmerkung: gemeint ist die Synagoge am Börneplatz]. Ich erinnere mich noch an den Rabbiner Nobel und später an Rabbi Hoffmann (später Rabbi in New York und im Gesprächskreis (Gottesdienst, Shil) von Jessel Rosenblatt, J. B. Levi, der mir später die Sidra (Wochenabschnitt der Tora) beibrachte und der mich überrascht, wie wenig er über die fünf Bücher Mose (Chumesch) wußte. Alle meine Cousins und Cousinen gingen auch zur Hirschschule.

 

 

FAMILIE STRAUS, HAUPTSTRASSE NR. 41:

Der Familienname kommt häufig vor in Dörnigheim und vor allem auch in Wachenbuchen. Von dort sind wahrscheinlich auch einige Frauen, die nach Hochstadt heiraten. Der Stammvater der Hochstädter Familie Straus ist Samuel Straus aus Wachenbuchen, Sohn von Rös Straus. Nach 1840 wird er als Beisasse aufgenommen. Er ist zweimal verheiratet: Im Jahre 1843 heiratet er Karoline (Gele) Goldschmidt, die Tochter Baruch Goldschmidts. Und 1852 heiratet er Janette Schönfeld aus Vilbel, die beiden Kinder sterben aber klein.

Der Sohn aus erster Ehe, Jesel Straus, heiratet 1874 in erster Ehe Bettchen Goldschmidt, eine Enkelin Baruch Goldschmidts, also seine Cousine. Ihre Grabsteine sind auf dem jüdischen Friedhof in Hanau vorhanden. Sie haben nur einen totgeborenen Sohn. Im Jahre 1879 heiratet er die jüngere Schwester seiner ersten Frau, Hannchen geborene Goldschmidt.

Hannchen Straus hat einen Stoffhandel und geht mit den Stoffballen zu den Bauern. Eine Tochter stirbt schon als Kleinkind. Die Töchter Lina und Bertha haben einen Milchhandel und haben bei Weckmanns in der Lutherstraße 11 zwei Kühe stehen. Die koschere Milch bringen sie dann jeden Tag mit der Bahn nach Hanau zu jüdischen Familien. Am 11. Mai 1939 ziehen sie nach Frankfurt. Dort stirbt Bertha am 30. Dezember 1940.

Die Familie lebt in einem kleinen Haus neben der Synagoge, das heute nicht mehr existiert (folglich auch nicht mehr die Hausnummer). Das einstöckige Haus stand bis an den Wehrgang, links war ein kleiner Schuppen und davor noch der Kuhstall. Die Familie war unter dem Namen „Heister“ bekannt.

 

 

THEODOR AUSÄDERER, HAUPTSTRASSE NR. 43:

Die Familie Ausäderer tauchtauch  in den Kirchenbüchern auf, weil Theodor Ausäderer später evangelisch heiratet. Die Familie könnte aus Polen stammen, denn Anete Ausäderer aus Rio de Janeiro konnte mitteilen, daß ihre Familie zu Ende der 30iger Jahre mit einem Schiff nach Südamerika ausgewandert, aber die Familie kam ursprünglich aus Gliwitze (Gleiwitz).  Auch nach Aussage von Frau Danziger sind die Wurzeln ihrer Familie in Fraustadt (Posen) zu suchen. Dort gibt es den Namen noch mehrfach. Der Name „Ausäderer“ soll nach jüdischem Brauch eine Berufsbezeichnung in Anlehung an koschere Metzger entstanden sein: Von „ausadern“, einer speziellen Methode der Fleischzubereitung; dies ist aber nicht stichhaltig belegt.

 

Die Familie stammt ab von David Ausäderer und Bertha geborene Wandesbeide, die zuletzt in Bischofsheim wohnte.  Der Sohn Isidor Max Ausäderer heiratet 1894 Elisabeth Appel („Betchen“) aus Hochstadt. (geboren 07.09.1865). Er stammt aus Lissa in Posen, heute Lesno, auch „Fraustadt“ genannt. Er ist öfters unvermutet für einige Monate verschwunden. Man glaubt, daß er zu dieser Zeit sich in Berlin aufgehalten hat.

Bettchen Appels Eltern sind der Handelsmann Herz Appel (1836 bis 1908) und Breinle (Bertha) Stern (geboren 1835 in Bischofsheim, gestorben.1912 in Hochstadt). Die Eheleute sind Beisassen (Bürger zweiter Klasse) und wohnen im Jahre 1875 Bogenstraße 1 und im Jahre 1886  Bogenstraße 6).  Die Eltern von Herz Appel sind der Handelsmann Benjamin Appel, verheiratet 1825 mit Bette Kaiser aus Fritzlar und Tochter des Manasse Kaiser, Doktor der Schrift. Die Eheleute sind Schutzjuden (Bürger dritter Klasse). Der Vater Benjamin Appels ist Nathan Appel, seine Frau ist eine geborene Keiser.

Beide Eheleute sind Schneider. Zunächst ziehen sie zu der Frau in die Bogenstraße 6, im Jahre 1906 sind sie dann in dem Haus Am Felsenkeller 11, im Jahre 1923 Hanauer Straße 26. Sie haben drei Kinder:

Der Sohn „Benjamin“ ist unehelich und stirbt 1886 bald nach der Geburt.

Der Sohn Theodor, geboren 1895 bleibt in Hochstadt.

Die Tochter Paula, geboren 1896, ist in Frankfurt verheiratet und stirbt dort 1961.

Die Tochter Jenny, geboren 1906, heiratet 1929 in Weißensee/Thüringen.

Bettchen Ausäderer stirbt am 28. November 1923. Das Grab ist auf dem Friedhof Hanau (12/34/13:

Die Inschrift auf ihrem Grabstein auf dem Hanauer jüdischen Friedhof ist zunächst hebräisch, ohne Vorname und Todesdatum. Im deutschen Text ist der Name Bettchen Ausäderer und das Todesdatum angegeben.

Der Text lautet: Bettchen (Bela), Ehefrau des Damenschneiders Isidor Ausäderer -  Tochter der Breinle -  Ausäderer, Tochter von Herz Appel II. und Bertha geborene Stern, aus Hochstadt, geboren am 07.09.1865 in Hochstadt und dort gestorben am 28.11.1923 (Anmerkung: Der hebräische Text ist wie folgt zu lesen: „Bela - Tochter der Breinle  - Ausäderer“. Die Angabe über Ausäderer ist nur eingeschoben, denn sie ist eine Tochter der „Breinle Stern“. Die Angabe ihrer Eltern steht nicht auf dem Grabstein, sondern ist aus anderen Quellen).

 

Theodor Ausäderer wird am 14. Februar 1895 geboren und ist Lohnbuchhalter. Vier Wochen vor der Hochzeit mit seiner Frau, die eine geborene Fischer ist, läßt er sich in Hanau taufen und gehört nicht mehr zur jüdischen Gemeinde.

Die Eheschließung ist am 2. März 1918 in Hochstadt, die Trauung am 4. März 1918 in der Marienkirche Hanau durch Pfarrer Göbels. Der Eintrag in Hochstadt lautet: „Theodor Ausäderer, Kaufmann, Sohn des Schneiders Isidor Max Ausäderer und dessen Ehefrau Bettchen geborene Appel, beide Juden, geboren am 14. Februar 1895 in Hochstadt, getauft am 23. Februar 1918 in Hanau verheiratet mit Margarethe Marie Fischer, uneheliche Tochter der ledigen verstorbenen Marie Fischer, geboren am 18. März 1898 in Hochstadt, evangelisch“.

 

 

Theodor Ausäderer heiratet 1918 Margarethe Fischer aus der Rohrbachstraße 4. Die Familie wohnt dann in der Bischofsheimer Straße 4, Am Felsenkeller 11, Hauptstraße 45 und Am Felsenkeller 12 und schließlich Jägerstraße 1.

 

Die Eheleute haben fünf Kinder.

Nur die Tochter Katharina Danziger (geboren 1918) heiratet Heinrich Danziger aus Bayern und bleibt in Hochstadt, Hauptstraße 43. Zuletzt war sie im Seniorenheim in Bischofsheim.

 

Zwei Töchter sind 1945 nach den USA ausgewandert, nämlich Dorothea Elisabeth* (geboren 1923,  verheiratet als  Betty Miller in Napa in Californien, keine Kinder) und Rosemarie* Luise (geboren 1932, später Rose Weiss in Staten Island New York, zwei Söhne, Mark und Bruce Weiss).

 

Die Tochter Margarete (geboren 1919) wohnt in Bischofsheim und ist später eine verheiratete Nohr

in Bischofsheim, Goethestrasse 8. Sie hat einen Sohn Erhard Ausäderer, der 1938 geboren wird und 1997 stirbt. Er heiratet Marie-Luise Maliszewski und wohnt von 1965 bis 1990 in Bischofsheim. Deren Sohn wiederum ist Jochen Ausäderer (1963 in Frankfurt geboren, Im Friedrichshof 2, 68782 Brühl bei Mannheim, Tel: 06202 77265. Email:  Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ) .

 

 Der Sohn „Karl Theodor Friedrich“  (geboren 1925) heiratet am 24.05.1947 in Bischofsheim und am 06.09.1952 in Hanau. Er wohnt dann in Frankfurt, gestorben ist er am 29.05.2002 in Wiesbaden. Aus der zweiten Ehe hat er drei Kinder: Ute-Christa verheiratete Bunk, Dieter und Gerd.

 

Doch schon im Juli 1939 wird die Zwangsräumung aus dem Haus in der Jägerstraße angedroht.

Am 30. Juli 1939 schreibt Margarete Ausäderer einen Bittbrief an den Bürgermeister:

Herrn Bürgermeister Stein! Bezugnehmend auf das Räumungsurteil, welches gegen meine Familie ausgesprochen ist, möchte ich Ihnen folgendes mitteilen: Wie Ihnen ja bekannt sein dürfte, ist es mir gänzlich unmöglich, anderweitig eine andere Wohnung zu finden. So bin ich in meiner größten Not zur Kreisleitung gegangen, um mir dort Rat zu holen. Mir wurde gesagt, daß nach dem neuen Mietgesetz kein Grund zur Räumung der Wohnung sei, da ja, obwohl mein Mann Jude ist, fünf Abkömmlinge vorhanden sind, welche vorläufige Reichsbürger sind. Ich sollte aber trotzdem der Gemeinde den Vorschlag machen, die Wohnung mir selbst oder meiner volljährigen Tochter zu vermieten, um allen Wühlereien aus dem Wege zu gehen. Ich bin ja zu jeder Zeit bereit, die Wohnung zu räumen. Da wäre es doch die soziale Pflicht der Gemeinde, mir anderweitig für eine solche zu sorgen und für den Umzug Sorge zu tragen, da ich ja gänzlich mittellos bin. Und eine achtköpfige Familie kann und darf in unserer Zeit nicht auf der Straße wohnen, sagte mir Herr Erbe in Hanau. In Frankfurt ist......, so daß auch dort der Zuzug unmöglich ist. Ich wäre gern zur persönlichen Aussprache gekommen. Es geht aber tatsächlich über meine Kraft, was ich in all den Jahren an Sorgen und Aufregungen hinter mir habe. So ist nun morgen der Termin zur Räumung und ich möchte sie hiermit höflichst bitten, denselben doch auszusetzen. Was die Zahlung der Miete betrifft, so werde ich Sorge tragen, daß sie jeden Monat entrichtet wird. Mit deutschem Gruß Frau Marg. Ausäderer.

 

Für die Nazis spielt der Übertritt zur Kirche jedoch keine Rolle, weil für sie die Abstammung entscheidend ist. Schon 1932 wird Theodor Ausädererer wegen seiner jüdischen Herkunft an seinem Arbeitsplatz entlassen. Er war vom 23.11.1938 bis 04.12.1938 im Konzentrationslager und insgesamt dreimal inhaftiert. Er wurde aber wieder freigelassen, weil er Teilnehmer am Ersten Weltkrieg war und dabei auch verletzt wurde.

Doch im Februar 1945 werden auch die Männer aus sogenannten „Mischehen“ abgeholt. Der Bischofsheimer Polizist teilt es am Vortag Theodor Ausäderer mit. Seine Tochter bittet bei zuverlässigen Bauern um Lebensmittel und erhält sie auch von fünf Leuten. Am 14. Februar 1945 wird Theodor Ausäderer abgeholt, zunächst eine Woche in Hanau festgehalten und schließlich zur Großmarkthalle nach Frankfurt gebracht, wo ein Sammeltransport nach Theresienstadt zusammengestellt wird. Während dieser Zeit kämpfte sein Sohn in Rußland.

Theodor Ausäderer und seine Schwester Paula Viel kommen aber nicht mit dem großen Transport von der Frankfurter Großmarkthalle am 18. Februar in Theresienstadt an, sondern wurden bereits einen Tag vorher im Ghetto registriert. Theodor Ausäderer übersteht aber das Konzentrationslager, weil ein Aufseher den Bau von Tötungsanlagen sabotiert und weil die Russen gezielt auf Theresienstadt vorstoßen, um die Gefangenen zu befreien. Am 5. Mai wurden sie von der sowjetischen Armee befreit. Theodor Ausäderer muß noch bis September bleiben, weil die Gefangenen erst aufgepäppelt werden sollen.

In Hochstadt erhält er 40 Reichsmark Rückkehrerhilfe von der Gemeinde, die auch das Haus für 3.000 Reichsmark instand setzen läßt. Die Familie hat an sich in der Jägerstraße gewohnt, wird aber 1940 zwangsweise wegen ihrer jüdischen Abstammung in das Haus auf dem Synagogengrundstück eingewiesen. Nach dem Krieg geht es wieder in den Besitz der jüdischen Organisation IRSO mit Sitz in Nürnberg über, die das ganze Grundstück samt Garten vor der Mauer 1951 an die Familie Ausäderer verkauft. In dem Haus wohnt noch eine Tochter, Frau Margarethe Danziger.

 

Aus eigener Erfahrung und Gesprächen mit anderen möchte ich ergänzen:  Obwohl Theodor Ausäderer und seine Familie nichts mehr mit dem Judentum zu tun haben wollten, wußte die andere Bevölkerung dennoch, daß es etwas Besonderes mit dieser Familie war. Das wurde noch verstärkt, nachdem Ausäderer verschleppt worden war. Er kehrte zum Glück zurück. Aber irgendwie wollte man über den Fall nicht reden. Man hatte ein schlechtes Gewissen. Aber man begegnete dem Mann nicht unvoreingenommen. Es umgab ihn immer eine gewisse „Aura“, da war etwas, über das man mit ihm nicht reden konnte oder wollte. Das wird auch bestätigt von jungen Fußballern, die er im Rahmen des Vereins trainierte.

 

 

Die jüdische Gemeinde in Wachenbuchen

 

In Wachenbuchen wohnten bis zum Ende des 17. Jahrhunderts keine Juden. Laut Zimmermann waren 1702 zwei Familien dort mit zusammen 13 Personen, im Jahre 1726 waren es drei Familien, welche zusammen 10 Gulden Statutengeld bezahlten.

 

 

Im Jahre 1776 wird Isaak Hertz als Schutzjude aufgenommen (zwei dicke Aktenstücke im Staatsarchiv Marburg)(Es könnte sich um Isaak Reinhard handeln). Im Jahre 1797 wird Salomo Schlomme, Sohn des Jessel, als Ortsbürger aufgenommen.                                          

 

Die Gemeinde Wachenbuchen beschwert sich 1790 darüber, daß zu viele Juden Schutzbriefe erhielten, wo sie doch alle zur Miete wohnen, starke Familien sind und kein Einkommen („Brot“) haben. Sie treiben nur Viehhandel, fallen aber oft der Gemeinde zur Last.          

 

In den neueren Büchern der Gemeinde Wachenbuchen treten die Juden erstmals 1812 in Erscheinung: Der Jude Samuel aus Windecken hat für ein Darlehen von 100 Gulden Zinsen von 18 Gulden verlangt. Die Witwe Koch aus Wachenbuchen hat das Kapital zurückgezahlt und unter Zeugen auch 20 Gulden Zinsen. Die Witwe Koch bittet den „Präfekten“ von Hanau, sie gegen neuerliche Forderungen des Juden zu schützen (Staatsarchiv Marburg).

 

                                              

Im Jahre 1835 gibt es 39 jüdische Einwohner. Sie können seit 1833 auch Ortsbürger werden, wenn sie ein entsprechendes Einkommen nachweisen. Die Zahl der Juden in Wachenbuchen nimmt zu. Aber das muß nicht unbedingt mit der Toleranz der örtlichen Behörden zusammenhängen, sondern man erhofft sich auch wirtschaftliche Vorteile von der Ansiedlung der Juden. Die fangen nämlich Handel und Wandel an, treiben Viehhandel, Metzgerei, Textil- und Kolonialwarenhandel. Sie passen sich den gegebenen örtlichen Möglichkeiten an, bekommen das Wahlrecht und leisten in den Vereinen eine gute Arbeit. Es gibt auch eine jüdische Männerkrankenkasse und einen Frauenverein in Wachenbuchen.

 

Für das Jahr 1835 wird die Existenz eines jüdischen Friedhofs angegeben. So steht es in einem kirchlichen Handbuch und wird aus diesem immer wieder abgeschrieben. Doch niemand weiß mehr, wo der Friedhof gewesen sein soll. Im Zusammenhang mit der Neueinteilung der Gemarkung bitten die Juden am 20. Januar 1905 um ein Stück Ackerland für die Anlage eines Totenhofs. Die Gemeinde sieht sich aber nicht in der Lage, ein Stück Land abzutreten. Wenn die Pläne vorliegen, soll aber noch einmal über diesen Antrag verhandelt werden. Doch am 23. Juli 1906 wird der Antrag erneut abgelehnt, weil er nicht rechtzeitig vor dem Termin im Mai 1905 gestellt wurde. Im Jahre 1910 beantragen die Juden wieder einen eigenen Totenhof. Es wird ihnen vorgeschlagen, doch ein Grundstück zu kaufen und dann einen Antrag zu stellen. Doch es wird ihnen wohl niemand etwas verkauft haben. Die Wachenbucher Juden werden weiterhin in Hanau beerdigt.

Wachenbuchen ist der einzige Stadtteil, in dem auf der Gedenktafel für die Toten des ersten Weltkriegs auch die Juden aufgeführt sind. Sie ist heute rechts neben der Kirchentür am Kirchturm angebracht und nennt:

1. Daniel Strauß: Er ist geboren am 27. Februar 1890, war Bankbeamter und wohnte in dem Haus Rübenberg 3. Er ist gefallen im Alter von 25 Jahren am 31. August 1915  bei Podjeiziarki in Rußland.

2. Joseph Schönfeld: Er ist geboren am 14. Oktober 1881 und stammt aus dem Haus Alt Wachenbuchen 37. Er ist gestorben im Alter von 37 Jahren am 14. Juli 1918 im Reservelazarett in Northeim (bei Hannover). Er und ist auf dem jüdischen Friedhof in Hanau beerdigt (auf dem Grabstein steht als Sterbeort ‚Nordheim’).

3. Siegfried Strauß: Er ist geboren am  24. September 1894 und stammt aus dem Haus Hainstraße 17. Gestorben ist er im Alter von 24 Jahren am 28. Dezember 1918, also schon nach dem Krieg, aber offenbar an Kriegsfolgen.

 

Die Kleine Hainstraße ist so etwas wie eine Art Judengasse“ gewesen. Aber es ist mehr ein Zufall, daß sich die Juden außerhalb der Ringmauer in einer Straße ansiedelten. Grund dürfte sein, daß sich hier die Synagoge und die jüdische Schule befinden. Jedenfalls handelt es sich hier nicht um ein Ghetto, denn Ghettos gibt es (schon seit dem Mittelalter) nur in den großen Städten.

Die Straße hieß auch ursprünglich „Judengasse“. Aber im Jahre 1922 kommt der Jude Aron Reinhardt (geboren 1874, Sohn des Abraham Reinhardt, aus Amerika zu Besuch nach Wachenbuchen und will 15.000 Mark für die Ortsarmen und auch 10.000 Mark für die Beschaffung von neuen Glocken spenden, wenn die Straße in „Reinhardtstraße“ umbenannt wird. Der Gemeindevorstand stimmt zu, aber Reinhardt soll auch noch die Kosten der Umschreibung übernehmen. Die Spende beläuft sich dann am 24. August 1923 wegen der Inflation auf 40 Millionen Mark für Ortsarme und 500.000 Mark für die Umbenennung von Ortsstraßen.

 

Die Juden werden oftmals angefeindet, weil sie den Viehhandel in der Hand haben und angeblich die Bauern übervorteilen. Eine als Konkurrenz gegründete Viehverwertungsgenossenschaft kann aber auch keine Wunder vollbringen.

Im Jahre 1925 sind es 108 jüdische Einwohner in Wachenbuchen. In den Jahren 1932 und 1933 gehören 84 Menschen zur jüdischen Gemeinde, eine beträchtliche Minderheit in dem damals 1.616 Einwohner zählenden Ort. Zwei Juden sitzen in der Gemeindevertretung. Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 gibt es in Wachenbuchen nur noch 13 Juden.

 

Eine Synagoge (ein jüdisches Bethaus) gibt es seit 1852 in Wachenbuchen. Seitdem ist die Gemeinde auch unabhängig von Hochstadt. Die heute noch erhaltene Synagoge an der Ecke Alt Wachenbuchen/Hainstraße wird 1880 erbaut (Hausnummer Alt Wachenbuchen 34). Sie ist ein Bruchsteinbau und bietet Sitzplätze für 50 Männer und 28 Frauen. Der Aufgang zum ersten Stock ging außen nach oben (an der Seite nach der Hainstraße zu).

Die Hochzeiten finden zunächst wohl nur in der Synagoge in Hochstadt satt. Die Eheleute Joseph Appel und Bienchen Schönfeld zum Beispiel werden aber 1837 in Wachenbuchen getraut. Das Heiratsregister der Synagogengemeinde Wachenbuchen beginnt 1825. Aber ein Teil der Paare kommt auch im Register von Hochstadt vor. Das zeigt, daß beide Gemeinden den gleichen Geistlichen hatten. Wenn eine Hochzeit nur in Wachenbuchen eingetragen ist, kann man annehmen, daß sie in Wachenbuchen stattfand, in einem Privathaus oder im Rathaus in Wachenbuchen.

 

Die Schule wird 1870 von 20 Schülern besucht. Sie steht neben der Synagoge in der Straße Alt-Wachenbuchen 36. In dem Haus befand sich auch eine „Mikwe“, ein Bad für rituelle Waschungen. Im Oberstockwerk wohnte der Lehrer. Im Mai 1930 bittet die jüdische Gemeinde um einen Zuschuß zu den Schulunterhaltungskosten. Im Juli werden jährlich 200 Mark Zuschuß gewährt. Diese Grundschule für jüdische Kinder besteht bis 1933. Seitdem ist das Gebäude nur noch Religionsschule, der Lehrer ist nur noch Gemeindeleiter. Nach dem Pogrom wird das Haus innerhalb von zehn Tagen total abgerissen und später eine Durchfahrt zu der Straße Alt Wachenbuchen geschaffen.

 

 

Gemeindeälteste:

Jesel (?) Strauß                              1846

Issak Straus                                    1851 bis 1875

Vorsänger und Lehrer Birk                       1869 bis 1874

Vorsänger Heinrich Rothschild (?)1875

Abraham Reinhard                                    1879

Leopold Strauß (?)                         1894

Lehrer David Werthan                   1913

Lehrer Leo Sonneberg                  1921.

 

 

Nazizeit:

Auslandsaufenthalte von Juden wurden mißtrauisch beobachtet, nach Möglichkeit wird gar kein Reisepaß ausgegeben (aus geschäftlichen Gründen ließ es sich manchmal nicht vermeiden). Der Bürgermeister teilt am 23. Juni 1934 dem Landrat mit, daß nur David Stern (in Palästina) und Ludwig Strauß (in Antwerpen) im Ausland waren. Eine Vermutung wegen staatsfeindlicher Propaganda besteht bei diesen Personen nicht. Es wird aber vermutet, daß die Juden im Ausland über die Verhältnisse in Deutsch­land gesprochen haben. Am 8. Juni 1934 wird der Reisepaß des Lehrers Sonneberg eingezogen. Für Auslandsreisen braucht man jetzt eine Dringlichkeitsbescheinigung. Der Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses für Arthur Strauß für eine Reise nach Holland wird am 26. Mai 1937 abgelehnt. Erst später werden wieder Pässe für eine Auswanderung ausgestellt. Adolf Strauß und Frau Helene bestätigen 1938 den Erhalt von Reisepässen.

Der Bürgermeister meldet am 15. Dezember 1936: Im letzten halben Jahr sind keine Juden ausgewandert, lediglich ein Jude ist nach Pirmasens gezogen. Die Liste der Juden im Ort ist angelegt und wird auf dem Laufenden gehalten. Bei Abwanderung wird unverzüglich Mitteilung an den Landrat gemacht.

 

In der Nazizeit kommt es zur Vertreibung und Ermordung der Juden. Die Zugehörigkeit zu den Nazis und ein gewisser Antisemitismus gelten in dieser Zeit nicht als ehrenrührig. So lassen sich zum Beispiel zum Erntedankfest 1936 (oder 1937) die Wachenbucher Bauern gemeinsam mit SA („Sturmabteilung“) und Hitlerjungen vor dem Haus Alt Wachenbuchen 19 fotografieren.

Als Sally Herlitz 1927 nach Wachenbuchen kommt, ist die Welt noch in Ordnung. Damals gibt es noch keine organisierten Nazis im Dorf. Plötzlich schlägt die Stimmung dann um. Aufgeschreckt wandern die ersten jüdischen Familien aus. Herlitz sagt: „Fast zehn Jahre lebte ich in Wachenbuchen. Im Jahr 1936 ging ich in die Großstadt Frankfurt, weil ich mich dort sicherer fühlte!“ Dennoch sagt er auch: „Es gab Unterschiede zwischen den Parteimitgliedern. Manche steckten uns etwas zu. Das war die Zeit, als Juden nichts mehr in den Wachenbucher Läden kaufen konnten und die eigenen Geschäfte bereits geschlossen waren!“

Einzelne Einwohner leisten auch Widerstand gegen die Nazis: Kinder kaufen heimlich für Juden ein. Der Gastwirt Jean Fix setzt (allerdings vor der Machtergreifung) die SA vor die Tür. Eine alte Frau verwehrt den nach verbotenen Schriften suchenden Nazis den Eintritt ins Haus, weil eine werdende Mutter im Kindbett liege.

 

Im Januar 1933 gibt es 86 jüdische Einwohner in Wachenbuchen. Wenn jemand in den 30iger Jahren nicht am Sabbat die Synagoge besucht, wird anschließend gleich ein Krankenbesuch gemacht. Nach 1933 gehen 78 Gemeindeglieder nach Frankfurt. Einigen gelingt es, nach den USA, Palästina, Großbritannien und Holland auszuwandern. Auf den Metzger Strauß aus der Bachstraße folgen der Händler Josef Strauß, der Bäcker Robert Reinhardt und viele andere. Zwei Drittel der Auswanderer sind in Wachenbuchen geboren und aufgewachsen. Die weiteste Flucht unternehmen der Metzger Ernst Strauß und die Familie des Viehhändlers Adolf Strauß, die nach New York gehen.

 

Am 2. September 1935 beantragt Ortsbauernführer Mossel, daß die Gemeinde alle Pachtverträge mit Juden kündigt und die Verpachtung neu ausschreibt; dabei sollen aber nur rein landwirtschaftliche Betriebe zugelassen werden.

Am 10. Juni 1938 verlangt das Innenministerium die Umbenennung jüdischer Straßennamen. Im Gemeindebezirk trifft das für die „Reinhardtstraße“ zu. Als neue Namen werden „Nordstraße“ und „Mühlstraße“ vorgeschlagen. Die Entscheidung behält sich der Bürgermeister vor. Aber erst nach dem September wird die Straße in „Kleine Hainstraße“ umbenannt.

Ab 8. November 1938 gibt es viele Anfragen nach Papieren, die für die Auswanderung gebraucht werden.

 

Es gibt auch Einwohner, die die Notlage der jüdischen Einwohner ausnutzen. So zeigt am 21. November 1938 eine Frau ihren Mieter an, weil er sie bedrängt und von ihr eine Erklärung verlangt, daß sie ihr Haus nur an ihn verkauft. Sie gibt ihm eine schriftliche Erklärung, daß sie das Haus nicht verkaufen wird, obwohl sie es in Wirklichkeit noch in dieser Woche an einen anderen verkaufen will. Daraufhin will der Mieter sie tätlich angreifen, nur seine Frau hält ihn zurück. Die Frau rennt davon und schläft in der Nacht bei einer anderen Frau. Als sie am nächsten Morgen heimkommt, sind die Türen ihrer Zimmer aufgebrochen und Bargeld, Ware, Unterwäsche, wertvolle Bestecke usw. sind gestohlen. Die Haustür ist aber nicht aufgebrochen. Deshalb zeigt die Frau den Mieter an. Aber Erfolg wird sie damit nicht gehabt haben.

Als sie 1954 einen Entschädigungsantrag stellt, gibt der neue Hauseigentümer an, er habe das Haus 1938 käuflich erworben, die Frau habe sich unter Mitnahme ihrer Möbel nach Frankfurt abgemeldet. Sie hat in der Erdgeschoß­wohnung gewohnt. Im ersten Stock wohnte eine Familie zur Miete. Von einer Plünderung oder Zerstörung des Geschäftes ist dem neuen Eigentümer nichts bekannt.

Auch der Bürgermeister widerspricht den Behauptungen der jüdischen Frau, sie habe das Haus fluchtartig verlassen, denn sie habe ihren Weggang vorbereitet und die Einrichtungsgegenstände mitgenommen. Das Geschäft, soweit man davon überhaupt noch sprechen konnte, habe die Frau selber aufgelöst und sei ausgewandert. Das Geschäft wurde am 1938 abgemeldet. Auch nach dem Krieg wird hier noch ein gewisser Antisemitismus deutlich, indem man zum Ausdruck bringt, das Vermögen der Juden war doch kaum etwas wert und sie haben doch freiwillig verkauft. Man will nicht wahr haben, daß die Geschäfte schon vorher aus politischen Gründen ausgehungert wurden und die Leute vielfach unter mehr oder weniger Druck verkaufen und wegziehen mußten.

 

Die Wegzüge laufen weiter: Im Jahr 1938 gibt es noch einmal drei Zuzüge, die alle dem Landrat gemeldet werden müssen. Im Februar 1938 muß Salomon Strauß sein Haus Alt Wachenbuchen 26 verkaufen und damit die rückständigen Gemeindegelder bezahlen. Am 27. April 1938 wird das jüdische Vermögen erst einmal erfaßt. Von April bis Juni ziehen drei Juden nach Frankfurt, von Juli bis September sind es wieder drei. Es bleiben 32 übrig. Auswärtige Stellen fragen immer wieder in Wachenbuchen an, ob bei ihnen zugezogene Juden die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Privatleute fordern Leumundszeugnisse und Unbedenklichkeitsbescheinigungen an, um auswandern zu können.

Im ersten Quartal 1939 ziehen fünf Juden nach Frankfurt, im zweiten sind es ebenfalls fünf, so daß noch elf bleiben. Am 8. Januar 1940 wandert Jacob Strauß mit Frau und Sohn nach den USA aus. Ab 10. April 1940 sind dann Mathilde, Henny und Arthur Strauß, Alt Wachenbuchen 40, die einzigen Juden in Wachenbuchen. Als sie am 31. Juli nach Frankfurt, Palmstraße 10, verziehen, ist die Gemeinde „judenfrei“.

 

Schon vor der Pogromnacht 1938 gibt es mindestens zwei Gewalttaten gegen jüdische Bürger, näm­lich gegen den Juden Josef Burg (Kleine Hainstraße 10), der mit dem Kuhgespann unterwegs ist, und dann gegen Herz Appel (Kleine Hainstraße 3) und Josef Reinhardt (Herrenstraße 13), die Vieh von Ortenberg nach Wachenbuchen treiben.

 

Am 8. November 1938, einen Tag vor dem zentral inszenierten Vandalismus gegen die Juden,

 findet zunächst zwischen 20.30 und 22 Uhr in der Gaststätte Müller eine öffentliche Kundgebung der Nazis statt. Einer der Redner ist Bürgermeister Seng, der sich gegen die Juden wendet. An der Versammlung nehmen 200 bis 250 Personen teil, darunter 15 bis 20 Mitglieder der SA, die zu dieser Zeit etwa 30 Mann stark ist.

Nach der Kundgebung teilt Bürgermeister Seng dem Truppführer der SA mit, daß das jüdische Schulhaus abgerissen und der Lehrer „eine Abreibung“ bekommen solle. Schon vor der Nazizeit will die Gemeinde das Schulhaus gern kaufen, um es abzureißen; aber der jüdische Lehrer läßt es nicht zu. Jetzt sieht man eine günstige Gelegenheit, dieses Ziel endlich zu erreichen.

Um 23 Uhr treffen sich etliche Nazis an Ort und Stelle und sperren die Straße in 80 bis 100 Meter Entfernung ab. Inzwischen ist auch eine größere Menschenmenge gekommen, die von der Aktion erfahren hat, etwa 300 Leute. Das Unrechtmäßige solcher Absicht war nicht nur dem Bürgermeister und Rädelsführer bewußt, er machte vielmehr die auf 23 Uhr zum Zerstörungswerk Einberufenen darauf aufmerksam, daß man vorsichtig sein müsse, um nicht „mit dem Staatsanwalt Bekanntschaft“ zu machen. Wachen wurden aufgestellt, damit man nicht von der Polizei überrascht würde.

Da aber die Haustür des jüdischen Schulhauses verschlossen ist, wird sie von einem Nachbarn, der zwei Häuser weiter wohnt, mit der Axt eingeschlagen. Dieser hat noch eine alte Rechnung mit dem Lehrer offen, weil dieser sich geweigert hat, ihm ein Stück Garten hinter seinem Haus abzugeben.

Der Nachbar dringt in das Haus ein, läuft die Treppe hoch, schlägt die Schlafzimmertür ein und greift sofort den Lehrer mit der Axt an. Dieser flüchtet über das Bett und stürzt dabei hin. Der Eindringling schlägt mehrere Male nach dem Lehrer, ohne ihn allerdings zu treffen, weil der entweder ausweicht oder die Axt festhält. Ein Fliegersoldat stößt den Lehrer die Treppe hinab. Er wird aus dem Ort hinausgetrieben. Vor dem Holzbuckel zwingt jener Nachbar den Lehrer auf die Knie, setzt sich auf seinen Rücken und „reitet“ mit ihm den Holzbuckel hinunter.

Lehrer Sonneberg kann nur entkommen, weil ein anderer Beteiligter den Rasenden hindert. Später wird der Lehrer gesehen, wie er „röchelnd im Straßengraben Richtung Hochstadt liegt“. Er wird in Dörnigheim von Verwandten oder Bekannten versteckt und setzt sich dann nach Frankfurt ab. Seine Kassette findet man später im Kanalzufluß vor dem Haus Alt Wachenbuchen 21.

Etwa 35 bis 40 Personen befanden sich ständig im Schulhaus, während die Aktivisten begannen, das Dach abzudecken und Wände einzureißen. Möbel werden entweder zerschlagen oder gestohlen oder aus den Fenstern geworfen. Etwa 35 bis 40 Personen halten sich in dieser Zeit im Haus auf., also nicht nur die SA, sondern auch andere Einwohner.

Auch die Synagoge wird demoliert: Der Kronleuchter wird herabgerissen und die Zehn-Gebote-Tafel zerstört. Die ganzen Inneneinrichtungen, Fenster und Türen werden beseitigt. Schließlich stehen nur noch die Umfassungsmauern und das Dach.

Es kann sein, daß hier nur eine Eigenmächtigkeit örtlicher Nazis vorlag. Aber es könnte auch sein, daß die Partei in Wachenbuchen (und übrigens auch in Kassel) testen wollte, wie die Bevölkerung auf die Zerstörung der jüdischen Gebäude reagiert.

Gegen 1 Uhr nachts erschienen der Landrat, der NSDAP-Kreisleiter und der Kreispropagandaleiter. Sie wurden herbeigerufen vom Bürgermeister, der Angst bekommen hatte und jetzt seine Rädelsführerschaft leugnete. Die Aktion sei gegen seinen Willen in Gang gekommen, er habe bereits im Bett gelegen. Der Landrat Löser untersagt weitere Aktionen, weil erst für die nächste Nacht die Pogrome geplant sind.

 

Gegen weitere Ausschreitungen läßt der Landrat  Wachen aufstellen. Nachträglich erklärt er das Haus für baufällig und gibt es damit zum Abbruch frei. Grund der Maßnahmen war ausschließlich das an diesem Abend gültige Verbot von Einzelaktionen gegen Juden. Der Landrat war kein Mann, der den Schaden begrenzen und Schlimmeres verhüten wollte, als er in der ersten Nacht die Ausschreitungen unterband. Er war nur ängstlich gewesen wegen der Folgen. Der Menschenmenge hatte er schon in der ersten Pogromnacht erklärt, sie hätten den jüdischen Lehrer, der entkommen war, totschlagen sollen, anstatt ihn laufen zu lassen.           

Folgerichtig finden sich am folgenden Abend des 9. November sich Pogromtäter und Menschenmenge wieder ein und vollenden - jetzt mit obrigkeitlicher Duldung und Ermunterung - die Zerstörung des jüdischen Schulhauses. Die mehrere hundert Menschen große Menge kommt zum „Tatort“, um das Zerstörungswerk fortzusetzen. Dieses war nicht nur ein Werk der SA, sondern auch vieler anderer Einwohner. Immerhin sagt der damalige Truppführer später, damals „nicht ganz richtig“ gehandelt zu haben.

 

Das jüdische Schulhaus wird innerhalb von zehn Tagen total abgerissen und später eine Durchfahrt zur Straße Alt Wachenbuchen geschaffen. Laut einem Aktenstück im Stadtarchiv vom  21. Juli 1945 bittet Elise Roß darum, daß ihr der Schaden an ihrem Haus, der bei der Zerstörung des jüdischen Schulhauses entstanden ist - wie versprochen - ersetzt wird.

Salzmann gibt an, die Verschleppung Wachenbucher Juden sei mit einem Viehtransporter erfolgt, der aus Hanau kam. Die Akten besagen aber, daß sie alle von Frankfurt aus verschleppt und umgebracht wurden. Die meisten werden im Dezember 1941 nach Minsk gebracht und erschossen.

 

Nach 1945 ist die Synagoge im Eigentum der Gemeinde Wachenbuchen. Am 7. September 1945 wird in den Gemeindeakten eine Notiz angelegt: Die der israelitischen Gemeinde gehörende Synagoge wurde von dem ehemaligen Bürgermeister Seng für die Gemeinde Wachenbuchen beschlagnahmt (Einheitswert: 2.740 Mark). Das Wohnhaus des jüdischen Lehrers einschließlich Schule wurde im Jahre 1938 völlig niedergelegt (Einheitswert 3.300 Mark).

Doch am 13. Mai 1949 meldet sich die IRSO, eine jüdische Organisation, an die aller jüdischer Besitz übergegangen ist. Sie fordert für Synagoge und jüdische Schule zusammen 7.000 Mark.

Es ist falsch, wenn Bürgermeister Kaufeld 1949 schreibt, Synagoge und Schulhaus seien nur beschädigt und das Inventar vom Besitzer abgeholt worden. Auch das Fahrrad des jüdischen Lehrers Sonneberg wird noch bei zwei Amtsübergaben der Bürgermeister erwähnt. Das Schächtmesser  und ein Regulator gehen 1947 an die jüdische Gemeinde in Bad Nauheim. Die Gemeinde möchte gern den Preis drücken und Erkundigungen bei den Nachbargemeinden einholen. Auch möchte sie die Täter von 1938 regreßpflichtig machen. Der Kaufpreis für die Synagoge beträgt schließlich 6.566 Mark.

Die Gemeinde verpachtet die Synagoge dann an die ausgebombte Autoreparaturwerkstatt Jacobi aus Frankfurt. Am 18. Januar 1950 wird sie zum Kauf oder zur Verpachtung angeboten. Ab Februar nutzen der Fußballverein Kewa und die Turner das Haus für Trainingszwecke. Im September aber erhält die Kirchengemeinde den Vortritt bei der Verpachtung der Synagoge. Sie muß die Instandsetzung und jährlich 300 Mark zahlen. Am 12. November 1950 wird die Synagoge für den Gottesdienst eingeweiht. Der Schrein für die Thorarolle wird zum Aufbewahrungsort für die Bibel. Am 23. Januar 1952 wird ein Vertrag über die Nutzung der ehemaligen Synagoge durch die Kirchengemeinde abgeschlossen. Die Gemeinde legt einen Zaun an. Im Obergeschoß richtet sie eine Notwohnung ein.

Am 29. April 1969 wird die Synagoge für 13.000 Mark an den Schmiedemeister Hans Oswald verkauft. Heute dient das Gebäude als Wohnhaus. Zu diesem gehört auch ein kleiner Garten hinter dem Haus Nr. 32 außerhalb der Ringmauer.

 

Auf Initiative der Stadtverordneten Kornelia Schild-Kreuziger wird 1984 an der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel angebracht. Frau Schild meint: „In Wachenbuchen hat es nie eine kollektive Bereitschaft gegeben, sich mit der braunen Vergangenheit auseinanderzusetzen“. Der Besitzer hat zunächst nichts gegen eine Gedenktafel an dem Haus. Er sagt: „Ich werfe da keine Knüppel zwischen die Beine!“ Aber später zieht er seine spontane Zusage zurück, weil er nie offiziell von der Stadt gefragt wurde, sondern nur von einem Journalisten, der nachher in der Zeitung behauptet hatte, die Zustimmung sei zurückgezogen worden. So wird die Tafel auf eigenen Ständern auf dem Gehsteig vor dem Haus angebracht.

Die Inschrift lautete damals: „Dieses Gebäude diente als Synagoge für die jüdische Gemeinschaft von Wachenbuchen, später auch Bischofsheim, Dörnigheim und Hochstadt. Sie wurde 1880 erbaut und zerstört am 9. November 1938. Zum Andenken an die während der nationalsozialistischen Zeit umgebrachten und vertriebenen Juden aus Wachenbuchen, Hochstadt und Dörnigheim. Gewidmet von der Stadt Maintal 1984“.

Die Angaben sind nicht ganz exakt: In Wachenbuchen wird die Synagoge schon vorher zerstört, sozusagen als Probelauf für das Reich. Und die Juden aus Hochstadt, Dörnigheim und Bischofsheim bilden bis zum Ende eigene Gemeinden. Aber es ist richtig, daß man an dieser Stelle im Stadtgebiet erstmals an die umgebrachten früheren Einwohner erinnert.

Im Dorf ist man 1984 der Meinung, die Tafel werde wohl nicht lange hängenbleiben. Es gibt damals 10 bis 15 Jugendliche mit Judenhaß, die auch etwas gegen Ausländer haben. Vielen Einwohnern ist die Sache egal. Einige meinen auch, man solle die Sache ruhen lassen, es werde damit zu viel Kult getrieben. Wichtiger wäre es, den Neo-Nazis das Handwerk zu legen. Dazu reiche eine Gedenktafel nicht. Aber es gibt auch eine ganze Reihe positiver Stimmen.

Im Jahre 1999 wurde eine neue Gedenktafel an dem Gebäude angebracht mit dem folgenden Text: „Dieses Gebäude war Synagoge der Jüdischen Gemeinde Wachenbuchen. Daneben, an der Einmündung der Hainstraße, stand mit der Hausnummer 36 das jüdische Schulhaus mit Lehrerwohnung und Mikwe (heute: Einmündung der Hainstraße). Am 8. und 9. November 1938 wurde die Synagoge von einem Teil der Bevölkerung aus Wachenbuchen verwüstet. Der Lehrer und sein Sohn wurden mit lebensbedrohender Gewalt verjagt. Die Erinnerung an die Opfer ist Mahnung und Auftrag, die Würde des Menschen zu schützen. Zum Gedenken an die während der nationalsozialistischen Zeit vertriebenen und umgebrachten  Juden aus Wachenbuchen, Hochstadt, Bischofsheim und Dörnigheim, gewidmet von der Stadt Maintal.“

 

Nach dem Krieg kommt es zur juristischen Aufarbeitung des Pogroms gegen die Juden. Der Gendarmerie-Posten Wachenbuchen bittet am  6. Juni 1946 den Bürgermeister um den Text, der kürzlich an zwei Tagen durch die Ortsschelle ausgerufen wurde und zur „Bearbeitung“ des Judenpogroms führte. Durch die Ortsschelle sollte auch bekannt gemacht werden, daß die Bearbeitung des Judenpogroms bis 16. Juni 1946 abgeschlossen wird. Wer noch Angaben machen kann, soll sich bis zu diesem Tag beim Gendarmeriebeamten melden. Auf die vertrauliche Bearbeitung wird hingewiesen.

Der Gendarmerie-Posten Wachenbuchen meldet am 6. Juni 1946 dem Bürgermeister, welche Personen beschuldigt wurden, das Judenpogrom im November 1938 in Wachenbuchen durch­geführt zu haben. Zwecks Be- oder Entlastung der Einzelnen bittet er um eine Beurteilung, Der Polizist nennt 13 Personen. Dazu kommt noch der W. G. senior, den der Bürgermeister schon am 11. April 1945 als einen der übelsten Hetzer, besonders in der Behandlung der Juden, nennt.

Schließlich wird 15 Wachenbuchern der Prozeß gemacht wegen Landfriedensbruchs und in einigen Fällen wegen Körperverletzung. Insgesamt wurden 14 Personen verurteilt. Fast alle (nämlich 13) gehörten der SA an. Zwölf der Angeklagten werden am 17. März 1947 zu Strafen zwischen 4 und 17 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Anführer wird wegen schweren Landfriedensbruchs zu vier Jahren Zuchthaus und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilt. Da er aber aus gesundheitlichen Gründen die Strafe nicht antreten kann, bleibt es bei dem Verlust der Ehrenrechte auf Lebenszeit. Der Führer des SA-Trupps wird zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt (Die Entnazifizierungsakten für Wachenbuchen sind im Stadtarchiv erhalten und geben haarklein Auskunft über die Personen, die Prozesse und die einzelnen Aussagen und Strafen).

 

Am 9. März 1950 bittet Die IRSO um nähere Angaben zu einer ganzen Reihe von Grundstücken. Im Oktober 1951 kündigt sie die Pachtverträge für verschiedene Grundstücke, weil sie sie nach Möglichkeit verkaufen will. Beim Verkauf gehen einige (unbebaute) Grundstücke auch an die Gemeinde. Heinrich Giesel, Hauptstraße 16, kauft von der IRSO einen Acker „Vorm Galgengrund“

Die Organisation zur Ehrung des Andenkens der vom Hitlerregime verfolgten Märtyrer „Yad wa Schem“ in Jerusalem bedankt sich am  22. Juni 1961 für die Übersendung der Abmeldedaten der Glaubensjuden in den Jahren 1940 - 44. Paul Arnsberg bittet am 6. Oktober 1965 um ein Foto der Synagoge für sein Buch.

 

 

 

 

 

 

 

Familien

 

Rübenberg 3:

Leopold Strauß, geboren 28.03.1852  in Wachenbuchen, und Bertha geborene Nußbaum aus Neukirchen bei Ziegenhain, geboren am 08. August 1848. Datum und Ort der Hochzeit sind noch nicht geklärt (Wachenbuchen oder Neukirchen). Leopold stirbt am 28. Juni 1907 in Wachenbuchen, Bertha stirbt am 5. Juli 1929. Beide werden auf dem jüdischen Friedhof in Hanau beerdigt. Berthas Schwester Sara ist verheiratet mit Aron Strauß und wohnt Rübenberg 11.

 

1. Der Sohn David Strauß wohnt 1911 in Frankfurt und arbeitet in einer Bank.

2. Der Sohn Salomon hat das Geschäft in der Hanauer Landstraße 5.

3. Die Tochter Johanna heiratet 1911 Samuel  Nußbaum, geboren am 27. Juni 1882 in Wehrda und wohnhaft in Fulda, und bleibt im Haus Rübenberg 3 wohnen. Der Mann stirbt am 28. September 1928 an den Folgen einer Verletzung aus dem Krieg. Aber in der Nazizeit erhält die Kriegerwitwe keine Rente. Vor dem Haus steht die SA und paßt auf, daß nur ja kein „Arier“ (Deutscher, der nicht Jude ist) in dem kleinen Laden einkauft. Auch die Reinigungskraft darf nicht mehr kommen.

4. Der Sohn Daniel, Bankbeamter, ist im Ersten Weltkrieg in Rußland gefallen. Er steht auf der Gedenktafel an der Kirche.

Am 25. Februar 1960 werden die Heiratsurkunden für Salomon Strauß (im Text steht „Nußbaum“), geboren am 27.06.1882, sowie für seine Schwester Johanna Nußbaum geborene Strauß (Eheschließung 1911) übersandt. Das Wohnhaus mit Stall wird umgeschrieben auf Johann Georg Steeg.

 

Rübenberg 7:

Bernhard Steigerwald ist 1868 in Dörnigheim geboren. Bei der Hochzeit 1905 in Wachenbuchen ist er taub (oder taubstumm). Deshalb ist er Wohlfahrtsempfänger (nicht infolge „der Verelendung der Juden in der Nazizeit“). Seine Frau ist Hanna geborene Reinhardt, geboren 1867 als Tochter von Salomon Reinhardt und Regine Schönfeld, Herrenstraße 13. Die Familie zieht am 18. August 1936 nach Frankfurt. Die Frau stirbt am 9. April 1937, ihr Grab ist auf dem jüdischen Friedhof in Hanau erhalten. Bernhard Steigerwald ist angeblich nach Amerika gelangt. Mit im Haus wohnt noch Fanny Reinhardt, die Schwester der Frau.

Das Haus mit Scheune wird umgeschrieben auf Margarete Wolf und Tochter Leni Adler geborene Wolf. Das Ackerland wird von Heinrich Mankel genutzt; es liegt im Siedlungsgelände und soll bebaut werden (wohl Bolaneweg 27).

 

Rübenberg 11:

Stammeltern der Familie Strauß in diesem Haus sind  Salomon Strauß und Mariana geborene Löb, die vor 1817 geheiratet haben. Einer ihrer Söhne ist David Strauß, der 1846 Karolina Speier heiratet. Unter deren Kindern ist der Sohn Aaron Strauß, der 1875 Sara Nußbaum heiratet. Deren Sohn wiederum ist der Metzger David Strauß, der am 28. November 1879 geboren wird (Nach Angabe seines Sohnes Ludwig ist er in Wachenbuchen geboren, aber der Jahrgang des Standesamtsregisters liegt heute unter ‚Mittelbuchen’ beim Standesamt Hanau, weil Mittelbuchen und Wachenbuchen damals ein gemeinsames Standesamt hatten).

David Strauß war der Erstgeborene in der Familie und übernahm die Fleischerei von seinem Vater Aaron. Die Familie wurde deshalb „die Aarons“ genannt (Nach dem Metzgermeister Aron Strauß, geboren 1840, gestorben 1924. Die Verwandtschaft geht über Daniel Nußbaum. Dieser hatte eine Tochter Sara, die mit Aaron Strauß verheiratet war, und eine Tochter Bertha, die Leopold Strauß heiratete. Dieser wiederum war der Vater von David Strauß und Großvater von Ludwig Strauß). Er kämpfte für das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg in Frankreich und wurde zweimal am Magen verletzt. Sein Sohn Ludwig sagt dazu: Er war in erste Linie ein Deutscher und erst in zweiter Linie hatte er die Religion „jüdisch“. Er heiratet vor 1913 Jenny geborene Gernsheimer (geboren am 28. September 1895 in Rückingen).

Das Haus war nur einstöckig. Als David Strauß heiratete, wurde das zweite Stockwerk dazu gebaut. Das Metzger-Geschäft war vollständig getrennt vom Wohnbereich. Es gab ein Zimmer, in dem wurde bedient und dort konnte man auch sitzen. Hinter diesem war ein anderes Zimmer mit einem Eisschrank, wo das Fleisch vorbereitet wurde. Der Metzger machte Würste nach eigenem Rezept. Im Geschäft arbeitete noch ein Mann namens Hildebrand, der täglich aus dem nächsten Dorf kam. Es kamen viele Leute zum Geschäft. Man lieferte auch viel ins Dorf und in die Nachbardörfer. Es war das einzige Fleischer-Geschäft in Dorf, das selber schlachtete.

Es gab auch einen Schuppen, mit einem eigenen Tor, der genutzt wurde von den Nachbarn für ihre Kühe, die auch den oberen Teil kostenlos für die Lagerung ihres Strohs nutzen. Diese Nachbarn standen der Familie Strauß zu jeder Zeit sehr nahe in Glück und Traurigkeit, sagt Ludwig Strauß.

Am 28. September 1928 stirbt David Strauß nach einer Operation im jüdischen Krankenhaus in der Gagernstraße in Frankfurt eines natürlichen Todes. Dort arbeitete 40 Jahre seine Schwe­ster Matilde und hatte auch eine Wohnung dort. Seine Frau konnte dort mit wohnen und war bei ihm, als er starb. An der Beerdigung in Hanau nahm der ganze Ort und Menschen aus den Nachbardörfern teil.

Nach seinem Tod versucht Jenny Strauß die Metzgerei für ihren ältesten Sohn Ernst zu halten, der zu dieser Zeit vierzehneinhalb war. Die Metzgerei bringt aber nicht genügend Gewinn, zunächst weil die Leute immer nur „anschreiben“ lassen und die Schulden dann in den Büchern stehen bleiben, und dann weil uniformierte Männer von der SS die Fleischlieferung unterbinden.

Zu der fünfköpfigen Familie Strauß gehört auch die Schwester des Vaters, Minna Strauß (geboren 1883, bei der Geburt Vorname „Malchen“), die die Familie im Haushalt und auch finanziell unterstützt.  Frau Jenny Strauß und Minna Strauß, die Cousine ihres Mannes werden unter Mitnahme ihres Mobiliars am 20. August 1939 nach Frankfurt, Ostendstraße 12, zwangsumgesiedelt. Mit einem Lastwagen werden sie nach Minsk gebracht und sind seitdem „verschollen“, also von den Nazis umgebracht.

 

Das Ehepaar David Strauß und Jenny geborene Gernsheimer hat drei Söhne:

1. Der Sohn Ernst Daniel Strauß (geboren am 9. Juli1913, Metzger) verzieht am 16. August 1938 nach New York, wo er heute noch lebt (New York, 650 West, 172 Street (Apt. 21).

2. Der Sohn Simon Strauß (geboren am 10. März 1917) will die beiden Frauen nicht allein lassen und bleibt noch im Elternhaus. Er wird ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Am 2. Juni 1939 wird er nach London abgemeldet und gelangt von dort in die USA. Er lebt heute mit seiner Frau Sylvia in Houston, 5734 Wigton, Houston Texas 77096, und arbeitet an dem dortigen Holocaust-Museum mit. Am 20. Juli 1977 besucht er den jüdischen Friedhof in Hanau, wie im dortigen Besucherbuch verzeichnet ist. Im Jahre 1997 besucht er die Stadt Maintal.

3. Der Sohn Ludwig Strauß (geboren am 12. April 1921) kann sich nach Israel retten. Er hat heute noch Kontakt zu Heinrich Müller, der fast direkt gegenüber der Familie Strauß wohnt. Es kam damals schnell zum Kontakt zwischen den nahezu gleichaltrigen Kindern. Sie spielen gemeinsam mit den anderen Nachbarskindern auf der gepflasterten Straße Fußball, besuchen sich und erzählen sich gegenseitig Witze. Obwohl die Familie Strauß von Tradition geprägt ist und mit Stolz in die Synagoge geht, spielt bei dieser Freundschaft die Religion keine Rolle und man macht höchstens aus Spaß kleine Scherze über die religiösen und kulturellen Unterschiede.

Die drei Kinder der Familie Strauß besuchen zusammen mit dem Nachbarsjungen Heinrich eine Volksschule in Hanau. Als Hitler dann 1933 an die Macht kommt, gehen viele nichtjüdische Freunde zur Hitlerjugend (HJ), wo ihnen beigebracht wird, Juden zu hassen. Von diesem Zeitpunkt an ändert sich das Leben der jüdischen Kinder. Sie werden verfolgt und mit Steinen beworfen. Ludwig ist jedoch ein so schneller Läufer, so daß sie ihn nie erwischten. Im Zuge der zunehmenden antijüdischen Gesinnung in Deutschland müssen die drei Brüder auf eine jüdische Schule gehen.

Nach der Volksschule macht der jüngste Sohn Ludwig eine Lehre als Diamantenschleifer bei einen Herrn Hoffman in Mittelbuchen. Jeden Tag läuft er zu Fuß dorthin. Das wenige Geld, das er verdiente, mußte er seiner Tante Mina geben, damit sie  Lebensmittel für das Wochenende kaufte. Ludwig Strauß arbeitete für mehrere Monate sehr erfolgreich in Mittelbuchen.

Nach sechs Monaten jedoch kann der Inhaber der Schleiferei den Lehrvertrag auf Druck der Nazis nicht weiter erfüllen, weil diese sonst sein Geschäft geschlossen hätten. Ludwig Strauß sagt: „Ich mußte eine Stelle verlassen, die ich mochte!“ Danach ist es für Ludwig unmöglich, eine neue Arbeit zu finden. Er ist dann Kaufmann und vom 4. bis 9. März 1934 und 18. bis 22. März 1934 wegen Beschaffung von Diamantsteinen in Antwerpen.

 

Als die Lage in Deutschland sich zuspitzt, versuchen internationale jüdische Organisationen, Juden aus Deutschland nach Palästina in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt war Palästina unter britischer Kontrolle und es gab bestimmte Einwanderungskontingente für Juden zwischen 15 und 17 Jahren. Da Ludwig zu diesem Zeitpunkt noch nicht 15 Jahre alt war, bedurfte es der Hilfe seines älteren Bruders Simon, um auf die Warteliste für die Auswanderung zu kommen.

Eine jüdische Organisation ihn will ihn Ende 1935 in ein Vorbereitungslager für die Auswan­derung nach Palästina aufnehmen. Am 1. April 1936 erklärt die Witwe Jenny Strauß an Eides statt, daß sie keine Bedenken hat gegen die Ausstellung eines Reise-Passes für ihren Sohn Ludwig Strauß. Er will ab 16. April 1936 ein Vorbereitungslager der Jüdischen Jugendhilfe in Rüdnitz bei Bernau besuchen.

Mit der Hilfe von George Josephstal, dem Leiter der „Zionist-Organisation”, ge­lingt es ihm, in Berlin auf eine jüdische Schule zu gehen, bis er ein Visum der britischen Mandatsregierung für Palästina bekommt. Schon drei Monate später teilt ihm die jüdische Organisation mit, daß er in drei Tagen mit dem letzten Schiff nach Palästina gebracht werden kann.

Ludwig Strauß sagt: „Als ich Deutschland verließ, waren wir sehr arm. Ich hatte keine Kleidung, die ich mit mir nehmen konnte. Ich bekam etwas von einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation!“ Doch neben der verheerenden Armut und der fehlenden Kleidung hat Ludwig ein weiteres Problem: Er benötigt einen Paß zur Ausreise. Um diesen zu bekommen, fährt er zunächst mit dem Zug zurück nach Wachenbuchen, wo er nach einer Auseinandersetzung mit den dortigen Behörden, erst den Paß ausgestellt bekommt, als er ihnen erklärt, daß es doch nur zu deren Vorteil sei, wenn „ein Jude weniger in Deutschland lebe”. Er verabschiedet sich von seinen Verwandten - unter anderem von seiner Mutter, seinen Tanten und Onkels, die fast alle umgebracht wurden. Am 1. September 1936 wird er nach Tell Joseph (Palästina) abgemeldet.

Im Zug wird Ludwig von zwei SS-Männern kontrolliert, ob er mehr als zehn Reichsmark oder Wertsachen dabei habe. Der Zug fährt zuerst nach Straßburg, wo die deutsche SS-Brigade den Zug verläßt und Franzosen die Kontrolle übernehmen. Am Bahnhof wird von Juden etwas Essen verteilt. Daraufhin fährt der Zug weiter durch Frankreich bis nach Marseille, wo das Schiff „Patria“ schon auf die jüdischen Flüchtlinge wartet.

Die siebentätige Reise in einer kleinen Kabine neben dem Maschinenraum ist sehr beschwerlich: Die Enge, ohrenbetäubender Lärm sowie Mäuse und Ratten gestalteten die Reise nicht gerade angenehm. Nach sieben Tagen, die Ludwig wie sieben Jahre vorkommen, geht die Überfahrt in Haifa zu Ende.

Englische Offiziere kontrollieren Pässe und Visa an Bord. Mit einem großen Lastwagen  wer­den 35 Jugendliche zu ihrer neuen Heimat gebracht, wo Ludwig zwei Jahre lebt. Während der Fahrt dorthin wurden sie von Arabern angegriffen und beschossen. Angekommen in einem kleinen Dorf, wohnen sie in Häusern, die extra für sie von der jüdischen Organisation gebaut wurden. Sie haben kein elektrisches Licht, weshalb sie Petroleum-Lampen benutzen.

 

Die Flüchtlinge leben in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft zusammen, die „Kibbutz” heißt. Etwa 300 leben 1000 Mitglieder leben dort.

Diese „Kibbutz-Bewegung“ entstand schon am Ende des Ersten Weltkrieges, als russische Juden nach Palästina gelangten. Im „Kibbutz“ ist das Leben straff organisiert; niemand besitzt privates Geld und das Zusammenleben in der Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. Die höchsten Positionen im „Kibbutz“ werden von den Leitern (maskir) besetzt, die unter anderem das gemeinsame Geld verwalten.

Ludwig Strauß  wird schließlich Flieger in der israelischen Luftwaffe. Nach einigen Jahren in Palästina gründete Ludwig eine kleine Familie. Sein Sohn David kommt 1949 zur Welt. Aber er erkrankt an Kinderlähmung, weshalb sie sich auf den Weg nach Amerika machen, denn nur dort kann David behandelt werden. Durch Vermittlung des heutigen israelischen Staatspräsidenten Ezer Weizmann kommt die Familie 1952 in die USA.

Heute nennt er sich Lou Strauss und lebt in New York (Lou J. Strauss, 11 Fort George HI Apt. 7 D, New York  N.Y., 10040 USA). Seit 1975 besteht auch wieder reger Kontakt mit seinem alten Kinderfreund Heinrich Müller aus Wachenbuchen, den er auch 1997 besucht, als die Stadt Maintal ihn eingeladen hatte.

 

Ernst Strauß stellt am 14. Februar 1960 einen Antrag auf Entschädigung: Der Vater ist 1928 gestorben. Seine Mutter Jenny und er haben die gutgehende Metzgerei, die seit 60 Jahren bestand,  weiter betrieben. Außerdem haben sie noch ein Häutegeschäft betrieben. Der Umsatz betrug wöchentlich etwa 700 Mark. Wegen der Verfolgungsmaßnahmen ging das Geschäft zurück und mußte abgemeldet werden.

Dem Bürgermeister ist allerdings von einem Häutegeschäft nichts bekannt. Auch die Metzgerei kann man nicht als gutgehendes Geschäft ansprechen. Die Witwe Strauss habe mit den drei unmündigen Kindern einen schweren Existenzkampf zu führen. Es wurde in der Woche aber höchstens ein Stück Großvieh geschlachtet.

Jenny Strauß und Minna Strauß sind 1939 nach Frankfurt verzogen. Es kann nach Meinung des Bürgermeisters nicht beurteilt werden, ob ein Verschleuderungsschaden entstanden ist. Von einer Metzgerei-Einrichtung im Wert von 2.500 Mark kann nicht gesprochen werden, da eine solche nicht vorhanden gewesen sein soll. Es war weder ein Schlachthaus noch eine Ladeneinrichtung vorhanden. Schlachtungen wurden in einer Scheunentenne durchgeführt, während der Fleischverkauf in einem Zimmer auf einem Tisch vorgenommen wurde; zum größten Teil wurde das Fleisch jedoch den Kunden ins Haus gebracht.

Geltend gemacht wurde aber von Ernst Strauß gar nicht die „Ladeneinrichtung“, für die beim Verkauf gar nichts gezahlt wurde. Er bezog sich vor allem auf das Wohnzimmer, Eltern-Schlaf­zimmer, Kinder-Schlafzimmer und Küche, die nur etwa mit einem Zehntel des Preises verkauft wurden. Es war nach dem Verbleib dieser Einrichtung gefragt worden und ob ein Teil der Einrichtung an den Käufer des Hauses Heinrich Schultheiß abgegeben wurde. Auf all diese Dinge geht der Bürgermeister aber nicht ein.

Auch Ludwig Strauß, New York, stellt am 20. September 1961 einen Antrag auf Entschädigung. Seine Geburtsurkunde wurde schon am 13. Juni 1957 an ihn übersandt. Eine Sterbeurkunde für seinen Vater David Strauß  kann aber in Wachenbuchen nicht ausgestellt werden, da er im Sterberegister nicht verzeichnet ist: Er ist in Frankfurt gestorben, aber der Bürgermeister gibt nicht diesen Hinweis, obwohl er es doch sicher gewußt hat oder leicht erfahren konnte. Das Haus mit Scheune und Stall wird umgeschrieben auf Heinrich Schultheiß.

 

Simon Strauß zählt 29 Verwandte auf, die im Holocaust umgekommen sind, darunter acht Kinder unter 15 Jahren. Die meisten sind allerdings Verwandte seiner Mutter, die nicht in Wachenbuchen wohnten. Drei weitere Personen lassen sich nicht identifizieren (Mina und Mathilde Strauß, angeblichen die Schwestern des Vaters, und der Cousin Joseph Stern, 35 Jahre alt). Der Onkel Gustav Hess soll laut Simon Strauß im Jahre 1939 umgebracht worden sein, aber laut Heiratsvermerk beim Standesamt ist er 1936 in Frankfurt gestorben.

 

 

Name

relationship

 

Age

Jenny Strauss born Gernsheimer

Mother

Aprox 1942

48

Mina Strauss

Father Sister

Aprox 1942

50

Matilde Strauss

Father Sister

Aprox 1942

54

Nanny Hess born  Strauss

Father Sister

Lost    49

 ?

Gustav Hess

Uncle

Killed 1939

54

Ferdinand Strauss

Father Brother

Lost 1942

55

Luis Stern

 

Uncle

Lost 1942

60

Joseph Stern

Cousin

Lost 1942

35

David Stern

Cousin

Lost 1942

30

Lina Herlitz

Cousin, Louis Daughter

Lost 1942

35

 

Inge Herlitz  

2'd Cousin

Lost 1942

11

Julius Gernsheimer

Mother's Brother

Lost 1942

43

 

Ida Gernsheimer    

Aunt, Wife Julius Vogel

Lost 1942

32

Sämi Gernsheimer

Cousin

Lost 1942

12

Manfred Gernsheimer

Cousin

Lost 1942

8

Ludwig Gernsheimer

Uncle, Mother' s Brother

Lost 1942

39

Theresa Gernsheimer

Aunt, Ludwig's Wife Levy

Lost 1942

34

Hans Gernsheimer

Cousin, Ludwig's Son

Lost 1942

8

Lothar Gernsheimer

Cousin

Lost 1942

6

Bertha Strauss

Aunt, Mother Sister

died 1939

47

Isaak Strauss

Uncle Bertha's Husband

Lost 1942

50

Else Strauss

Cousin  Daughter

Lost 1942

15

Siegfried Strauss

Cousin

Lost 1942

14

Katinka Berliner

Aunt, Mother Sister

Lost 1942

35

Sally Berliner

Uncle, Katinka Husband

Lost 1942

45

Herman Berliner

Cousin

Lost 1942

6

Mattel Berliner

Cousin

Lost 1942

4

Frieda Oppenheimer

Aunt, Mother's Sister

Lost 1942

38

Bernard Oppenheimer

Frieda's Husband

Lost 1942

55

 

 

 

Das Schicksal der Familie Strauss

 

(Erarbeitet von Christine Wilfert und anderen Schülern der Einsteinschule nach Interviews mit  Herrn Heinrich Müller aus Wachenbuchen (Rübenberg 10) und Schriftverkehr mit Lou Strauß).

 

Die Familie Strauß wohnte in einem der drei Häuser jüdischen Besitzes am Rübenberg. Somit gehörten sie zu den 100 jüdischen der insgesamt 1.550 Wachenbucher. Sie führten seit vielen Generationen eine Metzgerei, die von Herrn David Strauß und seiner Frau Jenny geborene Griesheimer geführt wurde.

 

Dieses Ehepaar hatte drei Söhne:

 

Der Älteste war Ernst, der 1913 geboren wurde. Ihm folgte Simon, der 1917 zur Welt kam; wiederum vier Jahre später wurde Ludwig geboren.

 

Da die Familie Strauß fast direkt gegenüber von der Familie Müller wohnte, kam es schnell zu Kontakt zwischen den nahezu gleichaltrigen Kindern. Sie spielten gemeinsam mit den anderen Nachbarskindern auf der gepflasterten Straße Fußball, besuchten sich und erzählten sich gegenseitig Witze.

 

Obwohl die Familie Strauß von Tradition geprägt war und mit Stolz in die Synagoge ging, spielte bei dieser Freundschaft die Religion keine Rolle und man machte höchstens aus Spaß Scherze über die religiösen und kulturellen Unterschiede.

 

Als Metzgerfamilie waren die „Straußes” genauso wie die zwei anderen jüdischen Familien des Rübenbergs von der gesamten Nachbarschaft anerkannt und sie waren wie Herr Müller betonte  „ganz normale Menschen”.

 

 

 

Zu der fünfköpfigen Familie Strauß gehörte weiterhin die Schwester des Vaters, Mina Strauß, die die Familie im Haushalt unterstütze.

 

Im Jahr 1928 starb der Vater David Strauß eines natürlichen Todes. Er war Kriegsveteran und kämpfte für das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg, wo er von zwei Kugeln getroffen wurde. Nach seinem Tod versuchten der älteste Sohn Ernst und dessen Mutter Jenny die Metzgerei am Laufen zu halten. Jedoch war die Familie auf die Unterstützung der Tante Matilde angewiesen, einer Schwester des Vaters, weil die Metzgerei nicht genügend Gewinn brachte. Dies lag daran, daß uniformierte Männer von der SS die Fleischlieferung unterbunden haben.

 

Doch bevor Ernst die Metzgerei übernahm, besuchte er mit seinen zwei Geschwistern Simon und Ludwig und dem Nachbarsjungen Heinrich eine Volksschule in Hanau.

 

Als Adolf Hitler dann 1933 an die Macht kam, gingen viele seiner nichtjüdischen Freunde zur Hitlerjugend (HJ), wo ihnen beigebracht wurde, Juden zu hassen. Von diesem Zeitpunkt an, änderte sich das Leben der jüdischen Kinder. Sie wurden verfolgt und mit Steinen beworfen. Nebenbei bemerkt war der junge Ludwig jedoch ein so schneller Läufer, so daß sie ihn nie erwischt haben.

 

Im Zuge der zunehmenden antijüdischen Gesinnung in Deutschland konnten Juden nicht mehr die gleiche Schule wie Deutsche besuchen. Man wollte Arier und Juden strikt trennen. Daraufhin mußten die drei Brüder auf eine jüdische Schule gehen.

 

Nach der Volksschule machte der jüngste Sohn Ludwig eine Lehre als Diamantenschleifer in Mittelbuchen. Nach sechs Monaten jedoch konnte der Inhaber der Schleiferei Ludwig, auf Druck der Nazis nicht weiter ausbilden, weil diese sonst sein Geschäft geschlossen hätten. Danach war es für Ludwig als Jude unmöglich, eine neue Arbeit zu finden.

 

Die prekäre Lage in Deutschland spitzte sich zu. Aus diesem Grund versuchten internationale jüdische Organisationen, Juden aus Deutschland nach Palästina in Sicherheit zu bringen. Mit einer solchen Organisation gelang Ludwig die Flucht im Jahre 1936 nach Palästina. Zu diesem Zeitpunkt war Palästina unter britischer Kontrolle und es gab bestimmte Einwanderungskontingente für Juden zwischen 15 und 17 Jahren. Da Ludwig zu diesem Zeitpunkt noch nicht 15 Jahre alt war, bedurfte es der Hilfe seines älteren Bruders Simon, um auf die Warteliste für die Auswanderung zu kommen. Auch mit der Hilfe von George Josephstal, dem Leiter der „Zionist-Organisation”, gelang es ihm, in Berlin auf eine jüdische Schule zu gehen. Schon drei Monate später teilte ihm die jüdische Organisation mit, daß er in drei Tagen mit dem letzten Schiff nach Palästina gebracht werden kann.

 

Doch neben der verheerenden Armut und der fehlenden Kleidung hatte Ludwig ein weiteres Problem: Er benötigte einen Paß zur Ausreise. Um diesen zu bekommen, fuhr er zunächst mit dem Zug zurück nach Wachenbuchen, wo er nach einer Auseinandersetzung mit den dortigen Behörden, erst den Paß ausgestellt bekam, als er ihnen erklärte, daß es doch nur zu deren Vorteil sei, wenn „ein Jude weniger in Deutschland lebe”. Er verabschiedete sich von seinen Verwandten - unter anderem von seiner Mutter, seinen Tanten und Onkels - die fast alle im Holocaust umgebracht wurden. Ludwig hinterließ in Deutschland 28 Verwandte, die alle umgebracht wurden, weil sie jüdischer Abstammung waren.

 

Im Zug wurde Ludwig von zwei SS-Männern kontrolliert, ob er mehr als zehn Reichsmark oder Wertsachen dabei hatte. Der Zug fuhr zuerst nach Straßburg, wo die deutsche SS-Brigade den Zug verließ und Franzosen die Kontrolle übernahmen. Am Bahnhof wurde von Juden Essen verteilt. Daraufhin fuhr der Zug weiter durch Frankreich bis nach Marseille, wo das Schiff „Patria” schon auf die jüdischen Flüchtlinge wartete.

 

Die siebentätige Reise in einer kleinen Kabine, neben dem Maschinenraum, war sehr beschwerlich: Die Enge, ohrenbetäubender Lärm sowie Mäuse und Ratten gestalteten die Reise nicht gerade angenehm. Nach sieben Tagen, die Ludwig wie sieben Jahre vorkamen, ging die Überfahrt in Haifa zu Ende.

 

Englische Offiziere kontrollierten Pässe und Visa an Bord. Mit einem großen Truck wurden 35 Jugendliche zu ihrer neuen Heimat gebracht, wo Ludwig zwei Jahre lebte. Während der Fahrt dorthin wurden sie von Arabern angegriffen und beschossen.

 

Angekommen in ihrer „neuen Heimat”, einem kleinen Dorf, wohnten sie in Häusern, die extra für sie von der jüdischen Organisation gebaut wurden. Sie hatten kein elektrisches Licht, weshalb sie Petroleum-Lampen benutzen.

 

Die Flüchtlinge lebten in Gemeinschaften zusammen, die „Kibbutz” hießen. Etwa 300 -1000 Mitglieder lebten dort. Diese „Kibbutz-Bewegung" entstand schon am Ende des Ersten Weltkrieges, als russische Juden nach Palästina gelangten. Im „Kibbutz” war das Leben straff organisiert; niemand besaß privates Geld und das Zusammenleben in der Gemeinschaft stand im Mittelpunkt. Die höchsten Positionen im „Kibbutz” wurden von den Leitern (maskir) besetzt, die unter anderem das gemeinsame Geld verwalteten.

 

Während Ludwigs Flucht ergeht es seinen in Deutschland gebliebenen Verwandten sehr schlecht: Seine Mutter Jenny und die Tante Mina werden 1942 zunächst nach Frankfurt zwangsumgesiedelt - wie man damals sagte - und später nach Minsk deportiert und dort in einem Konzentrationslager ermordet.

 

Nach einigen Jahren in Palästina gründete Ludwig eine kleine Familie. Sein Sohn David kam 1949 zur Welt. Er erkrankte an Polio, weshalb sie sich auf den Weg nach Amerika machten, denn nur dort konnte David behandelt werden. Seither lebt Ludwig in Amerika. Auch seine zwei Brüder Ernst und Simon sind seitdem in den USA ansässig. Ludwig nannte sich von diesem Zeitpunkt an „Lou” und hat sich gut eingelebt. Mit seinem Bruder Simon hat er ein Holocaust-Museum errichtet. Heute lebt Lou in New York. Seit 1975 besteht auch wieder reger Kontakt mit seinem alten Kinderfreund Heinrich Müller aus Wachenbuchen, den er 1997 besuchte.

 

 

Herrnstraße 13:

Die Stammeltern der Familie Reinhard sind Abraham Reinhard und Hebe Gumpel, die vor 1805 geheiratet haben. Über Issak, Salomon und Julius Reinhardt geht die Linie bis zu dem

Viehhändler Joseph Reinhardt (geboren am 10. November 1886) und Rosa geborene Löbenstein (geboren am 11. Februar 1887 in Marköbel).

Joseph Reinhardt und seine Frau ziehen am 25. Januar 1939 nach Frankfurt, Albusstraße 26, und werden von dort nach Minsk deportiert. Mit ihnen zieht die Tochter Fanny Wolf nach Frankfurt. Sie sagt, daß es ihr gelang, „am 24. Februar 1938 mit zehn Deutschmark in der Tasche nach Amerika auszuwandern“.

Die Eheleute Heinrich und Käthe Mett geborene Eckhardt kaufen am 20. Januar 1939 für 3.000 Mark das Haus zusammen mit einem Acker in den Haingärten. Das Geld wird auf ein Sperrkonto eingezahlt. Der bebaute Hofraum wird im Oktober 1950 auf 2.965 Mark geschätzt. Zunächst erhebt die IRSO Nachzahlungsansprüche. Am 23. Mai 1962 erhebt Fanny Wolf geborene Reinhardt Entschädigungsansprüche.

Der Bürgermeister schreibt: Josef Reinhardt hatte sein Viehhandelsgeschäft nicht in Marköbel, sondern in der Herrnstraße 13 in Wachenbuchen. Er war alleiniger Inhaber, seine Frau nur mithelfende Familienangehörige. Über den Ertrag des Geschäftes kann er keine Auskunft geben. Die Viehhandelserlaubnis wurde durch Verfügung des Viehwirtschaftsverbandes Kurhessen vom 3. Dezember 1937 entzogen. Das Hausgrundstück mit Scheune und Hausgarten wurde umgeschrieben auf Heinrich Mett, der aber in russischer Kriegsgefangenschaft verstorben ist. Das Haus gehört danach Frau Mett und ihren zwei Töchtern. Die Erwerber zahlen seit 1952 an das Amt für Wiedergutmachung 2.000 Mark in monatlichen Raten. Auch ein Acker in der Flur „Die Weingärten“ wird umgeschrieben auf Käthe Mett, Wwe. Ein Acker wird zunächst umgeschrieben auf „Deutsches Reich“ und später von Andreas Hohmann landwirtschaftlich genutzt.

Eine Geburtsurkunde für Jonas Reinhardt, geboren am 14.11.1870 in Wachenbuchen, Onkel von Joseph Reinhard, kann am 20. März 1950 nicht ausgestellt werden, weil die Personenstandsregister 1939 nach Hanau abgeliefert wurden (Anmerkung: Die Geburt war in Hanau, ist aber auch dort nicht in den Standesamtsurkunden enthalten, weil es vor 1875 war. Eine Ablichtung der Personenstandsregister befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden).

 

Weiterhin wohnen in dem Haus Julius Stern (geboren 1879), Sohn des Meier Stern aus Düdelsheim und seiner Frau Karoline geborene Strauß, und seine zweite Frau Johanna geborene Grünbaum (geboren 1878 in Bürgel) (Die Mütter heißen beide mit Geburtsnamen Strauß, sind aber nicht miteinander verwandt). Mit der zweiten Ehefrau wohnt Julius Stern in der Herrenstraße 17. Am 15. Mai 1939 zieht die Familie nach Frankfurt, Hanauer Landstraße 12.

In der Entschädigungssache Leo Stern werden am 29. Oktober 1957 mehrere Urkunden ausgestellt: für den Sohn Leo Stern, geboren am 4. August 1912 in Wachenbuchen, eine Sterbeurkunde Hanna Stern geborene Grünebaum und eine Heiratsurkunde der Eheleute Julius Stern und Jettchen geborene Kahn, verheiratet am 25. Februar 1928 in Wachenbuchen, die erste Ehefrau Julius Sterns.

Am 27. Oktober 1960 stellt der Sohn Leo Stern einen Entschädigungsantrag. Er gibt an, daß der Vater auf den Gütern der Umgebung Schlachtvieh aufgekauft habe und an Frankfurter Metzger weiterverkauft habe. Der Bürgermeister aber schreibt: Über den Geschäftsumfang kann niemand mehr Auskunft geben. Bekannt ist nur, daß Herr Stern einen kleinen Kälberhandel hatte. Es kann nicht bestätigt werden, daß er am Viehhof in Frankfurt Kommissions- oder Maklergeschäfte getätigt hat. Nach der Machtergreifung sei das Geschäft sofort zurückgegangen. In der Zeit davor habe er im Monat etwa 600 bis 700 Mark verdient. Im Jahre 1942 wurde er deportiert.

 

Kirchhofstraße 11:

In dem Haus wohnen Abraham Strauß (geboren 1860, Urenkel von Süßel Strauß) und Hannchen geborene Schönfeld (geboren 1861, Enkelin von Herz Schönfeld). Die Eheleute sterben 1831 und 1835 in Düdelsheim. Sie haben vier Kinder:

1. Die Tochter Frieda geboren 1887 heiratet Joseph Stern aus Hintersteinau und zieht nach Flieden.

2. Die Tochter Recha stirbt 1927 unverheiratet in Wachenbuchen.

3. Der Sohn Joseph (geboren 1891), Viehhändler, heiratet Selma Stern aus Dörnigheim. Sie wohnen Hanauer Landstraße 20 und dann in Dörnigheim, Schwanengasse 4. Beide Eheleute kommen in Auschwitz um, nur der Sohn Lothar (geboren 1927, „Larry“) überlebt.

4. Der Sohn  Herrmann (geboren.1894) ist Viehhändler. Seine Frau heißt Rosa (geboren 1906, laut Geburtsurkunde „Dora“), die Tochter Ilse (geboren 1932). Am 2. Mai 1938 verziehen sie nach Frankfurt, Obermainstraße. Herrmann Strauß stellt am 1. Februar 1960 einen Antrag auf Entschädigung.

 

Der Viehhändler Abraham Strauß führte das Geschäft zusammen mit seinen Söhnen Joseph und Hermann. Im Stadtarchiv gibt es ein Aktenstück „Abraham Strauß baut einen Laden 1899“. Im Jahre 1931 geht das Geschäft auf die Söhne über. Es wurden pro Woche etwa zwei bis drei Stück Zuchtvieh gehandelt und etwa die gleiche Zahl an Schlachtvieh. Das Geschäft wird aber am 12. Oktober 1937 durch Verfügung des Viehwirtschaftsverbandes geschlossen.

Das jährliche Gesamt-Einkommen von Hermann und Joseph Strauß betrug nach Schätzung des Bürgermeisters 3.000 Mark. Immerhin gibt der Bürgermeister zu, daß die berufliche Schädigung mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten einsetzte.

Das Wohnhaus mit Scheune und Garten wurden umgeschrieben auf Heinrich und Greta Habermann. Eine Wiese am Hanauer Weg erhielten Heinrich und Katharina Glinder. Ein Acker „Unterm Steinberg“ wurde umgeschrieben auf Heinrich Müller.

 

 

Kirchhofstraße 12:

Das Haus gehörte ursprünglich Marum Strauß, geboren 1842, gestorben 1923. Er hat aus zwei Ehen vier Kinder, die später heiraten und an sich seine Erben sein müßten. Sie wohnen aber zumindest teilweise außerhalb.

Die Tochter Jenni (geboren am 23. März 1877) ist verheiratet mit Ludwig Katz, der am 6. Februar 1866 in Hainchen Kreis Büdingen geboren. Die Familie kann nur erschlossen werden aus den Angaben im Stadtarchiv vom 11. Juni 1964, die Einordnung ist aber möglich durch den Eintrag im Geburtenregister, der sich im gemeinsamen Buch mit Mittelbuchen jetzt auf dem Standesamt Hanau befindet.

Das Bundesarchiv gibt den Vornamen und Geburtstag der Frau etwas anders an, es dürfte sich aber um die gleiche Person handeln: Hedwig Katz geborene Strauß, geboren 22. März 1877, wurde in Auschwitz umgebracht und für tot erklärt. Der Sohn Walter Katz (geboren am 12. März 1903 in Frankfurt) starb am 24. März 1943 im Konzentrationslager Flossenbürg. Die Tochter Margarita Katz stellt 1964 einen Antrag auf Entschädigung.

Das Haus mit Garten und ein Acker wurden umgeschrieben auf Heinrich Jung und Ehefrau. Ein  Acker wird von Heinrich Giesel seit 1918 landwirtschaftlich genutzt. Nach dem Weggang des Eigentümers (Wer das aber war, ist nicht gesagt. Es könnte Salomon Strauß sein, der vor 1923 nach Fechenheim verzogen ist) hat Herr Giesel die Pacht an das Finanzamt gezahlt.

 

Bachstraße 8:

Das Haus gehört Samuel Strauß. Er ist 1870 geboren, Sohn des Abraham Strauß, Enkel des Isaak Strauß (Kirchstraße 12) und Urenkel des Salomon Süßel Strauß. Seine Frau ist Antonie geborene Stern. Beide Eheleute werden in Auschwitz umgebracht. Der Bruder Salomon Strauß wohnt Alt-Wachen­bu­chen 26.

Samuel Strauß betreibt in der Hainstraße 27 eine Rindsmetzgerei mit Großschlächterei. Das Geschäft wird Anfang 1930 wegen Zahlungsschwierigkeiten an den Metzgermeister Georg Schmitt verkauft. Strauß betreibt dann in der Bachstraße 8 einen Fleischverkaufsladen kleineren Umfangs. Vermutlich kommt das Geschäft mit der Machtübernahme zwangsläufig zum Erliegen (Auskunft vom 22. Oktober 1956).

Von den sieben Kindern ist nur die Tochter Rita („Rieda“) verheiratet. Sie ist 1899 geboren und von 1917 bis 1930 Angestellte bei der Gemeinde Wachenbuchen. Das Beschäftigungsverhältnis wird aber wegen Verheiratung aufgegeben. Sie ist verheiratet ist mit dem Kaufmann Arie van den Brande, einem nicht-jüdischen Niederländer. Er muß in Wachenbuchen eine Ausländerzählkarte haben. Er ist seit 17. Juni 1933 wieder bei seinen Eltern in Den Haag. Weil er Ausländer ist, wird er als Spion verdächtigt. Er erhält einen Tip von einem Parteimitglied, daß er gefährdet ist. Deshalb flieht er nach Holland. Der Bürgermeister gibt an, er habe sich in Wachenbuchen nicht politisch betätigt, wohl aber Fühlung aufgenommen mit der kom­munistischen Partei.

Die Familie Strauß verzieht am 6. November 1933 mit drei Personen (die Eltern Samuel und Toni mit dem Sohn Paul) über Frankfurt nach Den Haag. Nach anderer Angabe ist Antonie Strauß erst im August 1934 gefolgt (siehe unten). Die offizielle Abmeldung erfolgt erst am 6. November 1936. Nach dem Krieg heißt es: „Nachdem Samuel Strauß mit Gefängnis bestraft worden war, ist er ausgewandert aufgrund seines Glaubens und der Rasse. Er war gezwungen, seine schon lange bestehende Metzgerei zu verlassen. Mit dabei ist auch die Tochter Rita van de Brande“.

Folgendes Ladeninventar wurde bei der Flucht zurückgelassen: 2 Kühlkästen, 2 Hackklötze,

1 marmorner Ladentisch, 1 Dezimalwaage, 1 Wurstmaschine, 2 Fleischmühlen und sonstige Geräte (Auskunft vom 19. Juni 1957).

 

Am 27. März 1934 wird festgestellt, daß auch der der Metzger Paul Strauß nach Den Haag abgereist ist und bei seiner Schwester Rita van den Brande wohnt. Am 10. September 1934 wird ein Aktenvermerk gemacht, daß Toni Strauß ausgereist ist, weil das Geschäft nicht gut ging und weil sie bei ihren beiden Kindern sein wollte. Rita Strauß ist nach ihrer Scheidung noch einmal verheiratet, heißt Rita Klerk de Reus und wohnt in Düsseldorf, Münsterstraße 345.

Als am 4. Juni 1950 die Rückerstattungssache Strauß gegen Schmitt anläuft, wird gesagt, Herr Schmitt könne nicht nur behaupten, er habe immer die Pacht gezahlt, er muß auch Nachweise beibringen. Am 21. September 1956 erklärt der Schmiedemeister Hans Oswald, daß Frau Rita van den Brande bis Mai 1933 als Mieterin bei ihm gewohnt hat. In diesem Monat ist sie mit ihrem Kind Liesel nach Holland ausgewandert. Sie hat infolge der Judenverfolgung Deutschland verlassen. Der Bürgermeister meint am 11. Juli 1957, es sei nicht mehr festzustellen, worin das zurückgelassene Eigentum der Familie Strauß bestand. Grundvermögen war nicht mehr vorhanden (es war eine Mietwohnung). Das In­ven­tar dürfte mit etwa 500 Mark zu bewerten sein.

 

Im Jahre 2006 besuchte das Ehepaar Grünberg den Herkunftsort der Großmutter der Frau. Sie waren allerdings sehr reserviert und wollten keine Auskünfte über ihre Familie geben. Auf eine schriftliche Anfrage kam nach langer Zeit ein kurzer Brief, aber auch ohne nähere Angaben.

 

N

 

ähere Angaben machte jedoch Jeroen van den Brande: „Johannes van den Brande, geboren in Kralingen am 15. April 1862, voor 1897 herbergier in de Zandstraat te Rotterdam, koopman (1897) en kermisreiziger (1903), verheiratet in Dordrecht  am 25. Februar 1897 mit Louise Knieper geborene Höhr aus Deutschland, geboren am 4. April 1877, Tochter van Michael und Josephina geborene Enders. Die Familie ist 1907 von Dordrecht nach Den Haag umgezogen.

 

Kinder:

 

 

1. Arie, geboren in Dordrecht am 18. Dezember 1898

 

2. Josephina, geboren in ’s-Gravenhage am 25. Januar 1900

 

3. Johannes, geboren in ’s-Gravenhage aam 30. Dezember 1901

 

4. Michael, geboren in ’s-Gravenhage am 28.. März 1903

 

5. Louise, geboren in Rotterdam am 18. April 190

 

6. Eliesabeth  Gertuida, geboren in Dordrecht am 2. Juni 1907, ovl. ald. 14 juni 1907;

Sie verzogen am 17. September 1907 von Dordrecht nach ’s-Gravenhage. Weitere Nachrichten sind nicht bekannt. Arie van den Brande ist zu finden auf der Webseite:

http://web.mac.com/vandenbrande/iWeb/Site/Stamboom%20Van%20den%20Brande.html

 

 

Alt Wachenbuchen 26:

In dem Haus wohnen Salomon Strauß (geboren 1866) und Bertha geborene Stern (geboren 1869). Im Stadtarchiv gibt es ein Aktenstück „Salomon Strauß baut einen Schornstein 1900“. Bertha Strauß und der jüngste Sohn Max (geboren 1904) gehen am 28. Januar 1939 nach Dietzenbach. Der Mann verzieht am 1. Juni 1939 nach Frankfurt. Salomon wird nach Minsk deportiert.

Die Tochter Hedwig (geboren 1891) heiratet 1912 Salomon Strauß, Hanauer Landstraße 5.

Die Tochter Paula (geboren 1894) heiratet 1919 Adolf Strauß aus Bockenheim.

Der Sohn Jakob (geboren 1902) und seine Frau Erna geborene Strauß (geboren 1906) haben eine Viehhandlung. Sie haben einen  Sohn Albert (geboren 1928). Im Jahre 1937 wandern sie nach Amerika aus. Am 6. April 1937 teilt der Bürgermeister dem Landrat mit, daß Strauß vor etwa 14 Tagen nach Nordamerika ausgewandert ist, ohne sich polizeilich abzumelden. Die Verwaltung des Vermögens der Eheleute hat der Vater Adolf Strauß, Reinhardstraße (heute: Kleine Hainstraße). Zeitweise wohnt auch Ludwig Strauß, Sohn des Salomon Strauß, Kleine Hainstraße 4, mit im Haus.

Nach dem Krieg gehört das Haus mit Stall der Witwe Benno Rehms, Alt Wachenbuchen 23, denn am 12. April 1951 soll der Wert des Anwesens geschätzt werden. Die Wiese geht an Friedrich Krauss über, der darauf eine Diamantschleiferei errichtet. Ein Acker wird umgeschrieben auf Georg Schmitt. Am 6. Juli 1954 wird die Entschädigungssache Jakob Strauß in Angriff genommen (als sein Geburtsjahr wird 1906 angegeben, das ist aber eine Verwechselung mit dem Geburtsjahr seiner Frau). Am 2. Oktober 1961 wird eine Geburtsurkunde für Albert Strauß ausgestellt und eine Bescheinigung über den Schulbesuch (1934 bis 1937) übersandt.

 

Alt Wachenbuchen 28:

Stammvater der Familie ist Maier Stern aus Düdelsheim, der in der Herrenstraße 13 wohnt.

1). Der älteste Sohn Louis Stern wird 1874 in Düdelsheim geboren. Er wohnt Alt Wachenbuchen 28 und ist verheiratet mit  Johanna geborene Strauß. Die Frau stirbt 1932 in Düdelsheim, der Mann wird nach Riga deportiert. Sie haben fünf Kinder, von denen drei erwachsen werden:

a. Ihre älteste Tochter Lina (geboren 1904)  ist seit 1929 verheiratet mit dem Elektromonteur Sally Herlitz (geboren 1903 in Fechenheim). Die Tochter Inge wird 1930 geboren. Am 27. August 1938 zieht die Familie nach Frankfurt, Friedberger Landstraße 125. Von dort wird sie verschleppt und auf einem Bahnhof in Lettland getrennt, Sally sieht Frau und Tochter nicht wieder. Er überlebt – vielleicht wegen seiner technischen Fähigkeiten - und kommt 1945 nach Frankfurt. Am 22. Mai 1950 fordert er aus Frankfurt, Gagernstraße 36, Personenstandsurkunden an. Im August läuft die Rückerstattungssache an (Sally Herlitz/Eheleute Amend. Das Wohnhaus mit Stall geht an Elise Amend).

b. Der  Sohn Julius Stern ist am 7. November 1909 geboren (Er wird auch als Josef Stern, geboren 1909, bezeichnet).

c. Der Sohn David Stern (geboren 1912) ist Metzger. Er geht am 20. November 1933 zur Arbeit nach Tell Palästina und kommt am 16. Mai 1934 zurück. Am 11. November 1939 verzieht er  nach Oberhof/Thüringen, wird aber dann von Frankfurt aus nach Minsk deportiert.

 

2). Eine Tochter des Stammvaters ist Elisa Stern, verheiratet seit 1906 mit Salomon Strauß und auch im Haus Alt Wachenbuchen 28 wohnhaft. Die Tochter Erna Strauß ist geboren am 29. Oktober 1907 (laut Standesamtsregister heißt sie „Erna“, laut Stadtarchiv „Irma“). Sie hat  eine Tochter Lydia, verheiratet mit Seligmann Heippert. Am 4. November 1960 wird in der Entschädigungssache die Geburtsurkunde für Erna Strauß übersandt.

3). Ein Sohn des Stammvaters ist Julius Stern (geboren 1879), der seit 1928 verheiratet ist mit Jettchen geborene Kahn und auch Alt Wachenbuchen 28 wohnt. Aber schon im Jahre 1928/29  macht er Konkurs, darüber gibt es  eine Akte im Stadtarchiv. Er wird Wohlfahrtsempfänger. Am 1. Juni 1934 verzieht er nach Frankfurt. Am 23. Mai 1953 wird er durch das Amtsgericht Frankfurt für tot erklärt.

 

Alt Wachenbuchen 32:

Stammvater ist Salomon Strauß, geboren 1787. Der Enkel ist Salomon Strauß (geboren 1869), der mit Jeanette geborene Adler (geboren 1864) verheiratet ist. Der Mann hat einen Wollhandel mit Pferd und Wagen. Die Eheleute Strauß verziehen am 30. Juli 1939 nach Frankfurt; vielleicht sind sie dort gestorben.

Sie haben drei Kinder:

1.) Die Tochter Bertha, geboren 1898, heiratet 1930 den Kaufmann Max Eisenmann, geboren 1906 in Bad Orb. Die Ehefrau stirbt am  8. Juli 1935 in Bendorf (bei Bonn) und ist in Hanau begraben. Die Familie verzieht laut Stadtarchiv am 6. Oktober 1936 nach Bad Wim­­pfen und am 23. August 1937 nach Frankfurt. Der Mann wird nach Lublin-Majdanek deportiert und stirbt dort am 6. September 1942. Berta Eisenmann wird vermutlich aus Frankfurt verschleppt, ebenso die Tochter Gertrud (geboren 1932), die etwas „tappig“ gewesen sein soll.

2.) Der Sohn Siegmund heiratet 1930 nach Stuttgart. Er wohnt später in Buenos Aires besucht  1961 den jüdischen Friedhof in Hanau, wie aus dem dortigen Besucherbuch hervorgeht.

3.) Julius Strauß stirbt schon als Kind.

Der bebaute Hofraum Hauptstraße 32 und ein Acker werden umgeschrieben auf Elise Boldt verwitwete Wappes und Edgar Wappes (3/4), Alt Wachenbuchen 32.

 

Im Personenstandsregister der Synagogengemeinde Hochstadt unter dem Datum vom 3. Juli 1854 findet sich folgender Eintrag: Am 6. Dezember 1852 wird den Eheleuten Isaak Maier und Rosinas geborene Nußbaum eine Tochter geboren. Der Wohnort der Eltern ist unbekannt. Das Kind ist auf der Reise in Dörnigheim geboren worden. Auch am 3. Juli 1854 wird das Kind Zacharias Eismann auf der Reise in Dörnigheim geboren. Die Eltern sind aus Sierenberg in Holland. Das ist offenbar aber eine andere Familie als die aus Wachenbuchen, die nach einer Nachricht aus Bad Orb „Eisenmann“ heißt und nicht Eisermann“, wie der Name in Wachenbuchen erscheint.

 

Alt Wachenbuchen 36:

Dieses Haus ist das Lehrerwohnhaus, das aber heute nicht mehr besteht, sondern über das Grundstück ist die Hainstraße gelegt. Im Unterstockwerk ist die Schule. Im Oberstockwerk

wohnt der jüdische Lehrer Leo Sonneberg, geboren am 31. März 1892 in Somborn. Er leitet die Gemeinde und hat auch das Recht zum „Schächten“, also zum rituellen Schlachten von Vieh. Leo Sonneberg gibt 1934 an, daß er noch nie ins Ausland verreist ist. Sein Reisepaß wird am 8. April 1934 eingezogen (für Auslandsreisen braucht man jetzt eine Dringlichkeitsbescheinigung).

Nach dem Pogrom verzieht er am 8. Dezember 1938 verzieht nach Frankfurt, Baumweg 64, zusammen mit seiner Frau Hedwig geborene Grünebaum (geboren 1896) und dem Sohn Paul (geboren 1921). Die Eltern werden von Frankfurt aus nach Lodz deportiert. Bei dem Sohn gibt es keinen Hinweis auf eine Deportation, er ist wohl ausgewandert nach England.

Am 1. April 1950 wird das ehemals bebaute Grundstück (Schulgebäude) aus der Vermögenskontrolle entlassen, da es nur 1.500 Mark wert ist. Es wird der Gemeinde Wachenbuchen übergeben.

 

Alt Wachenbuchen 37:

Das Haus gehört Herz Schönfeld (geboren 1856), Enkel von Herz Schönfeld, und Emma geborene Strauß (geboren 1859), Enkelin von Isaak Strauß und Hannchen geborene Müller aus Erbstadt. Auch 1941 gehört das Haus noch immer Frau Emma Schönfeld, die inzwischen in Großauheim wohnt. Am 6. Februar 1941 fordert der Landrat den Bürgermeister auf, Frau Schönfeld zu veranlassen, ihr Haus umgehend für 3.400 Mark an einen anderen Einwohner zu verkaufen. Im März erklären beide, daß sie mit dem Preis einverstanden sind. Der Bürgermeister schreibt es am 13. März an den Landrat, aber es ist deutlich, daß der Landrat zum Verkauf gedrängt hat. Frau Schönfeld stirbt am 27. Oktober 1942 in Theresienstadt. Das Wohnhaus mit Stall wird umgeschrieben auf Franz und Katharina Fassel. Ab 3. Mai 1950 erfolgt die Rückerstattung.

 

 

Alt Wachenbuchen 40:            

Hier wohnt Salomon Strauß (geboren 1860), Enkel von Isaak Strauß und Hannchen Müller. Er ist verheiratet mit Mathilde geborene Strauß (geboren 1868) aus Meerholz. Sie haben sieben Kinder. Der Mann stirbt 1924 in Wachenbuchen.

Der älteste Sohn Joseph (geboren 1890) wird in Auschwitz umgebracht. Als am 3. November 1961 Werner Grünwald aus Keren Kayemet in Israel um eine Geburtsurkunde für seinen Stiefvater Joseph Strauß bittet, antwortet der Bürgermeister zunächst, ohne nähere Angaben könne man keine Auskunft geben. Grünwald macht dann nähere Angaben: Joseph Strauß wurde am 8. Juli 1890 in Wachenbuchen geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg soll er sich in Krefeld als selbständiger Kaufmann aufgehalten haben. Etwa 1933 wanderte er nach Holland aus und wurde von dort nach Auschwitz deportiert. Der Bürgermeister übersendet nunmehr eine Geburtsurkunde und teilt mit, daß der Betreffende sich am 1. Oktober 1910 nach Saarlouis abgemeldet hat. Joseph Strauß wird durch das Amtsgericht Wiesbaden am 10. Juli 1967 für tot erklärt.

Die Familie wohnt zuletzt Alt Wachenbuchen 40. Die Mutter zieht als letzte jüdische Familie mit den Kindern Arthur und Henny (Hanni) nach Frankfurt. Frau Hermann-Wadel sagt 1988 in einem Vortrag, das sei am 31. Juli 1939 gewesen und sie seien in die Palmstraße 10 gezogen.  Laut Abmeldeliste der Gemeinde sind sie nach Ostendstraße 15 gezogen. Der heutige Besitzer des Hauses sagt jedoch, sie hätten 1939 nur das Haus verkauft und hätten bis aus verkauft 1941 noch dort gewohnt. Dann sprach Bürgermeister Seng die neuen Hausbesitzer an: „Die wohnen ja immer noch bei dir!“ Da wurden ihnen gekündigt und sie mußten nach Frankfurt gehen.

Von Frankfurt werden sie nach Lodz deportiert. Mathilde Strauß stirbt dort am 21. November 1941. Auch Arthur (geboren 1894) stirbt dort am 10. Mai 1942. Henny (geboren 1896) wird auch in Lodz umgebracht worden sein. Über das Schicksal der Tochter Regina (geboren 1891) ist nichts bekannt.

Der Acker des Jesel Strauß wird umgeschrieben auf Deutsches Reich und geht dann an die IRSO, die einen Rückerstattungsantrag stellt. Das Haus wird zeitweise genutzt von Philipp Bläsing. Der Besitz von Mathilde, Arthur und Henny Strauss wird schließlich wie folgt verteilt: Das Grundstück  wird umgeschrieben auf Hilde Stein. Ein Acker und eine Wiese werden umgeschrieben auf Hilde Stein. Ein Acker geht an  Heinrich Maisch. Ein Acker am Birkenbaum wird umgeschrieben auf Katharina Emmerich.

 

Kleine Hainstraße 1:

In dem Gebäude hinter dem Haus befand sich eine „Judenbäckerei“, auch „Mazzenbäckerei“ genannt. Hier half zum Beispiel die Mutter von Herrn Koch, Kleine Hainstraße 16.  Der Verkaufsraum war in dem Raum nach der Straße Alt Wachenbuchen zu. Die Bäckerei wird zunächst betrieben von Joseph Reinhardt und Hannchen geborene Montag, die beide wohl von außerhalb gekommen sind. Sie haben sechs Kinder:

1.) Der Sohn Salin (geboren 1879) wird am 10. Mai 1962 durch das Amtsgericht Offenbach und tot erklärt, er gilt als verschollen in Polen.

2.) Der Sohn Abraham (geboren 1881) stirbt 1937 in Köln.

3.) Die Tochter Sara (geboren 1883) heiratet den Bäcker Samuel Stern aus Landeshausen bei Hof, wohnt aber zunächst mit im Haus.

4.) Über die Tochter Hilda, geboren 1884, ist nichts bekannt.

5.) Die Tochter Berta (geboren 1888) hat nach Mitteilung des Deutschen Generalkonsulats in Jerusalem vom 16. Juli 1934 die palästinensische Staatsangehörigkeit erworben, so daß der Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit eingetreten ist.

6.) Die Bäckerei übernimmt der Sohn Robert Reinhardt (geboren 1866). In erster Ehe ist er verheiratet mit Franziska geborene Strauß. Sie haben 1919 einen Sohn Joseph. In zweiter Ehe ist er seit 1930 verheiratet mit Johanna Kahn (geboren 1892). Mit ihr und den Kindern Martin, Johanna, Joseph und Lotte zieht er am 7. September 1936 nach Frankfurt (Nur das Kind Joseph, geboren 1919, ist in Wachenbuchen geboren und aus der ersten Ehe, die anderen Kinder müßten Stiefgeschwister aus der ersten Ehe der zweiten Frau sein). Es gibt keinen Hinweis auf eine Deportation, vielleicht sind sie ins Ausland geflohen. Johanna Reinhardt lebt später in Israel, sie soll „Hauben“ oder so ähnlich heißen. Das Haus mit der Bäckerei und der Stallung übernehmen ab 11.September 1936 Nikolaus und Helene Stallmann.

 

Kleine Hainstraße 3:

Der Stammvater der Familie ist Nathan Appel aus Hochstadt. Sein Sohn Joseph heiratet 1837 Bienchen Schönfeld aus Wachenbuchen und wohnt mit ihr Kleine Hainstraße 3. Sein Bruder ist Seligmann Appel, der aber nachher in der Hainstraße 4 wohnt. Im Stadtarchiv findet sich ein Aktenstück „Seligmann Appel baut Wohnhaus mit Stall 1887“.

Der Sohn Joseph Appels ist Herz Appel, verheiratet 1886 mit Bertha geborene Neumann aus Nagelsberg in Württemberg. Sie haben drei Kinder: Paula (geboren 1889) stirbt 1917. Die Töchter Jeanette (geboren 08.04.1887) und Tochter Malchen (geboren 13.07.1892) sind geistig behindert (Herr Koch aus der Kleinen Hainstraße 16 bestätigt das, aber damit ist noch nichts über den Grad der Behinderung gesagt).

Die beiden Schwestern kommen am 8. Mai 1939 in die Heilanstalt Weilmünster, die eine der Verschleierung dienende Zwischenstation für die Tötungsanstalt Hadamar war. Am 7. Februar 1941 kamen sie wahrscheinlich nach Hadamar, wo sie wahrscheinlich am gleiche Tag getötet wurden (nach Angaben von Herrn Begemann). Sie gehören zu den sogenannten „T 4-Opfern“ (nach Tiergartenstraße 4 in Berlin). Sie sind wahrscheinlich 1941 in Hadamar gestorben, obwohl in der Sterbeurkunde für Malchen das Vernichtungslager Cholm II bei Lublin angegeben wird. Das wurde aber nur zur Täuschung der Angehörigen so beurkundet, damit man nicht bemerken sollte, daß eine Heilanstalt für die Tötung von Patienten mißbraucht wurde.

Malchen Appel hatte ihre uneheliche Tochter Johanna (oder Jenny) dabei, die am 13. April 1934 in Marburg (bei einem Aufenthalt ihrer Mutter in der dortigen Heilanstalt?) geboren ist und am 10. April 1940 in Weilmünster (Heilanstalt) stirbt. Sie wird als „Hannah Appel, 16.04.1934“ auf einer Gedenktafel in Weilmünster erwähnt.

Ein Grundstück des Herz Appel (Haus? Garten?) und ein Acker seiner Frau Bienchen wurden in der Nazizeit umgeschrieben auf das Deutsche Reich. Die Cousine Anna Geil, Ley Avenue, Derbys in England, Tochter der verstorbenen Paula Appel und Enkelin des Seligmann Appel, fragt am 15. März 1950 nach Haus und Gartenland in der Kleinen Hainstraße. Ihr wird am 20. März 1950 zunächst geantwortet: Seligmann Appel ist etwa 1914 nach Frankfurt verzogen und hat bei dieser Gelegenheit sein Wohnhaus verkauft. Nachher stellt sich der Fall aber anders dar: Wenn die Erben die Rückerstattungsansprüche nicht rechtzeitig gestellt haben, wird die IRSO Rechtsnachfolgerin und kann das Grundstück zurückverlangen und anderweitig verkaufen. Das ist angeblich der Fall bei den Grundstücken von Herz und Bienchen Appel, schreibt die Gemeinde am 5. September 1950. Sie möchte das Grundstück aber selber von der IRSO kaufen.

Ein Haus in der Kleinen Hainstraße wurde durch Artilleriebeschuß am 28. März 1945 total zerstört, wird aber dennoch durch Wilhelm Puth genutzt. Vielleicht handelt es sich um dieses Haus. Jedenfalls ist das heutige Haus erst nach dem Krieg aufgestockt.

 

Kleine Hainstraße 5:

Der Schuhmacher Simon Dessauer (geboren 1893 in Heringen) heiratet 1920  Johanna geborene Stern (geboren 1889), Tochter von Levi Stern, Kleine Hainstraße 7,  und Enkelin von Juda Stern aus Nidda. Sie ziehen am 24 Juli 1939 (oder 27 Juli) nach Frankfurt, Hanauer Landstraße 12, und werden von dort nach Minsk deportiert.

Hof und Gebäudefläche mit Stall werden umgeschrieben auf Wilhelm und Maria Walter geborene Zeller. Ab 28. April 1950 läuft das Rückerstattungsverfahren. Der Wert von Hof und Gebäudefläche wird 1951 auf 4.250 Mark minus 350 Mark für Instandsetzungsarbeiten angesetzt.

 

Kleine Hainstraße 2:

Stammeltern in diesem Haus sind Jacob Schönfeld und Schanat Dessauer.

1. Die Tochter Jette (geboren 1836) ist verheiratet mit Löb Stern. Deren Sohn Seligmann (geboren 1872) war im  Ersten Weltkrieg in Rußland und kam mit Malaria wieder und beging am 7. Juli 1941 Selbstmord. Und die Tochter Jeanette Weiss ist verschollen in Riga, aber wahrscheinlich in Kaunas umgebracht worden.

2. Die Tochter Jeanette (geboren 1839) heiratet 1865 Liebmann Strauß. Deren Sohn Adolf Strauß wohnt Kleine Hainstraße 4. Das Wohnhaus mit Stall wird später umgeschrieben auf Peter Stock.

Das Haus soll nach Angabe von Herrn Stock aus Hanau 1832 erbaut worden sein (Angabe seines Großvaters). Es existiert eine Brandversicherungsschein von 1894, aus dem die Namen von Löb Stern und Jete Schönfeld hervorgehen. Das Haus war bei seinem Verkauf an die Familie Stock (im Jahre 1933 oder eher 1935) im Besitz von Adolf Strauß, demEnkel von Jacob Schönfeld und Vetter von Seligmann Stern. Aus den Papieren geht hervor, daß der Verkauf doch nicht ganz ohne Zwang erfolgte. Die Familie Stock hatte das Haus in den siebziger Jahren mit Eternitplatten verkleidet. Nach dem Tod des Vaters verkauften die Kinder das Haus im Jahre 2000 an die Familie Hübenthal, die das Fachwerk wieder freilegte.

Das Ehepaar Seligmann und Selma Stern ist wahrscheinlich nach der Hochzeit nach Frankfurt gezogen. Sie sollten eine „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 6.885 Reichsmark entrichten. Wegen ihres Versuchs, ihr Vermögen vor dem Zugriff des Staates zu retten, wurde Selma Stern am 5. Juli 1941 verhaftet. Daraufhin nahm sich ihr pflegebedürftig erkrankter Mann Seligmann Stern das Leben. Er wurde am 7. Juli in der Wohnung tot aufgefunden. Deshalb ist er auch nicht auf dem Namenfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz aufgeführt. Das Grab ist auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, Eckenheimer Landstraße.

In den Prozeßunterlagen der Zollfahndungsstelle Frankfurt heißt es: „Ihr Mann, der schwer leidend und der ständigen Pflege bedurfte und der nach Festnahme der Frau vor seiner Überführung ins jüdische Krankenhaus selbst aus dem Leben schied, hatte von den Verfehlungen seiner Frau keine Kenntnis. Frau Stern ist für ihre Unterlassungen selbst voll verantwortlich!“

Nachdem auch mit Hilfe der in Berlin lebenden Schwester Friedricke Dammann eine Kaution gestellt wurde, wurde Frau Stern am 19. September 1941 aus der Untersuchungshaft entlassen und mit Strafbefehl des Amtsgerichts Frankfurt vom 28. Mai 1942 zu einer Geldstrafe verurteilt. Die letzte Frankfurter Adresse der Ehefrau ist Kantstraße 6/EG. Am 1. September 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19. März 1944 verstorben ist.

Im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden sind Akten der Devisenstelle Frankfurt, der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt, eine Gefangenenakte des Gefängnisses Frankfurt-Höchst und der sie beratenden Anwälte vorhanden. Alle diese Unterlagen stammen aus der NS-Zeit. Nach dem Krieg stellte die bereits 1935 nach Palästina ausgewanderte Tochter Elfriede Knopp geb. Stern Wiedergutmachungsanträge nach Ihren ums Leben gekommenen Eltern. Diese Verfahrensakten werden ebenfalls dort aufbewahrt (insgesamt 400 Seiten).

 

Die 1914 in Frankfurt zur Welt gekommene Tochter Elfriede ist verheiratet mit Walter Knopp. Er stammt aus Berlin und war schon 1924 einmal in Palästina in einem Kibbuz, kehrte aber wegen einer Typhuserkrankung wieder nach Deutschland zurück. Seine Frau ist aus Frankfurt und ging dort ins Philantropin. Die Eheleute kamen 1935 nach Israel.

Ihr Sohn Yoram Knopp (9 David Pais St, Rishon Lezion 75260 / Israel) war erstmals 1966 in Frankfurt. Seitdem war er mehrfach in Deutschland. Über Bad Arolsen und Yad Vashem hat er sich die ersten Urkunden besorgt. Im Jahre 2011 war er in Wachenbuchen und im Staatsarchiv Wiesbaden.

Yoram Knopp war bei der Fluggesellschaft El-Al beschäftigt im Frachtbereich. Er wohnt heute etwas entfernt von Tel Aviv, etwa fünf Kilometer vom Meer entfernt. Seine Frau ist Hobbymalerin und an den Fotomotiven aus Wachenbuchen und Hochstadt interessiert. Er möchte dabei sein, wenn vor dem Haus seiner Großeltern Stolpersteine verlegt werden.

Yoram Knopp hat drei Kinder, die alle in Tel Aviv leben und so wie die Eltern einen deutschen Paß haben (Einreise leichter und billiger, auch nach den USA). Der Sohn ist im Computergeschäft, die Tochter Dikla (die mit dabei war) ist bei einer Fernsehkabelgesellschaft, die jüngste Tochter ist in der Werbung beschäftigt.

 

Kleine Hainstraße 4:

Das Haus gehört dem Kaufmann Adolf Strauß (geboren 1873, Sohn von Liebmann Strauß, Kleine Hainstraße 2, und Enkel von Ansel Strauß)  und seiner Frau Rosalie geborene May.

Sie haben die Kinder Rosa (geboren 1905, bald gestorben), Erna (geboren 1906, verheiratet mit Jakob Strauß, Alt Wachenbuchen 26) und Ludwig (geboren 1910).

Von Beruf war Strauß ein Futtermittelhändler (die Futtermittel wurden in den Gebäuden auf der Westseite des Grundstücks gelagert). Als Strauß nach der Pogromnacht mit seiner blauen Schürze in die damalige Hauptstraße ging (heute: Alt Wachenbuchen), um die vor dem Haus Nummer 40 in der Mitte der Straße aufgeschichteten Bücher aus der Synagoge zu retten, gab ihm ein Wachenbucher (Puth?) einen Tritt in den Hintern und verjagte ihn; die Bücher wurden verbrannt (Bericht von Herrn Koch, Kleine Hainstraße 16).

Am 8. Februar 1939 zieht die Familie nach Frankfurt. Ein Hinweis auf eine Deportation liegt nicht vor. Der Verbleib von Ludwig Strauß ist unbekannt, eventuell ist er nach Amerika gekommen wie seine Schwester Erna. Das Grundstück wird umgeschrieben auf Jean Stein, der auch eine Wiese übernimmt. Heute ist es im Besitz der Familie Steeg.

 

Kleine Hainstraße 6:

Der bebaute Hofraum gehörte früher auch einer Familie Strauss. Im Stadtarchiv gibt es ein Aktenstück „Siegmund Strauß baut Scheune mit Stall 1894“. Es könnte sich um Siegmund und Michael Strauß handeln, die zusammen mit Wilhelm Schorr Eigentümer waren. Leider lassen sich beide Personen nicht identifizieren, ein Michael Strauß ist überhaupt nicht bekannt. Am 4. Mai 1950 wird zwar gesagt, das Haus Kleine Hainstraße 10 gehöre Sigmund und Michael Strauß, aber da wird es sich um eine Verwechslung mit der Hausnummer 6 handeln.

Siegmund und Michael Strauss sollen 1939 oder 1940 nach Amerika ausgewandert sein. Die IRSO gibt jedoch an, sie wohnten in Frankfurt, Sandweg 8. Das Grundstück wurde zunächst umgeschrieben auf „Deutsches Reich“.

Am 4. Mai 1950 und 17. August 1950 geht es um den Rückerstattungsanspruch bebauter Hofraum Kleine Hainstraße 6, früher Strauß-Wi(twe), jetzt Heinbuch. Das Haus ist heute im Besitz der Familie Heinbuch. Der bebaute Hofraum wird  zunächst umgeschrieben auf „Deutsches Reich“, dann auf Peter Heinbuch. Das Wohnhaus ist allerdings durch Artilleriebeschuß zerstört, es steht nur noch eine Halle. Im Entschädigungsverfahren Rosalie Strauss werden am 16. Mai 1957 Urkunden benötigt für Ludwig und Erna Strauß.

 

Kleine Hainstraße 10:

Schon vor der Pogromnacht 1938 gibt es mindestens zwei Gewalttaten gegen jüdische Bürger, näm­lich gegen den Juden Josef Burg (Kleine Hainstraße 10), der mit dem Kuhgespann unterwegs ist, und dann gegen Herz Appel (Kleine Hainstraße 3) und Josef Reinhardt (Herrenstraße 13), die Vieh von Ortenberg nach Wachenbuchen treiben.

Der Viehhändler Joseph Burg ist verheiratet mit Mathilde geborene Stern (geboren 1875, Tochter von Meier Stern, später Herrenstraße 13). Sie haben die Kinder Lina (geboren 1904), Beno (geboren 1906, gestorben 1907), Gerda (Gustel, geboren 1908), Ludwig (geboren 1910, gestorben 1973 in Buenos Aires), Henny (auch Jenny, geboren 1913)  und Else (geboren 1916, gestorben 2003 in Buenos Aires). Lina und Else sind die in den Unterlagen des Stadtarchivs erwähnt, sind aber nicht beim Standesamt Wachenbuchen erfaßt.

 

Die Tochter Lina zieht schon am 1. Dezember 1938 nach Frankfurt, Freiherr-vom-Stein-Straße 23. Die Familie zieht am 31. März 1939 (Abmeldung 23.07.19139) mit sieben Personen nach Frankfurt, Roßdorfer Straße 23: Die Eltern  Joseph und Mathilde und die Kinder Lina, Gerda (Gustel), Ludwig, Henny und Else. Die Eltern werden nach Auschwitz deportiert. Else Burg wird nach dem Osten deportiert. Henny überlebt in Buenos Aires (die Tochter Marta Stern wohnt in Buenos Aires), Ludwig kommt 1938 nach Buenos Aires und stirbt dort 1979 (oder 1973).

Das Haus in der Kleinen Hainstraße war damals noch kleiner als heute. Es hatte eine kleine Küche (heute Bad), eine Wohnstube und ein Schlafzimmer. Die Räume im Oberstock sind so niedrig, daß man nicht darin stehen kann. Hier lebten sieben Menschen. Gerda Burg und eine Schwester wohnten dann auch im Haus Kleine Hainstraße 5 (Zimmer ganz links). Der Garten beim Haus war noch kleiner als heute, denn ein Teil gehörte noch zum Haus Nummer 12. Außerdem muß hier noch ein Stall für mindestens zwei Stück Großvieh gestanden haben (wo heute die Garage ist?).

Henny Burg kann im Alter von 23 Jahren zunächst in die Schweiz fliehen. Dort lernt sie ihren späteren Mann Julius Wachenheimer kennen, der auch in die Schweiz geflohen ist. Er fährt dann auf einen Frachtschiff nach Argentinien. Sie folgt einige Zeit später. Als sie in Argentinien ankommt, muß sie gleich heiraten, sonst wäre sie noch mit dem gleichen Schiff zurückgeschickt worden. Es gelingt ihnen noch, den Bruder Ludwig nachzuholen. Aber als sie noch eine Schwester nachkommen lassen wollen, heißt es nur, man habe sie abgeholt. Wachenbucher können sich noch an diese Szene erinnern, als die Juden mit dreifacher Kleidung übereinander verschleppt wurden (Frau Beller nach den Erzählungen ihrer Mutter).

Erst zehn Jahre nach der Einwanderung wird die Tochter Marta geboren. Die Muttersprache in der Familie ist deutsch, nur mit Mühe lernen die Eltern Spanisch. Auch die Tochter lernt Spanisch erst in der Schule.

Die Tochter heiratet Juan Stern, dessen Eltern aus Niederweidbach bei Herborn stammen und als einzige Juden aus ihrem Ort überlebten. Er ist auch der einzige Sohn, seine Mutter ist 2006 gestorben. Im Mai 2008 besucht das Ehepaar auf Einladung der Gemeinde Bischoffen-Nieder -Weidbach und der Stadt Maintal die Heimat der Vorfahren.

Ludwig Burg hat eine Tochter Berta, eine verheiratete Glass mit drei Kindern.

Am 17. November 1960 stellt Henny Wachenheimer geborene Burg einen Entschädigungsantrag. Wieder kann der Bürgermeister keine Feststellungen über die Einkommensverhältnisse machen, weil Unterlagen beim Finanzamt nicht vorliegen. Immerhin teilt er der Anfragenden die zuständige Industrie- und Handelskammer mit. Die Familie Burg ist in den Jahren 1938/ 1939 nach „unbekannt“ verzogen (dabei weiß man doch, daß sie nach Frankfurt verzogen sind).

Aber immerhin weiß der neue Bürgermeister Hack, daß Elsa Burg in der Deportation verstorben ist. Er schreibt am 22. Oktober  1969: Die Genannte hat die Volksschule etwa ein Jahr besucht, danach ging sie in die jüdische Schule am Ort. Es kann nicht bestätigt werden, daß sie in Hanau die Höhere Töchterschule besuchte und diese 1934 wegen ihrer jüdischen Abstammung hat verlassen müssen, da die Höhere Töchterschule nicht mehr existiert (aber die Nachfolgeschule existierte doch noch).

Am 1. Oktober 1951 verkauft die IRSO das Grundstück Kleine Hainstraße 10 (Haus mit Schuppen) für 1.700 Mark an den Gemeindearbeiter Adam Scheidemantel und seine Ehefrau Margarete geborene Heck, die das Haus schon vorher bewohnt haben. Als Frau Scheidemantel starb, kaufte das Ehepaar Baier das stark heruntergekommene Haus und baute es erst einmal richtig aus und erwarb auch das fehlende Stück Garten von den Nachbarn..

 

 

Hainstraße 10

Das Haus gehört dem Viehhändler Adolf Strauß und Irma geborene Stern. Der Stammvater in diesem Haus ist Süßel Strauß, der kurz vor 1800 geheiratet hat. Sein Sohn ist Jessel Strauß und dessen Sohn wiederum Liebmann Strauß (zunächst Kirchhofstraße 11 und dann Hainstraße 10). Dessen Sohn wiederum ist Siegmund (Süßel) Strauß (geboren 1864, gestorben 1924), der verheiratet ist mit Helene geborene Kahn (geboren 1861, vorher wohnhaft in Klein­krot­zenburg). Sie  haben folgende Kinder:

1). Fanny (geboren 1892), verheiratet mit Siegfried Cassel, jetzt Johannesburg.

2). Josef Strauß (geboren 1894, gestorben 1909).

3). Adolf Strauß (geboren 1895), verheiratet mit Irma geborene Stern (geboren 1902). Deren

     Kinder wiederum sind Irene (geboren 1923) und Margot (geboren 1925).

„Durch Verfügung des Viehwirtschaftsverbandes Kurhessen vom 28.10.1937 wurde Viehhandelserlaubnis entzogen“. Das Gewerbe wurde am 30. November 1937 abgemeldet. Am 10. November 1938 kommt Adolf Strauß ins Konzentrationslager Buchenwald. Die Großmutter Helene, die Eltern Adolf und Irma mit den Kindern Irene und Margot melden sich am 19. Dezember 1938 nach New York ab. Dort lebt heute noch eine Tochter.

Das Haus mit Stall wird auf Wilhelm Schwind umgeschrieben. Am 30. März 1951 bittet Rechtsanwalt Cahn in der Rückerstattungssache Siegfried Cassel  und Fanny geborene Strauß um die Personenstands-Urkunden von Sigmund Strauß und seiner Kinder Fanny, Josef und Adolf und dessen Kinder Irene und Margot. Am 2. März 1960 wird eine Geburtsurkunde für Fanny Cassel geborene Strauß, jetzt Johannesburg, übersandt.

Der Bürgermeister meint nach dem Krieg, in den Jahren vor 1933 dürfte das Einkommen 3.000 bis 4.000 Mark betragen haben. Adolf  Strauß gibt an, im Jahre 1938 wegen der Auswanderung folgende Möbel verschleudert zu haben: 1 Speisezimmer (schwer Eiche), 1 Schlafzimmer, 1 Wohnzimmer und verschiedene Küchengeräte. Andererseits erklärt er, daß für den Transport des Umzugsguts nach Amerika 1500 Mark gezahlt wurden. Der Bürgermeister antwortet: Es ist anzunehmen, daß er seinen gesamten Hausrat mitgenommen hat. Herr Strauß war Viehhändler, er lebte in bescheidenen Verhältnissen. Er wohnte mit seiner Frau im Haus seiner Eltern.

Im Jahre 1957 fragt der Regierungspräsident an nach Adolf Strauß. Er soll seit dem 10. November 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen sein. Wichtig ist dabei, ob er über 30 Tage der Freiheit beraubt war. Der Bürgermeister antwortet wieder ausweichend und befragt erst nach Aufforderung Heinrich Giesel, der aber aussagt, daß Strauß nach wenigen Tagen entlassen wurde.

Im Jahre 2007 besuchte das Ehepaar Stern aus Buenos Aires den Herkunftsort ihrer Familie.

Marta Stern geborene Wachenheimer und ihr Mann wohnen Nuniez 2395 – 4 o / A in 1429 Buenos Aires. Die Eheleute waren etwas verwundert darüber, daß Ihr Haus in Wachenbuchen nur 1.700 Mark wert gewesen sein soll. Wie man aber aus vergleichbaren Unterlagen sehen kann, war das damals durchaus ein üblicher Preis. Ein Haus erzielte höchstens 3.000 Mark, wenn es in gutem Zustand war. Man kann nicht sagen, daß Juden benachteiligt wurden. Und wenn das doch geschah, dann wurden diese Verkäufe alle nach dem Krieg noch einmal nachgeprüft und gegebenenfalls mußten die neuen Eigentümer noch etwas nachzahlen.

Ein Problem ist allerdings, daß viele Grundstücke zunächst in das Eigentum der IRSO übergingen, einer Organisation, die „herrenlosen“ jüdischen Besitz übernahm, um von dem Geld überlebende Opfer zu unterstützen. Dabei ist vieles übertragen worden, weil man damals nicht wußte, daß es noch überlebende Angehörige gab. Die IRSO hat das Haus zum damaligen Schätzwert an die heutigen Eigentümer verkauft.

 

Hainstraße 13:

Früherer Eigentümer des Grundstücks war Jessel Strauss II, Salomons Sohn, der Schwiegervater Meier Sterns. Im Stadtarchiv befindet sich ein Aktenstück: „Jessel Strauß stockt Wohnraum auf 1883“.

Der Händler Julius Stern (geboren 1879) ist Sohn des Meier Stern und heiratet vor 1912 Johanna Grünbaum, geboren in Bürgel, aber wohl wohnhaft in Rückingen, wo die Kinder Leo (geboren 1912) und Hildegard (geboren 1915) geboren werden. In Wachenbuchen wohnen sie Herrenstraße 13. Die Frau stirbt 1926. Julius Stern heiratet 1928 in zweiter Ehe Jettchen Kahn aus Bonbaden bei Wetzlar und wohnt mit ihr später Herrenstraße 17.

Die Familie zieht am 15. Mai 1939 nach Frankfurt. Julius und Jettchen werden 1942 verschleppt und sind in Polen verschollen. Hilde ist im Osten verschollen und wird 1953 in Frankfurt und 1954 in Berlin für tot erklärt.

In dem Haus soll auch gewohnt haben Emilie Stern geborene Goldschmidt (?), geboren am 24. oder 27. August 1867 in Ober-Seemen, die am 10. Januar 1939 Selbstmord beging (aber auch das ist nicht sicher). Das Haus mit Stall und Scheune und weitere Grundstücke werden umgeschrieben auf Hans und Maria Roth.

Leo Stern verzieht im September 1934 nach Kiel. Er stellt am 27. Oktober1960  einen Entschädigungsantrag. Der Bürgermeister gibt an: Über den Umfang des Geschäfts kann aber später angeblich niemand mehr Auskunft geben. Bekannt ist nur, daß Herr Stern einen kleinen Kälberhandel hatte. Es kann nicht bestätigt werden, daß er am Viehhof in Frankfurt Kommissions- oder Maklergeschäfte getätigt hat. Der Sohn hatte angegeben, daß der Vater auf den Gütern der Umgebung Schlachtvieh aufgekauft habe und an Frankfurter Metzger weiterverkauft habe. Nach der „Machtergreifung“ sei das Geschäft sofort zurückgegangen. In der Zeit davor habe er im Monat etwa 600 bis 700 Mark verdient.

 

Hainstraße 27:

In dem Haus betreibt Samuel Strauß eine Rindsmetzgerei mit Großschlächterei. Als er in Zahlungsschwierigkeiten kommt, führt der Sohn Alfried vom 24. April 1928 bis 4. November 1929 das Geschäft weiter. Aber Anfang 1930 wird das Geschäft an den Metzgermeister Georg Schmitt verkauft. Am 19. Juni 1950 wird festgestellt, daß Georg Schmitt zwei Quadratmeter an seinem Haus in Besitz hat, die früher in jüdischem Eigentum standen. Ein Acker  wird umgeschrieben auf Georg Schmitt.

 

Hanauer Landstraße 3:

In dem Haus richtet Abraham Strauß im Jahre 1899 einen Laden für Manufakturwaren ein. Er stammt aus der Kirchstraße 11 und heiratet 1886 Hannchen geborene Schönfeld, Tochter des Noah Schönfeld. Der Bruder Hannchen Schönfelds ist Abraham Schönfeld (geboren 1858), der dann das Geschäft führt. Er ist in erster Ehe verheiratet mit Theresia Kronthal aus Dettelbach bei Kitzingen. Mit ihr hat er die Söhne Simon (geboren 1891) und Hermann (geboren 1892). Seine erste Frau stirbt 1908 und in zweiter Ehe ist er verheiratet mit Ida geborene Berliner.

Abraham Schönfeld stirbt 1926, seine Frau Ida führt das Geschäft „Manufakturwaren“ und Landhandel weiter, bis sie es am 8. Juli 1938 abmeldet. Sie wohnt im Erdgeschoß, im Oberstockwerk wohnt ein Mieter. Sie verkauft das Haus am 29. November 1938 an den Dreher Karl Müller und

verzieht am 6. Dezember 1938 unter Mitnahme ihrer Möbel nach Frankfurt, Sandweg 79. Am 1. Juli 1939 wandert sie zum Sohn Simon in die Schweiz aus. Sie wohnt in Basel, Dachsfelderstraße 28. Als im Jahre 1954 der Entschädigungsantrag gestellt wird, ist sie schon 88 Jahre alt.

Abraham Schönfeld hat im Jahre 1892 aus erster Ehe den Sohn Hermann Schönfeld. Dieser ist mit Rosa  geborene Edelstein verheiratet, die am 14. Mai 1928 von Sugenheim (südöstlich von Würzburg) nach Wachenbuchen kommt. Das Ehepaar zieht am 9. März 1927 nach dem Tod des Vaters wieder von Frankfurt zu und gründet in dem Haus Hanauer Landstraße 3 ein Geschäft. Der Mann reist in der Umgebung herum und versucht, Geschäfte zu machen. Seine Frau führt zu Hause das Geschäft. Die Eheleute haben eine Tochter Thea, geboren 1931 (heute: Tova Philipp).

Hermann Schönfeld entschließt sich nach der Verkündung der Rassegesetze im Jahre 1935 zur Auswanderung. Die Familie (Frau und Tochter) kommt ein Jahr später nach und meldet sich am 26. Februar 1936 nach Tel Aviv ab. Die erforderlichen 1000 Pfund erhielten sie von Simon Schönfeld, dem Bruder des Mannes in Basel. Hermann Schönfeld hat dann in Ramatajim bei Tel Aviv ein Geschäft als Fliesenleger. Aber er stirbt schon 1947, seine Frau stirbt 1967. Die Tochter nennt sich heute Tova und ist verheiratet mit dem Kriminologen Dan Philipp aus Aachen. Sie haben zwei Kinder und vier Enkel und besuchen Wachenbuchen 1989 und 1999.

 

 

Der neue Hauseigentümer Karl Müller gibt nach dem Krieg an, von einer Plünderung oder Zerstörung des Geschäftes sei ihm nichts bekannt. Auch der Bürgermeister widerspricht den Behauptungen der Familie Schönfeld, sie habe das Haus fluchtartig verlassen müssen. Ida Schönfeld habe ihren Weggang vorbereitet und die Einrichtungsgegenstände mitgenommen. Das Geschäft „Manufakturwaren“, soweit man davon überhaupt noch sprechen konnte, habe sie selber aufgelöst.

Der Bürgermeister teilt mit, daß als Erben für das Geschäft in Frage kommen: Simon Schönfeld (geboren 1891), der sich schon in jungen Jahren in der Schweiz aufgehalten hat, und Hermann Schönfeld und seine Stiefmutter Ida Schönfeld. Der Bürgermeister kann angeblich keine Angaben darüber machen, wie die familieneigenen Arbeitskräfte des Geschäftes Hermann Schönfeld ausgelastet waren, und windet sich um eine klare Antwort herum: Frau Rosa Schönfeld war in dem Geschäft tätig, hat aber wohl auch den Haushalt geführt. Der Bürgermeister meint: Das Geschäft wurde eventuell von Hermann Schönfeld betrieben, lief aber auf den Namen der (Stief-) Mutter.

Rosa Schönfeld widerspricht der Darstellung des Bürgermeisters, das Geschäft sei auf den Namen der Mutter gelaufen und Hermann Schönfeld habe es nur betrieben. Ihr Mann Hermann war bis kurz nach dem Tod seines Vaters aus beruflichen Gründen in Frankfurt. Nach dem Tod des Vaters siedelte er ins Elternhaus um und gründete ein Geschäft auf seinen Namen. Nur der Grundbesitz stand auf dem Namen des Vaters  und wurde nach dem Zwangsverkauf auf die drei Erben verteilt.

Mit der Stiefmutter Ida hatte er keinerlei geschäftliche Verbindung. Hermann Schönfeld hat täglich die Landkundschaft aufgesucht, also ein Reisegeschäft betrieben, während seine Frau in Wachenbuchen das Manufakturgeschäft führte. Sie möchte eine Entschädigung aus eigenem Recht haben, weil sie dem Ladengeschäft vorgestanden hat. Der Bürgermeister windet sich aber auch am 27. Februar 1957 um eine klare Antwort herum: Sie ist in dem Geschäft tätig gewesen, hat aber auch nebenbei ihrem Haushalt vorgestanden. Dabei sei ganz eindeutig, daß allein die Schwiegermutter den Haushalt geführt hat.

 

 

Hanauer Landstraße 5:

Das Haus gehört Salomon Strauß (geboren 1882), Sohn des Leopold Strauß vom Rübenberg 3. Er heiratet 1912 Hedwig geborene Strauß (geboren 1891), Tochter des Salomon Strauß aus dem Haus Alt Wachenbuchen 26. Sie haben die Kinder Charlotte (geboren 1914), Hanna (geboren 1920) und Leopold (geboren 1922). Die Familie geht am 1. Juni 1937 nach Frankfurt, Ostendstraße 26, von wo sie wohl ausgewandert ist.

Das Haus mit Scheune hat Jean Reichling in Besitz. Am 19. Juni 1957 beginnt Hanna Sinn geborene Strauß aus New York die Entschädigungssache. Sie hat bis 1934 die Mittelschule in Hanau besucht, hat diese aber verlassen müssen und ist ausgewandert.

 

Hanauer Landstraße 20:

In dem Haus wohnen Josef Strauß (geboren 1891) und Selma geborene Stern (geboren 1900 in Dörnigheim) mit Sohn Lothar. Der Mann stammt  aus dem Haus Kirchhofstraße 11, die Frau aus Dörnigheim, Schwanengasse 4. Josef Strauß hat am Ersten Weltkrieg teilgenommen und dabei einen Arm verloren. Eine Erwerbstätigkeit war dadurch natürlich erschwert, die Familie mußte um das wirtschaftliche Überleben kämpfen. Das Haus geht schließlich an Eduard Hartherz.

Nachdem die Familie noch kurzzeitig im Haus Schulstraße 32 gewohnt hat (aus diesem Grund wurden die Stolpersteine hier verlegt, nicht in der Hanauer Landstraße 20), zieht sie am 15. April 1934 in die Schwanengasse 4 in Dörnigheim in das Haus des Schwiegervaters Josef Stern, weil sie dort Anfeindungen besser entgehen kann. Die Dörnigheimer kaufen zunächst auch in dem Metzger-Geschäft ein, aber mit der Zeit werden es auch dort immer weniger.

Der Sohn Lothar („Larry“) Strauß (geboren am 5. August 1927 in Wachenbuchen in der Hanauerlandstraße) geht zunächst in Wachenbuchen zur Schule. Wegen der zunehmenden Verfolgung wich die jüdisch-orthodoxe Familie Ende der 30er Jahre zunächst nach Dörnigheim, dann nach Frankfurt aus. Als die Familie 1935 nach Dörnigheim umzieht, geht er auch dort in die Schule. Aber von 1937 bis 1938 muß er nach Frankfurt auf die Schule gehen. Ab 1938 lebt die Familie in Frankfurt im Sandweg.

Lothar Strauß kommt im September 1942 mit seinen Eltern in das Konzentrationslager Theresienstadt. Im Jahre 1944 wird der damals 17-jährige Lothar er für einige Monate in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verlegt. Die Kinder hat man zuerst dorthin geschafft und ihnen versprochen, daß die Eltern nachkommen werden. Sie kommen auch, werden aber umgebracht. Zuletzt ist Lothar Strauß im Konzentrationslager Dachau, wo er am 29. April, von der US-Armee befreit wurde.

Nach dem Krieg wandert Lothar Strauß aus nach Culver City in Kalifornien. Er hat mit seiner ersten Frau die Söhne Steven und Jim. Am 15. November 1960 wird bei der Gemeinde Wachenbuchen eine Geburtsurkunde für Lothar Strauß angefordert.

Lothar Strauss, der sich in den USA „Larry“ nannte, besuchte mit seiner zweiten Frau Laura seinen Geburtsort Wachenbuchen erst wieder im Jahr 1997 auf Einladung der Stadt Maintal. In einer bewegenden Begegnung mit jüngeren Deutschen war es ihm damals möglich,           einige grausame Erlebnisse in den Konzentrationslagern zu schildern, obwohl er bis dahin auch gegenüber seinen Söhnen nicht darüber gesprochen hatte. Einige Jahre später stellte er sich einem Interview der vom Regisseur Steven Spielberg gegründeten Shoah Foundation.

Im Jahre 2006 konnte Lothar Strauss, begleitet von seiner Frau Laura und einer Pflegerin, auf Einladung der Stadt Frankfurt seine deutsche Heimat ein weiteres Mal besuchen. Dazu gehörte auch ein Besuch des jüdischen Friedhofs in Hanau, wo die Großeltern und eine Tante begraben sind. Lothar Strauss ist an der Mauer des jüdischen Friedhofs in Frankfurt als Opfer aufgeführt, einer von zwei Fällen, in denen sich die Angaben zum Glück nicht bestätigt haben.

Am Ostersonntag 2011 starb der zuletzt in Los Angeles lebende Lothar Strauss im Alter von 83 Jahren. Der Verein Brüder-Schönfeld-Forum bereitet die Verlegung weiterer so genannter Stolpersteine des Kölner Bildhauers Gunter Demnig vor. Bei der Verlegung, die voraussichtlich im Herbst 2011 stattfinden wird, sollen in der Schulstraße in Wachenbuchen drei Erinnerungssteine Lothar Strauss und seinen Eltern gewidmet werden.

 

Die Mutter von Lothar Strauß ist Selma Stern: Ihr Bruder ist Ludwig Stern in Dörnigheim, Schwanengasse 4, verheiratet mit Bertha Stern. Diese haben eine Tochter Klara (Claire, geboren 1930). Sie ist im Alter von 4 Jahren mit der Familie nach New York geflohen und wohnt eine als verheiratete Dorogusker in Roslyn Heights, N.Y.

 

Pressemitteilung 2011

 

Überlebender des Holocaust aus Wachenbuchen in den USA verstorben

Wie der Vorsitzende des Maintaler Vereins Brüder-Schönfeld-Forum e.V., Herbert Begemann, mitteilte, ist am Ostersonntag der aus Wachenbuchen stammende und zuletzt in Los Angeles lebende Lothar Strauss im Alter von 83 Jahren verstorben. Lothar Strauss gehört zu den verfolgten Juden, die drei Konzentrationslager durchlitten und trotzdem überlebt haben. Lothar Strauss wurde 1927 in der Hanauer Landstraße geboren und ging zunächst in Wachenbuchen zur Schule. Wegen der zunehmenden Verfolgung wich die jüdisch-orthodoxe Familie Ende der dreißiger Jahre zunächst nach Dörnigheim, dann nach Frankfurt aus.

1942 wurde Lothar Strauss mit seinen Eltern von Frankfurt nach Theresienstadt verschleppt, 1944 dann weiter ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo Vater und Mutter Strauss vom Sohn getrennt und dann umgebracht wurden. Der damals 17jährige Lothar blieb am Leben und wurde in den letzten Kriegsmonaten noch ins KZ Dachau verbracht, wo er am 29.April, also vor genau 66 Jahren von der US-Armee befreit wurde.

Lothar Strauss, der sich in den USA „Larry“ nannte, besuchte seinen Geburtsort Wachenbuchen erst wieder1997 auf Einladung der Stadt Maintal. In einer bewegenden Begegnung mit jüngeren Deutschen war es ihm damals möglich, einige grausame Erlebnisse in den Konzentrationslagern zu schildern, obwohl er bis dahin auch gegenüber seinen Söhnen nicht darüber gesprochen hatte. Einige Jahre später stellte er sich einem Interview der vom Regisseur Steven Spielberg gegründeten Shoah Foundation.

2006 konnte Lothar Strauss, begleitet von seiner Frau Laura und einer Pflegerin, auf Einladung der Stadt Frankfurt seine deutsche Heimat ein weiteres Mal besuchen. Dazu gehörte auch ein Besuch des jüdischen Friedhofes in Hanau, wo die Großeltern und eine Tante begraben sind.

Der Verein Brüder-Schönfeld-Forum e.V. in Maintal bereitet seit einiger Zeit die Verlegung weiterer sogenannter Stolpersteine des Kölner Bildhauers Gunter Demnig vor. Bei der Verlegung, die voraussichtlich im Herbst sein wird, sollen in der Schulstraße drei Erinnerungssteine Lothar Strauss und seine Eltern gewidmet werden.

 

Schulstraße 16:

Das Haus gehört Isaak Reinhard (geboren 1858), Sohn des Isaak Reinhardt aus der Bachstraße 12 und Enkel des Abraham Reinhard. Er stirbt am 31. August 1936 in Düdelsheim und wird in Hanau begraben. Im Stadtarchiv gibt es ein Aktenstück „Isaak Reinhardt baut ein Wohnhaus 1905“. Dabei könnte es sich nicht um seinen Vater, Bachstraße 12, handeln, denn der ist 1857 schon vor der  Geburt des Kindes gestorben. Isaak Reinhard soll einen Kolonialwarenladen gehabt haben und blind gewesen sein. Eine Verwandtschaft mit dem Bäcker Reinhardt in der Kleinen Hainstraße 1 und mit der Familie Abraham Reinhard in der Kleinen Hainstraße 4 läßt sich nicht feststellen.

Seine Frau Amalie (Malchen) geborene Morgenstern (geboren 1859) verkauft im März 1938 das Haus zum Preis von 10.500 Mark an Wilhelm und Wilhelmine Schäfer und zieht am 26. April 1937 nach Langenselbold um und stirbt am 19. Januar 1943.

Der Bürgermeister bestätigt am 24. März 1950, daß Wilhelm Schäfer das Haus in gutem Einvernehmen mit der Verkäuferin kaufte und der Kauf nicht unter Zwang erfolgte. Er sagt ausdrücklich: Herr Schäfer gilt als Antifaschist. Ein Acker von Malchen Reinhardt wurde umgeschrieben auf Heinrich Hartherz.

 

Weitere landwirtschaftliche Grundstücke werden verpachtet oder umgeschrieben auf Heinrich Giesel, Heinrich Glinder, Johannes Hahn, Heinrich Maisch, Heinrich Mankel, Heinrich Müller, Johannes Puth, Philipp Puth, Jakob Stein. Wilhelm Stein und Philipp Wenzel. Aber jetzt nach dem Krieg geht alles ordnungsgemäß zu. Es wird Pacht bezahlt und es werden ordentliche Kaufverträge geschlossen.

 

Wenn Simon Strauß vom Rübenberg 11 in Amerika nach seinem Geburtsort gefragt wurde, dann hat er vielleicht fünfmal „Wachenbuchen“ gesagt, aber der Frager hat den Namen doch nicht verstanden. Für Amerikaner jedenfalls ist das Wort fast unaussprechbar. Deshalb sagt Herr Strauß jetzt immer, er sei aus Frankfurt, das kennen auch die Amerikaner.