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Dörnigheim

 

Dörnigheim

 

 

Streifzug durch die Geschichte Dörnigheims  (zusammengestellt aus Zeitungsartikeln)

 

Dörnigheim liegt am rechten Mainufer, fünf Kilometer westlich der Kreisstadt Hanau, zu beiden Seiten der Straße zwischen Frankfurt und Hanau auf 5010 Grad nördlicher Breite und 8150 östlicher Länge sowie 103 Meter über N.N. Die Gemarkung umfaßt ein Gebiet von 985 Hektar, 25 Ar und 88 Quadratmeter. Hiervon entfallen auf den Wald etwa 200 ha. Im Westen grenzt es an die Stadt Frankfurt, im Norden an die Gemarkungen von Bischofsheim und Hochstadt und im Osten an die Stadt Hanau. Im Süden bildet der Main eine natürliche Grenze. Obwohl sich die alte Siedlungsstätte in unmittelbarer Nähe des Prallufers des Mains befindet, bietet doch der gerade hier wallartig erhöhte Uferteil mit seiner zum Teil untermauerten Böschung und vor allem durch die Mainmauer einen sicheren Schutz gegen die Hochwassergefahr.

 

Frühe Zeit

Die Siedlungsstelle am Fluß war schon in der mittleren Steinzeit als Siedlungsgebiet begehrt und wurde bereits vor rund 10000 Jahren vor Christus von Menschen bewohnt. Jenes Mesolithikum war die Zeit, in der sich an Stelle der eiszeitlich bedingten Tundra und Steppe durch Erwärmung wieder ausgedehnte Wälder ausbreiteten und sich die Jäger und Sammler waldfreie Gebiete nahe hochwassergeschützten Dünen suchten. Sie blieben länger an einer Stelle, aßen Wildfrüchte, Nüsse, Weizenarten, erlegten mit Pfeil und Bogen Bär, Hirsch, Reh und Wildsau, jagten mit der Harpune Fische. In Dörnigheim fanden sie offenbar ebenfalls reichlich Nahrung. In dem Fundamentgraben für eine Werkhalle nördlich des heutigen Massa‑Marktes wurde eine Schlagstätte mit zahlreichen Abschlägen und zerschlagenem Rohgestein entdeckt.

Aus den umherziehenden Jägern und Sammlern wurden in der Jungsteinzeit (6000 bis 2000 vor Christus) Ackerbauern, die sich in ausgedehnten Dörfern mit großen Rechteckhäusern aus Holz und Lehm, mit Dächern aus Riedgras und Schilf niederließen. Sie züchteten Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen. Zum ersten Mal horteten die Menschen ihr Essen: Sie fertigten große Vorratsschalen aus Ton mit bänderartigen Linienverzierungen. Solche bandkeramischer Scherben kamen an vier verschiedenen Stellen auf Dörnigheimer Gebiet ans Tageslicht: Dort müssen Siedlungsplätze begraben sein, deren Größe und Umfang niemals bekannt werden.

Fast 2000 Jahre lang haben die Menschen danach offenbar den Dörnigheimer Raum gemieden. Vielleicht waren es Überschwemmungen oder andere Siedlungsformen, die sie von den Mainauen abwandern ließen. Siedler kamen erst in der mittleren Bronzezeit (1500 vor Christus) wieder. Vor allem Hügelgräber zeugen davon. Einige Bronzefunde wie ein massiver Armring, eine verzierte Gewandnadel und ein Absatzbeil gehörten wohl einst zur Ausstattung der Gräber, die im Laufe der Jahrhunderte Pflüge geschleift haben.

Die Toten wurden in Rückenlage, meist in Nord‑Süd‑ oder Ost‑West‑Richtung in eine Grabgrube gelegt. Die Körper waren mit Schmuck und Gebrauchsgegenständen aus Bronze belegt und mit Keramikvasen umstellt. Fein polierte, dünnwandige Gefäße fertigten Könner eigens dafür an. Die mit Steinplatten ausgelegte Grabkammer wurde mit Holzstämmchen abgedeckt und mit Bruchsteinen geschützt. Darüber errichtete man den Grabhügel.

Zwischen Braubach und Main, etwa 1750 Meter nordöstlich des alten Dörnigheimer Ortskernes, erheben sich auf einem Dünenrücken zwölf solcher Grabhügel aus der Bronzezeit. Auf dem größten Hügel stand als Grabstein ein Findling, der heute an seinem Fuß liegt.

Nach und nach veränderte sich das Siedlungsbild: Die Menschen wohnten in relativ kleinen Häusern in hochwassergeschützten Bereichen an Bach‑ und Flußläufen oder Seen. Sie verbrannten ihre Toten auf dem Scheiterhaufen. Die Asche, wurde in Urnen in der Erde beigesetzt. Zwei solcher Urnengräber wurden beim Verlegen einer Wasserleitung vor dem Haus Kreuzgartenstraße 6 gefunden: Neben der Knochenasche enthielten sie Gefäße und ein Bronzeringchen. Wie der Zufall so spielt: In der Nähe des Bahnhofs fanden Arbeiter in einem Versorgungsgraben Bruchstücke einer Urne. Der wohl bedeutendste urnenfeldzeitliche Bronzefund aber, ein Griffzungenschwert, lag im Main und wurde mit einer Lanzenspitze beim Tieferbaggern der Fahrrinne entdeckt.

Wolfgang Münzfeld barg beim Spazierengehen am Dörnigheimer Mainufer im Frühjahr einen sandverkrusteten Klumpen, aus dem er ein wohlgeformtes Metallstück schabte. Monate später fiel ihm der Gegenstand ‑ mittlerweile im Gartenhaus abgelegt ‑ wieder in die Hände. Er sprach einen Experten des Historischen Kulturkreises Dörnigheim darauf an, der den Wert sofort erkannte: Das Beil stammt aus der Bronzezeit, ist besonders gut erhalten und somit ein sensationeller archäologischer Glücksfund. Es handelt sich bei dem Werkzeug um ein „Lappenbeil“, das der Urnenfelder‑Bronzezeit von 1200 bis 800 vor Christus zuzuordnen ist. Gußformfunde zeigen, daß die sogenannten Lappen nach beiden Seiten wegstehen und erst nach dem Guß umgebogen werden, um den Griff aus Hartholz zu halten. Das Beil wird vom Historischen Kulturkreis aufbewahrt.

In der jüngeren Steinzeit ‑ etwa 2500 bis 1600 v. Chr. ‑  ließen sich Menschen hier nieder. Sie waren aus dem Gebiet der mittleren Donau eingewandert und kannten bereits Ackerbau und Viehzucht. Eisen war der neu entdeckte Werkstoff, der um 800 vor Christus der Eisenzeit seinen. Namen gab. Gewonnen aus Eisenerz in Ofen bei Temperaturen von über 1000 Grad, wurde es vor allem für Waffen und Werkzeuge verwendet. Auch die Keramik änderte sich: Die Formen wurden weicher und neben groben Tonbehältern schufen Handwerker sehr dünnwandige Vasen mit Verzierungen, eingeritzten Mustern oder geometrischen Farbbemalungen. Solche Keramikbruchstücke wurden in Dörnigheim nahe des Braubachs nördlich der Bahn und am Rand einer Kiesgrube, die heute Anglerteich ist, gefunden. Eine weitere Siedlung muß unterhalb des Gewerbegebietes östlich des Honeywell‑Geländes gelegen haben.

 

Etwa 500 v. Chr. ließen sich Kelten am Untermain nieder. Anfänge städtischer Lebensweise machten die Kelten (500 vor bis 50 nach Christus) zu einem mächtigen Volk. Außer den ringwallumwehrten Höhlensiedlungen gab es jetzt größere Einzelgehöfte neben Dörfern. Die Kelten entwickelten eine hohe Kultur mit hervorragenden Künstlern. Dank der Töpferscheibe erhielt die Keramik völlig neue Formen. Münzen wurden geprägt, das Glas entdeckt, Schmuck in Vollendung gefertigt. Bronzearmringe, ein Gürtelhaken, eine Fibel und Stücke von Flaschen und Schalen wurden auch am Ost‑ und Westrand der Dörnigheimer entdeckt. Doch gehen die Archäologen davon aus, daß sich dieses Volk dort nicht großflächig niedergelassen hat.

Um 100 v. Chr. wurden die Kelten von den germanischen Sueben abgelöst, deren Kultur allerdings zahlreiche keltische Elemente übernahm. Ein großes Sammellager der Chatten befand sich in der Nähe von Kesselstadt. Die vereinzelt gefundenen Schuhleistenkeile und Steinbeile, die Scherben, die auf Grabbeigaben schließen lassen, bedeuten dennoch keine dauerhafte Seßhaftigkeit.

 

Unter Kaiser Augustus ‑ 30 v. Chr. bis 14. n. Chr. ‑ drangen die Römer vom Rhein her nach Osten vor und dehnten die Grenzen des Römischen Reiches bis zur Elbe hin aus. Zwar wurden sie von Arminius noch einmal zurückgedrängt, doch gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. konnten die Römer ihre Grenzen wieder bis zur Wetterau vorverlegen und durch den Limes absichern.

Ihre Spuren hinterließen die Römer auch in Dörnigheim. Jakob Dammköhler pflügte 1904 aus seinem Acker eine römische Münze (Denar des Kaisers Hadrian) aus, ein römisches Grab wurde eineinhalb Kilometer östlich des Dorfes aufgedeckt, in der Kiesgrube unter der Starkstromschneise buddelte man einige Mauerzüge, Reste einer Brunnenfassung und mit Keramik gefüllte Abfallgruben aus.

Fast 150 Jahre dauerte die römische Herrschaft die durch diesen Grenzwall, den Limes, gesichert wurde. Er verlief auf dem Kamm des Taunus über die Saalburg bis in die Wetterau, bog dann nach Süden und führte durch die Bulau bei Hanau nach Großkrotzenburg und von da an den Main flußauf bis nach Miltenberg.

Dann jedoch wurden die Vorstöße der germanischen Völker der Chatten und der Alemannen, aber auch der Goten und Langobarden immer häufiger, bis gegen 260 n. Chr. die Herrschaft der Römer zu Ende ging. Die Alemannen wurden ansässig, nach einhundert Jahren jedoch von den Burgundern abgelöst. Diese ihrerseits wurden im 5. Jahrhundert von den Hunnen fast völlig aufgerieben. Die Überreste des Stammes fanden in  Südfrankreich in Burgund, eine neue Heimat.

 

Im fünften Jahrhundert war das Römische Imperium nördlich der Alpen endgültig zusammengebrochen. Die Franken bauten sich das ihre auf. Wie schon einmal die Römer, breiteten sich die Franken vom Rhein her nach Osten aus und besiedelten dabei auch die Region, in der Maintal liegt. Das gesamte Gebiet wurde damit zum Bestandteil zunächst des Reiches der fränkischen Merowinger. Als Pippin III. 751 den Merowingerkönig Childerich III. absetzte, ging der ostrheinische Besitz damit an das Geschlecht der Karolinger über.

Wertvollen Besitz hat ein Franke hinterlassen. Bei Baggerarbeiten wurde im Jahre 1939 der wohl spektakulärste Fund unter der heutigen Mozartstraße 17 gefunden. Hier war ‑ vermutlich neben anderen ‑ ein wohlhabender Franke begraben. Der zuckerhutförmige Schildbuckel und die Flügellanzenspitze sind typische Waffen der Zeit des 8. Jahrhunderts und danach. Somit handelt es sich wohl um ein Kriegergrab, das zu Beginn des 8. Jahrhunderts niedergelegt wurde. Nach neueren Gesichtspunkten könnte es sich allerdings auch um das Grab eines bewaffneten Mönches gehandelt haben, der für seine Missionsarbeit die Becken als Weihegefäße verwendet haben könnte.

In dem Grab in 2,20 Meter Tiefe lag eine gut erhaltene koptische Bronzeschale, ein Goldblechband, eine eiserne Flügellanzenspitze mit dazugehörigem Lanzenschuh und eisernem Schildbuckel. Besonders die gut erhaltene koptische Bronzeschale ging als Rarität in die archäologischen Berichte ein. Die weitläufigen Beziehungen der Zeit spiegeln sich in den Metallgefäßen gut wider, denn jenes getriebene Becken gehört zu einem in England und Irland wohlbekannten Typ, den sogenannten „hanging bowles“. Diese Gefäße können als Hängebecken verwendet worden sein, doch ist ihre eigentliche Funktion ungeklärt. Das Bronzebecken von Dörnigheim, das keine Aufhängevorrichtung hat, ist als „Importstück“ aus dem genannten nordwesteuropäischen Bereich anzusehen. Das Becken mit dem durchbrochenen Standfuß zählt zum Typ der gegossenen koptischen Bronzebecken aus dem frühchristlichen Ägypten, von wo es durch den Fernhandel vor allem in der Zeit um 600 nach dem Westen gelangte.

 

Unter Kaiser Karl dem Großen erlebte das frühre Mittelalter seine Hochblüte. Die christliche Lehre setzte sich durch und die karolingische Kunst, angelehnt an römische Vorbilder, wird Grundlage der abendländischen Kultur. In seine Regierungszeit fällt jenes Jahr 793, als Dörnigheim als erster der heutigen Maintaler Stadtteile in der genannten Schenkungsurkunde erwähnt wurde. Daraus läßt sich auch schließen, daß um das Jahr 750 Wolfbodo die Marienkapelle zu Turincheim und Wicrameshusen erbaut hat.

Den ersten schriftlichen Beweis seiner Existenz schon im ersten Jahrtausend verdankt Dörnigheim einer Schenkung an eine kirchliche Institution. Im besagten Jahre 793 vermachte ein Wolfbodo dem Kloster Lorsch neben anderem auch alles Gebiet, das im Maingau in „Turincheim“ lag. Diese Schenkung wurde schriftlich festgehalten und ist darum überliefert. Aus der erhalten gebliebenen Abschrift der Schenkungsurkunde geht hervor, daß Wolfbodo „dem heiligen Nazarius, dessen Körper im Kloster Lorsch ruht, wo der ehrwürdige Richbodo als Abt vorsteht“, im Maingau in Turincheim alles Gebiet zwischen Braubach und Surdafalache vermachte, samt der Kirche über dem Main, die zu Ehren der Jungfrau Maria errichtet wurde. Durch Handschlag bekräftigt. Geschehen im Kloster Lorsch, am 3. Februar 793, im 25. Jahr des Königs Karl. Im Jahre 826 reichte dann eine Frau namens Imma fünf Tagewerk nach, was auf bereits bebautes Ackerland hindeutet und ein Hofgut voraussetzte.

Benannt ist in dieser Urkunde auch die Schenkung einer Kirche in Dörnigheim. Daher kann es als gesichert gelten daß die Region des heutigen Maintal bereits von der Christianisierung erfaßt war, die Bonifatius um das Jahr 720 dort begonnen hatte. Auf der kleinen Anhöhe über dem Main stand eine Kirche .Teile ihres Fundaments wurden bei Renovierungsarbeiten unter der heutigen Kirche gefunden. Heute geht man davon aus, daß die Kirche etwa 50 Jahre vor der Ausstellung der Urkunde erbaut wurde.

Im Jahre 826 schenkte Imma dem Kloster Lorsch weitere sechs Tagwerke „in Turincheim“.   Das Kloster Lorsch sagt ausdrücklich, daß es zu Turincheim in loco Wicrameshusen eine Kirche besitzt. Im Jahre 850 schenkt Ditzold von Wettereiba seinen Besitz in Turincheim an das Kloster zu Fulda. Im Jahre 900 wird eine Straße erwähnt, die aus Thüringen durch Dörnigheim nach Frankfurt führt.

 

Das alte Dörnigheim erweist sich durch seine Struktur als fränkische Gründung. Für diese sind die Ausrichtung der Häuser mit dem Giebel zur Straße hin und der geschlossene Ring typisch, den die Wirtschaftsgebäude innerhalb der Befestigungsanlage bilden.

Viele fränkische Ortsgründungen endeten auf „‑heim“. Dörnigheims erste Bezeichnung war „turinchheim“. Was der Ortsname einst bedeutete, ist bislang nicht mit Sicherheit geklärt. „Turinchheim“ könnte vom althochdeutschen „turnen“ (=drehen) abgeleitet sein, möglicherweise auch etwas mit Dornen zu tun haben oder auch den Namen eines fränkischen Herrn beinhalten, dem Güter in diesem Gebiet gehörten. Oder es könnte personenbezogenen „das Heim des Thüringers“ bedeuten. Diese Deutung bevorzugt Frau Schall, die dazu sagt: „Karl der Große eroberte nach und nach Sachsen und Thüringen, und es gehörte zu seinen Plänen, Unterworfene im Kernreich anzusiedeln.”

Der Name „Dörnigheim“ entwickelte sich im Laufe der Geschichte aus Turincheim (793) und Turenkeim bzw. Turingeheim (850), was personenbezogen auf „das Heim des turing“ -  des Thüringers - zurückzuführen sein könnte. Weitere Namensformen sind: Thurincheim 1064, Dorenkeim 1258, Durnkeim 1282, Durinkeym 1288, Duringheim 1366, Dorenken 1470, Dörnigheim 1554 und 1801.Das wird im 19.  Jahrhundert von dem Hanauer Geschichtsschreiber Bernhard folgendermaßen interpretiert wird: „Dornickheim, da es vermutlich von einem dornischten Orte, da es erbauet, benannt ist.“

Weshalb die typischen Dörnigheimer Namen Lapp, Seng und Rauch (wonach ganz Dörnigheim „verlappt“, „versengt“ und „verraucht“ ist) darauf deuten sollen , daß „hier schon im Mittelalter viel fahrendes Volk hängen geblieben ist“, ist nicht recht deutlich.

 

Grenzen

Die erste engere territoriale Eingrenzung von Dörnigheim erfolgte im Jahre 793 mit einer Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch: „in pago Moynachgowe ‑ super fluvio Moyn ‑ inter Briubah et Surdafalacha“. Im Maingau ‑ über dem Fluß Main ‑ zwischen Braubach und Surdafalacha (vermutlich die spätere Nurlache).

Die ersten Bauern waren frei und das Land gehörte allen. In den verschiedenen Abteilungen der Feldmark, den sogenannten Gewannen, die nach und nach durch die Urbarmachung entstanden oder auch nach der Lage der Naturverhältnisse abgegrenzt waren, erhielt jede vollberechtigte Dorffamilie einen Anteil, dessen Flächeninhalt sich nach der Möglichkeit der Bearbeitung an einem Arbeitstag (Tagewerk, Arbeitsmorgen) richtete. Jedes dieser Stücke umfaßte somit einen Morgen.

Im Jahre 826 zum Beispiel wurden sechs Tagewerk an das Kloster Lorsch übergeben „in pago Moynachgowe in Thurincheim iuxta ecclesiam nostram“ (im Maingau in Dörnigheim neben unserer Kirche). Die Grenzen waren willkürlich. Um die Äcker entstehende Wege waren Begrenzungen und machten die Benennung möglich. Erste Namen entstanden: „Acker dort, wo die feuchte Stelle ist“, „Sumpfiges Gebiet“", „Sand“, „Kaute“ usw.

Nach der Völkerwanderung löste der geregelte zeitliche Wechsel von Acker‑ und Weideland die „wilde“ Feldgraswirtschaft ab. Das Aufkommen der Dreifelderwirtschaft, die Rodungsbewegung und das Vordringen der Pferdeanspannung, lösten im Mittelalter im mitteleuropäischen Raum eine enorme Bevölkerungsexpansion aus mit einem gewaltigen Aufschwung im Kultur‑ und Gesellschaftsleben. Um ihre Einkünfte zu mehren, bemühten sich weltliche und geistliche Grundherren um Waldrodungen und die Urbarmachung von Sumpflandschaften. Dies führte nicht nur zum Ausbau bestehender Siedlungen, sondern auch zur Gründung neuer Orte und Einzelhofanlagen.

Mit der zunehmenden Bevölkerungsdichte jedoch verschlechterte sich die Ernährungslage vornehmlich der ländlichen Bevölkerung. Durch Mißernten entstanden Hungersnöte sowie Seuchen, kriegerische Einwirkungen und Raubzüge führten seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem Bevölkerungsrückgang, der die Wüstung zahlreicher Orte zur Folge hatte.

So mag das im Zusammenhang mit Dörnigheim in der Schenkungsurkunde des Jahres 793 erwähnte Wicrameshusen, dessen Standort ungewiß ist, zu dieser Zeit ausgegangen sein. (In Mittelhochdeutsch bedeutet „wic“ Kampf, Krieg, Schlacht; „wic‑husen“ bedeutet so viel wie „mit Verteidigungswerken versehen“, der „wic‑graf“ war ein Untervogt; demnach könnte Wicrameshusen ein befestigtes Gebäude gewesen sein, von dem später die Flurbezeichnung „Auf der Burg“ abgeleitet wurde.

Ebenfalls ausgegangen ist das um 1285 belegte Vorderhausen, das sich im Gebiet der heutigen „Schleusenhäuser“ südlich von Bischofsheim befunden haben soll und dessen Ländereien Dörnigheim zugeschlagen wurden. Gerade an Flußläufen und in Niederungen gelegene Siedlungen wurden durch Überschwemmungen hinweggespült oder gerodete Sandböden erschöpften sich sehr schnell.

Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert zerfiel das bis dahin bestehende Fronhofsystem, in dessen Mittelpunkt der Fronhof als herrschaftlicher Eigenbetrieb des Grundherrn stand. Zwar blieben die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Herrenhof liegenden Bauernhöfe in herrschaftlicher Abhängigkeit von denen aus die Hörigen Arbeitsfronen zu leisten hatten, aber das bäuerliche Alltags‑ und Wirtschaftsleben bezog sich jetzt stärker auf das sich entwickelte Dorf.

In Dörnigheim wurde der Herrenhof mit seinen Ländereien an Bauern verliehen, er blieb jedoch sowohl Sammelstelle für bäuerliche Zins‑ (Bede) und Zehntleistungen (Zehntscheuer) als auch Dingstätte für die Hofgerichtssitzungen der Hofgenossen. Im dörflichen Wirtschaftsleben behielten die alten Herrenhöfe gewöhnlich noch gewisse Vorrechte wie etwa den Vorschnitt zur Erntezeit, aber auch Pflichten wie das Halten von Zuchttieren.

Gemeinsam mit der kleinen Kirche am Main bildete der Herrenhof um das Jahr 793 die Keimzelle des Dorfes Dörnigheim. Herrenhöfe dienten als Herbergen und Pferdewechselstellen an wichtigen Handelsstraßen, zu denen auch die durch Dörnigheim führende „Alte Straße” gehörte.

 

Frau Ingeborg Schall hat in ihrem Buch „Grenzen und Fluren der Dörnigheimer Gemarkung“ dankenswerterweise erstmals den Versuch unternommen, die Herkunft der Dörmgheimer Flurnamen zu ergründen. Nach einer Einleitung werden die Flurnamen in alphabetischer Reihenfolge abgehandelt. Auf vier großen Übersichtskarten kann dabei die Lage der Flurstücke verfolgt werden. Einige Fotos und eine Liste vervollständigen das Werk. Sehr interessant ist auch eine Darstellung der Ortsentwicklung anhand von Landkarten aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Gut ist auch, daß auch Flurbezeichnungen besprochen werden, die heute nicht mehr vorkommen.

Obwohl für die Ausarbeitung ein Institut in Oberursel mit herangezogen wurde, hat das Buch doch allerhand Mängel. Mehrfach vertritt Frau Schall ihre Meinung - so auch in der Einleitung auf Seite 5 links -, daß es sich bei der in der ersten Urkunde über Dörnigheim genannten „surdafalacha“ um die „Nurlache“ handelt, ein kleiner See am Nordostrand der heutigen Bebauung in Dörnigheim. Doch in der Urkunde heißt es, Dörnigheim liege am Main zwischen Braubach und „surdafalacha“.

Da die Braubach westlich von Dörnigheim in den Main mündet, müßte die „surdafalacha“ östlich des Ortes in den Main münden. Dann könnte es sich um die Fallbach handeln, die damals dort gemündet wäre. Jedenfalls kommt der Name Fallbach im Bereich Hochstadt vor und wird dort vielleicht mit der Braubach gleichgesetzt. Man muß jedoch damit rechnen, daß das Bachsystem in früheren Zeiten anders war als heute und vor allem durch die Anlage der Burg in Hanau und später des Teiches in Wilhelmsbad mancher Lauf verändert wurde. Siedlungsraum war jedenfalls nur zu finden an einer erhöhten Stelle am Mainufer und nicht im Überschwemmungsgebiet bei an der Nurlache (siehe auch Seite 21).

Weitere Anemrkungen:

Auf  Seite 6 links, erster Absatz darf es nicht „spektakulär“ heißen, sondern: „Spekulativ ist die Idee, daß die Flurbezeichnung ‚Am Gronheimer See’ auf ein ausgelöschtes Gehöft hinweist“.

S. 7 links: „Wachszins“ ist eine Zahlung für die Beschaffung der Kerzen in der Kirche und nicht eine Steuer auf die Zahl der Bienenkörbe.

S. 9 links unten: „Amerika“ ist in der Tat eine seltsame Bezeichnung, aber es ist doch fraglich, ob sie von den nach Amerika verschleppten Soldaten kommt oder auch von den freiwillig nach dort Ausgewanderten (Anmerkung: Es handelt sich um eine Bezeichnung aus der Nachkriegszeit, die dadurch entstand, daß dort amerikanische Soldaten ein Materiallager hatten. Der offizielle Name ist „Eichenheege“).

S. 9 rechts unten: „Anspann“ kann nichts mit der Bewältigung starker Steigungen zu tun haben, denn die ganze Dörnigheimer Flur ist flach wie ein Brett.

S. 10 links: Das „Atzgeld“ war für eventuelle Besuche der Herrschaft in den ihr gehörenden Dörfern gedacht. Aber das heißt nicht, daß es keine Städte mit Residenzen gegeben habe. Fraglich ist, ob der Flurname überhaupt etwas mit „Atz“ zu tun hat, sondern eher noch mit dem Vornamen „Asmus“ (siehe auch Seite 14 links).

Seite 10 links: Die „Backeshecke“ ist die Hecke am Backhaus, aber sie heißt nicht so, weil an der Hecke das Reisig für das Backbaus geschnitten wurde (das hat man von Zuhause mitgebracht).

Seite 10 links: „Bäune“ ist eine eingezäunte, salzige Stelle (nach Vielsmeyer).

Seite 11 links: „Born“ muß nicht eine Bodenvertiefung sein, sondern auch eine Quelle, die aus einem Hang kommt.

Die „Braubach“ heißt wohl nicht so wegen des guten Brauwassers. Der Name könnte ursprünglich „Bruchbach“ gelautet haben, also ein Bach, der durch einen „Bruch“ (ein Sumpfgebiet) führt. Im Museum Schloß Philippsruhe wird übrigens eine Karte gezeigt, auf der der Bach nördlich von Wachenbuchen als „Braubach“ bezeichnet wird. Es könnte sein, daß dies die eigentliche Quelle der Braubach war und Ortsbach und Säulbach die Braubach bildeten. Der heutige Graben von Wilhelmsbach über Hohe Tanne ist ja erst künstlich bei der Anlage von Wilhelmsbad geschaffen worden.

Daß „Wicrameshusen“ auf dem Gelände der „Burg“ gelegen haben soll, ist sehr einleuchtend.

Seite 14 rechts: Bei „Gericht“ fehlt ein Hinweis auf die östlich gelegene Flurbezeichnung „Am Hochgericht“ in Kesselstadt, wo tatsächlich ein Galgen stand. Aber vielleicht war er früher in Dörnigheim.

Seite 15 links: Die Silbe „-heim“ in Gronheim muß nicht unbedingt auf ein Gehöft deuten

Seite 16 rechts: Die Ausführung über „Hufe“ sind rein spekulativ. Die Nähe zur Burg ist nicht erforderlich, um ein Gebiet als „Hufe“ zu bezeichnen.

Seite 17 links: En Gerichtstag muß nicht unbedingt auf einer „Eller“ stattfinden.

Johannes könnte sich auf den Johannistag beziehen, aber auch auf den Namen eines Besitzers.

Seite 18 links: Warum steht hier auf einmal, „Kiebitzlache“ sei ein „Phantasiename“. Bisher wurde schon vielfach phantasiert, warum sollte er nicht daher kommen, daß an dieser Lache viele Kiebitze zu finden waren?

Seite 18 rechts: „Auf der Kohlstätt“ kommt doch eher von der Köhlerei, zumal das Flurstück auch heute noch im Wald liegt.

Seite 19 links: „Kühruh“ ist ein (eingezäunter) Rastplatz für die auf die (Wald) Weide getriebenen Rinder und Kühe, diese Flurbezeichnung findet sich auch in Wachenbuchen.

Seite 19 rechts: Die „Lämmerweid“ hat wohl nichts mit Lehm zu tun.

Seite 19 rechts: Der Landgraben auf Flurkarte 7 gehört zu dem Landgraben, der an der Grenze zwischen Bischofsheim und Hochstadt entlang fließt. Der Landgraben auf Flurkarte 10 und 11 dagegen ist Teil der Landwehr westlich von Dörnigheim. Diese verlief in nord-südlicher Richtung und hat nichts mit der Braubach zu tun, die in west-östlicher Richtung verläuft. Beide Landgraben sind allerdings Teil der Befestigungen im Vorfeld eines Ortes.

Seite 20 links: „Leuchte“ hat nichts mit „loike“ zu tun, sondern kommt von „licht“ und meint zum Beispiel einen lichten Wald. „Vor der Leuchte“ bezieht sich vielleicht auf die nördlich gelegene Hochstädter Leuchte, denn es ist nicht bekannt, daß auch Dörnigheim eine Leuchte hatte.

Seite 20 links: „Am Lindenpfad“ liegt laut Karte eher in Flur 16 oder 19.

Seite 21 links: „Zehn Morgen“ deutet auf herrschaftliches Land.

Seite 21 rechts: Die ganze Ortslage war in „Placken“ eingeteilt. Sie wurden verpachtet zur Nutzung des Kuhdungs.

Seite 21 rechts: „Röder“ muß ebenso wie „Linnen“ nichts mit der Flachsbearbeitung zu tun haben. Beide Namen könnten einen ganz anderen Ursprung haben.

Seite 22 rechts: Der Name „Russe“ kommt vielleicht von dem Ruß, der sich beim Brennen an den Steinen absetzte.

Seite 23 rechts: Die Verbindung von „Schießrain“ mit dem Vertreiben der Vögel durch Schüsse ist etwas abenteuerlich.

Seite 23: Der Ertrag dieser Felder „könnte nicht nur“, sondern ist bestimmt dem Lehrer zugute gekommen.

Seite 25 rechts: „Walpurgis“ als Ziel der Maifeier ist einleuchtender als die Verköstigung der Gerichtsleute.

Seite 26 rechts: Der „Weiße Stein“ ist in Frankfurt nur ein Kalkstein.

Seite 26 rechts: Die Erklärung von „Wieblos“ aus „weiblos“ ist abenteuerlich, zumal der Wald herrschaftlich und ungeteilt war.

Seite 27 links: Die beiden Erklärungen für „Wolf“ widersprechen sich nicht, denn das Umhertragen des Wolfs zeigt, daß es Wölfe in der Gegend gab.

 

Frau Schall bezieht sich immer wieder auf den „Lexer“, wenn sie die Deutung von Flurnamen versucht. Doch oft wird viel zu krampfhaft ein Wort herbeigezogen, das nur so ähnlich lautet wie der Flurname. Beispiele dafür sind „geis“ (Seite 14 rechts) oder „säu“, das überhaupt nichts mit Saulus zu tun hat (Seite 23 links). Hier sieht man, welche Blüten die Suche in so einem Lexikon treiben kann. „Simmicht“ zum Beispiel kommt von „Semede“ =)Binse" (Seite 24 links); die aus dem „Lexer“ angeführten Bezüge sind hier wieder einmal besonders abstrus. „Stock“ (Seite 24) hat nichts mit „storc“ zu tun, das ist ein ganz anderes Wort (aber so kommt man dann vom Stock zum Storch). Auch „Wasserbeiz“ wird krampfhaft auf ein Wort aus dem „Lexer“ hingebogen.

Auch sonst wird etwas gewaltsam aus allen möglichen Lexika zitiert, wenn man keine Erklärung weiß. Was sollen die Ausführungen über „Hand“ und „Staude“, wenn das Wort „Handstaute“ vielleicht gar keinen Bezug zu diesen Wörtern hat.

Man kann nicht jeden Namen aus dem Mittelhochdeutschen erklären wollen. Und man muß auch nicht den Ehrgeiz haben, zu jedem Flurnamen eine Erklärung zu finden. Bei der Kirschschal (Seite 18) wird sogar selber zugegeben, daß jeder Anhaltspunkt fehlt. Es wird immer Dinge geben, die man nachträglich nicht mehr klären kann. Hier muß man sich bescheiden oder sich darauf beschränken, nur die verschiedenen Theorien darzustellen.

 

Das gilt auch für weitere Theorien von Frau Schall. So hält sie einen Stein in der Wehrmauer (Scheune der Gaststätte „Zum Roß“) möglicherweise für einen  Hausaltar aus Wicramshusen.

Der Stein trägt die Jahreszahl 1647, stammt aber eindeutig aus einer anderen Zeit. Der Hobbyarchäologe Karlheinz Stölte aus Bad Vilbel glaubte kürzlich, darin den Aufsatz eines römischen Hausaltars zu erkennen. Das ist in der Tat plausibel, gab es doch bisher etliche Grab- und Scherbenfunde, die auf eine römische Bebauung in der Dörnigheimer Gemarkung hinweisen.

So wurde zum Beispiel beim Ausbaggern einer Kiesgrube im Dörnigheimer Wald (heute der Anglersee unter der Hochspannungsleitung) ein Brunnen mit römischen Scherben und Eisenteilen freigelegt. Hier könnte also ein römisches Haus gestanden haben. Eine weitere, nicht uninteressante Überlegung, bezieht sich auf das 893 ausgegangene „Wicramshusen“. Es könnte auf dem in Landkarten dargestellten Hügel, unweit des Kesselstädter Römerkastells, gestanden haben. Es ist bekannt, daß nach dem Fall des Limes viele Römer in den zuvor besetzten Gebieten in friedlicher Koexistenz mit der einheimischen Bevölkerung lebten.

Römisches Grab

Im Jahre 1892 wurde an der damaligen „Äppelallee“ (dem heutigen Kesselstädter Weg) ein römisches Grab aufgedeckt, das, zusammen mit Knochenresten, eine römische Münze, einen Mittelerz des Kaisers Hadrian, Bruchstücke eines Zweihenkelkruges und Teile von drei Tellern aus römischer Terra sigillata (einer rotgefirnisten Keramik) freigab. Da die römischen Ansiedler ihre Toten nicht in zentralen Friedhöfen bestatteten, sondern gern in der Nähe ihrer Höfe entlang einer Straße beisetzten, ist das Vorhandensein eines Anwesens naheliegend.

Der Name „Wicramshusen“ entstammt jedoch einer späteren Periode. Ortsnamen mit dem Grundwort „‑hausen“ entstanden zur Zeit der Völkerwanderung (375 bis 6. Jahrhundert). Zur näheren Bestimmung wurde dem Grundwort zum Beispiel ein Personenname beigefügt. In unserem Fall würde das bedeuten, daß hier ein Mann namens „Wicram“ wohnte.

Die Tatsache des römischen Grabfundes und der späteren Flurbezeichnung „Die Burg“, läßt den Schluß zu, daß Wicram in einem befestigten Gebäude römischen Ursprungs wohnte. Im Jahre 826 vermachte eine Frau namens Imma dem Kloster Lorsch sechs Tagewerk in Turincheim im Maingau. Dabei wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß das Kloster hier eine Kirche besaß, „in loco Wicramshusen“. Das Wort „loco“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet unter anderem: „verdingen“, was in diesem Fall heißen würde, daß Wicramshusen vor dem Bau der Dörnigheimer Kirche bestand und diese zunächst von Wicramshusen verwaltet wurde.

Mit der Festlegung der Flurnamen im Mittelalter entstand in diesem Gebiet des heutigen Umspannwerkes und des neuen Friedhofs, unter anderem, die Bezeichnung „Die Burg“ und am südlichen Ende eines dortigen Hügels finden wir auf einer neueren topographischen Karte die Bezeichnung „Felsberg“.

Noch 1847 schreibt Ludwig Braunfels in seinem Buch „Die Mainufer und ihre nähere Umgebung“: „Auf dem Burghügel [bei Dörnigheim] sieht man noch wenige Reste eines Ritterschlosses.“ Ein Ritterschloß war es gewiß nicht, was Braunfels da gesehen hat, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Ursprung des Gemäuers in der Römerzeit lag, Die Bezeichnung der in unmittelbarer Nähe liegenden Flur „Am weißen Stein“, deutet gar in noch fernere Vergangenheit, läßt doch die Bezeichnung an einen mythischen Platz der Kelten denken.

Auf der Karte des Kurfürstentums Hessen von 1856 ist deutlich eine Erhebung in der ansonsten ebenen Landschaft zu erkennen. Hier könnte das 893 ausgegangene Wicramshusen gestanden haben. (Karte: Vervielfältigung des Originals aus der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin, durch das Hessische Landesvermessungsamt, Wiesbaden).

Zu diesen Theorien ist zu sagen: . Kreative Ideen zur Deutung des Materials sind sicher erforderlich und erfreulich. Aber man darf dabei auch nicht übertreiben und der Phantasie zu viel Raum lassen, nur weil man Lücken unbedingt schließen möchte, nur weil man etwas wissen will, was man nicht wissen kann. Dieser Gefahr ist wohl Frau Schall erlegen.

Der besagte Stein ist nichts anderes als ein Ofenstein. Auf solche Steine setzte man die gemauerten Kachelöfen. Wenn man sie nicht mehr brauchte, setzte man sie in eine Hauswand ein, wie man es zum Beispiel in Babenhausen sehen kann. Wenn ein solcher Stein die Jahreszahl „1674“ trägt, so muß das also nichts über das Alter des Gebäudes aussagen. Das wahre Alter dürfte der Stein im Innenhof des Gebäudes angeben, nämlich „1621“.

Die Verbindung von Wicramshusen mit Dörnigheim läßt sich nicht aus der Bezeichnung „in loco“ herleiten. Dieses heißt schlicht „im Ort“ (von „locus’“ = Ort). Dennoch ist möglich, daß Wicramshusen älter ist als Dörnigheim, weil die Kirche dort stand und nicht in Dörnigheim. Die Flur „Auf der Burg“ (am Umspannwerk) ist allerdings nicht identisch mit der römischen Fundstelle an der Tannenheege (unter der Hochspannungsleitung), jener Wicram hat sich also nicht in einem römischen Hofgut angesiedelt, sondern sich einen eigenen Siedlungsplatz gesucht. Ganz abenteuerlich ist die Verbindung mit den Kelten, denn weshalb sollte ein „weißer Stein“ nur auf die Kelten deuten? Die Kombination „Kelten-Römer-Mittealter- Dörnigheim“ ist nicht möglich, schon gar nicht aus einem Stein in Dörnigheim zu erweisen.

 

Kirche:

Bereits in der ersten uns bekannten Urkunde von Dörnigheim aus dem Jahre 793 wird die „über dem Main gelegene Kirche“ erwähnt als „basilicam quae constructa est in honore S. Marie“ (was in der Übersetzung bedeutet: eine Basilika, die zu Ehren der hl. Maria erbaut ist).

Diese erste karolingische Kirche hatte nach den heutigen Kenntnissen einen einschiffigen Innenraum mit quadratischem Chor. Fundamentreste unter der heutigen Kirche lassen den Schluß zu, daß das ursprüngliche Gebäude eine Breite von 5,75 m und eine Länge von 9,25 m aufwies. Der Fußboden lag etwa ein Meter tiefer als heute (bei Erneuerungsarbeiten hat man den Kirchenboden untersucht).

Bei den Restaurierungsarbeiten im Jahre 1959 konnte man in zwei Meter Tiefe hinter dem Altar die ursprüngliche Kirchenmauer nach Osten freilegen. Die Mauer zeigt einen rötlichen Augenputz und wurde von Fachleuten auf die karolingische Zeit geschätzt. Damit dürfte erwiesen sein, daß die in der Schenkungsurkunde des Wolfbodo aus dem Jahre 793 genannte Kirche auf dem Areal der jetzigen Kirche stand.

Eine zweite frühgotische Vorgängerkirche kann nach den Ausführungen des Architekten Karl‑Heinz Doll für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts angenommen werden, das erste Gotteshaus muß in frühgotischer Zeit eine Erweiterung um 1250 erfahren haben. Von dieser Kirche sind noch vorhanden die Südwand der heutigen Kirche, eine Westwand und zwei der drei Seiten des Chors. Eine Chorerweiterung mit drei Seiten eines Achtecks schloß den Kirchenraum nach Osten ab.

Bei den Renovierungsarbeiten im Jahre 1959 wurden auch zwei frühgotische Fenster aus dieser Kirche gefunden: Ein Fenster im südlichen Chormauerwerk und ein Schlitzfenster, das von außen durch den Stützpfeiler verdeckt ist. Dipl.-Ing. Karl‑Heinz Doll (Hanau)  schreibt darüber: „Das ostwärtige Fenster zeigt zwei Malschichten mit Quaderung als untere Schicht und Akanthusrankenwerk als obere Schicht ... Das westliche Fenster ist an der Laibungskante mit einem unregelmäßigen Zackenband versehen. Diese Dreiecke sind zum Teil nur in ihren Umrissen gezeichnet, zum andern Teil ganz mit roter Farbe ausgefüllt. In der Wölbungsspitze geht das Band in ein unregelmäßiges Ornament über. Die Ausmalung der Laibungen ist besonders reizvoll. Eine Deutung der in freier Strichzeichnung entstandenen unregelmäßigen Vierecke und Vielecke bedarf noch einer eingehenden Untersuchung. Beim ersten Hinsehen entsteht der Eindruck eines Katasterplanes in der Ostlaibung und der Aneinanderreihung, von Giebelansichten in der Westlaibung. Die spielerische Pinselführung, die durch das Geometrische der Flächenteilung eine gewisse Strenge erfährt, die wiederum durch die architektonische Form der Fensteröffnung gebunden ist, löst sich durch das unregelmäßige Zackenband der Laibungseinfassung. So ist zu vermuten, daß es sich hier um ein Beispiel früher gotischer dekorativer Wandmalerei handelt.“

Das Fenster war zur Belichtung des Chores notwendig. Es war zugemauert. Die geringe Größe und die niedrige Anordnung im Mauerwerk deuten darauf hin, daß die Gebäude erheblich niedriger waren als der jetzige Baukörper. Um und in der Fensternische wiesen zwei übereinanderliegende Farbschichten auf frühe Malereien hin. Die untere Schicht trug eine dem Natursteinmauerwerk nachempfundene rote Quaderung mit aufgemalten weißen Fugenlinien, und die obere Schicht zeigt in freier Komposition rot gemalte Ranken. Weiter fanden sich auf dieser ehemaligen Chorwand drei übereinanderliegende Weihekreuze sowie unter dem Fenster Andreaskreuze und eine aufgemalte Doppelschlinge.

Rechts von dem Fenster im Kanzelaufgang sind Fresko-Reste einer thronenden Madonna  (Maiestat Mariae) erhalten. Durch früheren Wassereinbruch war ein Teil stark verkieselt und nur der untere Teil der Malerei deutlich zu sehen. Es wurden lediglich die Umrisse eines Beines des Thrones an der Fensterumrandung sichtbar gemacht. Eine restlose Freilegung und Restaurierung des Bildes war nicht möglich. Das Bild zeigt eine thronende Maria im blauen, wallenden Gewand, die auf einem gotischen Schemel sitzt. Dieses Bild, um dessen Freilegung sich der Restaurator Wölfel aus Langenselbold fast 14 Tage mühte, ist eine neuerliche Bestätigung dafür, daß es sich bei der Kirche um eine ursprüngliche Marienkirche handelt. Auf Anordnung des Landeskonservators, wurde das Bild wieder übertüncht, so daß jetzt nur noch der Sockelansatz des Thrones an der linken Seite zu sehen ist.

Ein weiteres frühgotisches Schlitzfenster an der Südseite ist von außen durch einen Stützpfeiler verdeckt. An den Laibungskanten und in der Laibungswölbung befinden sich in Strichzeichnungen ausgeführte unregelmäßige Zackenbänder und Winkelmuster in roter Farbe, deren Sinn uns heute verlorengegangen ist. Eine weitere Zeichnung konnte an der Westwand freigelegt werden. Dargestellt ist die Giebelseite eines Gebäudes, das im unteren Teil gemauert ist und einen Fachwerkgiebel trägt. Eine weitere Zeichnung konnte an der Westwand freigelegt werden; dargestellt ist die Giebelseite eines Gebäudes, das im unteren Teil gemauert ist und einen Fachwerkgiebel trägt.

Die ersten beiden Kirchen waren noch ohne Turm und hatten einen Eingang von Westen. Mit dem Anbau eines Turmes um 1479 wurde dieser Zugang geschlossen und an die Nordwand verlegt. Allerdings hatte der Turm noch nicht die heutige Höhe, er überragte wohl nur knapp das Kirchendach.  Da von 1479 ein großer Brand in Dörnigheim überliefert ist, mag der Anbau eines Glockenturmes absolut notwendig gewesen sein, war doch das Glockengeläut auch ein Warnsignal für die Bevölkerung bei Sturm und Feuer, ebenso bei kriegerischen Überfällen. Die Herren von Rüdigheim, zu dieser Zeit Vögte in Dörnigheim, stifteten einen Altar.

Im Jahre 1877 erhielt das Gotteshaus einen massiven Turmaufsatz mit Helm.

 

Zu Begin der Reformation beklagt um 1525 der für Kesselstadt und Dörnigheim zuständige Kaplan Heinemann Geiling, daß die Herrschaft den Dörnigheimern verboten habe, den üblichen Zehnten an die Kirche zu geben. Man kann annehmen, daß diese auf eine eigene Pfarrstelle hinarbeiteten. Allerdings geht etwa zehn Jahre später (1536/37) aus den Hanauer Kirchen‑Rechnungen hervor, daß neben Kesselstadt, Rodenbach, Mittelbuchen, Wachenbuchen, Hochstadt, Groschlag, Fechenheim und Windecken auch Dörnigheim seinen Anteil an „Wiesenschar“, Korn, Hafer, Weizen, Öl und Wachs ablieferte. Dennoch beklagt der Vikar Friedrich Reuber bitter sein geringes Einkommen („...habe ich den kleynen ztende gart zu Dornckem, wirt myr auch nyt vil helffen, weder trawen adder gebot“).

Im Jahre 1553 stirbt der letzte nach der katholischen Lehre predigende Pfarrer an der Pest. Sein Nachfolger, Magister Konrad Cless, führt die evangelische Lehre ein. Die Herren von Riidigheim lassen den von ihren Vorfahren in der Kirche zu Dörnigheim gestifteten Altar der heiligen Jungfrau Maria jetzt mit Predigten an den Feiertagen von dem Pfarrer zu Hochstadt versehen, dem sie nur sieben Achtel Korn geben, das übrige behalten sie ein, statt daß sie dem Pfarrer von Kesselstadt die ganzen Einkünfte seines Filiales Dörnigheim lassen.

Im Jahre 1563 schließlich hält Magister Cless offiziell bei der Hanauer Regierung wegen seiner Arbeitsüberlastung um die Gestellung eines Kaplans an. Aber erst 1607, also mehr als vierzig Jahre später, wird dem Pfarrgehilfen Nikolaus Beyer „das Filial Dörnigheim“ übertragen. Als fünfzehn Jahre später der Pfarrer Heinrich Oräus wegen Differenzen mit dem herrschaftlichen Schultheißen sein Amt aufgeben muß, verwenden sich die Dörnigheimer bei der Regierung für ihn und loben seinen Fleiß. Besondere Erwähnung findet die letzt gehaltene Kommunion, bei der sich über sechzig Personen eingefunden hätten.

In dieser Zeit wird in Dörnigheim nach dem evangelisch reformierten Bekenntnis gelehrt. Als jedoch im Jahre 1642 die Münzenbergische Linie des Hanauer Grafenhauses ausstirbt, gelangt die lutherische Linie von Hanau-Lichtenberg an die Regierung und nach dem Motto „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing“, sollten die Dörnigheimer fortan Lutheraner sein. Das führte zu heftigen Streitigkeiten in der Bevölkerung, bei denen sich die Lutheraner nicht durchsetzen konnten. Die Dorfgemeinschaft wird zu dieser Zeit von einem Presbyterium geleitet, dem außer dem Pfarrer und dem Schultheiß vier Kirchenälteste, ein Kirchenbaumeister und zwei Kirchenrüger angehören.

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg wird auch das Gotteshaus in Ordnung gebracht. Im Jahre 1654 verehrt ein Frankfurter Seiler und Handelsmann der Kirche ein Glockenseil und drei Jahre später läßt der Wirt „Zum Weißen Roß“ einen viereckigen eingefaßten Schieferstein an den steinernen Chorbogen neben der Kanzel hängen, „den Gesang darauf zu schreiben“.

Gegen 1705 erfährt die Kirche durch das Versetzen der Nordwand eine Erweiterung des Kirchenraumes. Eine dreiseitige Empore wird eingebaut, die später im Ostteil die Orgel tragen wird und durch eine überdachte Außentreppe und über eine Innentreppe zu erreichen ist. Im gleichen Stil wird eine Kanzel eingefügt. Die Kanzel aus der Zeit um 1705 ist in ursprünglichem Zustand erhalten. Der letzte große Ausbau des Gotteshauses geschah 1705. Die Kirchenwände gehen in Dörnigheim schon lange nicht mehr senkrecht nach oben, die beiden Längsseiten des Baus neigen sich nach außen. Das ist schlicht eine Folge des An- und Umbaus von 1705. Große Kirchenfenster, eine um mehr als zwei Meter nach außen versetzte Nordmauer sowie Emporen an drei Seiten des Baus schufen Platz für mehr  Dörnigheimer  Kirchenbesucher.

Doch das dadurch größere und schwerere Schieferdach lastete auf den Mauern, drückte sie auseinander. Das könne der Grund gewesen sein, warum an den Außenwänden sechs Stützen angebracht wurden. Diese Maßnahme scheint eine Reaktion gewesen zu sein, nicht unbedingt vor dem Umbau eingeplant. Immerhin fiel ihr eines der frühgotischen kleinen Kirchenfenster zum Opfer. Doch gemessen am Gesamtresultat war dieser Lichtverlust zu verschmerzen, zumal der Umbau zwingend notwendig war.

Spendenfinanziert konnten hierzu Ziegel für die Dachsanierung bestellt werden, weitere Utensilien wie Altardecke, Taufbecken und -kanne oder ein Glockenseil bereicherten nach und nach die evangelische Gemeinde, die schon nach wenigen Jahren wieder beinahe geregelte Abläufe nehmen konnte.

Die rechte Bankreihe gab es vor 1705 noch nicht. Immer mehr Menschen mussten sich in die wenigen Bänke quetschen. Und die Bevölkerungszahl wuchs mit hoher Beschleunigung an: von 33 Familien 1681 auf schon 51 kurz nach der Jahrhundertwende.

Eine besonders erfreuliche Entdeckung gelang dem Restaurator 1959 mit der Freilegung von wundervollen Barockmalereien an den Emporenbrüstungen. Diese Malereien, die einen großen Formenreichtum zeigen, geben der Kirche nun wieder eine ganz besondere Note. Jede der Füllungen zeigt ein anderes Motiv des Akanthusrankenwerkes. Wenn die Sonne in den Kirchenraum dringt und an den Emporen spielt, nehmen sich die Barockmalereien so plastisch aus, daß man den Eindruck hat, sie wären geschnitzt.

Die Emporengeländer zieren barocke und allesamt individuell kreierte Pflanzen, große Rundbogenfenster lassen das Tonnengewölbe unter dem hohen Kirchendach heller werden, die Emporen selbst sowie die versetzte Mauer bringen zusätzlichen Platz in gleich zwei Dimensionen, nicht zuletzt bietet die Kanzel einen neuen optischen Anziehungspunkt. Kurz: Der Bau hat mit den vorgenommenen Veränderungen an festlicher Pracht gewonnen. Zudem wurde der Weg bereitet für eine weitere Veränderung. Die Dörnigheimer Kirchenbauer sparten auf der östlichen Emporenseite eine „Orgelbühne“ aus. Die Anschaffung dieses Kircheninstruments gelang aber erst im darauf folgenden Jahrhundert.

Nun wird der Kirchenraum von einem von unten mit Brettern verschalten Bohlenlamellen-Tonnengewölbe überdeckt. Auf die Bretter ist Schilfrohr als Putzträger aufgebracht, der Mörtel mit Kälberhaar durchsetzt. Der Dachstuhl wird als liegender Stuhl ausgeführt. Durch sein Gewicht muß der Druck auf die Außenwände bereits kurze Zeit nach Fertigstellung der Kirche durch Stützpfeiler von außen aufgefangen werden. Große Rundbogenfenster geben dem Innenraum mehr Licht. Das spätgotische Portal in der Nordwand  scheint damals um 1479 eingebaut worden zu sein. Bei der Kirchenerweiterung im Jahre 1705 wurde es wieder verwendet.

Der Zugang zum ehemaligen Friedhof muß zusammen mit diesem Umbau erfolgt sein. Der Friedhof selbst wird 1814 geschlossen und ein neuer Friedhof außerhalb der geschlossenen Ortschaft an der Frankfurter Landstraße eingerichtet werden. Ohne die dazu gehörigen Gräber ist die einstige Pracht des alten Kirchhofs verblichen. Der Verwitterung preisgegeben stehen die fünf historischen Grabmale vor der alten Kirche in Dörnigheim. Das jüngste Grabmal wurde im Jahre 1838 von den Eltern Carl und Louisa Lapp, geborene Rauch, für ihre Kinder Karl und Catharina aufgestellt. Der Sohn starb 1837, die Tochter 1838, beide in der Blüte ihres Lebens mit 20 beziehungsweise 21 Jahren. Wir können das wohl tragische Schicksal nur noch zur Kenntnis nehmen, die Hintergründe kennen wir nicht. Interessant ist aber, daß es sich hier um Mitglieder der ältesten und nachkommensstärksten Dörnigheimer Sippe, der Familie Lapp, handelt. Eine dachförmige Grabauflage bedeckte einstmals das Grab eines offenbar äußerst fleißigen und gottesfürchtigen Mannes, wie aus der Inschrift zu ersehen ist. Dieser Mann war Johann Georg Stein, Gastwirt „Zum Hirsch“, Kirchenältester und Gerichtsmann zu Dörnigheim. Er starb 1781 im Alter von siebzig Jahren. Einen Gedenkstein, der wohl mehr eine Votivgabe war, ließ der Bäcker und Gasthalter Henrich Fritz im Jahre 1716 errichten. Er spiegelt sein Glück wider, das ihm durch die Geburt einer Tochter mit seiner zweiten Ehefrau zuteil wurde, nachdem seine erste Ehefrau ein Jahr zuvor gestorben war und ihm drei Kinder hinterlassen hatte. Die beiden zeitlich ältesten Grabmale gelten Mitgliedern der Familie Dolné. Der Amtmann Servatius Matthius Dolné war Ritter und Obrist des Heiligen Römischer Reiches. Er wurde 1673 als einziger im Kircheninneren beigesetzt. Obwohl die übrigen Familienmitglieder, seine Frau und drei Söhne, ebenfalls in Dörnigheim bestattet wurden, erhielt nur der Sohn Clemens Mathieu Dolné, auch ein Ritter, einen neuen aufwendigen Gedenkstein

 

Im Jahre 1720 beschließt endlich das Konsistorium zu Hanau, die Kirchengemeinden Kesselstadt und Dörnigheim zu trennen. Dörnigheim wird eine selbständige Kirchengemeinde. Der erste Dörnigheimer Pfarrer heißt Abraham Hemmel und stammt aus Obereschbach im Taunus. Für die neue Pfarrstelle wird offenbar ein Pfarrhaus errichtet, das jedoch 1864 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wird.

Inzwischen haben sich 1818 die Union der Lutheraner und die Reformierten im Hanauischen Land zu einer Gemeinde vereinigt. Die Kirche am Main heißt seit dieser Zeit „Evangelische Kirche zu Dörnigheim“. Allmählich löste sich auch die enge Bindung zwischen der weltlichen Gemeinde und der Kirche. Während der Schultheiß bisher in seiner Eigenschaft als herrschaftlicher Beamter zum Presbyterium gehörte, ist er seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch als Ehrenmitglied zugelassen.

Jedoch bleiben einige mit der Kirche verbundene Aufgaben in den Händen der weltlichen Gemeinde. Diese trägt etwa um 1870 die Kosten für eine Orgel, die 1872 eingebaut wird (nach andwerer Angabe  aus dem Jahre 1805, 1960 erneuert). Außerdem muß die bürgerliche Gemeinde für die Erhaltung des Turmes sorgen.

 

Der Turm wird 1872 aufgestockt und kostet die Gemeinde 11.200 Mark. Im Jahre 1877 wurde ein massiver Turmaufsatz mit spitzem Turmhelm aufgesetzt, nachdem der alte, „unschöne“ zu niedrig war und man die Glocken im östlichen Teil des Ortes nicht hören konnte. Die Ausführung lag in den Händen des Maurermeisters Bernges aus Langendiebach. Der Pfarrer war zufrieden, denn der, nach seiner Aussage, „alte, niedrige und unschöne Turm“, erhielt einen Aufsatz, so daß man nun auch die Glocken in den fernen Teilen des Fleckens hören konnte.

Der 45 Meter hohe Turm der Kirche ist nur über 150 sehr enge und sehr steile Stufen zu erklimmen. Auf halbem Weg befindet sich das Eulennest, hier ist Ruhe geboten. Wer es ganz nach oben schafft, erblickt im Dachstuhl drei Glocken, die hier seit mehr als 50 Jahren hängen. Noch weiter oben nistet ein Turmfalkenpaar.

Für 1.700 Mark wird 1872 eine Kirchturmuhr mit weithin sichtbaren Zifferblättern von dem Uhrmacher Unger aus Straßburg erworben. Bis dahin waren die Glocken die Zeitregulanten im öffentlichen Tagesablauf. Vor dem Öffnen der Tore in der Wehrmauer wurden am Morgen die Glocken geläutet. Vom Peterstag an (22. Februar) bis in den Oktober hinein rief um 11 Uhr das „Elfläuten“ die Menschen von den Feldern zum Mittagessen an den heimischen Herd, um vier Uhr nachmittags läuteten sie die Vesperzeit ein und vor Anbruch der Dunkelheit, wenn die Tore für die Nacht wieder geschlossen wurden, gaben ebenfalls die Glocken das Zeitzeichen.

Bis dahin waren die Glocken die Zeitregulanten im öffentlichen Tagesablauf. Vor dem Öffnen der Tore in der Wehrmauer wurden am Morgen die Glocken geläutet. Vorn Peterstag an (22. Februar) bis in den Oktober hinein rief um 11 Uhr das „Elfläuten“ die Menschen von den Feldern zum Mittagessen an den heimischen Herd, um vier Uhr nachmittags läuteten sie die Vesperzeit ein und vor Anbruch der Dunkelheit, wenn die Tore für die Nacht wieder geschlossen wurden, gaben ebenfalls die Glocken das Zeitzeichen.

Wenn es auch schon seit dem 14. Jahrhundert Turmuhren mit Zeiger, Zifferblatt und einem eigenen Antrieb gab, die allerdings, wenn sie stehen blieben oder falsch gingen, mit Hilfe einer Sonnenuhr gerichtet wurden, so erhielt der Dörnigheimer Kirchturm erst im Jahre 1876 eine Schlaguhr. Mit weithin sichtbaren Zifferblättern wurde die Zeit für unsere Vorfahren in Dörnigheim endlich genormt.

Die in der Uhrmacherwerkstatt Ungerer in Straßburg angefertigte Uhr wurde für 1700 Mark erworben und für 13.200 Mark von dem Langendiebacher Maurermeister Bernges eingebaut. Allerdings nur mit Zifferblättern nach Norden, Osten und Westen. Nach Süden, dem katholischen Mühlheim hin, wollte man kein Zifferblatt anbringen, ebenso besaß auch die Mühlheimer Kirchturmuhr kein Zifferblatt nach dem evangelischen Dörnigheim zu.

Jeden Tag mußte nun die neue Uhr aufgezogen werden, das hieß, täglich von Hand die beiden jeweils eineinhalb Zentner schweren Gewichte für das Getriebe des Schlagwerkes, und das 50 Pfund schwere Gewicht des Gehwerkes, 22 Meter hoch in den Turm kurbeln, damit das 50 Pfund schwere Pendel in Bewegung blieb.

Dieser Auftrag fiel im Laufe der Jahre an verschiedene Personen. Ältere Bürgern noch in guter Erinnerung ist ein Herr Rauch, der auch die Glocken läutete und dadurch seinen Spitznamen „Elfläuter“, weg hatte. Mehr als 25 Jahre verrichtete danach Heinrich Schmidt im Auftrag der Gemeinde diese Arbeit. Schlimm wurde es, wenn die Uhr nicht rechtzeitig aufgezogen oder einmal ganz und gar vergessen wurde. Dann war der Spezialist und Uhrmacher Heinz Schäfer der Retter in der Not. „Heinz, kannste mal komme, die Uhr geht nach?“

Seit 1945 betreut Heinz Schäfer unsere Dörnigheimer Turmuhr. Als junger Mann war für ihn die alte Turmuhr eine Herausforderung, der er sich aus purem Interesse stellte. Seit mehr als 50 Jahren steigt er mindestens einmal in der Woche in den Turm und sieht nach der Uhr. Dabei regulierte er früher dann die zwei Minuten, die sie vorging, gab ein wenig Öl ins Getriebe, überprüfte den Zustand und beseitigte auch schon mal Vogelmist. Er war es auch, der 1950 endlich das Zifferblatt nach der südlichen, der „Mühlheimer Seite“ einbaute.

Alle benötigten Teile mußten extra angefertigt und an das vorhandene Antriebsgestänge angeschlossen werden. Das alte, solide Getriebe, das nur nach dem Zweiten Weltkrieg einer größeren Reparatur bedurft hatte, weil durch das Ostzifferblatt nach einem Beschuß am Ende des Krieges Splitter in das Uhrwerk eingedrungen waren, wurde 1975 demontiert und durch einen elektrischen Antrieb mit elektronischer Steuerung ersetzt. Diese Konstruktion reguliert sich selbst bis auf eine Genauigkeit von 30 Sekunden pro Tag. Selbst bei einem Stromausfall würde sie aus eigener Kraft noch zwölf Stunden weiterlaufen. Die Zeigetreibwerke müssen allerdings immer noch regelmäßig gewartet werden.

Einen Bubenstreich meldete die Presse im Jahre 1981 unter der Überschrift „Hilfe, der Zeiger ist weg!“ und „Turm-Uhrzeiger abgeschnitten“: Eine Schnapsidee verlockte in der Nacht zum Donnerstag, 9. April, eine Gruppe von „Spätheimkehrern“, das Gerüst des Kirchturms der alten Evangelischen Kirche in Dörnigheim zu erklettern und dort oben mal nach dem Rechten zu sehen. In einer oben vorgefundenen Werkzeugkiste der Restaurateure fanden sie eine Blechschere und trennten damit den Stundenzeiger der Turm-Uhr ab. Bei diesem groben Unfug hörten Nachbarn den Lärm und beobachteten dann auch vier Täter. Wieder zurück auf der Erde, nahm die inzwischen alarmierte Polizei drei von ihnen und den Uhrzeiger in Empfang und erstattete Anzeige. Um zwei Uhr weckte sie den zuständigen Pfarrer Hermann Drüner. Die Höhe des Sachschadens wird noch ermittelt.“

Die Uhr wurde 1975 durch eine elektrische Uhr ersetzt und befindet sich heute im Stadtmuseum. Heinz Schäfer ist auch hier der Betreuer. Er will nun versuchen, dieses alte Uhrwerk wieder zum Laufen zu bringen.

 

Ein neues Glockengeläut konnte 1885 installiert werden, drei Glocken von 600 kg, 300 kg und 178 kg, die zusammen im Fis‑Dur Dreiklang (g‑b‑cis‑) erklingen. Auch die Glocken wurden von der weltlichen Gemeinde bezahlt.

Am 15. Juli 1914 fuhr ein kalter Blitz in die den Kirchturm: Er schlug bei der Uhr ein, zerteilte sich und trat am Fenster neben der Kanzel wieder aus. Bei der Reparatur des Turmes wurde eine Büchse mit Münzen und einer verrotteten Urkunde geborgen, die offenbar bei der Einweihung des höheren Kirchturms 1877 eingelegt worden war. Der Inhalt: 56 Goldstücke, wie sie vor dem 1. Januar 1876, „der Einführung des Mark-Geldes“, in Deutschland gangbar waren; eine vom Schimmel und Moder zur Hälfte verdorbene Urkunde von 1877, die vor allem über die Erhöhung des Turms berichtet.

Im Jahre 1928 kommt es erneut zu Reparaturarbeiten am Kirchturm, bei denen auch der Turmhahn richtiggestellt wird. Die Arbeiten werden auf Anregung des Bürgermeisters Karl Leis durch die dazu verpflichtete bürgerliche Gemeinde ausgeführt. Pfarrer Römheld erwähnt in einer Urkunde unter anderem die ausführenden Handwerksbetriebe, es sind dies die Firma August Geibel, Kesselstadt, zuständig für das bis zur Turmspitze reichende Holzgerüst, sowie der Dachdecker Karl Schuntz, der Installateur Kurt Mitschke und der Zimmermann Ernst Fischer VI.

Am 22. Juli 1951 fand die Glockenweihe der drei neuen von der Firma Rincker in Sinn gegossenen Glocken statt, die außerordentlich rein und klangschön auf g b c gestimmt sind. Kurz vor Weihnachten 1951 wurde durch einen Wirbelsturm die Südseite des Kirchendaches, das sich in einem sehr schlechten Zustand befand, aufgerissen, so daß das ganze Kirchenschiff neu eingeschiefert werden mußte. Im Jahre 1953 wurde eine moderne Gasheizung in der Kirche eingebaut, die sich außerordentlich gut bewährt hat.

Unmittelbar danach begannen in Kassel schon die Verhandlungen wegen der Errichtung eines Jugendheims im Pfarrgarten: Grundsteinlegung war am 14. 11. 1954, Einweihung 1. Advent 1957. Im Sommer 1958 wurde eine elektrische Läuteanlage eingebaut, und im Sommer 1959 begannen die umfangreichen Renovierungsarbeiten an der Kirche, die mit der Wiedereinweihung am 1. Advent 1959 ihren einstweiligen Abschluß fand.

Zuletzt wurde die Kirche 1980/81 erneuert. Durch Abwitterung wiesen viele Bauteile wie Dachdeckung, Turmbekrönung und die Jalousien an den Schallöffnungen der Glockenstube sowie Teile der Fensterbögen und Laibungsgewände erhebliche Schäden auf. Sie wurden vollständig erneuert und zum Schutz des Mauerwerks der untere Turmteil verputzt. Der gesamte Turm erhielt einen Mineralfarbanstrich. Im Zuge von Verankerungsmaßnahmen durch den Einbau eines Betonringankers wurde das Kirchenschiff gestrichen. Das 1959 neu angefertigte Gestühl erhielt ebenfalls 1980 einen Neuanstrich.

Gegen den energischen Widerstand der bürgerlichen Gemeinde wurde über mehrere Jahre, zuletzt auf gerichtlichem Wege, der Anbau einer Sakristei erstritten, der 1992 fertiggestellt wurde. Er war unter anderem auch deshalb notwendig geworden, weil die Mitglieder der griechisch‑orthodoxen Gemeinde ebenfalls in der evangelischen Kirche ihren Gottesdienst abhalten. In Dörnigheim gibt es noch die katholischen Kirchen „Maria Königin“ von  1956/57 und „Allerheiligen“ von 1967-68.

 

Schenkung Heinrichs IV. 1064

Nach 793 n. Chr. sind noch mehrere Schenkungen aus der Dörnigheimer Gemarkung urkundlich belegt. Im Jahre 1064 gibt Kaiser Heinrich IV. auf einer Versammlung zu Trebur dem Jakobskloster in Mainz die Zusage, „daß das erwähnt löbl. Closterstifft in die Possession des eigentümblichen Dorffs Dornickheim samt leybeiglichen herrschaftlichen appertinentien schon 1064 gesetzt worden sei.“ „Wir, König Heinrich, übergeben dem Sankt Jakobskloster zu Mainz 25 Mansos, gelegen in dem Ort Turincheim genannt im Maingau, in der Grafschaft des Grafen Berchtold, mit allen Zubehörden.“ 25 Mansos entsprachen etwa der Größe eines Hofgutes. Voraussetzung für die Schenkung war die Bestellung des Gutes durch einen Vogt. Belehnt wurden damit später die Grafen von Rieneck. Durch die Schenkung Wolfbodos erhielt das Jakobskloster ein Vogteirecht über Dörnigheim.

 

Die Grafen von Rieneck 1064

Die Herren von Rieneck gehörten schon zu den Gefolgsleuten der Frankenkönige mit Landbesitz im Spessart und dem heutigen Mainfranken. Ihre Blütezeit lag im frühen Mittelalter. Ihr Herrschaftsgebiet umfaßte Orte wie Himmelthal, Wildenstein, Burgsinn, Partenstein, Hammelburg an der Saale, Lauda an der Tauber sowie Grünsfeld, Burggrumbach und Karlstadt.

Der erste urkundlich erwähnte aus dem Rienecker Geschlecht ist Gerhard I. Seine Regierungszeit hat zwischen 1085 und 1106 gelegen. Dieser hatte das damals bedeutsame Amt eines Burggrafen von Mainz inne und war gleichzeitig Vogt des Mainzer Erzstiftes.

Als Burggraf war er der Vertreter des Kaisers in Mainz und als Vogt (abgeleitet von Advocatus) hatte er den Schutz der weltlichen Besitztümer seines geistlichen Herren, in diesem Falle des Erzbischofs von Mainz, zu garantieren. Vogteirechte waren begehrt, sie bedeuteten Macht und Einfluß.

Die Mainzer Geistlichkeit verfügte damals über Besitz in Dörnigheim, zwar nicht das Erzstift, sondern das Jakobskloster, und dies aus einer Schenkung von König Heinrich, der spätere Kaiser Heinrich IV. Es liegt daher auf der Hand, daß der Vogt des Erzstiftes von Mainz auch das Vogteirecht über andere Mainzer Besitzungen, unter anderem in Dörnigheim, ausübte. Allerdings ist davon auszugehen, daß die Rienecker Adligen zu keiner Zeit selbst in Dörnigheim anwesend waren. Dies hätte die Vielzahl ihrer Besitzungen ‑ in der Hochzeit sollen es etwa 160 bis 180 gewesen sein, teils Eigenbesitz, teils Lehen, auch nicht zugelassen. Sie betrauten vielmehr andere Herren des niederen Adels mit der Ausübung des Vogteirechtes (Herren von Bellersheim, von Rüdigheim und so weiter).

Die Belehnung der Spessartherren von Rieneck in Dörnigheim muß nach 1064, dem Datum der Schenkungsurkunde des König Heinrichs, erfolgt sein. Da ein verläßliches Datum bisher nicht auszumachen war, ist eher davon auszugehen, daß sie in der Regierungszeit jenes Gerhard I. stattfand, also näher an 1085. Zum Zeitpunkt der Ausstellung der Schenkungsurkunde des Saliers war Heinrich auch erst 14 Jahre alt. Erst zwei Jahre später konnte er die Fesseln seiner Vormundschaft durch Mutter Agnes und die Erzbischöfe von Köln, später Bremen, abschütteln und übernahm nach seiner Heirat in 1066 die Regierungsgeschäfte in die eigenen Hände.

Bei dem Rienecker Gerhard I. will es das Schicksal, daß er nur eine Tochter hat. Ihrer Heirat mit einem der Söhne der benachbarten Adelsfamilien hätte nichts im Wege gestanden, wenn sich nicht Vater Gerhard einen geschickten Schachzug ausgedacht hätte. Sein Anliegen war zu verhindern, daß sein Besitz durch die Heirat eines Nachbarsohnes diesem früher oder später anheim fiele und das Geschlecht somit frühzeitig unterginge.

Daher beschloß Gerhard I., seine Tochter mit dem Grafen Arnold von Loon zu verehelichen. Loon war damals eine wohlhabende Grafschaft bei Lüttich (Belgien) im Maasgebiet. Das Geschlecht geht auf Kaiser Karl den Großen zurück. Durch diese Vernunftehe konnte Gerhard I. seinen Besitz nebenbei erheblich vergrößern und gleichzeitig die Burggrafenwürde in Mainz für seine Nachkommen sichern.

Arnold, er nannte sich folgerichtig auch Graf von Loon, Mainz und Rieneck, ist höchstwahrscheinlich 1138 gestorben. Nachfolger wird sein Sohn Arnold II. und dessen Sohn Ludwig I. von Loon, Mainz und Rieneck, der von 1139 bis 1159 regierte. Dessen Sohn Gerhard II. von Loon, Mainz und Rieneck (1159 ‑ 1192) stiftete 1189 das Frauenkloster Schönau an der Saale bei Gemünden (heute steht noch die Klosterkirche). Er war vermutlich auch der Erbauer der Burg Rieneck, die 1179 erstmalig urkundlich belegt ist. Gerhard II. war mit Adelheid von Geldern verheiratet. Beide hatten fünf Söhne. Unter diesen trennen sich wieder die loonischen und rieneckischen Familien, um den weit auseinanderliegenden Besitz gerechter zu werden. Die Trennung muß 1193/1194 erfolgt sein.

Sohn Gerhard III. regierte von 1192 bis 1216 und war gleichzeitig Vogt des Klosters Fulda. Von jetzt ab existiert eine direkte Nachfolgelinie der Grafen von Rieneck. Sein Sohn Ludwig II. (1216 ‑ 1243) wird im Jahre 1221 letztmalig als Burggraf von Mainz erwähnt. Er gab wohl danach dieses Amt auf, um sich nur noch seinen Besitzungen im Spessart zu widmen. Seine Frau war Adelheid von Henneberg (thüringisches Geschlecht). Ihre beiden Söhne, Ludwig III. (1243 ‑ 12 89) und Gerhard IV. (1243 ‑ 1295) regierten als Grafen gemeinsam. Ludwig wird noch 1258 als Erbkämmerer von Mainz erwähnt.

Der Erzpriesterstuhl Roßdorf wird 1235  errichtet, ihm wird auch Dörnigheim zugeteilt. Im Jahre 1255  hat das Bartholomäusstift zu Frankfurt den Zehnten von Gütern in Dörnigheim zu beanspruchen. Berengar, der Vertreter des Johanniterpriors für Deutschland, genehmigt 1258 den Verkauf von Gütern  zu Turincheim durch Konrad von Ronneburg an das Frankfurter Bartholomäusstift. Letzteres verpflichtet sich für die Dauer des Besitzes, dem Orden eine Gült zu zahlen. Bereits 1278 erhält Hanau bereits Anspruch auf Dörnigheim durch Verheiratung mit einer Tochter der Herrn von Rieneck. Im Jahre 1288  wird in einem Vertrag der Schöffe Volgo zu Doringkeim erwähnt. Frau Winecken zu Dörnigheim gibt 1298 den vom Kloster Naumburg auf 31 Jahre gepachteten Zehnten zurück und erhält das Pachtgeld zurück. Im Jahre 1231 erlaubte Friedrich II. den Orten im Maingau, Dorfbefestigungen anzulegen. Die Landwehr wird 1300  erstmalig erwähnt.

In dieser Zeit, um 1300, erfuhr die Grafschaft ihre größte Ausdehnung. Ludwig heiratete Adelheid, reiche Erbtochter der Dynastie derer von Grumbach, und brachte Rothenfels ein. Es war die entscheidendste Epoche des Aufstiegs der Rienecker. Am Ende des 13. Jahrhunderts wurde auch das Lohrer Schloß ausgebaut und fortan Hauptsitz der Rienecker.

Jedoch im Aufstieg liegt schon der Abstieg. Im Jahre 1260 begann ein 10jähriger Kampf um den Spessart mit dem Erzbischof Werner von Eppstein von Mainz. Aus Freund wurde Feind. Die Auseinandersetzungen führten letztendlich zum Verlust weiter Gebiete der Grafschaft und leiteten den Niedergang ein.

Für Dörnigheim ist schließlich noch Ludwig V. von Rieneck und Rothenfels (1291 ‑ 1333) erwähnenswert. Seine Schwester Elisabeth von Rieneck und Rothenfels heiratete 1272 Ulrich I. von Hanau. Hieraus leitet sich der Anspruch der Hanauer auf die Nachfolge am Vogteirecht über Dörnigheim ab, daß sie höchstwahrscheinlich 1333, also nach Ludwigs Tod, erstritten. Mit den Rieneckern ging es fortan bergab. Zwist in der Familie und eine zu schmale Machtbasis trugen dazu bei. Der vorletzte Rienecker, der im Schloß von Lohr residierte, war Reinhard von Rieneck (1497 ‑ 1518). Er war mit Agnes von Gleichen (thüringisches Geschlecht) verheiratet. Mit seinem Sohn Philipp III. verheiratet mit Margarete von Erbach, erlosch 1559 das Grafengeschlecht. Ihre Ehe blieb kinderlos. Philipps Epitaph befindet sich in der Michaelskirche zu Lohr.

Nach dem Aussterben der Rienecker 1333 fiel Schloß und Burg Rieneck an den Erzbischof von Mainz, der ab 1673 die Grafen von Nostitz in Böhmen mit dem Besitz belehnte. Warum ausgerechnet ein Geschlecht in Böhmen? Nun, die Herren von Nostitz erkauften sich mit dem Rienecker Lehen Sitz und Stimme im fränkischen Reichsgrafenkollegium des Reichstages. Graf Anton von Nostitz‑Rieneck blieb noch bis 1794 Besitzer der Burg und des Dürnhofes. Das Lohrer Schloß hingegen behielten die Mainzer Erzbischöfe. Im Jahre 1333 fällt also auch die Rienecker Vogtei zu Dörnigheim durch Erbschaft an Hanau.

Heute befindet sich in der Burg Rieneck das Bildungs‑ und Erholungswerk des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder e. V. Die Burg ist dank umfangreicher Renovierungen im neugotischen Stil im vorigen Jahrhundert noch erstaunlich gut erhalten. Als absolute künstlerische Rarität gilt die in das Mauerwerk des achteckigen Bergfriedes, der zur Besichtigung freigegeben ist, eingefügte romanische Kapelle.

Nach dem Aussterben der Grafen von Rieneck im Jahre 1333 hatten die Grafen von Hanau das Recht, Vögte in Dörnigheim einzusetzen. Aus diesem Vogteirecht heraus versuchten die Grafen, ein Eigentumsrecht an Dörnigheim zu entwickeln. 56 Jahre später wurde Dörnigheim geplündert und gebrandschatzt

 

Im Jahre 1350 wird der Reichsbannforst Gelnhausen durch Karl IV. errichtet. Er reicht bis zur Braubachmündung, wo der Dreieich begann. Im Jahre 1414 wird in einem alten Reichslehenbrief die Grenze des Reichswildbannforstes Gelnhausen genau festgelegt. Sie fällt nach Westen hin mit der alten Gaugrenze (Braubachmündung) zusammen.

Einer der ältesten Zeugen der Dörnigheimer Geschichte ist eine etwa  800jährige Eiche im Wald bei der dicken Buche. Bei Nachforschungen im Dörnigheimer Wald stieß Horst Meisenzahl, Mitglied des Historischen Kulturkreises Dörnigheim, auf eine etwa 800 Jahre alte Eiche, die einen Umfang von 6,20 Meter hat. Unter dem Laubdach der Eiche haben bereits im Mittelalter Schweine der Dörnigheimer Bauern nach Eicheln gewühlt. Meisenzahl war bei seinen Studien zu Dörnigheimer Fluren eine topographische Karte aus der Zeit um 1905 in die Hände gefallen, auf der auch Naturdenkmäler verzeichnet sind.

 

Durch eine Rienecker‑Erbschaft ging im Jahre 1333 das Vogteirecht in Dörnigheim an die Hanauer Grafen. Diese schickten sich an, das Vogteirecht allmählich in ein Eigentumsrecht zu verwandeln. Die Pfarrkirche in Kesselstadt wird 1353 erwähnt, von der die Kirche in Dörnigheim eine Filiale gewesen ist bis 1720. im Jahre 1357  waren die Herrn von Rüdigheim Vögte zu Dörnigheim.

 

Ringmauer

Die Ringmauer entstand etwa um 1350, nachdem Friedrich II. den Orten im Maingau 1231 die Anlage von Befestigungen erlaubt hatte. Sechs Meter hoch und durch Wehrtürme verstärkt, schützte sie bis ins 18. Jahrhundert das Dorf nach Norden und nach Westen. Schottersteine aus dem Mainbett und Quader aus den Steinbrüchen von Wilhelmsbad und Dietesheim bildeten das Baumaterial. Hinter der Mauer verlief ein Weg.

Die Wehrmauer hatte zwei Tore, das Obertor und das Untertor. Das Obertor befand sich zwischen Café Saladin und Gasthaus Adler (Kennedystraße/Ecke Schwanengasse); das Untertor, auch Frankfurter Tor genannt, befand sich zwischen Café Rauch (Frankfurter Straße) und dem gegenüberliegenden Haus. Über den Zeitpunkt der Beseitigung der beiden Wehrtore liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Der Ringmauer nach Westen vorgelagert war die zwanzig Meter breite Landwehr. Sie wurde erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt. Sie hatte einen vier bis fünf Meter tiefen Graben und eine undurchdringliche Hecke, das Gebück, und bildete die Befestigung im Westen in circa 150 Meter Entfernung vom Dorf Dörnigheim. Gebück und Graben hatten eine Breite von etwa 20 Metern. Dörnigheim hat sich von 800 bis 1800 nicht über die Wehrmauer ausgedehnt. Das erste Haus außerhalb der Befestigungsanlage war das Zollhaus an der Stelle der heutigen Raffeisenbank.

Ihre größte Höhe erreichte die Mauer etwa um 1620, nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Dennoch wurde Dörnigheim mehrfach gebrandschatzt und verwüstet. Die zentrale Funktion der Ringmauer aber blieb erhalten. Während sich an der einen Seite die 1780 mit Schotter befestigte Straße „von der Hanauer Kinzigbrücke über Dörnigheim nach Mainkur“ erstreckte, grenzten im Dorfinnern - zur Frankfurter Straße hin - allein vier Gastwirtschaften an die Mauer. Von Osten gesehen waren es: der „Adler“, der „Löwe“, das „Weiße Roß“ und der „Rappen“. Und auf der anderen Seite der Frankfurter Straße gab es drei weitere: den „Schwanen“, die „Krone“ und den „Hirsch“. Die Anzahl der Wirtschaften in dem kleinen Dörnigheim zeigt, welche Bedeutung der Handelsstraße und damit auch der schützenden Mauer zukam.

1620, kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, wurde die Ringmauer auf sechs Meter erhöht. Vor Plünderern konnte sich Dörnigheim zwischen 1621 und 1636 nicht erwehren. Mehrere Male wurden die Bewohner des kleinen Ortes ausgeraubt. Die Banditen, höflicher auch Truppen genannt, hatten wechselnde Nationalität.

Mit der Weiterentwicklung der Kriegswaffen allerdings nahm die Ringmauer mit ihren Toren und Wehrtürmen als Befestigung an Wichtigkeit ab. Im 18. Jahrhundert begann man mit ihrem teilweisen Abbruch und die Steine fanden 1752 Verwendung bei der Errichtung der Mainmauer und später beim Bau von Häusern.

Weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb lediglich das Teilstück zwischen der Schwanen- und der Kirchgasse. Noch bis in die dreißiger Jahre hinein prägte dieses Stück Ringmauer mit den Resten der drei Wehrtürme das Dörnigheimer Ortsbild entlang der damaligen Lindenstraße.

Etwa bis 1938 bestanden noch drei halbrunde Wehrtürme, die von den alten Dörnigheimern passend „Rondelle“ genannt wurden. Aber auch die Wehrtürme mußten weichen, als die Lindenstraße 1938 ausgebaut wurde. Mit ihnen zusammen verschwand ein Jahr später ein anderes Wahrzeichen: die alte Dorflinde, die ihren Platz vor dem ehemaligen Obertor, an der Kreuzung der heutigen Kennedystraße mit der Bahnhofstraße, hatte und unter der durch Jahrhunderte hindurch das Schöffengericht getagt hatte.

Die Mauer verlief von der Wingert bis zum Café Rauch. Noch heute sind Teile am Wingert (Hintergasse) und an der Kennedystraße sichtbar. Teile dieser über 600 Jahre alten Ringmauer entlang der Kennedystraße sind erhalten geblieben. Und dies wird auch so bleiben, denn die Fragmente wurden bereits vor einigen Jahren unter Denkmalschutz gestellt. Es gab aber einmal Pläne einer Interessengemeinschaft, die dieses historische Zeugnis Dörnigheims zugunsten von Gewerbe und Parkplätzen abreißen wollte.

 

Das Weistum von 1366 wurde nach langem Eigentumsgerangel zwischen dem Jakobskloster in Mainz und den Grafen von Hanau in Anwesenheit eines Vertreters des Mainzer Abtes und sieben Schöffen von einem kaiserlichen Schreiber niedergeschrieben. „Dem Abt gehört die Eigenschaft zu Dörnigheim“ heißt es da, und „daß niemand über den Main fahren soll um Lohn denn in einem Weidennachen, außer einem Ferchen (einem Fährmann)“, der vom Abt die Fähre zu Lehen hatte. Und: „Auch wär’s, daß ein Abt möchte durch Kurzweil oder Wollust im Mai zu Dörnigheim wollte sein, so möchte er im Walde jagen mit zwei Vogelhunden“ usw. Dem Vogt aber sollten unter anderem ein Drittel „von den Bußen und Freveln an eines Abts Gericht“ zufallen. Als Zeugen anwesend waren neben dem Kaplan zu Dörnigheim Jäckel von Bruchköbel, Erwin von Rumpenheim und „andere viele biedere Bescheidene“.

Aus dem Weistum geht hervor, daß der Abt von St. Jakob in Mainz Eigentümer und Herr der ganzen Gemarkung und des Dorfes Dörnigheim war. Der Mainzer Abt konnte allerdings durch die Jahrhunderte hindurch seine Eigentumsrechte nicht behaupten. Es kam immer zu Streitigkeiten darüber mit dem Grafen von Hanau. Außerdem geht aus diesem Weistum hervor, daß in Dörnigheim ein sehr selbständiges Schöffengericht bestand und  Dörnigheim ein Flecken ohne Marktrecht war.

 

Die Straße

Die wechselvolle Geschichte der heutigen Kennedystraße läßt sich auch zurückverfolgen bis etwa ins Jahr 1366. Im sogenannten Weistum von 1366 wird zum erstenmal in schriftlicher Form von dem Schöffengericht berichtet, das „unter der Linde im Dorf zu Dörnigheim an der offenen Straße“ tagte. Die Linde stand an der Ecke Kennedystraße und Bahnhofstraße vor der Mauer, die heute die Hofreite des Karl Dammköhler von der Kennedystraße abgrenzt. Gemeint ist der verlassene Bauernhof, der heute von der Gärtnerei Lapp in der Bahnhofstraße betreut wird. Von ihrem dortigen Standort beschattete sie einen Teil der „alten Straße“ und den Eingang zum Obertor.

Von hier winkten ihre Zweige den Einkehrenden den Willkommens-, den Scheidenden einen Abschiedsgruß zu und luden alle Wegemüden, die vorüberzogen, zur kurzen Rast ein. Es ließ sich gut auf der niedrigen, viereckigen Steinumfassung mit ihren von Eisenklammern zusammen gehaltenen Sandsteinquadern ruhen. Über das Alter der Linde ist nichts bekannt. Sie hat als vertrautes Wahrzeichen Dörnigheims einen großen Zeitraum seiner Geschichte miterlebt. Die Neupflanzung der Bäume vor der Wehrmauer setzt daher in gewisser Weise die alte Tradition fort. Der Lindenbaum wurde erst kurz vor 1939 anläßlich der Verbreiterung der Straße gefällt.

Dörnigheim lag, wie es in dem Weistum von 1366 heißt, an der „offenen“ Straße. Das sollte heißen, daß die Straße nicht durch das durch zwei Tore abgeschlossene Dorf führte, sondern daran vorbei In späteren Zeiten hieß sie bei den Dörnigheimern die „alte Straße“. Im Jahre 1609 wird zum ersten Mal ein Wegegeld erwähnt, das vor den Toren des Dorfes von durchfahrenden Kaufleuten erhoben wurde. Außerdem durfte kein Fuhrwerk mit mehr als 60 Zentnern beladen werden.. Im Jahre 1751 war Dörnigheim vollständig gepflastert. In den Jahren 1829/30 wird das Dorfpflaster erneuert. Im Jahre 1780 erfolgte die Beschotterung der „Chaussée“. wenn man die alte Reichsstraße meinte. Unter diesem Begriff ist sie noch den alten Dörnigheimer Bürgern vertraut.

Über diese Straße ging durch die Jahrhunderte hindurch der Fernverkehr, nicht nur der friedlichen Zwecken dienende Handelsverkehr, sondern auch zu Kriegszügen. Über die Nöte und Leiden, die durch letztere der Bevölkerung erwuchsen, kann man manches in den alten Akten nachlesen. Die weiter im Hinterland liegenden Ortschaften waren nicht so ständig und unmittelbar von der plündernden und mordenden Soldateska bedroht wie das kleine Dorf Dörnigheim an der strategisch wichtigen, von Westen nach Osten führenden Straße, die man auch des „Reiches Straße“ nannte.

Unter den seit dem frühen Mittelalter bekannten großen Straßenzügen in Deutschland bildet die vom Mittelrhein (Mainz) und Frankfurt am Main, über Dörnigheim nach Thüringen und Leipzig führende Via Regia, die „Königsstraße“, auch „des Reiches Straße“ genannt, ein bedeutendes Bindeglied.

Von Frankfurt als einem Handels- und Kulturzentrum führten Straßen den Rhein entlang über Mainz und Worms nach Frankreich, nach Köln und in die Niederlande, südwärts über Darmstadt und Heidelberg zum Bodensee, nach Osten durch den Spessart nach Aschaffenburg, Würzburg und Nürnberg.

Die Frankfurt/Leipziger Straße erreichte in Thüringen Eisenach und Gotha sowie Erfurt; das im Mittelalter zu den bedeutendsten deutschen Städten gehörte; sie verlief weiter über Weimar, Jena, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig. Hier war ein wichtiges Straßenkreuz, von dem aus Berlin und die Ostsee erreicht wurden.

Nach Osten führten Straßen über Dresden nach Krakau, südöstlich nach Prag, südwärts nach Nürnberg, Augsburg, München und weiter nach Wien. Von der zwischen Frankfurt und Leipzig verlaufenden großen Straße zweigen zahlreiche kleinere ab, um die Verbindungen mit dem Hinterland herzustellen.

Der wichtigste Abschnitt der Frankfurt/Leipziger Straße führte über Dörnigheim (hier wurden die Pferde gewechselt) bis Fulda, er umfaßte eine Entfernung von über 100 Kilometern und damit etwa ein Drittel der Gesamtstrecke: Die Kinzigstraße (genauer Kinzig-Fulda-Straße): Frankfurt, Dörnigheim, Hanau, Langenselbold, Gelnhausen, Wächtersbach, Bad Soden-Salmünster, Steinau an der Straße, Schlüchtern, Fulda. Eine zweite Bahn ging von Hanau über Niederrodenbach und Meerholz und vereinigte sich bei Höchst wiederum mit der Hauptstraße. Bis Gelnhausen verlief sie nördlich der Kinzig, überschritt sie bei Höchst und kreuzte sie erst bei Schlüchtern wieder, führte also auch zwischen Steinau und Niederzell südlich der Kinzig entlang. An Salmünster lief die Straße ursprünglich vorüber und erst später in die Stadt.

Dörnigheim verdankt seine Entstehung der großen alten Straße von Frankfurt nach Leipzig. Hier war die letzte Raststation vor der Frankfurter Stadtgrenze. Bedeutend im historischen Sinne wurde der Ort jedoch nicht, lag er doch vor der Zeit des Automobils zwei Stunden von Frankfurt im Westen und gar nur eineinhalb Stunden von Hanau im Osten entfernt. So taucht er in keinem der Bücher über die Alte Straße auf und wird in keinem Reisebericht der schreibenden Persönlichkeiten erwähnt; weder von Goethe noch von Bettina von Arnim, weder von Schopenhauer noch von Luther. Sie alle haben nachweislich diesen Teil der Straße benutzt. Aber: „...machte Station in Hanau und erreichte dann Frankfurt....“ oder „...man verließ Frankfurt in den Morgenstunden und wandte alsbald Hanau den Rücken“. Wo war da Dörnigheim? Es war da, selbst auf den ältesten Landkarten können wir es finden.

Außer von den Gasthöfen wurde das Bild des Dorfes „an der Straße“ geprägt von Schmieden und Wagnerwerkstätten. Auch sie boten den Durchreisenden ihre Dienste an. Es waren die einfachen Leute, die im Dörnigheim der früheren Zeit Halt machten: Fuhr‑ und Kaufleute, die zu den Märkten und Messen nach Frankfurt fuhren. Bauern aus dem Kinzigtal, die in langen Wagenkolonnen Heu und landwirtschaftliche Erzeugnisse in die Mainmetropole brachten, aber auch Gaukler, Mönche und Bettler. Sie wollten noch preiswert übernachten, bevor sie am nächsten Morgen früh nach Frankfurt hineinfuhren, denn Frankfurt war auch in alten Zeiten ein teueres Pflaster. Pferde mußten beschlagen, Saumzeug und Reitsättel gerichtet und ausgebessert werden, war doch die stark genutzte „Alte Straße“ fast immer in einem kläglichen Zustand, so daß Pferde und Fuhrwerke litten.

Ende des 18. Jahrhunderts verkehren zwischen Frankfurt und Leipzig drei verschiedene Postlinien. Die „Fahrende Post“ fuhr über die Strecke Frankfurt, Friedberg, Grünberg, Alsfeld, Hersfeld, Berka, Eisenach, Gotha, Erfurt, Buttstädt, Auersädt, Naumburg nach Leipzig.

Sie ging montags und freitags früh von Frankfurt ab und kam freitags oder dienstags am Nachmittag in Leipzig an, benötigte also für die 40 Meilen (300 Kilometer) lange Strecke fünfeinhalb Tage.

Die „Reitende Post“ und auch die „Extrapost“ nahmen den kürzeren Weg über die Kinzigstraße nach Hanau, Gelnhausen, Salmünster, Schlüchtern, weiter über Neuhof. Fulda, Hünfeld, Vacha, Berka bis nach Eisenach, von wo aus sie die gleiche Strecke benutzten wie die „Fahrende Post“. Die „Reitende Post“ verließ Montag, Dienstag, Freitag und Samstag Frankfurt am Abend, und von Leipzig kamen die Postreiter Montag, Mittwoch, Donnerstag und Sonnabendvormittag in Frankfurt an.

Schon 1690 hatte das Kurfürstlich Sächsische Ober-Postamt zu Leipzig nach Frankfurt am Main eine „geschwinde fahrende Post“ eingerichtet. Sie fuhr zweimal wöchentlich und konnte sechs Personen mit Gepäck befördern. Die Fahrtkosten betrugen vier Groschen die Meile, also von Leipzig nach Frankfurt, sechs Taler und 16 Groschen.

Im Jahre 1963 fuhr der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy im offenen Wagen zusammen mit Bundeskanzler Ludwig Erhardt und Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn durch die damalige Lindenstraße (die nur der Abschnitt von der Hasengasse bis zur Bahnhofstraße umfaßte). Darum wurde diese dann in Kennedystraße umbenannt

Heute ist Dörnigheim, einstmals ein Dorf an der Straße, ein Stadtteil an der Straße. Jahrhundertelang floß der Verkehr an Dörnigheim vorbei, heute fließt er durch Dörnigheim hindurch. Das ist der einzige Unterschied. Insgesamt gesehen hat die so bedeutungsvolle „Alte Straße“ dem Ort nicht den gleichen Wohlstand gebracht, wie so vielen an ihr gelegenen Städten. Dörnigheim führt ein von der Straße unabhängiges Eigenleben. In den letzten Jahren \wurden Umgehungsstraßen gebaut, um den Ort von dem durchfließenden Verkehrsstrom zu entlasten, aber der ständig zunehmende Autoverkehr wird auch in Zukunft nur schwer von der Alten Reichsstraße zu verbannen sein.

 

15. Jahrhundert

Schultheiß Klaus Kleberger, R. Vischer ein Schöffe, Heinz Delkinheim, Henne Vischer (der Ferche = Fährmann) und sein Sohn wurden 1380 als Bürger von Dörnigheim genannt, ebenso Siegfried Ruwe, der an einen Frankfurter Bürger 6 Achtel Korngült gezahlt hat für eine Erbhube, die er von letzterem gepachtet hat. Ein Teil des Dorfes brannte 1386 ab. Dörnigheim und viele der umliegenden Orte haben 1389 unter den Fehden zwischen den Städten viel zu  leiden. Frankfurt erlitt in diesem Jahre eine schwere Niederlage. Die Folge hiervon war, daß ihre Söldner die Hanauer Dörfer schwer brandschatzten. Dem Kaplan Conrad zu Dörnigheim wird 1392all seine Habe weggenommen.

Vor einem Notar bezeugen 1392 Heinz von Delkinheim und Genossen, daß ihnen verboten worden sei, das Recht des Mainzer Jakobsklosters zu Dörnigheim zu weisen und daß sie für ihre Rechtweisung verfolgt worden seien. Die Richter des Mainzer Stuhls beantragen, Johann von Rüdigheim (den Vogt!), unter Androhung des Bannfluches zu veranlassen, die dem Pfarrer Conrad geraubten Früchte zurückzugeben. Im Jahre 1395 erhebt sich erneut Streit zwischen dem Jakobskloster zu Mainz und dein Herrn von Hanau und ihrem Vogt Johann von Rüdigheim wegen Schmälerung der Rechte des Abts in seinem Dorfe Dörinckeim. Dieser Streit wird 1398  durch Vermittlung endlich beigelegt.

Die Mainzer geistlichen Richter verbieten1400  , daß das Gericht in Dörnigheim über dortige Güter des  Abts von St. Jakob durch Urteil zu verfügen habe. Zu der Hanauischen Vogtei in Dörnigheim gehört nur die Hälfte des Jakobsgutes. Hanau hat die andere später (um 1440) hinzugekauft.

Der Winter1420/21 ist sehr warm, die Bäume blühen bereits Ende März. Im Jahre 1422  wird die Mainschiffahrt erwähnt.

In den Jahren 1424 erfolgt eine Kaiserliche Entscheidung des Reichshofgerichts, wonach der Wirt N. zu Dörnigheim das von dem Winzer und Weinhändler N. zu Kronberg im Taunus bezogene Faß Wein umgehend zahlen soll. Das Frankfurter Archiv meldet 1444, daß auch zu Dörnigheim Weinbau betrieben wird. Auch 1500  ist noch Weinbau in Dörnigheim; Wein wird allgemein getrunken.

Das Spital zu Hanau leiht „dem Contzen Scheffer zu Dornkem“ XV Gulden. Hiernach muß      die wirtschaftliche Lage des Hanauer Spitals damals schon recht günstig gewesen sein. Die Spitäler erhalten 1470 allgemein vom Hanauer Grafen das Recht, Geld gegen Zins auszuleihen.

Auch 1447 sind die Herrn von Rüdigheim noch Vögte zu Dörnigheim. Nach einem Regierungsprotokoll von 1470 muß Dörnigheim 1/3 zu den Baukosten der Kesselstädter Kirche beitragen und hat das Recht, einen der drei Kirchenmeister zu wählen. In demselben Jahre wird beim Grafen zu Hanau Klage erhoben, weil die Dörnigheimer ihr Dritteil noch nicht abgeführt haben. Ab 1475  besaß Hanau die Landeshoheit über Dörnigheim durch Vertrag mit Mainz. Im Jahre 1479 stiftet Johann von Rüdigheim der Kirche zu Dörnigheim einen Altar.

 

16. Jahrhundert

Um 1500 entsteh das Amt Büchertal, zu dem auch Dörnigheim gehört. Im Jahre 1537 hat Dörnigheim 38 Hausgesäß, hiervon 3 Witwen. Dörnigheim sowie alle Orte des Amtes Büchertal haben 1538 zum Hanauer Kirchenbau und der Pfarrbesoldung einen jährlichen Beitrag zu leisten. Der Winter 1538/39 ist sehr streng. Im Jahre 1540 ist ein großes Hochwasser. Die Schäfer von Dörnigheim und Kesselstadt sollen 1539 in den Turm gesperrt werden, weil sie ihre Hunde nicht an der Kette führen.

Der Schultheiß von Dörnigheim erhält 1540 von der Herrschaft jährlich eine Kappe für das Oberwachen der Braubachfischerei. Dörnigheim hat 1545 an den herrschaftlichen Zöllner als Besoldung 2 Gulden zu zahlen. Dörnigheim hat 1548 an die Herrschaft 6 Gulden Bede jährlich zu zahlen.

Vom 29. bis 30. November 1549 ließ der Erzbischof von Mainz durch Sebastian von Heusenstamm eine geistliche Visitation in der Urgrafschaft Hanau abhalten. Es fand sich aber, daß die meisten Gemeinden, darunter auch Dörnigheim, schon evangelisch waren. Dr letzte katholische Geistliche, Pfarrer Voigt, stirbt 1553  an der Pest. Im Jahre 1554  führt Pfarrer Klees auch in Kesselstadt die Reformation ein.

Im Jahre 1555  Es zahlen zwei Einwohner von Dörnigheim Beede an Hanau. Die Lasten für Brückenbau waren sehr groß. Dörnigheim löste sich 1555 mit 35‑56 Gulden ab. Dörnigheim hatte 1560ebenfalls Frondienste zu leisten, sowohl am Mühlenbau als auch am Bau des Hanauer Walles. Frondienste waren 1561 außerdem zu leisten bei Bestellung der herrschaftlichen Felder. Der Hofrichter (Verwalter) zu Kesselstadt soll den Leuten Kost geben, beim Einfahren der Ernte, beim Mistladen (pro Wagen täglich 12 Fuhren, 2‑3 Mann haben dabei zu helfen). Die Leute erhalten im Hof Mittagessen, die Pferde werden im Wirtshaus gefüttert. Der Schnitterlohn beträgt je Morgen 5 Schilling, jede Person erhält außerdem 1/2 Laib Brot und 1/4 Maß Wein.

Im Jahre 1566 Es kommt es zu häufigen Streitigkeiten zwischen Hanau und Friedberg. Dörnigheim muß 40 Mann mitschicken, um wegen eines Friedberger Einfalls ins Hanauische Vergeltung zu üben (Den Friedbergern wird das Gras abgemäht). Die Burgmühle hat 1567das Mahlrecht in Dörnigheim. Es kommen Schnellkörbe bei Felddiebstahl in Anwendung. Im Jahre 1567  wird  „der kleine Bastian“ bestellt, bei durchziehenden Truppen nach dem Rechten zu sehen. Das Solmssche Landrecht wird 1571 eingeführt. Durchziehende böhmische Truppen auf ihrem Zug nach Spanien richten 1574 großen Schaden an.

Im Jahre 1584  gehen von Dörnigheim 29 Gulden 2 Schilling an herrschaftlicher Beede ein (Grundsteuer).   66 Einwohner von Dörnigheim zahlen 1585nach Hochstadt Beede, 1700 sind es noch 26 Einwohner.

Im Jahre 1587 hat Dörnigheim 43 Büchsenschützen und 7 Feldspießer (wehrhafte Männer) zu stellen. Für Unterweisung der Schützen sind 1599  drei Gulden 15 Schilling aus der Gemeindekasse zu zahlen. Im Jahre 1599 kauft sich eine Dörnigheimerin mit ihrem Sohn für die Zeit ihres Lebens ins Hanauer Spital ein und zahlt 330 Gulden (hohe Summe für damals)

 

17. Jahrhundert:

Um 1600 fährt das Hanauer Marktschiff zwei bis dreimal wöchentlich nach Frankfurt (Mainz erhob Einspruch ‑ langjähriger Streit mit Hanau). Die Hinrichtung eines Juden am Dörnigheimer Galgen erfolgt 1607. Im Jahre 1609 wurde dem H. Weigand von Dörnigheim wegen Ehebruchs an der Kinzigbrücke der Kopf abgeschlagen.

Im Jahre 1621 wird Dörnigheim von durchziehenden Truppen, ob Freund oder Feind, geplündert, alles was irgend Wert hat, wird mitgenommen. Im Jahre 1632  hat Dörnigheim 38 Familien, also etwa 160 Einwohner.

Dörnigheim wird 1634 von Truppen des Herzogs Bernhard von Weimar geplündert. Pfarrer Schnabel berichtet 1639, daß er kein Pfarr‑ noch Schulhaus habe, der 30jährige Krieg habe viel Verwüstung und Schrecken in Dörnigheim hinterlassen. Eine Frau von Dörnigheim wird 1643 wegen Kindsmord mit dem Schwert hingerichtet. Im Jahre 1647 mußte die Mainschiffahrt (von Privaten) eingestellt werden.

Am Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb zum Beispiel der Pfarrer von Bergen in einer Aufstellung über die Schäden auf dem Kriegsschauplatz rings um Frankfurt hinter Dörnigheim: „ganz abgebrannt“. Im Jahre 1658 brannten 19 Bauernhäuser nieder, das zweite große Feuer innerhalb von fünf Jahren. Im Jahre 1663 (der letzte große Brand) wurde durch die Unachtsamkeit eines Tabakrauchers fast der ganze Ort in Asche gelegt.

Nikolaus Meffert, ein Kuhhirt, wird 1652wegen Unzucht des Landes verwiesen.

Im Jahr 1667 herrscht große Kälte. Am 3. Januar ist ein Jude, weil er zuviel gesoffen, zwischen Hanau und      Dörnigheim auf seinem Pferd erfroren. Im Jahre 1682 ist ein großes Hochwasser.

 

Dörnigheim kommt zum Fürstentum Hanau 1711

Dörnigheim gehörte ursprünglich nicht zum alten Hanauer Herrschaftsgebiet, wie etwa Wachenbuchen. Nachdem im Jahre 1711 noch einmal eine feierliche Belehnung des Hanauer Grafen, der mittlerweile die Vogteirechte besaß, stattgefunden hatte, entwickelte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts aus dem Vogteirecht allmählich das Eigentumsrecht.

Eine Aktensammlung von 1713 enthält über 90 Seiten ‑ zum Teil handgeschrieben ‑ deren Einzelteile als Originale die erzbischöflich‑kurfürstlichen Kanzlei in Mainz auf Bitten des Abtes des Jakobsklosters am 23. Mai 1713 an „Die Kaiserliche und Catholische Majestät, König von Ungarn und Böhmen etc“ über den Streit zwischen „dem Herrn Abt von Skt. Jakobsberg bey Mainz contra die Hanauische Regierung“" geschickt wurden. Das Konvolut gehört zu den Akten der ehemaligen kurfürstlichen Mainzer Regierung, die heute im bayerischen Staatsarchiv in Würzburg aufbewahrt werden. Die „Fakti“ sind die Rechtstitel, die sich im Laufe der Jahrhunderte ergeben haben. Deren genauen Wortlaut haben die Mainzer zur Bekräftigung der Ansprüche des Abtes nach Wien geschickt. Die Titel sind einleitend mit kurzen Erklärungen versehen, die teilweise im folgenden wiedergegeben werden:

1366. „daß sich nun Closterstifft bei seinem dominio und ruhiger possession als Eigentümer Herr des Dorffs Dornickheimb und seiner Unterthanen durch 3 saecula cotinuiert habe, und von jedermänniglich dafür erkennet worden, sey sonnenklar, zeiget das Weistum de anno 1366.“

1398: „Dieses herrliche Weistum wird bekräftigt: Ich Johann von Rudenkeim Ritter erkenne und tue kund öffentlich, daß ich den vorgenannten Abt an seinem Dorffgericht zu Dornickheimb mit allen ihren Rechten, Zugehörten und Renten fördern, nit hindern, schädigen oder drängen soll.“

1475: „Anno 1475 tut Abt Hermannus cum Prior Henricus und seinem ganzen Convent dem Herrn Grafen Philipp zu Hanau das Lehen aufkündigen, in welcher Aufkündigung er seiniges Dorf zu Dörnickheim dreymal nennet, welche Graf ebendasselbe Jahr ohne einige Widerrede das Lehen empfangen.“

1503: „ist anno 1503 von selbigem Abt Hermann der Graf Reinhard mit dem Dorf Dörnickheim belehnt worden.“

1661: „Anno 1661 gibt Herr Graf Friedrich Casimir von Hanau die Vollmacht seinen Mandanten Peter Reinhard Schöffer, von ehrw. Herrn Ab Jodoko das Lehen zu empfangen nach Anleitung des klg. Donationsbriefs Henri IV. von Jahr 1064 und des Dörnickheimer Weistums von 1366.“

1701: „Anno 1701 wird Herr Philipp Reinhard Graf zu Hanau von dem Herrn Pankratius, Abt zu Skt. Jakobsberg, mit der Vogtey des Dorfes Dörnigheim und was er an demselben zu Lehen hat, mit allen seinen Rechten zu rechtem Mannlehen, jedoch vorbehalten seines und seines Gotteshauses Mannlehen belehnt.“

Im Jahre 1701 scheint der Graf von Hanau das letzte Mal ordnungsgemäß vom Mainzer Abt belehnt worden zu sein. Ein Protokoll über den Belehungsakt ist, aus den Hanauer Akten entnommen, in Heinrich Lapps Buch über die Geschichte Dörnigheims nachzulesen. An der oben abgedruckten Erklärung ist der Schluß interessant. Hier ist von einem Vorbehalt die Rede. Es kann sich dabei wohl nur um einen Restbesitz des Mainzer Abtes in und an dem Dorf Dörnigheim handeln, worauf vielleicht der bis in die jüngere Zeit hinein bekannte Name „Im Herrenhof“ hinweisen könnte.

Nach 1701 beginnt der eigentliche Streit zwischen Mainz und Hanau. Im Jahre 1710 geht beim Mainzer Abt ein Schreiben aus Hanau ein, in dem Hanau dem Mainzer Abt das Recht abspricht, sich „Herr von Dörnigheim“ zu nennen. In den Mainzer Akten heißt es darüber: „Anno 1710, den 11. Aprilis schickt die Hanauische Regierung ein Contradictionsschreiben an den vorgenannten Prälaten, in welchem demselben das dominium directum immediate contradicieret wird, mit Beyfügung, daß dem Herrn Abt nicht das geringste zu Dörnigheim zugehöret, welches die Anmaßung des Titels eines Herrn zu Dörnigheim einigermaßen bescheinigen könne.“ „Anno 1711, den 9. August wird das vorige Schreiben von Hanauischer Regierung repetieret.“

Trotzdem muß der Hanauer Graf im folgenden um eine offizielle Belehnung („Mutung“) gebeten haben, was der Abt aber ablehnte, solange die zitierten „Contradictionsschreiben“ vom Hanauer Grafen nicht zurückgenommen worden seien. So ist schließlich der Schluß zustande gekommen, mit dem der Mainzer Abt und die kurfürstliche Regierung am 13. Mai 1713 ihre große Eingabe an das kaiserliche Hofgericht in Wien beendet haben.

 „Anno 1713, den 10. Aprilis hat der jetzt regierende Herr Graf Reinhard zu Hanau die Lehenmuthung getan, es hat aber erwehnter Herr Abt die Belehnung, eher und bevor nicht erteilen wollen, es wären dann die sehr gefährlichen und nachtheiligen Contradictionsschreiben revocieret, weil nun solches nicht geschehen wollen, so hat sich der Herr Abt ex officii et juramenti sui gemüßigt befunden, bei einem hochpreislichen Reichshofrat seine Noth vorzustellen, um die gefährlichen und präjudizierlichen Zuschreiben zu redressieren, sich anbey in seiner von sechs saeculi herrührigen Possession des domini directi über das Dorf Dörnigheim zu manutenieren, und seinem anvertrauten Gotteshaus von alters her und von rechtswegen competierende Jura nicht zu vergeben oder einiges praejudizium bey diesen arglistigen Zeiten erwachsen zu lassen.“ Von einer Antwort des Reichshofrats auf die Eingabe der Mainzer vom 13. Mai 1713 ist nichts zu finden.

Dagegen wird, unter den in Würzburg lagernden Akten ein Briefwechsel aufbewahrt, den der Abt des Jakobsklosters mit seinem Landesherrn, dem Erzbischof und Kurfürsten im Jahre 1729 geführt hat. Der Abt bittet den Kurfürsten um seine Unterstützung bei der Wiederaufnahme des Dorfes Dörnigheim, „wenn der todkranke Graf von Hanau demnächst hintritt.“ „Falls ‑ was zu erwarten ist“, wie der Abt schreibt – „die Hanauer Schwierigkeiten bereiten, möge der Kurfürst vorsorg1ich einen Beamten seiner Kanzlei, begleitet von zwei Soldaten bei der Inbesitznahme zur Verfügung stellen.“

Interessant ist die Antwort des kurfürstlichen Rats auf diese, den allgemeinen Zeitgeist und die tatsächlichen politischen Verhältnisse total verkennende, Bittgesuch des Abtes. Hier heißt es unter u.a.: „Der Herr Graf fühlt sich zur Zeit noch ziemlich wohl und in solchem Stand, daß dessen Todesfall so bald nicht zu erwarten ist, also halte man des Herrn Prälaten auf dem Jakobsberg in eventu aperti feudi geschehenes Gesuch annoch vor allzu frühzeitig.“

Zur Beruhigung des Abtes wird angefügt: „Sollte sich der Fall wirklich ergeben, so stünden dem Herrn Prälaten zur Manutenierung seiner Gerechtsame ein Notar mit Zeugen zur Verfügung. Es sei aber bedenklich, einen kurfürstlichen Beamten und zwei Soldaten zu solchem actu zu gebrauchen, da nicht unbillig zu besorgen ist, daß bei dieser Unternehmung es gar leicht zu allerhand Tätlichkeiten kommen und dadurch allerhand Ungemach darob entstehen dürfte, mithin ist man der Meinung, daß vom ehrwürdigen Herrn Prälaten sein diesfalls gethanes Gesuch abzuschlagen sey.“ Mainz, den 8.6.1729.

Das ist das Ende des Rechtsstreits zwischen Mainz und Hanau im Jahre 1729, soweit er in den Akten seinen Niederschlag gefunden hat. Das aus dem Vogteirecht abgeleitete Hoheitsrecht der Hanauer Grafen wird im Jahre 1736 an das Haus Hessen‑Kassel weitervererbt. Im Jahre 1803 wurden alle geistlichen Güter säkularisiert. Damit war der Rechtsstreit zwischen Mainz und Hanau gegenstandslos geworden. Dörnigheim kam an das Fürstentum Hanau, mit diesem an das Fürstentum Hessen‑Kassel, dem die alte Grafschaft Hanau schon seit dem Aussterben der Münzenberger Grafen angegliedert war.

 

18. Jahrhundert:

Die Dörnigheimer versuchten sich zu allen möglichen Abgaben zu widersetzen. Besonders erzürnt war der Pfarrer von Kesselstadt, der bis 1720 die Dörnigheimer Gemeinde als Filial mitbetreute. Als die Kesselstädter ihre Kirche renovierten, verweigerten die Dörnigheimer schlicht den von ihnen geforderten finanziellen Beitrag. Sie hatten ihre eigene Kirche im Dorf und damit basta.

Das Original des Dörnigheimer Gerichtssiegel findet sich zum Beispiel auf einer Urkunde aus dem 18. Jahrhundert. Abgebildet ist ein von zwei Lorbeerzweigen umkränztes E. Das gleiche E befand sich auf einem Grenzstein, einem sogenannten Dreimärker, der auf der Hochstädter Seite ein H, auf der Wachenbuchener Seite ein W, aber auf der Dörnigheimer Seite anstelle eines D ein E aufwies. Der frühere Dörnigheimer Lehrer Jung gibt hierfür folgende Erklärung: Die drei Balken des E deuten auf die drei Parteien, die Besitzrechte in Dörnigheim hatten.

Nach dem Siebenjährigem Krieg scheint es in Dörnigheim wieder aufwärts gegangen zu sein. Die Straßen wurden gepflastert und Brunnen angelegt. Die nun entstandenen Häuser sind zum Teil in ihrer Grundsubstanz noch heute erhalten. Aber Dörnigheim war arm. Karge Böden, häufige Überfälle durch Straßenräuber und durchziehende Soldaten, und immer wieder militärische Einquartierungen und Plünderungen hatten den Ort ausgezehrt. Die Häuser waren entsprechend bescheiden und hielten nicht lange. Das älteste bis heute erhaltene Wohnhaus wurde im Jahre 1671 erbaut und hat nur wenige alte Nachbarn. Im Jahre 1707 wohnten bereits 55 Familien in Dörnigheim. Eine weitere Mauer wurde 1752 errichtet: Die Mainmauer mit Obermain‑ und Untermaintor. Dabei fanden auch Steine der Ringmauer Verwendung.

Den Streit zwischen den Grafen von Hanau und der Abtei in Mainz um das Hoheitsrecht in Dörnigheim wurde gerichtlich nie entschieden. Dieser Streit wurde erst im Jahre 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss beendet. Durch diesen formalen Akt wurden alle geistlichen Güter in Deutschland säkularisiert, was nichts anderes bedeutet, als dass sie einem weltlichen Besitzer übergeben wurden.

Die Eigentumsrechte gingen von Hanau über Kurhessen im Jahre 1866 auf die preußische Hoheit über und blieben dort bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Nach Kriegsende wurde der Staat Preußen verboten und aufgelöst. Seitdem gehört Dörnigheim zu dem in dieser Form neu gegründeten Bundesland Hessen.

 

Leben im Dorf

Das ursprüngliche Bild des alten Dörnigheim zeigt uns als Dorftyp ein sogenanntes Haufendorf mit Gewannflur und Allmende. Der Wohnbereich bildete den Dorfkern, wo die bäuerlichen Hofstätten mit ihren Wohn‑ und Wirtschaftsgebäuden in einem Netz von Wegen und Gassen eng beieinander lagen. In unmittelbarer Nähe der umzäunten Hofstätten befand sich das mit Weidengeflecht (Edderzäune) eingefriedete Gartenland. Es unterlag nicht der Brachordnung, wer Eigentum der Hofbesitzer und wurde von diesen individuell bewirtschaftet. Bereits im Hoch‑ und Spätmittelalter pflanzten die Bauern hiermit Vorliebe Küchengemüse, wie Rüben und Kohl sowie Erbsen und Linsen, aber auch Gespinstpflanzen wie Raps und Hanf oder die Färbereigewächse Waid und Krapp. Die neu entstehenden Märkte in der nahen Stadt Hanau mögen für den Überschuß gute Absatzmöglichkeiten geboten haben.

Rings um das Dorf erstreckte sich die Ackerflur, die in große Feldblöcke -„Gewanne“ genannt - eingeteilt war. Diese waren wiederum in kleine Streifen untergliedert. Jeder Bauer besaß in der Regel in jedem Gewann einen oder mehrere Streifen. Die Parzellen lagen im sogenannten Gemenge und waren dort, wo keine Feldwege angrenzten, nur über das Feld eines anderen Bauern zu erreichen. Bei der Nutzung des Ackerlandes im System der Dreifelderwirtschaft war die Ackerflur auf drei Großfelder verteilt, auf denen im jährlichen Wechsel Winterfrucht oder Sommerfrucht angebaut wurde und das dann ein Jahr brach lag.

Die Ackerflur unterlag einer strengen Flurordnung. Die Dorfgenossenschaft oder der Dorfvorsteher bestimmten, wann gesät und geerntet, wann das Saatfeld eingezäunt oder der Zaun wieder entfernt wurde. Abgeerntete Getreidefelder dienten dem Vieh als gemeinsame Stoppelweide. Wiesenland erstreckte sich entlang der Bäche oder auf niedrig gelegenen Grundstücken am Main und wurde von den Bauern individuell bewirtschaftet.

Ein Zeugnis jener Zeit ist der heute unter Naturschutz stehende „Hutebaum“ nahe der Kesselstädter Schleuse. Die 300 bis 450 Jahre alte Flatterulme diente dem weidenden Vieh als Schattenspender, allerdings war sie auch als weithin sichtbarer Einzelbaum Sammelplatz fürs Militär, was ihr außerdem den Namen „Läusbaum“ eintrug.

Jenseits des Acker‑ und Wiesengürtels breiteten sich die von allen Bauern des Dorfes gemeinsam genutzten Weide‑ und Waldflächen aus, die Allmende. Besonders der Allmendewald, bei uns teils Hoch‑ und teils Buschwald, diente der bäuerlichen Bevölkerung als wichtige ergänzende Nahrungsquelle. Neben Obst, Beeren und Pilzen und Kräutern konnte hier auch der Bedarf an Bau‑ und Brennholz gedeckt werden. Laub als Winterfutter für das Vieh und Honig sowie das aus den Waben gewonnene Wachs waren ebenfalls von großem Nutzen.

Außerdem diente der teils mit Weideplätzen durchsetzte Buschwald den Bauern als Waldmast für die Schweine, dem Hauptlieferant von Fleisch. Die Wald‑ und Weidemast bildete dabei die Grundlage der Schweinehaltung. Die Tiere weideten unter der Aufsicht eines Schweinehirten in den Wäldern, wobei besonders im Herbst Eicheln und Bucheckern von besonderer Bedeutung waren.

Mit dem Ausbau der Dorfgemarkung und der Erhöhung der Zahl der Gehöfte wurde die Weidefläche der Allmende empfindlich verkleinert, so daß bäuerliche Verordnungen den Tierauftrieb zu beschränken versuchten. Eine Besoldungsregelung für den Kesselstädter Zöllner legte im Jahre 1545 unter anderem fest, daß er von der Gemeinde Dörnigheim „notdürftig Brennholz aus der Fron“ erhalten solle und „daß er vier Säue in die Eckern“ treiben dürfe, sofern solche im Wald vorhanden seien.

Zu heftigen Konflikten konnte es zwischen Schäfern und Bevölkerung kommen, wenn die Schafherden der Grundherren ohne Zustimmung der Bauern dörfliche Allmendeflächen beweideten. Das Benagen junger Bäume durch die Schafe konnte den Wald‑ und Buschbestand dauerhaft gefährden. Auch sonst unterlagen Schäfer einer besonderen Reglementierung. So verfügte die Hanauer Kanzlei 1541, daß die Schäfer von Kesselstadt und Dörnigheim in den Turm gelegt werden, weil sie gegen das Gebot, ihre Hunde an Stricken zu führen und „mit Knebel zu behängen“, gehandelt hatten.

Honig war ein begehrter Süßstoff. Bienenkörbe fanden sich auf vielen Bauernhöfen und wurden regelmäßig in den Waldgebieten ausgesetzt. Bereits die Volksrechte des früheren Mittelalters enthielten. Bestimmungen gegen den Diebstahl von Bienenschwärmen. In den Dörnigheimer Kirchenbaurechnungen ab dem Jahre 1625 findet noch der Wachszins als wichtige Einnahmequelle neben dem Geldzins Erwähnung.

Die namentliche Bezeichnung der Gemarkung, der Fluren und Gewanne wurde besonders notwendig bei einer Übereignung zum Beispiel bei Erbschaften, Tausch oder Verpfändung. Die Namen richteten sich häufig nach den örtlichen Gegebenheiten oder das Gelände wurde nach dem zum Zeitpunkt der Benennung stattgefundenen Anbau benannt: „Eichenhege“, „Kappesbrücke“ (Kappes = Kohl), Wiese, Weide und so weiter aber auch Negativgelände wurde bezeichnet, auf dem kein Anbau möglich war. „Seifchen“ (sumpfige Stelle).

Mit der Ausdehnung wurden auch Phantasienamen mit geringer Bedeutung eingesetzt: „Kiebitzlache“ oder auch einfach die Namen der Besitzer benutzt: „Spenersche Gärten“, „Burgernickel“ (Nicolaus Burger), aber auch „Heilige Äcker“ und „Abtsbusch“ (Hinweise auf Besitztümer eines Klosters. Im Jahre 1731 zum Beispiel finden in einem Güterverzeichnis des Gewannbuches aus dieser Zeit folgende Namen auswärtiger Grundherren Erwähnung: Stift Petri und Alexandri zu Aschaffenburg Lehensgut, Johanniterlehensgut, Altenrichslehensgut, Jakobskloster Mainz, Deutschordenritterlehensgut, Karmeliterlehensgut, Liebfrauenstift Mainz Lehensgut, Bartholomäusstift, Liebfrauenstift Frankfurt.

Im späten Mittelalter (um 1500) waren die Markierungen weitgehend festgelegt und haben bis heute nur durch Überbauung oder Zusammenlegung von Grundstücken eine Veränderung erfahren. Das Dreifelder‑Feldsystem war bis in die neuere Zeit hinein eine zweckmäßige Organisationsform, gewährleistete es doch eine optimale Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Ackerfläche, in dem kein Land für Wege vergeudet werden mußte.

Hufebauerntum und Dreifelderwirtschaft kennzeichneten die west‑ und mitteleuropäische Agrarverfassung des Mittelalters und werden von Wissenschaftlern „höchst fortschrittliches Element der mittelalterlichen Epoche“ (O. Brunner) und als „elementare Voraussetzung für die Entfaltung des Städtewesens und für den Aufschwung der europäischen Wirtschaftsmacht“ angesehen.

Das System erforderte allerdings auch bei großzügiger Handhabung ein hohes Maß an Organisation. Der Zugang zu allgemeinen Ressourcen wie Wasser, Weide und Wald mußten sichergestellt werden. Sie mußten auch vor dem Zugriff Außenstehender und vor Überbeanspruchung geschützt werden.

Unvermeidbare Nachbarschaftshilfen schufen ein kompliziertes Netz gegenseitiger Abhängigkeit, außerdem mußten bestimmte Bedürfnisse genossenschaftlich geregelt werden. Hierzu gehörten die Anlage von Wegen und Zäunen, die Markierungen von Ortsgrenzen und Vereinbarungen über die Bebauung der Hofstätten und Fluren sowie die Benutzung gemeinsamer Anlagen wie Brunnen und Backöfen.

Um 1540 erhielt der Schultheiß von Dörnigheim beispielsweise jährlich von der Herrschaft Hanau eine Kappe als Lohn für die „Verhütung“ der Braubach. Um Überschwemmungen bei Hochwasser zu vermeiden, mußten abgesetzter Schlamm und Hindernisse regelmäßig beseitigt werden. Nachbarliche, hofrechtliche und gerichtsherrliche Elemente verschmolzen die im Dorf ansässigen Personen zur Dorfgemeinschaft.

Durch die Fesselung an den Flurzwang und das vorgeschriebene Anbausystem erfuhren individuelle Wirtschaftsinitiativen der Bauern starke Einschränkungen. Nachteilig wirkte sich außerdem aus, daß ein Großteil des von ihnen bewirtschafteten Landes dem Herren gehörte, für das sie einen bestimmten Teil der Ernte abgeben mußten.

Ein Grundmaß bäuerlicher Landzuweisung während des Mittelalters war lange Zeit die Hufe (mansus). Sie bedeutete die Normalausstattung einer Bauernfamilie mit Land, Betriebsmitteln und Nutzungsrechten an der Allmende und war für den Grundherrn eine Einheit für die allgemeine Steuererhebung. Je nach Bodenqualität, Grundherrschaftszugehörigkeit und Entstehungszeit war die Hufe von unterschiedlicher Größe.

Mit dem knapper werdenden Kulturland mußten auch die Grenzen zu Nachbargemeinden markiert werden. Landschöffen vermaßen und überwachten deren Verlauf. Grenzsteine wurden gesetzt. Dort, wo die Grenzen von Dörnigheim, Hochstadt und Wachenbuchen zusammenstoßen, steht noch heute ein sogenannter Dreimärker. An seinen drei Seiten sind jeweils die Anfangsbuchstaben der Gemarkungen eingeritzt: H für Hochstadt, W für Wachenbuchen, auf der Dörnigheimer Seite ist die Oberfläche des Steines leider zerstört.

Der erste namentlich erwähnte Landschöffe von Dörnigheim ist ab dem Jahre 1654 Niclas Lapp. Jedes Jahr fand am „Aschtag“ (Aschermittwoch) ein sogenannter „Banngang“ statt. Dabei wurden die Gemarkungsgrenzen abgeschritten aber auch das Land auf Flurschäden, Waldschäden oder Weinbergschäden untersucht. Während des 30jährigen Krieges in unserer Gemeinde vernachlässigt, wurde 1656 erstmals wieder von den benachbarten Wachenbuchern ein solcher Banngang, auch „Abgehen der Mark“, vorgenommen, wie es heißt „so in 40 Jahren nit geschen“. Danach wurde mit den Dörnigheimern eine Ohm Bier vertrunken und ein „Imbs“ veranstaltet. (Ein Frankfurter Ohm betrug immerhin 143 Liter).

Zweimal im Jahr wurde „Rüge gehalten“, das heißt, Gericht gehalten über Feld‑ und Waldfrevel. Im Jahre 1743 ist es der Dörnigheimer Gerichtsmärker und Ortsbürger Peter Weber, der über entstandene Flurschäden beim Durchzug von Truppen im Verlauf der Österreichischen Erbfolgekriege berichtet und die Höhe der Schäden in Gulden feststellt: „Dörnigheim, den 8. Mai sind die österreichischen, hannoverschen und englischen Truppen bei uns gestanden im Oberfeld. In dem ist alles rujeniert an Sommer‑ und Winterfrucht am Grundborn und an der Äppelallee (Kesselstädter Weg) und die Wälder niedergehauen und verbrannt worden. Im Lager ist der Wald geschätzt worden an 1800 Gulden, und die Frucht auf den Feldern ist auch von Unparteiischen erkannt auf ungefähr 2400 Gulden. Sind wieder abmarschiert von. Dörnigheim am 10. September.“

Abgesehen von dem Dörnigheim zugeschlagenen Land des ausgegangenen Ortes Vorderhausen und einer zeitlich nicht genau nachvollziehbaren Erweiterung nach Osten, sind die Grenzen der Gemarkung über die Jahrhundertwende hinweg konstant geblieben. Auch von Grenzstreitigkeiten, wie sie etwa für Hochstadt mit Bischofsheim und Wachenbuchen belegt sind, haben wir keine Kenntnis. Erst im Jahre 1969 wurde im Zuge von Änderungen der Hessischen Gemeindeordnung und der Hessischen Landkreisordnung von 1960 die Grenzen zwischen der Stadt Hanau und der Stadt Dörnigheim geändert. Es handelt sich hier um eine Begradigung der Dörnigheimer Ostgrenze durch Geländetausch.

 

18. Jahrhundert:

Die Herrschaft empfiehlt 1700, beim Weinausschank kleinere Maße zu verwenden als es zu Frankfurt üblich (Bringt mehr Getränkesteuer, außerdem müssen die Maße geeicht sein). Dörnigheim zählt zu den Hanauer Orten, in denen Juden ansässig sind. Im Jahre 1701 erfolgt die Belehnung der beiden Vogteien an Hanau.

In den Jahren 1703,  1705 und 1710 finden Hinrichtungen am Dörnigheim Galgen statt.

Im Jahre 1707 werden zu Dörnigheim 54 Familien, 1 jüdische Familie, 10 Pferde und 58 Ochsen gezählt. Der Krebsbach wird 1714 nach der Braubach geleitet, und seit dieser Zeit sind die Braubachwiesen versumpft.

Im Jahre 1720 erhält Dörnigheim eine eigene Pfarrei. Erster Pfarrer ist Abraham Hemmet aus Buchsweiler (Elsaß). Im Jahre 1720 kommt es zum Prozeß zwischen Jakobskloster zu Mainz und Hanau; ersteres bestreitet, Hanau mit dem ganzen Ort Dörnigheim belehnt zu haben.

Die Grafschaft Hanau kommt 1736 an Hessen‑Kassel. Aus dem Jahre 1738 gibt es eine Beschreibung von Dörnigheim und der beiden Vogteien von Bernhard.

Durchziehende und einquartierte Truppen drangsalieren 1741 die Bewohner und richten allenthalben großen Schaden an (Näheres siehe Jahresbericht aus dem Gemeinderechnungsbuch). Im Jahre 1743 gibt es ein Lager feindlicher Truppen im Oberfeld und die Schlacht bei Dettingen. Die beiden Mainpforten werden 1745 neu hergerichtet (Hölzerne Tore mit kleinem Strohdach).

Das Wolfenbüttelsche Regiment und sein Generalstab beziehen 1746 Quartier in Dörnigheim

Kaiserliche Husaren unter General von Thüngen werden 1747 einquartiert. Im Jahre 1748  hat der Ort acht Gastwirtschaften. Das riesige Rindvieh wird 1749  einer Seuche wegen zur Ader gelassen. Hessische Truppen unter Major Wilk werden 1750 einquartiert.

Im Jahre 1750  erfolgt der Bau der Mainmauer bis zum Haingraben. Im Jahre 1751 ist das Dorf bereits gepflastert. Eine mehrmalige starke Einquartierung gibt es1751. Für eine Hinrichtung im Jahr 1751 hat die Gemeindekasse 17 Gulden zu zahlen. Am Untertor stand 1753 ein Wachthaus.

Im Jahre 1754 Dörnigheim hat 109 Familien (463 Einwohner, darunter 18 Juden)  89 Wohn‑ bzw. Gemeindehäuser. Der Waldbestand beträgt 238 Hektar. Während des 7jährigen Krieges hat die Gemeinde große Kriegslasten zu tragen. (siehe Gemeinderechnungen). Im Jahre 1758  werden nur noch sechs Gastwirtschaften genannt. Ein großes Hochwasser gibt es 1764, das viel Schaden in den Feldern anrichtet. Die Frankfurter Landstraße wird 1769 mit Apfelbäumen bepflanzt.

Im Jahre 1769 gibt es eine  Seuche unter dem Hornvieh. Für Medikamente werden 77 Gulden 10 Albus aus der Gemeindekasse gezahlt. Im Jahre 1769  ist eine Ziegelei am Orte (Hinter dem Ort, siehe Gemeinde Rechnung).

Im Jahre 1770 ließ Landgraf Wilhelm IX. die Frankfurter Chaussee ausbauen und mit Apfelbäumen bepflanzen.

Im Jahre 1771 erbringt die Getränke-Steuer 138 Gulden. Außer den Bierbrauereien befindet sich eine Schnapsbrennerei hierselbst (Gasthaus „Zum Adler“, später kommt noch „Hirsch“ hinzu). Im Jahre 1772 sind infolge Blitzschlag der Adlerwirtschaft zwei Scheunen abgebrannt. Die Ringmauer wird bis zu ihrer heutigen Höhe abgetragen.

Im Jahre 1776 hat Dörnigheim an die Hanauer Herrschaft 105 Fastnachtshühner, 63 Sommerhahnen zu liefern. Fron und Geld und Frucht: Landsteuer und Gewerbe: 1074 Gulden. 7 Albus 6 Heller. Für Befreiung von Hof‑ und Burgbau: 58 Gulden. 14 Albus 6 Heller Baugeld zu Wällen und Gräben 47 Gulden 22 Albus 1 Heller. An Frucht: 4 Achtel Hafer, 13 Achtel Korn. Das Kaffeetrinken wird 1788 auf den Dörfern verboten.

 

 

 

Napoleonische Zeit: Der Vertrag zu Dörnigheim

Große Lasten durch Einquartierungen entstehen1792-95. Durchziehende Truppen rauben und  plündern (Französische Revolution). Die Einwohner flüchten 1795  vor den feindlichen französischen Truppen nach Hanau. Im Jahr 1798  wird das Gasthaus „Zum Stern“ erstmalig genannt. Im Juni 1800 streifen französische Truppen plündernd von Frankfurt aus bis Dörnigheim. Im Jahr 1802  war eine Anzahl Strumpfwirker und Leineweber am Ort beschäftigt.

Das Jakobskloster Mainz verzichtet 1803 endgültig auf seine Hoheitsrechte in der Gemarkung     Dörnigheim

Das Hanauer Land kommt 1805  unter französischer Herrschaft. Kaiser Napoleon muß 1806 in das sonntägliche Kirchengebet eingeschlossen werden. Der Bußtag wird 1807abgeschafft, statt dessen Erntedankfest gefeiert. Im Jahre 1807 wird das Hofgut (Jakobsgut) und das Hofhaus vom Kurfürsten in Besitz genommen und erhält einen gründlichen Umbau. Napoleon kommt durch Dörnigheim (nach mündlicher Überlieferung). Das Hanauer Land wird 1810  dem Großherzogtum Frankfurt einverleibt.

Durch Kaiser Napoleon kommt es 1810  zur Aufhebung der Fronarbeiten zu Dörnigheim, Kilianstätten und Hanau. Im Jahre 810  wird mit dem Torfstich in der Nurlache begonnen, dabei wird ein alter Einbaum zu Tage gefördert. Die Ämter Büchertal und Hanau 1811 erhalten eine gemeinsame Verwaltung.

Dörnigheim hat 1811 schwere Kriegslasten zu tragen. Einquartierungen gibt es von Februar bis zum Ende des Jahres. Nach der Schlacht bei Hanau am 30/31. Oktober 1812 erhält Dörnigheim starke Einquartierung. Das Rathaus wird als Lazarett eingerichtet. Kranke französische Soldaten hinterlassen das Nervenfieber.

Am 1.11. 1813wird das Hauptquartier der bayrischen und österreichischen Armee sowie Truppen nach      Dörnigheim verlegt. Der österreichische Generalfeldmarschall nimmt im „Hirsch“ Quartier. Mit diesem Ereignis trat Dörnigheim in die große Geschichte ein. Als Napoleon 1813 nach seinem mißglückten Rußlandfeldzug und dem Rückzugsgefecht im Hanauer Lamboywäldchen durch Dörnigheim gen Frankfurt hindurchgezogen war, eilten schleunigst der hessische Hofmarschall und Geheime Rath Freiherr du Thil und der österreichische Feldmarschall‑Leutnant Graf Fresnel im Gasthaus „Zum Adler“ zusammen, um den Vertrag zu Dörnigheim zu beschließen. Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde. Die Neuverbündeten verfolgten das Napoleonische Restheer und trieben es über den Rhein nach Frankreich. Damit trat auch in Dörnigheim, wie in weiten Teilen unseres Gebietes, für einige Zeit Ruhe nach den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen während der Erbfolgekriege und den Napoleonischen Feldzügen ein.

Die neuen Fürsten und Herzöge waren mächtig und frankreichhörig. Das heilige Römische Reich Deutscher Nation zerbrach jedoch erst dann völlig, als sich 1806 sechzehn westdeutsche Staaten vom Deutschen Reich lossagten und unter der Schutzherrschaft Napoleons, der sich 1804 zum Kaiser der Franzosen gemacht hatte, zum Rheinbund zusammenschlossen. Das sollte Deutschland teuer zu stehen kommen. Als Napoleon im gleichen Jahr gegen Preußen in den Krieg zog, mußten die Rheinbundstaaten 64.000 junge Soldaten zur Verfügung stellen. Dazu hatten sie sich verpflichtet. Die wehrfähige Jugend mußte allerdings unter Androhung der Konfiszierung ihres Vermögens oder Erbteils dazu „überredet“ werden.

 

Fürstentum Hanau französisch verwaltet

Nach dem Sieg über Preußen wurde Deutschland wieder einmal neu verteilt. Was unsere Heimat betrifft, so wurde das Fürstentum Hanau vorläufig unter französische Verwaltung gestellt. Das ermöglichte es Napoleon, seinen 1804 in Kraft getretenen „Code Napoleon“ auch hier einzuführen. Alte französische Rechtsgrundlagen waren mit den Ideen der Revolution verbunden worden. Er gewährte Gleichheit vor dem Gesetz, religiöse Toleranz und die Abschaffung aller Privilegien und grundherrschaftlicher Lasten. Für Deutschland bedeutete das die Aufhebung der Leibeigenschaft in den französisch besetzten Gebieten. Das war für viele Menschen in den Dörfern von großer Bedeutung, konnte aber nicht über die Lasten hinwegtäuschen, die der Bevölkerung aus den Abgaben erwuchsen, mit denen Napoleon seine illegale Sonderkasse, den „Tresor de l’Armée“, füllte.

Napoleon hatte sich zum uneingesehränkten Herrscher über ganz Europa emporgearbeitet. Es fehlten nur noch England und Russland. 1812 beschloß deshalb der Kaiser der Franzosen, mit einem für die damalige Zeit unvorstellbar großen Heer von über einer halben Million Soldaten, darunter Franzosen, Deutsche, Italiener, Schweizer, Holländer, Spanier und Polen, gen Osten zu ziehen. Er würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn Russland erobern bedeutete auch, England von seinem einzigen verbliebenen Lebensmittel‑ und Rohstofflieferanten abzuschneiden. Aus unserer Heimat machten Tausende junger Männer im Corps Westfalen diesen Feldzug mit.

Nach zwei siegreichen Schlachten stand denn auch Napoleon vor Moskau. Aber die Bewohner hatten die Stadt verlassen und hinter sich angezündet. Es gab keine Lebensmittel für das gigantische Heer, keine Versorgung. Im Oktober. begann der russische Winter. Der Zar bot keinen Frieden an. Napoleon befahl den Rückzug.

Da endlich schloß sich Europa gegen Napoleon zusammen. In der Völkerschlacht bei Leipzig, am 16. bis 18. Oktober 1813, besiegten Preußen, Russland, Österreich, Großbritannien und Schweden die „Grande Armée“. Napoleon und der Rest seiner Soldaten flohen. Mit 600.000 Mann waren sie nach Russland gezogen, 50.000 kamen zurück, 550.000 waren verhungert, erfroren, gefallen. Am 30. und 31. Oktober stellte sich Napoleon noch einmal den nachrückenden bayrischen und österreichischen Truppen bei Hanau zum Gefecht ‑ und wehrte sie erfolgreich ab ‑ selbst in diesem heruntergekommenen Zustand noch eine schlagkräftige Truppe.

Zwei Tage später, am 2. November 1813, kam es dann zu dem Vertrag, der in Dörnigheim zwischen einem Vertreter des Großherzogtums Hessen und dem Österreichischen Feldmarschall‑Leutnant geschlossen wurde. Das Großherzogtum Hessen löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde.

Im Gasthaus „Zum Adler“ in Dörnigheim kam es im November 1813 zu folgendem Vertrag, den der Brockhaus von 1894 den „Vertrag zu Dörnigheim“ nennt: „... Am 2. November 1813 trat Hessen durch den Vertrag zu Dörnigheim den verbündeten Mächten bei, wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde...“ (Brockhaus’ Konversations‑Lexikon, 1894).

 

Der Vertragstext:

„.Seiner Königlichen Hoheit der Großherzog von Hessen erachten es der Wohlfahrt Ihrer Unterthanen gemäß, Sich von der Rheinischen Conföderation zu trennen, und der heiligen Sache der coallierten Allerhöchsten Mächte beizutreten. Infolge dieses ist zwischen Seiner Excellenz dem Kaiserlich‑Königlich Oesterreichischen Herrn Feldmarschall‑Lieutenant und Commandierenden des vereinigten Oesterreichisch‑ Baierischen Armee‑Corps, Herrn Grafen von Fresnel, und zwischen dem Großherzoglichen Herrn Hofmarschall und Geheimen Rath Freiherrn von Du Thil nachfolgende Militair Convention geschlossen worden, welche bei dem unverzüglich mit den verbündeten Allerhöchsten Mächten abschließenden Definitiv‑Tractaten zur Basis dienen soll.

1.) Se König1iche Hoheit machen sich anheischig in der kürzest möglichen Zeit alle disponiblen Truppen in Ihren Staaten zu dem Verbündeten Oesterreichisch Baierischen Armee Corps stoßen zu lassen.

2.) verbinden Sich Sr Königlichen Hoheit diese Truppen nach Möglichkeit die in Ihrer Gewalt stehenden Mittel zu vermehren, und die Zahl und Gattung, der in ihre Folge zu stellenden, in dem Definitiv-Traktate bestimmt auszudrücken.

3.) Diese Truppen werden stets einen integrierenden Theil der verbündeten Armee ausmachen, und in dieser Hinsicht, so wie die übrigen Allerhöchsten Alliierten verpflegt und behandelt werden.

Gegenwärtige Militair‑Convention wurde zu diesem Ende von den Eingangsgenannten Bevollmächtigten in doppelter Fertigung mit ihrer Unterschrift und ihren Siegeln versehen.

Geschehen zu Dörnigheim am 2. November 1813.

Freiherr Du Thil                   Graf Fresnel

Hofmarschall und               Feldmarschallieutenant

Geheimer Rath

 

Dienstag, 2. November 1813 im Dorf Dörnigheim:

Zwei Bäuerinnen kommen die Frankfurter Straße in Dörnigheim runter. Zwischen sich schleppen sie mehr schlecht als recht einen schwer verwundeten französischen Soldaten. Sie haben ihn auf dem Schorsch Lapp seinem Acker gefunden. Seit zwei Tagen hat er sich hier versteckt gehalten. In ihren Kiepen tragen sie ein paar an den Bäumen übriggebliebene Äpfel. Sonst sind die Felder leer, Frucht, Gemüse und Obst entweder halbreif von den Bauern in Sicherheit gebracht oder von den durchziehenden Soldaten requiriert. Jetzt, Anfang November, ist der größte Teil der Wintervorräte bereits aufgezehrt. Eine einzige Kuh hat man im Dorf versteckt halten können. So hat man wenigstens einen Schluck Milch für die Kinder.

Die Bäuerinnen halten zusammen in diesen schweren Zeiten. Die wehrfähigen Männer sind schon seit Jahren beim Militär. Mal zogen sie nach Frankreich, mal gegen die Preußen, dann nach Rußland. Die meiste Zeit aber kämpften sie auf deutschem Boden. Lebensmittel und Vieh sind aufgegessen oder verkauft. Die Abgaben an den Staat sind hoch. Zwar erhält man aus der Gemeindekasse 1 Gulden 40 Kreuzer Verzehrgeld für jeden einquartierten Offizier, aber die einfachen Soldaten muß man so durchfüttern. Meistens holen sie sich ganz einfach was sie brauchen. Dabei gehen sie nicht gerade zimperlich mit der Bevölkerung um.

Man wird den halb ohnmächtigen jungen Franzosen ins Rathaus bringen. Dort liegen schon vierzig Verwundete im Lazarett. Sie haben sich von Hanau bis hierher geschleppt, nachdem sich dieser Kaiser Napoleon vor drei Tagen hinten im Lamboy‑Wald an der Kinzig mit den nachrückenden deutschen und österreichischen Truppen ein fürchterliches Gefecht geliefert hat. Aus Rußland kommen sie, ausgezehrt, zerlumpt, oft mit halb erfrorenen Füßen. Aber wenn’s drauf ankommt, können sie noch ganz schön kämpfen. Zu Verbündeten hat uns dieser Napoleon gemacht. Schlimm, schlimm. Nichts als Krieg und Not hat das gebracht.

Die beiden Frauen sehen schief über die Straße zu den Soldaten und Offizieren drüben beim „Adler“. Drin haben die Hessen ihr Hauptquartier. Zwei Mann stehen Wache neben der Tür mit aufgepflanztem Bajonett. Was da nun schon wieder los ist? Hohe Herren zu Besuch, allem Anschein nach. Einer der Soldaten hält die Fahne von Hessen. Und die andere Fahne daneben? „Hast du die schon mal gesehen, Magret?“ – „Naa.

 

Im Hauptquartier

Hier verlassen wir nun die beiden Dörnigheimer Bäuerinnen und schauen hinein in die Gaststube vom Wirtshaus „Adler“. Prächtig gekleidet sitzen sich der hessische Hofmarschall und Geheimer Rath Freiherr du Thil und der Feldmarschall‑Leutnant Graf Fresnel am Tisch gegenüber. Der Wirt hat sich in die Küche zurückgezogen und versucht zu lauschen. Es geht gesittet zu da drin, aber man versteht trotzdem nicht viel. Vor der Tür schwätzen die Soldaten, machen Witze. Es ist zu unruhig nach dem Geschmack des Wirts.

Der Großherzog Ludwig I. hat um diese Unterredung gebeten. Du Thil hat Handlungsfreiheit. Er besitzt vom Großherzog die Vollmacht für uneingeschränkte Verhandlungen. Ludwig hat die Nase voll von diesem Bündnis mit den Franzosen. Nichts als Scherereien hat er gehabt seitdem, Not und Tyrannei. 1 Million Franken mußte allein in Form von Anleihen von den Gemeinden in Hessen aufgebracht werden. Kurz darauf war die zweite Zwangsanleihe von 75.000 Gulden für Militärausgaben befohlen worden. Ganz zu schweigen von den immerwährenden Quartierlasten für die im Land liegenden französischen Truppen: 16.000 Mann und 2.000 Pferde. Dazu mußte man noch wehrhafte junge Männer stellen, wenn Napoleon irgendwo Krieg machte. Wie viele kommen denn jetzt aus Rußland wieder zurück? Es ist eine Katastrophe. Was gehen ihn eigentlich die Kriege von diesem Franzosenkaiser an?

Der Graf ist ein geschmeidiger Verhandlungspartner. Du Thil ist auch geschickt, aber doch etwas umständlich und hausbacken für den derzeitigen Geschmack.

In Wien hat man schon viel von den Franzosen gelernt. Ganz Europa lernt von den Franzosen. Augenblicklich will man es nicht so recht wahrhaben, aber die ständige Konfrontation mit der Sprache, das höfische Gehabe, das neue Gesetz, das formt. Trotz Krieg und Not schielt man immer wieder nach Paris, nach Versailles. Die Revolution hat arg gewütet, aber so viel Glanz läßt sich nicht auf einmal zerstören. Man hat Versailles gesehen und vergißt es nicht mehr. Wien ahmt bereits die neue französische Mode nach. Fresnel sitzt da in seidenen Kniehosen und kurzem elegantem Jackett. Du Thil wirkt da doch ziemlich altfränkisch mit seiner Lockenperücke und dem Bratenrock. Aber er bemerkt das gar nicht.

Eifrig ist er bestrebt, nicht allzu viele Vorteile an die bereits verbündeten Österreicher und Bayern zu verlieren. Die Bedingungen sind hart genug. Auch hier braucht man junge Männer im wehrfähigen Alter. Auch die Truppen der neuen Verbündeten müssen verköstigt werden, so lange sie sich auf hessischem Boden befinden. Trotzdem werden auch die einfachen Leute erkennen müssen, daß dies eine Befreiung ist. Man muß sich endlich aus der „Schutzmacht Frankreich“ lösen. Du Thil versichert sich nochmals, daß Hessen trotz des Militär‑Bündnisses ein freier Staat sein wird. „Aber natürlich“, beteuert Fresnel. Du Thil unterschreibt. Der Großherzog wird zufrieden sein.

Wie war es dazu gekommen?

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte in Deutschland die Aufklärung nach Kant „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, dazu geführt, daß die Formen der Gesellschaft, besonders des Staates, als Ergebnis von Vereinbarungen verstanden wurden, die man zwischen den Einzelnen zum eigenen oder allgemeinen Nutzen schloß. Ein wesentlicher Anspruch des Volkes an den Staat bestand in der Wahrung der Menschenrechte. In Deutschland war daraus ein neues Bürgertum entstanden, unterstützt von Friedrich dem Großen. Das war klug. Der heitere Lebensgenuß des Rokoko hatte deshalb nicht nur in den höfischen, sondern auch in manchen bürgerlichen Kreisen Eingang gefunden.

Nicht so in Frankreich. Am Hof Ludwig XVI. herrschten Willkür, Verschwendung und Mätressentum, das Volk jedoch war ausgezehrt und in bitterster Not. Die vorangegangenen Kriege, der Siebenjährige Krieg (1756‑63) unter Ludwig XV. gegen Friedrich den Großen, die See‑ und Kolonialkriege gegen England, in denen Frankreich seine wertvollsten Kolonien in Nordamerika und Ostasien verlor, hatten die Staatskasse geleert. Nun verlangte man nach einer verfassungsgebenden Nationalversammlung, um die absoluten Vorrechte des Adels und der katholischen Kirche abzuschaffen.

Da in den großen Städten die Unterschiede zwischen arm und reich immer am sichtbarsten sind, nimmt es nicht Wunder, daß gerade in Paris der „Pöbel“ auf die Straße ging, mit dem Ruf nach „Freiheit, Gleichheit. Brüderlichkeit“ die Bastille stürmte und den König in die Flucht schlug. Das Volk reagierte mit furchtbarer Wut auf alles, was reich und mächtig war. Die Französische Revolution war ausgebrochen. Mord und Totschlag im Gefolge. Man schrieb das Jahr 1789. Ihre Auswirkung sollte sich nicht nur auf Frankreich beschränken. Am Ende würde sich ganz Europa verändert haben.

Als man in Deutschland von der Flucht des französischen Königs erfuhr, mobilisierten Preußen und Österreich gemeinsam eine Armee, um in einen Feldzug gegen Frankreich die Revolution niederzuschlagen und das Königtum wieder einzusetzen. Ihnen schlossen sich viele westdeutsche Fürsten an, so auch der hessische Landgraf Ludwig I., in dessen Gefolge sich der berühmte Dichter Johann Wolfgang von Goethe befand. Freilich nahm dieser nur aus sicherer Entfernung, in einer Kutsche sitzend, mit der Feder in der Hand, an dem Geschehen teil, denn er war zu dieser Zeit bereits ein angesehener und reicher Bürger. Sein Patriotismus zum französischen Königshaus hat ihn sicher zum Mitgehen bewogen.

Der Feldzug verlief unglücklich und das zurückflutende Heer wurde von dem französischen Revolutionsheer bis nach Deutschland hinein verfolgt. Der innerpolitische Krieg wurde geschickt von den Führern der Revolution in einen außenpolitischen verwandelt. Die Gunst der Stunde nutzend, verlangte Frankreich von Deutschland alles Land westlich des Rheins, den es als natürliche Grenze bezeichnete. Zwischen 1792 und 1794 kam es ununterbrochen zu Kriegshandlungen, die auf deutschem Boden viel Schaden anrichteten. Besonders Hessen, das wegen seiner zentralen Lage ständig von den hin‑ und herflutenden Heeren besetzt war, einmal von den Preußen, dann wieder von den französischen Truppen, hatte große Verluste.

Kriegsmüde bot Preußen der Französischen Republik 1795 den Frieden an und überließ, des schnellen Abschlusses willen, den Franzosen das ganze linke Rheinufer. Nach einem zweiten europäischen Koalitionskrieg wurde im Friedensvertrag von Luneville 1801 diese Abtretung bestätigt.

Um die Bestimmungen durchzuführen, kam es 1803 unter dem Einfluß Napoleons auf dem Regensburger Reichstag zum „Reichsdeputationshauptschluß“. Viele deutsche Klein‑ und Kirchenstaaten wurden aufgehoben und größeren Staaten zugeschlagen. So wurde z.B. die Landgrafschaft Hessen‑Kassel, wesentlich vergrößert, zum Kurfürstentum Hessen‑Kassel, ebenso das Fürstentum Nassau zum Herzogtum Nassau und die Landgrafschaft Hessen‑Darmstadt zum Großherzogtum Hessen.

Die neuen Fürsten und Herzöge waren mächtig und frankreichhörig. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zerbrach jedoch erst dann völlig, als sich 1806 sechzehn westdeutsche Staaten vom Deutschen Reich lossagten und unter der Schutzherrschaft Napoleons, der sich 1804 zum Kaiser der Franzosen gemacht hatte, zum Rheinbund zusammenschlossen. Das sollte Deutschland teuer zu stehen kommen. Als Napoleon im gleichen Jahr gegen Preußen in den Krieg zog, mußten die Rheinbundstaaten 64.000 junge Soldaten zur Verfügung stellen. Dazu hatten sie sich verpflichtet. Die wehrfähige Jugend mußte allerdings unter Androhung der Konfiszierung ihres Vermögens oder Erbteils dazu „überredet“ werden.

Nach dem Sieg über Preußen wurde Deutschland wieder einmal neu verteilt. Was unsre Heimat betrifft, so wurde das Fürstentum Hanau vorläufig unter französische Verwaltung gestellt. Das ermöglichte es Napoleon, seinen 1804 in Kraft getretenen „Code Napoléon“ auch hier einzuführen. Alte französische Rechtsgrundlagen waren mit den Ideen der Revolution verbunden worden. Er gewährte Gleichheit vor dem Gesetz, religiöse Toleranz und die Abschaffung aller Privilegien und grundherrschaftlicher Lasten.

Für Deutschland bedeutete das die Aufhebung der Leibeigenschaft in den französisch besetzten Gebieten. Das war für viele Menschen in den Dörfern von großer Bedeutung, konnte aber nicht über die Lasten hinwegtäuschen. die der Bevölkerung, aus den Abgaben erwuchsen, mit denen Napoleon seine illegale Sonderkasse, den „Trésor de l’Armé“, füllte.

Napoleon hatte sich zum uneingeschränkten Herrscher über ganz Europa emporgearbeitet. Es fehlten nur noch England und Rußland. 1812 beschloß deshalb der Kaiser der Franzosen. mit einem für die damalige Zeit unvorstellbar großen Heer von über einer halben Million Soldaten, darunter Franzosen. Deutsche, Italiener, Schweizer, Holländer, Spanier und Polen, gen Osten zu ziehen. Er würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn Rußland erobern bedeutete auch, England von seinem einzigen verbliebenen Lebensmittel‑ und Rohstofflieferanten abzuschneiden. Aus unserer Heimat machten Tausende junger Männer im Corps Westfalen diesen Feldzug mit.

Nach zwei siegreichen Schlachten stand denn auch Napoleon vor Moskau. Aber die Bewohner hatten die Stadt verlassen und hinter sich angezündet. Es gab keine Lebensmittel für das gigantische Heer, keine Versorgung. Im Oktober begann der russische Winter. Der Zar bot keinen Frieden an. Napoleon befahl den Rückzug.

Europa schloß sich zusammen, um dem flügellahmen Adler den Garaus zu machen. In der Völkerschlacht bei Leipzig, am 16. ‑ 18. Oktober 1813, besiegten Preußen, Rußland, Österreich, Großbritannien und Schweden die Grande Armée. Napoleon und der Rest seiner Soldaten flohen. Mit 600.000 Mann waren sie nach Rußland gezogen. 50.000 kamen zurück. 550.000 waren verhungert. erfroren, gefallen. Am 30. und 31. Oktober stellte sich Napoleon noch einmal den nachrückenden bayrischen und österreichischen Truppen bei Hanau zum Gefecht ‑ und wehrte sie erfolgreich ab ‑ selbst in diesem heruntergekommenen Zustand eine schlagkräftige Truppe.

Zwei Tage später, am 2. November 1813, kam es dann zu dem Vertrag, der in Dörnigheim zwischen einem Vertreter des Großherzog von Hessen und dem Österreichischen Feldmarschall‑Leutnant geschlossen wurde. Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde“.

 

Bekanntmachung:

„Inserendum“ zur morgenden Zeitung: Nachdem des Großherzogs von Hessen, unseres allergnädigsten Souveräns Königliche Hoheit, Sich bewogen gefunden haben, mit den gegen Frankreich verbündeten und im Krieg stehenden Mächten unterm 2. d. M. eine vorläufige Allianz‑Convention abzuschließen, durch welche Se Königliche Hoheit, aus den bisher mit Frankreich bestandenen Conföderations-Verhältnissen getreten und der Sache der gegen Frankreich verbündeten Mächte beigetreten und Mitalliierter derselben geworden sind; so wird solches allen Dienern, Unterthanen und Angehörigen im ganzen Großherzogthum zur Nachricht und Nachachtung hierdurch zu dem Ende öffentlich bekannt gemacht, daß sie alle in die GroßherzogIichen Lande einrückenden Truppen der alliierten Mächte, als ihre Freunde anzusehen, sie bestens aufzunehmen, und sich von ihnen diesen Verhältnissen ganz entsprechende Behandlung zu gewärtigen haben. Darmstadt, den 5. November 1813,

Großherzoglich Hessisches Geheimes Staats‑Ministerium, Freiherr von Lichtenberg

 

Bestätigung durch den Großherzog:

Wir Ludwig n. G. G. Großherzog von Hessen, Herzog von Westphalen, beurkunden und bekennen hiermit: Nachdem Wir, in Gemäßheit und in Folge den von Unsrem Hofmarschall, Geheimen Rath und Kammerherrn, Wilhelm Carl du Bob Freiherrn du Thil mit dem en chef commandierenden General des Vereinigten Kaiserlich‑ Oesterreichischen und Königlich‑Bairischen Armee Corps unterm 2. dieses Monats zu Dörnigheim, in Unserem Auftrag und Namen, abgeschlossenen präliminairen Allianz‑Convention, und Unseres dadurch gleichbald bewürkten Beitritts zum Bündnis der gegen Frankreich alliierten Hohen Mächte, vorgedachten Freiherrn du Thil dazu weiters ernannt, beauftragt und bevollmächtigt zu haben, in Gemäßheit und nach Anleitung vorangeführten Convention, einen förmlichen Staatsvertrag mit dem oder den von Sr Kaiserl. Königl. Apostol. Majestät von Oesterreich, von Sr Kaiserl. Majestät dem Selbstherrscher aller Reußen und von Sr des Königs von Preußen Majestät dazu Bevollmächtigten zu unterhandlen und abzuschließen; also ernennen Wir Ihn Unseren Hofmarschall, Geheimen Rath und Kammerherrn, Wilhelm Carl du Bob Freiherr du Thil, hiermit und in Kraft dieses, zu Unserem Bevollmächtigten und ertheilen Ihm volle Macht und Gewalt, diesen Staatsvertrag in Unserem Namen zu unterhandlen und abzuschließen, auch versprechen Wir zugleich, alles dasjenige, was derselbe hierüber handeln und abschließen wird, in allen Puncten ganz genehm zu halten und vollziehen zu lassen. (Gegeben in Unserer Residenzstadt Darmstadt den 6. November 1813) Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und beigedrückten Staatssiegel. ( ).

 

Bestätigung in Wien:

Hochwohlgeborener Freyherr, Höchstzuverehrender Herr Geheimer Rath! Ich gebe mir die Ehre Euer Excellenz zu benachrichtigen, daß das hiesige Gouvernement bei Gelegenheit der gestern ausgegebenen außerordentlichen Beilage zur Wiener‑Hofzeitung dem hiesigen Publikum die Acception Ihro Königlichen Hoheit zum Kriege gegen Frankreich in folgenden Worten mitgeteilt hat:

„Am 2. November ward im Hauptquartier in Dörnigheim zwischen dem die vereinigten Oesterreichisch‑ Bairische Armee commandierenden F. M. L. Grafen Fresnel und dem Großherzoglich Hessischen Hofmarschal Freyherrn von Thil eine Militair‑Convention unterzeichnet, vermöge welcher Se Königliche Hoheit der Großherzog dem Rheinbund entsagen, und ihre gesammten Streitkräfte also gleich mit der Oesterreichisch‑ Bairichen Armee vereinigen.“

Die Nachricht hat hier viele Sensation und Freude erregt; ich aber habe nicht ermangelt meines bis dato noch suspendierten diplomatischen Characters ungeachtet diesen Schritt zu machen, wie er es verdient, zumal wenn man die geographische Lage der Staaten Ihro Königlichen Hoheit in Erwägung zieht.

Der ich in sehnlicher Erwartung baldiger Nachrichten mit Versicherung der reinsten und innigsten Veneration zu schließen die Ehre habe…Wien den 11 ten  Novbr. 1813, Eure Excellenz ganz gehorsamster Diener, Ludwig Freyherr von Braun.

 

Wertung:

Der Großherzog Ludwig I. hat um diese Unterredung gebeten. Du Thil hat Handlungsfreiheit. Er besitzt vom Großherzog die Vollmacht für uneingeschränkte Verhandlungen. Ludwig hat die Nase voll von diesem Bündnis mit den Franzosen: 1 Million Franken mußte allein in Form von Anleihen von den Gemeinden in Hessen aufgebracht werden. Kurz darauf war die zweite Zwangsanleihe von 75.000 Gulden für Militärausgaben befohlen worden. Ganz zu schweigen von den immerwährenden Quartierlasten für die im Land liegenden französischen Truppen: 16.000 Mann und 2.000 Pferde. Dazu mußte man noch wehrhafte junge Männer stellen, wenn Napoleon irgendwo Krieg machte.

Eifrig ist er bestrebt, nicht allzu viele Vorteile an die bereits verbündeten Österreicher und Bayern zu verlieren. Die Bedingungen sind hart genug. Auch hier braucht man junge Männer im wehrfähigen Alter. Auch die Truppen der neuen Verbündeten müssen verköstigt werden, so lange sie sich auf hessischem Boden befinden. Trotzdem werden auch die einfachen Leute erkennen müssen, daß dies eine Befreiung ist. Man muß sich endlich aus der „Schutzmacht Frankreich“ lösen. Du Thil versichert sich nochmals, daß Hessen trotz des Militär‑Bündnisses ein freier Staat sein wird.

Europa schloß sich zusammen, um dem flügellahmen Adler den Garaus zu machen. In der Völkerschlacht bei Leipzig, am 16. ‑ 18. Oktober 1813, besiegten Preußen, Rußland, Österreich, Großbritannien und Schweden die Grande Armée. Napoleon und der Rest seiner Soldaten flohen. Mit 600.000 Mann waren sie nach Rußland gezogen. 50.000 kamen zurück. 550.000 waren verhungert. erfroren, gefallen.

Am 30. und 31. Oktober stellte sich Napoleon noch einmal den nachrückenden bayrischen und österreichischen Truppen bei Hanau zum Gefecht ‑ und wehrte sie erfolgreich ab ‑ selbst in diesem heruntergekommenen Zustand eine schlagkräftige Truppe. Zwei Tage später, am 2. November 1813, kam es dann zu dem Vertrag, der in Dörnigheim zwischen einem Vertreter des Großherzog von Hessen und dem Österreichischen Feldmarschall‑Leutnant geschlossen wurde. Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde“.

Am 5. November 1813 (oder 1814?) kommen Kaiser Franz II., Zar Alexander von Rußland und am 13. November König Friedrich Wilhelm III. durch Dörnigheim. Der Rückzug der verbündeten Truppen 1815bringen große Lasten für Dörnigheim (Schlachtvieh 111 Gulden, Russischer Dolmetscher. 24, 27, 24 Gulden, Fourage 138 Gulden).

 

 

Ortsentwicklung

In den Jahren 1810-20 kommt die Edelmetallindustrie in Hanau in Aufschwung, auch Dörnigheimer treten dort in Arbeit ein. Franz Keppler, der letzte Mainzer „Hofbeständer“ (Verwalter), stirbt 1819. Um 1820  beginnt die Backstein-Ziegel‑ und Kalkbrennerei sowie das Körbeflechten. Im Jahre 1820  beträgt die Einwohnerzahl 479 Seelen.

Das Gasthaus „Zur Sonne“ wird 1821 erstmalig genannt. Im Jahre 1823 muß eine Nachzahlung an Kriegskosten von 2000 Gulden gemacht werden. Ein Teil des Hofgutes war 1823 noch in staatlicher Bewirtschaftung. Die Straße nach Hochstadt wird mit Steinen ausgebaut und mit 25 Apfelbäumen bepflanzt. Die Straße führte bis dahin den Namen „Der grüne Weg“.

In den Jahren 1827 ‑28 gibt es eine große Kälte. Auch im Winter 1829‑30  herrscht große Kälte, diese dauert 83 Tage. Der Main ist zweimal zugefroren

Das reformierte Schulhaus wird 1830 für 900 Gulden an P. Fritz verkauft. Das Dorfpflaster wird. 1829‑30 erneuert. Auch 1832/33, 35/36, 37/38, 41/42, 49/50, 53/54 sind sehr kalte Winter. Der 1710 erbaute steinerne Galgen am Hochgericht wird 1834 abgebrochen.

  Die Gemeinde erhält 1834aus der Staatskasse die 1806/07 gezahlten Kriegskosten zurück.

Im Jahe 1835 beträgt die Einwohnerzahl 654 Seelen, darunter 28 Juden. Auch in Dörnigheim wird 1836  erstmals Steinkohle verbrannt.

Die Chausseegeld‑Erhebestelle wird 1836 nach der Mainkur verlegt. Auch die Gemeindekasse muß eine gewisse Summe erhalten haben. In der Gemeinderechnung heißt es: bis dahin die Gemeindekasse 1865 Gulden erhalten. Im Jahre 1838  wird die Dorferweiterung nördlich und östlich der Dorfmauer gestattet. Der Friedhof wird 1838  nach dem Landgraben verlegt (heutiger alter Friedhof).

Die Rathausscheune wird 1838  erbaut, das Rathaus wird Dienstwohnung des Ersten Lehrers.

Im Jahre 1840  ist die Fleischbeschau schon in Übung. (s. Gemeinderechnung 1840).  Die Gemeinde erwirbt 1840das Chausseehaus. Die Besoldung der Gemeindebeamten beträgt 1840  schon 703 Gulden, 1834 waren es 569 Gulden. Am 18. Juni.1842 ist die Eröffnung der Dampfschiffahrt auf dem Main Im Jahre 1844 muß die Gemeinde 5000 Gulden Kapital aufnehmen (Zins 206 Gulden 10 Albus).

Im Jahre 1844 begannen die Bauarbeiten der Eisenbahnlinie Frankfurt‑Hanau. Im Jahre 1845  wird mit dem Bahnbau in Dörnigheim begonnen. Eingeweiht wurde das Stationsgebäude für den Bahnhof Hochstadt-Dörnigheim 1847. Die Linie wird 1848 eröffnet.

Der Hof sowie die übrigen Herrschaftlichen Gebäude gehen 1845 in Privatbesitz über (Hof an Winrich, Zehntscheune an Geibel, Rappen an Fliedner). Im Jahr 1847  stellt das Frankfurter Marktschiff seine Fahrten auf dem Main ein (fast 248 Jahre in Betrieb). Die Leichenschau wird 1848  angeordnet

Im Jahre 1848 ignorierten die Dörnigheimer die Aufforderung der Regierung, daß in allen Gemeinden eine Bürgergarde eingerichtet werden sollte. Es wurde zwar ein Signalhorn „zum Zusammenkommen für die Bürgergarde“ auf Kosten der Gemeinde angeschafft. Die Gemeindevertreter lehnten jedoch die hierfür notwendigen Gelder zur Anschaffung einer Trommel, weißen Feldhüten und Kitteln ab. „Es ist anzunehmen, daß damals in Dörnigheim keine Bürgergarde eingerichtet worden ist“, schreibt der Chronist. Das Signalhorn wurde später dem Spielmannszug überlassen.

Die Gemeinde beschafft 1848 eine Deutsche Fahne (schwarz, rot, gold). Eine Anzahl Dörnigheimer Einwohner wandert 1848‑49  nach Amerika aus. Im Jahre 1855  beträgt die Einwohnerzahl 895 Seelen.

Im Jahre 1850 besaß die Gemeinde Dörnigheim rund 40 Morgen mit Obstbäumen bepflanztes Ackerfeld, 50 Morgen Wiesen, 30 Morgen Hutweiden und 1.176 Morgen Wald. Im Wald und an der Braubach befanden sich Torflager.

Die Aufteilung des Fritzelschen Gutes erfolgt 1857. Mit dem Ausbau der Fischergasse wird 1860 begonnen.  Das Gasthaus „Zum Anker“ in der Fischergasse wird 1861 eröffnet. Das Chausseehaus erhält 1863  ein Stockwerk als Lehrerwohnung.  Durchziehende Truppen plündern 1866 die Bäckerläden. Das Pfarrhaus wird 1867  erbaut.

Im Jahre 1866 schließlich wurde Dörnigheim zusammen mit dem ganzen Kurhessen, der freien Reichsstadt Frankfurt und dem Herzogtum Nassau preußisch und gehörte fortan zum Regierungsbezirk Kassel innerhalb der Provinz Hessen‑Nassau.

Im Jahre 1867  wird die Gemeinderechnung nach Thaler, Silbergroschen und Heller geführt.

In den Jahren 1867‑69  wird die Mainmauer bis zum Landgraben geführt. Es gibt 44 Teilnehmer (Tafel in der Kirche) am Krieg 1870/71, davon kehrt einer, Karl Rauch, nicht zurück (als vermißt gemeldet). Die Mainlust geht 1871 in den Besitz der Familie Fischer über.

Die Gemeinderechnung wird seit 1871 in Mark und Pfennig geführt. Der Gemeindeschultheiß unterzeichnet von 1872 an mit „Bürgermeister“.

Im Jahre 1872  wird die neue Orgel aufgestellt von Wagner in Hersfeld (Preis 3400 Mark).

Im Jahre 1875 beträgt die  Einwohnerzahl 1145 Seelen.

Der Kirchturm wird 1877  erbaut, Baumeister ist Bernges aus Langendiebach (Preis 11.200 Mark).Dazu kommt 1877  die Kirchenuhr, gebaut von Ungerer Straßburg ( Preis 1.700 Mark).

Die Schule erhält 1877 die dritte Lehrerstelle, die drei Lehrsäle werden im Rathaus eingerichtet,      außerdem ist im Rathaus die Dienstwohnung des ersten Lehrers.

Der Gemeinderat hält 1877seine Sitzungen im Saale des ehemaligen Gasthauses „Zur Krone“ ab. Der Kirchturm erhält 1878 drei Glocken aus Frankenthal. Im sehr kalten Winter 1879‑80 erfriert ein großer Teil der Apfelbäume. Die Posthilfsstelle (Hintergasse) erhält 1880  Telegraphenanschluß. Der Friedhof wird 1881  erweitert. Erst im Winter 1881‑82  wird der Steinkohlenbrand allgemein üblich.

Die Gendarmeriestation wird 1883 errichtet. Johannes Rauch macht 1885 einen größeren Urnenfund (Brandgrab) auf dem Spitzen Sand. Im Jahre 1886  fährt der Kettendampfer auf dem Main. Im Jahre 1890 beträgt die Einwohnerzahl 1253 Seelen.

Der Frankfurter Landbesitz in der Gemarkung Dörnigheim verteilt sich 1890  auf Heilig Geist: 39,7050 Hektar,  Katharinen- und Weißfrauenstift 35, 2438 Hektar.

Im Jahre 1890  wird das Hanauer Wasserwerk in der Bornkaute erbaut. Der Winter. 1891‑92  ist streng. Das ehemalige Gasthaus „Zum Stern“ wird 1893  in „Frankfurter Hof“ umbenannt.

Im Jahre 1893 wurden Straßenschilder und Hausnummern angeschafft. Um die Jahrhundertwende begann die Bebauung des Gebietes nördlich der Lindenstraße, heute Kennedystraße.

Im Jahre 1895 erfolgt die Gründung des Sanitätsfrauenbundes.

 

Dörnigheims Entwicklung stagnierte jahrhundertelang. Der Boden der Gemarkung Dörnigheim ist nicht so fruchtbar wie der schwere Lößboden nördlich der Mainebene, die außer vom Mainfluß auch noch von vielen Nebenarmen, Sümpfen und Lachen bildend, durchzogen war. So ist es erklärlich, daß Dörnigheim lange Zeit ein kleines Dorf blieb. Die Bebauungsgrenzen bildeten der Main, die derzeitige Karl-Leis‑Straße, die alte Mauer an der heutigen Kennedystraße  und die „Wingert“, wo jetzt die Dietesheimer Straße verläuft. Im Volksmund heißt dieser Teil heute noch das „alte Dorf“.

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann ein ganz neuer Abschnitt in der Geschichte Dörnigheims. Nicht nur dehnte sich das Dorf nach Norden, Westen und Osten hin aus, sondern die Bevölkerung bekam eine neue innere Struktur. Aus Fischern, Korbflechtern, Bierbrauern und kleinen Kuh‑ und Ackerbauern wurden tüchtige Handwerker und Industriearbeiter, die, nachdem um 1850 die Eisenbahn von Frankfurt‑Ost nach Hanau gebaut war, leicht dorthin zur Arbeit fahren konnten. Die Einwohnerzahl wuchs von etwa 300 im Jahre 1810 auf etwa 1500 im Jahre 1914.

In der Zeit der Industrialisierung, kamen die Dörnigheimer zu einem Wohlstand. Die Männer und Söhne fanden Arbeit in den Fabriken der benachbarten Großstädte Frankfurt, Hanau und Offenbach und brachten Bargeld nachhause, während die Frauen die bescheidenen Felder und Gärten bestellten oder für Frankfurter Gasthäuser, Hotels und Großbetriebe die Wäsche besorgten. Anfangs wurde die Wäsche auf geliehenen Bauernwagen befördert. Mit der Einrichtung der Bahnstrecke Frankfort ‑ Hanau, 1848, und der Errichtung des Bahnhofs Hochstadt ‑ Dörnigheim, konnten die Waschfrauen die Wäsche in großen Körben mit der Bahn transportieren. Die Wäschereien brachten auch Arbeit für Büglerinnen, für Frauen, die sich auf das Stärken von Spitzen und Rüschen verstanden und für den Beruf der Weißzeugnäherinnen.

 

Feldbrand:

Bis um die Jahrhundertwende gab es in unserer Gegend in jeder Gemeinde Männer, die den sogenannten „Feld‑ oder Lehmbrand“ herstellten. Sie wurden „Russemächer“ genannt und stellten Mauersteine, die „Russen“ her. Bei entsprechenden Lehmvorkommen wurden die Arbeiten auf dem Feld ausgeführt, daher der Name „Feldbrand“. Nach der mündlichen Überlieferung von Maria Heck  befand sich in Dörnigheim noch im Jahre 1901 eine Lehmgrube im Backesweg, Ecke Westendstraße. Das Gelände wurde später verfüllt und wird gegenwärtig bebaut.

Jakob Emmert hat noch in seiner Kindheit bei der Herstellung der Steine zugesehen. Der ursprüngliche Lehmstein wurde in ältester Zeit an der Luft getrocknet, später an Ort und Stelle im Freien gebrannt, wodurch sich die Bezeichnung Lehmbrand oder Feldbrand herleitet. Die Steine bestanden aus reinem Lehm und wurden überall da hergestellt, wo natürlicher Lehmboden vorhanden war. Die Größe der Steine ist in den einzelnen Gegenden verschieden. Bei uns waren sie in der Regel 26 Zentimeter lang, 13 Zentimeter breit und sieben Zentimeter hoch. Der hierzu verwendete Lehm durfte weder zu fett noch zu mager sein.

Hersteller waren meist die Bauern selbst mit ihren Familienmitgliedern. Zu einer effektiven Arbeit benötigte man vier Personen. Sie trugen den Mutterboden bis auf eine feste braune Lehmschicht, den „lahme“, ab. Der mit Spaten und Hacken abgestochene Lehmboden wurde mit Schubkarren zu einem Behälter gebracht, der unten einen festen Boden hatte und oben offen war. Unter Zusetzung von Wasser wurde der Lehm eingesumpft und mit den bloßen Füßen so lange gestampft und geknetet bis er geschmeidig und gleichmäßig war und möglichst wenige Lufteinschlüsse aufwies. Steine und gröbere, Beimengungen wurden entfernt. Zur größeren Stabilität konnten dem Lehm Häcksel, Flachs‑ oder Hanfschäben (kleine Holzteilchen vom Flachs oder Hanf) beigemengt werden.

Für den nächsten Arbeitsvorgang benötigte man einen stabilen Arbeitsstuhl und eine Holzform mit den Maßen des Steins. Der bearbeitete Lehm wurde in diese Holzform gepreßt und mit einem Abziehstab geglättet. Den ausgestülpten Stein legte man auf ein mit Sand bestreutes Brett und ließ ihn an der Luft trocknen. Diese Arbeiten konnten nur vom Frühjahr bis Herbst bei gutem Wetter ausgeführt werden. War einmal Regen in Sicht, so mußten die Steine mit Stroh abgedeckt werden. Zu stark aufgeweichte Steine zerfielen, wurden eingestampft und erneut geformt.

Ungebrannt konnten nun diese luftgetrockneten Steine für Feuerungsanlagen, oder auch zerschlagen, zur Unterfüllung von Dielenanlagen verwendet werden. Sollte zum Beispiel eine Dreschtenne gebildet werden, so wurden die Steine mit einem Lehmstrich überzogen. Auch zur Füllung der Gefache von Fachwerkgebäuden waren sie geeignet.

Um eine größere Stabilität zu erreichen, konnten diese Rohlinge gebrannt werden. Dazu stapelte man oft bis zu 200.000 Steine zu einem Meiler. Auf jede Schicht Stein folgte eine Schüttung Kohlengruß beziehungsweise Steinkohlenabfall. Danach wurde der Meiler an vier Ecken angezündet. Er brannte dann vier bis sechs Wochen. Dabei wurden die äußeren Steine nicht so hart gebrannt wie die inneren und mußten zum Schluß umgesetzt und noch einmal gebrannt werden. Die Feldbrandsteine kamen überwiegend zum Ausmauern von Fachwerköffnungen zum Einsatz, da sie hohem Druck nicht standhielten. Zum Schutz vor Nässe mußten sie mit Kalkmörtel verputzt werden.

Lehmsteine unterscheiden sich von Handdachziegeln, Backsteinen und Ringofensteinen dadurch, daß diese aus Ton sind und in einem Ofen gebrannt werden.

Ausgrabungen haben ergeben, daß bereits um 7000 v. Chr. die sechs Meter hohen Mauern der Befestigungsanlage um die Stadt Jericho aus luftgetrockneten Ziegeln erbaut waren, ebenso wie die aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. aus Ägypten bekannten Ziegel aus getrocknetem Nilschlamm, die zum Bau von Tempeln Häusern und Stadtmauern benutzt wurden. In bunten Farben glasierte Ziegel sind aus späterer Zeit besonders von der Prozessionsstraße mit dem Ischtar‑Tor der Stadt Babylon erhalten..

Die Römer entwickelten bereits eine regelrechte Ziegelindustrie, die wir auch aus den belagerten Gebieten in unserer Gegend kennen. In dem Frankfurter Vorort Nied wurden bisher durch Ausgrabungen sieben Brennöfen nachgewiesen. Vermutlich zur Kontrolle der erbrachten Arbeitsleistung erhielten die Wer gefertigten Ziegel Stempel. 200 Ziegelstempeltypen von sechs verschiedenen Truppenteilen der XIV. und XXII. Legion lassen sich für Nied nachweisen (nach Vollert). Ziegel mit dem Stempel der XIV. Legion wurden nachweislich beim Bau des römischen Kastells in Hanau‑Kesselstadt und eines römischen Bauwerks, vermutlich ebenfalls eines Kastells, an der Stelle der heutigen Frankfurter Altstadt verwendet.

Nicht von ungefähr beginnt die Geschichte des Ziegels im vorderen Orient, sind doch ein trockenes, warmes Klima sehr gute Voraussetzungen für die Herstellung und Lebensdauer luftgetrockneter Mauersteine. Bei uns sind luftgetrocknete, oder auf einfache Weise auf dem Feld gebrannte Ziegel eher ein Zeichen von Armut. Sie finden heute kaum noch Verwendung, stellten aber zumindest in den letzten einhundert bis zweihundert Jahren einen erheblichen Teil der Bausubstanz. Da sie keiner hohen Belastung standhielten, fanden sie neben dem Ausmauern der Gefache bei Fachwerkbauten besondere Verwendung in der Befestigung von Scheunen‑ und Stallfußböden.

Daß in Dörnigheim in früheren Zeiten Lehm abgebaut wurde, hat sich in dem Flurnahmen „Leimenkaute“ erhalten. „Leim“ ist das althochdeutsche und „Leimin“ das mittelhochdeutsche Wort für „Lehm- oder Schlamm“. Das heutige Vogelschutzgebiet nahe der Nurlache befindet sich in diesem Gebiet. Die Flur östlich der Leimenkaute („Lehmgrube“) hieß früher „Ziegelhütte“, was auf eine Ziegelbrennerei hinweist. Vielleicht könnten Bodenproben im Vergleich zu verbauten Ziegelsteinen an alten Häusern in Dörnigheim hierüber weitere Hinweise geben.  

 

Fähre

Die Fähre bestand anfangs nur aus einem Nachen. Das Häuschen des Fährmannes stand neben dem Gasthaus „Zum Schiffchen“, von wo er bei Bedarf gerufen werden konnte. Auf dem Main war noch die Treidel‑Schiffahrt in vollem Gange.  Am 25. August 1903 erteilte das ehemalige Regierungspräsidium Kassel dem Kreis Offenbach die Konzessionsurkunde für den Fährbetrieb. Die jährliche Gebühr betrug damals zehn Mark, jeweils am 1. April im voraus zu entrichten.

Dörnigheim und Mühlheim sind zwei sehr alte Orte hier am Main. Bis zum Jahre 1904 bestand jedoch keinerlei offizielle Verkehrsverbindung über den Fluß. Der Main war nicht kanalisiert und nicht sehr tief, so daß die Fuhrwerke durch sogenannte Furten den Fluß überquerten. Im Jahre 1904 richtete der Landkreis Offenbach hier eine Wagen‑Gierseilfähre ein, die an Privatleute verpachtet wurde. Diese wurde nun bis nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1920 von mehreren Pächtern aus beiden Gemeinden über kürzere oder längere Zeit betrieben. In dieser Zeit war schon die Familie Schäfer auf der Fähre tätig. Seit 1923 ist die Familie Schäfer aus Dörnigheim nun Pächterin der Fähre, die den Main‑ Kinzig und den Kreis Offenbach miteinander verbindet.

Im Jahre 1921 war niemand mehr bereit, das Geschäft weiter zu betreiben, da es nicht lebensfähig und technisch völlig heruntergewirtschaftet war. Die Fähre wurde stillgelegt und kam nach Offenbach in den Hafen, wo sie völlig dem Untergang geweiht war. Nun waren die beiden Orte wieder ohne irgendeine Verbindung über den Fluß. Durchzulaufen oder zu fahren war nicht mehr möglich, denn der Main war kanalisiert und mit Schleusen versehen worden und hatte somit eine große Wassertiefe.

Auf das viele Zureden der damaligen Bürgermeister der Orte hin entschloß Heinrich Schäfer, die Fähre zu übernehmen und wieder in Betrieb zu setzen. So ging es nun im Familienbetrieb los, 1923 in den Zweiten Weltkrieg hinein. Im Krieg wurde die Fähre dann von Elisabeth „Lissy“ und Martha Schäfer betrieben, die zwischenzeitlich ihr Fährpatent gemacht hatte.

Bei Kriegsende wurde die Fähre von deutschen Soldaten sinnloserweise noch in den letzten Kriegstagen versenkt. Sie wurde unter großen Schwierigkeiten wieder in Betrieb setzt. War die Fähre doch einzige Verbindung, da die Mainbrücken zerstört waren.  Seit 1960 ist Peter Schäfer Fährmann in der vierten Generation tätig. Im Jahre 1971 wurde eine vollautomatische Diesel‑Fähre in Betrieb genommen, was eine noch schnellere Verbind zwischen Dörnigheim und Mühlheim bedeutete.

Nach dem Ausbau des Mains zur europäischen Wasserwirtschaftsstraße Ende der 70er Jahre mußten die Fährrampen umgebaut werden. Weil der Fluß dabei tiefergelegt wurde, haben die Schwankungen des Wasserpegels erheblich zugenommen. Für den Bau‑ zusätzlicher sogenannter Hochwasserrampen machte sich An‑ fang der 80er Jahre der damalige ehrenamtliche Mühlheimer Stadtrat Jakob Petry stark, was ihnen den Namen „Petry-Rampen“ einbrachte. Bis zu 100 Tage im Jahr wartete die Fähre am Ufer auf Einsätze. weil der Main einfach zuviel Wasser führte. Im Oktober 1983 konnten die leidgeprüften Pendler aufatmen: Seither müssen sie keine langen Umwege mehr mit ihren Blechkarossen in Kauf nehmen.

Im Jahren 1995 erhielt die Fähre eine Hymne: Nicht Chris de Burgh, sondern das Mühlheimer Mundartduo „Ohrenschmaus“ widmete dem Main‑Überbrücker das Lied vom „Fährmann“, konserviert auf einer CD.

Heute betreibt Peter Schäfer zusammen mit seiner Frau Ursula ‑ auch sie hat den „Fährschiffsführerschein“ – die Fähre in der vierten Generation. Die Offenbacher Vize‑Landrätin Eva‑Maria Tempelhahn gratulierte mit einem Blumenstrauß. Peter Schäfer setzt nun schon seit 1960 zwischen der Stadt Mühlheim und dem Maintaler Ortsteil Dornigheim über. „Mein Job und langweilig? Ich bitte Sie: Hier erfahre ich die neuesten Witze und die aktuellsten Nachrichten“. Von 5.30 Uhr bis 22 Uhr überwindet Schäfer mit seinem Dieselkahn den an dieser Stelle ‑ in Schiffahrtskreisen spricht man von Mainkilometer 50,7 ‑ 125 Meter breiten und bis zu sechs Meter tiefen Wassergraben. Nur bei Hochwasser und Eisgang bleibt der Selbstzünder kalt. Die nächsten Brücken sind weit entfernt: Flußabwärts können die Offenbacher über die Carl‑Ulrich‑Brücke brausen oder die Fähre in Rumpenheim benutzen, flußaufwärts liegt der nächste asphaltierte Überweg in Hanau‑Steinheim. Außer der Fähre zwischen Mühlheim und Dörnigheim und der bei Seligenstadt gibt es im Rhein‑Main‑Gebiet drei weitere Möglichkeiten zum Übersetzen per Boot: Die städtische Fähre im Hattersheimer Stadtteil Okriftel (Main‑Taunus‑Kreis) verkehrt jeweils samstags, sonntags und an Feiertagen von 8 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit. Nähere Auskunft. etwa zu Ausflugs‑ und Gelegenheitsverkehr, gibt es untern 06190/970172.

Die Fährverbindung zwischen Rumpenheim und Bischofsheim betrieb bis 1963 die Stadt Offenbach. Danach wurde sie von Hans Dill übernommen. Sie ist die einzige privat unterhaltene Fähre in Hessen.

Trotz alljährlichen Zitterns um städtischen Zuschuß und die damit verbundene Angst vorm Aus hat bis heute auch die Fuß‑ und Radlerfähre der Stadt Frankfurt überlebt, die zwischen Höchst und Schwanheim pendelt. Nicht zuletzt half gar eine Spendenaktion, zu der unter anderen die Bürgervereinigung Höchster Altstadt aufgerufen hatte.

Mit Erfolg, denn wie ehedem pflügt Fährmann Rudolf Kollath vom 23. März bis 23. September wochentags zwischen 7 und 19 Uhr durch die Mainfluten, am Wochenende und an Feiertagen jeweils von 9 bis 17 Uhr. Im November beschränkt sich der Betrieb auf die Werktage von 9 bis 16 Uhr. Vom 24. Dezember bis 1. Januar ruht die Fähre.

Peter Schäfer ist nicht nur Fährmann, sondern auch Kaufmann: 1,50 Mark kostet die Überfahrt für eine Person und ein Auto, 50 Pfennig jeder weitere Mitfahrer. Da ist doch das Benzin für den Umweg teurer. Vor allem die Berufspendler seien es, die die kurze, kreisübergreifende Verbindung nutzen.

Mit dieser Preispolitik, so erklärt Schäfer, rentiere sich das Geschäft. Der Kreis Offenbach, der die Konzession für das Floß hält, auf das acht Autos passen, gibt keinen Pfennig an Subventionen dafür aus. In Seligenstadt beispielsweise, wo die Stadt die Fähre betreibt, reißt das Übersetzungs‑Unternehmen jährlich ein großes Loch in den kommunalen Haushalt.

 

20. Jahrhundert:

Im Jahre 1900  betrug die Einwohnerzahl 1555 Seelen. Seit dieser Zeit setzt eine starke Bautätigkeit ein, besonders in Richtung Bahnhof. Im Jahre 1902  besaß Dörnigheim noch 237 Hektar Wald. Im Jahre 1906 erfolgte der Ausbau des Landgrabens und Umbenennung in Mühlheimer Weg. Der Winter 1906‑07 War wieder streng mit viel Schnee. Am 7. Februar 1908 war Hochwasser, der Weg zur Bahn war überflutet. Die Bahnhofsraße an der Braubach wird aufgeschüttet. Vom 5. bis 8. Februar 1909 ist wieder Hochwasser, die Untergasse ist überflutet.

Bei der  Volkszählung am 1.12. 1910 hat Dörnigheim 2.167 Einwohner. Die Hanauer Kläranlage am Wasserturm und am Hochgericht wird 1910‑11 errichtet. Vom 11.6. bis Ende August 1911 ist eine große Hitze mit Fischsterben.  Am 16.11.1911 abends 10 Uhr wird ein starkes Erdbeben verspürt.

Die soziale Umschichtung hatte zur Folge, daß bei den Dörnigheimer Einwohnern mehr als in den rein ländlichen, bäuerlichen Gemeinden die politischen Interessen geweckt wurden. Viele Vereine und Vereinigungen wurden gegründet, mit sehr vielfältigen Zielsetzungen. Eine große Rolle spielte die Politik. Schon 1914 wählten die Dörnigheimer Bürger einen sozialdemokratischen Bürgermeister. Er durfte sein Amt allerdings erst 1917 antreten. So waren in den 20er Jahren die sozialistischen Parteien dominierend.

Im Jahre 1920 wurde der Ort wurde an das Lichtnetz angeschlossen. Erst 1927 konnten die Dörnigheimer fließendes Wasser aus der Wasserleitung entnehmen. Die Gemeinde mußte sich für diese Neuerung mit hunderttausend Mark verschulden. Sie ließ die Arbeiten von den Frankfurter Städtischen Wasserwerken und der Firma Pons ausführen.

Das erste Automobils in Dörnigheim wurde um 1930 angeschafft: Eine Frau hatte eine Wäscherei, ihr Mann übernahm den Transport der Wäsche zu den Kunden im Fahrzeug und legte damit den Grundstock zu einem florierenden Fuhrunternehmen.

 

Nazizeit:

Der Lehrer Bruno Kahl war das erste Mitglied der NSDAP-Ortsgruppe. Jacob Dammköhler, Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim, wurde mit Kahls Unterstützung Bürgermeister. Mit der Beschlagnahme des Kapitals der „roten“ und „marxistisch“ eingestellten Arbeitervereine wie der Freien Turnerschaft  begannen die Nazis ihre Schreckensherrschaft.

Im Jahre 1940 meldete die gleichgeschaltete örtliche Zeitung, die Gemeinde sei jetzt „endlich judenfrei“. Die geisteskranke Marie Rauch wurde in der Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar ermordet.

Die Ablenkungsmanöver, der Nationalsozialismus habe nur in Berlin und München  und an der Front stattgefunden, hat keine Rückhalt mehr. In Dörnigheim wurden nicht nur „Befehle empfangen und ausgeführt“. Die Repressionen gegen mißliebige, aufmüpfige und couragierte Personen wurden am Ort teilweise in zynischer Manier selbst inszeniert.

Der Nationalsozialismus war über weite Strecken auch ein Selbstläufer. Die Zahl der Parteigänger stieg im doch so „roten Dörnigheim“ nach Hitlers Machtergreifung sprunghaft an und in der darauffolgenden Gemeindewahl konnte die Partei vor allem die Nichtwähler mobilisieren. Die Sympathisanten und Wähler der NSDAP kamen vorwiegend aus dem Mittelstand  und den wirtschaftlich sorgenfreien Bürgern, die in der Armutsphase der Jahrzehntwende im Gegensatz zu vielen anderen nicht darben mußten (Buch Salzmann).

 

Zwischen Mai und Juni 1935 kommt es vor dem Oberlandesgericht Kassel zu dem berüchtigten 88er‑Prozeß, in dem 88 Antifaschisten im Alter zwischen 21 und 64 Jahren aus Hanau und den umliegenden Ortschaften zu Gefängnis‑ oder Zuchthausstrafen verurteilt werden. Unter ihnen befinden sich die Dörnigheimer Jakob Heck, der nach seinem viermonatigen Gefängnisaufenthalt im Oktober 1935 ins KZ kommt.

 

Mitte September 1939 traf auf dem Langenselbolder Bahnhof ein Regiment mit etwa 1300 Soldaten ein, die auf die umliegenden Ortschaften verteilt wurden. Es war dies das Regiment List, Hitlers „Traditionsregiment“, in dem er selbst gedient hatte.

Das Bataillon, von dem später ein Teil der Kompanie in Dörnigheim liegen sollte, war in Hag bei Wasserburg am Inn für einen ersten kämpferischen Einsatz in Polen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zusammengestellt worden. Von hier aus fuhren die etwa 90 bis 100 Mann mit dem Zug durch Ungarn. Unterwegs trafen sie mit den anderen Einheiten des Regiments zusammen.

Kurz vor der polnischen Grenze endete die Fahrt, und die letzte Etappe nach Polen hinein mußte in einem drei‑ bis viertägigen Fußmarsch bei sengender Sommerhitze im August 1939 auf staubigen Landstraßen durch die Karpaten zurückgelegt werden.

Der heute 87‑jährige Max Fischer, der letzte Überlebende, der nach dem Krieg nach Dörnigheim zurückgekehrten Männer, erinnert sich. Der Kampf in Polen dauerte nur zwölf Tage und brachte dem Regiment keine Verluste. Lediglich der Major erhielt einen Schulterdurchschuß, als er sich nach Beendigung der Kämpfe noch einmal auf dem Schlachtfeld umsehen wollte. Der Reitbursche Max Fischer ritt unmittelbar hinter ihm und kam mit dem Schrecken davon. Das Pferd des Majors, von dessen Gut am Starnberger See von ihm selbst mitgebracht, trabte reiterlos selbständig zurück zur Einheit. Der Major mußte ins Lazarett und wurde bis Februar 1940 von einem Offizier, im bürgerlichen Leben ein Rechtsanwalt, vertreten.

Nach einem zwölftägigen Kampf war Polen besiegt und das Regiment wurde abgezogen. In Erwartung weiterer Verwendung kamen die Soldaten in Langenselbold an. Der Regimentsstab nahm in Steinheim Quartier, die vierte Kompanie des ersten Bataillons, eine Einheit mit Maschinengewehren und 70 Pferden, nach Bischofsheim. Die dritte und zweite Kompanie, beides Fußtruppen, lagen in Niederdorfelden und Hochstadt. Die erste Kompanie des ersten Bataillons, Infanterie, fand Quartier in Dörnigheim.

Nach ihrer Ankunft nahmen die Soldaten auf den Mainwiesen Aufstellung und wurden einzelnen Familien zugewiesen. Der Stab des ersten Bataillons, unter anderem zuständig für Nachrichten, richtete sich im „Frankfurter Hof“ ein. Die Küche stellte die „Mainlust“. Treffpunkt und Anlaufstelle für die Kompanie war das „Schiffchen“.

Max Fischer, der eigentlich der zweiten Kompanie angehörte, wurde als Bursche für den Adjutanten nach Dörnigheim abkommandiert. Als Bauernbursche war er vier Jahre lang auf einer Reitschule ausgebildet worden, hatte eine Reituniform erhalten und gehörte fortan dem Stab an. Er betreute das Pferd des Kompaniechefs zusammen mit seinem eigenen auf dem Bauernhof der Familie Ickes in der Hasengasse 5. Ein weiterer Bursche mit einem Pferd und ein Motorfahrzeug waren auf dem Heyerschen Anwesen untergebracht.

Zuständig für die Pferde und Schmiede des Bataillons war ein Veterinär der zweiten Kompanie. Die Schmiede versorgten die Tiere reihum auf den Dörfern. In Dörnigheim beschlug der Militär‑Schmied die Pferde in der Schmiede Heck in der Frankfurter Straße.

Als Max Fischer an einem Februarmorgen des Jahres 1940 das Pferd des Majors von der Hasengasse zur Schmiede führte, vernahm er vom „Frankfurter Hof“ her einen Zuruf, auf der das Pferd ohne Zögern reagierte. Der Chef, von seiner Verwundung genesen, war zurückgekehrt. Verwundert fragte der Major Max Fischer, wie der es fertig gebracht hätte, daß das früher bissige und ausschlaggebende Tier jetzt so zahm wie ein Lamm ohne Zügel hinter ihm her trabte. Ein Schulterzucken war die Antwort. Fischer hatte als Pferdekenner so seine eigenen Methoden, sich ein Pferd gefügig zu machen. Nun folgten häufige Ausritte durch den Dörnigheimer Wald nach Wilhelmsbad. Auf dem Rückweg setzte der Major dann zuweilen Prämien aus für den, der das Wettrennen bis zur Tankstelle Heck an der Hanauer Landstraße gewann.

Die gute Zeit vom September 1939 bis zum Mai 1940 endete mit dem Weiterzug der Soldaten des Regiments List nach Frankreich. Über Luxemburg marschierten sie in die Normandie. Zahlreiche Liebschaften Dörnigheimer Frauen mit den jungen bayerischen Soldaten überdauerten den Krieg. Manche Heirat wurde auf abenteuerliche Weise vollzogen. Der Max Fischer beispielsweise verlobte sich mit seiner Dora Seibel in Neuwied im Lazarett. Mit der Genesungskompanie aus Ingolstadt mußte er noch drei Jahre in Rußland verbringen, wo er verwundet wurde und nach erneutem Lazarettaufenthalt das Ende des Krieges im Einsatz auf einer Alm bei Klausen in Südtirol erlebte.

 

Bomben wurden meist nicht gezielt abgeworfen, sondern als „Restbestände“ der Angriffe auf Frankfurt von englischen und amerikanischen Kampfflugzeugen auf dem Rückflug ausgeklinkt. Sie trafen in der Nacht zum 24. Juli 1941 zum erstenmal und zerstörten Scheunen und Stallungen in der Hintergasse und Schwanengasse. In der Nacht vom 5. auf den 6. August 1941 detonierte eine Bombe auf dem Leinpfad zwischen „Mainlust“ und „Schiffchen“. Sie brachte „Dach‑, Fenster‑ und Mauerschäden“ an den in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden Häusern, und am Kirchturm ging die Uhr kaputt.

Am 4. Februar 1944 klinkten wiederum Flieger mittags gegen 11.45 Uhr ihre Bomben aus und richteten Schaden in der Hintergasse und der Fischergasse an. Die Sprengtrichter hatten teilweise einen Durchmesser von acht Meter, in den Mainwiesen gar von elf Meter, und waren vier bis fünf Meter tief. Blindgänger gingen in der Eichwaldstraße, in der Nähe der Eisenbahn, westlich des Dorfes in Höhe der Braubach, und im Wald nieder. Am 4. Februar schlug eine Bombe in das Transformatorenhäuschen ein, so daß tagelang kein Strom da war.

In der Nacht vom 18. auf den 19. März 1944 ging dann die schwerste Bombardierung auf Hanau und Frankfurt nieder. Pfarrer Kurz schreibt in der Kirchenchronik: „... Es ist ein Getöse, als wenn die Hölle los wäre. Die Kellerfenster und ‑türen klappern und bei jedem Zischen und Pfeifen befürchtet man einen Einschlag. In der Untergasse, wo eine Bombe beim Fritz Wilhelm eingeschlagen ist, brennt es und ringsum ist der Himmel vom Feuerschein der Brände in Frankfurt, Offenbach und Mühlheim am Main (...) gerötet.“

Die Bewohner von Hanau flüchteten teilweise vor dem Flammeninferno an den Main, mit durch Phosphor entzündeten Kleidern gleich brennenden Fackeln, und von da weiter nach Dörnigheim, wo sie im Notlazarett in der Schule an der Kirchgasse Zuflucht suchten. Ausgebombt und verzweifelt erlagen hier viele ihren schweren Verletzungen.

Gegen Ende des Jahres 1944 zeichnete sich bereits die militärische Niederlage der deutschen Wehrmacht ab, dennoch setzten die Alliierten auch Anfang 1945 massiv ihre Luftangriffe auf deutsche Städte fort. Am 25. März 1945, als bekannt wurde, daß die Amerikaner im Anmarsch wären, wurden hastig die in Dörnigheim zur Zwangsarbeit verpflichteten französischen Kriegsgefangenen auf einem Lastwagen fortgebracht. Auch in der Umgebung kam es zur Räumung der Kriegsgefangenenlager. Außerhalb von Dörnigheim fand man an der Landstraße nach Frankfurt kurz vor Fechenheim elf erschossene KZ‑Häftlinge, die offenbar von „SS“‑Leuten ermordet worden waren, vermutete Pfarrer Kurz.

 

Bei Kriegsende waren die deutschen Großstädte ausgebrannte Ruinenfelder, die Bevölkerung durch Entbehrungen, Hunger und Not gezeichnet. Im Morgengrauen des 28. März setzte eine ganze US‑Armee im Schutz von künstlichem Nebel auf einer Ponton‑Brücke, von Mühlheim her kommend, bei Dörnigheim über den Main. Es hatte nichts genutzt, daß deutsche Soldaten noch in diesen letzten Kriegstagen die Fähre versenkt hatten. Gleichzeitig rückten auch von Frankfurt her amerikanische Soldaten nach Dörnigheim vor.

Ein junger Dörnigheimer Soldat, der sich gerade auf Heimaturlaub befand, wurde bei dem Versuch, die Amerikaner am Ortseingang mit seinem Gewehr aufzuhalten, erschossen: Er hatte den schriftlichen Befehl in der Tasche, sich gegebenenfalls dem Feind entgegenzustellen!

Pfarrer Edwin Kurz schrieb über den 28. März 1945: „Nachdem es nachts noch ordentlich geknattert hat, ist Dörnigheim in aller Frühe zur Freude der Einwohner besetzt worden. Karl Friedrich I. ist als fanatischer Vaterlandsverteidiger beim zweck‑ und nutzlosen Einsatz ( ... ) von den einziehenden Amerikanern erschossen worden, da er sein Gewehr nicht abgab. Die Ami suchen in hysterischer Angst alle Häuser ab und nehmen in den durchwühlten Schubladen Hakenkreuze, Bleisoldaten und gefährliche Instrumente wie feststehende Küchenmesser und so weiter, mit.“

Die Bevölkerung begrüßte die amerikanischen Soldaten als Befreier. Noch am Tag zuvor hatten sie mit Bettüchern weiß geflaggt, mußten diese aber „auf höheren Befehl“ wieder einziehen, „da das Dorf nicht gefährdet sei“, wie mit der Ortsschelle ausgerufen worden war.

Zunächst besetzten die im Dorf zurückbleibenden Amerikaner Wohnungen in der Hanauer Landstraße, der Frankfurter Straße und der Bahnhofstraße, wo sie die spärlichen Lebensmittelvorräte plünderten, teilweise aber auch durch amerikanische Produkte ersetzten. Einige Bewohner hatten in aller Eile Öfen und Heizkörper ausgebaut, um dem Verbrauch ihres Heizmaterials vorzubeugen.

Für die deutsche Bevölkerung wurde zunächst eine Ausgangsbegrenzung angeordnet, von 8 bis 10 Uhr und von 16 bis 18 Uhr durfte man auf die Straße, die aber nach und nach gelockert wurde. Niemand durfte ohne Genehmigung den Ort verlassen.

Die Amerikaner haben sich gut in Dörnigheim eingerichtet. Einige Wohnhäuser waren dauerbesetzt, eine Übergangsregierung etabliert. Der Bürger Alwin Lapp wurde als Bürgermeister eingesetzt, da er als Naziverfolgter und Angehöriger der KPD für die Besatzung der richtige Mann war. Er genoß aber auch in der Bürgerschaft so viel Vertrauen, daß er bei späteren Wahlen durch die Dörnigheimer selbst in seinem Amt bestätigt wurde. Es gelang ihm während seiner Amtszeit, oft auch gegen Besatzungsrecht, seine Bürger zu schützen und zu unterstützen. Langsam pendelte sich die deutsche Verwaltung, wie überall in Deutschland, so auch in Dörnigheim, wieder ein. Alle Personen über zwölf Jahre erhielten eine Kennkarte, die sie, mit Unterschrift und Fingerabdruck versehen, jederzeit bei sich zu tragen hatten.

Bereits zu Anfang entstand in Dörnigheim wieder eine Polizeistation mit deutscher Besetzung. Eine besondere Aufgabe bestand darin, die Bevölkerung vor bandenartigen Übergriffen zu schützen, auch vor befreiten Zwangsarbeitern, die noch nicht in ihre Heimat zurückgekehrt waren. So sah sich ein Dörnigheimer eines Abends drei Personen gegenüber, die sich bei Dunkelheit mit einer Schußwaffe Zugang zu seiner Wohnung verschaffen wollten. Sie schossen dreimal auf den Mann, flüchteten jedoch, als die Patronen nicht losgingen. Am nächsten Morgen wurden die drei unversehrten Patronen mit den Spuren des Schlagbolzens vor der Tür gefunden.

Im Juni 1945 kam ein größerer Konvoi von Lastwagen mit deutschen Kriegsgefangenen aus Hanau und fuhr in Richtung Frankfurt. Bei der Durchfahrt entdeckte ein Dörnigheimer einen Bekannten, dessen Frau in der Fischergasse wohnte. Er lief zu der Frau, die unverzüglich mit ihrem Fahrrad und einer Flasche Schnaps dem Gefangenentransport hinterhereilte. Das Glück war auf ihrer Seite, denn bei einem Halt an den Schleusenhäusern konnte sie den Konvoi einholen. Sie entdeckte ihren Mann, den sie mit der Flasche Schnaps von dem verantwortlichen amerikanischen Soldaten freikaufte. Sie konnte ihn mit nach Hause nehmen.

Mit der Heimkehr der Kriegsteilnehmer erwachte der Wunsch nach dem alten Vereinsleben. Der Alliierte Kontrollrat untersagte jedoch anfangs jede Vereinstätigkeit aus Angst vor getarnten politischen Verbindungen. Die erste eigene Erlaubnis erhielt der Arbeiter‑Rad‑ und Kraftfahrerverein „Solidarität“, als der am wenigsten Verdächtige. Die anderen Vereine schlossen sich nach der geglückten Fürsprache von Bürgermeister Alwin Lapp und mit Unterstützung einer Gruppe der „Freien ,Turnerschaft 06“ zu einer Sportgemeinschaft zusammen, der SG Dörnigheim, aus der sich die einzelnen Vereine erst 1949 wieder lösen sollten.

Mit der Normalisierung der Lage rollte eine Welle der Entnazifizierung über das Land. Ehemalige Angehörige der NSDAP hatten sich durch ein Entnazifizierungsgesetz der deutschen und der Besatzungsbehörden einem Entnazifizierungsverfahren zu stellen. In den meisten Fällen endete das mit einem Stempel als „Mitläufer“, in anderen Fällen aber auch mit Belastungen für die Betroffenen, die für kurze Zeit in ein Internierungslager kamen. Die Mitläufer hat ten sogenannte „Persilscheine“ von Freunden, die für sie gut sprachen und mit denen sie sich „reinwaschen“ konnten.

Die politischen Bürger bildeten in Dörnigheim zuerst eine Antifaschistische Gruppe, die am Anfang allein das Sagen hatte. Nach und nach zeigten sich dann wieder die politischen Parteien der Vornazizeit. Allen voran die KPD mit dem größten Stimmenanteil, dann die SPD und später die CDU.

Ein Dörnigheimer, der im Mai 1945 von der Kriegsfront in Italien kommend, mit dem Fahrrad über Hochstadt nach Dörnigheim wollte, fand die Bahnhofstraße gesperrt. Er nahm seinen Weg auf verschlungenen Pfaden über Wilhelmsbad durch den Wald nach Dörnigheim, immer in Angst, auf dem letzten Kilometer noch von den Amerikanern gefangengenommen zu werden. Nördlich und südlich der Bahnlinie war ein großer wilder Lagerplatz von etwa 500 ha für militärische und alle Sorten anderer Güter entstanden. Güterzüge, die in einem Stau von der Mainkur bis nach Hanau‑West auf den Gleisen standen, wurden entladen und das Material auf Wiesen und Äckern abgelegt. Die Straße nach Hochstadt und der Bahnhof waren monatelang gesperrt. Erst deutsche Kriegsgefangene, darunter ein Reichsgerichtsrat aus Leipzig, brachten im Auftrag der Amerikaner etwas Ordnung in die großen Haufen.

 

Todesmarsch durch Dörnigheim:

Auch Häftlinge des KZ-Außenkommandos „Katzbach“ der Adlerwerke Frankfurt haben in Schlüchtern ihre letzte Ruhe gefunden. Nach der Lagerauflösung am 25. März waren die Gefangenen in Richtung Buchenwald getrieben worden. Viele der erschöpften Männer starben. Noch Wochen später wurden ihre Leichen aus zugeschüttenen Gräben entlang des Weges oder aus dem Main geborgen. Einige dieser Toten hatte der Friedhofswärter von Dörnigheim auf dem dortigen Friedhof begraben (Aus einem Informationsblatt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge über die Kriegsgräberstätte Schlüchtern).

Der Tagesanzeiger vom 09.04.2005fragt: „Wo waren die Vertreter der Stadt?“ beim Gedenken an den Todesmarsch. Am 24. März 2005 sind in Dörnigheim vor dem Frankfurter Hof Menschen zusammen gekommen, um dem 60. Jahrestag des Todesmarsches der Häftlinge aus dem KZ in den Frankfurter Adlerwerken zu gedenken. Auf diesen Marsch wurden die geschundenen Menschen wenige Tage vor der Befreiung unserer Heimat getrieben. Dieser Todesmarsch kam auch hier durch Dörnigheim. Er führte direkt über diese Stelle am Frankfurter Hof. Auch hier wurden Menschen umgebracht. Wir wollten sie mit dieser Aktion aus der Vergessenheit holen. Denn leider ist es so, dass es auch in unserer Stadt so gut wie keinen Hinweis auf die Verbrechen während der Zeit des Faschismus gibt. Eine löbliche Ausnahme bildet dabei der Brüder-Schönfeld-Arbeitskreis, der sich um Aufklärung eines Teilbereichs der Verbrechen während der Nazi-Zeit bemüht.

Wir Gewerkschafter möchten zusätzlich an die weiteren Opfer der faschistischen Herrschaft erinnern. Dazu gehören die weiteren Häftlinge des KZ Katzbach in den Adierwerken. Dazu gehören die Angeklagten des 88-er Prozesses, der sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt. Die Anklageerhebung fand am 16. März 1935 statt. Unter den Angeklagten und später verurteilten Widerstandskämpfern waren auch über ein Dutzend hier aus Dörnigheim. Viele kamen ins Gefängnis oder Zuchthaus, einige auch ins KZ. Doch niemand Offizielles in dieser Stadt erinnert an sie. Es ist beschämend, wie man hier in Maintal mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht.

Der Frankfurter Hof war in der Weimarer Republik der Treffpunkt der Vereine, der Sozialdemokraten und Kommunisten. Sie wurden genauso verboten und zerschlagen wie die Arbeitervereine, so zum Beispiel die Freien Turner und der Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität. Auch hierüber ist in unserer Stadt sehr wenig bekannt.

Wir denken auch an die verfolgten, gepeinigten und ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. An sie erinnert das Brüder-Schönfeld-Forum und auch das Brüder-Schönfeld-Haus im Westend. Doch hier im alten Dorf, wo sie lebten, erinnert nichts an diese Menschen.

Wir denken auch an die, die wegen Behinderungen, ihrer religiösen Überzeugungen oder ganz einfach ihres Andersseins schikaniert, ausgegrenzt und auch umgebracht wurden. Alles das gab es auch hier bei uns. Vieles ist in dem Buch ,,Keiner will es gewesen sein' dokumentiert, das vor zehn Jahren mit Unterstützung des Magistrats unter Dr. Walter Unger (SPD) erschienen ist. Heute scheinen die Rathausverantwortlichen mehr nach dem Motto zu verfahren ,,Keiner will es gewusst haben" -Das wollen und werden wir nicht zulassen. Wir fordern die Stadt Maintal ein weiteres Mal auf, eine würdige Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft endlich anzugehen. Nach über 60 Jahren ist das eigenilich längst übertallig. Lassen Sie mich zum Schluss eine Mahnung des von den Faschisten 1943 im Alter von 40 Jahren ermordeten tschechischen Journalisten und Widerstandskämpfers Julius Fucik zitieren.

Diese Worte standen übrigens für jeden Besucher gut sichtbar auf einem Denkmal - dem Mantel des Schweigens - im Rathausfoyer damals noch in Bischofsheim. Gestaltet hatte es unser DGB-Vorstandskollege, der Hochstädter Künstler Günther Hantel. Zufälligerweise ist es aus unerklärlichen Gründen vor ein paar Jahren verschwunden, so die Erklärung des damaligen und jetzigen Bürgermeisters Rohrbach (CDU). Ein Ersatz wurde bezeichnenderweise nie in Erwägung gezogen. Darüber hinaus fand es kein Magistratsmitglied für nötig, trotz Einladung bei der Gedenkveranstaltung anwesend zu sein. Offensichtlich besteht kein Interesse, sich auch im Hinblick auf Hartz IV mit dem Thema Zwangsarbeit auseinander zu setzten.

Wir finden, dass diese Worte von Julius Fucik nichts, aber auch gar nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben: „Um eines bitte ich: Ihr die diese Zeit überlebt, vergesst die Guten nicht und nicht die Schlechten. Sammelt geduldig Zeugnisse über die Gefallenen. Eines Tages wird das Heute Vergangenheit sein, wird man von der großen Zeit und den namenlosen Helden sprechen, die Geschichte gemacht haben. Ich möchte, dass man weiß, dass es keine namenlosen Helden gegeben hat, dass es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen hatten und deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt. Ich möchte, dass sie Euch alle nahe bleiben, wie Bekannte, wie Verwandte, wie Ihr selbst.“ In diesem Sinne werden wir weiter arbeiten, das sind wir den Opfern des Nazi-Terrors schuldig. Gustav Faschung, DGB Maintal, Falkenring 20, 63457 Hanau.

 

Explosion:

 Am Sonntagabend, dem 19. August 1945, gegen 18.30 Uhr erschütterte eine Detonation Dörnigheim und Umgebung.  Die Detonation wurde in der ganzen Gemeinde gehört. Bis in den Ortskern wurden Dächer abgedeckt, Türen und Fenster flogen aus den Rahmen und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Es gab in Dörnigheim unzählige Berichte zu diesem schrecklichen Tag. Aber etliches wird vermutlich nie mehr zu klären sein und im Schatten der Geschichte(n) bleiben.

Margarete Wiesmeier (72) zum Beispiel erinnert sich daran, daß nach diesem gewaltigen Knall der Hund des gegenüber wohnenden Ortsbrandmeisters Jakob Schneier zu heulen angefangen habe. Und daraufhin habe Frau Schneier geschrieen. „Dem Jakob ist was passiert.“

In der Tat war dem 57jährigen Ortsbrandmeister das Schlimmstmögliche widerfahren, wie auch seinen Leuten Jakob Rauch (51, Weißbindermeister), Peter Boos (61, Schuhmachermeister), Jakob Kegelmann (43, Elektromeister) und einer Gruppe US‑amerikanischer Soldaten, über deren Verluste indes auch nur widersprüchliche Angaben vorliegen.

Doch die Widersprüche beginnen ja bereits bei der Bezeichnung dessen, was denn am 19. August 1945 explodiert sei. Die Stadt spricht vom 50. Jahrestag der Explosion im „Steglager“. Das Lager wurde „Steglager“ genannt, weil es von der Stegorganisation betrieben wurde, einer Gesellschaft, die alte Wehrmachtsgüter aufkaufte. Das Steglager befand sich zwischen Dörnigheim und Hochstadt auf einem Gelände, das heute den Firmen Kling‑Furnier und Maintal‑Getränke gehört. Das Verwaltungsgebäude von Maintal‑Getränke ist das ehemalige von Allstahl Merle. Es war bei der Explosion stark beschädigt, später aber wieder aufgebaut worden.

Die Feuerwehr spricht von der Explosion des amerikanischen Munitionslagers; und auf der offiziellen Einladung heißt es schlicht, es gehe um eine Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Explosionsunglücks hinter der Bahn. Als gesichert gilt laut Uwe Lorz, Pressewart der Feuerwehr Dörnigheim, daß die Dörnigheimer Feuerwehr am Katastrophentag gerufen worden war, weil aus verschiedenen Behältnissen Rauch aufgestiegen sein soll. Er spricht von „vermutlich um die 20 amerikanische Soldaten“, die getötet worden seien. In einem auf Augenzeugen gestützten Bericht des städtische Hauptamtes heißt es: „Außerdem starben etwa 60 Amerikaner, die in einer Halle auf dem Gelände der Firma Allstahl Merle untergebracht waren.“ Eine Sanitätsstaffel aus dem Heidelberger Hauptquartier der Amerikaner kam zu den Aufräumarbeiten ins Steglager.

Am Dörnigheimer Bahnhof waren 260 deutsche Kriegsgefangene interniert, deren Aufgabe es gewesen war, die von den Amerikanern in Umgebung konfiszierten Waggons zu entladen. Die explosive Chemikalie war auch dabei. Beim Inhalt der Behältnisse soll es sich um Treibstoff für die Raketen V 1 und V 2 gehandelt haben. „Dieser hatte sich auf unbekannte Weise erhitzt“, heißt es lapidar zum zentralen Dreh‑ und Angelpunkt, und weiter: Da nicht bekannt war, daß dieser Stoff mit Wasser reagiert, ging man mit den Amerikanern, die schon im Einsatz waren, die Sache mit Wasser an. Darauf hin kam es zu einer weiteren thermischen Zersetzung des Stoffes.“ Die bei diesem Prozeß entstandene Hitze wiederum habe einen in unmittelbarer Nähe befindlichen Minen‑Stapel bis zur Explosion erwärmt. Ob es eine einzige große Explosion gab oder mehrere, ist offenbar auch nicht mehr zu klären.

Fakt war der Tod der vier genannten Wehrleute, die in Unkenntnis der eigentlichen Brandursache Wasser auf die Chemikalien gespritzt hatten. Zwei weitere Männer, Philip Kuhn und Friedrich Seng, überlebten schwer verletzt, starben aber bereits ein Jahr nach der Katastrophe an den Folgen ihrer Verletzungen. Ein namentlich nicht genannter Feuerwehrmann soll die Katastrophe deshalb überlebt haben, weil er sich im Moment der Detonation gerade hinter dem Einsatzfahrzeug befunden haben soll, um eine Schelle zur Reparatur eines geplatzten Schlauches zu holen. Außer den Feuerwehrleuten soll noch ein weiterer Deutscher bei der Explosion gestorben sein, ein Kriegsgefangener, der an diesem Tag Küchendienst im Lager der Amerikaner hatte,

Der 82jährige Dörnigheimer Walter Nicoll weiß auch nicht, welcher Art die Chemikalien gewesen sind. Aber er erinnert sich, daß sie direkt vor dem Verwaltungsgebäude der Firma Allstahl Merle neben einem Haufen Munition lagerten, und zwar in Behältern, die großen Milchkannen ähnelten. In deren Deckeln habe sich Regenwasser gesammelt, und Nicoll vermutet, einer der Deckel sei wohl undicht gewesen.

Wie auch immer: Die Versuche, das Teufelszeug zu löschen, sollen bereits einige Stunden gewährt haben, als es gegen 18.30 Uhr zu der gewaltigen Explosion kam. Die Druckwelle deckte Dächer ab, drückte Türen ein und zersplitterte natürlich weitum die Fensterscheiben.

Max Scholz erinnert sich noch genau an den 19. August 1945: Es war Sonntag und er saß mit seinen Kameraden im Kriegsgefangenenlager am Dörnigheimer Bahnhof. Das Kriegsgefangenenlager war dem Steglager benachbart. Entlang des Braubachs zog es sich auf Wiesen nördlich der Bahnlinie Hanau‑Frankfurt in Richtung Wilhelmsbad. Kriegsgefangene waren hier vom April bis zum Dezember 1945 untergebracht.

Die Männer hatten einen Tag frei, waren gerade aufgestanden und genossen den Vormittag, da bemerkte einer von ihnen am etwa 300 Meter entfernten Steglager (Verwertungslager für Kriegsgüter) ein kleines Feuerchen. „Wir sahen ein bißchen was hochfliegen und ein paar kleine Flammen. Wir haben noch Spaß gemacht“, sagt der heute 70jährige Scholz. Aus dem kleinen Feuerchen sollte eine gewaltige Explosion werden.

Die Kriegsgefangenen im Lager am Dörnigheimer Bahnhof sahen die Explosion nur aus der Ferne. „Wir rannten in alle Richtungen davon, der Lagerkommandeur hatte die Tore geöffnet“, erinnert sich Scholz. Die Flüchtigen fanden Unterkunft bei der Bevölkerung von Hochstadt und Dörnigheim. Drei Tage nach der Explosion fuhren die Amerikaner mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und forderten die Flüchtigen zur Rückkehr ins Lager auf. Die

kamen tatsächlich wieder, und fortan milderten sich die Haftbedingungen.

Erst acht Tage nach der Explosion wurden die vier Dörnigheimer Feuerwehrleute beerdigt.

Alle kamen, um die vier Toten auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Aus keinem Haus in Dörnigheim hat jemand gefehlt. Zum Gedenken der Opfer steht ein Stein auf dem Alten Friedhof. Der Stein mahnt, daß Waffen und Munition auch nach dem offiziellen Ende einer kriegerischen Auseinandersetzung noch vorhanden sind.

Nur ganz allmählich wurde das Lager am Bahnhof geräumt. Die auf dem blanken Boden liegenden Bestände wurden zum Teil vernichtet, soweit sie verwendet werden konnten, wurden sie verkauft, auch an die deutsche Bevölkerung. Zum Schluß endete es unter deutscher Verwaltung erst im Jahre 1946 oder gar 1947.

 

An ein dunkles Kapitel in der Dörnigheimer Geschichte erinnert das Ehrenmal auf dem Alten Friedhof. Am 19. August 1945 starben vier Feuerwehrleute und rund 60 US-Soldaten bei einer Explosion, die sich in einem Steglager im heutigen Klingseegebiet zwischen Dörnigheim und Hochstadt ereignete. Daran möchten die Dörnigheimer Feuerwehr und die Kirchengemeinden am morgigen Freitag um 18 Uhr im Hof der Alten Kirche am Main gedenken.

In diesem Steglager waren Kriegsgüter untergebracht. Zunächst brach dort am frühen Abend des 19. August 1945 ein Brand aus. Dörnigheims damaliger Ortsbrandmeister Jakob Schneier und seine Kameraden Jakob Rauch, Jakob Kegelmann, Peter Boos, Philipp Huhn und Friedrich Seng versuchten, das Feuer mit Wasser zu löschen. Dieses verband sich jedoch mit Chemikalien, die sich bei dem Lager, direkt vor dem Verwaltungsgebäude der Firma Allstahl Merle befanden.

Die fatale Mischung löste die Katastrophe aus, die über 60 Menschen den Tod brachte. Die US-Amerikaner waren in der benachbarten Halle der Firma untergebracht und warteten dort auf den Rücktransport in ihre Heimat. Philipp Huhn und Friedrich Seng, die die Explosion schwer verletzt überlebten, starben ein Jahr später an den Folgen des Unfalls. Die genauen Umstände der Explosion konnten nie geklärt werden.

Am Dörnigheimer Bahnhof waren 260 deutsche Kriegsgefangene interniert, die von den Amerikanern konfiszierte Waggons entladen mussten. Die Chemikalien, die die Katastrophe verursachten, stammten aus einem der Züge. Von den Kriegsgefangenen selbst wurde niemand in Mitleidenschaft gezogen.

Acht Tage nach der Explosion fand in Dörnigheim die Beerdigung der vier Feuerwehrmänner statt, an der die Bevölkerung großen Anteil hatte. Das Ehrenmal wurde schon bald errichtet und erinnert an dieses schlimme Ereignis. Nach der ökumenischen Gedenkfeier, die die Pfarrer Ines Fetzer und Rainer Durstewitz morgen Abend leiten werden, gehen alle Teilnehmer zum Alten Friedhof, um dort die Toten zu ehren.

 

Rege war die Beteiligung an der Gedenkveranstaltung zu Ehren der vier Dörnigheimer Feuerwehrleute, die am 19. August 1945 bei einer Explosion in einem Lager im heutigen Klingseegebiet ihr Leben verloren. Über 50 Bürger - darunter zahlreiche Feuerwehrleute, aber auch Verwandte der Verunglückten - nahmen zunächst an der Andacht im Hof der Alten Kirche am Main und dann am Gang zum Friedhof teil.

Sowohl die Maintaler Feuerwehr als auch die Stadt Maintal ehrten Jakob Schneier, Peter Boos, Jakob Rauch und Jakob Kegelmann mit einer Kranzniederlegung. Zuvor hatten die Pfarrer Ines Fetzer (evangelische Kirche Dörnigheim) und Rainer Durstewitz (katholische Kirche Allerheiligen) das Gebet für die vier Feuerwehrleute gesprochen. Pfarrerin Fetzer rief die damaligen Geschehnisse hoch einmal in Erinnerung, zitierte aus der Chronik von Pfarrer Kurz. Ein Brand war vor 60 Jahren in einem Lager unweit des Bahnhofs ausgebrochen. Die Wehrleute wollten das Feuer mit Wasser löschen, dieses verband sich jedoch mit Chemikalien und löste die Explosion aus, bei der auch zahlreiche US-Soldaten ums Leben kamen.

Stadtbrandinspektor Andreas Matz und Bürgermeister Erhard Rohrbach würdigten am Ehrenmal auf dem Alten Friedhof die vier Feuerwehrleute. Zugleich stellten sie aber ebenso Bezüge zur Gegenwart her. Auch heute riskierten die Wehrleute ihr Leben für die Allgemeinheit und dies oft - wie auch in Maintal - ehrenamtlich. Rohrbach strich dies besonders heraus und betonte, dass die Stadt weiterhin für die notwendigen Voraussetzungen - Ausstattung, Einsatzwagen und anderes - für die Feuerwehr Sorge tragen werde.          

 

Der Zweite Weltkrieg mit seinen 55 Millionen Toten war der schlimmste Krieg aller Zeiten. Nur wenige Monate nach Ende dieses von Deutschen begonnenen Krieges ereignete sich in Maintal eine tragische Explosion, die US-Soldaten und vier Dörnigheimer Feuerwehrleuten das Leben kostete. Heute gedenken die Dörnigheimer Feuerwehr und die Kirchen der Katastrophe vom 19. August 1945.

Um 18 Uhr beginnt die Gedenkveranstaltung im Hof der Alten Kirche am Main. Geleitet wird sie von den Pfarrern Ines Fetzer (evangelische Kirche Dörnigheim) und Rainer Durstewitz (katholische Kirche Allerheiligen). Im Anschluss gehen die Teilnehmer zum Alten Friedhof und gedenken am dortigen Ehrenmal den Toten.

 

Im Zusammenhang mit dem gestrigen Bericht im Tagesanzeiger hat sich Wilhelm Danielowitz aus Dörnigheim in der Redaktion gemeldet. Er befand sich nach eigenen Angaben damals unter den Kriegsgefangenen, die im Lager am Dörnigheimer Bahnhof untergebracht waren. Er widerspricht der gestern wiedergebenen Schilderung der damaligen Ereignisse, die die Redaktion einem vor zehn Jahren erschienenen Artikel entnommen hat, der anlässlich des 50. Jahrestages publiziert wurde. Dieser fußte auf den Erinnerungen des Überlebenden Max Scholz, der 1945 ebenfalls Kriegsgefangener war. Laut Wilhelm Danielowitz seien es 28 und nicht 60 US-Amerikaner gewesen, die ums Leben kamen.

Im Lager, in dem die Explosion geschah, seien nicht nur Kriegsgüter, sondern auch zivile Güter wie Nähnadeln, Maschinen aller Art, Sirup, Schwimmwesten, Kupfer, Quecksilber, Lkw und Pkw, Flugzeugteile und anderes mehr untergebracht gewesen. Einer der beiden Feuerwehrleute, die ein Jahr später an den Folgen der Explosion gestorben sind, müsse Philipp Kuhn und nicht Philipp Huhn geheißen haben.

Bei den Chemikalien, die durch den Regen und das Löschwasser der Feuerwehr die spätere Explosion ausgelöst haben, habe es sich laut Danielowitz um Natrium gehandelt, das in Metallfässern gelagert worden sei. Um diese Natriumfässer herum, die durch die Lagerung im Freien zum Teil durchgerostet gewesen seien, sei auf Anordnung des US-Bataillonskommandeurs sämtliche ausgeladene Munition - wie Fliegerbomben, Artilleriegeschosse, Pistolen- und Gewehrmunition - gelagert worden. Die Einsprüche des damaligen deutschen Lagerkommandanten, eines Feuerwerkers der Deutschen Wehrmacht, seien vergeblich gewesen.

Die Zahl der untergebrachten Kriegsgefangenen habe nach Einschätzung des Dörnigheimers nicht 260, sondern 194 betragen.

 

Statistisches um 1950:

Einwohnerzahl: 1820=479; 1855=895; 1885=1273; 1905=1875; 1919=2239; 1925=2402; 1939=1.746; 1946=3.877, heute 4.943, davon Heimatvertriebene = 962, Evakuierte = 421 (rund 300 aus Hanau).

Bekenntnis: 1905: ev. = 1776, kath. = 79, israel. = 20; 1953: ev. = 3755, kath. = 595, sonst. = 593.

Wirtschaft: Früher Landwirtschaft und Weinbau; heute versucht Dörnigheim mit Erfolg, eigene Industrien anzuziehen. ‑ Arbeiterwohnsitzgemeinde. Auf 100 Einwohner kommen 79 Arbeiter, 4 Handwerker und Gewerbetreibende, 1 landwirtschaftlicher Betrieb, 4 kaufmännische Angestellte, 2 Beamte und 10 Rentner. .‑ Stahlerzeugnisse („Allstahl“), Wirk‑ und Webwarenfabriken, Handschuhfabrik, Kürschnerei, Geigenbauer-Werkstatt, 1 Apotheke.

Verwaltung, Schulen usw.: Hauptamtlicher Bürgermeister. Vollausgebaute Volksschule und eine landwirtschaftliche Berufsschule für Mädchen (6 Klassen) mit zusammen 13 Lehrenden.

 

Schwimmbad:

Den Schulranzen in die Ecke geworfen, streiften wir im Sommer durch die Schrebergärten dem Schwimmbad am Main zu. Dieses war nur ein großer Holzsteg mit Treppe ins Wasser, dort, wo sich heute der Parkplatz der „Mainterrassen“ befindet. Die Kabinen sind schon in den zwanziger Jahren abgerissen worden. Der Eintritt war übrigens frei. Vorher stillten wir unseren Heißhunger in den Gärten mit jungen grünen Erbsen, Karotten und Erdbeeren, die wir stibitzten; dabei mußten wir aufpassen, daß uns der „lange Bilz“, der Feldschütz, nicht erwischte.

Der Main floß unterdessen trage, ungebändigt, in Richtung Frankfurt. Im Winter war er oftmals zugefroren. Wir, die Derngemer, hatten unseren eigenen Badeplatz. Die Hochstädter lagerten am Ufer der schlammigen Bucht unter den Weiden, wo heute der Kinderspielplatz ist. Dort führte ein Rohr mit den Abwässern des Dorfes direkt in den Fluß. Barfuß ging es am Ufer entlang. Der Gänsedreck klebte an unseren Fußsohlen. Deshalb sprangen wir gleich ins Wasser.

Unsere Augen suchten in der Ferne einen Lastkahn, der dann hoffentlich ein kleines Beiboot im Schlepp hatte. Wir wollten darin flußaufwärts bis zur Schleuse mitfahren. Stromabwärts ging es dann leichter zu schwimmen mit der Strömung. Die Buben tauchten unter der Fähre durch, die noch handbetrieben wurde. Der Badeanzug, wenn er naß war, wurde steinhart. Er war aus Mullbinden gehäkelt, die wir in Streifen geschnitten hatten. Am gegenüberliegenden Ufer, der Mühlheimer Seite, gab es eine Sandbank, wo wir uns den Teer mit Sand abrieben, damit wir nicht so verschmiert heimkamen.

Sonntags gingen wir ab und zu mit der, Eltern zum „Keuler“, dem Schiffchenwirt, wo Vater beim Äppelwoi Handkäs’ mit Musik aß. Da dies für uns Kinder stinklangweilig war, verzogen wir uns ins alte Dorf, wo wir „Eckenlaufen“ spielten. Einer mußte mit dem Rücken von uns abgewandt warten. bis wir „Kommen“ riefen, dann versuchten wir, uns zu, fangen. Wer gefangen wurde, mußte dann „Eckenlaufen“.

Der Vater, der in den Krieg mußte, meinte einmal: „.Sprachen sind Kapital“. Deshalb opferte Mutter jede Woche einen Streifen Speck von der Hausschlachtung oder ein halbes Pfund getrockneter Erbsen oder Bohnen, damit wir in der „English School“ bei Frau Strobel, einer Lehrerin im Ruhestand, Unterricht bekamen. Diese Schule befand sich im Haus der heutigen Bahnhofsstraße/Ecke Beethovenstraße.

Ab der Siedlung Bahnhofstraße/Backesweg/Rickerstraße gab es fast nur Gärten und Felder sowie Obstgrundstücke, die mit Schotterwegen durchzogen waren, sie reichten bis zum eigentlichen Dorf. Das Quaken der Frösche dauerte manchmal die ganze Nacht. Unser Dorf war als Sumpfgebiet von Lachen und Wassertümpeln umgeben. Morgens kamen dann die Störche, die noch reichlich Nahrung fanden.

Wenn wir in die Schule gingen, in der heutigen Polizeistation an der Kirchgasse, kam es vor, daß wir uns für zehn Pfennig ein Stückchen warme Fleischwurst mit Brötchen beim Metzger kaufen durften. Es. gab Tage, wo wir am Waldesrand oder von den Kirschbäumen Maikäfer schüttelten, die wir in Zigarrenkästchen mit Löchern im Deckel sammelten. Der mit den meisten hatte gewonnen. Wir ließen sie dann aber wieder frei, den tote Maikäfer machten schließlich keinen Spaß.

Als wir älter wurden, ging es auf den Tanzboden im Schiffchensaal oder Frankfurter‑Hof. Fritz Reichert mit seiner Kapelle oder der „schwarze Gruber“ spielten Tango und Walzer, aber auch „Caprifischer" ‑ das alles natürlich live. Kein lauter Techno‑Sound, keine grellen Lichteffekte waren für das Amüsement nötig,

Die erste Dauerwelle gab es bei Frisör Schleim, heute die Kneipe „Maahinkel“ am Frankfurter Hof. Wir malten mit abgebrannten Streichhölzern unsere Augenbrauen schwarz, das war schick.

Ein Kleid aus gefärbter Fallschirmseide oder kariertem Bettzeug war unser ganzer Stolz. Wer Glück halte, bekam in der Damenschneiderei Schäfer, heute Bahnhofstraße/Ecke Zeppelinstraße, ein „Designer dress“. Frau Dietrich kam alle vier Wochen ins Haus zum Flicken und Nähen. Sie brachte Knöpfe und Nähgarn kostenlos mit.

Meine Freundinnen und ich klapperten manchmal alle Tanzlokale von Mühlheim (Saalbau Glock) bis Hochstadt (Tanzboden Strohl) ab, bis wir die richtigen Leute trafen. Es gab keine Angst vor Überfällen, Sex‑Gaunern oder Mord und Totschlag. Es kam auch vor, daß wir nach dem letzten Walzer um 24 Uhr noch einmal in die Backstube von Bäckermeister Huf gingen, wo es schön warm war uni wir noch tanzen konnten (Ursula Zopf-Benz)

 

Wald:

„Amerika“ nennt Revierförster Heiner Koch diesen Teil des Waldes, weil damals auf Befehl der Amerikaner Tannen als Sichtschutz gepflanzt wurden. Etwa 165 Jahre alt sind die Eichen und 109 Jahre die Buchen. Zur Zeit sind die Buchen sehr gefragt. Leider wird aber nicht überall auf dem Erdball so verantwortungsvoll mit dem Wald umgegangen wie bei uns. Um den großen Bedarf an Holz zu decken, werde in vielen Gebieten verantwortungslos geplündert. Während bei uns nur reife Bäume geerntet werden, seien in den GUS‑Staaten „Baby-Schlachtungen“ bei Bäumen üblich, um Devisen zu erhalten. In Maintal wird der Holzeinschlag sorgfältig geplant. Der Förster beobachtet das Spiel von Licht und Schatten, um die richtige Stelle zu finden, an der nach dem Fällen auch neue Bäume nachwachsen: bei zuviel Licht verhindern Brombeeren den Wuchs neuer Bäume.

Keine Entscheidungsfreiheit beim Fällen von Bäumen hat der Förster, wenn die Sicherheit von Menschen gefährdet ist. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei besonders der 60 Kilometer langen Außengrenze seines Reviers. Aber auch im Wald selbst müssen die Besucher vor herabstürzenden Ästen und Bäumen geschützt werden.

Unterschiedliche Auffassungen gibt es bei den zahlreichen Besuchern über die sogenannte Ordnung im Wald. Beschwerden über zuviel herumliegende Äste im Wald begegnet der Förster mit der Erklärung, daß totes Holz für viele Käferarten nötig sei. Auch dem Vorwurf, neues Holz zu schlagen, obwohl doch so viele gefällte Bäume im Wald liegen, weiß der Forstmann zu entgegenzutreten. Die Baumstämme sind bereits alle verkauft, oft wartet der Besitzer auf eine günstige Transportmöglichkeit oder läßt das Holz aus anderen Gründen liegen.

Freiwillige Helfer, die auch noch Geld bezahlen, finden sich zum Einsammeln der nicht verwertbaren Teile der gefällten Bäume. „Selbstwerber“ nennt der Förster die 250 Maintalerinnen und Maintaler, die ihr Kaminholz im Wald selbst abholen. Gern hätte er noch mehr solcher Kunden.

Insgesamt gibt es eine große Zahl von Nutzern des Waldes, deren unterschiedliche Interessen es zu berücksichtigen gilt. Spaziergänger, Jogger, Reiter und Jäger fordern ihre Rechte. Die Funktion des Waldes als Erholungsgebiet stellt andere Anforderungen als die reine Waldwirtschaft. Dem wird die Stadt Maintal auch durch einen entsprechender finanziellen Zuschuß gerecht, Wanderwege und Bänke müssen den Bedürfnissen der Spaziergänger entsprechen. Zur Sicherheit aller Betroffenen werden besondere Reitwege angelegt.

Sorgen machen dem Förster auch die Müllablagerungen, zu deren Beseitigung die Stadt Maintal im letzten Jahr über 30.000 Mark aufwenden mußte. Zunehmend sind es gewerbliche Abfälle, die auf diese Weise entsorgt werden. Auf der anderen Seite findet sich noch ein Stück Auenwald, ein  verwunschenes Stück Natur. Es wird durch Erlenbruchholz vor dem Vordringen anderer Bäume geschützt. Aber dieses Idyll ist durch Wassermangel gefährdet.

 

Zirkus:

Dörnigheims Bürgermeister Karl Schütz hatte Franz Althoff in seine Stadt geholt. Er hoffte auf Gewerbesteuer und Arbeit fürs heimische Handwerk. An der Philipp‑Reis‑Straße schlug der Zirkus künftig sein Winterquartier auf, Hallen gehörten dazu, von denen eine heute noch von einer Plastikfabrik genutzt wird; ein Probezelt, wo neue Programme studiert oder auch für die TV‑Serie „Salto Mortale“ mit Hans‑Jürgen Bäumler gedreht wurde; große Flächen, damit die Tiere Auslauf hatten; schließlich die ganze Wagenburg.

Übers Ladegleis zum Bahnhof brachte der Betrieb seine beiden Eisenbahnzüge auf die Reise. Anderthalb Kilometer lang reihten sich Waggons für 120 Beschäftigte, die großen Herden, darunter bis zu 150 Pferde, das enorme Drei‑Manegen‑Zelt für über 5.000 Besucher/innen. Bis zum Polarkreis waren Menschen, Tiere, Sensationen von Dörnigheim aus unterwegs. Im Keller des bald leer geräumten Bischofsheimer Rathauses finden sich noch ein aus dem hohen Norden abgeschickter Reisebericht des Zirkusdirektors an den Magistrat und ein Antwortbriefchen voll bürgermeisterlicher Anteilnahme.

Naheliegend, daß sich auch die aufkeimende Fastnachterei mit großen Tieren schmücken wollte. Pferde mit römischen Streitwagen oder wieder die Elefanten zogen im Karnevalszug durch die Stadt. Ein Mitfünfziger kringelt sich noch heute, wenn er daran denkt, wie sein Vater einem Kamel vom Rücken rutschte und unter den Huf fiel: Er war mit einem Kostüm aus dem  Zirkusfundes als Beduine verkleidet, hatte aber vor dem Ritt nicht die einem Wüstensohn geziehmende Alkoholabstinenz eingehalten. Zum Glück war er ohne Rippenbrüche davongekommen.

Der Zirkus Franz Althoff schlug an der jetzigen Philipp‑Reis‑Straße regelmäßig sein Winterquartier auf. Die Familie wohnte ebenfalls in Dörnigheim und Franz Althoff, der 1987 starb, ist auf dem Neuen Friedhof in Dörnigheim begraben.

Die grauen Kolosse begleiteten  die alljährlichen Dörnigheimer Karnevalsumzüge. Und darum erkor auch der später gegründete Karnevalszug‑Verein Maintal den Elefanten zu seinem Vereinssymbol. Alte Derngemer erkennt man daran, daß sie sich nicht umgucken, wenn auf der Straße ein Kamel vorbeitrabt!“ Werner Jung vorn Hauptamt der Stadt Maintal hat einst mit anderen Buben viel Zeit rund um das Winterquartier verbracht. Die Tiere und auch die fremden Menschen faszinierten die im Krieg Geborenen.

Im Winter teilten sie mit den Zirkuskindern die Schulbank. Wolfgang Lotz, heute Hausmeister in städtischen Diensten, zählt etwa von Jürgen Wiezcorek, der seine Mitschüler im Turnunterricht mit Trapezkunststücken begeisterte. Manche alte, Zirkusleute leben heute noch rund um Maintal, unter ihnen der heute im „Tigerpalast“ tätige Sohn des damaligen Direktors, Harry Althoff. Wie man hört werden bis heute Bekanntschaften und Freundschaften gepflegt.

Die Althoffs taten mancherlei, um sich am Ort beliebt zu machen. So hatten Dörnigheimer/innen das Privileg. Gratis die als Generalproben deklarierten Premieren zu besuchen. Zwar hatte die Stadtverwaltung manche Extra-Arheit: Die vielen An‑ und Abmeldungen des Saisonpersonals, Baugenehmigungen für Zelte (im Amtsdeutsch „Sitzbankeinrichtung als fliegendes Bauwerk“) oder auch einmal ein Rat bei der Frage. wohin mit einem toten Elefanten? Die Abdeckerei im Alt‑Kreis Friedberg soll für Tage ausgelastet gewesen sein.

Der Zirkus machte sich im Gegenzug in Dörnigheim nützlich. Mal ließ er seine Elefanten im Stadtwald Stämmerücken. Mal mußten die Rüsseltiere die Bodenplatte des katholischen Kirchenneubaus in der Beethovenstraße stampfen. Lotz erinnert sich noch an das „schauderhafte“ Gebrüll von der Baustelle. Alteineingesessene nennen das Gotteshaus heute noch „Elefantenkirche“.

Besonders augenfällig wurde die sprichwörtliche Schwerfälligkeit der Urwaldriesen beim Bau der Kirche Maria‑Königin in der Dörnigheimer Hasengasse anno 1956: Insgesamt 14 Elefanten des Zirkus Althoff stampften und planierten den Boden des Kirchenschiffes fest. Darum hieß die Kirche bei Alteingesessenen und im Volksmund „Elefantenkirche“.

Einer der Elefanten war „Tuffi“, der am 21. Juli 1950 aus der Wuppertaler Schwebebahn rund zwölf Meter tief in die Wupper sprang. Der spektakuläre Sprung des damals noch jungen Dickhäuters erregte Aufsehen in ganz Deutschland. Tuffi" hatte wohl Angst bekommen bei der quietschenden und mächtig schaukelnden Schwebebahnfahrt, die vom Zirkus als medienwirksamer PR‑Gag geplant war. Tuffi randalierte in der Kabine (davon existiert nur ein einziges Originalfoto) und sprang dann panisch durch die Scheibe (!) in die fast zwölf Meter tiefer gelegene Wupper (die nicht gerade als tiefer Fluß bekannt ist). „Über die Wupper“ (Slangbegriff für Sterben) mußte Tuffi trotz des Sturzes nicht gehen: Wie durch ein Wunder blieb die kleine Dickhäuterin fast unverletzt; sie zog sich nur Schrammen am Hinterteil zu. Gelohnt hatte sich die Werbe‑Aktion allemal ‑ jetzt war „Tuffi“ mit einem Mal berühmt. Die damaligen Wuppertaler Milchwerke machten den kleinen grauen Star sogar zu ihrem Markenzeichen, unter dessen Namen noch heute bundesweit Produkte vertrieben werden.

Tuffi, deren Geschichte auch im Internet und in Kinderbüchern ihren Niederschlag fand, blieb übrigens mehr als 20 Jahre lang beim Zirkus Althoff und seiner Truppe.

Im Jahre 1971 rückte die längst erwachsene Elefantendame übrigens noch einmal für einen Film des ZDF ins Rampenlicht. Doch die Bemühungen, Tuffi einen Ruhestand im Wuppertaler Zoo zu verschaffen, verliefen im Sande. Der Koloß beendete die Zirkuslaufbahn schließlich in Frankreich.

Anna Jan ist er noch präsent wie heute, jener 5. März 1959, als die 14köpfige Elefantenherde hei ihrem Lokal am Freiheitsplatz „ankehrte“. Die alte Dame lebt heute im Martin‑ Luther‑ Stift und betrieb damals mit ihrem französischen Mann Georges das bis heute bestehende Gasthaus „Zum Elefanten“. Zirkusse gastierten regelmäßig auf dem Freiheitsplatz, bis dort Omnibushahnhof und Parkplatz angelegt wurden.

Das Jan’sche Lokal lockte die Althoffs nicht nur wegen seines Namens. Besonders waren Georges Jans französische Kochkünste gefragt. Daß eines Tages ein kleiner Jumbo Einlaß begehrte, war dennoch so außergewöhnlich, daß die Presse Fotografen schickten.

Die großen Tiere mußten draußen bleiben, nicht mir wegen des Porzellans. Schon das Dickhäuterbaby paßte erst rein, als ein Schreiner die Türzargen entfernt hatte. Den Wirtsleuten war dies allemal den Spaß wert und für die Althoffs war es ein Reklamegag zum Saisonauftakt. „Der Kleine fühlte sieh aber nicht sonderlich wohl und trompetete mit voller Kraft, als er zum Fenster rausschaute“, erinnert sich Anna Jan. Draußen stand die Herde in Reihe, schwenkte die Rüssel und streckte die Popos zum Platz.

Der Zirkus hörte um 1970 auf zu stieren, der alljährlich an der Spitze des Karnevalszugs mitgeführte Pappmaché-Jumbo hält die Erinnerung wach.

Franz Richard Althoff feierte in Wolfgang seinen 70.Geburtstag. Er ist ein Neffe von Franz Althoff, in den sich in der Region wegen seines Dörnigheimer Quartiers und der Shows im festen Winterbau des Frankfurter Zoos viele noch erinnern. Mit ihm und dessen Sohn Harry hat er Dressuren mit bis zu 60 Pferden entwickelt, für die der Zirkus berühmt war. Schon in alten Zeitungsartikeln klingt au, was heute Aushängeschild des Nachfolgebetriebs ist:

Vorbildliche Tierhaltung!  „Prügel bringen nichts“, sagt der heutige Jubilar und verrät: „Wenn man dem Pferd zart so von oben übers Augen fährt das beruhigt es.“

Heute sieht man unter Tierschutz-Gesichtspunkten manches strenger als einst. Hat Franz Richard früher auch Elefanten zum Tanzen gebracht, so schaffte das Unternehmen vor einigen Jahren die Jumbos und Giraffen ab. Es sei unmöglich, sie im Zirkus artgerecht zu halten. Sehnsucht klingt durch, wenn Althoff Senior vom Elefanten Dickie erzählt, mit dem er selbst aufgewachsen ist und Fußball spielte. Der avancierte später zum Verladechef des Hauses, weil er Zeltmasten aufrichten half, Zirkuswagen auf die Bahn schob oder sie aus dem Schlamm zog. Das Tier wurde gegen sibirische Kamele au den Moskauer Zoo abgegeben, wo Franz Richard ihn Jahre später einmal besuchte. Das Tier erkannte ihn und geriet entsprechend in Unruhe. Bis heute verzeiht sich der Tierfreund das nicht.

Beiläufig erzählt Franz Richard, der Zirkus seines Onkels zwischen seinen weiten Tourneen auch an Filmen beteiligt war. In Spanien entstand „Zirkuswelten“ mit Rita Hayworth und John Wayne.

Verschmitzt erzählt der Zirkusmann die Anekdote, die sich während eines anderen Drehtermins zutrug. In Rom spielten die Althoffs „Arche Noah“ für einen Bibelfilm, als aus einem benachbarten Studio jemand verzweifelt einen krähenden Gockel suchte. Franz Richard sperrte seinen Hahn drei Taue lang bei gutem Futter in einen dunklen Karton. Im Scheinwerferlicht krähte das Tier sich darin fast die Seele aus dem Leib.

Mit 15 bei Kriegsende hatte Franz Richard auf der Flucht aus Prag seinen ersten verantwortungsvollen Zirkusjob. Als Quartiermeister ritt er auf seinem Araber dein Treck voraus und suchte Höfe, wo es noch etwas Heu und Wasser gab. „Obwohl uns Tiefflieger beschossen, haben wir alle Tiere heil nach Deutschland gebracht.“ An Dörnigheim erinnert er sich gern. Seiner Erzählung nach muß das ein emsiges Reparieren, Pinseln, Zimmern gewesen sein, unterbrochen von schönen Abenden in einem Hanauer Tanzlokal mit Stehgeiger.

Nachdem der Zirkus des Onkels aus wirtschaftlichen Gründen ‑ vielleicht auch wegen der Konkurrenz des Fernsehens ‑ aufgelöst wurde, ging er mit Tiergruppen „ins Engagement“: Er arbeitete mit bei Zirkussen in Europa und Afrika. Daß sein eigener Sohn früh starb, veranlaßte ihn, den seit 250 Jahren mit Zirkus verbundenen Familiennamen durch die Adoptivkinder René und Patrizia zu erhalten. Daß es mit anderen Zirkussen des Namens Althoff auch Zwist gibt, verschweigt er nicht.

 

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Krieg blieb die Bausubstanz des Dorfes erhalten. Dies hatte zur Folge, daß viele Bombengeschädigte aus Frankfurt und Hanau in Dörnigheim Zuflucht suchten und fanden. In den Jahren 1946 bis 1947 wurden schließlich viele Hunderte Heimatvertriebene aus dem Osten, darunter viele sudetendeutsche Flüchtlinge, von denen die meisten aus der Stadt Asch kamen, in Dörnigheim aufgenommen. Sie bildeten in der Folgezeit ein in jeder Hinsicht belebendes und befruchtendes Element in der Gemeinde. Die Einwohnerzahl stieg von 3.000 im Jahre 1945 auf 4.500 am Anfang der 50er Jahre. Im Jahre 1960 wohnten 7.000 Menschen in Dörnigheim, bis 1964 hatte sie sich mit über 11.000 Einwohnern fast vervierfacht. Im Jahre 1973 gar wurde der Höchststand von über 17.000 Einwohnern erreicht.

Die meisten Neubürger kämen aus der nahen Großstadt Frankfurt, womit Dörnigheim eine Trabantenstadt von Frankfurt geworden sei. Die Rede war gar von einer Schlafstadt im Grünen. Die stattliche Zahl von 4.228 Arbeitsplätzen in Dörnigheim spricht allerdings eine eigene Sprache. Zunehmend war eine leistungsfähige Industrie angesiedelt worden. Gewerbe und Handel florierten. Sie erwirtschafteten 1964 eine Gewerbesteuer von zwei Millionen Mark. Aber auch die Ausgaben explodierten. Die Neubaugebiete in der Waldsiedlung, dem Südring und im Westend erforderten enorme Anstrengungen im Straßenbau. Das Wasserleitungsnetz mußte ausgebaut werden. Kindergärten (1962 wurde der erste Kindergarten eingeweiht), Schulen, und Kirchen wurden gebaut. An der Berliner Straße sollte ein Rathaus mit Marktplatz und Bürgerhaus entstehen. Noch im gleichen Jahr öffnete an der Kennedystraße, Ecke Kesselstädter Weg, der erste Selbstbedienungs-Großmarkt „Kaufpark“ seine Pforten.

Das Wachstum des Dorfes ging weiter. Durch die Motorisierung und den Straßenbau begünstigt, zogen immer mehr „Neubürger“ aus den umliegenden Städten und auch von weiter zu. Der Ausdruck „Dorf“ war nun nicht mehr angebracht. Hochhäuser entstanden, Schulen wurden gebaut, Industrie siedelte sich an. Alles wurde städtischer.

Das Gewerbegebiet an der Philipp‑Reis‑Straße und der Edmund‑Seng‑Straße, das hier als „Gewerbegebiet Mitte“ mit dem des Stadtteils Hochstadt zusammengewachsen ist, stellt dabei einen großen Schwerpunkt dar. Östlich von Dörnigheim liegt das zweite Gewerbegebiet mit der Firma Honeywell als nach wie vor größtem Arbeitgeber in dieser Stadt. Wie die Zukunft des Standorts Maintal allerdings aussieht, ist derzeit mehr als ungewiß, denn Honeywellsoll bekanntlich an einen anderen US‑Konzern verkauft werden. Dörnigheim ist auch der zentrale Einkaufsstandort für unsere Stadt und darüber hinaus.

 

Stadterhebung

Um das Steueraufkommnen zu verbessern, wiesen die Gemeindevertreter Gewerbegebiete aus und holten mit großer Anstrengung Industrie und Handel nach Dörnigheim. Hunderte von Arbeitsplätzen wurden geschaffen. Die Schlafstadt veränderte ihr Gesicht. Neue Siedlungsgebiete umschlossen bald den alten Ortskern nach Norden, Osten und Westen. Öffentliche Gebäude wie das Evangelische Gemeindezentrum, die Großsporthalle „Maintal‑Halle“ und das Hallen- und Freibad, entstanden. Alle Voraussetzungen zur Stadtgründung waren gegeben.

Der krönende Abschluß in dieser Entwicklung war die Erhebung Dörnigheims zur Stadt im Jahre 1964. Dörnigheim war seit 1964 die größte Stadt im alten Landkreis Hanau.

Dörnigheim durfte sich seit 1964 „Stadt“ nennen. Nicht nur aufgrund seiner Einwohnerzahl, sondern weil die ehemalige Landgemeinde in der Tat städtisches Gepräge bekommen hatte. Die Infrastruktur, die Einkaufsmöglichkeiten, aber auch die kommunalen Einrichtungen hatten einen Stand erreicht, die einer Stadt angemessen waren. Dörnigheim ist der Stadtteil mit den meisten Arbeitsplätzen in Maintal.

In der Urkunde heißt es; „Der Gemeinde Dörnigheim im Landkreis Hanau, Regierungsbezirk Wiesbaden, wird gemäß § 13 Abs. 1 der Hessischen Gemeindeordnung i. d. F. vom 1. Juli 1960 (GVBI. S 103) das Recht verliehen, die Bezeichnung ‚Stadt’ zu führen. Wiesbaden, den 18. September 1964.“

Unterzeichnet wurde die Verfügung vom damaligen Hessischen Innenminister Heinrich Schneider. Die eigentliche Stadterhebung fand dann im Oktober 1964 unter der Leitung von Bürgermeister Franz Fleck statt.

Aber auch kritische Stimmen waren zu hören. So habe Dörnigheim absolut nicht den Charakter einer Stadt. Zwar seien Häuser jeder Größe und Preislage auf das Ackerland hinaus gebaut worden, aber es sei dabei ein Durcheinander von Bauten verschiedenster Art entstanden. Es gäbe kaum Geschäfte und Gastwirtschaften. Die Neubürger müßten in den kleinen Läden im „alten Dorf“ einkaufen, auch wären die beiden Kinos bereits wieder geschlossen worden. Zum Einkaufen und Ausgehen bevorzuge man eben Frankfurt.

Bürgermeister Franz Fleck beurteilte die Stadterhebung gelassen. So sei die Verleihung der Stadtrechte nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur völligen Veränderung des Gesichtes der Gemeinde, sagte damals.

 

Im Jahre 1968 wurde die Grenze zwischen der Stadt Hanau und der Stadt Dörnigheim. im Landkreis Hanau geändert: Am 12. November beschloß die Hessische Landesregierung: „Auf Grund der §§ 16 und 17 der Hessischen Gemeindeordnung i. d. F. vom 1.7. 1960 (GVBl. S. 103) und der §§ 14 und 15 der Hessischen Landkreisordnung i. d. F. vom 1. 7. 1960 (GVBl., S. 111) wird mit Wirkung vom 1. Januar 1969 nachstehende Grenzänderung vorgenommen:

1. Aus dem Gebiet der Stadt Hanau werden ausgemeindet und in das Gebiet der Stadt Dörnigheim eingemeindet: Flur 16, Flurstücke 4/4 (3,6111 ha), 4/5 (0,1960 ha),

Flur 30, Flurstück 50 (1,5208 ha), 51 (0,40822 ha), 52 (0,0172 ha), insgesamt 5,8163 ha.

2. Aus dem Gebiet der Stadt Dörnigheim werden ausgemeindet und in das Gebiet der Stadt Hanau eingemeindet: Flur 31, Flurstücke 30 (0,1319 ha), 31 (0,0580 ha), 32 (0,0686 ha),33 )0,2146 ha), 34 (0,2483 ha), 35 (0,1471 ha), 36 (0.0576 ha), 37 (0,0885ha), 63/38 (0,8472 ha), 39 (0,0315 ha),

40 (0,0460 ha), 64/38 (0,0310 ha), 65/41 (0,0415 ha), 66/41 (0,0310 ha), 42 (0,7275 ha), 43 (0,0216 ha), 44 (0,2275 ha), 45 (0,2411 ha), 46 (0.0935 ha), 47 (0,3528 ha), 48 (0,0905 ha), 49 (0,0304 ha), 50 (0,0308 ha), 51 (0,3020 ha), 56 (0,0743 ha), 57 (0,0233 ha), 4/1? (0,0446 ha), 54/1 (0,0382 ha), 5/1 (0,2443 ha), 7/1 (0,1528 ? ha),  9/1 (0,1599 ha), 10/1 (0,0512) ha,  insgesamt 5.2586 ha.

Wiesbaden, 22.11.1968

Der Hessische Minister des Innern

 

Die Freude über die Stadterhebung dauerte aber nur zehn Jahre. 1974, mit der Hessischen Gebietsreform, verband sich die flächengrößte, bevölkerungsreichste und finanziell gesicherte Stadt Dörnigheim mit den Gemeinden Bischofsheim. Hochstadt und Wachenbuchen zur Retortenstadt Maintal.

Seit  1866 gehörte Dörnigheim zum Kreis Hanau und mit diesem zum Regierungsbezirk Kassel der preußischen Provinz Hessen‑Nassau. Während des zweiten Weltkrieges wurde der Landkreis Hanau dem Regierungsbezirk Wiesbaden angegliedert, der seit 1945 zum Land Hessen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland gehört. Seit der Gebietsreform 1974 bildet Dörnigheim mit Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen die Stadt Maintal und gehört mit dieser zum Main‑Kinzig‑Kreis.

Aus dieser Neuordnung versuchen die Politiker das Beste für die Bürger zu machen. Ein endgültiges Urteil hierüber heute schon wäre verfrüht und sollte wahrheitsgetreuer späterer Geschichtsforschung überlassen bleiben, freilich auch dem Bürgerbewußtsein und Bürgerwillen künftiger Generationen.

 

Im Jahre 1999 wurde auf einem Ortsschild noch einmal „Dörnigheim“ vorangestellt. Wer von Hanau kommend. an Honeywell vorbei auf Dörnigheim zusteuerte, sah nicht „Maintal“, sondern „Dörnigheim“ auf dem Ortschild. Doch dabei handelte es sich nur um ein Versehen.

Irgendwann (wann es genau war, weiß niemand mehr so genau) mußte das Ortsschild nach einem Verkehrsunfall ausgetauscht werden. Dann wurde das neue angefertigt und aufgestellt. Warum das Straßenbauamt nun plötzlich Dörnigheim und nicht Maintal in den Mittelpunkt rückte, kann weder im Ordnungsamt noch in der Straßenmeisterei noch im Straßenbauamt selbst nachvollzogen werden. Irgendwie sei es halt passiert, heißt es. Ein Lapsus, der nach den Statuten des Landes Hessen keinen Bestand haben darf und daher baldmöglichst beseitigt wird. Nicht die Stadtteile stehen auf den gelben Schildern an erster Stelle. sondern die Stadt Maintal als Ganzes. Alle Schilder verraten erst „kleingedruckt“, um welchen Stadtteil es sich handelt.

 

Stadt Maintal

Die Einwohnerzahl Dörnigheims  war auf rund 10.000 gestiegen, als die Gemeinde am 9. Juli 1964 für sich die Stadtrechte reklamierte. Dem Ersuchen war umfangreiches Schrift‑ und Bildmaterial beigefügt, in dem sich auch ein kurzer Überblick über die Entwicklung Dörnigheims findet. Dem Antrag folgend beschloss

die hessische Landesregierung am 18. September 1964: „Der Gemeinde Dörnigheim im Landkreis Hanau, Regierungsbezirk Wiesbaden, wird gemäß § 13 Abs. 1 der Hessischen Gemeindeordnung i.d.F. vom 1. Juli 1960 (GVBI. S. 103) das Recht verleihen, die Bezeichnung „Stadt“ zu führen.“

Die Freude an einer selbstständigen Stadt Dörnigheim währte indessen nur zehn Jahre. Ähnlich wie das benachbarte Bergen‑Enkheim, das erst 1968 zur Stadt erhoben worden war, büßte Dörnigheim im Zuge der Gebietsreform seine Selbstständigkeit im Jahre 1974 wieder ein.

Während Bergen‑Enkheim Stadtteil von Frankfurt wurde, schloss sich Dörnigheim, um diesem Schicksal zu entgehen, mit den Nachbargemeinden Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen zur Stadt Maintal zusammen.

Das böse Wort vom „Moloch Frankfurt“ hatte die vier Gemeinden zum Handeln veranlasst. Am 1. Juli 1974 entstand, der Not gehorchend, diese Stadt aus der Retorte.

Dem waren indes lebhafte politische Aktivitäten vorausgegangen. Bereits im April 1970 setzte sich die CDU für einen gemeinsamen Flächennutzungsplan der Stadt Dörnigheim und der Gemeinden Bischofsheim und Hochstadt ein. Dies sollte der erste Schritt zur Entstehung einer integrierten und leistungsfähigen Mittelstadt zwischen Frankfurt und Hanau sein.

Ein entsprechender Antrag wurde jedoch im Stadtparlament abgelehnt, auch von der SPD, die nichtsdestoweniger in ihrem Parteiblatt „Stadt Prisma Dörnigheim“ für sich in Anspruch nahm, der „Motor“ für ein Zusammenwachsen der drei Kommunen gewesen zu sein. Von einer Einbeziehung Wachenbuchens in die Fusion war zunächst nicht die Rede. Wachenbuchen galt als Hanau orientiert, schon wegen seiner geographischen Lage.

Es wurden verschiedenartige Überlegungen angestellt, um der drohenden Gefahr eines Anschlusses der Stadt Dörnigheim an Frankfurt oder einer Einkreisung nach Offenbach, von der ebenfalls die Rede war, zu entgehen. So schlugen im Dezember 1971 der Dörnigheimer Bürgermeister Erwin Henkel und der Hanauer Oberbürgermeister Hans Martin in einer Bürgerversammlung der SPD eine Eingemeindung Dörnigheims in das Stadtgebiet von Hanau vor.

Anfang 1972 kam dann aus Wiesbaden der Vorschlag des hessischen Innenministers, dass Dörnigheim Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen eine kommunale Einheit bilden sollten. Ein weiteres Schreckgespenst tauchte aber auf. Der sogenannte „Mehrzweckpflichtverband“, dem Dörnigheim angehören sollte, und von dem die CDU befürchtete, dass auf diesem „kalten Wege“ die Stadt ihre Selbstständigkeit verlieren sollte.

Aus dem Pflichtverband wurde später eine nicht minder unglückselige Konstruktion, der „Umlandverband Frankfurt“, kurz UVF, welcher der Stadt Maintal Kraft Gesetzes aus Wiesbaden verordnet wurde.

Misslich war dies für unsere Stadt deshalb, weil Maintal als einzige Kommune des Main-Kinzig‑Kreises diesem Verband angehört und sich dadurch Kompetenzverschiebungen und eine finanzielle Doppelbelastung für Maintal ergeben. Große Erregung gab es bei den Landwirten, weil die zuständige Agrarbehörde des UVF in dem nicht gerade benachbarten Usingen lag. Das wurde später bekanntlich geändert.

 

Stadterneuerung

Noch vor wenigen Jahren sollte die Dörnigheimer Kennedystraße um eine Fahrspur erweitert werden, um den Durchgangsverkehr noch flüssiger fließen zu lassen. Mit dem Um- und Rückbau wurde nun genau das Gegenteil angestrebt. Der Durchgangsverkehr - hier vor allem der Schwerlastverkehr - wird nach Möglichkeit aus der Straße herausgehalten. Es soll nunmehr eine Einkaufsstraße mit dem Charakter eines Ortszentrums werden.

Doch die alte Reichsstraße umzubauen, um mehr Verkehr hindurchzuführen, wie noch in den siebziger Jahren geplant, ist wahrlich keine neue Idee der damaligen Verkehrsplaner. Denn schon 1936 war hiervon die Rede. Dazu titelte das „Hanauer Stadtblatt“ am Freitag, 3. Juli 1936: „Im Zeichen des modernen Schnellverkehrs“ und meldete „die berüchtigte S-Kurve in Dörnigheim verschwindet.“

Hier ein Auszug des Beitrags, wie die Situation in der Mitte der dreißiger Jahre gesehen wurde: Ungezählte Automobilisten und Fuhrleute werden es mit Freuden begrüßen, daß endlich, nach einer Zeit langen Wartens, die berüchtigte S-Kurve in der Gemeinde Dörnigheim durch großzügige Maßnahmen verschwindet. Zahllose Unfälle hatten sich in dieser Kurve ereignet, deren große Zahl auch durch strenge, den Verkehr regelnde Maßnahmen nur unbedeutend herabgedrückt werden konnte.

Das Wohnhaus, welches das Hauptverkehrshindernis bildete und eine gerade Linienführung der Straße unmöglich machte, ist jetzt bereits abgerissen. Damit ist eine schöne, freie Durchfahrt durch die Lindenstraße geschaffen worden, die einen der Gefahrenpunkte der Reichsstraße Frankfurt-Hanau gänzlich beseitigen wird.

Diese Straße wird in diesem Jahre anläßlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin mit größter Wahrscheinlichkeit einen außerordentlich starken Schnellverkehr zu bewältigen haben (und das alles 1936, es ist kaum zu glauben). Man kann deshalb die Streckung der berüchtigten Dörnigheimer S-Kurve als einen wohlgelungenen und rechtzeitigen Beitrag zur Schaffung einwandfreier Verkehrsverhältnisse und der Erzielung der unbedingt zu fordernden Sicherheit aller Straßenbenutzer bezeichnen.

Als sich die 50 Jahre alte Witwe Fitzenberger aus Fechenheim am Mittwochnachmittag mit dem Fahrrad auf dem Wege nach Hanau befand, kam sie in der gefährlichen Kurve in Dörnigheim zu Fall und wurde von einem Lastkraftwagen überfahren. Sie erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß sie bald nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus starb. Dies ist nur einer von unzähligen schweren Unfällen mit Todesopfern, die sich immer wieder an dieser Stelle ereignet hatten.

Sollte noch vor wenigen Jahren die Dörnigheimer Kennedystraße um eine Fahrspur erweitert werden, wird heute genau das Gegenteil angestrebt: Bäume sollen rechts und links der Fahrbahn gepflanzt und begrünte Verkehrsinseln geschaffen werden.

Im Jahre 1989 erfolgte der Grundlagenbeschluß durch die Stadtverordnetenversammlung, erst 1994/95 konnte der erste Bauabschnitt der Umgestaltung zwischen Backesweg und Hasengasse in Angriff genommen werden. Im Jahre 1998 wurde dann der Bereich zwischen Mainaue und Querspange verwirklicht und 1999 konnte der Abschnitt zwischen Hasengasse und Bahnhofstraße wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Die Straße soll zu einem richtigen Ortsmittelpunkt entwickeln. Die weiteren Planungen und Umgestaltungsmaßnahmen sollen dabei in enger Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft, vor allem mit den Anwohnern und Geschäftsleuten ‑ erfolgen. Nächster Schritt wird nach den Vorstellungen Stadteilforums sein, die Straße wieder stärker mit Leben zu erfüllen. Dies kann beispielsweise geschehen, wenn vielen ungenutzten Räume, wie alte Scheunen entlang der Wehrmauer, genutzt würden. Hier müßten Durchbrüche geschaffen werden, um mehr Leben hineinzubringen. Alle Bemühungen um eine Verschönerung der Kennedystraße sind zum Scheitern verurteilt, solange die Mauer und Schwarz das Straßenbild dominieren.

Mit den Durchbrüchen in der Mauer würde dann auch der heftig kritisierte breite Flanierbürgersteig einen Sinn machen. Direkte Verbindungen zu den Geschäften in der Kennedystraße, verbunden mit gastronomischen Einrichtungen, würden ein ganz anderes Bild ergeben. Um das alles zu realisieren, müssen erst einmal die Grundstücksbesitzer davon überzeugt werden, ihre bislang ungenutzten Gebäude zu verkaufen oder selbst zu nutzen. Dabei betonte Bauamtsleiter Sachtleber noch mal nachdrücklich:  „Gegen den Willen der Leute machen wir gar nichts!“

 

Chronologie der Straße aus politischer Sicht (Dr. Walter Unger)

Der Gedanke einer Umgestaltung der Kennedystraße geisterte schon durch die politische Diskussion, als ich 1980 noch Erster Stadtrat und Baudezernent wurde. Etwas konkreter wurde es dann im Wahlprogramm der SPD für die Kommunalwahl 1985. Dort hieß es unter den Zielen der Stadtentwicklung, die Kennedystraße solle zu einer „attraktiven Einkaufsstraße“ umgestaltet werden. Im Wahlkampf ‑ inzwischen war ich Bürgermeister ‑ habe ich allen, die es wissen wollten, dazu gesagt, daß der Bereich zwischen Hasengasse und Bahnhofstraße als moderner Ortskern attraktiver werden müßte. Notwendig sei aber auch eine Verbesserung der Eingangssituation vor allem von Frankfurt kommend.

Erster Stadtrat Dr. Karl‑Heinz Schreiber und ich haben dann gestrampelt, um die Planung voran zu treiben und die Finanzierung sicher zu stellen. Dazu war es zunächst einmal erforderlich, die Kennedystraße von einer Bundes‑ in eine Landesstraße umzuwidmen; denn die für eine Bundesstraße notwendige Breite hätte keinerlei Gestaltungsspielraum mehr offen gelassen. Das gelang nach zähen Verhandlungen Anfang der neunziger Jahre.

Genau so schwierig war die Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens für den Umbau: Weil die Ortsdurchfahrt im rechtlichen Sinne etwa Höhe des Restaurants „Hessler“ beginnt, aber auch der eigentliche Eingangsbereich neu gestaltet werden sollte, war ein Zusammenwirken von Straßenbauamt und Stadt notwendig (und das Straßenbauamt wollte damals noch lieber Straßen bauen als sie zurückbauen). Immerhin konnte das Planfeststellungsverfahren etwa im Jahr 1990 begonnen und bis Anfang 1993 abgeschlossen werden.

Damals formierten sich die „Freien Maintaler“ ‑ nicht zuletzt aus einer Initiative von Geschäftsleuten gegen den Rückbau der Kennedystraße unter Führung des späteren Stadtrats Bernhard Schneider (der sich bei der Eröffnung am vergangenen Freitag übrigens für die gelungene, positive Umgestaltung namens des Stadtteilforums ausdrücklich bedankte.

Im Jahre 1987 hatte die Stadt den „Frankfurter Hof“ gekauft und zum Jugendzentrum umgebaut. Mit der Eröffnung 1988 wurde auch der Platz vor dem „Frankfurter Hof“ umgestaltet (Planungen unter der Leitung von Dr. Schreiber und Jörn Walter, damals Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Umwelt). Dies war die erste Phase der Neugestaltung der Kennedystraße und des Ortskerns von Dörnigheim.

Bis dahin führte die Straße in voller Breite auf den Platz; vor dem kleinen Häuschen zwischen Kennedystraße und Frankfurter Straße stand ein großer Betonklotz, weil schon mehrfach Lastwagen ins Haus gedonnert waren.

Der nächste Bauabschnitt ‑ zwischen Querspange und Backesweg ‑ begann erst 1994. Vorangegangen waren Verhandlungen mit dem Land über die Finanzierung, wobei Ulrich Steeger und später Lothar Klemm als Verkehrsminister ein Machtwort sprechen mußten. Vorangegangen war auch der gescheiterte Versuch der Freien Maintaler, nach der Kommunalwahl noch einmal die ganze Planung in Frage zu stellen; schließlich waren sie ja mit ihrer Gegnerschaft gegen den Umbau ins Rathaus gespült worden.

 

Rahmenplan „Soziale Stadterneuerung“

Seit Juni 1998 ist der Stadtteil Dörnigheim mit den Bereichen Historischer Ortskern/Altstadt und dem Wohngebiet Westend Förderschwerpunkt des Landesprogramms „Soziale Stadterneuerung“. Damit besteht die Möglichkeit, durch Förderung von öffentlichen Maßnahmen und Projekten dazu beizutragen, eine „Nachhaltige Stadterneuerung“ zu initiieren. Die „Stadterneuerung“ will eine enge Verknüpfung sozialer, kultureller, ökologischer und ökonomischer Bereiche bewirken und die Akteure vor Ort aktiv an dem Gesamtprozeß beteiligen. Durch Information und Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger soll vor allem die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht und die Bereitschaft zur Mitwirkung gestärkt werden.

Neben investiven baulichen Maßnahmen zur Stadterneuerung sollen beispielsweise Maßnahmen und Projekte zur Verbesserung der Beschäftigung und zur nachhaltigen Stabilisierung der sozialen Verhältnisse und des nachbarschaftlichen Zusammenlebens in den angesprochenen Stadtgebieten unterstützt werden. Vor allem gilt es, vorhandene Potentiale zu nutzen und neue Aktivitäten in Gang zu setzen, die den Stadtteil Dörnigheim in seiner Entwicklung fördern helfen.

Seit Frühjahr 1997 existiert das Stadtteilforum Dörnigheim, das sich die Reaktivierung des Stadteilzentrums mit historischer Altstadt und Kennedystraße zum Ziel gesetzt hat. Im Wohngebiet „Westend“ ist das Bürgerforum aktiv und unterstützt hier vor allem die sozialen und kulturellen Aspekte des Programms.

Mit Aufnahme von Dörnigheim in das Landesprogramm „Soziale Stadterneuerung“ wurde zudem ein Stadtteilmanagement entwickelt, das alle Abstimmungsverfahren und Aktivitäten bündeln soll. Ein hoher Modernisierungs‑ und Sanierungsbedarf an historischer Bausubstanz und der zunehmende Leerstand unter anderem von ehemaligen Wirtschaftsgebäuden führt zu einer negativen städtebaulichen Entwicklung in der Altstadt.

Verbunden mit einem Rückgang der privaten Versorgungsangebote (zum Beispiel Geschäfte) ist inzwischen ein gewisser Identifikations‑ und Imageverlust für den Stadtteil zu verzeichnen. Dabei sind gezielte Aufwertungsmaßnahmen, im öffentlichen wie im privaten Bereich notwendig. Mit dem Umbau der Kennedystraße wurde ein erster Schritt getan.

 

Erneuerung der Altstadt

Die Wiederentdeckung der Altstadt öffnet aber auch das Bewußtsein für die geschichtliche Bedeutung von Dörnigheim. Dörnigheim soll attraktiver werden. So lautet das gemeinsame Ziel, das sich die Stadt Maintal und das Stadtteilforum Dörnigheim im Rahmen der Sozialen Stadterneuerung gesteckt haben. Dabei richten sie ihr besonderes Augenmerk auf das Westend und den Altstadtkern. Jetzt hat sich auch die Stadtverordnetenversammlung für den Rahmenplan „Alter Ortskern Dörnigheim“ ausgesprochen.

Der Grundstein für die Umgestaltung wurde 1997 mit der Gründung des Stadtteilforums Dörnigheim gelegt. Schon damals lenkten die engagierten Bürger den Blick der Politiker und Planer der Stadt Maintal auf die Altstadt, das angrenzende Mainufer und die Kennedystraße als Hauptgeschäftsader.

Im Jahr 1998 gelang die Aufnahme in das Landesprogramm „Einfache Stadterneuerung“. Doch dann versiegte die Geldquelle, weil sich das Land in den Folgejahren mehr auf das Programm „Soziale Stadterneuerung“ konzentrierte. Hier sind das Dörnigheimer Westend und auch das Bischofsheimer Quartier rechts vom Kreuzstein im Förderprogramm Wiesbadens.

Somit fielen für das Aufleben der Dörnigheimer Altstadt jegliche finanziellen Mittel weg, die Privatleute sind auf Eigeninitiative angewiesen..

In enger Zusammenarbeit des Stadtteilforums mit dem Planungsbüro Kind & Rausch aus Fulda entstand ein Entwurf, der die Umwandlung der Altstadt in einen ansprechenden Lebensstandort vorsieht. Die umfassenden Planungen beziehen sich auf Privatgrundstücke ebenso wie auf öffentliche Plätze. Zur Verwirklichung der zahlreichen Ideen müßten sich also Anwohner, Geschäftsleute und Kommunalpolitiker „in ein Boot“ begeben.

„Wir haben bei unseren Ortsbegehungen ein enormes Flächenpotential entdeckt“, erklärte Ralf Sachtleber. „Würden die zahlreichen Scheunen im alten Ort ausgebaut, könnte ein komplettes Wohngebiet außerhalb eingespart werden.“ Als öffentliche Aufwertungspunkte sieht er unter anderem den Herrenhofplatz, die Fläche vor dem Frankfurt Hof und die Kennedystraße. Hier können sich alle an der Planung beteiligten Gruppe einen Durchbruch der Wehrmauer vorstellen, um auch die Südseite für Geschäft zu erschließen.

Für die Kennedyn gibt es Vorschläge, wie auch die alte Stadtmauer mit Durchbrüchen zur Frankfurter Straße aufgepeppt und verschönert werden könnte mit Cafés, Geschäften oder kleinen Gärten. Das Stadtteilforum überlegt zusammen mit Maintals Denkmalpfleger Prof. von Staden, an verschiedenen Stellen Durchbrüche zu schaffen, um die Mauer lichter und damit attraktiver zu gestalten. Der Denkmalschutz spielt mittlerweile mit, so die Stadt. Die Südseite der Kennedystraße mit ihrer abweisenden durchgehenden Stadtmauer ist das Sorgenkind der Stadt. Einzelhandelsgeschäfte an beiden Seiten der Kennedystraße, Schatten spendende Bäume vor dem Frankfurter Hof sowie auf dem Herrenhofplatz, gemütliche Biergartenatmosphäre vor den Gaststätten am Mainufer: so könnte der Dörnigheimer Ortskern in etwa 10 bis 15 Jahren aussehen.

Auch das Mainufer liegt Stadtteilforum und Planern am Herzen. Hier wurden bereits kleine Verschönerungen durchgeführt. Die Laternen erhielten einen neuen Anstrich, der Grillplatz wurde erneuert, neue Bänke hat die Stadt aufstellen lassen und an unwegsamem Gelände ein Geländer angelegt. Nach Möglichkeit soll das Gestrüpp am Ufer zurückgeschnitten oder durch neue Pflanzen ersetzt werden, um von Schiffen aus ein Auge auf Dörnigheim werfen und von den Mainwiesen auch wieder den Flußlauf einblicken zu können.

Zusätzliche Baumpflanzungen an anderer Stelle sollen den Alleencharakter am Ufer verstärken. Der Grillplatz soll ein neues Gesicht bekommen. Auch die Anlegestelle für die Ausflugsschiffe auf dem Main soll neu gestaltet werden, ebenso wird über eine Anlegestelle für Boote nachgedacht. Außerdem denkt das Stadtteilforum darüber nach, wie sich die Strommasten am Ufer verschönern lassen könnten.

 

Heutige Straßen

Philipp-Reis-Straße

Das Telefon kann man längst überall hin mitnehmen. Bis zum heutigen Entwicklungsstadium des Telefons von seiner Erfindung ab sind allerdings schon gut 150 Jahre verstrichen. auchwenn der Innovationsschub in den letzten beiden Jahrzehnten vom schnurlosen Telefon bis hin zum Handy mitunter der größte in dieser Zeit war.

Die Frage, wer denn nun der eigentliche ursprüngliche Erfinder selbigen Apparates war, wurde im Juni 2002 neu angestachelt. Das US‑amerikanische Repräsentantenhaus beschloß „im Bemühen um späte Gerechtigkeit ... die gemeinhin Alexander Graham Bell zugeschriebene Erfindung des Telefons als Verdienst des Italo‑Amerikaners Antonio Meucci zu deklarieren. Meucci hatte schon 1871 seinen Telefonapparat patentieren lassen, mußte das Patent aber aus finanziellen Schwierigkeiten 1874 verfallen lassen. Bell meldete am 14. Januar 1876 das Patent an und erlangte auf diese Weise zu Weltruhm.

Doch der Entwicklungsprozeß geht zeitlich noch etwas weiter zurück: Am 26. Oktober 1861 trat ein 27‑jähriger Gelnhäuser Physiklehrer in Frankfurt vor den „Physikalischen Verein“ und hielt einen bahnbrechenden Vortrag über „Das Telefonieren durch galvanischen Strom“. Seine Idee leitete eine Wende in der elektrischen Übertragung von Nachrichten ein. Er war der Erste, der nicht Zeichen, sondern Sprache elektrisch übertrug. Erstmals war es möglich im wahrsten Sinne des Wortes „fern“ zu sprechen. Der Name des Erfinders ist Philipp Reis.

Philipp Reis wurde am 7. Januar 1834 in Gelnhausen als Sohn des Bäckers Karl Sigismund Reis und dessen Ehefrau Maria Katharina geboren. Ein Jahr später verstarb Philipps Mutter, 1844 auch sein Vater. Mit zehn Jahren kam Philipp Reis in das „Institut Garnier“ in Friedrichsdorf. Nach Abschluß einer kaufmännischen Lehre in einem Farbenhandelsgeschäft in Frankfurt widmet er sich Studien in einer Polytechnischen Vorschule und beim Physikalischen Verein in Frankfurt, dessen Mitglied er wurde.

Es existiert heute noch ein Eintrag, den der damalige Schulvorsteher in der Polytechnischen Vorschule gemacht hat, die auf die Person und Erscheinung von Philipp Reis eingeht: „In der Schülerliste, die ich als ein Andenken aus jener Zeit mir aufbewahrt habe, findet sich Philipp Reis, seiner eigenen Angabe gemäß, als künftiger Techniker eingeschrieben, woraus hervorgeht, daß ihm damals der Gedanke an den Beruf eines Lehrers noch fern lag. Daß er der Experimentalphysik ein besonders lebhaftes Interesse widmete, erklärt sich aus seinem, früh erwachten Sinn für die praktische Seite der Naturwissenschaften. Er war für seine Person sehr anspruchslos und gab nie viel auf den äußeren Menschen, wie ihm auch jede Mode und Etikette verhaßt war. ... Am wohlsten fühlte er sich in einem einfachen, abgetragen en Hausrock und der damals üblichen schwarzseidenen Kappe.“

Nach Ableistung seiner Militärdienstzeit in Kassel nahm Philipp Reis in Frankfurt seine naturwissenschaftlichen Studien wieder auf. Zuerst gedachte er sich in Heidelberg für den Lehrberuf ausbilden zu lassen, erhielt aber dann eine Lehrerstelle in bekanntem Umfeld, dem Institut Garnier in Friedrichsdorf. In Friedrichsdorf ließ sich Philipp Reis zusammen mit seiner Frau Margarete nieder. Das Ehepaar brachte die beiden Kinder Karl und Elli zur Welt.

 

“Durch meinen Physikunterricht dazu veranlaßt, griff ich im Jahre 1860 eine schon früher begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, durch welch es möglich wird, die Funktionen der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen, mit welchen man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom beliebiger Entfernung reproduzieren kann. „Ich nannte das Instrument Telefon“, schrieb Philipp Reis in seinen Memoiren. In wissenschaftlichen Kreisen seiner Zeit wurden die neuartigen Gedanken von Reis als „Spielerei“ abgelehnt.

Einen kleinen Durchbruch erlebte der Gelnhäuser, als er dann am 26. Oktober 1861 vor dem Physikalischen Verein in Frankfurt vorsprach. Zusammen mit seinem Lehrerkollegen Peter stellte er seine Erfindung vor und gab mehrere Kostproben des Könnens. Peter: „Ich spielte auf dem Englischen Horn, Philipp Schmidt sang. Das Singen war besser zu verstehen als das Spielen auf dem Instrument.... Zuerst versuchten wir es mit Singen. dann 1as Reis’ Schwager aus Spieß’ Turnbuch lange Sätze vor, die Reis, der am anderen Ende lauschte, ausgezeichnet verstand und laut für uns wiederholte. Ich sagte ihm: „Philipp, du kennst ja das ganze Buch auswendig“, denn ich wollte erst dann glauben, daß das Experiment so erfolgreich verlaufen war, bis er mir einen Satz wiederholte, den ich ihm sagen wollte. Deshalb ging ich in den Raum, in dem das Telefon stand und sprach einige Sätze wie: ‚Die Sonne ist von Kupfer’ was Reis als ‚Die Sonne ist von Zucker’ verstand, oder ‚Das Pferd frißt keinen Gurkensalat’, wovon er nur ‚Das Pferd frißt’ verstand. Dies war der letzte Versuch, den wir unternahmen. Alle Anwesenden waren sehr erstaunt und äußerten die Überzeugung, daß Reis’ Erfindung eine große Zukunft eingeleitet habe.“

Reis war die Präsentation gelungen und damit die Chance auf großen Ruhm aufgetan. Auch wenn weiter

hin die meisten Menschen dem neuen Übertragungsmittel sehr skeptisch gegenüberstanden, so war das Interesse enorm groß. Die Apparate wurden in alle Welt verschickt und dienten als Experimentierobjekte oder wurden in bestehende wissenschaftliche Sammlungen aufgenommen.

Dieses erste Telefonmodell hatte noch wenig Ähnlichkeit mit den zukünftigen „Fernsprechern“. Der Tongeber bestand aus einem aus Eichenholz geschnitzten .Modell des menschlichen Ohrs. Dieses Ohr übertrug die aufgefangenen Töne mit Hilfe des in den Säurebatterien erzeugten galvanischen Stroms auf einen „Ton‑Nehmer“, eine Stricknadel, die durch eine Spule aus Seide umsponnenen Kupferdraht gesteckt wurde. Dieser Draht wurde durch einander folgende Stromstöße magnetisiert. Als Klangverstärker diente eine Geige, an welcher die Stricknadel befestigt wurde. Der Strom wurde durch die Schwingungen der menschlichen Stimme reguliert, die auf einen beweglichen Kontakt auf einer Art künstlichem Trommelfell einwirkte ‑ die gesprochenen Laute und Worte waren übermittelt.

Philipp Reis stellte seine Telefone eigenhändig in einer kleinen Werkstatt hinter seinem Haus her, von dem er Drahtleitungen in eines der oberen Stockwerke legte. Auch in seiner Schule hatte er sich einen Draht für telefonische Versuche vom Physikraum in ein Klassenzimmer gelegt, so daß er auf diese Weise seine Schüler kontrollieren konnte, wenn sie sich gerade unbeaufsichtigt glaubten.

Der Lehrer brachte es aber zu seinen Lebzeiten nie zu der Anerkennung, die ihm nach heutigem Kenntnisstand zugestanden hätte. Bei Vorführung, auch nach dem Vortrag in Frankfurt 1861 stimmten Intellektuelle mit Reis überein, daß diese Erfindung weitreichende Folgen für die Kommunikation haben könnten, doch insgesamt glaubten nur sehr wenige daran, daß sich dies auch tatsächlich durchsetzen könnte. „Zur praktischen Verwerthung des Telephons dürfte vielleicht noch sehr viel zu thun übrig bleiben. Für die Physik hat es aber wohl schon dadurch hinreichend Interesse, daß es ein neues Arbeitsfeld eröffnet“, gab sich Philipp Reis dennoch kämpferisch.

Eine Vorführung in Gießen aus dem Jahr 1864 war die letzte öffentliche Demonstration des Reis’schen Telefons vor einem fachkundigen Publikum. Philipp Reis trat aus dem Physikalischen Verein in Frankfurt aus und kehrte auch dem „Freien Deutschen Hochstift“, dessen Ehrenmitglied er war, den Rücken, weil man den Wert seiner Erfindung nicht anerkannte. Zwar hatte der Vorsitzende des „Freien Deutschen Hochstifts“ am 6. September 1863 Reis Erfindung dem Kaiser von Österreich und dem König von Bayern vorgestellt, aber eine Reaktion der Adeligen war ausgeblieben.

Reis versuchte nun selbst, sein Telefon auf den Markt zu bringen. Der Frankfurter Mechaniker Wilhelm Albert wurde beauftragt, das Reis‑Telefon ‑ die zehnte verbesserte Ausführung ‑ in einer größeren Stückzahl zu bauen und im Auftrag des Erfinders zu verkaufen. Reis‑Telefone wurden in alle Teile der Welt verschickt. Sie waren in den Physikalischen Laboratorien von München, Erlangen, Wiesbaden, Wien und Köln zu finden. Man sandte sie nach London, Dublin und sogar nach Tiflis im Kaukasus. Telefone wurden vor allen gekauft, um sie in schon bestehende wissenschaftliche Apparatesammlungen aufzunehmen, oder um mit ihnen zu experimentieren. Daß Philipp Reis an eine zukünftige gewerbliche Nutzung glaubte, zeigt seine Teilnahme an einer Gewerbeausstellung in Homburg. Die Presse äußerte sich anerkennend, schien aber noch nicht die Möglichkeiten zu erkennen, die Fernsprechverbindungen in Zukunft bieten würden.

So wurde es bald ruhiger um die Person Philipp Reis und um dessen Erfindung. Zudem ereilte ihn Tuberkulose, die ihn zunehmend schwächte, so daß er seine Forschungen nicht weiterentwickeln konnte. Schließlich verstarb er im Alter von 40 Jahren, ohne aus seiner Lebensaufgabe Profit geschlagen zu haben. Seiner Familie hinterließ er ein Erbe von 400 Talern, was dafür spricht, daß sich die zwischenzeitlichen Lorbeeren nicht auf sein Einkommen ausgewirkt hatten. Philipp Reis wurde in Friedrichsdorf beigesetzt.

Schon zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis ‑ am 4. Februar 1876 - reichte der Amerikaner Graham Bell ein Patent auf das „von ihm entwickelte Telefon“ ein. Nach seinem eigenen Eingeständnis hat er aber die Arbeiten von Philipp Reis zumindest teilweise gekannt und sie verbessert. Nun erinnere man sich auch in Deutschland wieder an die Versuche und Telefonvorführungen von Philipp Reis, die man seinerzeit nicht ernst genug genommen hatte. Schüler, Lehrerkollegen und bekannte Wissenschaftler setzten sich dafür ein, daß Philipp Reis der Ruhm zugestanden wurde, das erste brauchbare Telefon entwickelt zu haben ‑ vergeblich.

Am 26. Oktober 1877, also genau 16 Jahre nach Philipp Reis’ Vortrag in Frankfurt, begann dann in Berlin die Geschichte des Telefons in Deutschland. Die Reichstelegraphenverwaltung machte am diesem Tage die ersten Sprechversuche mit zwei „Bell’schen Telephonen“. Die erste Telefonverbindung war vom Generalpostamt in der Leipziger Straße 15, zu dem Generaltelegrafenamt in der Französischen Straße 33 b. Anwesend waren bei dem ersten Versuch der damalige Generalpostmeister Heinrich von Stephan und der Generaltelegrafendirektor Budde.

Nachdem die ersten Worte ins Telefon gesprochen wurden und hörbar ankamen, sagte Heinrich von Stephan mit leuchtenden Augen: „Meine Herren, diesen Tage müssen wir uns merken“. Er hatte in der Zeitung „Scientific American“ von den neuen Telefonen gelesen. Von Stephan schrieb am 18. Oktober 1877 an den ihm bekannten Elektriker der Western Union Telegraphen Company, mit der Bitte um nähere Informationen und die Übersendung eines Satzes dieser neuen Geräte.

Noch bevor er eine Antwort aus Amerika bekommen hatte, hielt Stephan schon am 24. Oktober 1877 zwei Bell‑Telefone in seinen Händen. Diese beiden Geräte hatte ihm sein Kollege aus dem Londoner Haupttelegrafenamt bei einem Besuch in Berlin mitgebracht. Stephan läßt sich sofort nach den ersten Versuchen weitere Geräte von der Firma Siemens & Halske anfertigen. Am 5. November 1877 wird die erste ständige Telefonverbindung in Deutschland aufgenommen. Heinrich von Stephan hat auch für das neue erfundene Telefon den deutschen Begriff „Fernsprecher“ geprägt.

Den rasanten gesellschaftlichen Umbruch kann man heute sehr gut aus dem Briefverkehr erkennen, welcher die Firma Siemens & Halske daraufhin führte: „Der Telephonschwindel ist jetzt in Deutschland in voller Blüte, und ich kann sagen, ich werde die Geister, die wir berufen haben. nicht mehr los. Heute sind ca. 100 Briefe, welche Lieferung von Telephonen verlangen, eingegangen, und so geht es täglich. Dazu die Berliner, die unser Geschäft vollständig belagern und alle guten Freunde, ‑ wenn auch nur ad hoc ‑ welche es bei uns sehen und darüber schwatzen wollen. Es ist eine wahre Kalamität!“ (19. November 1877). „Die Telephone machen jetzt alles verdreht. Wir fertigen täglich schon 200 Paare an, und bisher ist es ein Tropfen auf den heißen Stein!“ (26. November 877). „Wir sind schon einmal auf 700 Telephone in einem Tage gekommen. Jetzt scheint der Sturm etwas nachzulassen...“ (7. Dezember 1877).

Der „Sturm“ hat bis heute nicht nachgelassen ‑ wenn auch moderne Technologien Ende des 19. Jahrhunderts erst recht als „Spielereien“ abgetan und verworfen worden wären. Doch aus der Tendenz der gesellschaftlichen Vernetzung sind solche Geräte nicht mehr wegzudenken. Philipp Reis aus Gelnhausen hatte mit seinen Entdeckungen einen erheblichen Einfluß auf das heutige Handy‑Zeitalter.

 

Kennedystraße

Von der „Alten Straße“ bis zu Kennedy (von Ingeborg Schall).

Durch die Dörnigheimer Gemarkung führt eine der uralten Straßen nördlich des Mains, die sogenannte „Alte Straße“ oder auch „Frankfurt‑Leipziger Straße“. Ihr Ursprung reicht weit in die Frühzeit der Geschichte zurück. Man kann vermuten, daß - nachdem sich der Main sein Flußbett gegraben hatte und die Ufer allmählich trocken und begehbar geworden waren - sich als erstes das Wild einen Weg am Ufer entlang gebahnt hat.

Den Spuren des Wildes folgten die Menschen auf der Suche nach Wasser und Nahrung. Sie mieden die dichten Wälder und den durch die vielen kleinen Wasserläufe sumpfigen Morast des offenen Geländes. Schon in der Steinzeit legten sie mit ihren kleinen leichten Fellbooten auf dem Main weite Strecken zurück. Bei Bedarf konnten sie die Boote bequem ans Ufer ziehen, um hier zu lagern, Auf den bestehenden ausgetretenen Pfaden gelangten sie dann weiter zu den Lagerplätzen anderer Sippen, mit denen ein reger Warenaustausch betrieben wurde.

Die ebenfalls sehr alte „Hohe Straße“ einige Kilometer nördlich von Dörnigheim, auf einem sanften Bergrücken, war von der Witterung unabhängiger als die im Herbst und Frühjahr vom Hochwasser bedrohte Straße in der Niederung am Main. Sie führte von Bergen über die „Hohe Lohe“ oberhalb von Wachenbuchen Richtung Osten und war im 14. Jahrhundert in hiesiger Gegend die bedeutendste Handelsstraße für Wirtschaftsgüter. Heute ist sie nur noch ein breiter Fußweg.

Von mehr regionaler Bedeutung war die zwischen der „Frankfurt‑Leipziger‑Straße“ und der „Hohen Straße“ gelegene „Gelnhäuser Poststraße“, bekannter als „Kinzigstraße“. Sie kam von Frankfurt und ging durch Bischofsheim und Hochstadt nach Gelnhausen. Sie besteht zwar noch, hat aber ihre wesentliche Bedeutung verloren.

 

Dörnigheim wird gegründet

Viele Funde von der Steinzeit an über die Bronzezeit und von den Kelten bis zu den Römern lassen den Schluß zu, daß die Dörnigheimer Gemarkung verkehrstechnisch günstig lag, wenn auch die Überflutungen des Mains im Frühjahr und im Herbst ein großes Hindernis darstellten.

Durch die Umgehung schwieriger Stellen hat sich der Verlauf der alten Straße deshalb immer wieder leicht verändert, bis endlich, um 800, unter Karl dem Großen, ihr Ausbau zu einer wichtigen Heer‑ und Fernhandelsstraße erfolgte. So wurde sie „des Reiches Straße“, die „via regia“, die Königsstraße.

Das war auch die eigentliche Geburtsstunde von Dörnigheim. Zwar lassen römische Funde vereinzelt stehende Landhäuser vermuten, sie können aber noch nicht als Siedlung angesehen werden. Erst der durch die Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch bekannt gewordene Wolfbodo legte den Grundstein zu einer systematischen Besiedlung dieser Gemarkung.

Für einen Herrscher und Feldherrn wie Karl den Großen waren gute Straßen von großer Bedeutung. Sie ermöglichten nicht nur das Reisen des Königs in seine Gaue oder zu fernen Kriegsgebieten, sondern dienten insbesondere dem Handel. Als die fränkischen Herrscher an die Macht kamen, unterwarfen sie die bereits vorhandene Bevölkerung und zwangen sie, sich um die neu errichten Herrenhöfe anzusiedeln. Diese Herren‑ oder Fronhöfe entstanden in bestimmten Etappen entlang der großen Straßen. Sie dienten deren Sicherung und boten Reisenden Unterkunft und Schutz.

Diesem Umstand verdankt auch Dörnigheim seine Entstehung. Zunächst wurde in einem umgrenzten Gebiet auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des Maines eine kleine Schutzkirche errichtet. Ihr folgte der gegenüber liegende Herrenhof.

 

Grenzort Dörnigheim

Dem ursprünglich „Turincheim“ genannten Dörnigheim kam allmählich eine besondere Bedeutung als Ort an der östlichen Grenze des Reichsforstes Dreieich zu. Dieser königliche Wildbannbezirk umfaßte nördlich des Mains das Gebiet zwischen der Niddamündung bis Vilbel, und von dort nach Süden der Linie des Hochwaldes und der Braubach folgend wieder zum Main.

Dörnigheim, im Osten der Braubach, gehörte nicht mehr zu diesem Jagdgebiet. Es lag auch außerhalb des um 1150 festgelegten Gelnhäuser Forstes, der bei Dörnigheim einen schmalen Zugang zu dem Reichsforst Dreieich hatte. Zudem bildete die Braubach die Grenze zwischen dem Niddagau (Nitachgowe) im Westen und dem Maingau (Moynachgowe) im Osten, die wiederum nach Norden an die Wetterau (Wetereiba) grenzten. Während Dörnigheim zum Maingau gehörte, befand sich das benachbarte Bischofsheim im Niddagau und Hochstadt in der Wetterau.

Der bereits erwähnte Wolfbodo, vermutlich ein Königsfreier unter Karl dem Großen, und seine Nachfolger, waren nun auf ihrem Territorium für diesen Streckenabschnitt der Straße verantwortlich. Der Bereich lag zunächst zwischen „Briubah“ im Westen und „Surdafalacha“ im Osten.

Um 1287 kamen die Ländereien des ausgegangenen, im Westen an Dörnigheim angrenzenden Vorderhausen dazu. Seine Bebauung lag etwa bei den heutigen Schleusenhäusern. Seine Grenze reichte im spitzen Winkel bis an die heutige Mainkur. Im Wesentlichen haben sich diese alten Grenzen bis heute erhalten.

Mit der vermehrten Seßhaftigkeit der Menschen und der örtlichen Konzentration von Nahrungsmitteln und anderen Gütern des täglichen Gebrauchs, mehrte sich auch die Begehrlichkeit der Nichtseßhaften, Überfälle und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Im Jahre 1275 erlaubte deshalb die Obrigkeit jedem, sein Eigentum, sein Haus, seinen Hof oder seinen Landbesitz, zu „umfrieden“. Um diese Zeit begannen auch die Dörnigheimer mit dem Bau einer Wehrmauer. Sie war besonders wichtig zum Schutz der Reisenden, die ihre Waren nach Frankfurt lieferten. Mit dem Bau der Wehrmauer wurde die alte Straße durch den Ort hindurch geführt und der außerhalb der Mauer verlaufende Straßenabschnitt verödete.

Dem gesteigerten Schutzbedürfnis entsprang im 14. und 15. Jahrhundert auch der Ausbau der Landwehren. Entlang der Braubach, die einem natürlichen Wassergraben entsprach, wurde vermutlich ein sogenanntes Gebück angepflanzt, wie es an den Landwehren dieser Zeit üblich war. Erhalten blieb davon jedoch nichts.

Eine untergeordnete Bedeutung für die alte Straße wird die Fähre über den Main zwischen Dörnigheim und Mühlheim gehabt haben. In dem Weistum von 1366 wird sie besonders hervorgehoben. Sie wurde zu Lehen gegeben und niemand, außer dem Fährmann, durfte an dieser Stelle gegen Bezahlung Reisende über den Main übersetzen.

 

Mit dem Wagen durch den Main

Der Main war jedoch damals sehr flach, so daß man ohnehin mit einem Wagen hindurchfahren konnte. Diese Furt und die Fähre gewannen jedoch nicht die Bedeutung von Fähren, die andernorts einen Teil der Straßenführung ausmachten.

Die durch Dörnigheim führende alte Straße galt bereits im Mittelalter als öffentliche Landstraße. Allein für die tägliche Versorgung der Stadt Frankfurt aus dem Umland war sie sehr wichtig. Die bereits im Jahre 1330 eingerichtete Frühjahrs‑ oder Fastenmesse, aber auch der Pferdemarkt und die Weinmesse, brachten durch den An‑ und Abtransport der Waren ein hohes Verkehrsaufkommen mit sich.

 

Das Geleit für Kaufleute

Zusätzlicher Verkehr entstand durch die Ausweisung als Geleitstraße. Die Stadt Frankfurt gewährte Kaufleuten bis zum 16. Jahrhunderts ein Geleit mit bewaffneten Begleitern bis Dörnigheim. Dafür waren besondere Abgaben zu leisten, die Kaufleute oft zu umgehen suchten, indem sie einfachere Nebenstraßen benutzten.

Dort waren sie jedoch in unsicheren Zeiten Wegelagerern und Räubern ausgesetzt. Wer auf der geschützten Straße bei einem Überfall oder Raub erwischt wurde, entging seiner Strafe nicht. Er wurde aufgehängt. Auch in der Nähe des Wachthauses vor den Toren Dörnigheims, an der Hanauer Grenze, stand ein Galgen. Hier blieben die Hingerichteten oft tagelang hängen, für jeden sichtbar und zur Abschreckung.

Eine Bereicherung des farbenfrohen Bildes auf der Straße boten die zu den Fürstentagen oder Kaiserkrönungen reisenden Herrschaften mit ihrem Gefolge. Dann stand wohl die Bevölkerung an den Straßenrändern, um das Aufgebot zu betrachten.

1745 war es die durch ihre jugendliche Schönheit begeistert bejubelte Maria Theresia. Sie kam in Begleitung ihres Gemahls durch Dörnigheim, als das Paar am 24. September 1745 dem Hanauer Grafen im Schloß Philippsruhe einen Besuch abstattete. Beide hielten sich zu dieser Zeit mit ihrem Hofstaat in Frankfurt auf, wo Franz I. am 13.September gewählt und am 4. Oktober zum Kaiser gekrönt wurde.

Eine weitaus größere Bedeutung hatten die beiden Zollstationen in Dörnigheim. So befand sich hier seit dem 14. Jahrhundert eine der zwölf Zollstätten auf dem Main. Eine Zollstation für die Frankfurt‑Leipziger Straße gab es vor 1600 in Kesselstadt, für deren Zöllner Kesselstadt, Wachenbuchen und Dörnigheim aufkommen mußten.

Eine kleinere Zollstation mag es aber bereits auch in Dörnigheim gegeben haben, für die es weiter keinen Beweis gibt als den, daß dem Abt, nach dem Weistum von 1366, für jeden Wagen ein Pfennig Zoll gegeben werden sollte. Das Zollhaus im Westen von Dörnigheim, außerhalb der Wehrmauer, wurde um 1600 erbaut und seine Gründung geht vermutlich mit der ersten Erwähnung von Wegegeld im Jahre 1609 (Zimmermann) einher.

Mit den Straßenzöllen, die zunächst Wege- oder Pflastergeld genannt wurden, sollten Ausbesserungen an der stark befahrenen Straßen durchgeführt werden, die sich, nach Aussage von jeweiligen Zeitgenossen, so gut wie immer in sehr schlechtem Zustand befand.

1722 gab die Hanauer Behörde eine Bestimmung über die Benutzung öffentlicher Wege heraus (Zimmermann). Demnach durfte kein Fuhrmann mehr als 60 Zentner laden. Es sollte auch nicht in der Spur des vorausgefahrenen Fuhrwerks gefahren werden, sondern daneben. Nach einem Abgabenkatalog von 1733 waren für ein Pferd am Wagen 1 Albus (2 Kreuzer), für ein Kuppelpferd oder Ochsen 6 Heller, für eine Kuh oder Rind 4 Heller und für ein Kalb, Ziege oder Schaf 2 Heller zu zahlen (Zimmermann).

1780 wurde endlich die „Chaussee“ wie die Landstraße nun genannt wurde, von der Hanauer Kinzigbrücke über Dörnigheim bis zur Mainkur „eine Steinbahn gelegt“, wie es heißt. Zehn Jahre später beschwerte sich das Amt Dörnigheim in Hanau über eindringendes Wasser in die Keller und verlangte eine Abänderung des Chauseegrabens (Bürgermeisterrechnung, Staatsarchiv Marburg).

Verantwortlich für die Straße waren die jeweiligen Landesherren. Sie verpachteten die Zollstationen an „Chausseegelderheber“ und „Chausseewärter“. Alle wollten natürlich möglichst hohe Gewinne daraus erzielen und so wurde wohl die Pflege der Straße nach Möglichkeit gering gehalten.

Der erste, in den Familienregistern der Dörnigheimer Kirchenbücher namentlich erwähnte Zollverwalter, war Henrich Grimm. Er starb 1713. Nach ihm findet man Namen wie Johannes Bos, der 1807 mit siebzig Jahren starb und dessen Witwe neun Jahre später um ein Gnadengehalt ersuchte (Bürgermeisterrechnung, Staatsarchiv Marburg).

Sein Nachfolger war Jacob Scherer und nach ihm kam Konrad Heck. Sein Titel war kaiserlich und königlicher Zollverwalter. In seine Amtszeit fiel die Aufhebung sämtlicher Zollgrenzen, so daß er nur noch Chaussewärter war. Er starb 1887 im hohen Alter von 78 Jahren. Sein Sohn Karl Konrad Heck, der den Beruf des Stellmachers erlernt hatte und Pumpenmacher und Gerichtsmann am Ortsgericht war, scheint die Geschäfte seines Vaters als Chausseewärter weiter geführt zu haben, die aber keinen vollen Einsatz mehr erforderten.

 

Das Ende des Zolls

Im Laufe der Jahre hatte der Unmut über die vielen Zölle, die nach unterschiedlichen Zollsystemen abgerechnet wurden, immer massiver zugenommen. An den Schlagbäumen der Zollstationen stauten sich die Fuhrwerke, bis die umständliche Verzollung abgewickelt war. In Jahren mit schlechter Ernte verteuerten sich dadurch die bäuerlichen Erzeugnisse so sehr, daß sie teilweise in Frankfurt keine Abnehmer mehr fanden.

1828 entstanden regional begrenzte Zollvereine, die eine Vereinfachung der Zollabgaben erreichen wollten. Die Julirevolution in Frankreich führte 1830 auch in Deutschland zu zahlreichen weiteren Erhebungen. Willkürlich wurden Zollgrenzen errichtet, bei deren Überschreitung eine „Maut“ zu zahlen war. Als es im Sommer desselben Jahres durch Unwetter zu hohen Ernteausfällen kam, war die Geduld der Bauern zu Ende.

 

Rebellion und Revolution

Am 24. September stürmten sie die Zollämter in Hanau und an der Mainkur. Sie warfen Akten auf die Straße, zündeten sie an und demolierten das Mobiliar. Die Regierung war so überrascht, daß keine Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. Als im Januar 1832 der Posten auf der Mainkur erneut angegriffen wurde, schritt das Militär ein und wer gefangen wurde, erhielt lange Haftstrafen.

Der mit der Untersuchung beauftragte Regierungsrat Neuhof schrieb am 8. Januar 1832 (Koch): „In Dörnigheim war bei meiner Rückreise von der Mainkur die Meinung verbreitet, die Hanauer kämen in der bevorstehenden Nacht, um das Militär abzulösen und den Zoll an der Mainkur aufzuheben. Es hat mich viel Mühe gekostet, einige sonst verständige Leute von diesem Glauben abzubringen und ihnen die Überzeugung zu verschaffen, daß das Militär fest entschlossen sei, den etwaigen Rebellen blutigen Widerstand zu leisten, und daß es auch hierzu vollkommen gerüstet sei.“

Im Jahre 1833 kam es dann auf preußischen Druck zur Gründung des Deutschen Zollvereins und 1834 fielen die innerdeutschen Zollschranken. Im Dezember 1866 wurden endlich auch sämtliche Zölle und Schiffsabgaben auf dem Main aufgehoben. Das bedeutete das Ende des Dörnigheimer Zollhauses, das nun „Chausseehaus“ genannt wurde und bis zu seinem Abriß Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erhielten hier Beschäftigte der Gemeinde oder Bedürftige günstigen Wohnraum.                   

Jeder Versuch eines Schutzes war selbst in Dörnigheim vergebens, wenn ein Krieg über das Land hereinbrach. Schon die geringsten Fehden mit den durchziehenden Soldaten hatten für Dörnigheim, den Ort an der Straße, verheerende Folgen. Schon bei dem Bundeskrieg der Städte gegen den Adel, von 1386 bis 1389, wurde das Maingebiet durch Plünderung und Brand schwer geschädigt. Als 1389 Söldner der freien Reichsstadt Frankfurt gegen Hanau zogen, wurden ebenfalls einige Hanauer Dörfer gebrandschatzt. Bei der Übernahme des Dörnigheimer Herrenhofes im Jahre 1470 wurden in dem Lehensbrief Meister Eberhart und ein „Fusthenn“ genannt. Fusthenn bedeutet „Faustkämpfer“. Man kann sich vorstellen, daß er eine Art Polizeigewalt für den Ort darstellte. Auch in späteren Lehensbriefen wird immer wieder der Fusthenn besonders erwähnt.

Als Einzelner konnte er natürlich im Kleinen eingreifen, bei durchziehenden Truppen hatte er keine Chance. Dann erhielt er Hilfe aus Hanau. Beim Durchzug böhmischer Reiter im Jahre 1567 heißt es: „Heute ist der Landsknecht Kaspar Mauß in die Dörfer des Bücherthals geschickt worden. So ist der kleine Sebastian gen Dörnigheim, bis die Reuter vorüber waren, beordert worden. Er sollte die Unterthanen vermahnen, die Reuter so gut als möglich aufzunehmen und dafür zu sorgen, daß die abziehenden Reuter die armen Leut ziemlich (= angemessen)] bezahlen“ (Zimmermann).

Als die kriegerischen Ereignisse immer mehr zunahmen, wurde Dörnigheim 1587 verpflichtet, zum Schutz der Grafschaft Hanau „wehrhafte Männer“ bereit zu halten, darunter 43 Büchsenschützen und sieben Federspießer. Wann und wie sie zum Einsatz kamen wird nicht berichtet.                   

 

Der Dreißigjährige Krieg

Alle Vorsichtsmaßnahmen reichten nicht aus, als der Dreißigjährige über das Land hereinbricht. Zwar wurde gleich zu Anfang die Wehrmauer auf sechs Meter erhöht, das hinderte aber 1621 die durchziehenden Truppen der Spanier unter Spinola nicht daran, Dörnigheim zu berauben und anzuzünden. Da halfen auch die fünf Rondelle nicht, die aus der Mauer herausgebaut waren und der Artillerie ermöglichte, aus sicherer Deckung den Feind unter Beschuß zu nehmen. Immer wieder brachen Söldnerbanden in den Ort ein und verbreiteten Angst und Schrecken.

Als 1627 die Pest ausbrach, waren die Menschen in den Dörfern noch hilfloser. 1632, n einer Phase relativer Ruhe, wurden die Einwohner in Dörnigheim gezählt und ihre Zahl an die Herrschaft in Hanau übermittelt. Es waren 38 Familien. Mit diesem kleinen Häuflein Menschen geriet Dörnigheim zwischen 1634 und 1636 in den Hauptkriegsschauplatz rings um Frankfurt.

Gleich im ersten Jahr plünderten die Truppen des Herzogs Bernhard von Weimar den kleinen Ort. 1635 flammte erneut die Pest auf. Verseuchtes Trinkwasser aus den Brunnen, zerstörte Häuser und verwüstete

Äcker boten den Menschen weder Schutz noch Nahrung. 1639 notierte der für Dörnigheim zuständige Kesselstädter Pfarrer, daß es in Dörnigheim weder ein Pfarr- noch ein Schulhaus gäbe, der Krieg habe arge Verwüstung und Schrecken hinterlassen. Am Ende des Krieges lebten in Dörnigheim immerhin noch 95 Menschen.

 

Die Französischen Eroberungskriege

Viel Zeit zur Erholung blieb den Bewohnern von Dörnigheim nach der Ausrufung des Westfälischen Friedens 1648 nicht. Noch keine dreißig Jahre später, im Januar 1675 begann Frankreichs König Ludwig XIV. seine Eroberungskriege gegen Spanien, die spanischen Niederlande, Holland und die Pfalz. Kaiserliche Soldaten unter Kurfürst Wilhelm I. zogen auch durch das Hanauer Land. Sie wurden am Karfreitag des Jahres 1675 in Dörnigheim zusammengezogen und zogen am 3. April in Richtung Bad Vilbel ab.

 

Die Österreichischen Erbfolgekriege

In die Zeit des Wiederaufbaus und der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung brachen die Österreichischen Erbfolgekriege herein. Zwischen 1741 und 1745 zogen wiederholt die unterschiedlichsten Truppen durch Dörnigheim und richteten besonders in den Fluren großen Schaden an.

Im Gewannbuch von 1743 vermerkte der Dörnigheimer Gerichtsmärker und Ortsbürger Peter Weber: „Dörnigheim, den 8. Mai sind die österreichischen, hannoverschen und englischen Truppen bei uns gestanden im Oberfeld. In dem ist alles rujeniert an Winter‑ und Sommerfrucht, am Grundborn und an der Äppelallee und die Wälder niedergehauen und verbrannt worden. Im Lager ist der Wald geschätzt worden an 1800 Gulden, und die Frucht auf den Feldern ist auch von Unparteiischen erkannt auf ungefähr 2400 Gulden. Sind wieder abmarschiert von Dörnigheim am 10. September.“

Durchziehende oder einquartierte Landmiliz, Ysenburger Söldner, ungarische Reiter, Panduren und Kroaten verursachten hohe Kosten. Die ungarischen Reiter lagen mehr als einen Monat in Dörnigheim. Außer den Kosten für die Quartiere wurden Spanndienste verlangt, Stroh und Heu für die Pferde, Fleisch, Wurst, Fische und Eier wurden verzehrt, dazu mußten die Dörnigheimer für Blei, Pulver und Kramwaren aufkommen. In den Weingärten wurde ebenfalls großer Schaden angerichtet und die Mainwiesen verwüstet. Ein Jahr später, 1746, lag das Wolfenbüttelsche Regiment, sowie dessen Generalstab im Ort.

 

Der Siebenjährige Krieg

Als während des Siebenjährigen Krieges, im April 1759, die „Schlacht bei Bergen“ ausgetragen wurde, gehörte Dörnigheim ebenfalls wieder zu den Leidtragenden. In dem nur wenige Kilometer entfernten Bergen standen sich 36.000 Franzosen und 26.500 Soldaten der Reichsarmee gegenüber. Die Schlacht ging zu Gunsten der Franzosen aus.

Damit war jedoch das Leid der umliegenden Dörfer nicht beendet. Umherstreifende Soldaten raubten alles, was nicht niet‑ und nagelfest war. Auch der Krieg war noch nicht zu Ende. Die Aufzeichnungen des Dörnigheimer Pfarrers sprechen für sich. Durchzüge und Einquartierungen von Soldaten, seien es hessische, preußische oder kaiserliche Truppen, belasteten die Bevölkerung sehr. Gefolgt von französischer Reiterei fluteten die Heere über die alte Straße.

Sie zogen zum Rhein oder kamen vom Rhein zurück. Sie plünderten, mordeten und brandschatzten, egal ob Freund oder Feind. Gegen die neuen, wirksamen Feuerwaffen war die Wehrmauer kaum noch ein Schutz. Voller Verzweiflung schrieb der Pfarrer 1796 ins Gemeindebuch: „Dies ist das schlimmste Kriegsjahr, wo dieser an der Straße liegende Ort zweimal von den Franzosen und zweimal von den Reichstruppen besetzt und viele Exzesse verübt und großer Schaden entstand.“ Es sollte noch schlimmer kommen, aber das wußte der Pfarrer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dieser schlimme Krieg zog sich bis 1798 hin.

Auch nach dem offiziellen Ende des Siebenjährigen Krieges gab es für die Franzosen kein Halten. Im Juli 1800 drang ein französisches Heer bis Frankfurt vor. Die Soldaten streiften bis Hochstadt und Dörnigheim umher. Hanau schloß seine Tore. Bei Hochstadt kam es zu einem Gefecht.

1806 brach der Französisch‑Preußische Krieg offen aus, der bis 1813 dauern sollte. Napoleon setzte den Kurfürsten von Hessen‑Kassel ab, zerschlug die Fürstentümer und gliederte sie neu. Die Festung Hanau mußte auf Befehl Napoleons „demoliert“ werden.

 

Gefangene Preußen in Dörnigheim

In Dörnigheim brachten die Franzosen gefangene Preußen unter. Neben der Zeit des Dreißigjährigen Krieges brachte die französische Herrschaft für die Dörnigheimer Bevölkerung die höchsten Kriegslasten. Napoleon zwang deutsche Fürsten mehr oder weniger in den „Rheinbund“ und rüstete zu immer neuen Kriegen.

So, wie viele andere große Heerstraßen, wurde auch die alte Straße unter französischer Besatzung in Stand gesetzt. Die Wegränder wurden teilweise mit schnellwachsenden Pappeln bepflanzt, um marschierenden Soldaten Schatten zu spenden. Die Zukunftspläne Napoleons wurden zu nächst von der Bevölkerung nicht erkannt. Aber wer ein Messer wetzt will damit auch schneiden. Das sollte auch für die alte Straße gelten.

Im Jahre 1812 flutete ein riesiges französisches Heer von 575.000 Soldaten nach Rußland. Tag und Nacht marschierten sie auch über die alte Heerstraße durch Dörnigheim. Napoleon ritt an der Spitze seiner „Grande Armee“, der Großen Armee, darunter Franzosen, Deutsche, Polen, Österreicher, Iren, Ungarn, Portugiesen, Italiener, Schotten und viele mehr.

Außer England fiel ganz Europa, nach dem Willen Napoleons, im Juni 1812 ohne Kriegserklärung in Rußland ein. Zunächst ging für ihn alles glatt. Aber bald wendete sich das Blatt. In der Völkerschlacht bei Leipzig, im Oktober 1813, siegten Preußen, Österreich und Rußland über die französische Armee. Napoleon trat den Rückzug an in Richtung Frankreich. Und wieder wälzte sich ein riesiges Heer über die alten Heerstraßen.

Man erwartete auch in der Gegend um Hanau mit Schrecken das immer noch gewaltige rückflutende Restheer von etwa 80.000 Mann (von Leonhard). Eilig verlegte die französische Stadtkommandantur von Hanau ihr Hauptquartier nach Hochstadt. Franzosen besetzten die Dörfer an den Straßen nach Frankfurt.

Entlang der Chaussee bis Dörnigheim waren Kavallerie‑Abteilungen von je 100 bis 150 Mann aufgestellt. Bayerische und österreichische Truppen wollten versuchen, das französische Restheer beim Rückzug durch das Kinzigtal zu schlagen. Im Lamboywäldchen kam es zum Kampf, den Napoleon, trotz seiner geschwächten Einheiten, für sich entscheiden konnte.

Es ist überliefert, daß er sich am Abend der Kampfhandlungen an Ort und Stelle zum Schlafen legte. Früh am nächsten Morgen flüchtete er über einen Feldweg zwischen Hochstadt und Dörnigheim zur Mainkur, nach Frankfurt und weiter über den Rhein nach Frankreich.

Das Soldatenheer allerdings benutzte Straßen und das waren nicht wenige, wenn auch 10.000 von ihnen gefangen genommen und etwa 9.000 gefallen oder verwundet worden waren. Ihnen folgten die Reiterverbände der Kosaken, die sie von Rußland aus verfolgten. Noch viele Tage nach Beendigung der Kampfhandlungen irrten versprengte Franzosen in der Gegend herum. Für Verwundete war auch in Dörnigheim in dem Rat‑ und Schulhaus ein Lazarett eingerichtet worden.

Ein Augenzeuge berichtete, daß zu beiden Seiten der Heerstraße die Leichen „sehr gehäuft“ lagen. Durch die eingeschleppt, Krankheiten starben in Dörnigheim 15 Prozent der Bevölkerung. Das war nach dem Dreißigjährigen Krieg, die höchste Todesrate.

Gegenüber dem Rathaus, im Gasthaus „Zum Adler“ hatte das Österreichisch-Bayrische Armeekorps sein Hauptquartier aufgeschlagen. Hier kam es am 2. November 1813 zum Abschluß des sogenannten „Dörnigheimer Vertrags“. Laut Brockhaus von 1894 ‑ „trat Hessen durch den Vertrag zu Dörnigheim den verbündeten Mächten bei, wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde.“

Damit war Hessen aus dem Frankreich hörigen Rheinbund ausgeschieden und beteiligte sich nun mit den Verbündeten an der Verfolgung Napoleons. Die französische Vorherrschaft in Europa war somit gebrochen.

 

Das Revolutionsjahr 1848

Erneute Kleinstaaterei und wirtschaftliche Not führten zunehmend zur Politisierung der Menschen. Sie schlossen sich in Turnvereinen zusammen, die sie als Vorbereitung zu einem Volksaufstand ansahen. In neu gegründeten Gesangsvereinen und Liedertafeln wurden Freiheitslieder gesungen. Im März 1848 kam es zu politischen Unruhen, die von Hanau ausgingen und das Ziel hatten, die kurhessische Regierung in Kassel zu stürzen. Mit wehenden Fahnen und dem Singen von nationalen Liedern zogen sie über die alte Straße nach Frankfurt, wo sie mit anderen Gruppen von Gleichgesinnten zusammentrafen. Dort kam es zu Barrikadenkämpfen, die militärisch niedergeschlagen wurden.

Im Herbst des Jahres 1849 waren zwei Kompanien preußischer Soldaten in Dörnigheim einquartiert, die sich auf dem Durchmarsch nach Süddeutschland befanden. Sie sollten die Erhebung der aus Frankfurt geflüchteten Demokraten und Republikaner verhindern.

Noch einmal sollte die alte Heerstraße bei Dörnigheim militärische Auseinandersetzungen erleben. Nachdem die Nationalversammlung der Fürsten 1848 in der Frankfurter Paulskirche keine Demokratisierung des Landes gebracht hatte, brach 1866 der Deutsche Krieg aus, an dessen Ende die Unterwerfung unter die preußische Verwaltung stand. Noch einmal befand sich Dörnigheim im Zentrum des Kriegsgeschehens.

Nun spielte die alte Wehrmauer keine Rolle mehr. Gegen die Schußwaffen, mit denen jeder Soldat ausgerüstet war, hatte die zivile Bevölkerung ohnehin keine Chance mehr. Bereits im Jahre 1811 hatte die Gemeinde Dörnigheim darum nachgesucht, das vor dem Ort befindliche Wachthaus abbrechen und neben dem Rathaus wieder aufstellen zu dürfen. Aus der Bürgermeisterrechnung der Jahre 1812 bis 1816 geht hervor, daß man auch das Ober‑ oder Hanauer Tor abbauen wollte. Ein Teil der Wehrmauer war ohnehin schon geschleift und zum Bau von Wohngebäuden außerhalb der Mauer verwendet worden.

 

Wirtschaftsfaktor Straße

Im Jahre 1872 hatte Dörnigheim 1.000 Einwohner, die mehr oder weniger mit und von dem Verkehr lebten. Fast alle Gasthäuser entlang der Frankfurter Straße, wie die Strecke der Frankfurt‑Leipziger Straße innerörtlich hieß, waren noch in Betrieb. Noch hatten die Hufschmiede und Sattler ihr Auskommen. Aber schon fuhren die ersten Motorräder mit 20 km/h durch den Ort.

Kurze Zeit später folgten die ersten Automobile. Als die Dörnigheimer Schmiede noch Werbung für Kutschen machte, wurden an anderer Stelle schon die ersten Zapfsäulen für Benzin aufgestellt. Während die einen noch Sättel für Reiter und Pferdekutschen anboten, verkauften die anderen schon Fahrräder und Motorräder. Das Gasthaus „Frankfurter Hof“ warb für sich bereits als Haltestelle für Autos, Radfahrer und Fuhrwerke aller Art.

Im Jahre 1926 setzte Bürgermeister Karl Leis im Gemeinderat den Anschluß an die seit 1875 bestehende Wasserleitung vom Vogelsberg nach Frankfurt durch. 1927 waren die Anschlüsse komplett im Ort bis in alle Haushaltungen verlegt. Die Hauptleitung folgt auch heute noch der Frankfurt‑Leipziger‑Straße in ihrem südlichen Abschnitt durch Dörnigheim. Bei der Verlegung stießen die Handwerker in der Frankfurter Straße auf Reste eines Napoleonischen Knüppeldamms.

Mit der Befestigung und dem Ausbau der Frankfurt‑Leipziger Straße zwischen der Kinzigbrücke in Hanau und der Mainkur bei Fechenheim, im Jahre 1780, nahm die alte Straße den Charakter einer „Chaussee“ an. Nach dem Vorbild der schnurgeraden, vorbildlich ausgebauten Straßen in Frankreich, erhielt sie zu beiden Seiten Abflußgräben und Schatten spendende Bäume. Das waren teilweise Pappeln, aber auch Kirschbäume, deren Erträge jährlich versteigert wurde.

Doch nicht nur die Straße selbst veränderte im Laufe der Jahre ihren Charakter, sondern auch die Verkehrsmittel. Längst waren die schweren, mittelalterlichen Erntewagen leichteren Nachfolgern gewichen. Der Frankfurter Bürgermeisterbote, der im 15. Jahrhundert auf hölzernen Stelzenschuhen durch den Straßenschlamm von Frankfurt nach Hanau unterwegs war, gehörte der Vergangenheit an.

Noch immer waren die meisten Menschen zu Fuß unterwegs, man sah aber auch Reiter und täglich fuhren Postkutschen durch Dörnigheim und beförderten Briefe, Pakete und Reisende nach festgelegten Fahrplänen. Als im Jahre 1848 die Eisenbahnstrecke von Frankfurt nach Hanau gebaut wurde, fürchteten die Frankfurter Lohnkutscher um ihre Einnahmen und protestierten. Die technische Entwicklung war jedoch nicht aufzuhalten. Schon sah man die ersten Fahrradfahrer im Straßenverkehr. Zuerst noch ohne Tretkurbel, dann mit. Eiserne Räder mit Speichen und Vollgummireifen ersetzten bald die Holzräder. Mit den Verbesserungen ging es rasant weiter.

Noch waren Bauernfuhrwerke mit Pferd und Wagen auf der Landstraße unterwegs, aber immer häufiger wurden sie von Autos überholt. Als Hitler 1933 an die Macht kam, gehörte zu seinen ersten Aufgaben der Ausbau der Straßen. Getarnt unter dem Deckmantel der Arbeitsbeschaffung, gehörten sie jedoch bereits den Vorbereitungen auf einen Krieg.

 

Neue Straßennamen wurden notwendig

Da in Dörnigheim die bedeutungslos gewordene Wehrmauer teilweise bereits gefallen war, gab es keinen Grund mehr für die Ortsdurchführung der Alten Straße. So wurde die vormittelalterliche Trassenführung außerhalb der Mauer wieder hergestellt. Durch die Bebauung waren für die alte Straße im Gemarkungsbereich von Dörnigheim Straßennamen notwendig geworden. So hieß der Abschnitt von der Mainkur bis zum alten Dorf „Frankfurter Landstraße“, entlang der alten Wehrmauer führte die „Lindenstraße“ und im Anschluß daran die „Hanauer Landstraße“.

Der alte Name „Frankfurter Straße“, ursprünglich für die gesamte Strecke von Frankfurt bis Dörnigheim gebräuchlich, wurde nur noch für die Strecke im alten Dorf verwendet, die nun ihre jahrhundertelange Bedeutung verloren hatte. Während des Dritten Reiches wurde sie für ein paar Jahre in „Adolf‑Hitler‑Straße“ umbenannt, erhielt aber nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ihre alte Bezeichnung.

Dem Ausbau der alten Heerstraße folgte 1939 der Krieg. Doch diesmal marschierten kaum Soldaten in Kolonnen über die alte Heerstraße, wie in früheren Jahrhunderten. Im Zeitalter der Technik wurden sie in langen Lastwagenkonvois an die Front gefahren. Auch der Krieg hatte sein Gesicht verändert. Nun wurden die Städte aus der Luft mit Bomben belegt. Kampfflugzeuge zerstörten Straßen und Brücken, um den Nachschub für die Versorgung der Einsatztruppen zu unterbinden.

Als Hanau in Flammen aufging, kamen obdachlos gewordene und verwundete Menschen über die alte Straße nach Dörnigheim, das nun strategisch ohne Bedeutung und deshalb kein lohnenswertes Ziel für militärische Angriffe war. Auch aus Frankfurt versuchten Menschen auf den Ausfallstraßen dem Inferno zu entkommen. Und immer wieder rollten die Lastwagen mit Kriegsgütern nach Rußland oder Frankreich. Noch immer hatte die alte Heerstraße nicht ausgedient.

In den Wirren der letzten Kriegstage waren aber auch noch andere Menschen zu Fuß auf der alten Straße unterwegs. Desertierte deutsche Soldaten, entflohene ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene irrten umher, die einen stets darauf bedacht, nicht den Nazis in die Hände zu fallen und später die anderen, nicht von amerikanischen Besatzern gefaßt und gefangen genommen zu werden.

Nicht immer hatten die Menschen Glück. So wurde einer der Unglücklichen kurz vor Kriegsende knapp vor der Mainkur von hinten durch einen Kopfschuß getötet. Er wurde, namenlos, in Dörnigheim bestattet.

Womit in Dörnigheim niemand gerechnet hatte war die Tatsache, daß die im März 1945 in Deutschland einmarschierenden amerikanischen Soldaten nicht die alte Landstraße benutzten. Sie kamen von Süden über den Main. Zwar war die Fähre noch in den letzten Kriegstagen aus Sicherheitsgründen von den Einheimischen versenkt worden, konnte aber den Vormarsch nicht bremsen. An der Stelle der uralten Furt, die nun aber keine mehr war. bauten sie von Mühlheim her eine Pontonbrücke und erreichten mit Jeeps und Panzern das Dörnigheimer Ufer. Dann jedoch verteilten sie sich nach Westen und Osten über die alte Straße.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte auch das vorläufige Ende der Frankfurt-Leipziger-Straße. Die Alliierten Eroberer teilten Deutschland in Zonen auf.  Das Ende der Alten Straße gelangte damit in die Ostzone, während die längere Strecke in der Westzone lag, zu der auch Dörnigheim gehörte. Die Zonengrenze lag vor Erfurt, bei Herleshausen.

 

Die Nachkriegszeit

Nach dem Krieg waren es zuerst die Evakuierten, desertierte oder entlassene deutsche Soldaten, die befreiten Gefangenen aus den Konzentrationslagern, ehemalige Zwangsarbeiter und Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten, die zu Fuß, mit Handwagen und Kinderwagen oder mit Fahrrädern die Straße bevölkerten. Dazwischen Lastwagen mit kriegsgefangenen deutschen Soldaten auf dem Weg in die Gefangenenlager.

Und dennoch ‑ das Leben ging weiter. Erstaunlich schnell kämpften sich die Menschen durch den normalen Alltag. Die alte Heerstraße wandelte sich wieder zur Handelsstraße. Nun waren es abgeklopfte Steine aus den Trümmern der nahen Großstädte, die man zum Wiederaufbau brauchte. Aber auch lange entbehrte Lebensmittel rollten in zunehmend mächtigeren Lastkraftwagen durch Dörnigheim.

Für Dörnigheim selbst hatte nun die alte Straße als Durchgangsstraße von West nach Ost keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Schmiede, Wagner, Sattler und Gasthäuser hatten ausgedient.

Statt dessen gab es nun ein florierendes Geschäft mit Großtankstellen der verschiedensten Gesellschaften. Der Autoverkehr nahm zu. Schon klagten die Anwohner der großen Durchgangsstraße, die jetzt 138/40 genannt wurde, der Bundesstraße, über den Lärm bei Tag und Nacht. Aber neu entstandene Betriebe und Einzelhandelsgeschäfte mußten beliefert werden. Immer öfter führte das rege Treiben auf der Straße zu Verkehrsunfällen. Das Leben wurde schneller und hektischer.

 

Durchfahrt Kennedys

Als 1963 die Durchfahrt des auf Deutschlandbesuch weilenden US‑amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy angekündigt wurde, brachte die Dörnigheimer Gemeindeverwaltung hastig die alte Straße in Ordnung und ließ die Schlaglöcher in der Teerdecke füllen.

Daran hatte sich in hunderten von Jahren nichts geändert: Die stark befahrene Straße war, wie im Mittelalter, meistens in schlechtem Zustand. In der Euphorie der Stunde gingen die Stadtväter sogar so weit, die drei Straßenabschnitte Frankfurter Landstraße, Lindenstraße und Hanauer Landstraße fortan „Kennedystraße“ zu nennen. Ein kleines Stück Amerika auf Dörnigheimer Boden.

Als im Oktober 1990 die deutsche Wiedervereinigung die Grenze nach Osten öffnete, war die Zeit der Frankfurt‑Leipziger Straße, der großen Heer‑ und Handelsstraße, bereits vorbei. Viele gleichrangige Straßen minderten ihre Bedeutung, Autobahnen veränderten das Verkehrsverhalten. Auch im Norden von Dörnigheim, das 1974 ein Stadtteil von Maintal geworden war, gab es jetzt die Autobahn A 66.

Eine Studie der Firma Shell von 1999 prognostizierte einen Anstieg bei Personenautos in Deutschland von derzeit 42 Millionen auf 51 Millionen im Jahr 2020. Die Pkw‑Dichte würde sich bis dahin von 625 Autos pro 1.000 Erwachsene im Jahr 1997 auf 690 Pkw erhöhen. Das bedeutet für die Anwohner der alten Straße eine unerträgliche Zunahme an Lärm und Abgasen. Schadstoffarme Fahrzeuge, leisere Antriebsmöglichkeiten und eine geräuschdämpfende Fahrbahndecke könnten in Zukunft eine Entlastung bringen.

Wenn nun der Abschnitt der Kennedystraße ausgebessert wird, so ist dies ein weiterer Abschnitt in der historischen Entwicklung einer Straße mit so unterschiedlichen Namen wie „Via regia“, „Frankfurter Straße“, „Frankfurt‑Leipziger Straße“ oder einfach nur „Die alte Straße“ ‑ wie sie auch bei einigen Dörnigheimern noch heute heißt.

 

Bruno-Dreßler-Straße

Bruno Dreßler wurde in der Oberlausitz geboren, hatte mit Maintal direkt nichts zu tun. Allerdings bot er nach dem Weltkrieg mit seiner Büchergilde in Frankfurt eine Menge Arbeitsplätze für die Region.

Ob große „Wälzer“ oder „olle Schinken“: Bruno Dreßler ging es zu seinen Lebzeiten nicht in erster Linie darum, das Medium Buch interessanter zu machen ‑ ohne Fernsehen für jedermann und ohne sonderlich flexible Freizeitgestaltung war dies nicht unbedingt nötig‑, doch er trug Einiges dazu bei.

Bruno Dreßler erblickte am 11. Februar 1879 in Ebersbach/Oberlausitz das Licht der Welt. Er war das vierte der insgesamt vier Kinder der Eheleute Carl Julius und Christine Caroline Dreßler, einer Weberfamilie. In der Familie war es Tradition, den Beruf des Webers fortzuführen wie schon über Generationen hinweg.

Daß sich für Bruno Dreßler ein anderer Weg abzeichnete, sollte sich schon mit Beginn seiner Schulzeit herauskristallisieren. Als er zu Ostern 1885 ein „ABC‑Schütze“ wurde, galt er rasch als Musterschüler mit Benotungen von durchweg „Einsern“ und „Zweiern“. Bloß im Singen soll er seine Probleme gehabt haben ‑ hier ist die einzige Note vier zu finden.

Acht Jahre auf einer Volksschule, erstklassige Bewertungen seiner Leistungen, zielstrebig und diszipliniert ‑ fehlte er doch insgesamt nur einen einzigen Tag in seiner Schullaufbahn: Da kam der Beruf als einfacher Weber für Bruno Dreßler kaum in Frage. Daher bemühte er sich selbstständig um eine Lehrstelle in einer Buchdruckerei, entschied sich schließlich 1893 für den Betrieb „Vorwärts“ in seinem Heimatort Ebersbach.

Die berufliche Karriere war an dieser Stelle vorgezeichnet. Ständig nahm er an Fortbildungsseminaren teil und maß sich in berufsinternen Wettbewerben. Seine erste Auszeichnung erhielt er bereits 1894, den dritten Preis in der „Gabelsberger Stenographie“, drei Jahre später errang er hierbei sogar Platz zwei. Das Jahr 1897 war es auch, als Bruno Dreßler seine Lehre beendete. Als Geselle ging er daraufhin auf Wanderschaft quer durch das östliche Gebiet des Deutschen Reiches, blieb allerdings kaum länger als sechs Monate bei ein und derselben Druckerei.

Über Celle und Dresden hielt er sich dann ab 1906 in Leipzig auf, wo er für fast fünf Jahre in der Druckerei „Metzger und Wittig“ arbeitete. Danach erhielt er bei der Druckerei „Möckel“ eine Anstellung als „1. Accidenzsetzer“. Leipzig blieb auch fürs Erste sein fester Wohnsitz, wo er doch 1908 die Bürgerrechte der Stadt erhalten hatte.

Dort fand er auch die Frau fürs Leben: Maria Frieda Koch, mit der er im März 1910 den Bund der Ehe schloss , Schon am 5. Dezember desselben Jahres wurde Sohn Helmut geboren, ihm folgte am 17. Februar 1913 sein Bruder Heinz. Bekannt ist allerdings, daß     sich der Vater nicht zu jeder Zeit voll und ganz auf die Erziehung seiner beiden Nachkommen konzentrieren konnte, da er beruflich und ehrenamtlich zur meisten Zeit eingespannt war. Unlängst hatte sich Bruno Dreßler schon der Förderung seines Berufes verschrieben.

Die Buchdrucker verband schon immer ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl                                                                                                                                                                                                                      , das sich vor dem 19. Jahrhundert in Zünften zeigte, später in den Unterstützungs-Vereinigungen und in dem gewerkschaftlichen Zusammenschluß. Am „Statut de Deutschen National‑Buchdrucker‑Vereinigung“ von 1848, die die berufliche Fortbildung als wichtiges Mittel zur wirtschaftlichen Besserstellung bezeichnete, orientierte sich auch Dreßler sehr. Buchdrucker dieser Zeit gründeten Fortbildungsvereine, aus dem „Fortbildungsverein für Buchdrucker“ von 1861 ging fünf Jahr später der „Verband der Deutschen Buchdrucker“ hervor. Die Aufnahme war damals vom Nachweis „beruflicher Tüchtigkeit“ abhängig. Eigene Zeitungen machten Werbung und berichteten von den Arbeiten und Unternehmungen der einzelnen Buchdrucker‑Verbände.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden die berufstechnischen Vereine in Druckerhandwerk. Die erste dieser Vereinigungen war der „Typographische Verein Concordia“ in Köln, weitere folgten in allen Teilen des deutschen Landes. Die Zusammensetzung dieser Vereine war sehr verschieden. Die Mehrzahl der Mitglieder waren Firmensprecher und Handelsvertreter mit nur einer geringen Zahl an Buchdruckergehilfen. Andere Vereine. wie in München, setzten dagegen ausschließlich auf Arbeiter und Gehilfen. Zwischen all diesen Vereinen gab es nur lose Verbindungen.

1903 wurde in Berlin der erste Versuch unternommen, Vereine zusammenzuführen und zu organisieren: Der „Verband der Deutschen Typographischen Gesellschaften“ mit 19 Vereinen zu Beginn. Ein Jahr später schloß sich auch die „Typographische Vereinigung Leipzig“ ‑ unter dem damaligen Vorsitzenden Bruno Dreßler.

Die Anfänge einer gemeinsamen Strukturierung der einzelnen Vereine waren getätigt, doch es zeigte sich bald, daß dem Großverband eine führende Hand und vor allem schöpferische Ideen fehlten. Bei den Vertretertagen 1906 und 1908 steigerte sich vermehrt der Unmut über diese stagnierende Vereinsentwicklung. 1910 wurde der Vorstand ausgewechselt, doch Veränderungen brachte dies nicht mit sich.

Schließlich stimmte Bruno Dreßler für seinen Leipziger Verband beim vierten Vertretertag im Jahre 1911 dafür, daß nur noch die Vereine in den „Verband der Deutschen Typographischen Gesellschaften“ aufgenommen werden sollen, die intern bei ihren Mitgliedern auch die „Zugehörigkeit zum Verband der Deutschen Buchdrucker“ zur Voraussetzung zur Aufnahme machen. Die bestehenden Mitglieder sollten jedoch mit dieser Bedingung  weitestgehend nicht betroffen sein.

Damit bewerkstelligte es Bruno Dreßler, daß fortan die neuen Mitglieder über eine entsprechende Fortbildung in ihrem Metier verfügen und konstruktive Ideen und Anregungen direkt aus der Druckerbelegung den Verband nach vorne bringen können. „Tarifungetreue Gehilfen und Vereine, deren gesamte Mitglieder dem Verbande der Deutschen Buchdrucker nicht angehören, können dem Verbande nicht angeschlossen sein“, so Dreßler. Das richtete sich vor allem gegen die so genannten „Gutenberg‑Jünger“, die den christlichen Gewerkschaften angehörten und sich mit den Kollegen nicht solidarisch zeigten. Bruno Dreßlers Antrag wurde mit einer überwältigenden Mehrheit von 120:39 Stimmen angenommen, der aktuelle Vorstand trat zurück. Bruno Dreßler wurde zum neuen Ersten Vorsitzenden gewählt. Der Sitz des „Verbands der Deutschen Typographischen Gesellschaft“ wurde von Berlin auf Leipzig verlegt, der Verband trat am 16. April 1911 in eine neue Ära. Der Verein war nun umstrukturiert und mit dynamischen Elementen versehen.

Der Arbeitsaufwand hatte sich für Bruno Dreßler damit enorm vergrößert. Mit bald darauf zwei Kindern, der festen Arbeitsstelle und nun dem großflächigen Buchdruckerverband ‑ kein Wunder, daß die Familie da so manches Mal zu kurz kam. Aber das störte die Familienverhältnisse, soweit dies heute noch nachzuvollziehen ist, nicht. Auch als Bruno Dreßler als Soldat im Ersten Weltkrieg eingesetzt war, blieb die Familie zusammen. Allerdings blieb Dreßler selbst in diesen Jahren selten seinem Beruf und seinen Ideen treu. Die Vorstellung, einmal selbst Bücher zu verlegen, trug er da schon mit sich herum: „Jahrelang habe ich mich mit dieser Idee beschäftigt,“ schreibt Dreßler in einem Brief. Bis auf das Jahr 1912 geht der Gedanke zurück, und erst 1924 kam es zur Gründung der Gilde. Daraus ersehen Sie, wie lange es manchmal dauert, ehe ein Gedanke zur Tat reift. „Selbst im Schützengraben habe ich immer wieder an die Gildenpresse gedacht. Denn eine solche sollte es werden.“

Ausschlag gebend für die Gründung der „Büchergilde Gutenberg“ war der inflationäre Preisverfall 1923 und die hohen Folgeschäden für Autoren. Bücher sollten trotzdem auch niederen Schichten und Arbeitern zugänglich gemacht werden ‑ diese beiden Ideen verband Dreßler und setzte sie sich als Maxime für seine Neugründung. Über mangelnde Kontakte konnte er sich in diesem Bereich natürlich nicht beschweren. Der „Verband der Deutschen Typographischen Gesellschaften“ war bis 1914 unter seiner Führung von 115 auf 267 Vereine herangewachsen. Nach der Änderung des Namens in „Bildungsverband der deutschen Buchdrucker“, der leichten internen Umstrukturierung und der fortgesetzten Arbeit nach dem Krieg wuchs diese Zahl weiter.

Die Vereinigungen wurden nun als Ortsgruppen des Bildungsverbandes geführt, ihre Verbindungsleute in den Betrieben waren die Vertrauensleute. Als Bruno Dreßler Ende August 1924 die „Büchergilde Gutenberg“ zusammen mit den Vorständen des „Verbands der Typographischen Gesellschaften“ gründeten, konnte er auf diese Vertrauenspersonen für den Vertrieb der Bücher bauen.

„Was wir wollen, Ihr wißt es: Bücher geben, die Freude machen. Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt“, heißt es im Geleitwort zum ersten Buch in der Geschichte der Büchergilde. Und so erscheinen nach Mark Twains Erzählungen in konsequenter Folge sozial engagierte Texte und moderne Klassiker. Die Abonnentenzahl der monatlichen Information „Die Büchergilde“ stieg schnell an, genauso die Zahl der Mitglieder. Allerdings mußte im Zuge der Weltwirtschaftskrise mit einem deutlichen Schwund umgegangen werden nach recht stetigem Anstieg. Dennoch entstanden bis 1931 insgesamt 27 Geschäfts- und Zahlniederlassungen in ganz Deutschland, Zürich, Wien und Prag.

Ein Schnitt ging durch die Büchergilde mit der nationalsozialistischen Gleichschaltung. Am 2. Mai 1933 besetzte die SA das Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker in Berlin und damit auch die mittlerweile dort ansässige Zentrale der Büchergilde. Zu dieser Zeit zählte der Buchklub 85.000 Mitglieder aus allen Schichten der Bevölkerung. Die „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation“ (NSBO), später: „Deutsche Arbeiterfront“ (DAF), nahm Bruno Dreßler gefangen, die Buchgemeinschaft wurde „gleichgeschaltet“ und der DAF eingegliedert.

Noch im selben Monat trennte sich die Zürcher Filiale von der Büchergilde in Berlin und bildete eine eigene Genossenschaft. Viele der Mitglieder in der Schweiz traten dieser neu formierten Gesellschaft bei. Bruno Dreßler, der kurz nach seiner Inhaftierung wieder frei gelassen wurde, wanderte am 30. November 1933 in die Schweiz aus und übernahm dort am 1. Oktober 1934 die Geschäfte der Büchergilde. Die Mitgliederzahl wuchs bis 1946 auf 110.000 Mitglieder an, im Alter von 67 Jahren trat Bruno Dreßler zu Neujahr 1947 aus dem Amt des Geschäftsführers aus. Er unterstützte 1948 die neu gegründete Büchergilde in Westdeutschland als Mitglied des Aufsichtsrats.

Am 7. August 1952 verstarb Bruno Dreßler mit 73 Jahren und einem vollendeten Lebenswerk, das sich bis heute der Förderung von gleichwohl bekannten wie unbekannten Schriftstellern annimmt. Unter anderem zählen große Namen wie Brecht, Dürrenmatt, Eco, Fontane, Heine, Kästner, Lindgren, Thomas Mann, Orwell, Tucholsky, Martin Walser und Zola zum Repertoire der „Büchergilde Gutenberg“. Die Geschäfte nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Brunos Sohn Helmut Dreßler und richtete die Gemeinschaft auf die modernen Veränderungen ein. Einen „dynastischen Glücksfall“ nannte es Erich Kästner‑1964 anläßlich des 40‑jährigen Bestehens der Büchergilde, die sich 1998 von den Gewerkschaften völlig getrennt hat ‑ nach der Gleichschaltung 1933 war die Büchergilde in der Schweiz noch von den Gewerkschaften getragen und mit unterstützt worden.

Die Straße in Bischofsheim wurde im Zuge der Gebietsreform nach dem Gründer dieser Gemeinschaft benannt.

 

Karl‑Leis‑Straße

Kennen Sie noch die Dörnigheimer Haingasse? Wenn Sie zu den alteingesessenen Dörnigheimern zählen, dann sicher. Allen anderen wird es schwer fallen, die „Bananegass...“ angrenzend an die Gaststätte „Frankfurter Hof“ in Richtung Mainufer noch mit der Haingasse in Verbindung zu bringen. Den Spitznamen „Bananegass“ handelte sich die Straße übrigens ‑ unschwer herauszulesen - auf Grund ihrer geschwungenen Form ein, für die Anlieger ist diese Bezeichnung seit jeher ein Begriff. Im Jahre 1974 wurde die enge Straße im Zuge der Gebietsreform von „Haingasse“ in „Karl‑Leis‑Straße“ umbenannt.

Der Namensgeber Karl Leis lebte von 1863 bis 1948, war mit Luise, geborene Rauch (1869‑1946) verheiratet und hatte zwei Söhne und eine Tochter. Heute dürfte er nur noch den Wenigsten bekannt sein. Zumindest für die hiesigen Sozialdemokraten spielte Leis mit seinem Wirken eine nahezu avantgardistische Rolle: Er war ab 1917 erster sozialdemokratischer Bürgermeister von Dörnigheim. Sein politischer Werdegang vor und nach dieser Ernennung fügt sich fast nahtlos in das parallele Geschehen auf nationaler und internationaler Ebene ein.

Als der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ als erster Vorläufer der späteren SPD 1863 (im Geburtsjahr von Karl Leis) gegründet wurde, war dies eine Reaktion auf die widrigen Verhältnisse der Arbeiterschicht. Längst schon sprach man da bereits von einer „Arbeiterklasse“, als Ausdruck einer gesellschaftlichen Großgruppe, die mit denselben Bedingungen zurecht kommen muß und dieselben Interessen verfolgt. Letzteren Gehör zu verschaffen ging natürlich über die Politik am effektivsten.

Alte Herrschaftsstrukturen nach feudalem System waren rasch überholt: Die Arbeiter standen nicht mehr im Dienst eines Großgrundbesitzers und mußten ihre regelmäßigen Ernteabgaben entrichten, sondern bezogen ihren Lohn für tägliche Arbeit von Unternehmensobersten. Nach Gründung des Kaiserreiches (1871) legten die deutschen Machthaber aber eigennützig großen Wert darauf, dieses alte System zu erhalten. Mit Sozialistengesetzen wurden die Arbeiter‑Parteien aus dem politischen Einflußbereich bewußt herausgehalten.

Die Arbeiter, die durch zahllose Firmengründungen im Zuge des Industrialisierungs‑Fortschritts rasch einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil stellten, waren also völlig unterrepräsentiert. Auch wenn die SPD bei Reichstagswahlen gute Anteile verbuchen konnte: Der Einfluß des Reichstages war vor dem Ersten Weltkrieg sehr gering ‑ keinesfalls zu vergleichen mit dem heutigen Bundestag.

In den Städten und Gemeinden sah das nicht anders aus. In Dörnigheim wurde der Ortsverband der Arbeiterpartei, die sich 1890 im Zusammenschluß mit anderen Interessensgruppen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) nannte, im Jahre 1873 gegründet. Die politischen Entscheidungen traf im Ort zu dieser Zeit eine Gemeindevertreter‑Versammlung (zwölf Abgeordnete), die von den Dörnigheimer Einwohnern gewählt wurde.

Aus diesen Wahlen heraus ergaben sich allerdings auch Resultate, die nicht dem Willen der Landesregierung entsprachen: Dörnigheim war traditionell sehr verwachsen mit sozialistischen und sozialdemokratischen Ideen, wählte schon 1901 den Sozialdemokraten Karl Leis zum Bürgermeister. Dieser wurde aber nicht von der Hessischen Regierung anerkannt, im Amt blieb daher der alte und neue Bürgermeister Peter Lapp XIV (die identischen Namen in einem Ort wurden mit römischen Zahlen versehen).

Die Dörnigheimer SPD fand aber trotz dieser Intervention von oben weiter Anhänger. Bei den Reichstagswahlen 1903 erzielten sie das Traumergebnis von fast 68 Prozent der Wahlberechtigten, die sozialdemokratischen Gemeindevertreter kamen nach den Wahlen von 1910 gar auf sechs Sitze, die Hälfte des gesamten Gremiums.

Um die unruhige Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges zu besänftigen, wurden ihr Zugeständnisse gemacht. Auf umgekehrten Wege stimmten die SPD‑Abgeordneten dem deutschen Kaiser bei der Aufnahme von Kriegskrediten zu, womit letzte Aufrüstungsversuche unternommen wurden.

Von diesen Schulterschlüssen profitierte letztlich auch die Dörnigheimer SPD. Als Karl Leis – „de Löb“ oder auch „des Leebsche“ genannt (mundartlich für „Löwe“ und „kleiner Löwe“) ‑ 1917 erneut zum Bürgermeister gewählt wurde, bekam er nun die Einwilligung, sein Amt auszuführen. Damit war er der erste sozialdemokratische Bürgermeister des Hanauer Kreises, dem immerhin 33 Städte angehörten.

Landläufig sagte man von Karl Leis zur damaligen Zeit, er sei kein „Arbeiter“, was sich aber keinesfalls auf seine Arbeitsmoral bezog: Er war in keiner Firma tätig, dagegen selbstständig im Handel zu Gange. Leis hatte ursprünglich den Beruf des Korbflechters erlernt, was ihm weitere Uznamen einbrachte, wie „es Korbmacher‑Böbbsche“ (mundartlich: „Korbmacher‑Püppchen“), in einer Annonce aus dem Jahr 1910 bot Leis zudem Schuhe an. Das „Große Schuh‑ und Stiefellager“ war bei ihm zu Hause in der Fischergasse 3 beheimatet. Von dort füllte er auch seine Amtsgeschäfte aus, die Bürgermeisterposition basierte noch auf einem Ehrenamt.

In einer Eintragung des evangelischen Gemeindepfarrers Römheld ist Positives von der Arbeit Karl Leis’ zu lesen: „Nach dem Kriege erfuhr unsere Gemeinde durch den seit Juni 1917 amtierenden, überaus rührigen Bürgermeister Karl Leis im Laufe der Jahre eine bedeutsame kulturelle Entwicklung.“ Unter „Überwindung so mancher Widerstände“ listet Römheld einige der Errungenschaften des neuen Bürgermeisters auf. So seien unter der Federführung von Leis die Bezirksstraßen nach Hanau und Frankfurt gepflastert, in den Jahren 1926/27 eine Wasserleitung errichtet, 1920 elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt, die Braubach ‑ jährlich die Wiesen überschwemmend ‑ reguliert und die Bahnhofstraße erweitert und erhöht worden.

Beachtlich ist die fortschrittliche Weitsicht, mit der Karl Leis auch einen hohen Kostenaufwand für die Entwicklung von Dörnigheim genehmigte. 1903, unter der vorwiegend konservativ besetzten Gemeindevertretung, war der Antrag auf Anschluß an das Wasserleitungsnetz noch gescheitert, Leis initiierte die Installierung ‑ mußte dafür ein Darlehen von 100.000 Reichsmark aufnehmen.

Gemeindevertreter‑Versammlungen fanden bis 1922 in einem Raum im Rathaus in der Frankfurter Straße statt, bis dieses für Wohnungen umgebaut wurde. Die Gemeindeverwaltung sollte fortan ihren Sitz in der Schule in der Kirchgasse haben.

Ein Jahr nach diesem Umzug beeinträchtigte in Deutschland die große Inflation das Wirtschaftsleben ‑ nicht zum letzten Mal in der Amtszeit von Bürgermeister Karl Leis: 1928/29 legte eine Weltwirtschaftskrise die Konjunkturen aller großen Industrienationen lahm, geliehene Gelder und Kriegsschulden mußten flugs zurückgezahlt werden. Das betraf in erster Linie die Gemeinden. Ende 1931 trat Karl Leis vor seine Gemeindevertreter und verkündete, daß es ungewiß sei, „ob die Gemeinde in einer Woche noch zahlungsfähig“ sei.

In Deutschland fehlte es an den finanziellen Mitteln, die Arbeitslosigkeit stieg in die Höhe, die Radikalen bekamen ihren fundamentalen Auftrieb, die rechtsradikale NSDAP gewann schließlich die Reichstagswahl im März 1933 und formte die Weimarer Verfassung in einen diktatorischen Einparteienstaat um.

In Dörnigheim bekam der Ortsverein der SPD diesen Trend ebenso schwer zu spüren, wie die Reichstagsvertretung auf nationaler Ebene. Der seit 1927 hauptamtliche Bürgermeister Karl Leis hatte wenig Einflußmöglichkeiten darauf, daß die Wähler im Ort immer mehr zur radikalen Seite tendierten. Dabei waren die Wählermehrheiten nicht einmal auf Seiten der Hitlerschen Partei, vielmehr votierten im Juli 1932 noch 48,2 Prozent für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), die im selben Jahr im November noch einmal deutlich zulegen konnte (auf 50,5 Prozent), während die Sozialdemokraten gerade einmal knapp über der 20 Prozent‑Marke lagen.

Karl Leis trat im Januar 1933 einen Krankenhausaufenthalt an, sollte davon nicht mehr als Bürgermeister in sein Amt zu rückkehren. Adolf Hitler wurde am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt, sicherte sich dann in einer propagandistisch manipulierten Wahl im März die klare Mehrheit und begann sofort mit der „Gleichschaltung“. Dieses hatte zur Folge, daß die Mehrheiten im Reichstag übertragen wer den sollten auf die einzelnen Landtage ‑ Wahlen waren fortan also überflüssig. Genauso ohne eigenständigen Einfluß blieb auch die Gemeindevertreterwahl vom 15. März 1933, bei der die KPD fünf Sitze inne hatte, die NSDAP drei, SPD und „Bürgerliche Parteien“ jeweils zwei.

Der Nationalsozialist Jakob Dammköhler wurde im März desselben Jahres als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt und löste damit Karl Leis offiziell ab. Karl Leis beendete damit wider Willen seine bis dato fast 16‑jährige Amtszeit als Dörnigheimer Bürgermeisters.

Als 1974 der Name der Haingasse in Karl-Leis‑Straße geändert wurde, ehrten die Dörnigheimer ihren ersten SPD‑Bürgermeister und gleichzeitig letztes Gemeindeoberhaupt vor den Nazis. Mit dem Ort eng verbunden und offen gegenüber dem zeitgemäß technischen Fortschritt, das zeichnete ihn aus. Allerdings hat Karl Leis selbst nie in der jetzigen Karl‑Leis‑Straße gewohnt. Die Fischergasse, wo er lebte und arbeitete, mußte mit der Gebietsreform nicht neu benannt werden. Die parallel verlaufende Haingasse bot sich da natürlich an. Die letzte Ruhestätte von Karl Leis auf dem Dörnigheimer Friedhof ist noch bis heute erhalten (Quelle: Tagesanzeiger vom 2.August 2003).

 

Edmund-Seng-Straße

Die Edmund‑Seng‑Straße teilt heute die Stadtteile Hochstadt und Dörnigheim. Viel befahren ist sie vor allem durch die anliegenden Gewerbe und als Zubringerstraße zwischen Bahnhofstraße einerseits und Verbindungsstraße in Richtung Schwimmbad andererseits, bei dessen Bau Seng selbst beteiligt war.

 

Eine politische Kampfnatur ist im heutigen politischen Geschehen mehr denn je gefragt. Da ist von den

„echten Machern“ die Rede, die es in der „guten alten Zeit“ gegeben habe. Wenn dies auch teilweise immer mit einer Spur Übertreibung vermischt ist, so steckt doch auch ein gehöriges Quentchen Wahrheit drin. Nur: Wen zählt man dazu? Und vor allem:    Wann war diese „gute alte Zeit“?

Auch in Maintal ist diese Suche nicht ganz einfach. Am Ehesten könnte man noch Edmund Seng hinzuzählen, einen Kommunalpolitiker mit Leib und Seele, dabei aber immer mit dem nötigen Maß an Menschlichkeit. Nach ihm wurde eine Maintaler Straße benannt, die heute im Groben die Stadtteile Hochstadt und Dörnigheim voneinander trennt. Die nördliche Seite kann man zu Hochstadt, die südliche zu Dörnigheim zählen.

Vor der Umbenennung war die Straße ausschließlich ein Zubringer für das Maintalbad einerseits und die Bahnhofstraße andererseits, die früher noch direkt geradeaus von Hochstadt nach Dörnigheim verlief ‑ über einen Bahnübergang etwa dort, wo heute die Fußgängerunterführung zu finden ist.

Edmund Seng war der erste von zwei Söhnen des Verlegers und späteren Wirtschaftsprüfers Otto Seng. Seine Eltern lernten sich während der Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg kennen. Otto Seng war im fernöstlichen Rußland einquartiert, wo er auf Mufja Baibabaieff, geboren in Jerusalem und zu dieser Zeit wohnhaft im russischen Taschkent, traf. Zusammen zurück in Dörnigheim wurde die spätere Ehegattin in eine leichter auszusprechende „Anna“ umgetauft.

Die beiden Eheleute Otto und Anna Seng durften sich am 13. August 1926 über den ersten Kindersegen freuen ‑ Edmund Seng erblickte das Licht der Welt. Dessen Bruder Albert, heute wohnhaft in Mühlheim, aber zumindest den Handballern in der Stadt noch erhalten, sollte kurz darauf folgen.

Noch in seiner Jugendzeit wurde Edmund Seng zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen, seine Eltern trennten sich ebenfalls während den Kriegswirren, beide heirateten darauf ein zweites Mal. Der Seng‑Nachwuchs blieb dabei beim Vater.

Sich selbstständig stark machen gehörte auch durch die privaten Entwicklungen frühzeitig zur Devise von Edmund Seng. Das zeigte sich besonders durch die Vielzahl an Ehrenämtern, die er ausübte. Nicht nur in den beiden Dörnigheimer Sportvereinen TGD 1882 und Freie Turnerschaft, für die er sich nicht zuletzt als aktiver Handball‑ und Sportbegeisterter stark machte, auch die Politik lag in seinem Interesse. 1952 trat er der SPD bei und vertrat seine Heimat auf regionaler Ebene: Zehn Jahre später zog er in die Dörnigheimer Stadtverordnetenversammlung ein und weitere zehn Jahre danach ernannte man ihn im November 1972 zum Stadtverordnetenvorsteher.

Sengs eigene Familie gründete sich mit der Heirat von Irmgard geborene Rempel am 15. Juni 1956. Der Stammbaum der Familie erweiterte sich 1959 mit der Geburt von Katja (heute Seng‑Rizzi), 1966 folgte dann mit Joachim sein zweites Kind. Im gleichen Jahr erkrankte Edmund Seng schließlich.

Gegenüber der starken kommunalpolitischen Wirkung nach außen, mit der er seine Widersacher in all den Jahren mehrfach beeindruckte und zahlreich in die Defensive drängte, mußte er sich ganz persönlich mit einem Gegner auseinander setzen, der ihm offensichtlich überlegen war: „Morbus Hodgkin“, geläufiger als Lymphdrüsenkrebs. Diese Krebsart tritt vorwiegend im Alter zwischen 20 und 40 Jahren beziehungsweise bei über 70‑Jährigen auf. Männer sind dabei statistisch öfters betroffen als Frauen.

Sieben Jahre lang hatte Seng mit den Krebs‑Symptomen zu kämpfen, gerade in der Hoch‑Zeit seiner politischen Laufbahn, in der er sich besonders um die Errichtung des heutigen Maintalbades verdient machte. Am 19. März 1973 mußte er den Kampf letztlich aufgeben.

Sein Sohn Joachim Seng war zu dieser Zeit gerade einmal sieben Jahre alt und kannte die biografischen Hintergründe über seinen Vater noch nicht. Erst ab den folgenden Jahren seines Erwachsenwerdens machte er sich auf die Suche nach Hinterlassenschaften. Auf seinen eigenen ausdrücklichen Wunsch hin folgen nebenstehend seine persönlichen Eindrücke und Erinnerungen sowie weitere Daten zum Leben von Edmund Seng und zur Straße, die heute im Zentrum Maintals dessen Namen trägt.

 

„Vaters Straße”: Eine Erinnerung von Dr. Joachim Seng, der sich vor Jahren auf die Spuren seines Vaters begab.

Alles hat einmal klein angefangen. Damals, als der Bahnübergang am Dörnigheimer Bahnhof noch Bahnübergang mit Schranken und Autoverkehr und die Edmund‑Seng‑Straße eine ganz kleine und schmale Zufahrtsstraße zum Maintalbad sein sollte. Dörnigheimer Politiker aller Partei - allen voran der damalige Bürgerster Erwin Henkel - wollten mit der Namensgebung einen Mann ehren, der im März 1973 im Alter von nur 46 Jahren gestorben war und der sich über 20 Jahre hinweg in politischen und sozialen Ehrenämtern für seine Partei und seine Partei engagiert hatte. Dieser Mann war mein Vater.

Ich war sieben Jahre alt, als er starb und es erfüllte mich natürlich mit kindlichem Stolz, als meine Mutter mir sagte, eine Straße nach ihm benannt werden sollte. Ich nahm es damals zur Kenntnis, verstand aber die Hintergründe nicht, interessierte mich natürlich nicht dafür, sondern eher für das Schwimmbad, zu dem die Straße führte und in dem auch ich viele schöne Stunden meiner Kindheit und Jugend verbrachte.

Erst viele Jahre später machte ich mich auf die Suche nach meinem Vater und die Geschichte der Straße. Denn die wenigen Erinnerungen, die ein Siebenjähriger an seinen Vater haben kann, verblassen und schrumpften, während die Straße, die seinen Namen trug, immer weiter wuchs und mittlerweile eine breite Industriestraße geworden ist, die den Namen Edmund Seng nun auf Firmenbriefköpfen in die Welt hinausträgt.

Die Verantwortlichen hätten es damals eigentlich ahnen können, daß die Straße einmal an Weitläufigkeit gewinnen würde, denn der Name Edmund Seng hat ja in gewisser Weise diesen sonderbaren Klang aus Bodenständigkeit und großer weiter Welt. Jeder, der Seng heißt, wird am Telefon schon ein mal gefragt, aus welchem asiatischen Land er denn in die Rhein‑Main‑Region zugewandert ist. Es hat sich außerhalb der Dörnigheimer Gemarkung noch nicht überall herumgesprochen, daß die Stadt am Main eben seit jeher im Volksmund „erraucht, versengt, und verlappt“ st.

Mein Vater hatte wohl diese Mischung aus Bodenständigkeit und Weitläufigkeit, die der Name auch versprach. Er ist 1926 in Dörnigheim geboren und aufgewachsen, mußte noch als Jugendlicher in den Krieg ziehen und entging der Gefangenschaft nur knapp. Durch die Lehre als Schriftsetzer öffneten sich ihm neue, geistige Horizonte. Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören die Regale mit den vielen schönen Büchern und bunten Buchrücken.

Als Politiker habe ich meinen Vater nie wahr genommen. Erst viele Jahre später nahm ich mir die Nachrufe vor, die meine Mutter aufbewahrt hatte. Seit 1952 war er also SPD‑Mitglied, 1962 zog er in die Stadtverordnetenversammlung ein. Zehn Jahre lang war er Sprecher der SPD‑Fraktion, Vorsitzender des Haupt- d Finanzausschusses und des SPD-Ortsvereins, daneben im Vorstand des SPD‑Unterbezirks Hanau Land, er war Elternbeirats‑Vorsitzender der Dietrich-Bonhoeffer‑Schule, ehrenamtlicher Mitarbeiter beim evangelischen Sozialpfarramt Kurhessen‑Waldeck und Vorsitzender der Verbandsversammlung des Mittelpunkt‑Schwimmbades Landkreis Hanau‑West. Dieses Schwimmbad, das heute glücklicherweise nur noch „Maintalbad“ heißt, soll eines seiner letzten und liebsten Projekte gewesen sein und deshalb gab man der Straße, die zu ihm hinführte, seinen Namen.

Wie schaffte er das? Diese vielen Ehrenämter, daneben noch Mitarbeit in den beiden Dörnigheimer Turnvereinen, der Turngemeinde 1882 und der Freien Turnerschaft, und vor allem der lange Kampf gegen die Krankheit Krebs, den er nicht gewinnen konnte und doch bis zuletzt tapfer aufnahm. Im Nachruf, den seine Parteifreunde für ihn verfaßt hatten, las ich: „Trotz seiner langjährigen schweren Krankheit standen die Belange der Bürger seiner Geburtsstadt für ihn stets im Mittelpunkt. Er war nicht nur hart in seinen Forderungen gegen sich selbst, seine Freunde und politischen Gegner, sondern auch von einer vorbildlichen Toleranz und Anerkennung über‑

zeugender Argumente.“ Schöne Worte und da fielen mir wieder die Skatabende ein, diese fröhliche Viererrunde, zu der damals auch Leo Reinhart gehörte, der lange Jahre die Geschicke der Dörnigheimer CDU mitbestimmte. Hier „reizten“ sich die Stadtpolitiker einmal ganz anders: nicht parteipolitisch, sondern spielerisch.

Damals, so möchte man in Zeiten des Bürgermeister‑Wahlkampfes bemerken, mußten sich die politisch für ihre Stadt Aktiven noch nicht als „zuverlässig und solide“ auf dem Wahlplakat ausweisen oder von der Partei „Er kann’s“ plakatieren lassen. Das war selbstverständlich und war das Mindeste, was die Wähler von ihrem Kandidaten erwarten durften.

Dabei muß mein Vater alles andere als allzeit „politisch korrekt“ gewesen sein. In einer Sitzung soll ihm einmal der Kragen geplatzt sein als stundenlang über die Erhöhung der Hundesteuer diskutiert wurde. Die endlose Diskussion beendete er mit dem Ausruf. „Wer die Steuer für seinen Hund nicht zahlen will, der soll ihn doch schlachten“. Heute hätte ein solcher Satz sicher die politische Karriere sofort beendet, damals nahmen es die Hundebesitzer noch mit Humor, und mein Vater bekam auf einem Motivwagen des Faschingszuges zu lesen: „Hunde wollt' ihr lange leben ‑ Schlächter Seng wird dies beheben!’“

Oft sind es ja die kleinen Nebensätze, die mehr über eine Persönlichkeit verraten, als die weihevollen Standardfloskeln vieler Nachrufe. Im November 1972, erfahre ich da ganz nebenbei, war Edmund Seng „durch einstimmigen Beschluß“ zum Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. Auch die politischen Vertreter der Opposition hatten als meinem Vater ihre Stimme gegeben. Das ehrt ihn als Politiker und Menschen und zeugt davon, daß sein Engagement für seine Geburtsstadt und deren Bürger dankbare Anerkennung fand. Mich läßt das glauben, daß er es verdient hat, daß diese Straße zum Schwimmbad, diese einstmals kleine, mittlerweile so groß gewordene, seinen Namen trägt.

Nachtrag: Albert Seng, der Bruder Edmund Sengs ergänzt: Die Eltern haben sich schon 1933 getrennt. Mufja Baibabaieff , die Mutter von Edmund und Albert, bekam den NS-ideologischen Status „arisch“ verweigert sie war in Jerusalem geboren ‑ wodurch sich Otto Seng zur Trennung von seiner Frau gezwungen sah. Er zog nach Berlin, seine Frau blieb mit den Kindern in Dörnigheim und führte die Sengsche Druckerei, die Otto Seng bis dahin geleitet hatte, bis 1934 weiter.

 

 

 

 

 

 

Persönlichkeiten

 „Galopp‑Schuster“ Reichert immer in Eile

Ziemlich flink, hört man, habe der Schuster Fritz Reichert seinerzeit gearbeitet ‑ und sei immer in Eile gewesen. Er hatte sich in dem kleinen Geschäft in der Dörnigheimer Stadtmauer auf der damaligen Lindenstraße, heute Kennedystraße, Ecke Schwanengasse, eingemietet, erfährt und auf die Frage nach der Geschichte des Ladens. Ungefähr rekonstruieren läßt sich der Zeitraum von Ende des Zweiten Weltkriegs bis Anfang der 50er‑Jahre Sehr wahrscheinlich habe der Schuster Reichert auch schon während des Krieges dort gearbeitet, berichten zuverlässige Quellen.

Aufgrund seiner Schnelligkeit sei er im Dorf bekannt gewesen unter dem Namen „Galopp‑ Schuster“. Der gut aussehende Fritz Reichert habe „alle Mädcher Stiffelcher gemacht“, heißt es. Er sei der Erste in Dornigheim gewesen, der ein Cabriolet fuhr, und habe es schön gefunden, wenn die Leute ihm nachschauten. Für damalige Verhältnisse sei er reich gewesen. Er habe Geige gespielt und sei in dem ehemaligen „Café Rumpelmayer“, in der Nähe des Schauspielhauses in Frankfurt, zusammen mit dem Dörnigheimer Jean Gruber und einer Kapelle unter Vertrag gewesen.

Seit Anfang der 50er‑Jahre steht der ehemalige Schusterladen leer. Damals habe Fritz Reichert eine Gaststätte in Bruchköbel übernommen, die später wahrscheinlich seine beiden Töchter weitergeführt hätten.

In noch früheren Zeiten hatte der ursprüngliche Eigentümer des gesamten Anwesens (mit der Gaststätte „Zum Adler“ auf der Rückseite), Friedrich Seng, das Geschäft an eine Lohndruckerei vermietet, die Otto Seng mit zwei Druckmaschinen betrieb. Dieser gehörte allerdings, nicht zu der Eigentümerfamilie.            

 

Kätchen Jonas

Großes Engagement in einer schweren Zeit

Die Familie, Freunde und Bekannte daheim nannten sie „Kätchen“. Für Ihre Kameradinnen im Zuchthaus und im Lager war sie „Käthe“. Am 12. Juli 1902, wurde Katharina Margarete Jonas in Dörnigheim am Main geboren. Sie war das vierte von sechs Kindern. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater, Karl Seng, war von Beruf Bauschreiner und im Winter häufig ohne Arbeit. Käthe wuchs in einer sozialistisch geprägten Familie auf. Bereits ihr Großvater mütterlicherseits, Andreas Roth, war aktiver Sozialdemokrat.

Arbeiterin in Fechenheim:

Katharina Margarete besuchte acht Jahre lang die Volksschule in Dörnigheim. Schon als Schulkind musste sie nebenher durch Gelegenheitsarbeiten einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten. Vormit tags vor der Schule trug sie Brötchen aus nachmittags betreute sie in einer anderen Familie die Kinder. Ihre beiden Brüder durften nach dem Abschluss der Volksschule einen Beruf erlernen. Für die vier Mädchen reichte das Geld nicht zu einer Lehre. Im Alter von vierzehn Jahren begann Käthe als Arbeiterin in einer Munitionsfabrik in Fechenheim zu arbeiten. Im Jahre 1921 heiratete Käthe. Ihr Mann Peter Jonas stammte aus Mühlheim am Main. Er hatte den Beruf des Weißbinders erlernt. Im Jahre 1922 wurde ihr Sohn, Friedrich geboren. Schon nach wenigen Ehejahren konnte Peter Jonas seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er litt and er Bechterewschen Krankheit, die in einem schleichenden Prozeß über Jahre hinweg zu Lähmungen am ganzen Körper führte.

Mitte der 20er Jahren geriet die Familie in bittere Not. Käthe mußte zunächst wieder als Fabrikarbeiterin den Lebensunterhalt der Familie bestreiten. Nach einigen Jahren gelang es, gemeinsam mit ihrem Mann, auf einem Grundstück ihres Vaters eine Versuchstierzucht und eine Hühnerfarm aufzubauen. Hierdurch kam die Familie zu einem bescheidenen Einkommen.

Zwölf Jahre Verfolgung:

Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland brachte für Käthe und ihre Familie zwölf Jahre Verfolgung und Diskriminierung. Nach dem ersten Weltkrieg hatten sich zahlreiche Dörnigheimer der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands angeschlossen, unter Ihnen auch Käthe und eine ganze Reihe ihrer Angehörigen. Sie standen auch in schwierigen Zeiten zu ihrer politischen Überzeugung.

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 begann die Verfolgung der politischen Gegner des Naziregimes. Funktionäre der Kommunistischen Partei in ganz Deutschland wurden verhaftet. Unter den ersten Verhafteten war auch Käthe Jonas. Sie kandidierte zu den Wahlen im März 1933 auf der Liste der KPD für den Kreistag in Hanau und für die Gemeindevertretung in Dörnigheim. Über die Märzwahlen hinweg wurde sie vier Wochen lang im Polizeigefängnis in Frankfurt am Main festgehalten. Dessen ungeachtet wurde Käthe in Abwesenheit in den Kreistag gewählt. Die KPD ging aus dieser Wahl in Dörnigheim wieder als stärkste Partei hervor. Der Kreistag wurde jedoch im Zuge der Gleichschaltung durch die Nazis nicht mehr einberufen. Käthes jüngeren Bruder, Karl Seng, brachte man 1933 im Alter von 19 Jahren zur sogenannten Schutzhaft in das Konzentrationslager Breitenau bei Kassel. Dort mußte er vier Monate verbringen.

Käthe beteiligte sich weiterhin an der inzwischen illegalen Arbeit ihrer Partei. in einer Zeit, in der mehr und mehr Menschen der Propaganda der Nazis glaubten versuchte in Hanau und Umgebung eine kleine Gruppe von Kommunisten durch die Anfertigung und Verteilung von Schriften, Aufklärungsarbeit über Hitler und seine wahren Ziele zu leisten. Sie waren Teil einer von der KPD geführten Widerstandsorganisation, deren Aktivitäten sich über den Raum Frankfurt am Main, Offenbach, Hanau und Aschaffenburg erstreckten. Käthe übernahm die Verteilung des Materials, das für Dörnigheim bestimmt war. Es gelang den Nazis, einen Spitzel in die Gruppe einzuschleusen, durch den die illegale Arbeit und viele der beteiligten Personen verraten wurden.

Am 27. Mai 1935 begann vor dem Oberlandesgericht in Kassel der „88er Prozeß“, ein Verfahren gegen 88 Bürgerinnen und Bürger aus der Stadt und dem Kreis Hanau wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Hauptpunkt der Anklage war die Verbreitung illegaler Schriften. Unter den Angeklagten befanden sich allein zehn Personen aus Dörnigheim. Dazu gehörten Käthe Jonas, ihr Mann, Peter Jonas, ihr Vater, Karl Seng, und ihre beiden Brüder, Adam und Karl Seng. Sie wurden alle zu Haftstrafen verurteilt. Käthe mußte ihre dreijährige Zuchthausstrafe in den Strafanstalten Ziegenhain in Oberhessen, Aichach und Laufen in Bayern verbüßen.

Ihr Bruder Karl wurde nach Ablauf seiner zweieinhalbjährigen Zuchthausstrafe nicht nach Hause entlassen, sondern in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Während des Krieges steckte man ihn in das berüchtigte Bewährungsbataillon 999. Personen, die aus politischen Gründen bestraft worden waren, galten als wehrunwürdig. Um sie dennoch für den Krieg nutzbar zu machen, faßte man sie zu besonderen Einheiten zusammen, in denen sie sich an der Front „bewähren“ sollten. Sie wurden für schwierigste Aufgaben an allen Frontabschnitten eingesetzt. Karl Seng kam nach Griechenland auf die Insel Rhodos.

Käthe wurde 1938 aus dem Zuchthaus entlassen. Aber frei war sie deshalb keineswegs. Die Entlassung erfolgte mit der Auflage, sich sofort bei der Gestapo zu melden. Käthe mußte fortan damit rechnen, ebenso wie ihr Bruder Karl in „Schutzhaft“ genommen, das heißt in ein Konzentrationslager gebracht zu werden.

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 löste eine große Verhaftungsaktion aus, die insbesondere ehemalige Mandatsträger der KPD und der SPD betraf. Käthe wurde im August 1944 erneut festgenommen und in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg an der Havel transportiert.

Haft im Frauenkonzentrationslager:

Konzentrationslager, das bedeutete Haft ohne Urteil und unbefristet. Die Häftlinge waren bedingungslos der Willkür der Aufseherinnen ausgeliefert. Sie mußten mit ansehen, wie Mitgefangene gequält und getötet wurden. Jedes auffällige Verhalten könnte für sie das Ende bedeuten. Sie lebten in Todesangst. Käthe berichtete nur wenig über die Verhältnisse im Lager. Der Alltag in Ravensbrück war geprägt durch unzureichende Verpflegung, katastrophale Massenunterkünfte in primitiven Holzbaracken, mangelnde Hygiene, harte körperliche Arbeit, stundenlanges Appellstehen und den furchtbaren Gestank des Krematoriums, in dem die Körper der Getöteten verbrannt wurden.

Gegen Ende des Krieges versuchten die braunen Machthaber, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Die Häftlinge der Konzentrationslager im Osten wurden vor den herannahenden Truppen auf den berüchtigten Todesmärschen gen Westen „evakuiert“. Unterwegs erschoß die SS-Begleitung erbarmungslos jeden, der zu erschöpft war, um weiter zu gehen.

„Odyssee“ zurück nach Dörnigheim:

Am Nachmittag des 28. April 1945 wurde Käthe in einer Kolonne von Häftlingen unter SS‑Bewachung zu Fuß aus dem Lager getrieben. Unter den Frauen ging das Gerücht um, sie sollten in das Lager Malchow gebracht werden ‑ zur Vergasung. Die Befreiung erlebte Käthe auf diesem Todesmarsch. Die SS‑Bewacher hatten die allgemeine Verwirrung der letzten Kriegstage genutzt und sich abgesetzt. Käthe schlug sich auf eigene Faust nach Westen durch. In Deutschland herrschte allgemeines Chaos, Verkehrswege und Brücken waren zerstört, der öffentliche Verkehr zusammengebrochen. Nach einer mehrwöchigen Odyssee, die sie bis nach Hamburg führte, kam Käthe am 10. Juni 1945 wieder in Dörnigheim an.

Die Verhaftungen bedeuteten für Käthe stets die Trennung von ihren Kindern. Im Jahre 1933, bei der ersten Inhaftierung, war ihr Sohn elf Jahre alt. Als sie 1944 nach Ravensbrück gebracht wurde, blieb ihre dreijährige Tochter zurück. Ihr Sohn war damals schon als Soldat der Hitlerwehrmacht an der Ostfront vermißt. Die Festnahmen hatten stets auch zur Folge, daß die Tierzucht der Eheleute zusammenbrach. Peter Jonas konnte wegen seiner Behinderung das Geschäft nicht allein führen. In den letzten Kriegstagen wurden zudem die Gebäude durch Beschuß der Alliierten völlig zerstört. Der Wiederaufbau der Zucht, der nach Käthes Entlassung 1938 nochmals gelang, war 1945 nicht mehr möglich. Aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes nach der Zeit in Ravensbrück konnte Käthe die schwere körperliche Arbeit, die mit der Tierzucht verbunden war, nicht mehr leisten.

Trotzdem gehörte Käthe Jonas nach Kriegsende zu den Ersten, die sich um die sozialen Belange der Bevölkerung kümmerten und das Gemeinwesen in Dörnigheim wieder aufbauten. Sie wurde in den Beirat des Kreiswohlfahrtsausschusses berufen und gehörte dem Ausschuß für die Betreuung der politisch, rassisch und religiös Verfolgten im Landkreis Hanau an. Bis zum Verbot der KPD im Jahre 1956 war sie Mitglied der Gemeindevertretung in Dörnigheim und hier vor allem im Fürsorgeausschuß und in der Wohnungskommission tätig.

Dem Vermächtnis der Opfer des Naziregimes und den sozialen Belangen der Verfolgten widmete sie einen großen Teil ihrer Zeit und ihrer Kraft. Käthe war Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) im Kreis Hanau. Sie gehörte dem Kreisvorstand der VVN Hanau und dem Landesvorstand der VVN Hessen an.

Angestellte bei der Stadt Hanau

Im Alter von 44 Jahren fand Käthe 1946 eine Anstellung als Sachbearbeiterin bei der Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte des Landkreises Hanau. Diese Dienststelle wurde jedoch schon im Jahre 1952 wieder aufgelöst. Nach zähen Auseinandersetzungen schaffte es Käthe, von der Stadt Hanau als Angestellte übernommen zu werden. Sie mußte sich jetzt in ein ihr völlig fremdes Arbeitsgebiet als Sachbearbeiterin beim Bauamt der Stadt einarbeiten. Käthe war auf diesen Arbeitsplatz dringend angewiesen, denn es gab für sie keine Alternative. Die Rente ihres Mannes reichte nicht aus, um eine Person zu ernähren, geschweige denn eine dreiköpfige Familie.

Mit Kommunismus verband Käthe die Vorstellung von einer besseren, humaneren Welt. Bei ihrer beruflichen Arbeit und bei den Aufgaben, die sich ihr aufgrund der verschiedenen ehrenamtlichen Funktionen stellten, stand für sie stets der einzelne Mensch im Vordergrund. Sie kannte Not aus eigener Erfahrung und bemühte sich deshalb, soweit sie dazu in der Lage war, gerade den Armen und Schwachen zu helfen. Sie ging in dieser Arbeit auf und gewann hierdurch Ansehen und Achtung in der Bevölkerung, nicht zuletzt auch bei .politisch Andersdenkenden. Bezeichnend für ihr Engagement war die Tatsache, daß sie auch nach dem Verbot der KPD auf Bitten der Gemeinde weiterhin der Wohnungskommission angehörte.

Reges Vereinsleben

Käthe war ein fröhlicher und lebensfroher Mensch. Sie liebte die Geselligkeit und beteiligte sich rege am Vereinsleben in Dörnigheim. Seit ihrer Jugend war sie Mitglied bei der Freien Turnerschaft und sie war lange Jahre aktive Sängerin im Volkschor.

Im Jahre 1963 schied Käthe Jonas im Alter von 61 Jahren aus dem Berufsleben aus. Danach begann sie, gemeinsam mit anderen Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück die Lagergemeinschaft Ravensbrück in der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. Die Lagergemeinschaft konstituierte sich am 4. Juni 1966 in Frankfurt am Main und wählte Käthe Jonas zur Vorsitzenden. In Zusammenarbeit mit ehemaligen Mithäftlingen trug sie die Anschriften von Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück und anderer Frauenlager zusammen. Eine der wichtigsten Aktivitäten der Lagergemeinschaft war damals die Organisation von Fahrten zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück über die Grenze der beiden deutschen Staaten hinweg. Als Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland nahm Käthe regelmäßig an den Tagungen des Internationalen Ravensbrück‑Komitees teil, die noch heute jährlich jeweils in einem anderen europäischen Land stattfinden.

Es wirft ein besonderes Licht auf die politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland während der sechziger Jahre, daß zeitgleich zum Aufbau der Lagergemeinschaft die Staatsanwaltschaft erneut gegen Käthe ermittelte. Dieses Mal wegen „staatsabträglicher Verbindungsaufnahme“. Das Verfahren wurde im November 1967 ohne Angabe von Gründen eingestellt.

Käthe Jonas blieb Vorsitzende der Lagergemeinschaft bis 1974. Aus gesundheitlichen und familiären Gründen mußte sie ihre Aktivitäten mehr und mehr einschränken. Ihr Ehemann war zu einem Pflegefall geworden. Käthe betreute ihn zu Hause bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1974.

1977 in Essen gestorben

Der Lagergemeinschaft blieb sie weiterhin eng verbunden. Schwer krank nahm sie noch im November 1976 an der Tagung des Internationalen Ravensbrück‑Komitees in Raunheim bei Frankfurt am Main teil. Wenige Wochen später, am 25. Januar 1977, starb Käthe Jonas in Essen, dem Wohnort ihrer Tochter. Ravensbrück konnte sie nie vergessen. Die Erinnerungen an die Grausamkeiten im Lager verfolgten sie bis an ihr Lebensende. Ebenso wenig konnte sie den Verlust ihres Sohnes überwinden, der für das Naziregime sterben mußte.

Am 12. Juli 2002 wäre Katharina Margarete Jonas, geborene Seng, in Dörnigheim besser bekannt als Kätchen Jonas, einhundert Jahre alt geworden. Eine starke Frau, die wegen ihrer politischen Aktivität im Dritten Reich verfolgt wurde, die in einem sozialistisch geprägten Elternhaus aufgewachsen ist und groß wurde in dem Dorf Dörnigheim, das als Arbeitergemeinde im November 1925 bei der Kommunal‑Landtagswahl von 675 abgegebenen Stimmen den Kommunisten den höchsten Anteil von 254 Stimmen sicherte, gefolgt von den Sozialdemokraten mit 245 Stimmen und unbedeutenden Stimmenanteilen für die übrigen Parteien. Bei den Gemeindewahlen im März 1933 erhielt die KPD fünf von zwölf Sitzen im Gemeindeparlament.

Mit im Gemeinderat war zu dieser Zeit bereits Kätchen Jonas. Ihr Einsatz galt hauptsächlich der Sozialpolitik und, was ihr bald schlimmes Leid eintragen sollte, sie mißtraute den Machenschaften Hitlers. Viele entbehrungsreiche und demütigende Jahre in verschiedenen Zuchthäusern konnten ihren Lebenswillen nicht brechen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Ende der Nazi‑Herrschaft, stand sie wieder ihrer Heimatgemeinde Dörnigheim zur Verfügung. Bis zum Verbot der KPD im Jahre 1956 arbeitete sie in der Gemeindevertretung mit und half, die soziale Not der Ausgebombten, Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die es nach Dörnigheim verschlagen hatte, zu lindern.

Kätchen Jonas war eine vitale, starke und selbstbewußte Frau, die, obwohl sie viele schwere Schicksalsschläge hinnehmen mußte, gesellig und fröhlich geblieben war. Trotz der späten Erfahrung, daß „ihre“ Partei im neuen Deutschland nicht mehr anerkannt war, sind ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen und ihr Wunsch, Gutes zu bewirken, ein Vorbild an Zivilcourage.

 

August Roth

Am 11. November, dem „Elften Elften“, geht die närrische Zeit auch in Maintal wieder los, das alleine auf sechs Fastnacht treibende Vereine blicken kann. Niveau und zugleich Ausgelassenheit mit einer Spur Frivolität sind dabei längst keine Gegensätze mehr, daher die Veranstaltungen in allen Stadtteilen zumeist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Während die beiden Hochstädter Vereine auf das Unterhaltungswesen ‑ auch unter dem Jahr ‑ spezialisiert sind, ist der Karneval in Bischofsheim, Wachenbuchen und Dörnigheim eine von mehreren Abteilungen im Verein.

Die „Blau‑Weißen“ feiern traditionell ihre Karnevalssitzungen in der Dörnigheimer August‑Roth‑Halle, wo sich auch die Vereinsgaststätte „Zu den Mainterrassen“ befindet. Gäste in Dörnigheim dürfen sich in der „fünften Jahreszeit“ bei der Karnevalsabteilung der Freien Turnerschaft „Blau-Weiß“ besonders über ausgefallene, artistische und fein choreografierte Tänze freuen. Gute Stimmung und viel Bewegung: Das ist auch die Maxime der gesamten Freien Turnerschaft 06.

Bei der Gründung des Vereins 1906 war diese Maxime noch avantgardistisch ‑ die Mitglieder hatten damit viele politisch bedingten Hindernisse in Kauf zu nehmen. Die FTD gründete sich als ein Verein im Zuge der Sportbewegung mit Unterstützung aus der Frankfurter Nachbarschaft. Die Mitglieder kamen vorwiegend aus der Arbeiterschaft, die Turnerschaft gehörte schließlich dem Arbeiter‑Turn‑und‑Sportbund an. Bei Arbeitszeiten von 12 bis 14 Stunden täglich blieben aber nur wenig Zeit und Möglichkeit, Sport zu betreiben. Daher forderten die Dörnigheimer eine Senkung der Arbeitszeit, aber auch eine Besserung der Situation für Jugendliche, die oftmals als billige Hilfskraft eingestellt wurden. Diese politische Betätigung brachte der FTD nicht nur Freunde ein, die Vereinsutensilien wurden unter NS‑Verwaltung 1933 sogar komplett beschlagnahmt.

Die Anfangszeit war also durchaus keine leichte, dennoch entschlossen sich mehr als 20 Dörnigheimer ‑ auf die Umstände vorbereitet ‑ am 10. Januar 1906 dazu, im „Frankfurter Hof“ die Freie Turnerschaft Dörnigheim aus der Taufe zu heben. Unter den Gründern befand sich auch der Eisenbahner August Roth senior, der Vater von August Roth, nach dem später das Vereinsgebäude an der Uferstraße benannt werden sollte. In den zwei Weltkriegen mußten große personelle und materielle Verluste hingenommen werden, die FTD überdauerte jedoch beide.

1945 wurde die Idee wieder aufgegriffen, in Dörnigheim eine „Sport‑ und Kulturorganisation“ aufzubauen. Der bis zuletzt als Erster Vorsitzender fungierende Friedrich Roth kam im Zweiten Weltkrieg um, auch weitere Vereinsangehörige ließen ihr Leben oder befanden sich Kriegsgefangenschaft. Die Überlebenden in Dörnigheim fanden sich aber schon im selben Jahr nach Kriegsende zusammen, wählten einen neuen Vorstand und setzten ihre Arbeit fort. Ziel war es dabei, einen zentralen Verein zu gründen ‑ zuvor hatte es eine Konkurrenz zwischen Turngemeinde Dörnigheim und Freier Turnerschaft gegeben. Damit wurde die Meinung vertreten, „da man aus der Vergangenheit lernen und alle Kräfte bündeln muß, um in der Einheit eine neue demokratische Sportbewegung aufzubauen.“

Diese Meinung vertrat auch August Roth junior, der als Aktiver mehr und mehr auch an Verantwortungsposten Interesse zeigte. Er war es auch, der dies einem Bestandteil seiner späteren Vorstandsarbeit machte, da eine zweite Neugründung eines Turnvereins ‑ die Turngemeinde Dörnigheim ‑ auf Grund der noch herrschenden Gegensätze nicht zu vermeiden war.

„Richtig verwachsen mit dem Turnsport und der Turnerschaft“, beschreibt Anneliese Schmitt, geborene Roth, heute noch ihren Bruder August, der am 18. Juli 1922 genau wie sie in der Nordstraße 18 auf die Welt kam. Er war als vierjähriger Junge 1926 der Turnerschaft beigetreten ‑ selbstverständlich auf Initiative des Vaters, dem Mitbegründer. Die anderen fünf Kinder sowie Mutter Anna durften natürlich bei der FTD nicht fehlen. August Roth junior war das vierte Kind und liebte beim Sport vor allem das Turnen, war später auch dem Handball sehr verbunden.

Im Jahr 1955 wurde August Roth als Zweiter Vorsitzender in den FTD‑Vorstand gewählt, war ab 1966 schließlich bis 1981 Erster Vorsitzender. Unter seinem Mitwirkung konnte unter anderem der lang gehegte

Wunsch und „Traum der Vorgänger“ einer eigenen Sporthalle und ‑anlage erfüllt werden. Der erste Bauabschnitt hierzu war die Errichtung der Vereinsgaststätte „Zu den Mainterrassen“. Neben den Zuschüssen hatte vor allem die finanzielle Hilfe der Mitglieder für ein rasches Fortschreiten des Baus geführt. Die Freien Turner waren aktiv daran beteiligt und arbeiteten in ihrer Freizeit tatkräftig mit. Anneliese Schmitt sieht heute noch die Dörnigheimerinnen und Dörnigheimer vor sich, wie sie „schlurfend“ und erschöpft am Abend nach Hause stapften. Binnen weniger Monate konnte der erste Bauabschnitt 1958 fertig gestellt werden.

Weitere Ausbauvorhaben wurden umgesetzt, nicht zuletzt auch deshalb, da August Roth als Bauhofleiter der Gemeinde und späteren Stadt Dörnigheim sowie als Leiter des Amtes für öffentliche Einrichtungen der Stadt Maintal wesentliche Kontakte knüpfen konnte. Zudem saß er von 1952 bis 1960 in der Dörnigheimer Gemeindevertretung. Seine Einflußmöglichkeiten und Kontakte ließ er aber nicht nur im Interesse seines eigenen Vereins spielen, sondern förderte generell den Bau von Sportanlagen in Dörnigheim. Die Maintal-Halle, das Schwimmbad und nicht zu vergessen die Sportanlage „Dicke Buche“ entstanden unter anderem durch seinen Einsatz.

Beruflich wie ehrenamtlich hatte sich August Roth also dem Sport verschrieben, privat setzte er die sportliche Familientradition ebenfalls fort. Seine Frau Melitta, wie auch seine Tochter Gunda (heute auf Rügen lebend) engagierten sich sportlich. Neben der Freien Turnerschaft Dörnigheim gehörte August Roth ab 1971 auch dem Turngau Offenbach‑Hanau an und leitete als Erster Vorsitzender dort die Geschicke, saß im Hauptausschuß des Hessischen Turnverbands, war außerdem beim Landessportbund Hessen sowie in weiteren Sportkreisen und Fachverbänden nicht wegzudenken. In Erinnerung bleiben für viele Turner bis heute noch der Landesturntag in Bischofsheim 1980 und ein Jahr später, anläßlich des 75‑jährigen Vereinsjubiläums der FTD, der Kunstturnländerwettkampf zwischen Hessen und Berlin, für deren reibungslosen Ablauf jeweils August Roth gedankt werden konnte. Über Gauturnfest und Gaukinderturnfest (1975) hin zu vielen weiteren Veranstaltungen: August Roth war immer an vorderster Stelle. Denn nicht nur das Planen war sein Metier, beim Auf‑ und Abbau schritt Roth immer selbst als Erster zur Tat.

Für sein Wirken wurde August Roth liebevoll als „Vater des Vereins“ genannt. Eine Vielzahl an Titeln, Urkunden und Auszeichnungen verliehen die Freien Turner „ihrem“ August. Sämtliche anderen Vereine und Verbände, denen er angehörte, taten es der FTD nach, darunter auch die Stadt Maintal, die ihm die Medaille der Stadt in Silber verlieh. August Roth bekam auch die höchste Auszeichnung, die der Hessische Turnverband zu vergeben hat, verliehen: Die Friedrich‑Ludwig‑Weidig-Plakette. Als August Roth 1981 das Ende seiner Vorstandsarbeit erklärte, wurde er aus gutem Grund zum Ehrenvorsitzenden ernannt. In seiner Vorstandsarbeit hatte er sich in Dörnigheim dafür stark gemacht, daß die Freie Turnerschaft und die Turngemeinde zumindest in gewissen Abteilungen zusammenwachsen. Diese Entwicklung voranzutreiben, die heute noch erfolgreich verläuft, ist vor allem für die Turnerinnen und Turner ein bedeutender Nachlaß.

August Roth verstarb in Folge eines Schlaganfalls am 19. April 1994, gut drei Monate vor seinem 72. Geburtstag. Seine gesetzten Ziele konnte er in seinem Leben nahezu alle verwirklichen. Aus der Freien Turnerschaft 06 Dörnigheim ist die „Sport- und Kulturorganisation“ geworden, die nach dem Weltkrieg anvisiert wurde. Denn neben dem sportlichen Geschehen nimmt auch die kulturelle Tätigkeit einen besonderen Stellenwert bei der FTD ein. Die Karnevalsabteilung beispielsweise unterstreicht erfolgreich den Verbund zum Turnverein mit Tanzdarbietungen aus selbiger Abteilung. Wenn am „Elften Elften“ um 11.11 Uhr die närrisch Gesinnten wieder losgelassen werden, dann befinden sich darunter auch die Dörnigheimer „Blau‑Weißen“. Und im nächsten Jahr steigen wie immer die Karnevalssitzungen der FTD ‑ in der Halle, die 1994 kurz nach dem Tode August Roths nach diesem benannt wurde.      

 

 

Chronisten

Lehrer Wilhelm Jung

Über Jahrzehnte war die Chronik von Volksschullehrer Jung verschollen, und nicht einmal sein noch heute in Dörnigheim ansässiger Enkel, Dipl. Ing. Gunter Kern, hatte die blasseste Vorstellung davon, wo die Chronik verblieben sein könnte. Aber da fand nun Ende 1999 der Umzug der Stadtverwaltung von Bischofsheim nach Hochstadt ins Klosterhofgebäude statt und - siehe da -  beim Ausräumen des Amtszimmers des Herrn Burgermeisters wurde Stadtarchivar Werner Jung - zufällig namensgleich, aber nicht verwandt - fündig.

Die in der alten deutschen Schreibschrift abgefaßte Chronik von Lehrer Jung ist ein in braunes Schweinsleder gebundenes stattliches Exemplar mit den Maßen 27 x 37 cm. Sie muß dem späteren Dörnigheimer Chronisten, Dr. Heinrich Lapp, bereits bekannt gewesen sein, denn er nimmt an einigen Stellen seines im Jahre 1952 erschienenen Buches darauf Bezug. Die Chronik ist nie veröffentlicht worden. Gleichwohl enthält sie eine Fülle historischer Details und Daten, die als eine wertvolle Ergänzung zu den bisherigen Veröffentlichungen der Dörnigheimer Chronisten Dr. Heinrich Lapp und Ingeborg Schall anzusehen sind.

Lehrer Jung hat den Schuldienst in Dörnigheim vom 1. April 1902 bis 1. Juli 1934 versehen. Geboren am 18.12.1873, starb er im Alter von 81 Jahren in seinem 1903 erbauten Haus in der Bahnhofstraße 39, das heute noch von seinem Enkel bewohnt wird.

Seine Chronik hat er zu Beginn der 30er Jahre niedergeschrieben, einer Zeit, in der die Nationalsozialisten insbesondere die Lehrer verpflichteten, Dorfchroniken anzulegen. Die in die Chronik eingearbeitete umfangreiche Zeittafel beginnt mit dem Jahre 750 und endet 1911. Thomas und Ilse Thomsen haben es übernommen, die in der alten Sütterlinschrift verfaßte Daten‑ und Faktenauflistung in die lateinische Schrift zu übertragen und so vor dem Vergessen zu bewahren. Frau Schall allerdings beurteilt den Fund als nicht so wichtig, da das Werk manche Fehler enthalte und alle Fakten auch von anderer Stelle her schon bekannt seien.

 

Dr. Heinrich Lapp

All jene, denen die Geschichte ihres Heimatortes ein Anliegen ist, stoßen früher oder später auf den Namen Dr. Heinrich Lapp, der sich als Chronist von Dörnigheim einen Namen erworben hat und mit seinem 1952 erschienenen Buch „Dörnigheim in Geschichte und Gegenwart“ den Grundstock für die geschichtliche Erforschung unseres Ortes gelegt hat.

Heinrich Lapp ist am 28. Dezember 1910 in Dörnigheim am Main in der heutigen Kennedvstraße 31 geboren. Damals war es noch das Haus Nr. 6 der Hanauer Landstraße. Diese Straße wurde von den Einwohnern des Dorfes die „Chaussée“ genannt, im Unterschied zu der älteren Straße von Dörnigheim nach Hanau, dem sogenannten Kesselstädter Weg. Der Ausbau der „Chausée“ erfolgte erst 1938. An den ursprünglichen Zustand der Chausée kann sich der heute 86jährige noch gut erinnern. Vor der Häuserzeile, entlang der Straße, verlief ein tiefer Graben zur Aufnahme des von der Straße ablaufenden Regenwassers. Hinter dem Graben an der Einfahrt zum Elternhaus standen zwei Pflanzenbäume, dessen reife, in den Graben gefallene Früchte gern von Klein‑Heinrich trotz elterlichen Verbots verspeist wurden.

Die Eltern, Johann Ludwig Lapp, er lebte von 1883 bis 1966, und seiner Ehefrau Lina geborene Lahm aus Echzell bei Wölfersheim (geb. 1885, gest. 1952) hatten in der Hanauer Landstraße 6 im Dachgeschoß der Großeltern väterlicherseits Wohnung bezogen. Der Großvater, der „Lappe Adam“, war Schreinermeister und stand bei den Dorfbewohnern in einigem Ansehen. Er war tätiges Mitglied des damals florierenden Konsumvereins und hatte, zusammen mit anderen Bürgern, eine freiwillige Krankenkasse auf rein örtlicher Basis gegründet. Als Heinrich drei Jahre alt war, zogen die Eltern 1913 nach Frankfurt in die Idsteiner Straße/ Nähe Galluswarte. Inzwischen war 1912 auch Bruder Wilhelm geboren, der später einmal Bürgermeister und Stadtrat in Dörnigheim werden sollte.

Der Vater war von Beruf Schlosser und bei der Eisenbahn als Werkführer im Ausbesserungswerk westlich des Hauptbahnhofes tätig. Ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Vater Lapp nach Niedernhausen im Taunus versetzt. Er war vom Kriegsdienst befreit, da als Bahnbediensteter unabkömmlich, hatte er doch für die Instandhaltung der Sicherungsanlagen an einem Abschnitt der militärstrategisch wichtigen Bahnstrecke Frankfurt‑Limburg zu sorgen.

Die Familie bezog Wohnung im sogenannten „Eisenbahnerhaus“ in dem damals noch selbständigen Ortsteil Königshofen. Das Haus lag an einem freien Hang, der zu den Bahngleisen abfiel. Für Heinrich und seinen Bruder Wilhelm gab es ringsherum schöne Spielplätze. Überhaupt konnte es für heranwachsende Kinder keine schönere Umgebung als die herrliche Taunuslandschaft geben.

Heinrich Lapp besuchte in der Zeit von April 1917 bis 1919 die Volksschule in Köniashofen. Die kriegsbedingte allgemeine Notlage ging auch an Königshofen nicht spurlos vorüber. Heinrich Lapp erinnert sich noch sehr deutlich an die Hungersnot des Kriegsjahres 1917, an Beerenpflücken und Buchecker‑Auflesen im Wald, was sich dann im Zweiten Weltkrieg in Dörnigheim wiederholte.

Ein besonders einprägsames Erlebnis für die Kinder war der Rückzug der deutschen Truppen nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918. Die deutschen Truppen zogen damals in völliger Ordnung etappenweise in die Heimat zurück. Ihnen folgen die Siegermächte auf dem Fuße bis zu den festgesetzten Waffenstillstandslinien. In Königshofen quartierten sich vorübergehend französische, genauer gesagt, marokkanische Besatzer ein. Sie kamen mit Blechmusik, teils zu Pferd, teils mit Mauleseln, die die vielen Bagagewagen zogen. Der Schulunterricht fiel bis Januar 1919 aus.

Zum Leidwesen der Kinder verließen die Eltern Lapp 1919 den schönen Taunus. Der Vater trat eine neue Dienststelle am Frankfurter Ostgüterbahnhof an. Da sich jedoch das bahneigene Familienhaus noch im Bau befand, nahm man vorübergehend für sechs Monate wieder im Haus der Großeltern in Dörnigheim Quartier. Heinrich und Wilhelm besuchten während dieser Zeit die Volksschule in Dörnigheim.

Am 1. Oktober 1919 schließlich war die Frankfurter Dienstwohnung bezugsfertig. Der Ostgüterbahnhof erstreckte sich damals in einer Breite von 200 bis 300 Meter vom Personenbahnhof Frankfurt‑Ost bis fast hin zur nächsten Bahnstation Mainkur. Der heute über 80jährige erinnert sich noch lebhaft an den aufregenden Bahnbetrieb rund um das Haus, die Städtische Hafenbahn, die täglich mindestens zweimal unmittelbar vor dem Haus vorbeifuhr, den Lokschuppen, ein Ausbesserungswerk und den Bahnfernverkehr einschließlich des Orientexpresses, der jeden Morgen um 7 Uhr in unmittelbarer Nähe vorbeirauschte. Die Eisenbahn vermittelte Kindern damals ebenso einprägsame Eindrücke wie es heute beim Autoverkehr der Fall ist.

In jener von Versorgungsengpässen und Inflation gekennzeichneten Nachkriegsära riß aber auch der Kontakt zu den Dörnigheimer Verwandten nicht ab, und sei es auch nur, um sich bei Onkel und Tante mit einigen dringend benötigten Lebensmitteln zu versorgen.

In schulischer Hinsicht war Frankfurt für Heinrich Laapp prägend. Von Herbst 1919 bis Ostern 1929 besuchte er ein Jahr die Dahlmann‑Schule, danach die Ostend‑Mittelschule und schließlich die Helmholtz‑ Oberrealschule in der Habsburger Allee, bei der das Schwergewicht auf den naturwissenschaftlichen Fächern lag. Die Lehrer an dieser Schule, korrekt, streng und deutsch‑national im positiven Sinne, dürften in entscheidender Weise zur Entwicklung seiner Persönlichkeit beigetragen haben. Ein nicht minder entscheidender Einfluß ging auch vom christlichen Elternhaus aus. So sang Heinrich, wie der Vater, im Chor der Neuen Nikolaikirche in Frankfurt, wurde 1925 vom Pfarrer Manz konfirmiert und schloß sich der von ihm gegründeten Jugendgruppe des „Bundes Deutscher Jugend“ an, in der viel musiziert und gewandert wurde. Im Rahmen letzterer Aktivitäten begegnete er auch seiner späteren Frau Hanna.

Es war daher kein Zufall, daß sich Heinrich Lapp nach dem Abitur 1929 zunächst für ein Theologiestudium entschloß. Pfarrer Manz setzte sich für ein Stipendium der Landeskirche ein. Zunächst rächte sich. daß Heinrich Lapp an der Schule die alten Sprachen nicht gelernt hatte. Da die Theologische Fakultät in Halle an der Saale jedoch ein Sprachenkonvikt eingerichtet hatte, in dem diese nachgelernt werden konnten, meldete ihn die evangelische Landeskirche in Halle an.

Das Konvikt war eine Art Internat oder treffender vielleicht eine Art Kadettenanstalt. Es hatte Schlafsäle, einen großen Eßraum, drei Lehrsäle und Gemeinschaftswaschräume. Die leitenden Personen und die meisten Kommilitonen kamen aus Preußen. Heinrich Lapp kam als einziger aus dem liberalen Westen des Reiches und lernte das erstemal preußischen Ordnungssinn und preußische Lebensweise kennen. Nach vier Semestern legte er die Prüfung für das große Latinum und das Graecum ab.

In jenen politisch turbulenten Jahren 1930/31 war in Halle das studentische Verbindungswesen sehr rege, bis es später von den Nationalsozialisten verboten wurde. Heinrich Lapp fühlte sich von den Aktivitäten dieser Vereinigung stark angezogen und trat der 1856 gegründeten Tuiskonia bei, in der die Theologen am zahlreichsten vertreten waren.

Aber auch der aufkeimende Nationalsozialismus übte auf ihn eine gewisse Anziehungskraft aus. Von Grund auf national eingestellt und auf die verworrenen parteipolitischen Richtungskämpfe der Weimarer Republik sowie das Wirtschaftsdesaster vor Augen, trat er dem nationalsozialistischen Studentenbund und in 1932 auch der NSDAP bei.

Im Gespräch mit Dr. Heinrich Lapp wurde ich gewahr, daß ihn diese Zugehörigkeit zur Hitler‑Partei später sehr belastet hat. Man spürt noch heute förmlich, daß er sich nach dem totalen Zusammenbruch die Frage der persönlichen Mitschuld oft und quälend gestellt hat. Er war, wie viele Jugendliche seiner Zeit, geblendet und um so tiefer erschüttert, als ihm das ganze Ausmaß des Wahnsinns und des Chaos bei Kriegsende vor Augen geführt wurde.

Im Jahre 1932 zunächst fällte er in Halle eine Entscheidung von großer persönlicher Tragweite: Er beschloß, die Theologie zugunsten des Lehramtes an höheren Schulen aufzugeben, nachdem er zu der Überzeugung gelangt war, daß er für den Pfarrerberuf wohl doch nicht geeignet war. Somit entfiel auch eine Studienfortsetzung in Halle.

Zurück in Frankfurt im Wintersemester 1931/32 belegte er Vorlesungen in Geschichte und Deutsch und später auch wieder in Theologie. Sein Staatsexamen in den Hauptfächern Religion und Geschichte und dem Nebenfach Deutsch bestand er im Herbst 1936. Zuvor schon war er ein Jahr lang seiner Dissertation befaßt, die er über das heimatbezozene Thema „Die Geschichte des Fürstentums Hanau in der Zeit Napoleons“ im Dezember 1935 mit dem Doktorexamen erfolgreich abschloß. Es folgte eine Zeit als Studienreferendar, abwechselnd in Kassel und Frankfurt, und schließlich das Assessorexamen 1939 mit der Zuweisung an die Hohe Landesschule in Hanau.

Ein Jahr zuvor fand nach zweijähriger Verlobungszeit am 17. August 1938 die Hochzeit mit Hanna Schmidt statt, deren Vater sich als Finanzbeamter zwischenzeitlich von Frankfurt nach Helgoland, von wo die Mutter stammte, hatte versetzen lassen. Die kirchliche Trauung nahm derselbe Pfarrer Manz in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt vor, der auch schon die beiden Brautleute konfirmiert hatte. Zwischenzeitlich hatten die Eltern nach der Pensionierung des Vaters das Haus in der heutigen Kennedystraße 2 gebaut. Hier zogen auch die Jungvermählten ein und wohnten in Dörnigheim von 1938 bis 1970.

Bleibt noch nachzutragen, daß Dr. Heinrich Lapp von September 1939 bis Mai 1945 den Zweiten Weltkrieg durchlebte. Zunächst tat er Dienst bei der Luftabwehr im Frankreich‑Feldzug, danach von 1942 bis 1945 bei der Artillerie an der Ostfront, zuletzt im Range eines Oberleutnantes und Batteriechefs. Die Schrecken der russischen Invasion in Ostpreußen und die Greuel der Vertreibung hat er hautnah miterlebt. Er konnte im letzten Moment am 6. Mai 1945 über die Ostsee fliehen und landete in englischer Gefangenschaft in der Kieler Bucht.

Entlassen wurde er von den Amerikanern in Hanau im sogenannten „Weißen Haus“ in der Philippsruher Allée. In den Schuldienst konnte er aufgrund seiner Parteizugehörigkeit und nach Durchlaufen des Entnazifizierungsverfahrens erst 1949 eintreten.

Studienrat Dr. Heinrich Lapp unterrichtete in den zwei Hauptfächern Deutsch und Geschichte sowie dem Nebenfach Religion von 1941 bis 1968 an der Hohen Landesschule in Hanau. Mit der Schulpolitik des damaligen Direktors im Zwiespalt, begründete er, zusammen mit fünf Kollegen 1968 als drittes Hanauer Gymnasium die Otto‑Hahn‑Schule. Dort unterrichtete er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1975. Zu seinen Schülern an der Otto‑Hahn‑Schule zählte im übrigen kein geringerer als unser heutiger Maintaler Bürgermeister Erhard Rohrbach. Dieser erinnert sich noch lebhaft an seinen alten Lehrer. Er schätzte besonders seine engagierte und beredsame Vermittlung der jüngeren deutschen Geschichte und hat im Nebenfach Geschichte bei Dr. Lapp Abitur gemacht.

Zu Hause in Dörnigheim nahm ihn die Familie in Anspruch. Frau Hanna gebar ihm vier Kinder. Die älteste Tochter Elke, verheiratete Bruchhaus, wurde 1939 geboren. Sie wurde Lehrerin und erbte das musikalische Talent beider Elternteile. Sie leitet noch heute Chöre in Hanau und Langenselbold. Tochter Ute wurde 1940 geboren, lebt heute in Münster‑Schwarzbach bei Kitzingen. Die dritte Tochter Anka kam ebenfalls noch während des Krieges 1943 zur Welt und lebt in Roßdorf. Stammhalter Holger erblickte schließlich 1950 das Licht der Welt, trat als Diplom‑Ingenieur in die Automobilbranche ein und lebt mit seinen vier Kindern in Neu‑Anspach im Taunus. Insgesamt wurden dem stolzen Großvater elf Enkelkinder beschert.

Im Jahre 1978 zog das Ehepaar Lapp in ein eigenes Haus nach Neu‑Wiedermus. Nach dem Tode seiner Frau 1978 verkaufte Dr. Lapp dieses Haus wieder und wohnte in München von 1981 bis 1994. Während der Münchner Zeit, an die er sehr gerne zurückdenkt, unternahm er in Begleitung seiner Schwägerin und Lebenspartnerin Johanna Leuchs Reisen rund um den Globus.

Nach deren Tod 1993 kehrte er 1994 in die alte vertraute Heimat und in die Nähe seiner Kinder zurück und ließ sich zunächst in Langenselbold nieder, wo die älteste Tochter wohnt. Dem hohen Alter entsprechend stellten sich nun auch die unvermeidlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen ein. Eine Lungenentzündung im Spätherbst vergangenen Jahres veranlaßten ihn im Januar 1996 zum Umzug in das Hanauer Martin‑ Luther‑Stift. An das neue Umfeld in diesem komfortablen Altersheim hat er sich relativ schnell gewöhnt. Der noch sehr rüstign 86Jährigevor pflegt weiterhin sein Geschichtsinteresse. Auch auf das eigene Auto will er nicht verzichten

Befragt nach seiner Dörnigheimer Zeit von 1945 bis 1970 erwähnte er seine aktive Mitwirkung im Volkschor in den 50er Jahren unter Leitung seines Schwiegersohnes Bruchhaus. Damals stand der Chor auf höchstem musikalischem Niveau. Der absolute Höhepunkt des kulturellen Lebens in dieser Zeit war eine Aufführung der Haydn’schen Jahreszeiten im großen Schiffchen‑Saal, wobei neben Frankfurter Gesangssolisten. den Oratorienchören Bad Nauheim und Friedberg der Volkschor Dörnigheim allein mit rund 140 Sängerinnen und Sängern auftrat.                

In den 50er Jahren organisierte Dr. Heinrich Lapp im Rahmen der Volkshochschule in Dörnigheim auch eine Reihe kulturgeschichtlicher und geologischer Vortragsveranstaltungen. Während der ganzen 25 Nachkriegsjahre in Dörnigheim wirkte er auch im Kirchenvorstand mit. Über die beiden in Dörnigheim ansässigen Lapp‑ Stämme hat er eine umfassende Genealogie erstellt.

Dr. Heinrich Lapp, gebürtiger Dörnigheimer mit Wurzeln, die laut Dörnigheimer Kirchenbuch bis 1651 zurückreichen, pflichtbewußt und zielstrebig, konservativ in der Grundhaltung, von christlicher Ethik durchdrungen, fordernd an sich selbst und seine Umwelt, nicht immer bequem, hat sich einen besonderen Platz im Dörnigheim der Alteingesessener erworben. Möge sein Wissensdurst noch viele Jahre wach beiben.

 

Ingeborg Schall

Die Dörnigheimerin Ingeborg Schall, Mitglied im Historischen Kulturkreis, wird zusammen mit zwei weiteren Heimatforschern aus dem Main‑Kinzig‑Kreis für ihre Verdienste auf dem Gebiet der Heimatpflege und Geschichtsforschung ausgezeichnet. Ingeborg, Schall sowie Karl Ulrich aus Sinntal und Jürgen Ackermann aus Wächtersbach wurden vom Kreisausschuß aus den zehn eingegangenen Vorschlägen ausgewählt, teilte Landrat Eyerkaufer jetzt dem Tagesanzeiger mit. Im Rahmen einer Feierstunde erhalten sie für ihre Verdienste die Medaille des Main‑Kinzig-Kreises.

Ingeborg Schall ist seit vielen Jahren sowohl im Kulturbereich als auch in der Heimatpflege außerordentlich engagiert. So war sie an der Organisation des Historischen Festzuges 1993 zur 1200‑Jahrfeier Dörnigheims beteiligt, hat dazu auch den Begleittext geschrieben. Maßgeblich war sie auch an der Organisation und Ausrichtung des Altstadt‑Weihnachtsmarktes beteiligt. Weiter hat Ingeborg Schall Textbeiträge für die Beschilderung historischer Gebäude in Dörnigheim geliefert sowie Ausstellungen und Veranstaltungen zur Heimatgeschichte ausgerichtet. Ein weiterer Teil ihrer Arbeit sind Veröffentlichungen über die Geschichte Dörnigheims.

In Maintal ist sie eine Instanz in Sachen Heimatgeschichte und Kultur. Viele: Aktivitäten gehen auf ihre Anregungen zurück und im Stillen forscht sie über die Historie des größten Maintaler Stadtteils. Die Rede ist von der Dörnigheimerin Ingeborg Schall, der nun auch von offizieller Seite Ehre zuteil wurde. Landrat Karl Eyerkaufer würdigte ihre besonderen Leistungen auf dem Gebiet der Heimatpflege und Geschichtsforschung.

Sie ist noch nicht einmal eine „waschechte“ Dörnigheimerin. Geboren wurde Ingeborg Schall in Frankfurt, aber an Verbundenheit zu ihrem Wahlheimatort mangelt es ihr kaum. Was es auch immer an verborgener Geschichte in Maintals Stadtteil zu entdecken gibt ‑ sie ist den Spuren nachgegangen. Bei der Feierstunde in Wächtersbach würdigte Landrat Karl Eyerkaufer in seiner Laudatio, daß Schall nach der Geburtsstunde Maintals für ein gemeinsames Umdenken kämpfte, ohne die kulturellen Besonderheiten der einzelnen Stadtteile außer acht zu lassen".

Obwohl ausgebildete technische Zeichnerin, blieb Ingeborg Schall nicht lange am Zeichenbrett. Von 1979 bis 1992 arbeitete sie in Maintal als Bibliotheksangestellte, von 1985 bis 1986 war sie als Kulturbeauftragte der Stadt aktiv. In dieser Zeit organisierte die Wahl‑Dörnigheimerin Ausstellungen, Autorenlesungen und sonstige kulturelle Veranstaltungen.

Aber Schall hatte nicht nur einen gewöhnlichen Acht‑Stunden‑Tag. Bereits 1968 gründete sie die Jugendkunstschule mit, in der sie dann als freie Zeichen‑ und Werklehrerin mitarbeitete, lange in der Vorstandsarbeit tätig war und 1980 zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Außerdem organisierte die Maintalerin Großveranstaltungen, und war als Kursleiterin für verschiedene Werktechniken in der Hobbythek der evangelischen Kirche Dörnigheim tätig. Auf ihre Anregung geht auch zurück, daß bei Dorffesten alte Straßenspiele wieder auflebten.

Daneben sind ihre Leistungen auf dem Gebiet der Heimatpflege und Geschichtsforschung herausragend. Sie ist seit 1986im Vorstand des Historischen Kulturkreises Dörnigheim, war maßgeblich an der Organisation und Ausrichtung des Dörnigheimer Altstadt‑Weihnachtsmarktes beteiligt, arrangierte Ausstellungen, arbeitete am historischen Festzug und an dem dazugehörigen Begleittext mit. Unübersehbar sind auch die Schilder, die die historischen Gebäude im Maintaler Stadtteil ausweisen und „geschichtliches Interesse“ wecken, wie Eyerkaufer lobend hervorrief.

Besondere Verdienste hat sich Ingeborg Schall auf dem Gebiet der Heimatgeschichte erworben. Sie veröffentlichte die Studien „Dörnigheim nach 1200 Jahren“, „Daten der Dörnigheimer Geschichte im Spiegel der Zeit“ und „Vertrag zu Dörnigheim“. Sie fungiert als Mitautorin der Dörnigheimer Geschichtsblätter und der kulturgeschichtlichen Beiträge „Mitteilungen“ des Geschichtsvereins.

Landrat Eyerkaufer betonte in der Laudatio das Verdienst des Engagements von Ingeborg Schall: „Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, daß die bisher erschienen Chroniken bis zur Gegenwart fortgeschrieben wurden, damit auch die Neubürger und nachfolgende Generationen einen Einblick in die Dörnigheimer Geschichte bekommen.“ Bereits vor zwei Jahren würdigte die Stadt Maintal ihre Verdienste für „vorbildliches bürgerschaftliches Verhalten“.

 

Ausstellung: Der Historische Kulturkreis Dörnigheim und die Vorsitzende Ingeborg Schall tun viel für die Aufarbeitung und Bewahrung der Geschichte im größten Maintaler Stadtteil. Höhepunkt im Jahr 1997 ist sicherlich die Ausstellung mit alten Dörnigheimer Fotos und Postkarten, die im April in der ehemaligen methodistischen Kirche in der Hasengasse gezeigt wurde. Sie erzählte sowohl Geschichten von Einzelpersonen als auch von Vereinen sowie Straßenzügen. Eine Sonderausstellung war der Sonntagsschule der evangelisch‑ methodistischen Kirchengemeinde gewidmet.

Was haben Heinz Filz, Edgar Ehlis und Heinrich Fritz sowie Michael Deuerling, Torsten Hauser und Udo Teicher gemeinsam? Alle spielten beziehungsweise spielen sie für den FC Germania Dörnigheim Fußball. Die letzten drei sind heute aktiv, die Erstgenannten kickten im Jahre 1913 für das Team von der Eichenheege gegen das Leder. Ein Foto im Rahmen der Ausstellung des Historischen Kulturkreises zeigt die damalige Mannschaft des Vereins, der sich erst fünf Jahre zuvor gegründet (1908) hatte.

In der Christuskapelle, die noch bis zum 31. Dezember 1996 das Domizil der evangelisch‑methodistischen Gemeinde war, konnten alte Dörnigheimer Fotos und Postkarten bewundert werden. Sie berichteten über die Geschichte der einst eigenständigen Gemeinde, die 1964 Stadt und zehn Jahre später Teil des neuen Maintals wurde. Die ältesten ausgestellten Bilddokumente stammen aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Gerade für viele ältere Besucher wurden beim Betrachten der Fotos Erinnerungen wach.

Auf den teilweise sehr gut erhaltenen Fotos geht es sowohl um Ereignisse als auch um Personen, verschiedene Häuser und Straßenzüge in Dörnigheim.. Der Besucher wird zum einen mit dem Hochwasser, um 1923, den kalten Wintern in den 40er Jahren oder mit Festumzügen sowie Vereinsaktivitäten konfrontiert. Andererseits werden auch Portraits von Personen gezeigt, die in Dörnigheim bekannt waren und deren Namen manchem älteren Bewohner noch einiges sagen. So findet man zum Beispiel auf einer Bilderleiste die Bürgermeister Dörnigheims vom Beginn des 20. Jahrhunderts an. Aber auch Gruppenbilder von Konfirmanden oder Fotos von Hochzeiten prägen die Ausstellung Nicht ausgelassen wird die etwas jüngere Vergangenheit. Zwei Bilder zeigen die Bautätigkeiten im Dörnigheimer Westend und eine Tafel, die 1964 verkündet hat, daß Dörnigheim nun Stadt ist.

Auch zeigen die Organisatoren des Kulturkreises die Veränderungen auf, die sich im Stadtbild ergeben haben. Aus einem ehemaligen Bäckerladen wurde mittlerweile ein Sportgeschäft. Auch so manches Haus, das auf den Bildern sehr stattlich aussieht, gehört in der Zwischenzeit der Vergangenheit an. Da gerade viele ältere Dörnigheimer in die Christuskapelle kamen, wird auch so manche wehmütige Erinnerung gehegt worden sein. Allerdings weniger an das eine oder andere Bild aus dem Zweiten Weltkrieg, dessen Bombennächte auch Dörnigheim nicht verschonten.

So entfaltete die Ausstellung ein Kaleidoskop an Geschichten und Fakten über Maintals größten Stadtteil, das sicherlich auch manchen Neubürger interessiert haben dürfte. In ihrer Begrüßung erinnerte Ingeborg Schall an die Geschichte der Christuskapelle, die 1931 eingeweiht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in der 1912 gegründeten evangelisch‑methodistischen Gemeinde die Blütezeit. Nicht selten kamen 360 Kinder in die dortige Sonntagsschule, um die sich Heinz Kleinschmidt verdient gemacht hat. Bilder dieses Mannes schmückten die Sonderausstellung zur Sonntagsschule, die der Kulturkreis‑Ausstellung angeschlossen war. Dank richtete Ingeborg Schall an das Ehepaar Lotz, das die Kapelle erworben und sie dem Kulturkreis für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hatte.

Ingeborg Schall machte sich in ihrer Ansprache aber auch Gedanken über die weitere Nutzung des Gebäudes. Es könnte eine sinnvolle Einrichtung für Kulturvereine oder auch für die Seniorenarbeit in Dörnigheim werden. Sie sieht vornehmlich eine Aufgabe der Stadt darin, durch Anmieten des Hauses, dieser Arbeit die gleichen Möglichkeiten einzuräumen, die sie mit der kostenlosen Bereitstellung von Sportplätzen, der Maintal‑Halle und des Schwimmbades den Sportvereinen biete. Eine sinnvolle Nutzung der ehemaligen Kirche stünde jedoch noch im Raum.

Dank ging natürlich auch an alle Beteiligten in und außerhalb des Vereins, die die Ausstellung auf die Beine gestellt haben. In diesem Zusammenhang bat sie all jene, die noch historische Bilder haben, sie dem Kulturkreis in Original oder Kopie zukommen zu lassen, um den „Dokumentationsschatz“ zu vergrößern.

 

„Dörnigheim in alten Ansichten“: Die vorliegenden Bilder lassen erkennen, daß in der ausgewählten Zeitspanne (1880‑1930) zwar allgemein eine soziologische Umstrukturierung stattfand, die aber den Bewohnern des Gebietes um die Städte Frankfurt, Offenbach und Hanau keinen besonderen Wohlstand brachte. Sie lebten ‑ wie eh und je – „vor den Mauern“ und waren nur mangelhaft in die Infrastruktur eingebunden. Wer nicht mehr als Landwirt seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, verdingte sich als Arbeiter in den zunehmend entstehenden benachbarten Industriegebieten. Der tägliche Weg zur Arbeit mußte vorwiegend zu Fuß zurückgelegt werden ‑ auch wenn inzwischen Eisenbahnstationen in Dörnigheim und Bischofsheim eingerichtet worden waren.

Die Agrarerzeugnisse und die Heimarbeit oder die in kleineren Gewerbetrieben fabrizierten Produkte wurden auf Fuhrwerken oder Schubkarren zu den Abnehmern gebracht Obst in kleineren Mengen in geflochtenen Weidenkörben zum Verkauf nach Hanau oder Offenbach getragen. Einen Ausgleich für die harte tägliche Arbeit boten die Vereine: Gesang‑, Turn-, Musik‑, Tanz‑ und Theatervereine, aber auch berufsbezogene oder politische Zusammenschlüsse, die zur Zeit der „Sozialistengesetze“ (1878‑1890) und später häufig das Mißtrauen der Obrigkeiten weckten ‑ so wie viele andere.

So entstanden beispielsweise ein „Humoristen‑Verein“, eine „Rauchgesellschaft“ und ein „Frauen‑ Sanitätsverein“. im freigewählten Kreis feierten die Mitglieder gemeinsam Feste, aber tauschten auch Meinungen aus und führten Gespräche. Die Familienfeiern waren ein willkommener Anlaß, Verwandte und Freunde einzuladen und zu bewirten. Darüber hinaus war Nachbarschaftshilfe notwendig. Erst 1893 eröffnete ein Arzt in Dörnigheim eine Praxis. Nicht immer reichten die Hilfsfonds der Gemeinden und Kirchen für Notfälle aus. Die Sozialgesetze aus dem vorigen Jahrhundert besserten zwar die Lage der Arbeitnehmer, aber nicht die der Landwirte und selbständig Gewerbetreibenden.

Das intensive Bemühen des Historischen Kulturkreises um alte Fotos von Dornigheim hat zu einer umfangreichen Sammlung geführt, aus deren Fülle das neueste Buch des rührigen Heimatvereins resultiert. Wie schon zuvor erschienene Publikationen wurde auch der sehr gelungene Bildband wiederum von Ingeborg Schall gestaltet und getextet. Ulrike Rauch unterstützte sie per Computer dabei, Vater Manfred Rauch von den Graphischen Werkstätten in Dörnigheim brachte das Kunststück fertig alte und vergilbte Aufnahmen in bestmöglicher Qualität zu drucken.

Dabei wurden Postkarten und Fotos aus der Zeit der Jahrhundertwende bis etwa 1945 ausgewählt. Eine kurze Darstellung der Ortsgeschichte am Anfang und eine Zeittafel am Ende des Buches tragen zum Verständnis der geschichtlichen Zusammenhänge bei und geben dieser Veröffentlichung zusätzlich den Charakter einer Ortschronik. Zu sehen sind Gruß- und Ansichtskarten (1895‑1956), Ortsbild und Bewohner, Gasthäuser, Bauern Handwerker und Händler, Szenen am Main, Verkehr auf Straße und Schiene, militärische und politische Ereignisse, kirchliches Leben, Schul‑ und Klassenfotos, Vereine und Feste.

Wer weiß denn schon, daß es um 1800 elf Gasthäuser bei einer Einwohnerzahl von unter 500 Menschen in Dörnigheim gab, das aber ansonsten nicht viel zu bieten hatte. Der Ort lag zu nah an Frankfurt und auch nicht weit genug von Hanau entfernt. Goethe, Schopenhauer, Luther und Bettina von Arnim ‑ sie haben alle nachweislich diesen Teil der Via Regia (Straße von Frankfurt nach Leipzig und einfach „Alte Straße“ genannt) durch Dörnigheim benutzt, aber nie schriftlich den Ort erwähnt.

Nur einmal traf die Geschichte den Ort mit voller Wucht: Als Napoleon 1813 nach seinem mißglückten Rußlandfeldzug und dem Rückzugsgefecht im Lamboywäldchen bei Hanau gen Frankfurt vorbeigezogen war, traf der hessische Hofmarschall und Geheime Rath du Thil mit dem österreichischen Feldmarschall Graf Fresnel im Gasthaus „Zum Adler“ zusammen und unterzeichnete den „Dörnigheimer Vertrag“. Damit löste sich das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt aus dem Frankreich hörigen Rheinbund und verbündete sich mit Bayern und Österreich gegen Napoleon. Die Neuverbündeten verfolgten Napoleons Restheer und trieben es über den Rhein nach Frankreich. Doch insgesamt hat die „Alte Straße“ dem Ort keinen Wohlstand gebracht. Jahrhundertelang floß der Verkehr vorbei, heute fließt er durch Dörnigheim hindurch, lautet das nüchterne Resumée.

Bald stand fest, daß es um 1908 einen Fotografen im Ort namens Carl Abt gegeben haben muß, der Häuser und Menschen auf seine Platten bannte. Er könnte der mit Unnamen genannte „Kurfürst“ gewesen sein, dessen richtigen Namen niemand mehr weiß. Sein Sohn, Heinrich Fix, betrieb in den zwanziger Jahren bereits ein Fotoatelier im Backesweg. Auch er lichtete Häuser im Ort ab. Sein Nachfolger wiederum signierte von etwa 1930 bis vor wenigen Jahren seine Aufnahmen mit „Foto‑Schneider“. Er starb, von seinem Archiv blieb für die Nachwelt nichts übrig.

Unzählige Aufnahmen entstammen indes Privathaushalten. Man  befragte auch immer wieder alteingessene Dörnigheimer, die mit teils fotografischem Gedächtnis umgebaute Häuser wiedererkannten und Personen benennen konnten. Es fanden sich hier und andernorts Portraits von Menschen, deren Namen selbst heutige Angehörige nur vermuten können. Da waren Experten gefragt, alte Dörnigheimer, die teilweise mit fotografischem Erinnerungsvermögen gebaute Häuser wiedererkannten und Personen benennen konnten. Dies waren vor allem Walter Lapp, Heinrich Schmitt, Albert Zehner, Albert Koch und Friedrich Ickes.

 „So manches Foto führte zu heftigen Debatten und es kam vor, daß ich damit im alten Ort herumging und die Balken an den Häusern verglich, Mäuerchen suchte und umgebaute Toreinfahrten begutachtete“, sagt Frau Schall.

Bei einer Fotoausstellung im vergangenen Jahr wurde bereits ein Teil der Aufnahmen einem breiten Publikum vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit habe es auch gleich viele Hinweise zur Identifizierung gegeben. So habe ein alter Herr berichtet, daß die von der Familie vermeintlich als Aalreusen betrachteten Flechtkörbe als Signalkörbe zur Regelung der Schiffahrt Verwendung fanden und vor der Schleuse hingen. Er hatte sie damals selbst angebracht. Dieses Foto ist übrigens auch im Bildband enthalten.

Rund 200 Bilder wurden aus dem annähernd 1.000 Fotos umfassenden Fotoarchiv ausgewählt, das in den letzten Jahren entstanden ist. Doch sechs Jahre lang wurden allein jedes Jahr für mindestens 1.000 Mark Reproduktionen der Originale anfertigt, weil diese selbstredend niemand hergeben wollte.

Der Kulturkreis, der 1992 bereits eine Chronik über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg anläßlich der 1200‑ Jahr‑Feier Dörnigheims veröffentlicht und danach etliche kleine Druckschriften erfolgreich aufgelegt hatte, traute sich die enorme Kraftanstrengung (auch finanziell) eines Bildbandes inzwischen zu.

Das Bild, das die Titelseite des schmucken Bildbandes schmückt, hängt im Original als Ölgemälde in der Gaststätte „Zum Grünen Baum“, darum wurde der Bildband nicht zuletzt an diesem historischen Ort auch vorgestellt. Gemalt hat es F. Fliedner im Jahr 1914. Es zeigt die Frankfurter Straße.                  

Großzügig Spenden gaben Wilhelm Lapp und Ralf Dickmann mittels eines zinsfreien Kredits.

Auch die Frankfurter Sparkasse und hier besonders Birgit Lauf hat wie schon so oft ein Scherflein zum Buch beigetragen, lobt der Verein und weist auf die Auflage von 1000 Stück hin, die für einen Kulanzpreis von rund 20.000 Mark gedruckt werden konnte. Es kostet 29.80 Mark. Es ist im örtlichen Buchhandel ebenso zu beziehen wie direkt beim Historischen Kulturkreis, Ingeborg Schall, Telefon 0 6181/49 4130.

           

 

Berufe/Geschäfte

Der erste namentlich bekannte Handwerker war der Fischer Herburt, der 1366 als Schöffe eines der Dörnigheimer Weistümer mit unterschrieben hat. Er bleibt allerdings auf alle Zeiten der einzige Dörnigheimer Fischer, der in den Archivalien auftaucht. Dagegen zieht sich die Reihe der Wirte und Bierbrauer, Zimmermänner und Wagner, Hufschmiede und Messerschmiede, Sattler, Schuhmacher und Leinweber durch die ganze Dörnigheimer Geschichte.

Dann gab es da noch Bäcker und Metzger und einmal wird auch ein Fuhrmann genannt. 1793 taucht ein Heinrich Aßmann auf, der Simmirmeister war, das heißt im heutigen Sprachgebrauch Eichmeister und im Jahre 1800 starb. Um diese Zeit gab es auch einen Peter Kegelmann, der nicht nur Schneidermeister, sondern auch Wasserbauaufsichter war.

Im Jahre 1814 gab es in Dörnigheim 8 Bierbrauer, die auch die Gastwirtschaften besaßen, 1 Schreiner, 3 Schneider, 1 Wagner, 2 Bäcker, 1 Schuster, 1 Zimmermann, 3 Leinweber, 3 Schlachterjuden, 1 Krämer, 2 Schmiede und 1 Branntweinbrenner.

Nachdem 1818 die Napoleonische Kontinentalsperre gegen England aufgehoben wurde, überschwemmten Waren der englischen Industrie und des Fernhandels mit deren Kolonien den europäischen Markt. Auch in Dörnigheim entstanden zu dieser Zeit und auch noch später Kolonialwarenläden.

Mit der Zeit der Industrialisierung verarmte das Handwerk. Viele Dörnigheimer fanden Arbeit in den Fabriken in Frankfurt und Offenbach, aber ganz besonders in der Maschinenfabrik Mayfahrt, bei der Bahn oder bei der Casella im nahen Fechenheim. Bei ihrer Gründung im Jahre 1870 war Fechenheim noch ein kleines Dorf vor den Toren der Stadt Frankfurt. Die Gründer der „Frankfurter Anilinfarbenfabrik von Gans und Leonhard” kamen aus der Großstadt. Mit zunächst 15 Arbeitern stellten sie Fuchsin und andere Anilinfarben her. Bereits 1900 zählte die „Schehmisch”, wie die Fabrik im Volksmund hieß, über 2000 Mitarbeiter. Das Weltunternehmen „Casella Farbwerke Mainkur Aktiengesellschaft”, mit Verkaufsfilialen in Bombay und New York, machte Fechenheim zur reichsten Gemeinde zwischen Frankfurt und Hanau.

Das Handwerk hatte nun keinen goldenen Boden mehr, aber neue Berufe machten sich breit. So bot Emil Schleim in einer Festschrift von 1910 in seinem „Rasier, Frisier- und Haarschneide-Salon” auch „Parfümereien, Toilette-Gegenstände, Kämme, Cigarren und Cigaretten” an. Die Bäcker verkauften auch Viehfutter und Kleie. Jakob Bechert warb für seine Fahrradhandlung mit den Namen Presto und Torpedo, außerdem bot er englische Nähmaschinen der Marke Nothmann an. Eine eigene Reparaturwerkstatt gehörte zu dieser Zeit zu diesem Handel dazu und den Kunden wurden billigste Preisen und reelle Bedienung versprochen.

 

Carl Huf verkaufte in der Lindenstraße Ofen, Herde und die ersten Waschmaschinen neben Eisenwaren, Haus- und Küchengeräten. Jean Birkenstock eröffnete in der Bahnhofstraße ein Kaiser's-Kaffee-Geschäft mit Kolonialwaren, Zigarren, Zigaretten und Tabak, aber auch Wollwaren, Henninger Bier, hell und dunkel und in Flaschen. Acht „Spezereiläden” gab es 1914 in Dörnigheim. Dazu kamen ein „sozialdemokratisches Konsumgeschäft”, sowie Obst- und Butterhandlungen. Sieben Korbflechter fanden noch ihr Auskommen. Manufakturgeschäfte wurden von Isaak Schönfeld, Friedrichteuter und Dorothea Leis geführt. Die beiden Schmieden gehörten jeweils den Gebrüdern Fliedner und Wilhelm Heck. Michel und Karl Seng hatten ihre Schmiede aufgegeben und eröffneten nun einen Möbelladen. 1925 warben unter anderen Wilhelm Seibel mit seiner Chemischen Waschanstalt und Färberei, Ernst Fischer mit seinem Unternehmen für Hoch- und Tiefbau, Wilhelm Lotz in der Fischergasse mit seiner Bau- und Möbelschreinerei, und der Glaserei nebst Sarg-Magazin. Konrad Schmidt betrieb in der Wilhelmstraße eine Diamantschleiferei, und Kurt Mitschke bot Elektrische Beleuchtungs- und Kraftanlagen an. 1927 kam die Wäscherei Stemmler in der Bahnhofstraße

Das Angebot war wahrlich groß für den kleinen Ort Dörnigheim. Aber die Kauf-kraft schwand allmählich. Der Bürgermeister meldete resigniert 1932 folgende Zahlen: „Von den 685 Fabrikarbeitern, 180 Bauhandwerkern und 240 Beamten und Angestellten haben 40 Prozent ihre Stellung verloren.” Ende 1932 gab es in Dörnigheim 450 Arbeitslose bei einer Zahl von etwa 2.500 Einwohnern.

Wie die Sache weiter ging und in dem verheerende Krieg endete, wissen wir noch allzu gut. Nach dem Krieg erlebten neue Branchen Konjunktur. Trink- und Imbisshallen an der Bundesstraße 8/40 (an der Braubach) und am Karl-Marx-Platz (heute der Platz vor dem Frankfurter Hof) entstanden, Adolf Holfeld errichtete die erste Apotheke in Dörnigheim, Elise Kilb begann am Fuchsbau einen Handel mit Altmetallen, Auguste Stemmler versuchte es mit einer Toto-Annahmestelle mit Zeitungsstand an der Hanauer Landstraße und Else Lapp verkaufte in der Schwanengasse Bohnerwachs. In der Leuschnerstraße und im Backesweg entstanden Mietwaschküchen und Ernst Fassing verkaufte in der Friedrichstraße für die Firma Oel-Becht die Ware, was ihm den Spitznamen „Eele-Ernst” eintrug. An die Stelle des Strumpfwebers Friedrich Engelhard von 1802 traten nun, 1952, Hilde Jäger mit einer Strumpfsohlerei, und Elfriede Brühl eröffnete in der Schwanengasse einen Repassierbetrieb, was nichts anderes bedeutete, als dass hier Laufmaschen in Nylonstrümpfen aufgefangen und hochgehäkelt wurden. Johannes Seibel schloss in der Goethestraße, heute Kantstraße, seinen Handel mit Hüten. Mützen. Damenputz, Herrenartikeln und Hutreparaturen ohne Nachfolger. Die Zeit dafür war vorbei. Dafür begann Ralf Beinder 1954 in der Hasengasse einen Lumpen-Sortier-Betrieb.

1964 eröffnete schließlich der erste Selbstbedienungsladen „Kaufpark” seine Pforten. Ihm folgte 1978 der Massa-Großmarkt. Das war nun das Aus für die vielen kleinen Colonial-, Spezereien- und Lebensmittelläden. Eine neue Epoche war angebrochen. Nicht unbedingt zum Nutzen der Menschheit. Weltweit vergrößerte sich in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kluft zwischen Arm und Reich. Das ist einem Bericht des UN-Entwicklungsprogramms zu entnehmen. Der durch die Globalisierung entstandene Druck auf die Unternehmen führt seitdem zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Nach diesem Bericht verfügten zu dieser Zeit die drei reichsten Menschen der Welt über ein Vermögen, das größer war als das Bruttoinlandsprodukt der 50 ärmsten Länder der Erde mit 600 Millionen Menschen. Hatte der Fernhandel im 11. Jahrhundert einen Aufstieg des Abendlandes bewirkt, so stehen wir heute vor der Frage, wohin uns die Globalisierung führt (Ingeborg Schall).

 

Gärtnerei Lapp an der Zeppelinstraße

Man schrieb das Jahr 1872. Friedrich Heck, von dem hier die Rede sein soll, stand zu dieser Zeit als sogenannter „Herrschaftsgärtner“ bei einer betuchten Frankfurter Familie in Lohn und Brot. Als jedoch Hecks Arbeitgeber auswanderte, war der Dörnigheimer Gärtner plötzlich ohne Arbeit. Wie sollte er sich und Ehefrau Adelheid, eine geborene Saladin, nun ernähren?

Kurzerhand sein Heil in der Selbständigkeit. So entstand am Ortsrand, in der Hanauer Landstraße (heute Kennedystraße) die erste Gärtnerei in Dörnigheim. Heute kann der Betrieb an der Zeppelinstraße mit Senior Walter Lapp und mit Rolf und Carola Lapp inzwischen von der fünften Generation geführt, auf sein 125jähriges Bestehen zurückblicken.

Der Grundstock für Hecks Gärtnerei waren  30 Mistbeetfenster, die der Gärtner von seinem Arbeitgeber für seine treuen Dienste zum Abschied geschenkt bekam. Mit diesen Fenstern baute Heck ein kleines Gewächshaus ‑ ein Erdhaus mit Pultdach, das er noch um einen Frühbeetkasten erweiterte. Kurios dabei die Heizungsanlage, mit der alles betrieben wurde: Es handelte sich nämlich um eine selbst konstruierte Kanal‑ Warmluftheizung wie sie schon die alten Römer verwendeten. Befeuert wurde sie mit Baumstümpfen aus dem Wald.

Produziert wurde vornehmlich Gemüse und Obst, das in Dörnigheim und auf dem Hanauer  Wochenmarkt verkauft wurde. Mit einem Schubkarren voller Ware machte sich Friedrich Heck morgens in aller Frühe auf in die Nachbarstadt, um seine geschätzten Qualitätsprodukte anzubieten.

Aus der Ehe von Friedrich und Adelheid Heck entstammen drei Kinder. Der 1878 geborene Sohn Ludwig übernahm später die Gärtnerei. Jetzt mußten zwei Familien von dem kleinen Betrieb leben, denn auch Ludwig hatte mittlerweile zwei Töchter. Darum wurden von den Familienmitgliedern auch noch Arbeiten außerhalb der Gärtnerei angenommen.

Als Ludwig Heck in den Krieg, ziehen mußte, war es den Frauen zu verdanken, daß die Gärtnerei fortbestand. Derweil Vater Ludwig in der Militär‑Gärtnerei eingesetzt war und dort sogar die Ehre hatte, für Kaiser Wilhelm I. einen Kranz binden zu dürfen, so steht es jedenfalls in der von Walter Lapp akribisch geführten Familienchronik.

Im Jahre 1923 heiratete dann Luise Heck den Maschinenschlosser Karl Lapp. Weil dieser, wie viele andere Menschen auch in dieser Zeit, arbeitslos war, trat Karl Lapp mit in den Betrieb ein, bewährte sich als Gärtner. Der schon mit 41 Jahren sehr früh Verstorbene brachte jenen Familiennamen mit ein, unter dem die Gärtnerei an der Zeppelinstraße noch heute firmiert. Aus dieser Ehe stammt Walter Lapp, der den Betrieb in der vierten Generation führte und ihn 1983 an seinen Sohn Rolf abgab.

Bedingt durch die Flurbereinigung im Jahre 1926 wurde die angewachsene Gärtnerei erneut an den Dörnigheimer Ortsrand an die Hanauer Landstraße 25 (heute Kennedystraße 6) verlegt. Hier standen den Hecks 7000 Quadratmeter Grund zur Verfügung. Im Jahre 1931 kamen noch zwei 20 Meter lange Gewächshäuser hinzu. Es wurde eine Kuh als Zugtier und Milchlieferant angeschafft, später kam noch ein Pferd hinzu. Das wurde auch dringend gebraucht, denn mittlerweile waren noch einige Äcker hinzugepachtet worden, die alle bestellt werden mußten. Zu Obst und Gemüse kamen nun Blumen, Kränze und Gestecke hinzu.

Es war im Jahre 1950, als die Zugtiere durch das erste Auto, ein Tempo‑Dreirad, ersetzt wurden. Das war schon ein riesiger Fortschritt für die Dörnigheimer Gärtnerei. Und die Liebe zu Blumen und Pflanzen setzte sich fort: Aus der Ehe von Ludwig und Katharina Heck stammte auch die zweite Tochter Adelheid, die wiederum den Architekten Karl Kühn heiratete. Deren Tochter Elwine wiederum, erlernte den Beruf der Floristin. 1950/51 wurde auf einem Kühn’schen Grundstück gegenüber dem Friedhof ein Blumengeschäft gebaut, das von den Hecks betrieben wurde. Dörnigheim hatte damals rund 3000 Einwohner und immerhin sechs Gärtnereien.

Das Blumengeschäft Heck wurde schließlich von Elwine Schneider, sie hatte inzwischen Bernhard Schneider geheiratet, geführt, die Kränze und Gebinde wurden aber immer noch in der Gärtnerei Lapp hergestellt. Noch heute betreibt Elwine Schneider an der Kennedystraße ihr Blumengeschäft. Im Jahre 1958 kam dann eine Zäsur in der Firmengeschichte: Die Gärtnerei wurde geteilt, sie wurde von Walter Lapp und dessen Ehefrau Lisa übernommen, während Elwine Schneider besagtes Blumengeschäft übernahm.

Im Jahre 1967 wurde das Ladengeschäft an der Zeppelinstraße ausgebaut, wo sich der Betrieb noch heute befindet. Walter Lapp stellte zu diesem Zeitpunkt die Belieferung des Hanauer Wochenmarktes ein, wendete sich lukrativeren Geschäften zu. Durch die auf 1000 Quadratmeter erweiterte Gewächshausfläche war Walter Lapp in der Lage, saisonbezogen den Blumengroßmarkt in Frankfurt zu beliefern. Es wurden immer mehr Blumen und Topfpflanzen gezüchtet, Gemüse und Obst spielten nur noch eine untergeordnete Rolle.

Bei den Hecks und Lapps muß die Gärtnerei einfach im Blut liegen, denn die beiden Söhne von Walter und Lisa Lapp, Werner und Rolf, lernten natürlich Zierpflanzengärtner. Während Sohn Werner heute als Landschaftsgärtner arbeitet, stieg Rolf nach seiner Lehre in den elterlichen Betrieb ein, den er dann von Vater Walter 1983 übernahm. Der legte aber von da an keinesfalls die Hände in den Schoß, sondern der 72jährige arbeitet noch bis zum heutigen Tag fleißig mit und ist seinem Sohn eine ebenso wertvolle Stütze wie Ehefrau Carola, die eher durch Zufall zu den Lapps stieß und dann in den Betrieb einheiratete.

Die gelernte Floristin war beim Arbeitsamt auf der Suche nach einem Job, wurde an die Gärtnerei Lapp in Dörnigheim vermittelt. Carola und Rolf sahen sich und es war geschehen. Bald läuteten die Hochzeitsglocken. Und um es gleich vorwegzunehmen: Tochter Judith macht zur Zeit eine Lehre  als Floristin. Das Familienunternehmen Lapp kann also wahrscheinlich auch in der sechsten Generation fortbestehen.

Aber die spannende Familienchronik ist noch nicht zu Ende: Rolf Lapp baute den Betrieb an der Zeppelinstraße weiter aus, hatte einen festen Stand auf dem Frankfurter Blumengroßmarkt und mußte jeden morgen um 4 Uhr aufstehen, um seine Produkte rechtzeitig zu verkaufen. Im Gärtnergewerbe geht es nämlich ähnlich früh zu wie

bei den Bäckern. Mittlerweile hatte Rolf Lapp die Gemüseproduktion ganz eingestellt und sich auf wenige Kulturen wie Hortensien, Topf-Chrysanthemen, Usambara‑Veilchen und einige andere spezialisiert. Damals hatten. diese Pflanzen Hochkonjunktur. Lapp machte gute Geschäfte damit.

So vergrößerte er seinen Betrieb auf 4.000 Quadratmeter, die gesamte Gartenfläche war nun überbaut, bewässert mit eigener Zisterne. Bedingt durch die Ölkrise und ihre Folgen stellte Lapp wegen der hohen Erzeugerkosten, die nicht weitergegeben werden konnten, die Gärtnerei um auf Beet‑ und Balkonpflanzen. Im Jahre 1991 wurde schließlich der neue Laden an der Zeppelinstraße gebaut und fortan nur noch für den Ladenverkauf produziert. Und dieses Einkaufsparadies für alle Blumen‑ und Pflanzenliebhaber wurde von Rolf und  Carola Lapp zu einer wirklichen Augenweide gestaltet. Die Nase umschmeichelnde Düfte, krächzende Papageien und Springbrunnen versetzen den Kunden in eine fast tropisch anmutende Landschaft. Hier in aller Ruhe unter dem riesigen Sortiment auszusuchen, macht ganz einfach Spaß. Hinzu kommt natürlich die kompetente Beratung, damit später zuhause auch wirklich alles wunschgemäß blüht und gedeiht.

Sparmarkt Stross

Hier ‑ und das ist keine abgedroschene Floskel ‑ ist der Kunde seit über 20 Jahren wirklich noch König. Dafür bürgt Peter Stross zusammen mit seiner Ehefrau, seinem Sohn und dem übrigen Personal. Der Service fängt bei der Qualität der Waren an; und daß die stimmt, dafür verbürgt sich Peter Stoss persönlich, der seine Ware wie Obst und Gemüse täglich frisch einkauft. Das gilt auch für die reiche Auswahl an Fisch, die in dem übersichtlichen Laden ebenfalls angeboten wird.

Die Regale werden von der Familie Stross nach Gesichtspunkten der Praktikabilität gefüllt und nicht nach irgendwelchen psychologischen Erkenntnissen, wonach der Kunde stets in Augenhöhe zugreift. Auch bleibt der Kunde hier nicht allein. Wenn gewünscht, wird er von den Stoss persönlich oder dem Verkaufspersonal beraten, kann sich auf deren Empfehlungen verlassen. Allein die Auslagen vor dem Geschäft an frischem Obst und Gemüse lassen einem das Wasser im Munde zusammen laufen. Da merkt man sofort, die Ware ist mit Sachverstand ausgewählt. Ebenso verhält es sich mit den liebevoll zusammengestellten Präsentkörben - ganz individuell nach Geschmack und Preisvorstellung gefüllt werden. Der Partyservice ist weithin bekannt, mit Liebe zubereitete kalte Platten oder warme Speisen sind ein Genuß.

Daß das alles natürlich viel Arbeit macht ist klar. Doch viele zufriedene Kunden danken diesen Service mit ihrer meist jahrelangen Treue. Und Ware mit abgelaufener Mindesthaltbarkeit oder ähnliche Dinge wird man bei Spar‑Markt Stoss vergeblich suchen. Hier hat alles seine Ordnung, darauf kann sich der Kunde verlassen.

 

Schuhhaus Boos

Seit 1925 gibt es das Schuhhaus Boos nun schon in Dörnigheim, mittlerweile in der dritten Generation. Damals machte sich der Schuhmachermeister Peter Boos mit einer eigenen Schuhmacherei in der Friedrichstraße selbständig. Nach einiger Zeit kam dann auch ein kleiner Verkaufsraum hinzu. Nach dem Krieg übernahm sein Sohn Erich Boos das Geschäft und verlegte es im Jahre 1960 in die Hasengasse/Schillerstraße, die heutige Mozartstraße, um dem wachsenden Bedarf an Schuhen gerecht zu werden. Heute werden die Geschäfte von seinem Sohn Claus Boos geführt. Das Bild oben entstand Ende der sechziger Jahre und zeigt die frühere Schillerstraße (heute Mozartstraße). Im Hintergrund sind die Schiller-Apotheke, die damalige Shell‑Tankstelle und gegenüber die Uhr der Raiffeisenbank erkennbar. Das untere Bild gewährt einen Blick in das Ladeninnere in den fünfziger Jahren.

 

„Kartoffelmann“

„Kartoffel“ gehört neben „Mama“ und „Papa“ zu den Worten, die viele Dörnigheimer Kleinkinder als erstes beherrschen. Verantwortlich für dieses Phänomen ist Gerhard Glock, seit 30 Jahren Kartoffelverkäufer in Maintals größtem Stadtteil. Jeden Donnerstag fährt er mit seinem orangefarbenen Lieferwagen durch die Straßen und Gassen, um die „dicken Knollen2 an den Mann und an die Frau zu bringen. Wie zu Großvaters Zeiten schwenkt er' die Glocke und preist lautstark seine Ware an.

Morgens gegen neun Uhr geht es los. Die Kartoffeln und Zwiebeln werden auf den Transporter geladen, Megaphon und Glocke verstaut. Dann beginnt die Tour. Erste Aktion des „Kartoffelmann“, wie Gerhard Glock im Volksmund nur heißt, ist die Zeppelinstraße. Schnell die Schürze über den Bauch gebunden, dann die Straße rauf und runter, in der Hand die Glocke. „Kartoffeln, dicke, gelbe!“ schallt es durch die Häuserreihen ‑ keiner erscheint. Nur dem Besitzer des Kiosks liefert er ‑ wie gewohnt ‑ die bestellten „Erdäpfel“. „Im Herbst kaufen nicht so viele Leute, weil die meisten Gemüse und Kartoffeln aus dem eigenen Garten ernten“ erklärt Glock. „Aber so schlecht wie heute war es lange nicht.“

Weiter geht es quer durch die Dörnigheimer Waldsiedlung. An den dortigen Haltepunkten hat der 59‑Jährige mehr Erfolg. Einige Frauen und Männer stehen schon am Straßenrand, bevor der Kartoffelverkäufer um die Ecke biegt.

Gerhard Glock kennt seine Kunden. Er weiß, ob große oder kleine Kartoffeln gewünscht sind, wer welche Mengen einkauft. Seine Stammkundschaft spricht er persönlich mit Namen an. Selbstverständlich bleibt stets Zeit für kurze Gespräche, wodurch der Verkaufswagen von Gerhard Glock Woche für Woche zu einem nachbarschaftlichen Treffpunkt wird.

Gerne gibt der Kartoffelexperte Tips zu Lagerung und Verwertung.. Auch Anekdoten aus seiner langjährigen Verkäuferzeit weiß er hin und wieder zu erzählen. Auch die Frage, warum Salatkartoffeln oft nicht so klein sind, wie viele Hausfrauen und Hausmänner sie gerne hätten, beantworte der Fachmann problemlos. „Damit die Kartoffeln klein bleiben, wird das Kraut abgespritzt. Das ist aber nur bei Saat‑, nicht bei Speisekartoffeln erlaubt“, erläutert er. „Dadurch sind richtig ausgereifte Salatkartoffeln etwas größer“.

Von Kindesbeinen an ist Gerhard Glock mit dem Kartoffelverkauf vertraut. Während der Schulzeit war der gebürtige Frankfurter nachmittags und am Wochenende mit seinem Vater in der Mainmetropole unterwegs. 1956, im Alter von 14 Jahren, stieg er voll in das fahrende Geschäft ein. Nach Dörnigheim kamen Gerhard Glock und seine Frau 1967. Damals war es für den „rollenden Händler“ ein leichtes, sich einen großen Kundenstamm aufzubauen. 2Heute werden die Käufer von Jahr zu Jahr weniger. Die älteren Menschen sterben und die jungen kaufen ihre Kartoffeln im Supermarkt“ bedauert er.

Wie für alle Einzelhändler sind auch für Gerhard Glock die großen Einkaufszentren eine enorme Konkurrenz, weil sie oft billiger sind. Mit seiner Qualität können diese Geschäfte aber nicht mithalten: Der „Kartoffelmann“ verkauft nur umweltverträglich angebaute Öko‑Kartoffeln direkt vom Bauern. Schon manches Mal erlebte Glock, daß ihn jemand nur nach dem Preis der Kartoffeln fragte und sie für zu teuer befand, ohne auf die gute Qualität zu achten. „Bei Autos achten die Leute doch auch auf die Qualität und nicht nur auf den Preis.“

Ein Blick auf die von der zentralen Markt- und Preisberichtstelle Bonn zusammengestellte Preistabelle vorn 29. September dieses Jahres zeigt, daß der Dörnigheimer Kartoffelmann sogar sehr preiswert ist. 2,59 Mark kostet durchschnittlich ein Kilo Öko‑Kartoffeln. Bei Gerhard Glock gibt es ein Kilo für eine Mark. Ebenso steht es mit den Zwiebeln. Der „Ab‑Hof‑Preis“ für Öko-Speisezwiebeln (braun) an Endverbraucher“ beträgt zwischen 2,50 und vier Mark. Wer bei Gerhard Glock kauft, bekommt das Kilo schon für 1,60 Mark bzw. zwei Mark.

Beim „Derngemer Kartoffelmann“ haben die Käufer freie Wahl. Von einer Kartoffel aufwärts ist jede Stückzahl zu haben. Gewogen werden die Kartoffeln auf einer traditionellen Waage mit Gegengewichten. Wer bei Gerhard Glock einkauft, weiß die Qualität der Erdäpfel zu schätzen. „Bevor ich nach Dörnigheim kam, habe ich noch nie so viele Kartoffeln gegessen wie heute“, lobt ein älterer Herr. Etwa 30 Stationen fährt Glock jeden Donnerstag in Dörnigheim an. An den anderen Wochentagen ist er in Frankfurt unterwegs. Oft hat er nicht mal sonntags frei, denn an diesem Tag erledigt er Reparaturen an seinem Wagen, kümmert sich um die Bestellung der Kartoffeln oder die Buchhaltung. Seine Frau Ingrid unterstützt ihn selbstverständlich. Da sie von montags bis freitags arbeitet, geht sie meist am Wochenende mit auf Tour. In einem Lied hat das Duo „Ohrenschmaus“ das Wirken von Gerhard Glock auf gut hessisch zusammengefaßt. „Er hat Spaß, er hat Fun, er ist der Kartoffelmann, ob in Hitz, ob in Kält’, denn Kartoffeln sin’ sei’ Welt“, heißt es da im Refrain.

 

Wäscherei Stemmler

Als das Dörnigheimer Ehepaar Ludwig und Dorothea Stemmler im Jahre 1927 in der Bahnhofstraße 15 eine Wäscherei eröffnete, legte es den Grundstein für einen Fachbetrieb, der dank hervorragender Qualität und Zuverlässigkeit schnell zu den „ersten Adressen“ in Dörnigheim zählte und heute aus Maintal längst nicht mehr wegzudenken ist.

Vor allem Tischwäsche, Blusen, Frackhemden und Kragen wuschen und plätteten die Stemmlers, die Kundschaft bestand vornehmlich aus wohlhabenden Frankfurter Familien. Schon damals ging der Kundenkreis weit über Dörnigheim hinaus.

Die Belieferung der Kunden ‑ auch dies ein Service, der damals wie heute galt und gilt ‑ erfolgte äußerst beschwerlich zu Fuß mit Handwagen, später dann mit der Eisenbahn. Die Erleichterungen, und damit auch die Professionalisierung, setzten sich systematisch fort: In den folgenden Jahren stellten die Stemmlers drei Büglerinnen ein, die ihre Arbeit an Maschinen verrichteten, die mit Kohle beheizt wurden. „Unterfeuerung“ hieß dies in der Fachsprache, manche alte Dörnigheimerin mag sich vielleicht noch an diese Technik zurückerinnern.

Mit den Kriegsjahren kamen auch auf die Firma Stemmler schwere Zeiten zu: Das Waschpulver und die Kohle zum Beheizen mußten mitgebracht werden. Und doch erlangte Dorothea Stemmler, eine Frau mit Durchsetzungsvermögen und Weitblick, gerade in dieser Zeit die höheren Weihen „beruflicher Fortbildung“: Am 11. Juni 1940 legte sie ihre Meisterprüfung ab.

Die Zeiten waren schwer, doch gewaschen werden mußte immer, auch in den Nachkriegsjahren und der Ära des Wiederaufbaus. Allerdings waren es nun nicht mehr nur private Kunden, die auf die Dienste der Firma Stemmler vertrauten: Der erste nicht‑private Kunde nach dem Krieg war die US‑ Anny, die ihre Uniformen aus gutem Grunde dem Hause Stemmler anvertraute. Immer mehr gewerbliche Kunden stießen dann im Laufe der Zeit zum Kundenstamm der Wäscherei, mit der es in den Nachkriegsjahren immer weiter aufwärts ging ‑ die Wäschemenge nahm ständig zu, und zwar sowohl die der privaten als auch die der gewerblichen Kundschaft.

Ein positiver Trend, der auch mit der Entwicklung der Technik einherging: Die Maschinenbeheizung ging nun nicht mehr durch Unterfeuerung vonstatten, sondern durch Niederdruck, später dann durch Hochdruckdampf. Im Jahr 1950 „drängte“ auch Sohn Gert Stemmler in die Firma, drei Jahre später auch seine Ehefrau Elfriede. Der Kundenstamm war mittlerweile bunt gemischt, denn die Fähigkeiten und vor allem die Qualität der Stemmlerschen „Waschkraft“ hatten sich herumgesprochen: Privathaushalte sowie Kunden aus Gewerbe, der Hotel‑ und der Gastronomiebranche vertrauten gleichermaßen ihre Wäsche dem Dörnigheimer Familienbetrieb an, der sich mittlerweile „Dampf-Wäscherei“ nannte. Für den Betrieb sprach neben der Zuverlässigkeit auch die Standorttreue, der man nur ein einziges Mal abschwor. Für eine Woche des Jahres 1957 verlegten die Stemmlers ihren Betrieb nach Frankfurt, um bei der dortigen Wäschereimaschinen‑Ausstellung direkt am Ort des Geschehens zu sein.

Einen weiteren Meilenstein in der Firmengeschichte setzten die Stemmlers im Jahre 1967, und das gleich im doppelten Sinne: Zum einen machte Gert Stemmler erfolgreich seine Meisterprüfung, Zum anderen fiel in dieses Jahr auch der Baubeginn des heutigen Geschäftshauses; bis zur Eröffnung im Jahr darauf erfolgte die Anlieferung über den Hinterhof. Mit der Ladeneröffnung 1968 wurde auch die chemische Reinigung eingeweiht, die ein neues Zeitalter im Hause Stemmler einläutete.

In den siebziger Jahren nahm die Entwicklung technischer Erneuerungen auch in dem Dörnigheimer Renommierbetrieb einen immer rasanteren Verlauf. Kontinuierlich erneuerten die Stemmlers die ‑ nicht gerade billigen ‑ Maschinen, das geschlossene System hielt Einzug, ebenso die TÜV‑Prüfungen, die Abwasserbehandlung der Wäschereiabwässer, und das Ganze wurde und von einem bestimmten Zeitpunkt an ‑ quasi als Gipfel der Technik ‑ auch noch computerüberwacht.

Durch den Finneneintritt von Ursula Stemmler im Jahre 1975 griff die dritte Generation ins Geschehen ein. Es folgte Ehemann Günther Leitzbach, der am 6. Dezember 1996 seine Meisterprüfung bestand und somit die „meisterhafte“ Tradition im Hause Stemmler in würdiger Form fortsetzt. Der Erfolgsweg des Hauses Stemmler hat natürlich viele Gründe. Einer spiegelt sich in der Tatsache wider, daß die Stemmlers und Leitzbachs die Zeichen der Zeit immer ein wenig früher erkannt haben als andere: Die immer strengeren Umweltauflagen werden schon weit vor der gesetzlichen First erfüllt, die Maschinen sind in diesem Sinne sowohl technisch als auch ökologisch stets auf dem neuesten Stand.                        I

Mit der Entwicklung der Technik geht bei Stemmler von Anbeginn an die Qualität einher. „Die hervorragende Qualität ist unsere eigentliche Stärke“, weiß Günther Leitzbach. Und die Beständigkeit, möchte man ergänzen: Einige der 15 Vollzeitkräfte sind seit 40 Jahren hier beschäftigt und stehen mit ihrer Erfahrung und Zuverlässigkeit als Garant für die beständige Qualität à la Stemmler.

Dabei heißt es auch in dem Dörnigheimer Traditionsbetrieb, bestimmte Schwerpunkte zu setzen: Denn Kunden, die sämtliche Textilien in die Wäscherei geben, sind auch bei Stemmler eigentlich eher selten ‑ weit mehr verbreitet ist die Abgabe bestimmter Stücke wie Bettwäsche, Tischdecken und Blusen sowie generell empfindlicher und teurer Kleidungsstücke. Nur Leder und große Teppiche werden außer Haus gegeben, und immer in gute Hände; alles andere machen wir selbst, gibt Ursula Leitzbach das in den vielen Jahren gewonnene Vertrauen an die Kunden zurück.

Ganz abgesehen von der Qualität arbeitet die Wäscherei Stemmler auch wesentlich ökologischer als jeder Privathaushalt: „Wir können die Waschmittelmenge wesentlich genauer dosieren und verbrauchen durchschnittlich wesentlich weniger Wasser als dies in Privathaushalten der Fall ist“, berichten die Leitzbachs. Das beweist auch die Behandlung besonders verschmutzter Wäsche durch spezielle Enzyme, die ganz gezielt ‑ und umweitschonend ‑ eingesetzt werden.

Ein Rundgang durch das Firmengelände gibt einen Einblick in die Vielfalt zuverlässiger Textilpflege: Reinigungsmaschinen, Bügelpressen und Dämpfpuppen stehen hier dicht an dicht, in einem anderen Raum steht die Wasch‑Schleudermaschine, die bis zu 180 Kilogramm Lademenge verträgt. Hitze und Lautstärke machen die Arbeit nicht immer zu einem reinen Zuckerschlecken.

Was Zuverlässigkeit und Gründlichkeit bedeuten, verdeutlicht die Firma Stemmler auch durch die angeschlossene Reinigung, die mit etwa 20 Prozent der gesamten Warenannahme ins Gewicht fällt: „Bei uns werden Hemden gepreßt und nicht schnell‑schnell wie beim Hemdenschnelldienst mit Heißluft getrocknet“, betont Günther Leitzbach. Stichwort Qualität: Lieber zuverlässig und gründlich als billig und schlampig, das ist die Devise der Fachfirma, der man in Sachen Waschen und Reinigen so leicht nichts vormachen kann. Eigentlich ist es ganz einfach: Sauber gewaschen, perfekt gebügelt, geplättet und gefaltet, einfach schön anzusehen, dazu noch ökologisch korrekt gearbeitet ‑in der Philosophie und im Geiste der Firmengründer arbeitet die Firma Stemmler noch heute: Die Gründer Ludwig und Dorothea Stemmler wären stolz auf die Leistungen der „Enkelgeneration“ gewesen.

 

Metzgerei Neupert

Den Metzgermeister Johann Heinrich Flücken aus Operten, Kreis Jülich, hatten die Wanderjahre nach Hanau am Main geführt. Dort war er seit 1880 in einer Metzgerei tätig und lernte hier auch seine spätere Frau Sophie (geh. Kühnbuch) kennen. Sie verlegten ihren Wohnsitz nach Dörnigheim, er warben dort das Ortsbürgerrecht und eröffneten im November 1883 ihr eigenes Geschäft in der Hintergasse 2.

Fleiß und Sparsamkeit ließen das Geschäft blühen und gedeihen. Später setzte der Metzgergeselle Wilhelm Neupert das Geschäft fort, der Anna Flücken, die Tochter des Hauses, heiratete und im Jahre 1910 das Gebäude in der Lindenstraße 5 (heutige Kennedystraße 54) erwarb. Anfang der 30er Jahre übernahm deren Sohn

Heinrich Neupert das Geschäft, doch noch immer, vor allem im 2. Weltkrieg, half Seniorchef Wilhelm Neupert mit, die schwere Zeit zu meistern. Von den beiden Töchtern Lina und Herta heiratete Lina, die ältere, im Jahre 1947 den Metzgermeister Otto Michaelis aus Hanau, der zusammen mit seinem Schwiegervater Heinrich die Metzgerei weiterführte und ausbaute. Seit dem Tode von Heinrich Neupert im Jahre 1965 schreiben nunmehr Otto Michaelis und die Söhne Reiner und Cliff Michaelis gemeinsam mit dem zuverlässigen und fleißigen Team die Firmengeschichte weiter.

Bäckerei Schneier

Im Jahr 1883 eröffnete Franz Schneier in dem Haus in der Hasengasse 4 seine Bäckerei. Im Jahre 1910 übernahm sein Sohn Jakob Schneier den Laden, bevor er im Jahre 1936 an dessen Sohn Friedrich Seng überging. Seit 1969 führt dessen Sohn Werner Seng die Geschäfte.

 

Metzgerei Nickel

Die Gründer Philipp und Frieda Nickel eröffneten am 24. Oktober 1929 die Fleischerei Nickel in der Mozartstraße. Dank fleißiger und gewissenhafter Arbeit konnte der Betrieb mit der Zeit mehrmals modernisiert und vergrößert werden. Seit 1. Januar 1970 leiten Kurt Nickel und seine Ehefrau Ottilie das Geschäft (ebenfalls Bilder unten). Der gute Ruf ist mittlerweile längst weit über die Grenzen Maintals hinaus bekannt, die sehr guten Fleisch‑ und Wurstwaren garantieren hohe Qualität.

 

 

Vereinsleben

Natürlich beschränkt sich die Tätigkeit vieler Dörnigheimer Vereine nicht nur auf diesen Stadtteil. Feuerwehr und DRK sind schon aufgrund ihres Auftrags als Feuerwehrstützpunkt oder als „gesamtstädtische“ Organisation für alle Stadtteile tätig, und auch einige Vereine treten mit dem Anspruch auf, für ganz Maintal da zu sein. So zum Bei spiel der Jugend‑ Musik- und Kunstverein“, das Maintaler Filmforum oder die Galerie Mozartstraße. Umgekehrt sind die Vereine in das Maintaler Vereinsleben integriert, was sich bei den Stadtmeisterschaften in den einzelnen Sportarten oder beiden gemeinsamen Konzerten der Blasorchester und den Chöre zeigt. Nicht zu vergessen der Dörnigheimer Weihnachtsmarkt des Historischen Kulturkreises, der Besucher aus allen Teilen der Stadt anlockt und ihnen die Schönheiten Dörnigheims näherbringt.

Aber die Vereine sind eben auch die Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten aus dem Stadtteil zu treffen, sich zu unterhalten und  Informationen auszutauschen und so langsam aber sicher Wurzeln zu schlagen. Das rege Vereinsleben in Dörnigheim ist damit ein Zeichen dafür, daß die Bürger und Bürgerinnen sich in diesem Teil unserer Stadt näher kommen und ein Heimatgefühl entwickeln. Die Stadt Maintal konnte zu dem Vereinsleben einen internationalen Aspekt beisteuern.

Während manche Dörnigheimer Vereine schon seit langem Kontakt zu ausländischen Schwestervereinen pflegen - so zum Beispiel der Volkschor Dörnigheim zu einem Gesangverein in Neumarkt in Österreich ‑, hatte die Stadt Dörnigheim keine offiziellen Partnerschaften mit ausländischen Gemeinden. Demgegenüber brachten Hochstadt und Wachenbuchen bei der Gründung  der Stadt Maintal ausländische Partner mit Luisant in Frankreich und Moosburg in Kärnten. Diese Partnerschaften sind auch von den Vereinen in Dörnigheim gern aufgegriffen und mit Leben erfüllt worden. Zahlreiche Besuche in Luisant und Moosburg, Gegenbesuche und private Kontakte von Bürgern zeugen davon. Auch bei den partnerschaftlichen Kontakten zur Stadt Esztergom in Ungarn sind Dörnigheimer Vereine von Anfang an beteiligt gewesen.

 

Die vielen Dörnigheimer Vereine haben hier einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, daß man in Dörnigheim nicht nur wohnt und ‑ sofern man nicht Pendler ist ‑ arbeitet, sondern sich hier auch heimisch fühlt. Natürlich beschränkt sich die Tätigkeit vieler Dörnigheimer Vereine nicht nur auf diesen Stadtteil. Feuerwehr und DRK sind schon aufgrund ihres Auftrags als Feuerwehrstützpunkt oder als „gesamtstädtische“ Organisation für alle Stadtteile tätig, und auch einige Vereine treten mit dem Anspruch auf, für ganz Maintal da zu sein. So zum Beispiel der Jugend‑, Musik- und Kunstverein.

Nicht zu vergessen der Dörnigheimer Weihnachtsmarkt. Vom Historischen Kulturkreis Anfang der achtziger Jahres ins Leben gerufen, wird er heute vom Dörnigheimer Vereinsring ebenso getragen wie im Sommer das „Maafest“. Der Weihnachtsmarkt, in idyllischer Kulisse der Altstadt eingebettet, lockt Besucher aus allen Stadtteilen und darüber hinaus an.

Aber die Vereine sind eben auch die Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten aus dem Stadtteil zu treffen, sich zu unterhalten, Informationen auszutauschen und so langsam aber sicher Wurzeln zu schlagen. Das rege Vereinsleben Dörnigheims ist damit ein Zeichen dafür, daß die Bürger sich in diesem Teil unserer Stadt näher kommen und ein Heimatgefühl entwickeln. Dazu tragen aber auch Messen und Verkaufsschauen wie die Gewerbe‑Palette bei.

 

Turngemeinde Dörnigheim

Die Turngemeinde Dörnigheim ist der mitgliederstärkste Sportverein in Maintal und entsprechend nicht aus dem gesellschaftlichen Leben dieser Stadt wegzudenken. 125 Jahre wird die TGD in diesem Jahr. Die Veranstaltungen im Rahmen dieses besonderen Geburtstags begannen am Samstag, 17. März, mit der akademischen Feier. Heute Abend um 20 Uhr beginnt der „Tanz in den Mai” in der Sporthalle an der Bahnhofstraße. Karten zu zehn Euro gibt es noch an der Abendkasse.

Die Gründung des Vereins erfolgte 1882 durch einige turnbegeisterte Dörnigheimer. Unter dem Namen „Turnverein von 1882” wurden die ersten Weichen für die heutige 125-jährige Vereinstätigkeit gestellt. Die ersten Vereinssatzungen wurden am 3. Mai 1882 vom damaligen königlichen Landratsamt in Hanau genehmigt und ausgehändigt. Bereits 1888 wurde aus den Reihen der Turner eine neue Abteilung gegründet. Trommler und Pfeiffer umrahmten durch ihr Spiel die turnerischen Veranstaltungen.

Im Jahr 1892 entstand unter dem Namen „Turngesellschaft” ein zweiter Turnverein. Für die damaligen wenigen Aktiven des Turnvereins bedeutete diese Neugründung ein Ansporn zu noch größerer Werbung für die Sache des Turnens. Mit der Zeit wuchs die Anzahl der aktiven Turner.

1922 erfolgt Fusion der Turnvereine

1922 wurde durch Bildung einer Mädchenriege das Frauenturnen eingeführt. 1923 erfolgte der Zusammenschluss der beiden Dörnigheimer Turnvereine unter dem Namen „Turngemeinde 1882 Dörnigheim”. 1925 erfolgte die Gründung der Handballabteilung. Eine weitere Aufwärtsentwicklung nahm der Verein durch die Übernahme des bereits im Jahr 1880 gegründeten Gesangvereins „Germania” im Jahr 1932. In diesem Jahr feierte die Turngemeinde auch ihr 50-jähriges Jubiläum. Die TGD war aus dem Vereinsleben in Dörnigheim nicht mehr wegzudenken. Als Vereinslokale dienten damals abwechselnd die Gaststätten „Zur Mainlust” und „Zum Schiffchen”.

Während des Zweiten Weltkrieges mussten alle Abteilungen ihre Tätigkeiten einstellen. Nach Ende des Krieges wurde in Dörnigheim eine Sportgemeinschaft gegründet, in der alle sporttreibenden Vereine zusammengeschlossen waren. Die Sportgemeinschaft wurde 1948 wieder aufgelöst und die alten Vereine bildeten sich wieder. In der Turngemeinde nahmen die Turner, Sänger und Handballer wieder ihre Tätigkeit auf.

1952 erfolgte unter dem Namen „Musik-und Spielmannszug” eine Neugründung einer Abteilung, die in den folgenden Jahren sehr erfolgreich werden sollte und nicht mehr aus dem Vereinsleben wegzudenken war. Zum 75-jährigen Vereinjubiläum wurde 1957 in Dörnigheim das Gauturnfest veranstaltet. Der Erlös aus dieser Veranstaltung sollte dazu beitragen, eine vereinseigene Turnhalle zu bauen.

Unter tatkräftigem Einsatz vieler Mitglieder und durch Spenden von Freunden und Gönnern wurde die Sporthalle in den Jahren 1957 bis 1959 errichtet und am 11. April 1959 eingeweiht. Damit hatten nicht nur die einzelnen Abteilungen des Vereins eine eigene Übungsstätte, sondern es war auch ein repräsentativer Ort geschaffen für ein reges sportliches und kulturelles Leben in Dörnigheim. 1958 gründete sich die die Tischtennisabteilung. 1962 wurde das Gaststätten-Gebäude fertiggestellt, in welchem man sich bis heute gerne trifft.

Im gleichen Jahr feierten die Mitglieder mit der zehnjährigen Wiedergründung des Musik- und Spielmannszuges das 80-jährige Bestehen des Hauptvereins. Im Jahr 1965 bildete sich die Fechtabteilung für Kinder und Jugendliche. In kürzester Zeit konnte diese neue Abteilung Erfolge verzeichnen. Auf Lands- und Bundesebene wurden mehrere Meisterschaften errungen (05.05.07).

Der Bau von zwei Kegelbahnen wurde 1966 realisiert. Diese erfreuen sich bis heute regen Zuspruchs. Der durch die intensive Übungstätigkeit der einzelnen Abteilungen benötigte zusätzliche Raumbedarf führte dazu, 1970 einen Gymnastikraum zu bauen. Hier fand dann der in einem gemischten Chor umstrukturierte Chor „Germania” einen idealen Übungsraum. Auch wurde dieser Raum von der neuen Jazz-Gymnastik-Gruppe genutzt, die es später bis zur Hessenmeisterschaft bringen sollte.

„Gymnastik nach Krebs" ist eine Abteilung aller breitensporttreibenden Sportvereine der vier Maintaler Stadtteile. In den 1980er Jahren gründete sich die Tauchabteilung. Besonderen Wert legte die Turngemeinde in den vergangenen Jahren auf den Übungsbetrieb für ältere Menschen. Mit der „Seniorengymnastik”, der Gruppe „Fit in der zweiten Lebenshälfte”, der „Gruppe vor der Suppe” und dem „Er und Sie-Turnen” bietet der Verein hier ein breites Angebot. Weitere neue Gruppen wie „Aerobic” und „Bodyfeeling” sowie die Kursangebote Rückenschule, Yoga, Becken-Boden-Gymnastik und Skigymnastik runden das Spektrum ab.

Intensive Sanierung

Ein besonderes Augenmerk galt und gilt der intensiven Sanierung und Verschönerung der Gebäude. So wurde unter anderem der Raum unter der Bühne der Sporthalle zu einem modernen Mehrzweckraum umgebaut. Die Wände der Sporthalle wurden mit Holzpaneelen verschönert, der Fußboden und die Verglasung erneuert. Der gesamte Technik- und Sanitärbereich wurde erneuert.

(Die Chronik ist der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der TG Dörnigheim entnommen)

 

Freie Turner Dörnigheim

Ein stolzes Jubiläum: Freie Turnerschaft Dörnigheim feiert Hundertjähriges.

Eine traditionsreiche und bewegte Geschichte

Gründungstag 10. Januar 1906 - ein besonderes Ereignis für die damalige kleinen Gemeinde Dörnigheim.

Der Wahlspruch der FTD: „Vorwärts zu neuen Taten“.

Schon seit langem waren Bestrebungen im Gange, auch in Dörnigheim einen Verein zu gründen, der dem Arbeiter-, Turn- und Sportbund angehören sollte. Jene, die diese Zeit miterlebten, schilderten eine Reihe von Ereignissen, die dem Gründungstag vorangingen. Einer der wohl populärsten Männer im Arbeiter-. Turn- und Sportbund, der Turnfreund Sturz aus Frankfurt, war es, der in leidenschaftlichen Diskussionen Turnfreunde aus Dörnigheim zu überzeugen versuchte, dass es unter den damaligen Verhältnissen notwendig war, auch in Dörnigheim eine neue und fortschrittliche Turnbewegung aufzubauen. Nach mehreren Versammlungen wurde im Dezember 1905 der Grundstein zur Gründung der Freien Turner gelegt.

80 Reichsmark Spende – Grundkapital

Die Frankfurter Turnfreunde übten Solidarität und spendeten 80 Reichsmark als finanzielle Grundlage für den neuen Verein. Mehr als 20 Mitglieder traten aus der Turngesellschaft aus und gründeten am 10. Januar 1906 im „Frankfurter Hof“ die Freie Turnerschaft Dörnigheim. Zum Ersten Vorsitzenden wurde Jakob Lapp und zum Kassierer Friedrich Manns gewählt. Welcher Mut dazu gehörte, in dieser Zeit einen Arbeiter-Sportverein zu gründen, ihm als Mitglied oder sogar als Vorstandsmitglied anzugehören, kann nur ermessen, wer weiß, mit welchen Schikanen und Widerständen zu rechnen war. Die Mitglieder waren erfüllt von Kampfgeist und trugen die Bereitschaft in sich, einen erfolgreichen Kampf gegen veraltete Auffassungen zu führen.

Um die Arbeitersportvereine unter Kontrolle zu nehmen, schuf das Wilhelminische Deutschland am 19. April 1908 ein Reichsvereinsgesetz, wonach die dem Arbeiterturnerbund angehörenden Turnvereine als politische Organisationen deklariert wurden. Die Freien Turner mussten innerhalb von 14 Tagen, bei Androhung einer Zwangsstrafe, dem Bürgermeister Vor- und Zuname, Stand und Wohnung jedes einzelnen Vorstandsmitglieds benennen. Außerdem durften nach dem Gesetz bei den Freien Turnern keine Personen unter 18 Jahren Mitglied sein, keine Versammlungen des Vereins besuchen und auch nicht bei Turnveranstaltungen als Zuschauer anwesend sein.

Natürlich stellt sich heute die Frage, weshalb die Arbeitersportvereine von den damals Herrschenden in die parteipolitische Ecke gedrückt wurden. Viele Faktoren spielen hier eine Rolle, die in diesem Rahmen nicht alle behandelt werden können. Aber eine sehr wichtige Tatsache darf nicht übersehen werden. Der Arbeitstag betrug damals zwölf bis vierzehn Stunden. Arbeiter, die während dieser langen Zeit schwer in Fabriken oder im Bergwerk ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, konnte man kaum noch für eine sportliche Betätigung begeistern.

So war klar, dass die Arbeitersportbewegung, genau wie die damals gegenwärtige Arbeiterpartei, die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag erhob. Obwohl die Kinderarbeit schon verboten war, wurden Massen von Kindern in Fabriken, Bergwerken und noch stärker in Heimarbeit als billige Arbeitskräfte beschäftigt. Diese Kinder konnten mit der sozialen Belastung im Hintergrund natürlich ebenfalls nicht für den Sport gewonnen werden. Deshalb wurde die Forderung nach Einhaltung und Beachtung der bestehenden Gesetze und nach einer Verbesserung der Jugendschutzgesetze gestellt. Dies geschah natürlich nicht zur Freude der Fabrikbesitzer.

Diese zwei Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Arbeitersportbewegung sich durchaus berechtigt auch der sozialen und politischen Forderungen annahm. Die Entfaltung des Arbeitersports hing eng mit der sozialen und politischen Befreiung der Arbeiter zusammen. Wen wundert es da, dass bei aller Sympathie, die dem jungen Verein insbesondere aus den Reihen der Dörnigheimer Arbeiterschaft entgegengebracht wurde, die Dörnigheimer Gastwirte nicht bereit waren, den Freien Turnern Räume zur Verfügung zu stellen, weil viele Mitglieder dem damaligen SPD-Ortsverein angehörten.

Nach langen Verhandlungen, die unter besonderen Bedingungen verliefen, stellte der Wirt des „Frankfurter Hofs“ den Freien Turnern seine Räumlichkeiten zur Verfügung. Auch dazu gehörte Mut.

Da sich immer mehr Menschen dem Verein anschlossen, konnte die FTD ihre turnerischen Leistungen unter Turnwart Ludwig Kegelmann immer weiter steigern. Schwierig wurde es im Frühjahr 1906, als der Turnbetrieb im Freien stattfinden sollte, denn nun brauchten die Frei-en Turner dringend einen Sportplatz. Die Kommunen waren damals nicht verpflichtet, den Organisationen Turn- oder Sportplätze zur Verfügung zu stellen.

Als dann endlich das Grundstück Gruber am ehemaligen „Schmalen Weg“ als Sportplatz hergerichtet werden konnte, gingen die Freien Turner mit der ihnen eigenen Begeisterung, die noch heute besteht, mit Hacke und Schippe in jeder freien Minute los, bis das Gelände den Ansprüchen genügte.

Freiwillige Arbeit immer an erster Stelle

Die freiwillige Arbeit im Verein stand am Anfang und steht auch heute noch immer an erster Stelle des Vereinslebens. Das war, und das ist die Kraft der Freien Turner, die damit allen Stürmen der Zeit trotzen und sie überstehen konnte.

Der Erste Weltkrieg legte den Turnbetrieb lahm. Was aber noch viel schlimmer war, der Verein verlor im Krieg eine Reihe aktiver Mitglieder, davon sechs seiner besten Turner. So war es nach 1918 sehr schwierig, den Anschluss an die turnerischen Leistungen zu finden. Dazu kamen neue finanzielle Schwierigkeiten. Die Inflation erschwerte die Anschaffung von Sportgeräten. Der alte Turnplatz wurde gekündigt. Ein neuer musste gefunden und geschaffen werden.

Dennoch bekam der Arbeiterturn- und Sportbund durch die politischen Veränderungen ungeheuren Auftrieb. Die Freien Turner besuchten 1922 mit einer starken Riege das Arbeiter-Turnfest in Leipzig. 1925 nahm die FTD an der Arbeiter-Olympiade in Frankfurt, 1927 am Bundesturnfest in Nürnberg und 1931 an der Arbeiter-Olympiade in Wien teil.

Diese Höhepunkte, von Erfolgen und Siegen gekrönt, zeugen von der turnerischen Aufbauleistung, die im Verein geleistet wurde. Sie war nur möglich durch die Entschlossenheit, die bürgerliche Solidarität und den kämpferischen Einsatt. Alles Eigenschaften, die bis heute im Verein erhalten geblieben sind.

1926 wurde das heutige Gelände der Freien Turner käuflich erworben und ein Jahr später der Turnplatz eingeweiht. Bis 1933 hat sich die FTD in Dörnigheim zu einer sehr entscheidenden Sport- und Kultur-Organisation entwickelt. Man muss nur daran erinnern, um zu verstehen, wie hart die Freie Turnerschaft in Dörnigheim, und nicht nur sie, von der NS-Diktatur getroffen wurde. Viele Dokumente aus jener Zeit, jahrelang nach Kriegsende nicht auffindbar, heute aber in unserem Besitz, zeugen von den Schikanen und von dem persönlichen Schicksal, das viele Mitglieder der FTD ertragen mussten.

Vereinspapiere verbrannt

Es folgten schwere Jahre. Die Freie Turnerschaft wurde von den Nationalsozialisten verboten, das gesamte Vereinsvermögen beschlagnahmt, die Vereinspapiere verbrannt und zwei Vereinsmitglieder wurden in einem KZ inhaftiert. Die eingesetzten Statthalter der braunen Machthaber, die kommissarisch eingesetzten Landräte und Bürgermeister, schacherten um das Eigentum der Freien Turner.

Nachdem das gesamte Vereinsvermögen beschlagnahmt war, betrieb der damalige Bürgermeister die Enteignung. Dies geschah mit der pauschalen Begründung, dass der überwiegende Teil der Freien Turner Mitglied der KPD gewesen sei. Der Bürgermeister wusste allerdings genau, dass dies nicht stimmte. Der Turnplatz und das Turnerheim wurden der HJ übereignet, die Sportgeräte wurden in brüderlicher Kameraderie aufgeteilt, auch die Trommeln und Pfeifen des Spielmannszugs. Sie wurden fortan von der ansässigen NSDAP- und SA-Ortsgruppe gespielt. Die Mitglieder und Funktionäre der FTD wurden gesellschaftlich isoliert und schikaniert. Selbst die privaten Fahrräder vieler Mitglieder wurden beschlagnahmt und erst nach längerer Zeit mit Auflagen vom Bürgermeister zurückgegeben.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren bei den Freien Turnern. Viele begabte junge Turner kamen nicht mehr zurück. Auch der Erste Vorsitzende Friedrich Roth war unter den Kriegsopfern. Trotz des Verbots 1933 überlebte die sportliche Idee der FTD. Dies zeigte sich schon 1945 nach der Befreiung vom NS-Terror.

Es waren die alten Mitglieder und Funktionäre der Freien Turner, die als erste die Initiative mit Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Alwin Lapp ergriffen, um in Dörnigheim eine gemeinsame Sportorganisation aufzubauen. Sie waren der Meinung, dass man aus der Vergangenheit lernen und alle Kräfte sammeln muss, um in der Einheit eine neue demokratische Sportbewegung aufzubauen. Sie begrüßten deshalb freudig, dass der Gedanke auf höchster Ebene mit der Bildung des Deutschen Turnerbunds (DTB) und des Deutschen Sportbunds (DSB) realisiert wurde.

Wenn es in Dörnigheim - trotz aller Bemühungen - doch zur Wiedergründung der alten Vereine kam, möge das aus heutiger Sicht mit Nachsicht betrachtet werden. Die Gegensätze und Vorurteile waren einfach nicht so ohne Weiteres zu überwinden. Daraufhin nahm die FTD ihr aus der Wiedergutmachung zustehendes Recht in Anspruch und erhielt das vereinseigene Grundstück wieder zurück, viel Unterstützung erhielten sie vom Dörnigheimer Bürgermeister Alwin Lapp.

Zusammenarbeit mit TG Dörnigheim

Vielen der heutigen Vorstandsmitglieder der beiden großen Dörnigheimer Turnvereine ist es zu verdanken, dass es nach den Gegensätzlichkeiten in den Anfangsjahren der Bonner Republik doch zu einer Zusammenarbeit von FTD und Turngemeinde Dörnigheim (TGD) auf vielen Gebieten gekommen ist. Das ist ein wichtiger Beitrag zur sportlichen Betreuung der Jugend in :Maintal. Bei den Freien Turnern wurde der allseitige Turn- und Sportbetrieb dank vieler qualifizierter Übungsleiter und Turnfreunde in unermüdlicher Kleinarbeit aufgebaut.

In einigen Sparten reichte es bis zu sportlichen Höchstleistungen. So brachte es die Kunstkraftsportabteilung mit den „zwei Heimers“ bis zur Deutschen Meisterschaft. Aber auch im Handball, ob bei den Damen, den Herren oder der Jugend, in den Turnriegen, in der Budo-Abteilung, immer konnten die Freien Turner mit Erfolgen aufwarten, und ihre Leistungen fanden über die Grenzen der Stadt hinaus Anerkennung. Auch die Gemeinschaftsabteilungen mit der TGD haben sich ebenfalls hervorragend bewährt. Der Vorstand der FTD legt großen Wert auf die Zusammenarbeit mit allen Maintaler Vereinen, doch vor allem soll die Kooperation mit der Turngemeinde Dörnigheim weiter ausgebaut werden.

Einen besonderen Stellenwert nimmt auch die kulturelle Tätigkeit der FTD in unserer Stadt ein. Insbesondere die Karnevalsabteilung „Blau-Weiß“ tut sich hier hervor. Von den Anfängen im „Frankfurter Hof“ sind ihre Veranstaltungen bis heute immer ein Höhepunkt der „fünften Jahreszeit“. Das Besondere an dieser Abteilung ist, dass sie in enger Verbindung mit dem Geschehen des Vereins zu den Turn- und Sportabteilungen steht, mit ihnen gemeinsam das Programm gestaltet und so lebendige Veranstaltungen organisiert.

Ein alter Traum, der durch die Ereignisse von 1933 nicht erfüllt werden konnte, wurde vom Vorstand und den Mitgliedern erst 1958 verwirklicht. Ende 1958 konnte der erste Bauabschnitt des eigenen Vereinshauses „Zu den Mainterrassen“ zur Einweihung freigegeben werden. Es ist heute wohl kaum von jungen und neuen Mitgliedern der FTD zu ermessen, mit wie viel Elan und persönlichem Einsatz die Verantwortlichen des Vorstands und eine Vielzahl der Mitglieder diesen Bau errichteten. Jede freie Stunde wurde von den Frauen, Männern und den jugendlichen Mitgliedern geopfert, um endlich eine würdige Begegnungsstätte für alle Sportfreunde zu schaffen. Sie ruhten nicht, bis auch die weiteren Bauabschnitte erstellt und das Werk vollendet war.

Stellvertretend für alle Helfer und Organisatoren sollen vier Namen genannt werden, die in der Chronik des Neuaufbaus nach 1945 nicht fehlen dürfen. Das sind Albert Kraft, Walter Bley, August Roth und Georg Keim, deren Verdienste beim Aufbau des Vereinsheims, das heute den Namen von August Roth trägt, besonders zu würdigen sind. Sie haben in dieser schwierigen Zeit alle organisatorischen und finanziellen Klippen gemeistert, und dafür gebührt ihnen mehr als Dank. Damit haben sie den Traum ihrer Vorgänger realisiert. Dank gebührt aber auch dem Darmstädter Architekten Philipp Benz, der mithalf, den Traum zu verwirklichen.

Bei allen Leistungen, die insbesondere nach 1945 von den Freien Turnern und von anderen Vereinen vollbracht wurden, darf nicht übersehen werden, dass der Sport  bei den Verantwortlichen der Stadt besonders hoch im Kurs stand. Die sportlichen Einrichtungen, die hier geschaffen wurden, gelten heute noch als vorbildlich. Der Sportplatz an der „Dicken Buche“, das Schwimmbad und die Maintal-Halle stehen als sichtbares Zeichen. Eine breite Unterstützung der Vereine wurde von der früheren Stadt Dörnigheim und von der heutigen Stadt Maintal geleistet. Dafür geht der Dank der FTD an die Stadtverordneten, den jetzigen Magistrat und die früheren Bürgermeister Erwin Henkel und Dr. Walter Unger.

Für die FTD gilt - unter Beachtung der Lehren ihrer eigenen Geschichte - ihr alter und jahrzehntelang gültiger Wahlspruch „Vorwärts zu neuen Taten“ auch für die Zukunft. Es ist die Überzeugung des Vorstands, dass künftige Generationen die Vereinsarbeit im Sinne der Gründer mit neuen Erkenntnissen weiterführen.

 

 

Schulgebäude an der Dörnigheimer‑Siemensallee

Vor fünfundvierzig Jahren fiel der 25. Oktober 1953 auf einen Sonntag, genau wie in diesem Jahr 1998. Der Sonntag bot sich für die Einweihung des neuen Schulgebäudes an der Dörnigheimer Siemensallee an, war es doch in dieser Zeit der einzige arbeitsfreie Wochentag.

Die alten Fotos zeigen denn auch ein großes Aufgebot an Honoratioren, Bürgern und Schülern. Den Festakt begann der Schulchor mit dem markigen Lied: „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“, von Wolfgang Amadeus Mozart. Danach wechselten Ansprachen, Gedicht‑ und Liedvorträge ab. Die „Weiherede“ des damals an Bürgermeisterstelle amtierenden Wilhelm Lapp ist nicht überliefert, aber seine Festrede zum Richtfest im Sommer 1952 zeigt die Anstrengungen auf, die zum Bau eines neuen Schulgebäudes führten.

Hatte die Schule in Dörnigheim auch nur indirekt unter den Auswirkungen des Krieges zu leiden gehabt ‑ in einigen Räumen war ein Behelfslazarett eingerichtet worden, so wuchs die Schülerzahl nach dem Krieg durch den Zustrom von Evakuierten. Flüchtlingen und Heimatvertriebenen rasch an.

Lag im Jahr 1939 die Zahl der Schulklassen bei sechs, mit ebenfalls sechs Lehrkräften, weist die Statistik von 1954 bereits eine Verdoppelung auf zwölf Klassen mit zwölf Lehrern auf. Standen vor dem Krieg für 240 Schüler sechs Klassenräume zur Verfügung. So mußten 1954 bereits 511 Kinder untergebracht werden.

Galt zunächst der Beschaffung von Wohnraum die Priorität, konnte nach der Währungsreform an eine Verbesserung der Schulraumnot gedacht werden.. So stellte denn Wilhelm Lapp seine Rede zum Richtfest unter das Motto eines Wortes von Humboldt: „Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an materiellen verloren hat.“ In der Gemeinde war der Schulneubau umstritten und wurde absolut kontrovers gesehen.

Wie viele Wohnungen hätte man für dieses Geld bauen können? Mußte der Neubau so „großartig“ sein? Die Gemeindevertreter handelten unter zähem Ringen nach der Erkenntnis: Eine Schule muß viele Jahrzehnte den Anforderungen gerecht werden. Neue Bedürfnisse erforderten zusätzliche Räume. Eingeplant wurden Werkräume, ein Zeichensaal, ein Musikraum, ein Handarbeitsraum und Platz für botanische und Naturkundesammlungen.

Den Architektenwettbewerb gewonnen hatte der damals junge Dipl. Ing. Karl Heinz Doll, der selbst als Schüler in Dörnigheim die Schulbank gedrückt hatte. Er leitet die Bauarbeiten an dem „ersten wahrhaft repräsentativen Gebäude in Dörnigheim“ mit großer Umsicht. Die Weiherede endete mit dem Spruch: „Ich weihe dieses Haus dem Geist der Arbeit, dem Geist der edlen Menschlichkeit, dem Geist des Friedens.“

 

 

Neue Heimat Dörnigheim: Ausländer

Aus den Gastarbeitern wurden unsere ausländischen Mitbürger, 15 Prozent der Einwohner sind keine Deutschen. Dörnigheim lebt schon lange mit „seinen“ Ausländern, die fast 15 Prozent der Dörnigheimer Einwohner ausmachen. Seit wann gibt es überhaupt Ausländer in Dörnigheim? „Früher warn die Frankforter fer uns Ausländer un die Milheimer aach,“ sagen die alten Dörnigheimer. Viele Ausländer verstehen sich aber gar nicht als solche, weil sie entweder hier aufgewachsen oder mit einem deutschen Partner verheiratet sind. Viele der ausländischen Mitbürger leben in der Tat schon länger als zwanzig Jahre in Deutschland, mehr als die Hälfte davon länger als zehn Jahre. Achtzig Prozent der Kinder, die in Dörnigheim oder der nächsten Umgebung zur Schule gehen, sind hier geboren und aufgewachsen.

Das „Ausländerfest“ findet seit über zehn Jahren in der zweiten Septemberwoche im Evangelischen Gemeindezentrum in Dörnigheim statt. Ein gelungenes Fest, beliebt und besucht von aus- und inländischen Bürgern Dörnigheims und ganz Maintal. An diesem Fest nehmen Griechen, Italiener, Jugoslawen, Portugiesen, Spanier, Holländer, Iren, Amerikaner, Türken und Kurden gemeinsam oder getrennt und Vietnamesen regelmäßig teil.

In den letzten Jahren haben sich zunehmend auch einheimische Vereine, Bürgerinitiativen Friedensgruppen und amnesty international dem Fest angeschlossen. Jede Gruppe, vor allem die ausländischen, präsentieren heimatliche Delikatessen, Getränke, Folklore, Tanzgruppen und Theaterstücke. Eine bunte Mischung von Selbstdarstellung, Werbung und nicht zuletzt Integrationsbereitschaft. Man kostet die angebotenen fremden Spezialitäten und spricht ungezwungen miteinander. Wünsche und Erinnerungen werden so geweckt, Bekanntschaften geknüpft und alte Freundschaften aufgefrischt.

Es begann 1959 mit den Italienern. Die amtlichen Stellen melden, daß der Zuzug von ausländischen Arbeitnehmern nach Dörnigheim 1959 begann. In diesem Jahr trafen mehrere italienische „Gastarbeiter“ ein. Das erste größere geschlossene Kontingent ausländischer Arbeitnehmer stellte Anfang der sechziger Jahre die Firma Kling Furnierwerke ein.

Es handelte sich um rund fünfzig weibliche und männliche Arbeitnehmer aus Irland. Nach dem Auslaufen der Arbeitsverträge traten in Mitte der sechziger Jahre in größerem Maße griechische Mitarbeiter an ihre Stelle.

Zur gleichen Zeit etwa kamen auch viele Arbeitskräfte aus dem Nordwesten Spaniens hierher, nachdem bereits zuvor schon einzelne Familien aus Katalonien (Mitarbeiter der Firma Dunlop in Hanau) in Dörnigheim ansässig geworden waren. Viele der im Versandhaus Neckermann in Frankfurt beschäftigten Ausländer fanden im Haus Südring 3 Unterkunft. Gleichzeitig mit den Spaniern, jedoch in geringerer Zahl, kamen auch jugoslawische Staatsangehörige nach Dörnigheim. Bedingt durch die verbesserte wirtschaftliche Situation in ihrem Heimatland, kehrten nun ansässig gewordenen Italiener zurück in ihre Heimat. Für sie kamen Männer aus Marokko und Tunesien, die meistens im Baugewerbe beschäftigt wurden. Eine heute sehr große Gruppe, die Türken, kam in nennenswerter Zahl erst in der Mitte der siebziger Jahre nach Dörnigheim, zu einer Zeit, als zum Beispiel die meisten Spanier schon wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

In den Aufbaujahren der Bundesrepublik Deutschland waren Gastarbeiter angeworben worden. Wie auch immer, der wirtschaftliche Aspekt war und ist auch heute noch in der Regel der Hauptbeweggrund des Hierherkommens der Ausländer. In einzelnen Fällen, wie etwa bei den Iranern und den Kurden, waren allerdings überwiegend politische Gründe ausschlaggebend. Wegen der politischen Verfolgung in ihren Heimatländern haben sie hier um Asyl nachgesucht. Für diesen Personenkreis gelten besondere Einbürgerungsbedingungen.

Die Griechen bilden in Dörnigheim die größte Gruppe. Sie haben bereits 1978 die „Griechische Gemeinde Maintal und Umgebung“ gegründet, die alle ansässigen Landsleute in Maintal umfaßt und ihren Sitz in Dörnigheim hat. Nachdem die Vereinigung viele Jahre im Gemeindezentrum ihr Büro hatte, stellte ihnen die Stadt Maintal 1989 nach der Renovierung des ehemaligen Gasthauses „Frankfurter Hof“ Räumlichkeiten zur Verfügung.

Dort hält der Vorstand der griechischen Gemeinde seine Sitzungen ab. Es finden zweimal in der Woche Sprechstunden für Landsleute statt, wo sie Beratung finden für ihre Arbeits- und Sozialprobleme. Hier übt die Folklore-Tanzgruppe. In Zusammenarbeit mit der Stadt Maintal und der Volkshochschule Hanau wird für neu aus Griechenland gekommene Jugendliche Deutschunterricht angeboten. Die Frauen treffen sich einmal in der Woche zur Gymnastikstunde. Die Jugendgruppe organisiert ihre Treffen und gelegentlichen Tanzabende.

Bei den sportlichen Aktivitäten haben sich die Ausländer in Dörnigheim völlig integriert. Sie sind Mitglieder der hiesigen Vereine und man erkennt sie nur, wenn sie in der Zeitung mit ihren anders klingenden Namen erwähnt werden. Die Italiener hatten viele Jahre eine eigene Fußballmannschaft, die „Juve Maintal“, die aber im Jahr 1988 wegen Nachwuchsmangels wieder aufgelöst wurde. Die Griechen unterhalten einen eigenen Fußballverein, den FC Hellas, dessen Sitz zwar in Hochstadt ist, obwohl die meisten Spieler in Dörnigheim wohnen. Der FC Hellas ist übrigens in diesem Jahr in die Bezirksliga aufgestiegen.

Viele, die Wirtschafts- oder Arbeitsprobleme hatten, haben sich selbständig gemacht. So gibt es unter anderen den griechischen Schneider Kalkan, die ebenfalls griechischen Kürschner Spanidis und Valalas, die italienischen Eisdielen Costa sowie Gaststätten „Al Boschetto“ (italienisch), „EI Greco“, „Hellas“ und „Philippi“ (griechisch), „Hongkong“ (chinesisch) und die Pizzeria „Da Salvatore“ (griechisch-italienisch), die tschechische Ärztin Dr. Dufkova, den kürzlich verstorbenen Arzt Dr. Sariyiannidis, den iranischen Kinderarzt Dr. Moradof und den italienischen Malermeister Mattia (Der vollständige Beitrag über Ausländer in Dörnigheim ist in dem Buch „Dörnigheim vor 1200 Jahren“ nachzulesen).

 

1200‑Jahr‑Feier

Einer der drei Hauptorganisatoren der 1200‑Jahr‑Feier Dörnigheims war Philipp Eibelshäuser vom Amt für Jugend, Kultur und Sport. Um im Vorfeld dieses Festes nichts dem Zufall zu überlassen, wurden drei Ausschüsse gebildet. Dies sind neben dem „Ausschuß für Festlichkeiten und Werbung“ noch der „Ausschuß für den Historischen Festzug“ (Federführer Udo Jung, ebenfalls vom Amt für Jugend, Kultur und Sport) und der „Ausschuß für die Festschrift“ (Federführung Werner Jung vom Hauptamt). Die Mitglieder der einzelnen Ausschüsse wurden von den Vorständen der Dörnigheimer Vereine benannt. Später waren vier Ausschüsse mit der Vorbereitung der Festlichkeiten beschäftigt.

„Gefeiert wird zwölf Monate lang. Von Neujahr bis Silvester 1993 werden sich die Dörnigheimer über den Geburtstag ihres Örtchens freuen und dies auch durch zahlreiche Feiern zum Ausdruck bringen“, so Udo Jung, verantwortlich für die Gestaltung und den Ablauf des Festzuges. Jeder Verein, der im nächsten Jahr eine Feier veranstaltet, kann zum Beispiel auf seine Plakate das Dörnigheimer Wappen mit aufdrucken lassen. Es wurde extra für die Geburtstagsfeier angefertigt.

Das Festlogo, welches die Dörnigheimer Kirche, den alten Brunnen und das Historische Rathaus zeigte und von dem gebürtigen Dörnigheimer Dieter Konrad entworfen wurde, wurde zum Dörnigheimer Fastnachtsumzug am 29. Februar 1992 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt: Die Mitglieder der drei Festausschüsse warben mit ihm auf einem eigenen Wagen für die 1200‑Jahrfeier.

Am Samstag, 20. März 1993, fand die Akademische Feier „1200 Jahre Dörnigheim“ im evangelischen Gemeindezentrum statt. Zu diesem Anlaß bauten Schülerinnen und Schüler der Dietrich‑Bonhoeffer‑Schule historische Modelle Dörnigheims und prähistorische Funde wurden gezeigt. Bürgermeister Unger eröffnete das Fest offiziell. Landrat und Vertreter der Landesregierung überbrachten Grußworte. Musikalisch umrahmt wurde die akademische Feier vom Volkschor und vom „Musica mesurata“. Anschließend an das offizielle Programm fand ein Stehempfang mit Musik statt.

Die eigentlichen Festveranstaltungen stiegen dann vom 16. bis 19. Juli 1993. Am Mainufer wurde die Geburtstagsparty feierlich eröffnet. Ein Festzelt für etwa 4000 Personen wurde am Mainufer aufgestellt. Dazu ein eigenes Weinzelt, in dem sich die Partnergemeinden der Stadt Maintal ‑ Moosburg, Luisant und Esztergom ‑ mit Spezialitäten und Musik präsentieren können.

Am Freitag, 16. Juli, begann das Festprogramm auf den Mainwiesen um 20 Uhr mit einer FFH‑Disco. Am Samstag, 17. Juli, begann nachmittags gegen 15 Uhr ein Gemeinschaftskonzert des Blasorchesters Wachenbuchen und des Musik‑Corps Bischofsheim im Festzelt. Gegen Abend mußte das Zelt geräumt werden wegen des Bühnenumbaus für die „Tony‑Marshall‑Show“ mit Elmar Gunsch, „The Tiffanys‑Piet Knarren“, „Robby & Archie“ und „Lady & Joe“. Nach Ende des Programms spielte das Tony‑Marshall‑Orchester bis gegen 1 Uhr zum Tanz aufspielen.

Am Sonntag, 18. Juli, begann das Festprogramm mit einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche von Dörnigheim. Ursprünglich war geplant, den Gottesdienst im Festzelt zu feiern, dies scheiterte jedoch am Veto der Kirche. Während der Gottesdienst in der evangelischen Kirche gefeiert wurde, war das Festzelt auf den Mainwiesen von 10 bis 13 Uhr geöffnet für ein Frühkonzert. Gesponsert wurde dieses Konzert von der Frankfurter Sparkasse 1822.

Der Höhepunkt der 1200‑Jahrfeier war am Sonntagnachmittag gegen 14 Uhr erreicht. Da begann der historische Festzug. Rund 1100 Personen wirkten am Festzug mit. Hinzu kamen eine größere Zahl von Pferden, Kühen, Eseln und Ziegen, die als Statisten oder als Gespanne zum Gelingen des Zuges beitragen sollten. Etwa 55 Vereine beteiligten sich am Festzug, unter ihnen sind fünfzehn Musikzüge aus Maintal und anderen Kommunen. Der Musikzug aus Groß‑ Ostheim kam mit fünfzehn Pferden nach Dörnigheim. Neben den Vereinen beteiligten sich auch Schulen und Kindertagesstätten am Festzug. Außerdem gestalteten die Partnergemeinden Luisant, Moosburg und Esztergom eigene Zugnummern.

Am Sonntag, 20 Uhr, begann im Festzelt der „Dörnigheimer Abend“. Die Veranstaltung wurde gesponsert von der Sparkasse Hanau und der Brauerei Henninger. Unter Leitung einer professionellen Agentur gestalteten die Dörnigheimer Vereine diesen Abend. Sie bereiteten ein Unterhaltungsprogramm vor, das unter dem Motto stand „Reise durch die Zeit“. Anschließend an das Programm spielte der Humor‑ und Musikverein Hochstadt zum Tanz auf.

Am Montag, 19. Juli, um 10 Uhr beginnt das Festprogramm mit dem „Jubiläumsfrühschoppen“ im Festzelt. Die Gäste wurden unterhalten vom „Franken‑Express“. Am Montagnachmittag ab 15 Uhr gab es ein Kinderspielfest im und um das Festzelt. Gesponsert wurde das Fest von der Raiffeisenbank Maintal. Am Abend gestaltete Gloria Reuter mit ihrer Musikshow den Ausklang der 1200-Jahrfeier.

 

Marktstraße: Eine „Marktstraße und Kunsthandwerk“ fand in der Schwanengasse und Untergasse statt. Vierzig Handwerker aus historischen Berufen stellten sich und ihren Beruf vor. Man konnte einen Drucker, Uhrmacher, Schuhmacher, Optiker, Seiler Korbflechter, Seidenmaler, Steinmetz und noch einige andere einheimische Künstler für das Fest verpflichten. Trotzdem mußte man noch auf auswärtige Teilnehmer zurückgreifen (zwischen 500 und 800 Mark pro engagiertem Mann bzw. Frau). An allen vier Tagen wird außerhalb des Zeltes ein Vergnügungspark aufgebaut werden. Soweit es ging hatte man sich bemüht, Schausteller zu engagieren, die ihr Gewerbe historisch gestalten.

 

Gewerbeschau: Viel Platz in den Vorbereitungen nahm die geplante Gewerbeschau ein. Fest stand, daß die Gewerbeschau nicht mehr im evangelischen Gemeindezentrum stattfinden wird. Unklar blieb aber noch der Zeitpunkt der Ausstellung des heimischen Gewerbes.

Festschrift: Die Festschrift zum Geburtstag erschien Ende dieses Jahres. Die Geschichte samt Chronik war hierin enthalten. Die Vereine hatten Gelegenheit, sich darzustellen. Und natürlich war auch das Festprogramm hier abgedruckt. Die Auflage wurde mit 15.000 Stück beziffert. An der Herstellung waren alle Dörnigheimer Druckereien beteiligt, finanziert wurde die Schrift durch Werbung;

Die Festschrift zählte 109 Seiten, enthielt wenig Werbung und war unterhaltsam geschrieben

mit einem informativ aufbereiteten Kurzabriß der Dörnigheimer Geschichte. Quer durch die Geschichte geleitet den Leser die Dörnigheimer Zeitung. Der erste Jahrgang dieses imaginären Blattes datiert auf 793. Der Autor des geschichtlichen Abrisses in der Festschrift, Werner Jung, wählte diese Form der Darstellung, um Teile der Dörnigheimer Geschichte in kurzer und zeitgemäßer Art und Sprache darstellen zu können. So lautet die Meldung vom 14. Juni 1474: „Heute hat der Mainzer Henker Arbeit bekommen. Seine Aufgabe bestand darin, zwei Bewohner des westlichen Besitztums der Hanauer Grafen einzurichten. Leider hat sich darunter ‑ auch ein Einwohner unseres Dorfes befunden.“

Auch das Jahrtausend‑Hochwasser im Jahre 1477, die erste Kartoffelanpflanzung in der Dörnigheimer Gemarkung im Jahre 1771 und andere denkwürdige Ereignisse aus der Dörnigheimer Geschichte werden auf diese Art präsentiert. Margret Schulz hat einen Text verfaßt mit der Überschrift „Dörnigheimer Frauen machen Geschichte“. Wie lebten die Frauen in Dörnigheim und auf welche Art und Weise gestalteten sie das Gemeinwesen? Antworten auf diese Fragen und Einblicke in die allgemeinen Lebensumstände, bei denen Frauen in der Vergangenheit tätig waren, bietet der Text.

Großen Raum widmet man in der Broschüre der Darstellung des vielfältigen und traditionsreichen Dörnigheimer Vereinslebens. In Kurztexten informieren die Vereine über ihre Geschichten und ihre Aktivitäten.

Illustriert ist die Festschrift mit zahlreichen historischen Fotos. Selbstverständlich enthält sie auch einen kompletten Überblick über das Festprogramm und eine Liste der am Festzug zur 1200-Jahrfeier Dörnigheims beteiligten Initiativen. Die Festschrift „1200 Jahre Dörnigheim“ wurde an alle Dörnigheimer Haushalte kostenlos verteilt. Interessenten aus anderen Stadtteilen und Kommunen konnten sie über das Hauptamt der Stadt Maintal beziehen.

 

Buch: Damit es ein fröhliches Fest werden kann, muß dafür hart gearbeitet werden. Eine dieser Aufgaben ist schon erledigt. 37 Autoren, drei Fotografen, ein Künstler, zwei Lektoren und sieben Sponsoren haben ein richtiges Buch, auf den Markt gebracht: „Dörnigheim nach 1200 Jahren. Berichte von Zeitzeugen“. Am Donnerstagabend stellten die stolzen Macher vom Historischen Kulturkreis die „unterhaltsame Dokumentation mit Anekdoten, Gedichten und mehr als 120 Bildern“ vor. Das 350 Seiten starke Buch schreibt die von Dr. Heinrich Lapp 1952 verfaßte Ortschronik für die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg fort.

Der Stadtteil am Main hat heute rund 15.000 Einwohner. Da sieht Geschichtsschreibung natürlich etwas anders aus als etwa 1651, wo hier nur 150 Menschen lebten. Der Pfarrer notierte damals, „Nicelas Lappens Hausfraue Helena hatte mit Michel Eberts, Nachbars allhier, Ehefrau Anna, ein Gezänk“. Derlei kuriose Episoden aus der heutigen Zeit fanden nur vereinzelt Eingang in die neue Chronik. Als am 3. Februar 793 ein gewisser Wolfbodo alles Gebiet zwischen Braubach und Surdafalache mit der Kirche von Turincheim, der „basilica que constructa est in honore s. Maria“ dem Kloster Lorsch schenkt, ist der Ort zum erstenmal erwähnt.

Die Dörnigheimer Menschen gehörten jahrhundertelang verwaltungsmäßig zu Hanau, fühlten sich aber nie dazugehörig. Während die Bischofsheimer in kriegerischen Zeiten in Hanau Schutz suchten, versteckten sich die Dörnigheimer im eigenen Wald. Die richtigen Alteingesessenen haben bis heute ein Heimatgefühl nur für ihren Ort.

Das mag die Haßliebe zu Maintal erklären. „Derngem bleibt Derngem, solang die Welt sich dreht“, sang Dora Kochhafen bei der Buchvorstellung mit Inbrunst ‑ und die anwesenden, Mitbürger stimmten überzeugt mit ein.

Das neue Buch mit alten Geschichten und aktueller Gegenwart beschreibt liebevoll dieses Gesamtkunstwerk Dörnigheim. Geschrieben von Laien sind die behandelten Themen schier allumfassend, von der politischen Entwicklung, Chören und Kirche, Feuerwehr, Karneval, Sport, Handel und Gewerbe bis zu Kindergärten, Schulen, Polizei, Friedhöfen und Mundart. Erzählt werden Anekdötchen und Schmankerl, geschildert sind Völkerwanderungen und Ausländerprobleme, die Kunst kommt nicht zu kurz. Fast drei Jahre hat es gebraucht, von der ersten. Vorbesprechung bis heute, ehe das schöne Werk vollendet war. Den Titel ziert ein Aquarell von Helmut Hellmessen, zahlreiche Fotos schmücken die Seiten. Mit dem Kauf von fünfhundert Exemplaren hat die Stadt Maintal eine kostengünstige Auflage ermöglicht und sich bei den kritischen Dörnigheimern Pluspunkte verschafft. Das Buch kostet 39 Mark und ist im Frankfurter Verlag Waldemar Kramer erschienen.

 

Ausstellung: Vom 26. bis 28. März 1993 war eine Ausstellung im evangelischen Gemeindezentrum in Dörnigheim zu sehen.. Titel der Ausstellung ist „Dörnigheim in der Geschichte“. Sie wird organisiert von den Vereinen „Historischer Kulturkreis Dörnigheim“ und „Heimatmuseum Maintal“ in Zusammenarbeit mit der Stadt Maintal. Gezeigt werden unter anderem archäo-logische Funde und historische Fotos.

 

Historischer Festzug: Der am 18. Juli stattfindende „Historische Festzug“ bestand aus etwa 40 Wagen. Jeder Wagen wurde von einem Verein gestaltet und geschmückt. Etwa 1.000 Menschen, zahlreiche Wagen, Pferde und Rinder, nahmen an dem Umzug teil. Das Konzept des Festzuges sah vor, daß durch jeden einzelnen Wagen ein bestimmter Zeitabschnitt zwischen den Jahren 793 und 1993 dargestellt wird. Der Festzug war also chronologisch aufgebaut und zeigte Bilder aus der Geschichte Dörnigheims, angefangen bei den Germanen bis hin zur Gegenwart. Die Stadt Maintal hatte rund 400 Kostüme beim Heimatbund Seligenstadt geordert. Die Stadt übernahm die Leihgebühren für die Kostüme und die Materialkosten für den Bau der Festzugswagen. In Dörnigheimer Garagen und Scheunen lief der Wagenbau bis zur letzten Minute auf Hochtouren. Mit großem zeitlichen Aufwand, viel Phantasie und Geschick, bauten Mitglieder der Dörnigheimer Vereine die Festwagen.

Angeführt wurde der Festzug vom Festwagen der Stadt Maintal. Unter dem Motto 1200 Jahre Dörnigheim wurden auf dem Motivwagen die drei ältesten Bauwerke von Dörnigheim dargestellt. Dann folgten Bilder aus der Frühgeschichte der Siedlung. Mitglieder der Freien Turnerschaft stellten die Germanen dar, der FC Germania römische Besatzer, die im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert unser Gebiet besetzt hielten.

Von der Christianisierung kündete die nächste Zugnummer. Irische Mönche, unter ihnen der Walliser Bonifatius, verbreiten im heutigen Hessen das Christentum und bauten die ersten Kirchen.

Der CDU‑Ortsverband und der Schachverein stellten in ihrer Zugnummer den Anlaß der Jubiläumsfeier dar. Unter dem Titel „Die Schenkungsurkunde“ zeigen sie, wie Wolfbodo das Land zwischen Braubach und Surdafalache zusammen mit der Kirche von Turincheim an das Kloster Lorsch verschenkte.

Auch Karl der Große hatte seinen Platz im Festzug. Der Reit- und Fahrverein „Hubertus“ Hochstadt und der Ronneburger Reit‑ und Jagdclub erinnerten in einer Zugnummer an den im Jahre 800 zum Kaiser gekrönten Karl den Großen, der im nahen Frankfurt eine Pfalz unterhielt und auf seinen Reisen und Heerzügen auf der „Alten Straße“ auch über Turincheim kam. Die beiden Reitvereine erinnerten gemeinsam mit den Dörnigheimer Jägern an das Jahr 1064, als Heinrich IV. die Ländereien von Turincheim aus dem Besitz des Klosters Lorsch an das Jakobskloster in Mainz übergab.

Es folgte eine Szene aus dem Jahr 1333. Damals beerbten die Hanauer Grafen die vom Mainzer Jakobskloster eingesetzten Herren von Rieneck. Das Vogteirecht in Dörnigheim fiel den Hanauern zu.

Die nächste Zugnummer erinnerte an das 14. Jahrhundert. In dieser raub‑ und fehdefreudigen Zeit erhielt Dörnigheim seine Wehrmauer und die Landwehr mit Graben und Schutzhecke. Die Befestigungsanlagen sollten den Ort vor den auf der alten Frankfurt‑Leipziger Straße vorbeiziehenden Soldaten und Räuberbanden schützen. Erst gegen Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Dörnigheim über die Wehrmauer erweitert.

Auf das Jahr 1366 wird das Dörnigheimer Weistum datiert. Unter den Linden wurde dieser auf dem Lande übliche Rechtsvertrag von den Dorfältesten, den Schöffen und einem Vertreter des Mainzer Jakobsklosters verfaßt. In ihm wurden die Rechte des Abtes und die Pflichten der Einwohner gegen ihn festgeschrieben. Die Weistümer sollten Schutzbriefe für die Bevölkerung sein, de facto verloren die Einwohner jedoch damit fast alle Rechte.

Besiegelt wurde das Dokument mit dem Zeichen eines großen E, das sich auch im heutigen Dörnigheimer Wappen befindet. Das E ist jedoch nicht als Buchstabe zu verstehen: Die drei Balken deuten auf die drei Parteien hin, die im Dörnigheimer Gemarkungsgericht vertreten waren: das Kloster St. Jakob zu Mainz, die Grafen von Hanau und die Schöffen von Dörnigheim.

Eine weitere Zugnummer stellte Dörnigheim an der Straße dar. Mit dem Wachstum der Städte und der Bevölkerung, dem ,Aufblühen von Handel und Handwerk gewann die Frankfurt‑ Leipziger Straße an Bedeutung. Sie wurde nun innerhalb der Wehrmauer durch den Ort, der nun „Dorenkem“ genannt wurde, hindurch geführt. Erste Wegegelder und Zölle wurden erwähnt.

Der „30jährige Krieg“ war Thema der nächsten Darstellung. Dörnigheim wurde bereits zu Beginn des Krieges von durchziehenden spanischen Soldaten unter Spinola gebrandschatzt. Zeitweise gehörte unsere Region zum Hauptkriegsschauplatz um Frankfurt. Gegen Ende des Krieges schrieb der Pfarrer von Bergen in seinen Annalen hinter den Ort Dörnigheim: ganz abgebrannt.

Die folgende Darstellung berichtete von den Ereignissen des Jahres 1615. Es sollte als das große Pestjahr in die Geschichte unserer Gegend eingehen. Später brach diese Seuche noch öfters aus. Verseuchtes Brunnenwasser führte sogar zu vermehrtem Anbau von Wein in den Wingerten. Sie belieferten Dörnigheim jedoch nur mit einem mäßigen qualitätsvollen Rebensaft.

Üble Folgen hatte das „Tabakrauchen“ in Dörnigheim. Für Dörnigheim hatte der im 15. Jahrhundert durch die Entdeckung Amerikas auch hier bekannt gewordene Tabak schlimme Folgen. 1658 und 1663 wurde fast der ganze Ort das Opfer von Großbränden, die durch Tabakrauchen ausgelöst wurden. Der damalige Pfarrer beklagte dies bitterlich. Dem Tabak widmete die Rauchgesellschaft 1895 Bischofsheim, die Freiwillige Feuerwehr Dörnigheim und der DRK‑Ortsverein Maintal eine eigene Zugnummer.

Im Jahre 1720 wurde die Kirchengemeinde Dörnigheim selbständig. Auch diesem Anlaß wurde eine Zugnummer gewidmet. Es folgte eine Darstellung des Mains als Verkehrsweg. Aufgrund des schlechten Zustandes der noch unbefestigten Straße war der Wasserweg für die am Fluß lebenden Menschen ein wichtiger Verkehrsweg. Der unregulierte Main war jedoch an vielen Stellen zu flach für die Schiffahrt. Größere Schiffe mußten deshalb vom Ufer aus über seichte Stellen gezogen werden. Auch bei Dörnigheim wurde der Main von einem sogenannten Lein‑ oder Treidelpfad begleitet.

Die nun folgenden Zugnummern befaßten sich mit den Themen: „Das Leben auf der Straße“, „Mozart und Beethoven auf der Durchreise“, „Die Napoleonischen Kriege“ und „Die Gemeindewahlen“. Durch die französische Besatzung trat im Gemeindeleben eine Wandlung ein. Neben dem herrschaftlichen Schultheiß, der sich jetzt mit dem französischen „maire“ nennen ließ, wurden jedes Jahr zwei weitere Bürgermeister, drei Feldschützen, ein Waldaufseher, ein Gerichtsdiener, ein Gemeindebäcker, ein Gemeindekuhhirt und ein Schweinehirt gewählt und in die Ämter eingesetzt.

Die Turngemeinde 1822 e.V. Dörnigheim stellte in ihrer Zugnummer ein weiteres wichtiges Ereignis in der Dörnigheimer Geschichte dar: Der Vertrag zu Dörnigheim. Durch den im Dörnigheimer Gasthaus „Zum Adler“ abgeschlossenen Vertrag trat Hessen aus dem frankreichhörigen Rheinbund aus und verbündete sich mit Osterreich und Bayern gegen Napoleon. Handwerksberufe um 1800 waren das nächste Thema.

Dann folgt eine Darstellung der Lutheraner und Reformierten. Im Jahre 1818 vereinigten sich die Lutheraner und die Reformierten im Hanauischen Land zu einer Gemeinde. Seitdem nennt sich unsere Kirche am Main „Evangelische Kirche zu Dörnigheim“.

Der Skatclub „Die Maintaler“ stellte den Bau der Bahnlinie dar. Gegen den Protest der Frankfurter Lohnkutscher wurde 1845 mit dem Bau der Bahnlinie Frankfurt‑Hanau begonnen und 1848 mit dem Stationsgebäude Hochstadt-Dörnigheim eröffnet.

Es folgte eine Zugnummer des Volkschors 1860 e.V. Dörnigheim mit dem Titel „Die Bürgerwehr“. Berichtet wurde von dem Erlaß des Jahres 1848, als alle Gemeinden Bürgergarden einrichten sollten. Die Dörnigheimer Gemeindevertreter beließen es bei dem Kauf eines Signalhorns. Im Herbst 1849 kamen dann preußische Truppen nach Dörnigheim. Auch sie hatten ihren Platz im Festzug.

Mit dem Beginn der Industrialisierung beschäftigte sich die nächste Zugnummer. Der Bau der Eisenbahn, die Einrichtung großer Industriebetriebe in Frankfurt, Hanau und Offenbach, die Erfindung von Fahrrädern und Automobilen ‑ all dies wandelte das Bild auf der Frankfurt‑ Leipziger Straße. Waren es vorher Fuhrleute, die die Dörnigheimer Gasthäuser aufsuchten, so kamen jetzt hauptsächlich die Besucher der Frankfurter Messen.

Die nächste Zugnummer war den ältesten Dörnigheimer Vereinen gewidmet. Um 1860 begannen auch in Dörnigheim die ersten Vereinsgründungen. Im Jahr 1918 wurde dann ein Arbeiter‑ und Bauernrat in Dörnigheim gewählt. Dargestellt wurde dieses Ereignis vom SPD‑ Ortsverband Dörnigheim.

Ein wichtiges Ereignis in der Geschichte Dörnigheims war auch der Anschluß an das Strom‑ und Wassernetz. Der Kleingärtnerverein Dörnigheim e.V. zeigte mit seiner Darstellung die Jahre 1920 bis 1927 auf, als Dörnigheim an die Wasserleitung vom Vogelsberg nach Frankfurt angeschlossen wurde.

Unter der Regie der Stadt Maintal kam die nächste Zugnummer zustande. Erinnert wird an das Dritte Reich. Mit den Regierungswahlen 1932, die der NSDAP den höchsten Stimmenanteil bescherten, hielt das Dritte Reich auch in Dörnigheim seinen Einzug. Der Rücktritt des sozialdemokratischen Bürgermeisters im Jahre 1933 und die Einsetzung eines kommissarischen Bürgermeisters waren die Folge und führten bereits im gleichen Jahr zu ersten Verhaftungen und in der Folge auch zu Inhaftierungen in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Die Opfer waren Mitglieder der kommunistischen Partei und Juden. Der Arbeiterbewegung nahestehende Vereine wurden aufgelöst, was ein ebenso empfindlicher Eingriff in das Gemeindeleben bedeutet, wie die Rekrutierung junger Menschen zum Arbeitsdienst oder später zum Kriegseinsatz.

Im Jahre 1945 kamen die Befreier. Die folgende Zugnummer stellt den Einmarsch der Alliierten dar. Große Aufregung herrschte in Dörnigheim als die Amerikaner mit Pontonbrücken über den Main kamen. Mit ihnen kamen Jazz, Kaugummi und bald auch Jeans in die Gemeinde. Unter anderem wirkten amerikanische Soldaten aus Erlensee an der Gestaltung dieser Zugnummer mit.

Von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen kündete das nächste Bild. Ausgebombte aus Hanau und Frankfurt sowie Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen und Heimatvertriebene aus dem Sudetenland fanden in Dörnigheim Aufnahme und eine neue Heimat. Sie trugen maßgeblich zur Erweiterung des Ortes bei.

Ein anderer Motivwagen erinnerte daran, wie im Mai 1957 in der Hasengasse in Dörnigheim die erste katholische Kirche entstand. Es folgten die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. In bunten Trachten beteiligten sich die Griechische Gemeinde Maintal, die Portugiesische Gemeinde Maintal, der Türkische Kulturverein und der Hessisch‑Armenische Partnerschaftsverein aus Frankfurt am Festzug. Im Jahr 1959 kamen die ersten italienischen Gastarbeiter nach Dörnigheim. Seither hat sich der Anteil der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger auf etwa 14,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung erhöht. Sie sind fester Bestandteil des Lebens in Dörnigheim.

Es folgten weitere Zugnummern, die sich den Themen „Derngemer Fassenacht“, „Dörnigheim wird Stadt“ und „Der Gründung der Stadt Maintal“ widmen. Fünf bis sechs Dörnigheimer Betriebe nahmen ebenfalls am Festzug teil und stellten sich vor. Dann folgten die Maintaler Partnerstädte: Gäste aus Moosburg, Esztergom, Luisant und Katerini beteiligten sich am Festzug.

Großen Platz hatte man auch dem Dörnigheimer Nachwuchs gelassen: Kindertagesstätten, ein Hort, die Dietrich-Bonhoeffer‑Schule sowie die Vereinsjugend des Akkordeon‑ und Trachtenclubs und der Jugend‑Musik‑ und Kunstschule machten mit beim Festzug.

Und dann waren da noch die Maintaler Vereine, wie der 1. Maintaler Tanzsportclub, der Geflügelzuchtverein und viele andere, die am Ende des Zuges marschieren. Die Route des Festzuges verlief anlog zum Maintaler Fastnachtszug. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen jedoch Aufstellung in der Wilhelmsbader Straße.

 

Kerb

Kerb, das hieß nach dem Krieg noch: Kerbe‑Donnerstag feiern bei der Feuerwehr und Samstag und Sonntag Tanz und Unterhaltung im „Schiffchen“ und im „Weißen Roß“, das hieß, ein, zwei Kinderkarussells am Main und einen Zuckerstand. Kerb, das hieß aber auch: Kartoffelsalat mit Bratwurst und „Kerbekuche“. Damit die Bratwurst frisch war, verkauften die Metzger ausnahmsweise am Kerbe-Sonntag „übern Hof“. Verwandte kamen von außerhalb zu Besuch und feierten mit. Kurz, selbst zur „Nachkerb“ am folgenden Wochenende war alles auf den Beinen.

Das änderte sich mit der Stadterhebung von Dörnigheim. Nun wurde die ganze Kerb kurzerhand an die noch wenig bebaute Berliner Straße verlegt und hieß von nun an „Stadtfest2. Jetzt gab es ein paar Karussells und ein paar Buden mehr, aber nur noch ein Festzelt anstelle der Gasthäuser. Es gab keine Kerbeburschen mehr und auch sonst waren die alten Dörnigheimer nicht so ganz glücklich mit dieser Leistung.

Dann mußte das Stadtfest dem Neubau der Maintal‑Halle weichen und 1979 wurde eigens ein Festplatz am Bahnhof hergerichtet, mit einer öffentlichen Bedürfnisanstalt und auch sonst allem drum und dran. Aber da wollten die Bürger nicht mehr so recht. Einige Jahre lief die Kerb wieder unter ihrem alten Begriff, aber obwohl die Vereine im Wechsel die Ausrichtung übernommen hatten, fanden immer weniger Bürger den Weg zu diesem Platz. Das änderte sich auch dann nicht, als die Kerb vom zweiten Wochenende im August zum „Pfingstfest“ wurde.

So begannen Anfang der 80er Jahre die Dörnigheimer ihrer Freude am gemeinsamen Feiern auf andere Weise gerecht zu werden. Die große Zeit der Straßenfeste begann. Allen voran die Anwohner der Kantstraße und der Burgernickelstraße. Am Nachmittag saß man gemütlich bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen auf der abgesperrten Straße, und am Abend wurde bei Lampenschein gegrillt.

Bis heute gehalten hat sich das Straßenfest im oberen Teil der Burgernickelstraße, wo alljährlich gegen Ende August nicht nur einen ganzen Sonntag lang gefeiert wird mit Kinderspielen, Kaffee, Kuchen und Gegrilltem, sondern auch am Sonntagvormittag ein sogenanntes Bayerisches Frühstück stattfindet. Gegessen werden hauptsächlich die Reste vom Vortag, und dazu fließt natürlich reichlich Bier.

Im August 1986 fand dann das erste „Derngemer Maafest“ auf den Mainwiesen statt. Fast alle Vereine beteiligten sich mit Festzelten und Ständen, es gab zu Essen und zu Trinken was immer man begehrte. Anfangs kamen die Kinder ein wenig zu kurz mit nur einem Karussell, aber in den folgenden Jahren standen Ponys zum Reiten zur Verfügung und einige Vereine organisierten Kinderspiele. Einmal ließen die Veranstalter ein Riesenluftkissen aufblasen, auf dem die Kinder federnd herumhüpfen konnten. Die Hauptattraktion ist aber sicher das Feuerwerk, das alljährlich zum Ausklang des Mainfestes am Sonntagabend über dem Main abgeschlossen wird ‑ und: So naß wie das erste total verregnete Maafest ist es seitdem nicht mehr geworden

 

Weihnachtsmarkt

Seit 1980 veranstaltet der Historische Kulturkreis Dörnigheim alljährlich im Dezember vor der Kulisse der alten Fachwerkhäuser in der Frankfurter Straße und der Schwanengasse einen Altstadt-Weihnachtsmarkt. An 40 bis 50 festlich geschmückten Ständen findet sich ein breites Angebot an Geschenkartikeln, Kunsthandwerk und Speisen aller Art. Nach dem Einläuten des Marktes durch die Glocken der Evangelischen Kirche am Samstag des dritten Advent, herrscht ab 14 Uhr im alten Ortskern bis Sonntagabend buntes Treiben. Schulkinder singen, eine Schülerauswahl des Musik-Corps Bischofsheim oder der Akkordeon- und Trachtenclub und das Blasorchester der Turngemeinde spielen weihnachtliche Weisen. In der Kirche am Main werden Märchen aufgeführt oder die Gospelgruppe „Die Jackson-Singers“ bringen weihnachtliche Stimmung in die Gemeinde. Dörnigheimer Vereine bieten von Schmalzbrot über Schwenksteaks bis hin zum Gyros, vom Glühwein bis zum heißen Slibovic alles, was der Magen begehrt. Kunsthandwerker verkaufen selbstgemachte Puppen oder kunstvolle Keramikarbeiten, und vom Kleinen bis zum Großen finden Geschenkartikel ihre Abnehmer. Eine weihnachtlich geschmückte Pferdekutsche lädt zuweilen zu Rundfahrten ein, und der Nikolaus verteilt kleine Präsente an die Kinder. Am Sonntagabend beendet auch das Kinderkarussell seine Runden, wenn um 21 Uhr die Kirchenglocken das Aus des Marktes läuten.

 

Karussell

Mit dem Bau seines schmucken, antiken Karussells verwirklichte sich der Maintaler Walter Allmannsdorfer einen Kindheitstraum. Der 1926 geborene alteingesessene Bürger, der gelernter Schlosser ist, konnte seine Erinnerungen noch aus der Vorkriegszeit an die Kirmes unten am Mainufer nicht vergessen. Als junger Mann begann er sein Bastelwerk 1943 und stellte es, unterbrochen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges, 1946 fertig.

Frei aus dem Kopf und mit viel Liebe zum Detail schuf Walter Allmannsdörfer ein elektrisches, zweistöckiges Karussell von einem Meter Durchmesser und 90 Zentimeter Höhe von großer Farbenpracht. Gekostet hat das Werk den Hobbybastler nur etwa 100 Mark für die Pferde, alles andere Arbeitsmaterial sammelte er sich selbst Der ideelle Wert dieser Seltenheit macht das Karussell zu einem unbezahlbaren Stück.

Zwei runde Holzplatten, Boden und Decke, bilden den Rahmen für zwei Etagen, auf der unteren sind zwei Vierspänner mit weißen und braunen Pferdchen angebracht, dazwischen laden vier Kutschen zum Einsteigen ein. Im oberen Stockwerk befinden sich kleine Holzschiffchen und zwei „Kaffeemühlen“. Diese altertümliche Bezeichnung benennt ein Paar sich drehender Gondeln, in denen winzige Schwarzwaldpüppchen Kirmesluft schnuppern.

Im Jahre 1952 heiratete Walter Allmannsdörfer die damals 18jährige Irmgard. Nach und nach stellte sich eine Kinderschar ein. Irmgard Allmannsdörfer erzäh1t, daß das Karussell jedes Jahr zu Weihnachten ausgepackt worden sei. Leuchtend und bunt stand es neben dem geschmückten Weihnachtsbaum und den verpackten Geschenken. Dann begann die Bescherung. „Die Kinder kamen rein und das Christkind war gerade durch das offene Fenster entschlüpft“, fährt Frau Allmannsdörfer fort. „Sie nahmen meine Hand und zogen mich staunend mit strahlenden Augen vor das Karussell. Das ist ein Anblick, den kann ich nie vergessen. Das ist was fürs Herz.“

Heute sind alle Kinder erwachsen und verhetrate4 aber die Enkel kommen voller Freude zu Omas und Opas Karussell. Die Großfamilie ist stolz auf ihren Zusammenhalt und pflegt die Familientradition bewußt. Ein wenig verändert hat sich das Kirmesstück durch das ständige Erneuern, Renovieren und Restaurieren in mehr als vierzig Jahren schon. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt Seit Neuestem erklingt sogar Orgelmusik zum Ringelreigen der antiken Kutschen, original vom Frankfurter Weihnachtsmarkt aus einer 1905 erbauten Orgel.

 

 

Anekdoten

Der Gemeindebulle

Im Jahre 1953 oder 1954 war es, da brauchte man in Dörnigheim einen neuen Gemeindebullen. Der damalige Bürgermeister Wilhelm Lapp, der Ortslandwirt Friedrich Ickes, die Bauern Adam Schäfer, Jakob Rauch, Wendelin Coy, Karl Lapp, Wilhelm Schmidt und der Metzger Heinrich Neupert machten sich auf den Weg, um in der näheren und weiteren Umgebung zum Verkauf stehende Bullen zu besichtigen. Beim ersten ging der Adam Schäfer noch ziemlich zielstrebig und tatkräftig allen voran auf den Stall zu und öffnete die Tür. Sofort witterte der Bulle die Freiheit, stürmte auf den Hof hinaus und griff den entsetzt zurückweichenden mit gesenktem Kopf an. Dieser gab Fersengeld und konnte sich gerade noch rechtzeitig am Jauchepumpenschwengel auf den höchsten Punkt des Bauernhofs, den Misthaufen, hochziehen. Aus dieser mißlichen Lage gelang ihm die Befreiung erst, als der Bauer das Tier eingefangen hatte. Natürlich wollte man diesen Bullen nicht mehr kaufen. Aber den nächsten wollte man auch nicht, allerdings aus einem anderen Grund: Für gewöhnlich haben Bullen hellhäutige Hodensäcke, dieser aber hatte schwarze. Da meinte der Bauer Lapp: „Den kenn mer net nemme, mir sin doch kaa katholisch Dorf.“

 

Neuzeit‑Problem

Bevor man problemlos von Dörnigheim aus mit dem Auto in Hanau seinen Geschäften nachgehen konnte, kam es häufig vor, daß ein Bauer sein übliches Fahrzeug, den Pferdewagen, für diesen Weg benutzte. So geschehen im Sommer 1947: Der Bauer Karl Lapp fuhr mit dem Friedrich, der ein gutmütiger Kerl war und überall half, wo er gebraucht wurde, mit dem Pferdewagen nach Hanau und begab sich aufs Landratsamt.

Währenddessen blieb der Friedrich auf dem Wagen sitzen und wartete auf die Rückkehr des Bauern ‑ aber unglücklicherweise in dem damals neu eingerichteten „Halteverbot“. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein Polizist und machte den stoisch auf dem Wagen Sitzenden auf diesen widrigen Umstand aufmerksam. Er forderte ihn auf, den Platz zu verlassen, allenfalls er mit einer Ordnungsstrafe zu rechnen hätte. Unbeeindruckt sah der Friedrich von schräg oben nach schräg unten auf den Hüter des Gesetzes und sagte lakonisch, wobei er auf das Landratsamt deutete: „Saas em Kall, saasem dousem“ (Sag du es dem Karl). Seit jenem Tage gehört diese Redewendung zum alltäglichen Sprachschatz der Dörnigheimer, und wenn ein Zeitgenosse gar zu aufdringlich wird, hält man sich das verdutzten Gegenüber vom Leibe mit einem ebenso entschiedenen wie gleichgültigen „Sach’s em Karl!“

Täglicher Trott

Bis wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg wurde die täglich anfallende Milch von den Dörnigheimer Bauern zum Hof des Landwirts Rauch in der Hintergasse und von ihm mit seinem Pferdefuhrwerk zur Milchzentrale nach Hanau gebracht. Als das Fuhrwerk eines Tages wartend vor dem Haus des Ernst Manns stand, beugte sich eine Frau oben aus dem Fenster und machte spaßeshalber ein schnalzendes Geräusch. Das war genau der übliche Befehl für das Pferd zum Weitergehen. Und so ging es los. Schnurstracks nach Hanau zur Milchzentrale. Der Bauer hatte das Nachsehen. Er mußte in weitem Abstand zu Fuß hinter seinem Fuhrwerk herlaufen.

 

Dem Nachwuchs eine Chance

Der durch seine aktive Parteipolitik und regelmäßigen Veröffentlichungen in der Presse seit vielen Jahren bekannte Kommunalpolitiker Kurt Romeiser hatte eines Tages einen Fensterputzer engagiert. Der junge Mann sagte beim Betreten der Wohnung grübelnd: „Romeiser? Den Namen hab’ ich doch schon mal gehört.“ Kurt Romeiser schwieg natürlich in stolzer Bescheidenheit. Als der Putzer jedoch zum Fenster des Jugendzimmers kam, tippte er sich an die Stirn und rief aus: Jetzt weiß ich’s: Ihr Sohn spielt bei den Germanen Fußball!“

 

Der Stallhas

Während und nach dem Krieg hielten viele Dörnigheimer, wie überall auf dem Land Hasen, zur Verbesserung des Speisezettels. Als die Zeiten besser wurden, hörte man nach und nach mit der Zucht auf und riß die Ställe ab. So war es auch im Elternhaus der Dora Kochhafen. Ein Hase war letzten Endes noch übrig geblieben und den wollte man aus Sentimentalität nicht schlachten. Die Kinder liebten ihn. Er liebte die Hühner, lebte mit ihnen, unterwühlte den ganzen Stall, fraß mit den Hühnern Körner und wurde fett. Eines Tages entschloß sich nun Vater Hans Seibel doch, das Vieh zu schlachten. Der Hase kam gebraten auf den Tisch, aber niemand wollte so recht davon essen. Die Kinder fanden Ausreden, daß da noch ein Klümpchen Fett dranhängt, dort könnte man tatsächlich noch ein Fetzchen von den Därmen erkennen und so... Da packte den Vater, dem es wohl selbst nicht ganz einerlei war, die Rage. Er schmiß den gebratenen Hasen in den Hof und schrie den Hühnern zu: „Ihr habt mit’m gespillt, jetzt kennt ern aach fresse!“

 

Kindertheater

Die Kinder der Dörnigheimer Jugendkunstschule, die damals noch Elternverein Dörnigheim hieß, treten unter anderem einmal im Jahr mit einer Theateraufführung an die Öffentlichkeit. So geschah es auch am 4. Dezember 1977. Gespielt wurde das Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“. In der Frühstücksszene, nach der bekannten schlaflosen Nacht der Prinzessin, saßen die kleinen Schauspieler am königlich reich gedeckten Tisch beim Essen. Sie waren gehalten, beim Sprechen nicht so starr dazusitzen, sondern zu „agieren“, das Gesicht hauptsächlich dem Publikum zuzuwenden und ins Mikrofon zu sprechen.

So tat es auch der Prinz im Gespräch mit der Königin, im Beisein der übrigen königlichen Familie. Er schaute beim Sprechen mit der Frau Mama vorschriftsmäßig in Richtung Publikum, schnitt dabei eine Scheibe Rührkuchen ab, legte vornehmlich eine Scheibe Schnittkäse darauf und begann, das ganze zierlich mit Messer und Gabel zu essen. Da aber war es um die Disziplin der Tischrunde geschehen: Nachdem die Kinder sekundenlang versucht hatten mit zusammengepreßten Lippen das Lachen zu verkneifen, prusteten sie los, unfähig weiterzusprechen. Die Theaterleitung sah sich genötigt, das Publikum um Verständnis zu bitten, und nach einigen Minuten der allgemeinen Heiterkeit konnte das Spiel weitergehen.

 

 

 

Mundart

 

Gedicht

Ein kleines Dörfchen, hier bei uns in Hessen,

is Derngem, un es leit direkt am Maa

mit alten Häusern und vertrauten Gassen

hier is es schee, hier fiehlt mer sich dehaam.

De aale Lennenbaam steht noch beim Brundl,

wo’s grodaus zu de Kerch, zum „Schiffsche“ geht,

dem Maa‑Lissy sei Fähr faährt noch nach Müllem,

die aale Schul, es Rathaus aach noch steht.

Die Kenn sein friehr aach barfuß noch gelaafe,

ins Schorsche stand an Kirb im Hof e Zelt.

Beim Neuwert konnt mer sonntags Bratworscht kaafe,

die Melch hot mer beim Bauer noch bestellt.

Aach konnte mir im Maa damals noch bade,

zum Spille war da de schenste Platz,

im Wissegrund im Winter Schlittschuh laafe,

de Maalustberg wor unser Rodelplatz.

Genau vor eintausendzweihundertunddrei Jahren

entstand des klaane Derfsche hier am Maa,

die ersten Siedler, die Zigeuner waren,

und weil’s hier schee wor, bliebe se gleich da.

Den zugerasten Birger woll’n wir lieben,

weil das vielleicht aach so’n „Zigeuner“ ist,

sonst wäre er in Derngem net gebliewe,

denn Sippentreu’ ist erste Bürgerpflicht.

Un wenn mer aach jetzt „Maintal“ heiße,

des stert uns zwar un sin aach net defier,

denn Derngem kann mer aus ein Herz net reiße,

dagegen: „Maintal“ steht nur uff Babier.

So lang, ihr Leut, daran gibt es kein Zweifel,

de Maa an Derngem noch vorüberfließt,

so lang wird Derngem immer Derngem bleiwe,

weil es am Maa un uns am Herze lischt.

Refrain:

Des alte Dörnigheim, net groß un aach net klaa,

des is un bleibt für uns die Perle hier am Maa.

(Dora Kochhafen, 1981. Zu singen nach der Schlagermelodie: „Das alte Försterhaus“)

 

„Do naus hun ich gesaat“

Die „Mehlmuck“ lieferte mit unzähligen rustikalen Bonmots und unnachahmlicher Situationskomik immer wieder

Gesprächsstoff zwischen der alten Linde und dem Bahnhof. Eines Tages nun fuhr eine Frau mit ihrem Fahrrad durch Dörnigheim. Sie war ortsunkundig, wollte nach Hanau, und als sie jemanden suchte, der ihr den rechten Weg weisen konnte, geriet sie ausgerechnet an die „Mehlmuck“. Auf die Frage, wo es denn in die Goldschmiedestadt gehe, erklärte ihr der Mann den Weg. Die Frau aber hatte entweder nicht aufmerksam zugehört oder die Straßen verwechselt ‑ wie dem auch sei: sie fuhr nicht in die angegebene Richtung. „.Mehlmuck“ rief ihr erbost hinterher: „Dummdabbisch Kouh, do naus hun ich gesaat! (Übersetzung für Dialekt‑Unkundige: „Dumme, dusselige Kuh, dort hinaus habe ich gesagt!“).

 

 

Literatur:

Heinrich Lapp: Dörnigheim am Main, Die Geschichte eines Dorfes, 1952

Heinrich Lapp: Dörnigheim in Geschichte und Gegenwart, 1964

Bernd Salzmann: „Keiner will es gewesen sein“, Dörnigheim im Nationalsozialismus, 1991

Ingeborg Schall: Daten der Dörnigheimer Geschichte im Spiegel der Zeit, 1992

Dörnigheim nach 1200 Jahren, 1992

Werner Jung: 1200 Jahre Dörnigheim, 1993

Ingeborg Schall: Grenzen und Fluren der Dörnigheimer Gemarkung, 1997

Ingeborg Schall: Dörnigheim in alten Bildern, 1998.