Schmalkalden Stasi

 

Kirche ohne Stasi ?

Das Verhältnis von DDR-Staat und Kirche im Kirchenkreis Schmalkalden

 

In jahrelanger Arbeit habe ich die Unterlagen der Behörde des „Beauftragten für die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR“ in der Außenstelle Suhl erforscht, soweit sie die Kirche im Dekanat Schmalkalden (heute Kirchenkreis Schmalkalden) betreffen. Dabei ist ein etwa 300 Schreibmaschinenseiten starkes Manuskript entstanden, das nicht alles aufhellen kann, aber doch manche Hintergründe aufzeigt. Im Schriftbild ist dabei kenntlich gemacht, was zusammenfassende Wiedergabe der Akten ist und was meine eigenen Ergänzungen und Wertungen dazu sind (Kursivschrift).

Das Manuskript beginnt nach einigen einleitenden Bemerkungen über das Dekanat Schmalkalden mit der Darstellung der Täter, also der vier hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit in der Kreisdienststelle Schmalkalden und des inoffiziellen Führungsmitarbeiters,  der als Beauftragter für Kirchenfragen beim Rat des Kreises arbeitete.

Es folgt dann die Schilderung des Kampfes kirchlicher Mitarbeiter und Gruppen gegen die Versuche der Staatssicherheit, den vermeintlichen Einfluß der Kirche einzudämmen. Hier geht es um Christenlehre und Konfirmation, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung und Nachteile in Schule, Armee und Beruf. Es geht um Umweltgruppen, Neubauarbeit und Gemeindetage. Das alles wird dann noch einmal dargestellt am Beispiel der handelnden Personen, vor allem der Pfarrer (in dieser zeitlichen Reihenfolge) Hülsemann, Heckert, Kramer und Hauser. Auch die Haltung der anderen Pfarrer wird beleuchtet.

Auf der kurhessen-waldeckschen Landessynode wurde der vorläufige Bescheid der Behörde des Bundesbeauftragten  verkündet, wonach kein kirchlicher Mitarbeiter im Dekanat Schmalkalden ein sogenannter „Inoffizieller Mitarbeiter“ war, und mit Beifall entgegengenommen. Das wird auch bei einem eingehenden Studium der Akten belegt: Es gab niemanden, der für Geld und mit einer Verpflichtungserklärung für die Staatssicherheit gearbeitet hat (und nur das beinhaltete die Auskunft an die Landeskirche). Es gab nur ein Mitglied des Kirchenkreisvorstandes, das von der Behörde als „Inoffizieller Mitarbeiter“ eingestuft wurde,  das aber nicht bei der Kirche angestellt war.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. In Wirklichkeit gab es eine abgestufte Zusammenarbeit mit dem Staat, die gleichbedeutend war mit einer Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, wie jeder damals wissen mußte. Das Spektrum geht dabei bis hin zu „gleichbedeutend mit inoffizieller Mitarbeiter“. Ich habe in diesem Zusammenhang die Unterscheidung getroffen zwischen „offizieller IM“ (also mit Verpflichtungserklärung und Geldprämie) und „inoffizieller IM“. Diese Wortprägung ist meines Wissens neu.

Der „inoffizielle IM“ bezeichnet einen Menschen, der zum Beispiel wegen seiner kirchlichen Bindung, niemals bereit wäre, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben, weil er das als Verrat an der Kirche angesehen hätte. Er war aber bereit, gefragt oder ungefragt über alle innerkirchlichen Vorgänge Auskunft zu geben, so daß sie Stasi vorbeugende Maßnahmen ergreifen konnte. Und er war bereit, im Sinne  der Stasi zu handeln. Natürlich geschah das nicht plump, sondern es wurde gesagt: „Im Interesse eines guten Verhältnisses zwischen Staat und Kirche wäre es doch besser, wenn man dies oder jenes unterließe und es statt dessen so machte!“

Dieser Begriff „gutes Verhältnis zwischen Staat und Kirche“, der ja auch in anderen Zusam­men­hängen immer wieder fiel, wurde von einigen Pfarrern mit der Zeit immer mehr so ausgelegt: Nur bei einem guten Verhältnis werden auch weiterhin Genehmigungen für Dienstreisen ins westliche Ausland erteilt! Jeder in der Kirche, ob Gemeindeglied oder Angestellter, der dieses Verhältnis gefährdete, wurde deshalb bekämpft. Dann wurde auf dem Dienstweg versucht, die betreffende Person einzuschüchtern, zu maßregeln und auf Linie zu bringen. Leider haben der Dekan und die Mehrheit im Kirchenkreisvorstand sich je länger je mehr in diesem Sinne gebrauchen lassen - aus Angst um ihre Westreisen.

Das ist der weitere Punkt, der nach meiner Ansicht sehr deutlich aus den Akten hervorgeht: Über die Dienstreisen in der Westen hatte die Staatssicherheit gar manchen Pfarrer in Abhängigkeit gebracht. Er hat sich das selber nicht eingestanden, aber er war nicht nur vorsichtiger in seinen Äußerungen, sondern war auch einfach bereiter, im Gespräch so ganz unverbindlich innerkirchliche Dinge auszuplaudern, die er besser für sich behalten hätte, im Interesse des Schutzes der Kirche und der Gemeindeglieder.

Ein Gebiet ist in diesem Zusammenhang besonders belastend: die Ausreise in den Westen. Da kamen Gemeindeglieder zu ihrem Pfarrer, um mit ihm über ihre Ausreiseabsicht zu sprechen und sich Rat zu holen. Besonders ein Pfarrer hatte dann aber nichts Eiligeres zu tun, als sofort den Beauftragten für Kirchenfragen zu benachrichtigen im Sinne von: „Kümmert euch einmal um den, der hat eine Antragstellung vor!“ Das Ziel war, den Betreffenden „gemeinsam“ von der Antragstellung zurückzuhalten.

Zwei Pfarrer sind sogar in den Westen gereist, um eine Gemeindeglied zur Rückkehr zu bewegen, das von einer Westreise nicht zurückgekehrt war. Angeblich geschah das auf Wunsch der Familie. Aber eher war es so, daß die Intiative von der Stasi ausging. Aber auch wenn die Familie zuerst den Wunnsch hatte, mußte man sich ja wegen des Visums an den Beauftragten für Kirchenfragen wenden. Man mußte ihm natürlich auch den Reisegrund nennen.

Und schon wurden Aufträge mitgegeben. Der Pfarrer sollte nämlich den Ehepartner aushorchen, ob er an seiner Ehe festhalten wolle, weil davon die Entscheidung abhing, ob auch der Rest der Familie ausreisen durfte. Ein Pfarrer wollte bei dieser Gelegenheit von der Stasi sogar Westgeld für die Reise haben.

Nach der Rückkehr wurde dann haarklein dem Beauftragten für Kirchenfragen erzählt, was der Besuchte über seine Ehe erzählt hatte. Da erzählt jemand seinen Pfarrer Dinge, die unter das Beichtgeheimnis fallen und die er nicht einmal einem Kollegen hätte weitersagen dürfen. Aber er hat keine Hemmungen, dies einem Vertreter des Staates haarklein zu erzählen, weil davon seine Reisen in den Westen abhängen (oder die der Ehefrau).

Solche Vorgänge sind heute natürlich auch der Kirchenleitung zugänglich. Ein Pfarrer aus dem Kirchenkreis Schmalkalden (Pfarrer Bunge) hat ja auch die Unterlagen gesichtet. Er kommt aber offenbar zu anderen Schlüssen als ich, obwohl die Tatsachen doch nicht wegzuleugnen sind. Aber es bestehen Zweifel daran, ob man es wirklich so genau wissen will. Nach der Wende hat man sich anders entscheiden: Die der Stasi nicht entgegengetreten sind oder ihr sogar zur Hand gegangen sind, die werden weiter geehrt. Ihre Opfer aber werden weiter ausgegrenzt und verfemt.

Das gilt vor allem für die Familie Emmermacher, die erst nach der Wende aus allen kirchlichen Funktionen herausgedrängt wurde, weil sie angeblich behauptet hatte, Pfarrer Naumann sei ein Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen. Nun hatte zwar Herr Emmermacher in einem für diese Zwecke eingerichteten Ausschuß der Stadt  eine entsprechende Aussage eines hauptamtlichen Stasimitarbeiters zitiert, wie es seine Pflicht war. Aber in die Öffentlichkeit getragen hat es jemand anders aus diesem Kreis, nämlich eine Pfarrfrau, deren Mann die Ausreisewilligen dem Beauftragten für Kirchenfragen gemeldet hatte.

Für mich selber konnte ich den Akten entnehmen, daß es zwar eine Akte über mich gab (sogenannte „Operative Personenkontrolle“), aber kein aktives Programm der Stasi gegen mich (sogenannter „Operativer Vorgang“). Das war auch gar nicht nötig, denn die Kirche selber hat diese Aufgabe ja erledigt. Ich gehörte eben zu den sieben Pfarrern im Bezirk, die als „feindlich-negativ“ angesehen wurden. Das ließ man die leitenden Leute im Dekanat immer wieder wissen. Diese Leute haben dann auch wie erwartet gehandelt.

Es ging am Ende gar nicht mehr darum, wer Recht oder Unrecht hat. Die Kirchenleitung in Eisenach betonte immer wieder, disziplinarrechtlich sei mir nichts vorzuwerfen. Aber das Verhältnis sei zerrüttet und ich möge doch bitte eine Pfarrstelle außerhalb des Dekanats annehmen. Weil man deswegen nicht vorher mit mir gesprochen hatte (wie es Vorschrift war), war das Zutrauen zu dieser Kirchenleitung zerstört. Außerdem hat mir der bald darauf als hauptamlicher Stasimitarbeiter enttarnte Oberkirichenrat Kirchner gedroht: „Wenn es in einer anderen Pfarrstelle nicht besser mit dem Staat geht, dann werden wir Sie ganz aus dem Pfarramt entfernen“! Ich habe deshalb von mir aus um Auflösung des Beamtenverhältnisses gebeten und mußte mir einen anderen Beruf an einem anderen Wohnort suchen.

Nur ein gewisser Rest an Bitterkeit bleibt: Wie aus den Jahresplänen der Stasi für 1989 her­vor­geht wollte man mich als Mitarbeiter für die Stasi werben (gerade mich!). Hätte ich mich also Anfang des Jahres 1989 an die Stasi gewandt und um Hilfe gebeten und Wohlverhalten und Mitarbeit zugesagt, ich wäre bis zur Pensionierung noch Pfarrer in Steinbach-Hallenberg geblieben. Ich bin überzeugt, auf einen Wink der Stasi hin hätte man alles abgeblasen und mir auch so wie den anderen dienstliche Westreisen zugestanden - nur die Gemeindeglieder hätten sich dann wohl etwas gewundert.